dabei ! ... Der Chorherr war noch nicht daheim ... Es war sechs Uhr , da kam auch Herr von Pötzl voll Bestürzung ... Mit und ohne Verstellung zeigte er das hohe Interesse , das gerade er an diesem erschütternden Vorfall zu nehmen hatte ... Mancher Charakterzug der so früh Hingeschiedenen vervollständigte das Bild eines Wesens , das an einer innern und äußern Heimatlosigkeit zu Grunde gegangen war ... Benno ' s Lage war bei allen diesen Erörterungen die tiefschmerzlichste ... Die Frage : Ob Selbstmord oder nicht ? wurde in Gegenwart des inzwischen gleichfalls bestürzt heimgekommenen Chorherrn erörtert ... Auch der hatte schon die Kunde vernommen ... Herr von Pötzl weinte ... Sein Taschentuch war über und über naß ... Er » verbürgte « sich für einen bloßen Unglücksfall ... Alle Welt kenne ja die Wildheit der Gräfin Maldachini ... Der Chorherr stimmte ihm nicht bei , sondern sagte : Selbstmord ist die Folge einer lange vorausgegangenen Abwägung der zu tragenden Leiden und der Kräfte , die sie tragen sollen ... Ueberwiegt die Summe jener , so hört die Willensfreiheit auf und jeder Athemzug sagt dann mit Seneca : » Die Thür steht ja offen - so geh ' doch ! « ... Pötzl schauderte vor diesem heidnischen Worte ... Der Chorherr sprach von dem Selbstmord eines geistvollen Benedictinermönchs , der sich von der Höhe eines der palastähnlichen Donauklöster in die Fluten gestürzt hätte ... Von einem kaiserlichen Censor , auch einem sinnigen Dichter , der sich aus Zerfallenheit mit sich und der Welt getödtet ... Er sprach , wie Ludwig Löwe so schön in der Burg als » Roderich « sagt : » Und selbst die Träume sind nur Traum ! « ... Alle Erschütterung und wehmüthige Betrachtung Pötzl ' s schloß bei diesem die Bemerkung nicht aus , daß der Graf in den Entresolzimmern des Casinos wahrscheinlich den Nachlaß von Briefen und » dergleichen « mit Beschlag belegt , vertilgt und überhaupt wol die Erbschaftsfrage vereinfacht hätte ... Benno ging auf diese Gedankengänge , die die der Habsucht waren , ein , um etwas von Angiolinens Ursprung zu hören ... Wesentlich Neues erfuhr er nicht ... Der Bemerkung , daß nun durch eine ebenso überraschende wie schmerzliche Fügung des Himmels die Willensfreiheit des Grafen und das Arrangement seiner Finanzen gesicherter wäre , konnte er sich nicht entziehen - um so weniger , als jetzt auch Leo Zickeles voll Schreck und Staunen kam und die nämlichen Gesichtspunkte brachte ... Pötzl ging und flüsterte Benno ins Ohr : Noch eins , Herr Baron ! ... Ich kann Ihnen aus guter Quelle mittheilen , Ihre Anwesenheit erregt Interesse in - den höchsten Kreisen , sage den höchsten ... Seine Durchlaucht wundern sich , daß Sie sich nicht bei ihm persönlich gemeldet haben ... Stadtrath Schnuphase wird morgen von ihm empfangen werden ... Sehr begierig ist man , von Ihnen über - doch ich weiß nichts , als daß der Herr Oberprocurator von Nück hierher geschrieben haben , Sie hätten die Absicht , in diesseitige Staatsdienste zu treten ... Da werden Sie ja bald das Nähere erfahren ... Benno horchte staunend auf und lehnte diese Nück ' schen Voraussetzungen als völlig unbegründet ab ... Pötzl ging klug und schmerzlich lächelnd - mit einer und derselben Miene ... Auch Leo Zickeles blieb nicht zu lange ... Die Bildung eines Comités zur Unterstützung von Hinterlassenen war hier nicht am Platze ... Der Chorherr wurde abgerufen ... Sein Blick war voll Trauer , ob er gleich Angiolinen nicht gekannt hatte ... Schon schlug es sieben Uhr ... Um acht wollte Fürst Rucca kommen ... Es fehlte Benno jede Neigung , heute den Cardinal Ceccone kennen zu lernen ... Entschlossen , sich zur Gesellschaft nicht anzukleiden , ging er mit steigendem Unmuth auf und nieder ... Da kam der Chorherr eilends mit einem Schreiben zurück , das ihm eben für Benno - aus der Staatskanzlei zugekommen war ... Ein kaiserlicher Rath schrieb : Seine Durchlaucht hätten die überbrachten Briefe empfangen und würden , da der traurige Vorfall von heute bei Seiner Erlaucht dem Grafen von Salem-Camphausen ihm wol ohnehin für seine nächsten Aufträge Muße gäbe , es gern sehen , wenn die von Herrn Stadtrath Schnuphase in Aussicht gestellten mündlichen und die schriftlichen Mittheilungen des Herrn Dr. Nück von ihm ergänzt und bestätigt würden ... Seine Durchlaucht erwarteten ihn morgen in der Frühe um zehn Uhr ... Benno betrachtete das überraschende Schreiben von allen Seiten , kaum seinen Augen trauend ... Nun erst haftete er an Pötzl ' s Aeußerung : Nück empföhle ihn für den hiesigen Staatsdienst ... Ist denn das eine gewaltsame Entfernung , die Nück über dich verhängt ? ... Kann er meinem Blick , meinem Verdacht nicht mehr begegnen ? ... Und darum die stete Aeußerung : Der Domkapitular muß ein Bisthum antreten - in Oesterreich , in Ungarn ! ... Wohin möchte er uns nicht verbannen , nur um - Lucinden ganz für sich allein zu haben oder weil er fürchtet - wir mistrauten der Urkunde ? ... Benno ' s nicht minder erstaunter Wirth wünschte ihm Glück und setzte in seiner ironischen , durch einen elegischen Ton gemilderten Weise hinzu : Es ist nur schade , daß der große Staatsmann die Gewohnheit hat , alles schon von selbst zu wissen ... Er sagt , er will von Ihnen lernen und wird Sie nur belehren ... Das ist seine Art ... Er fängt einen Satz an , Sie wollen ihn ergänzen , Sie rufen : Sire , geben Sie Gedan - - Da haftet sein Auge an Ihren Rockknöpfen und sagt Ihnen , wo in Oesterreich die besten Knopffabriken wären ... Sein Hauptgedanke ist jetzt unser Anschluß an den Zollverein , um den Supremat Ihres Staats zu beschränken ... Nehmen Sie getrost eine Anstellung - im Finanzfach ... Das muß rasch kommen , erwiderte Benno , denn ich reise vielleicht schon morgen ... Wie ? rief der Ueberraschte ... In allem Ernst ! ... Das Nichtglaubenwollen des Greises hinderte Benno nicht , zu erklären - Graf Hugo wäre von seinem Unfall zu sehr erschüttert , um mit ihm geschäftlich zu verkehren ... Er würde demzufolge seine Reise nach Italien beschleunigen ... Der Chorherr wurde unwillig ... Er beklagte , den Abend nicht frei zu haben , um ihm diesen Plan gründlich durch eine Zerstreuung auszureden ... Er scherzte und sagte , er würde zu der Italienerin gehen , die heute früh schon um seinetwillen ihr stilles Hans alarmirt hätte und die würde ihn schon festhalten ... Wissen Sie denn nicht , welche Connexionen Ihnen für Italien und Rom entgehen ? ... Die Menschen muß man , gleichviel ob sie gut oder schlecht sind , blos als Material benutzen , um sich daraus das Leben auf seine Weise zu gestalten ... Bleiben Sie heute Abend zu Hause , lesen Sie für diese möglicherweise folgenschwere Audienz im Conversations-Lexikon drüben bei mir , machen Sie ' s wie die Großen , wenn sie imponiren wollen ... Den ersten besten Artikel z.B. über die Muschelkalkversteinerungen lernen Sie auswendig und bringen Sie das Gespräch durch eine einzige geschickte Wendung auf - urweltliche Austern - Sie wissen , die Diplomatie beißt da immer an - und lassen Sie dann einige entsprechende Citate von Cuvier und andern fallen , so sind Sie ein gemachter Mann ! Denn man wird glauben , » urweltliche Austern « wären bei Ihren Kenntnissen das tägliche Brot ... Nein , nein ! ... Der Fürst steht freilich schon , hör ' ich , auf dem Standpunkt des Fertigseins , wo sich ein Großer nach einer Audienz nicht mehr sagt : Wie hat mir der Mann gefallen ? sondern : Wie hab ' ich ihm gefallen ? ... Aber das Ereigniß bleibt darum merkwürdig an sich ! ... Sie bleiben und nehmen jedes Anerbieten ... Unser Curs steht noch leidlich ... Einmal fängt man überhaupt an ... Gewiß , gewiß ! ... Ich werde Sie reisen lassen ! ... Der Chorherr schloß Benno fast ein ... Es war acht Uhr ... In der Ferne hörte Benno das Rollen in den Straßen ... Es war wie das Rauschen des Meeres ... Nun begannen diese Abende der Geselligkeit ... Diese Sicherheit der Lüge und des Zwanges ... Mit Herzen voll Trauer können andere lächeln ... ... Wegtändeln sollst auch du solche Lebensbürden ! ... Sollst morgen - nach diesem Heute ? ... Nein , wie könntest du , ohne Aufsehen und mit einem triftigen Grund , schnell und ungehindert von dannen kommen ? ... Er ordnete seine Effekten ... Da wurde an seine Thür gepocht und der Mohr des Principe Rucca , in weißen Kleidern mit Goldtressen , erschien , um ihn abzurufen ... Der Wagen stünde unten ... sagte er in gebrochenem Italienisch ... Benno entschuldigte sich und zeigte auf seine Haustoilette ... Der Mohr verstand nur halb , ging und kam mit dem Principe selbst ... Aber mein Himmel , rief dieser , was ist das ! Sie hatten uns ja versprochen - ... Vergebung , Hoheit , ich bedauere - Ich fühle mich nicht wohl ... Aber der Cardinal erwartet Sie ja schon ... Sie müssen kommen ! ... Benno schützte seine Erschöpfung vor , die Nachwirkung der traurigen Eindrücke des Tages ... Auch eine wichtige Einladung auf morgen in der Frühe ... Principe Rucca machte eine Physiognomie , wie ein Kind , dem man ein Naschwerk versagt ... Seine rothe gestickte Uniform schien er einen Augenblick zu vergessen ... ... Sein schwarzes Bärtchen wäre ihm ohne Zweifel sonst ebenso wichtig gewesen wie sein großer Stern auf der Brust - das Pflaster hatte er abgelegt - Jetzt zerzupfte er vor einem Spiegel die Feder an seinem Galahut ... Ich kann mich ja nicht sehen lassen ! sagte er ... Der Cardinal wollte Sie schon mit dem Bisthum überraschen für Ihren - Herrn - Bruder - nicht wahr ? ... Die Herzogin hat ihm alles erzählt ... Die Gräfin hat sogleich an den Onkel geschrieben : Der heiligste Priester der Welt ist gefunden ! ... Die Sühne für die Existenz eines Fefelotti auf Erden ! Der Bruder des Herrn Baron von Asselyn ! ... O machen Sie keine Scherze ... Kommen Sie ! ... Ich wage ohne Sie nicht zum Cardinal zu fahren ... Ihr Bruder soll sogleich nach Wien kommen ... Wenn er nur etwas Italienisch spricht , so braucht er nur hier an unserer Kirche » Maria zum Schnee « dreimal zu celebriren und ist Bischof von Robillante ... Das Uebrige findet sich ... Benno blieb bei seiner Weigerung ... Der Principe mußte in seinen Wagen allein zurückkehren ... Er ging wie ein Kind , das eine große Strafe fürchtet , und verlangte fast einen Schwur , daß Benno morgen im Palatinus beim Diner nicht fehlte ... In höchster Aufregung blieb Benno zurück ... Er hatte an Bonaventura , an den Onkel Dechanten , an seinen Bruder , den Präsidenten schreiben wollen ... Nun ging er rathlos in seinem Zimmer auf und nieder ... Es schlug neun ... Es schlug zehn ... Da klopfte es heftig am Hausthor und in dem stillen Priesterhause wurde es noch einmal lebendig von einer lauten Stimme , die nach ihm fragte ... Er erkannte Harry Zickeles , der ihm noch einen an sein Haus adressirten Brief von dreifachem Porto brachte ... Ich dachte , daß es Ihnen angenehm sein würde , den Brief bald zu haben - sagte er , als er sich erschöpft niedergelassen ... Aber daß Sie zu Hause sind ! Wer hätte das erwartet ! ... Ganz Wien ist voll von dem Unglück mit der armen Angiolina , das Sie erleben mußten ... Mein Bruder Percival laßt auf sie eine Ode drucken ... Der Graf muß in Verzweiflung sein ... Ich war in der Josephstadt ... Ein neues » Ausstattungsstück « ... Charmant für die dortigen Kräfte ... Aber morgen speisen Sie bei uns ? ... Nein ? ... Warum nicht ? ... O dann kommen Sie den Abend ! ... Der Laërtes von gestern ist engagirt ... Biancchi und Dalschefski arbeiten schon gemeinschaftlich , was sagen Sie ! gemeinschaftlich , an einem Requiem für Angiolina ... Und haben Sie den Pötzl beobachtet ? - Wissen ' s , als er bei Ihnen war , hat er unten auf den Leo gewartet und schon von der Erbschaft gesprochen ... Nehmen ' s Ihnen in Acht vor dem Mann ! ... Er sagte , Sie erregten in höchsten Kreisen Aufsehen ... Man weiß , was bei ihm darunter zu verstehen ist - ... Benno fand nur nothdürftig Zeit , einzuwerfen : Der Staatskanzler hat mir für morgen früh eine Audienz anberaumt ... Harry traute seinem Ohre nicht ... Er sah Benno mit staunenden Augen an ... Bei Seiner Durchlaucht - ? wiederholte er , um sich ganz zu vergewissern ... Morgen früh um zehn Uhr ... Diese Thatsache war außerordentlich ... Sie bot Chancen für ein geheimnißvolles Beiseitnehmen aller Menschen ... Sie bot natürliche Nachwirkungen eines unausgesetzten : Aber der Harry Zickeles weiß es für ganz bestimmt ... Es ist von einer Staatsbegebenheit über man weiß noch nicht was die Rede ! ... Harry zog vor , sich sofort zu entfernen und seine Neuigkeit noch um elf Uhr nachts wenigstens bei einigen ihm bekannten vorübergehenden Nachtschwärmern und im Salon seiner Aeltern in Umlauf zu setzen ... Für Benno hätte es sonst eine Erquickung gewähren dürfen , einen sechs Bogen starken Brief von Thiebold de Jonge lesen zu können ... Heute - - verschob er es für den folgenden Tag . Fußnoten 1 Factische Reiseerinnerung . 2 Thatsächlich . 10. Nach einer fast schlaflosen Nacht , nach phantastischen wilden Bildern und gespenstischen Erscheinungen , die ihn um Mitternacht vom Lager trieben , Licht anzünden ließen und zwangen , auf dem Sopha mit gestütztem Haupt sich zu sammeln , nach neuen Versuchen , auf dem Lager Ruhe zu gewinnen und neuen Spukgestalten mit verzerrtem Antlitz , brach kaum der Morgen an , als sich Benno schon erhoben hatte und von der kühlen Herbstluft sein glühendes Antlitz erfrischen ließ ... Noch mochte er im Hause niemand wecken ... Sein Herz war voll Fieberunruhe ... Er wollte Wien verlassen - durchaus - er dachte sich vielleicht sogar beim Staatskanzler zu entschuldigen ... Ruhe für die Stürme , die in seiner Brust tobten , konnte er in dieser Audienz nicht finden ... Die Pein der Zweifel konnte sie nur mehren ... Sein Reiseziel war durch ein wunderbares Zusammentreffen aller Umstände in einem einzigen Tag erreicht ; was er suchte , war gefunden - es zu besitzen war nicht möglich ... In Italien , dachte er , dort versuchen wir eine Form des neuen Daseins zu finden ... Er zog seinen Koffer hervor und fing ihn zu ordnen an , um zunächst über Triest nach Mailand zu gehen ... Er sah Thiebold ' s Brief ... Er erbrach ihn in der sicher nicht ungegründeten Besorgniß , der Ton und Inhalt desselben würden zu seiner Stimmung nicht im mindesten passen ... Dennoch las er ihn ... Die Buchstaben flimmerten vor seinen ermatteten - im Grunde nur der Thränen bedürfenden Augen ... Thiebold schrieb ganz sorglos : » Verehrter Freund ! Sie werden es für eine meiner gewöhnlichen Redensarten halten , wenn ich Ihnen die Versicherung gebe , daß ich in dieser Stadt nur noch vegetire ! Seitdem Sie sich unsern bekannten klimatischen Einflüssen entzogen haben , kann ich keine verspätete Schwalbe und keinen lahmen Storch mehr sehen , ohne nicht von einem unwiderstehlichen Verlangen heimgesucht zu werden , Sie eines schönen Morgens mit meiner Ihnen nicht immer willkommenen Gegenwart zu überraschen ... Hätte ich nicht den alten Mann , meinen Vater , bei Beginn der Gansbraten-Saison in seiner Diät zu überwachen und wär ' ich nicht für den Winter , wo endlich wieder getanzt werden soll , breitgeschlagen worden , einige Cotillons zu arrangiren , so würde mich keine Macht der Erde abhalten , selbst Ihr eigener Verdruß über meine Zudringlichkeit nicht , das Schrecklichste der Schrecken wahr zu machen und Sie in Person zu überfallen . « » Aus Westerhof und Witoborn erfahr ' ich wenig ... Mehr aus dem Stift Heiligenkreuz ... Siebzehntehalb Freundinnen hab ' ich mir daselbst erworben durch meine Empfänglichkeit für Poesie , Austausch höherer Gefühle Nichtberechnung der Portospesen für Notensendungen , Parfümerieen , ja selbst Modesachen ... Ich sage in meiner Verzweiflung über diesen Reichthum bei jeder Gelegenheit zu Moppes : Sie können versichert sein , bester Freund , das Fräulein von Merwig hat sich in Ihr : Maikäferlein , flieg ' auf ! verliebt und singt es täglich ... Aber ich flicke ihm weder die Anflickerin noch eine der übrigen Veteraninnen als Correspondentinnen an ... Timpe , Effingh , Schmitz , Niemand nimmt mir diese Velinpapier-Correspondenz ab ... Und gerade jetzt , wo der alte Mann , mein Vater , wieder Land steht und in systematischer Opposition macht , gerade jetzt , wo ich mit dem Holzhandel mehr als zur Genüge beschäftigt bin ... Sie wissen , welche Empfindungen der Mensch zwischen einem Haufen Buchen- und einem Haufen Eichenholz haben kann ! « » Freilich , damals , als wir , im Winter , hinter zwei Erlen standen ! Zwei Procent nur wär ' es gewesen - aber unvergeßlich ! ! ! - - - - - - Malen Sie sich diese Gedankenstriche mit Schiller , Goethe und Nück aus ! Nück - das ist ein Skandal - dichtet - und wie ! - Keinem Zweifel unterworfen , dieser Mann ist zum Tollhaus reif ! ... Einen schwarzen Frack trägt er nicht , daran verhindert ihn seines verweigerten Ordens wegen ein Gelübde , aber grün mit Mattsilber , blau mit gelb , sogar rothe Sammetweste mit weißem Atlasfutter ... Piter ist nichts dagegen , der übrigens in Paris ganz glücklich verheirathet sein soll . « » Nück ' s Gegenstand ist natürlich Niemand anders , als die Heilige , die einem On dit zufolge das Kattendyk ' sche Haus verläßt , weil sie sich mit Guido Goldfinger , jetzt Procura , nicht vertragen kann infolge folgender - « » Zwei Tage später . Soll ich denn auf die Geschichte zurückkommen ? Na ! Es war der erste Abend nach Piter ' s Entführung der Gertrud Ley , dem bekannten Skandal auf dem Römerweg , als von Goldfingers in ihren neuen Räumen eine Gesellschaft gegeben wurde ... Rührender Hinblick auf die Zimmer des verbannten Piter , die Treppe , wo das leiseste Knarren ihn schamroth machte , auch auf die früh vollendete Schwester , die Delring - Delring jetzt in Antwerpen etablirt - großes Geschäft - möglicher Ruin von Kattendyks ... Kurz , Moppes und Timpe sehr gesprächig ... Kamen aus Paris , erzählten von einem neuen Mittel , das Piter gefunden hat , immer noch interessanter zu werden ... Statt : Au contraire ! mit dem er uns , Sie wissen es , sogar bei Gräfin von Camphausen damals in Angleterre ausstach , statt seines impertinenten ewigen : Im Gegentheil ! soll ihm Nück in einem Zornausbruch etwas anderes gerathen haben , um noch interessanter zu erscheinen , nämlich - sich dumm zu stellen ... Piter überlegte sich das ... Moppes und Timpe haben ihn in Paris besucht , wo er mit seiner kleinen Exnonne glänzendes Haus macht ... Richtig , statt nun wie bisher jähzornig aufzufahren und mit : Das verstehen Sie nicht ! Im Gegentheil ! um sich zu werfen , spielt Piter den von der Liebe Gezähmten , träumerisch und kindlich in dieser komischen Welt Umherirrenden , unbewußt die gewöhnlichsten Gegenstände aus Ueberfülle an Geist Verwechselnden ; kurz , wenn von Schinken gesprochen wird , beschreibt er na ! ein Thier , von dem man na ! einen gewissen Theil seines Körpers mit besonderm Wohlgefallen auswähle und na ! durch die Methode des Räucherns roh oder gekocht zu verspeisen pflege und ruft dann die Gesellschaft : Herr Gott , Sie meinen ja Schinken ? so sagt er lächelnd sich besinnend : Na ja , richtig ! ... Kurz er besinnt sich vor Ueberfluß an Geist nur ganz dunkel auf seine alte Köchin Kathrine Fenchelmaus im Hause seiner Aeltern und sagt auch z.B. bei einem Diner prima Sorte , das Moppes und Timpe bei ihm durchmachen mußten : Ich bitte dich , Treudchen , warum ißt man nur diesen Plât da mit der Gabel ? ... So stellt er sich über alles so unwissend , wie vielleicht in Wirklichkeit sein Fall ist ... Aber die anwesenden Fremden schwuren , dies simpelhafte , nirgends mehr Land wissende Wesen müßte eine wahre innere Ueberschwemmung von Geist verdecken und Piter wäre eine der genialsten Offenbarungen unsers sich überlebt habenden und demzufolge wieder von vorn anfangen müssenden Jahrhunderts . « ... » Doch ich komme von meinem Abend bei Goldfingers ab ... Also - « » Zwölf Stunden später ! ... Mein Brief wird , seh ' ich , endlos ... Also denken Sie sich - erstens Lucinde ... Sie trug , da die Haustrauer zu Ende ist , in ihrem schwarzen Haar einen Turban von gelbem und rothem Kaschmir mit an beiden Seiten herunterfallenden Perlenschnüren ... Nie hab ' ich sie so vornehm und so schlank gesehen ... Enganliegendes aschgraues Atlaskleid , gleichfalls mit gelben und rothen Bandschleifen besetzt ... Ich habe den Abend fast nichts als Toiletten beobachtet , weil dies nämlich der interessantere Theil meiner Correspondenz mit den Stiftsfräulein ist ... Da bei Goldfingers nicht eine einzige Adelige vorhanden war und ich , wie Sie wissen , in Witoborn und Umgegend zum Adel gehöre , so sammle ich ohne alle Anzüglichkeit für mich den Stoff zu einer Menge Fi-doncs und Abscheulichs , die mir aus dem Stift über die hiesigen Farbenzusammenstellungen bei Toiletten zur Antwort werden ... Ich bekomme auf die Art das Zeug , ein - förmlicher Kattundrucker zu werden ... Getanzt wurde nicht , aber nahe daran kam ' s ; Nück , zum Stutzer adonisirt , intonirte Moppes ' Maikäferlied und der ganze Chorus fiel ein ... Die herzlose Bande hatte die arme Hendrika schon vollständig vergessen und ich , seit Sie fort sind , immer wehmüthig gestimmt , ich verlor mich in dem Grade in Reflexion , daß die Frau Oberprocurator Nück , die bekanntlich in jeder Gesellschaft über Hitze klagt , in den Schatten meiner kühlen Denkungsart flüchtete , ja , daß mich sogar Lucinde als Fächer benutzte gegen Nück , den man allgemein unausstehlich fand ... « » Wieder sechs Stunden später ... Na ja , mein Alter opponirt richtig gegen die Regierung in Sachen des Kirchenfürsten ... Wir werden schöne Späße erleben ... Also , wo blieb ich stehen ? ... Anfangs ging es in unserer gewöhnlichen Cadenz fort : Langeweile , Thee , Langeweile , Klavier , Langeweile , Quartett - Endlich hatte Lucinde , die in ihrem türkischen Staat die bescheidene Magd spielen wollte , beim Serviren einige Teller zerbrochen , auch mehrere Kleider verdorben und mit dem Professor einen Zank angefangen , als dieser , ohne je in Asien oder , wie Moppes sagte , wenigstens im pariser Jardin des plantes gewesen zu sein , behauptete , das Holz der Cedern auf dem Libanon so gut zu kennen , wie deutsches Fichtenholz - denn , sagte er , zu seiner heiligen Botanik hätte er vierzehn verschiedene heilige Kreuzpartikeln in Deutschland und der Schweiz gründlich studirt - unser Erlöser wäre auf Cedernholz gestorben ... « » Lucinde , gereizt von den Vorwürfen über ihr Serviren , entgegnete : Entweder sind Sie im Irrthum oder der heilige Bernhard ist es ... « » Wie so ? rückte der Professor seine goldene Brille in die Höhe und mochte sich erinnern , daß vorm Jahr eine Etage tiefer Armgart ' s Mutter auch sehr schlimm mit ihm gestritten hatte ... Terschka erzählte es ... « » Lucinde ließ sich nicht werfen ... Zornig , wie sie war , entgegnete sie : Nach dem heiligen Bernhard bestand das Kreuz des Erlösers aus Cedern- , Cypressen- , Oliven- und Palmenholz ... « » Natürlich - mich als Holzhändler interessirte das ... « » Nur Cedernholz ! donnerte der Professor , bei allem Respect vor dem heiligen Bernhard ... « » Die Commerzienräthin bat um Unterlassung solcher Streitigkeiten ... Sie können sich aber denken , verehrter Freund , daß mich der Gegenstand hinriß ... Mein Temperament zwang mich zu der bescheidenen Bemerkung : - « » Wieder einen Tag später ! Ich mußte gestern einer Holzauction in Euskirchen beiwohnen ! ... Mein Alter ist in der Majorität und macht Enckefuß schön zu schaffen ... Den Telegraphen kann ich gar nicht mehr spielen sehen , ohne mir nicht zu sagen : Diese Manöver , die die Flügel machen , bedeuten : Stecken Sie nur gleich die ganze de Jonge ' sche Familie , Vater und Sohn , zu Loch ! ... Wo blieb ich gestern ? Richtig ; ich erlaubte mir die bescheidene Bemerkung , daß die Bauten des Königs Salomo bereits die ersten Grundlagen des Holzhandels , und zwar nach Tyrus , gelegt und bewiesen hätten , daß Palästina und Umgegend wenig Waldung gehabt hätte , demnach also , daß , als drei Kreuze auf dem Berge Golgatha auf einmal gebraucht werden mußten , diese leicht und wahrscheinlicher- und möglicherweise allerdings aus mehreren Holzarten genommen werden mußten ... « » Da die ganze Gesellschaft über diese Bemerkung in ein sehr unpassendes Gelächter ausbrach - was mich verdroß , da ich mir bewußt war , wissenschaftlich gesprochen zu haben , so schnurrte mich der Extraordinäre a.D. an wie ein Kater , betrachtete mich von oben bis unten und machte Miene , als wollte er , um mich zu strafen , auf diese Aeußerung griechisch antworten ... « » Sie wissen , daß ich nie hitziger werden kann , als da , wo ich mich nicht ganz sicher fühle ... Und gelehrte Seitenhiebe reizen mich vollends bis zur Tollkühnheit ... Moppes , Timpe , Schmitz , Effingh , alle standen jetzt um mich und suchten mich zu beruhigen ... « » Mit maliciöser Zurückhaltung sagte der gelehrte Kerl jetzt lächelnd : Fräulein Lucinde ist so geistreich , daß ihre Erwiderung nur für einen Scherz zu nehmen ist ... Sie weiß sehr wohl , die Bemerkung des heiligen Bernhard ist ein Spiel des frommen Witzes und der Phantasie ... Der hochgelehrte Mann will an jede Gattung seiner vier Holzarten Betrachtungen anknüpfen ... Ohne Zweifel sucht er , ich kenne die Stelle nicht , in den vier Holzarten das Symbol 1 ) des Lebens - die Ceder , 2 ) der Trauer - die Cypresse , 3 ) des Trostes - die Olive und 4 ) des Friedens - die Palme . Ich habe die feste Ueberzeugung - « » Weiter kam er aber nicht ; denn ich unterbrach jedes seiner Worte ... « » Schweigen Sie ! fuhr er mich an , als wenn ich Piter wäre , und als ich ihm ein : Herr Professor ! im Ton fast wie eine Maulschelle lançirte , mußte ich erleben , daß dieser niederträchtige Kerl an den Kamin geht , wo ein eiserner Holz- und Kohlenkorb steht , hineinlangt und mir feierlich ein Stück Eichenholz überreicht mit den Worten : Das ist Ihr Fach ! ... « » Nun kann ich Ihnen aber doch sagen , daß ich Beistand fand ... Wir Kaufleute halten in Einem Punkt unter allen Umständen zusammen - Anspielungen auf unsere Branche sind in dem Grade mauvais gout , daß ich - - « » Wieder einen Tag später ! Fast wurde mein Alter in die Deputation gewählt , die nach der Residenz zu Seiner Majestät abgehen soll ... Eine schöne Verwirrung hier ... Nück hat eine fürchterliche Adresse beantragt , fiel aber damit durch ... Enckefuß will ihn vor die Assisen bringen ... Nämlich - entre nous - das Gerücht geht , Hammaker wäre für Nück gerade zur rechten Zeit um seinen Kopf gekommen ; der Brand und die Urkunde hätten vollkommen die Zweifel verdient , die mich , wie Sie wissen , bei Fräulein Benigna in Westerhof plötzlich in Ungnade und um meinen Adel brachten ... Da aber mein Vater in der Kirchenfrage ganz mit der Ritterschaft geht und wir plötzlich so populär sind , daß ich mir des vielen Grüßens wegen einen neuen Hut habe kaufen müssen , so schlug ich auch an dem Goldfinger ' schen Abend den Professor vollständig aus dem Felde ... Nämlich ich wurde wild und sprach von einer nothwendigen mikroskopischen Untersuchung aller heiligen Kreuzpartikeln durch Professor Liebig und blieb bei meinen viererlei Holzarten und nannte zu Ehren der Beschäftigung mit Holz den Erlöser sogar selbst den Sohn eines - Zimmermanns ... Das machte aber Wirkung ... Kanonikus Taube erhob sich vom Whist und schlug die Hände über dem Kopf zusammen ... Der Professor verzog sich ... Seine Gemahlin sprang wüthend aus Klavier und paukte eine neue Tremolo-Etüde ... Und nach diesem Abend mußte denn die Commerzienräthin der Lucinde , die allerdings den ganzen Streit angefangen hatte , kündigen und das ist demnach das Allerneueste ... Sonst weiß ich nichts , als daß der Domkapitular wieder im alten Ansehen steht ... Man spricht von einer Predigt , die die Regierung sehr unangenehm berührt haben soll , über den Text : Fürchtet Gott , ehret den König ! ... Das soll Ihr Cousin so gewandt haben , daß ein Christ Gott zu fürchten , den König aber blos zu ehren brauchte ... Erzählt man - ! ... Ich bin so vollständig wieder Heide , daß ich seit letztem Winter keine Kirche gesehen habe und um so mehr wieder Ihrer persönlichen Anleitung zur Tugend bedarf ... Bester Freund - verlier ' ich an Ihnen in Zukunft vielleicht ganz meinen Halt ? Man sagt allgemein , Sie gingen unter die Diplomaten ! - Das könnte mich veranlassen , Sie wegen mancher höchst bedenklichen vertraulichen Aeußerungen zu mir zu denunciren und steckbrieflich verfolgen zu lassen . Adieu , theurer Freund ! Wissen Sie denn auch , daß