berührte mit all seinem Geize diese Fülle nie , die sie in Liebe und inniger Teilnahme über uns ausgoß . Ihre Handlungen gingen immer mit ihren Äußerungen in gleichem Schritte ; wo ihr Geist viel weiter als ihre Äußerung war , verbreitete er über diese eine helle , deutliche Allgemeinheit , so daß , indem sie das Ganze im Einzelnen äußerte , sie weder der Welt durch ihre Größe drückend , noch sich selbst ungetreu werden konnte ; und wahrlich , nur der Blick nach innen , nur ihr hohes Selbstbewußtsein konnte sie für den Druck einer rauhen Umgebung , für die harte Behandlung meines Vaters und seine ungestüme Liebe zu ihr entschädigen . Ich habe sie nie gegen ihn murren hören , und zu uns , die wir ihre Freunde waren , sprach sie nie von ihm als mit allgemeinen Worten der Achtung und Pflicht . Unsrer Mutter ging es sehr kümmerlich , sie teilte ihr kleines Taschengeld mit uns und den Armen . Mein Bruder war ihr ganz heimgefallen , mein Vater haßte ihn , indem er durch seinen allgemeinern Sinn und seinen Künstlerglauben keinen Berührungspunkt in dem engen Herzen des Kaufmanns hatte . So umfaßte die Mutter den Sohn mit doppelter Liebe , da sie ihn lieben und schützen mußte , und legte in seinem Herzen dadurch den Grund zu der wunderbaren Leidenschaftlichkeit seines Gemüts , die die Wirkung des wirklichen Lebens auf ihn so rauh und schmerzlich machte . Er verließ sie selten , saß halbe Tage zu den Füßen dieser Märtyrerin , und suchte ihren stillen Kummer , den er aus Delikatesse mit Worten nicht zu zerstreuen wagte , mit Singen , Vorlesen oder Verfertigung kleiner allegorischer Bilder zu zerstreuen . Seine Liebe ward immer heftiger in ihm , sie brannte eigentlich ohne Gegenstand und verzehrte ihn selbst ; sein ganzes Dasein war umfassend und voll Wunsch ohne Hoffnung , so daß er ewig in sich selbst zurückkehrte , und indem er an sich selbst allein immer von neuem und neuem bestimmen mußte , ward er der unbestimmteste , undeutlichste Mensch . Meine Mutter gab sich ihm ganz mit ihrem innersten Wesen aus Mitleid hin , und er verwuchs mit seinem eignen Ursprung , aus dem er sich doch hätte entfernen und sich seinen eignen , freien Raum hätte erfüllen müssen . Bald lag keine einzige Folge mehr in seinen Gedanken noch seinen Handlungen , und wer nicht sein Bruder oder seine Mutter war , mußte über den zerstückten , seltsamen Menschen trauren . Bald bemerkte die Mutter selbst diese leidenschaftliche Liebe in ihm mit Angst , und fühlte nur zu sehr , daß sie ihn ganz vernichten müsse , um sich ihm zu entwinden ; umso lieber ergriff sie die Gelegenheit , die sich ihr darbot , seiner Leidenschaft einen andern Gegenstand unterzuschieben . Sie nahm die Tochter einer Freundin zu sich , die ihre Ehre auf dem geradesten Wege der Natur verloren hatte . Die Mutter des Kindes verlor sich , und die Anverwandten hörten , daß sie gestorben sei . Cecilie wurde bis ins vierzehnte Jahr bei meiner Muhme in Ancona erzogen , dann nahm sie unsre Mutter zu sich , voll Freude , ein weibliches Wesen um sich zu haben , die Jugend , diese verlorne einzige glückliche Zeit ihres Lebens , noch einmal in einem zarten Herzen zu sehen , und sich gleichsam in diesem Spiegel nochmals unter Sonne und Liebe zu entwickeln . - Mein Vater fragte öfters bitter , wo denn das Kind herkomme ? und da meine Mutter antwortete : » Von der Unschuld und Armut « so fragte er : » Was soll aus ihr werden ? « - » Meine Tochter « , antwortete die Mutter . » So ! « sagte er bitter , » ich werde nie Ihre Kinder anerkennen , die nicht die meinigen sind , « und verließ uns . Cecilie war nun die stete Gesellschafterin Franzescos und der Mutter , die mit Freude bemerkte , wie diese beiden sich immer näher und näher kamen , und endlich sich ganz durchdrangen . Ich brachte den größten Teil des Tages in kaufmännischen Geschäften zu , und machte nebenher kleine Spekulationen zum besten Ceciliens , der ich für den Fall der Not einen heimlichen Schatz sammelte , denn ich liebte sie herzlich , und wußte , daß der Vater ihr nichts geben würde , die Mutter nicht könne und mein Bruder viel zu sehr aus ihren Augen getrunken hatte , um nur den Gedanken an Ernähren möglich werden zu lassen . Meine Mutter begünstigte Franzescos Leidenschaft auf alle Weise , um sich mit ihm selbst wieder in das Verhältnis kindlicher und mütterlicher Liebe gesetzt zu sehen , denn sie hatte sicher erfahren , daß Franzesco von dem freisten , allgemeinsten Geiste der Liebe beseelt war , und keine gefesselte Unterabteilung ihn zu beschränken vermochte . Ich sah Cecilien selten , ja es gab eine Epoche , in der ich sie sorgfältig vermied , denn ich liebte sie ; und warum soll ich es nicht gestehen , da alle diese Lieben nicht mehr sind ? Ich fand einen großen Genuß darin , meinem Bruder ein stilles Opfer mit dieser Leidenschaft zu bringen . Franzesco hatte sich der Malerkunst gewidmet , und würde es weit gebracht haben , hätte seine Schwärmerei , sein nicht ganz heitrer Blick in die Zukunft und sein durch den Umgang mit den zwei einzigen Weibern tief , aber einseitig bestimmter Umgang seiner Phantasie kühnere Bilder gereicht . Sein ganzer Stoff lag in ihm und seinem kleinen Zirkel . Er konnte nur stille , zarte und leidende Gestalten bilden , und das Höchste war so ewig über seiner Grenze ; er fühlte das innerlich , doch wußte er es nicht , und siechte , wie jede volle Seele leise hinwelkt , die von der Vollendung zurückgehalten ist . Es lag in allen seinen Bildern eine geheime Sehnsucht nach irgend einem andern Gegenstande , und es war mir oft vor ihnen , als sagten sie mit dunkeln unverständlichen Worten : » Wir sind die wahren nicht « ; sie schienen ewig zu entfliehen , um höhern Wesen die Stelle zu räumen , oder standen ängstlich da , als ständen sie nicht an der rechten Stelle . In Blumen , Stilleben hatte er es weit gebracht , und in seinen Arabesken lag sehr viel Harmonie und Musik . Cecilie , welche eine sehr geschickte Stickerin war , hatte ihn zu diesem Teile der Kunst besonders gestimmt . So lebten wir drei Jahre lang in einem zarten Wechsel von Arbeit und traulicher Erholung in unserm kleinen Zirkel , der heilige Stunden umfaßte , Stunden , die mir mit seiner Zerstörung nimmer wiederkehrten . Der traurige Zeitpunkt trat ein , in dem der innere Harm meiner Mutter ihren Körper besiegte . Sie bekam heftige Krämpfe auf der Brust . Cecilie und Franzesco verließen ihr Lager nicht , sie teilten den kostbaren Schatz ihrer letzten Augenblicke , und wenn ich einige Minuten von den Geschäften loskommen konnte , so trat ich zu ihnen , und wir alle hörten die Lehren und den Trost unsers sterbenden Glücks . Die fürchterliche Stunde kam heran , der Vater wagte es nicht , sich dem Krankenbette zu nahen , er reiste weg , ohne jemand zu hinterlassen , wohin . Vor ihrem Tode hatte jeder von uns dreien eine besondere Unterredung mit ihr . Ich war der letzte , sie starb in meinen Armen , mit den Worten : » Antonio ! du bist der stärkste , nimm dich Ceciliens und deines unglücklichen Bruders an . « Die Zerrüttung war fürchterlich unter uns ; von dem Sterbebette mußte ich auf die Schreibestube , der Vater war weg , Franzesco war in Wahnsinn verfallen , und Cecilie stumm und ohne Bewegung , nur dann und wann löste sich die Wut ihres Schmerzes in einem heftigen Schrei , der das ganze Haus durchschallte , und unter allem diesen Jammer arbeitete ich des Tags und wachte die Nacht bei den zwei Leidenden . Da Cecilie wieder etwas besser war , ließ ich sie in ein Kloster bringen , in dem eine Freundin unsrer Mutter Äbtissin war , weil sie ihren Kummer dort ruhiger zerstreuen konnte , bis ich mit meinem Vater weitere Maßregeln mit ihr ergreifen konnte . In Franzesco kehrte mit seinem Verstand auch seine Liebe zurück , und ich konnte ihn nur mit der Vorstellung über Ceciliens Abwesenheit beruhigen , daß ich sie meinem Vater und seinem Verdrusse hätte entziehen wollen . Der Vater kehrte zurück und mit ihm seine Strenge . Er billigte mein Verfahren mit Cecilien , doch wohl nicht aus der Ursache , die mich bewogen hatte . Franzesco und ich besuchten sie öfters , und unsre Zuneigung zu diesem lieben Wesen ward um so heftiger , als sie uns durch den Verlust der Mutter einziger und unentbehrlicher geworden war . Mein Vater war einst nach Tische vorzüglich guter Laune , und einige Mönche , die ihm und seinem Weine Gesellschaft leisteten , nicht minder . Er äußerte sich , er werde Cecilien eine Nonne werden lassen , und verbot uns daher für die Zukunft , sie zu besuchen , weil wir beide zu weltlich gesinnt wären . Meine Bitten rührten ihn nicht , und den schrecklichen Blick Franzescos , der in seiner Gegenwart immer stumm war , verstand er nicht . Sie ward hierauf in ein anderes Kloster gebracht , und wir konnten sie nicht mehr sehen . Franzesco hatte nun alles verloren , was ihn ans Leben fesselte , er brachte den ganzen Tag auf einsamen Spaziergängen zu , und ängstigte mich mit seinem heimlichen , stillen Betragen sehr . Eines Abends kam er in die Stube meines Vaters , seine Erscheinung war mir ungewöhnlich kräftig , er ging auf mich zu , umarmte mich heftig und trat dann vor den Vater mit den Worten : » Vater ? wo ist Cecilie ? « » Sie ist im Kloster « , erwiderte dieser unwillig , » und wird die künftige Woche eingekleidet werden . « » Sie wird nicht eingekleidet , « erwiderte Franzesco , » denn sie liebt mich und ich sie ; sie ist meine Braut , und ich werde ihr Gatte sein . « » Sie ist die Braut des Himmels , Bube ! « brach mein Vater im Zorne aus : » denke , wie du leben kannst ; reiche ich dir nicht schon zwanzig Jahre Almosen , Ketzer ! An ein Weib denke nicht , denke an Brot . « Franzesco erbebte im Innersten , fürchterlich stand er da , wie ein Mensch , der sich von der Natur losreißt , die Bande des Blutes rissen tief in seiner Seele ; ich faßte ihn in meine Arme , damit er seinem Vater nicht lästern möge , und er rief mit Wut folgende Worte : » Gerechter Himmel ! Gott und meine Mutter seien meine Zeugen , ich will mich nähren und sie , und kein Bissen mehr von deinem Tische ! Große ungeheure Schuld über mir , ich muß dir alles wiedergeben , was du mir gabst , und habe gegen meinen Vater mich empört . « Ich führte ihn nach seiner Stube , er stand starr und stumm , sein Blick wurzelte in den Boden , da floß ein Strom von bittern Tränen über seine Wangen , er umklammerte mich fest - ach ! ich wußte nicht , daß dies der letzte Rest meiner Freude war , die ich zum letztenmale umarmte . - Er bat mich , ihn allein zu lassen ; ich hörte ihn noch lange über mir mit schnellen Schritten auf und abgehen , bis ich einschlummerte . Der folgende Tag erschien , ich eilte auf seine Stube und fand ihn nicht mehr . Ein Brief lag auf dem Tische : » Antonio ! o könnte ich neben dir stehen und dich trösten ! Lebe wohl ! ich gehe zu sterben , oder fliehe mit ihr ; zeige meine Flucht nicht an , bis sie sich selbst kundtut , denn wahrlich , ich töte mich und sie , wenn man uns ergreift . Die Gewalt ist schrecklich in mir erstanden , ich habe zwei Wesen dem Schicksal entrissen , und trage sie mit Macht zu ihrem Ziel . Lebe wohl ! du Teurer , in einigen Monaten sollst du wissen , wo ich bin . Die Träne , die auf dies Blatt fällt , gehört dir und dem Grabe meiner Mutter . Lebe wohl ! « O Franzesco , sie war heiß die Träne , die du mir weintest , denn alle meine Freuden , mein ganzes Leben ist in ihr versiegt . Mein Vater erfuhr die Flucht meines Bruders , und die Entführung Ceciliens . Die Sache machte ein ungeheures Aufsehen , denn eine Nonne zu entführen , heißt ein Ehebruch im Bette des Himmels . Man setzte ihnen von allen Seiten nach , doch vergebens . Mein Vater enterbte ihn , und er ward mit Cecilien in den Kirchenbann getan . Einige Monate lang zeigte man mit Fingern auf mich , als den Bruder des Verbrechers ; von allen Kanzeln hörte ich die Namen meiner teuersten Freunde unter den schimpflichsten Benennungen ablesen , und wenn ich in die Kirche ging , um am Grabe meiner Mutter für ihre Kinder zu beten , so mußte ich erst den Bannfluch über sie an der Türe angeschlagen sehen . So sehr mir auch von jeher diese Machtsprüche der Kirche in weltlichen Dingen , und überhaupt alle grobe Versinnlichung von Dingen des tiefsten Gefühls , erbärmlich schienen , so machte es doch mechanisch den fürchterlichsten Eindruck auf mich ; so wie uns immer schaudert , wenn wir etwas Ungewöhnliches sehen , ohne daß wir deswegen an Geister zu glauben brauchen . Ich hatte nun keinen Menschen mehr , dem ich mich offenbaren konnte , und mußte dabei den ganzen Tag dem Feinde meiner verlornen Freunde gegenüber die trockensten und langweiligsten Arbeiten verrichten . Allein das Maß war noch nicht gefüllt : ich erhielt einen Brief von Franzesco ohne Datum und Ort , er war ein Bild des Wahnsinns , der Tod Ceciliens und verwirrte Ideen von Selbstmord waren die einzigen lichten Stellen . Mein Schmerz war grenzenlos , alle Hoffnung war gebrochen , ich unterlag , eine Sinnenermattung warf mich nieder , ich konnte nicht außer dem Bette sein . Bei allem dem mußte ich arbeiten , mein Vater brachte mir die Briefe ans Bette , die ich beantworten mußte . Ihn selbst schien in dieser Zeit etwas ganz eignes zu rühren . Eines Tages war ich matter als je , einige Arbeiten hatten meine letzten Kräfte erschöpft , die Gegenstände verschwanden um mich , und ich starrte träumend vor mich hin , bis ich einschlief . Da ich wieder erwachte , war es Nacht , der Mond schien in die Stube und erleuchtete eine Statue der heiligen Marie , die zu den Füßen meines Bettes in einem Glasschranke stand . Der goldne Mantel des Bildes glänzte schön , und die Glorie leuchtete wunderbar heilig um das liebliche süße Angesicht der Mutter . Ich glaubte , Cecilie stehe vor mir , ich war ganz in die Anschauung der Erscheinung zerflossen , und fühlte sie in und außer mir ; so schlummerte ich wieder ein , und auf einem seligen Traume schwebte das Bild in meinen Schlaf hinüber , und bewegte sich lebendig mit himmlischer Grazie in meinen trunknen Sinnen . Es war mir , als bräche sich des Bildes Schein in drei großen Spiegeln in mir , und Franzesco , Cecilie und die Mutter lebten in mir ; dann hörte ich eine rauhe Stimme , Pietro , mein Vater , stand vor meinem Bette , mit einem Lichte in der Hand , er sprach : » Antonio , ich verreise , in vierzehn Tagen kehre ich zurück , dann sollst du angenehmere Tage haben , jetzt arbeite fleißig . « Ich stellte ihm vor , er möge bis zu meiner Genesung bleiben . Allein dazu war er nicht zu bereden . Er befahl und reiste . Nach einigen Tagen konnte ich wieder auf sein . Der vierzehnte Tag erschien , es kamen einige Neapolitanische Offiziere zu mir und fragten nach der Signora Fiormenti . » Die ist schon längst tot « , erwiderte ich . » Nein , nach der jetzigen Gemahlin Fiormentis fragen wir ; sollte er noch nicht angekommen sein ? « - » Ich kenne sie nicht , « erwiderte ich stammelnd , und bat die Herren , mich zu verlassen . Also eine neue Mutter erwartete ich . Ich fand die Sache mit Vorteil verbunden , denn so wurde mein Vater doch beschäftiget ; und mußte nicht jedes Weib besser sein als er , schon weil sie ein Weib war ? Der Gedanke , an ihr ein Organ zu finden , durch das ich zu ihm sprechen könnte , tröstete mich . Den Mangel des Zutrauens zu mir , der in der Verheimlichung der Sache lag , war ich gewohnt , und harrte mit einiger Neugierde auf die Weiblichkeit meiner neuen Hausgenossin . Der Abend kam , mein Vater stieg aus dem Wagen , aber es war kein Weib bei ihm . Ich wagte ihn nicht zu fragen . Er ging auf seine Stube und schrieb , dann verließ er das Haus um die zehnte Stunde . Ich hüllte mich in meinen Mantel und folgte ihm . In einem entlegenen Teile der Stadt trat er in ein Haus , dessen Fenster festlich erleuchtet waren , und aus dem mir das Getümmel muntrer Gäste und der Klang fröhlicher Musik entgegenschallte . Ich stellte mich dem Hause gegenüber an eine Gartenmauer , und lauschte ängstlich auf jede weibliche Stimme , um in ihr die Stimme der Braut zu bemerken . Ich war plötzlich von einer tiefen Teilnahme für sie ergriffen , ohne sie zu kennen . Ihr Schicksal rührte mich . Als ich so stand und lauschte , ertönte die Betglocke der Nonnen hinter mir , die mich tief erschütterte ; ich hatte so oft dies Glöckchen in schlaflosen Nächten mit zärtlichen Wünschen für Cecilien gehört , es war mir eine Sprache aus untergegangenen Zeiten , die schrecklich an ein verlornes Leben mahnte . Gleich neben mir flüsterte die Laube , aus der sie sich in Franzescos Arme herabgelassen hatte , flüsterte die grüne Halle lebendig , aus der sie in ihr Grab gestiegen war . Von allen Seiten umgaben mich Bilder des Schmerzes . Ich hörte die Pappeln von dem Kirchhofe der Mutter herüberrauschen , und vor mir den hellen Jubel einer unsinnigen Verbindung . Der nächtliche Wind spielte in meinem Mantel , ich verbarg das Gesicht und weinte . Die Musik verstummte und die Gäste verließen das Haus , meinen Vater allein hatte ich nicht herausgehen sehen . Die Braut öffnete ein Fenster , und ich bemerkte an dem Schnupftuche , das sie vor die Augen hielt , und den Worten meines Vaters : » O liebe Julie , Sie weinen an dem freudigsten Tage meines Lebens ! « daß sie ebenso gestimmt war wie ich . Sie sprach wenig , aber ihre Stimme war sanft und lieblich , und ihre Worte voll tiefen Gefühls . Die Reden meines Vaters standen mit den ihrigen in einem widrigen Mißton , und in ihren Antworten lag für mich ein Stolz , der sich aus Überzeugung opfert . Sie sagte viel über das Kloster , und bat dann meinen Vater zu schweigen , damit sie dem Gesange der Nonnen zuhören könne . Dann beurlaubte sie meinen Vater , der sie mit Zärtlichkeiten überhäufte , und ich trat in einen Winkel , um ihn vorüberzulassen . Ich wollte schon eilen , um auf einem anderen Wege vor Pietro nach Hause zu kommen , als mich die Töne einer Laute zurückhielten , an die sich eine süße Stimme schloß . Es war mir , als hörte ich Cecilien singen , es war ganz ihre Stimme . Ich kehrte zurück , und es war Julie , die sang : So bricht das Herz , so muß ich ewig weinen , So tret ich wankend auf die neue Bahn , Und in dem ersten Schritte schon erscheinen Die Hoffnungen , der Lohn ein leerer Wahn . Mit Pflichten soll ich Liebe binden , Die Liebe von der Pflicht getrennt ; Und frohe Kränze soll ich winden , Die keine Blume kennt . Der erste Blick muß schon in Tränen schwimmen , Mir gegenüber steht das stille Haus , Der Orgelton schwillt bang um helle Stimmen , Die blassen Kerzen löschen einsam aus . Ihr Stimmlein kann ich nicht erlauschen , In Gottes Hand erlosch ihr Licht , Und aus der schlanken Pappeln Rauschen Die stumme Freundin spricht . Eine Menge Lichter , die sich die Straße herauf bewegten , und einzelne Töne , wie von getragenen Saiten-Instrumenten , unterbrachen dies Lied , das mich durch seine dunkeln Andeutungen tief gerührt hatte . Die Musikanten näherten sich , und ich bemerkte Pietro unter ihnen , zweifelte also nicht , daß es eine Galanterie meines Vaters gegen seine Braut sei . Der Kreis ordnete sich unter den Fenstern Juliens , die , als sie es bemerkte , das Licht ausgelöscht und die Fenster zugemacht hatte . Ich war begierig , wie mein Vater in der Musik gewählt habe , die er seiner Geliebten brachte ; aber wirklich , er übertraf alle meine Erwartung , als er nach einer rührenden Symphonie selbst eine Arie sang , und zwar : I miei pensieri , Corrieri fedeli - Ihr , meine Gedanken , Lauft eiligst , geschwind , Correte , volate E passion portate - Verehret die Dame , Die mich hat entzündt etc. Ich konnte nicht länger bleiben , ein tiefer Unmut bemeisterte sich meiner bei dem Gesange Pietros , und ich ging mit dem Gedanken nach Hause , daß der Verbindung der Liebe und des Alters keine Grazie beiwohne . Den folgenden Mittag war bei Tische der Platz meiner verstorbenen Mutter wieder besetzt , und mit einem , wo nicht so feinen , doch ebenso freundlichen Wesen . Mein Vater war heftig fröhlich und zärtlich , Julie in einer wehmütigen Verlegenheit , und da ich einmal ihren Blick überraschte , der lange auf mir verweilt zu haben schien , überflog eine sanfte Röte ihr Gesicht und drang eine Träne in ihr Auge . Ich dankte dem Himmel , daß sie in die Familie getreten war , die seit dem Verluste Ceciliens und Franzescos einer Einöde glich . So wandelte doch wieder ein sanftes , weibliches Bild wie ein guter Geist durch das stille Haus , das sonst einen ganzen Himmel umfaßt hatte ; so konnte sich mein innerer Kummer doch wieder in der schönen Entsagung einer Mitleidenden erheben . Ich ging öfters durch alle Gänge des Hauses , nur um sie zu finden , und so oft sie mir begegnete , überraschte sie mich mit einem süßen Schrecken , Cecilie oder die Mutter schien mir entgegenzukommen ; durch ihre Schritte über die gewohnten Wege dieser Verlornen , indem sie die häuslichen Verrichtungen besorgte , erhielt sie über mich die Macht der sinnlichsten Erinnerung . Wenn wir uns begegneten , schienen wir beide verlegen , und dennoch schienen wir uns zu suchen . Ich saß nachmittags in meiner Stube , und in dem Augenblicke , daß ich die Worte in mein Tagebuch schrieb : » Meine Stiefmutter ist ein gutes , sanftes Weib , das Leben hat mir durch ihre Nähe einen neuen Reiz erhalten , sie erweckt die schönste Zeit meines Lebens , indem sie wie ein guter Geist auf den Wegen geht , die einst Cecilie und die Mutter gingen « , pochte es leise an der Türe , und Julie trat zu mir herein . Sie bat mich , ihren Besuch zu entschuldigen , und er schien ihr eine kleine Überwindung gekostet zu haben ; sie setzte sich zu mir auf das Sopha und redete mich mit schüchterner Stimme an : » Signor Antonio , wir wohnen unter einem Dache und , ich glaube , uns näher , als es scheint . Ich habe schon lange auf den Zufall gehofft , der uns bewegen könnte , uns diese Nähe zu erklären ; ich habe nicht länger darauf warten können , umso mehr , da ich bemerkte , daß Sie mir wohlwollen , und daß es nur der Zufall ist , der uns bis jetzt von einander entfernt hielt . « - » Signora , « erwiderte ich , » Sie sind gütig , und es tut mir wohl , daß Sie den Schritt tun , den ich allein verzögerte , weil ich Ihre Gesinnungen gegen mich nicht kannte . « - Hier schwieg sie , ihr Blick verweilte mit Rührung auf dem Gemälde meiner Mutter . Es war allein in meiner Stube , denn Pietro hatte es seit seiner zweiten Verbindung aus allen Gemächern , in die er treten konnte , verbannt . Es schien ein tiefer Schmerz in ihr zu erwachen , und helle Tränen traten in ihre glänzenden Augen . » Kannten Sie dies Weib ? « sprach ich ernst . » O , ich kannte sie , ich liebte sie , sie war meine Freundin , meine Wohltäterin « , erwiderte sie in einer schönen Leidenschaftlichkeit des Schmerzes . Ich staunte , und sah gespannt einer Auflösung von vielen Rätseln und Ahndungen entgegen . » Sie sind ihr Sohn , « fuhr sie fort , » und mein Freund in dem Grade , als wir uns gegenseitig in der Liebe zu Ihrer Mutter begegnen . « Hier reichte sie mir ihre Hand mit unendlicher Anmut , und ich erkannte in ihrer Würde die Freundin meiner Mutter . » Signora ! « erwiderte ich , » Sie sind die Freundin dieses Weibes gewesen , Sie haben die Stelle gekannt , auf der jene untergegangen ist , und konnten die nämliche Stelle betreten ; wissen Sie , was Sie taten ? « » Es war mein Wille , « sprach sie stark , aber ihre Stimme sank bei den Worten , » da zu leben , da unterzugehen , wo meine Cecilie , meine Tochter - « » Cecilie Ihre Tochter « - rief ich aus , und lag in ihren Armen - » so sind Sie dann auch meine Mutter ! « Sie zog sich zurück und sprach ruhig : » Fassen Sie sich ; ja , ich bin Ceciliens Mutter , ich will Ihnen alles erklären . « - Verzeihen Sie , wenn ich hier meiner Stiefmutter etwas in die Rede falle , um Sie um Ihre Verzeihung zu bitten , daß mich die Freude meines wiedergefundenen Bruders so gesprächig macht . Es ist eine innerliche Gewalt , die mich zwingt , Ihnen alles zu erzählen ; es ist mir , als hätten Sie mich gefragt , als wären Sie ein Glied meiner Familie , das , ganz von ihr getrennt , jetzt erst von ihrer Geschichte unterrichtet werden müßte . Sie müssen es auch dem Nationalcharakter des Italieners zugute halten , den die Freude allein aufschließen kann . - Sie werden meinem Bruder dann und wann wie ein Arzt etwas von diesen Begebenheiten hinreichen , um ihn zu der großen Überraschung vorzubereiten , die ihn erwartet . Ich kehre nun zu meiner Geschichte zurück . Julie sprach mit ruhiger , gelassener Stimme : » Ja , Cecilie ist meine Tochter , ihr Vater war mein Gatte nicht , sie hatte einen kühnen Schritt getan , auf die Welt zu treten , auf der sie nur das beleidigte Gesetz erwartete . Meine Eltern lebten nicht mehr ; der Mann , der mich zur Mutter gemacht hatte , wurde von meinen Verwandten ermordet ; ich , eine arme Waise , ward einer Waise Mutter . Ich hatte nichts als meine Schande , und wäre gewiß dem Hohne und der Rachsucht meiner Verwandten ein Opfer geworden , wie sie auch noch bis jetzt glauben , hätte Ihre Mutter , die meine Milchschwester und lange Zeit meine Gespielin war , nicht mich und mein armes Kind gerettet . Den täglichen Kränkungen meiner Verwandten ausgesetzt , konnte ich es nicht länger ertragen , mein Kind , das Einzige , was ich auf Erden hatte , mit Verachtung behandeln zu sehen , und ich entschloß mich daher , eher mit ihm zu verhungern , ja lieber zu betteln , als länger in dem Hause einer alten Muhme zu bleiben , bei der ich lebte , und mit der niedrigsten Arbeit ein Leben voll Undank und Spott verdiente . Eine alte Frau , die meine Amme gewesen war , die mich sehr liebte und mir bei der Geburt der unglücklichen Cecilie beigestanden hatte , machte mir den Vorschlag , zu ihr in ihre kleine Hütte zu ziehen , das Leben wollten wir schon gewinnen , meinte sie . Der Vorschlag wurde gerne von mir angenommen , ich gab der Alten mein weniges Eigentum einzeln hin , und sie schaffte es nach und nach weg , und endlich verließ ich nachts mit Cecilien auf dem Arm das Haus selbst , in dem ich alles verloren hatte . Nimmer vergesse ich die stille Mitternacht , in der ich wie eine Geächtete durch die breiten Straßen Roms , wie das Gespenst meiner gestorbenen Ehre hinschlich . Die Welt war um mich verwandelt , die Häuser , an denen ich sonst so unbefangen am hellen Mittage vorübergegangen war , rückten wie schwarze Kerkerwände gegen mich ; die Bildsäulen standen kalt und streng vor mir , und sahen beleidigt auf mich herab , mein Herz bebte , Cecilie schlief in meinem Arme . Als ich an die Peterskirche kam , riß es mich unwillkürlich auf die Knie nieder , ich kniete auf den Stufen des Eingangs und betete für mein Kind . Über diese Stufen war ich zwei Jahre vorher in einer Reihe unschuldiger Mädchen , mit Blumen gekrönt , zum