Aristipp , wie ich zur Entdeckung dieses unsichtbaren und unaussprechlichen Liebeshandels gekommen sey ? Wisse also , mein Freund , daß der arme Kleombrotus , wie er , nach seiner Abreise mit dir , die bisherigen einzigen Vermittler seines geheimen Verständnisses nicht länger gebrauchen konnte , sich endlich durch die höchste Noth gezwungen sah , zu dem gemeinen Hülfsmittel zu schreiten , dessen wir andern gewöhnlichen Menschenkinder uns in solchen Fällen zu bedienen pflegen . Kurz , die kleine Musarion erhielt nach und nach einige große Briefe von ihm , die du lesenswürdig finden würdest , wenn ich Zeit , oder ( aufrichtig zu seyn ) Dienstgeflissenheit genug gehabt hätte , sie für dich abzuschreiben . Zufälligerweise fand ich diesen Morgen , da das Mädchen eben anderswo beschäftiget war , ihr Schmuckkästchen , worin sie diesen Schatz verwahrte , unverschlossen ; und so erfuhr ich denn mehr als die gute Seele glaubt daß ich wisse ; denn ich schlich mich unbemerkt wieder fort , und bin entschlossen , mir nicht das Geringste von der gemachten Entdeckung gegen sie merken zu lassen . Wenn du es mit dem begeisterten Kleombrotus eben so halten wirst , so können wir uns von dem Fortgang und der Entknotigung dieses sublimen Liebeshandels noch manche Kurzweil versprechen . 32. An Lais . Ich werde mich künftig wohl hüten den Kunstrichter zu machen , wenn ich mit dir von dem Werk eines großen Meisters spreche . Ganz gewiß hast du die Idee des Parrhasius auf den ersten Blick richtig gefaßt , und ich begreife jetzt selbst nicht , wie ich dem Ansehen eines vorgeblichen Kenners , an dessen Seite ich den sogenannten Demos Athenäôn sah , mehr glauben konnte als dem Zeugniß meiner eignen Augen , die mir eben dasselbe sagten was du . So kann uns die löbliche Tugend der Bescheidenheit - oder die Untugend des Mißtrauens in uns selbst zuweilen irre führen ! Kleombrotus hat sein Geheimniß besser in seinem Busen verwahrt als Musarion seine Briefe in ihrem Schmuckköstchen . Ich merkte zwar , daß seine Phantasie während unsrer ganzen Reise sehr hoch hinaufgeschraubt war ; aber geschraubt war sie auch vorher gewesen , und was etwa das Mehr austragen mochte , setzte ich , den Regeln der Wahrscheinlichkeit gemäß , auf deine Rechnung . Denn wie konnt ' ich mir einbilden , daß ein solcher Schwärmer die schöne Lais ungestraft hätte sehen können ? Daß nur ein Schwärmer wie er es könne , fiel mir nicht ein - und ist doch so wahr ! Desto besser für ihn daß er es konnte ! Bei dir würde er schwerlich so wohl gefahren seyn als bei der kleinen Musarion , und sie schickt sich freilich besser dazu , seiner phantastischen Art zu lieben ( die er dem jungen Plato , einem noch größern Schwärmer als er selbst , abgelernt hat ) zum Zunder zu dienen als du . Da es ihm nun einmal angethan ist daß er sich nur in Seelen verlieben kann , so hätte ihm nichts Glücklicheres begegnen können , als so von ungefähr auf das sanfte Seelchen eines so ganz aus Lilienglanz und Rosenduft zusammengehauchten und von Amors zärtlichstem Seufzer beseelten Mädchens zu stoßen ; und ich freue mich für sie und uns , daß du geneigt bist , sie unter dem Schleier ihrer vermeinten Unsichtbarkeit ihr Wesen so lange forttreiben zu lassen , bis etwa Natur oder Zufall dem empfindsamen Kinderspiel ein Ende macht . Meine Bekanntschaft oder Freundschaft , wenn du willst , mit dem verführerischen Hippias steht noch in vollem Wachsthum . Wir sehen uns beinahe täglich , und scheinen einander immer mehr Geschmack abzugewinnen . Es fehlt zwar viel , daß seine Philosophie auch die meinige sey . Sie geht nicht weiter als auf Lebensklugheit ; dein Freund Aristipp hingegen ( rümpfe deine schöne Nase nicht gar zu spöttisch , Laiska ! ) hat es dem Sohne des Sophroniskus zu danken , daß er sich kein geringeres Ziel als Lebensweisheit vorgesteckt hat . Zwar ist nicht zu läugnen , daß Hippias mit seiner Aufgabe bereits im Reinen ist , während ich noch ungewiß bin , ob ich jemals mit Auflösung der meinigen zu Stande kommen werde : aber dafür wirst du mir zugeben , daß die seinige auch bei weitem nicht so schwer und verwickelt ist . Uebrigens , den einzigen Punkt , worin wir nie zusammentreffen werden , ausgenommen , haben wir eine unendliche Menge Berührungspunkte , und ich finde wirklich alles in ihm beisammen , was man sich an einem angenehmen , beinahe zu allem brauchbaren Gesellschafter wünschen kann . Bis jetzt ist mir noch niemand vorgekommen , der vielseitiger und mannichfaltiger , freier von Vorurtheilen , behender in richtiger Auffassung fremder Gedanken und Meinungen , und weniger schwerfällig in Behauptung seiner eignen wäre als Hippias . Ueberdieß besitzt er eine unendliche Menge von Kenntnissen und Geschicklichkeiten aller Art , und ich bin noch nie in seiner Gesellschaft gewesen , ohne irgend etwas Wissenswürdiges oder Brauchbares von ihm gehört oder gelernt zu haben . Aber freilich interessirt mich auch beinahe alles in der Welt , und es gibt schwerlich ein so brodloses Künstchen , das ich nicht zu lernen versucht würde , wenn es irgends ohne großen Zeitaufwand und gleichsam im Vorbeigeben zu lernen ist . Sage indessen meiner edeln Base Anaximandra , sie würde mir großes Unrecht thun , wenn sie glaubte , Sokrates werde nun gerade so viel bei mir verlieren als Hippias gewinne . Meiner Sinnesart nach kann dieß nie der Fall seyn ; und wenn sich auch meine anfangs vielleicht allzuhohe Meinung von dem Athenischen Weisen um etwas herabgestimmt haben sollte , so hat wenigstens der Sophist von Elea nicht die geringste Schuld daran . Da ich einmal auf diesen Punkt gekommen bin , liebe Laiska , so will ich mich so aufrichtig gegen dich erklären , als ob ich , als bloßer Zeuge dessen , was ich von der Sache weiß , vor deinem Richterstuhl stände . Ich werde nie aufhören den Sokrates zu ehren und mit Dankbarkeit zu erkennen , daß ich in seinem Umgang besser geworden bin . Auch kann ich dir , wenn du es begehrst , ziemlich genau sagen , worin , wodurch und wiefern ich mich durch ihn gebessert finde . Wenigstens glaube ich , daß ich ohne ihn nie zu dem Ideal der sittlichen Form meiner Natur gekommen wäre , dessen Ausbildung und Darstellung im Leben immer mein angelegenstes Geschäft seyn wird . Freilich würde mir Hippias sagen , diese Form wäre auch ohne Hülfe des Sokrates in mir entwickelt worden , so gut als die Kinder , denen seine Mutter zur Geburt verhalf , vermuthlich auch ohne sie in die Welt gekommen wären . Das könnte vielleicht seyn , es kann aber auch nicht seyn ; ich streite nicht gern über Dinge die sich nicht aufs Reine bringen lassen : genug , ich hasse eine Vorstellungsart , die mir ein so humanes und angenehmes Gefühl , als die Dankbarkeit ist , raubt , wiewohl Sokrates selbst , durch den edeln Eigensinn , alles was er zu geben hat unentgeltlich zu geben , es mir unmöglich macht , sie ihm beweisen zu können . Aber auch ohne Rücksicht auf das , was ich ihm in diesen vier Jahren schuldig geworden bin , habe ich ihn in so langer Zeit hinlänglich kennen gelernt , um mit Ueberzeugung zu sagen , ich kenne keinen weisern und bessern Mann als ihn ; und wenn ich noch dreimal so lange mit ihm lebte , was könnt ' ich mehr sagen ? Wozu also sollt ' ich noch immerfort wie sein Schatten hinter oder neben ihm her gleiten ? Warum nicht auch andere merkwürdige Menschen aufsuchen , oder wenn sie mir von ungefähr begegnen , mich eine Zeit lang zu ihnen halten , um zu sehen , ob ich nicht auch durch diese besser werden kann ? Denn , - da ich nun einmal im Bekennen bin , warum sollt ' ich nicht auch dieß gestehen , da es die bloße reine Wahrheit ist ? - Sokrates ist für mich ein Buch , das ich schon lange auswendig weiß , eine Musik , die ich tausendmal gehört , eine Bildsäule , die ich tausendmal von allen Seiten betrachtet habe . Seit vier Jahren höre und sehe ich alle Tage ungefähr eben dasselbe bei ihm ; und wiewohl ich ihn damit nicht getadelt haben will , so mag doch , dächte ich , ein für so vielerlei Schönes und Gutes empfänglicher , und ( mit deiner Erlaubniß ) » das Vergnügen , wo nicht mehr als einem emporstrebenden Jüngling geziemt , « doch gewiß nicht weniger , liebender junger Mann zu entschuldigen seyn , wenn er es endlich müde wird , Tag vor Tag zu hören , an jedem Abend sich mit der Erinnerung , nichts anders den ganzen Tag über gehört zu haben , niederzulegen , und am folgenden Morgen mit der Gewißheit aufzustehen , daß er auch heute nichts anders hören werde , als » daß ein braver Mann seinem Vaterlande , seinen Freunden und seinem Hauswesen nützlich seyn , den Feinden hingegen allen möglichen Schaden zufügen , und um dieses und jenes besser zu können , immer mäßig , nüchtern und enthaltsam seyn , die Wollust fliehen , Hunger und Durst , Frost und Hitze leicht ertragen , keine Arbeit scheuen , keinen Schmerz achten , und aller Aphrodisischen Anfechtungen110 , damit sie sich ja nicht etwa auf einen einzigen liebreizenden Gegenstand werfen möchten , durch den ersten besten Ableiter aufs schleunigste loszuwerden suchen müsse . « - Diese ( unter uns gesagt ) aus einem etwas groben Faden gewebte Moral , deren Theorie man in einer Stunde weg hat , und bei welcher alles bloß auf einen derben Vorsatz und lange Uebung ankommt , mag zum Hausgebrauch eines Attischen Bürgers , zumal wenn er von zwei oder drei Obolen des Tags leben muß , eben so zureichend seyn , als sie unstreitig nach Zeit und Ort und Erforderniß der vorhabenden Sache , auch jedem andern Biedermann zuträglich ist : aber ein ehrlicher Weltbürger , der sich darauf einrichten will , überall zu Hause zu seyn , und , seinem eigenthümlichen Charakter unbeschadet , in alle Lagen zu passen , und mit allen Menschen zu leben , langt damit nicht aus , und muß noch ein ziemliches Theil mehr wissen und können , um seine Rolle gut zu spielen , und , wofern er es auch andern Leuten , ohne seine Schuld , nicht immer recht machen kann , wenigstens so selten als möglich sich selbst sagen zu müssen : das hättest du besser , klüger oder schicklicher machen können . Ueberdieß sehe ich nicht , warum ein Mann , dem seine Umstände erlauben , über das Unentbehrliche in Nahrung , Kleidung , Wohnung und andern zum menschlichen Leben gehörigen Dingen , hinauszugehen , gerade nur seine Philosophie auf die bloße Nothdurft einschränken müßte . Das Menschengeschlecht ist zu ewigem Fortschreiten , der einzelne Mensch zu möglichster Ausbildung seiner selbst , in der Welt . Dieß sagt mir mein Dämonion , und ich glaube ihm wenigstens eben so sicher folgen zu können , als Sokrates dem seinigen . Uebrigens steht , meines Bedünkens , dem Meister selbst manches wohl an , und verdient sogar alle Achtung , was an seinen Nachahmern nicht die nämliche Grazie hat ; zumal wenn sie der Sache nie zu viel thun zu können glauben , und noch sokratischer seyn wollen als Sokrates selbst . Unter allen treibt es keiner weiter als Antisthenes ; denn gegen ihn ist Sokrates ein Stutzer . Seitdem ich mir die Freiheit nahm in meine gewohnte Lebensweise zurückzutreten , schien er ( vermuthlich um mich durch den Abstich desto ärger zu beschämen ) von der Sokratischen Schlichtheit bis zum schmutzigen Costume der königlichen Bettler in den Tragödien des Euripides111 herabsteigen zu wollen . Dieß machte ihn eben nicht zum angenehmsten Nachbar ; indessen wußte ich mir mit einem sehr einfachen Mittel zu helfen , und verbannte mich aus seiner Atmosphäre so weit ich konnte . Nun ward er , kraft der Vorrechte die ihm unsre ehmalige Vertraulichkeit gab , zudringlich , und weil die Gelegenheiten uns öffentlich zu sehen immer seltner wurden , suchte er mich sogar in meinem Hause auf , um mich mit dem ziemlich grobkörnigen Attischen , oder vielmehr Piräischen Salze112 seiner Sarkasmen tüchtig durchzureiben . Da dieß nicht anschlagen wollte , und er immer nur lachende Antworten von mir erhielt , kehrte er zuletzt die rauche Seite heraus , und machte mir ernsthafte und bittere Vorwürfe , als ob ich der Sokratischen Gesellschaft durch meine Lebensweise und Sybaritischen Sitten ( wie er zu sagen beliebte ) Schande machte . Einsmals kam er dazu , da ich eben für ein rothes Rebhuhn funfzig Drachmen bezahlt hatte , d.i. ungefähr so viel als er selbst in einem halben Jahre zu verzehren hat , und in der That etwas viel für ein Rebhuhn . - Schämst du dich nicht , schnarchte er mich in Gegenwart vieler Leute mit dem Ton und der Miene eines ergrimmten Pädotriben an , du , der für einen Freund des Sokrates angesehen seyn will , eine so große Summe für einen wenig Augenblicke dauernden Kitzel deines Gaumens auszugeben ? Ich merkte leicht daß er mich reizen wollte , um dem Volke , das in solchen Fällen immer Partei gegen den Fremden nimmt , eine Scene auf meine Kosten zu geben . Würdest du , sagte ich mit größter Gelassenheit , das Rebhuhn nicht selbst gekauft haben , wenn es nur einen Obolus kostete ? Das ist ganz ein anders , versetzte er . » Keineswegs , Anthisthenes ; mir sind funfzig Drachmen nicht mehr als dir ein Obolus . « - Die Zuhörer lachten ; ich ging davon , und seitdem sahen wir uns nicht wieder . Ich erzähle dir diese kleine Anekdote , schöne Lais , um dir einen deiner angenehmen Athenischen Tischfreunde wieder ins Gedächtniß zu rufen , und damit du dich nicht zu sehr verwunderst , wenn du etwa hören solltest , Aristipp von Cyrene und Sokrates seyen auf immer mit einander zerfallen , weil besagter Aristipp seinem Lehrer funfzig Drachmen , um welche dieser ihn angesprochen , rund abgeschlagen , und doch zu gleicher Zeit fünfhundert um ein rothes Rebhuhn ausgegeben habe . Hippias gedenkt in kurzem eine Reise nach Syrakus zu unternehmen , und macht mir den Antrag ihn dahin zu begleiten . Außerdem , daß ich eben nicht weiß was mich in Athen zurückhalten sollte , habe ich große Lust das Land zu sehen , wo meine Freundin Lais geboren wurde , und , was mir noch angelegner ist , bei dieser Gelegenheit vielleicht sie selbst in Korinth wiederzusehen . Der Antrag wird also vermuthlich angenommen werden . 33. Lais an Aristipp . Wiewohl ich nie so übel von meinem Freund Aristipp denken werde , um zu besorgen , daß er sich jemals ungerecht und undankbar gegen einen Sokrates zu zeigen fähig sey , so dünkt es mich doch hohe Zeit , daß du , mit oder ohne Hippias , je eher je lieber - nach Syrakus reisest . Vielleicht irre ich mich , aber ich glaube wirklich in deinem letzten Briefe hier und da Spuren von dem Einfluß , den dein neuer Freund auf deine Vorstellungsart gewinnt , wahrzunehmen . Die Anekdote hat mir den kleinen Triumph , den meine Reize zu Athen über die Runzeln des finstern Antisthenes erhielten , nicht ohne gerechten Stolz wieder ins Gedächtniß gebracht . Uebrigens , wie wenig Amönität der gute Mann auch in den Ton seines Tadels gelegt hat , kann ich ihm doch in der Hauptsache nicht ganz Unrecht geben ; und ich möchte dir wohl selbst rathen , wofern funfzig Drachmen der gewöhnliche Preis der rothen Rebhühner zu Athen sind , deinen Tisch nicht allzu oft mit einem so theuern Leckerbissen besetzen zu lassen . Denn , wenn dein übriger Aufwand mit diesem einzelnen Artikel in gehörigem Verhältniß stehen sollte , so möchten wohl die Einkünfte einer Persischen Satrapie nicht zureichen , deine Wirthschaft im Gange zu erhalten . Da ich schwerlich hoffen darf , dich in der nächsten Rosenzeit zu Aegina zu sehen , so ist es desto freundlicher von dir wenn du mich im Vorbeigehen durch einen Besuch in Korinth entschädigest . Ich denke nicht , daß Hippias zu viel dabei seyn wird , wiewohl ich dir für die Folgen der Erneuerung einer fünf Jahre unterbrochnen Bekanntschaft mit einem so liebenswürdigen Manne , wie du ihn beschreibst , nicht stehen will . Ueberlege also wohl , wie viel du etwa zu wagen gesonnen bist ; und vergiß auch nicht mit in den Anschlag zu bringen , daß meine eigenen Reizungen ( wie mich glaubwürdige Personen versichern ) noch immer in täglichem Zunehmen sind . Wir Schönen haben , wie du weißt , zuweilen gar wunderliche Launen . 34. Aristipp an Lais . Die gute Gesellschaft , die man gewöhnlich bei Hippias findet , hat sich seit kurzem um eine sehr interessante Person vermehrt . Sie nennt sich Timandra113 , und war die Gesellschafterin und Geliebte des schönen Alcibiades , in der letzten Zeit des herumirrenden Lebens dieses berüchtigten Abenteurers . Da ich so glücklich bin , eine Dame zu kennen , neben welcher jede andere erröthen würde , wenn man sie schön nennen wollte , so sage ich bloß , daß diese Timandra eine der liebenswürdigsten Personen ist , die ich noch gesehen habe ; und was sie in meinen Augen auch achtungswürdig macht , ist die Anhänglichkeit und Treue , mit welcher sie jenem im Guten und im Bösen unübertrefflichen Manne , auch im Unglück und bis in seinen Tod zugethan blieb . Die unaffectirte Wärme , womit sie noch jetzt von ihm spricht , scheint die Aufrichtigkeit der Trauer zu bestätigen , worin sie etliche Jahre nach seinem Tode in einsamer Verborgenheit zugebracht haben soll . Nun hat sie sich mit dem , was sie aus den Trümmern der unermeßlichen Reichthümer ihres unglücklichen Freundes retten konnte , nach Athen begeben , wo sie sehr eingezogen lebt , und nur mit vieler Mühe vermocht werden kann , zuweilen in einer ausgesuchten kleinen Gesellschaft die Tafel des Hippias zu zieren ; der ( wenn ich dir ' s nicht schon gesagt habe ) in seinen Talenten und in seiner Gewandtheit Mittel gefunden hat , sich zu einem der reichsten Sophisten in der ganzen Hellas zu machen , so wie er , mit deiner Erlaubniß , einer der ersten Virtuosen in der Kunst gut zu essen ist . Er hat der schönen Timandra Anträge gethan , die in ihrer Lage kaum zu verwerfen wären , wenn Hippias auch weniger von allem dem besäße , was sie über den Verlust eines Alcibiades trösten kann . Noch scheint sie unentschlossen ; doch zweifle ich nicht , daß sie sich überreden lassen wird , uns auf der Reise nach Syrakus Gesellschaft zu leisten . Du siehst also , liebe Laiska , falls du etwa einen kleinen Anschlag auf meinen Reisegefährten gemacht haben solltest , daß du eine Rivalin zu bekämpfen haben wirst , die sich dermalen , wo nicht seines Herzens ( und rathe warum ? ) doch gewiß seines Geschmacks und seiner Phantasie gänzlich bemächtigt zu haben scheint . Kleombrotus dauert mich . Er hat , als er hörte daß wir nach Korinth gehen würden , alles versucht , um von der Gesellschaft zu seyn : aber Hippias der mit einer natürlichen Antipathie gegen alle Arten der Schwärmerei und Schwärmer geboren ist , konnte nicht bewogen werden , seine Einwilligung dazu zu geben . Die Noth des armen Jungen stieg endlich so hoch , daß ich , wenn wir allein waren , sein Geheimniß schon mehr als Einmal , unter dem heftigsten Grimmen und Würgen , sich schon ganz nah an seine Lippen hinauf arbeiten sah ; aber immer hatte er doch Stärke genug es mit Gewalt wieder hinunterzudrücken . Da ich ihm nun geholfen wissen möchte , so sann ich lange auf Mittel und Wege , bis mir endlich einfiel , ihn mit meinem edeln Freund Eurybates bekannt zu machen . Eurybates ist ein leidenschaftlicher Liebhaber der Dichter und der Kunst ihre Werke gut zu lesen ; und Kleombrotus , außerdem daß er selbst Dithyramben von der ersten Stärke macht , declamirt so vortrefflich , daß er es beinahe mit dem großen Rhapsodisten Ion114 aufnehmen könnte . Diese Talente haben ihn bereits in so hohe Gunst bei Eurybates gesetzt , daß ich gewiß bin , er wird ihn künftigen Frühling mit nach Aegina nehmen , und die beiden liebenden Seelchen werden sich dort unter deinem Schutze , wieder - nach Herzenslust anschauen , durchdringen , und in Eine hermaphroditische Seele zusammenfließen können . Kleombrotus ist von seinem neuen Freunde ganz bezaubert . - Ich bedaure nur , sagte ich diesen Morgen mit der arglosesten Miene zu ihm , daß ihr euch so bald wieder werdet trennen müssen ; denn Eurybates wird den Frühling in Aegina zubringen . - Was thut das ? versetzte Kleombrotus ; warum sollt ' ich ihn nicht nach Aegina begleiten können ? - Das ist wahr , erwiederte ich , wenn dich deine Anhänglichkeit an Sokrates und Plato nicht zurückhält . - Du siehst , Laiska , ich wollte mir nur eine kleine Kurzweil mit dem verschwiegenen Liebhaber machen ; aber meine letzten Worte verdarben alles . Sie fielen ihm so stark auf die Brust , daß er plötzlich den Kopf hängen ließ , und mit einem tiefen Seufzer traurig fortschneckte . Ich bin gewiß , es wird ihm harte Kämpfe kosten bis ihn die Leidenschaft überzeugt haben wird , daß , in der Nothwendigkeit zwischen beiden zu wählen , Musarion doch den Vorzug haben müsse . Hippias hat endlich über die Bedenklichkeiten der schönen Wittwe des Alcibiades gesiegt , und unsre Abreise ist auf einen der nächsten Tage angesetzt . Wenn uns der Gott der Winde nicht zuwider ist , hoffe ich noch vor dem Eintritt des nächsten Vollmonds , zur Feier unsrer ersten Zusammenkunft in Korinth , den Grazien mit dir zu opfern . 35. An Ebendieselbe . Ist es wahr , meine Laiska , daß ich dich gesehen , drei Göttertage mit dir gelebt , unsern ewigen , am Altar der Freundschaft zu Aegina beschwornen Bund erneuert , und den Sokratischen Grazien und dem Götter und Menschen Herrscher Amor in deinem eigenen Tempel zu Korinth geopfert habe ? Wie die Stunden in einem schönen Traum , einem einzigen langen untheilbaren Augenblick ähnlich , schwanden sie vorüber , diese Wonnetage ; aber noch immer meinem innersten Sinne gegenwärtig , auch in der geistigen Gestalt der bloßen Erinnerung , löschen sie alles aus , was sich mir als gegenwärtig darstellen will : alles Wirkliche scheint mir Traum ; ich sehe nur dich , höre nur den Sirenenton deiner süßen Rede , sauge den allmächtigen Geist der Liebe aus deinen Lippen , und fühle deinen göttlichen Busen auf meinem Herzen wallen . Schon bin ich drei volle Tage ( sagen die Leute ) in Syrakus , in der größten , prächtigsten , schönsten Stadt des ganzen Erdbodens : und wenn du mich fragtest , wo der weltberühmte Tempel der Tyche stehe , und ob er auf Dorischen oder Ionischen Säulen ruhe , so wüßt ' ich dir nicht zu antworten . Lais , Lais ! Was hast du aus mir gemacht ? aus mir , der sich auf die Kälte seines Kopfs so viel zu gute that ? O du , mächtiger als Circe und Medea , gib mir meine Sinne wieder ! Löse den Zauber , den du auf mich geworfen hast ! Was wolltest du mit einem Wahnsinnigen anfangen ? - Wunderbar , daß ich deine Gegenwart mit ihrer ganzen Allgewalt ertragen konnte , und entfernt von dir der bloßen Erinnerung unterliege ! Beinahe möcht ' ich mit dir hadern , daß du so unendlich liebenswürdig bist . - Ich rede im Fieber , Liebe , nicht wahr ? - Es ist hohe Zeit daß ich aufhöre . 36. Lais an Aristipp . Welcher ungnädigen Nymphe bist du zur Unzeit in den Weg gekommen , Aristipp ? Wüßte ich nicht , wie wenig das war , das dich in so wunderbare Seelenzuckungen zu setzen scheint , und daß ein Löffel voll Wein , sey es auch vom besten Cyprier , niemanden berauschen kann , du hättest mich beinahe glauben gemacht , es sey dein Ernst . Aber vermuthlich wolltest du nur einen kleinen Versuch machen , wie weit du es in der Manier des jungen Kleombrotus bringen könntest . Ich würde dich beklagen , wenn du wirklich so wenig ertragen könntest als du vorgibst . Gut indessen , daß du mich gewarnt hast . Ich werde mir ' s gesagt seyn lassen , und mich wohl hüten , dich glücklicher zu machen als dir zuträglich ist . Wenn ein Tröpfchen Nektar in einem Becher voll Wasser dir schon so stark zu Kopfe steigt , was für Unheil würde eine ganze Trinkschale unvermischten Göttertranks in deinem Gehirn anrichten ? Ernstlich zu reden , lieber Aristipp , muß ich fast vermuthen , daß du mich über die kleinen Untreuen , wozu dich die schöne Timandra , vielleicht ohne Absicht und Wissen , verleitet , sicher machen willst . Wenn das deine Meinung wäre , mein Freund , so hättest du das unrechte Mittel ergriffen . Bleibe , wenn ich dir rathen darf , in deinem gewöhnlichen Ton , und verlass ' dich wegen des Uebrigen auf mich . Ich weiß wie viel man euch zu gut halten muß , und bei mir bist du vor den zwei häßlichsten Weiblichkeiten , der Eifersucht und der Rachlust , sicher . Ich werde immer ehrlich und aufrichtig mit dir verfahren , aber ich erwarte auch das Nämliche von dir . Syrakus , sagt man , hat die schönsten Weiber in ganz Griechenland . Findest du es wirklich so ? Sage mir gelegentlich ein Wort hierüber , und melde mir zugleich , wie meine neue Freundin mit ihrem sophistischen Liebhaber , oder wie man es nennen muß , haushält ? Etwas Kunst wird sie nöthig haben , wenn sie so viel Gewalt über ihn behalten will , als schlechterdings nöthig ist , wenn ein Mann sich glücklich durch uns fühlen soll . Doch sie ist in einer guten Schule gewesen , und die ehemalige Geliebte des Alcibiades kann des Raths einer Anfängerin nicht bedürfen . Wenn ich sie recht gesehen habe , so ist viel feiner Sinn , um nicht Schlauheit zu sagen , unter der naiven Einfalt versteckt , die ihr eine so eigene Anmuth gibt , und desto sichrer wirkt , weil sie mit Geist und Güte des Herzens verbunden ist . Sie ist wirklich ein liebenswürdiges Weib , und ich erlaube dir , ihr so gut zu seyn als dein Freund Hippias es gerne sehen mag . 37. Aristipp an Lais . Ich glaube wirklich , daß ich dir jüngst in einer Art von Fieber geschrieben habe , Laiska . Was ich schrieb mögen die Götter wissen ! Ich weiß nichts weiter davon , als daß in den ersten acht Tagen nach der Abfahrt von Korinth die Erinnerung an dich mein ganzes Wesen dermaßen ausfüllte , daß keine andere Vorstellung Platz neben ihr finden konnte . Wenn du glaubst , daß ein solcher Zustand ziemlich nah an Wahnsinn gränze , so bin ich völlig deiner Meinung ; oder vielmehr , um entschiedener Wahnsinn zu werden , hätte er vielleicht nur noch acht Tage dauern müssen . Indessen war ' s doch schon ein gutes Zeichen , daß mir nicht so ganz wohl bei der Sache war als wenn ich Kleombrotus gewesen wäre . Ich stand schon im Begriff mit einem Arzt davon zu sprechen , als wir , zu gutem Glücke , von Hermokrates , einem der angesehensten Männer der Stadt , zu einem großen Gastmahl eingeladen wurden . Die Gesellschaft war auserlesen , die Bewirthung ( um alles mit Einem Worte zu sagen ) Sicilianisch ; und wie die Fröhlichkeit nach und nach rauschender ward , gingen auch die großen Becher immer fleißiger herum . Ich schonte den herrlichen Syrakuser unsers reichen Wirthes nicht , und siehe da ! am folgenden Morgen , als ich meinen kleinen Rausch ausgeschlafen hatte , stand ich so heiter , unbefangen und lichtstrahlend vom Lager auf , als Helios115 aus den Armen der Thalassa.116 Du siehest , liebe Laiska , daß man an dem Gehirn eines ächten Sokratikers nicht so leicht verzagen darf . Indessen sind wir , wie gesagt , über das Gefährliche der Nympholepsie117 , über die du , Grausame , mich noch gar bespotten konntest , gänzlich einverstanden ; nur gegen die Folge , die du daraus ziehest , hab ' ich eine starke Einwendung . Der Satz , worauf du deinen Schluß gründest , mag in vielen Fällen gelten ; aber auf die Liebe läßt er sich nicht anwenden . Mit dieser Leidenschaft ist es ( übrigens ohne Vergleichung ) wie mit gewissen Krankheiten , wo eine kleine Gabe eben derselben Arzney das Uebel vermehrt , eine starke hingegen die trefflichste Wirkung thut . Auf diese Gefahr wag ' es also immerhin mit mir , schöne Hebe ! Vergiß daß ich nur ein Sterblicher bin , reiche mir die Nektarschale so voll wie einem Olympier , und du wirst Wunder sehen ! Timandra , die dich - liebt wäre vielleicht zu viel gesagt , mehr als von irgend einem schönen Weibe gefordert werden kann - aber , die dich neidlos bewundert , ist auf dein Andenken und deine Theilnehmung stolz . Sie scheint sich in ihrer neuen Lage wohl zu gefallen , und mein Egoist lebt in einer sehr vergnüglichen Ehe mit ihr . Er kann sich keine bessere Hausfrau wünschen , sie keinen Mann bei dem sie es in allen Stücken besser hätte ; so daß ich nicht sehe , warum ihre Verbindung