auch Das nicht sagen , bemerkte Herr von Zeisel . Er schreibt doch in den Blättern mit großer Empfindung . Die Briefe an die Seinigen sind oft kurz und zerfahren , oft aber auch voll Rührung ... Vielleicht über sich selbst , bemerkte Ackermann . Nenne man Das doch nicht Herz , wenn ein Mensch leicht in Thränen zerfließen kann ! Ich habe Frauen gekannt , die viel weinten und die doch nur ihre Nervenschwäche hätten für ihr Gemüth ausgeben sollen . Stromer ist voll Rührung über sich selbst . Er weint darüber , daß er weinen kann . Er bewundert sich , wenn er voll Wehmuth einen Kirchhof oder den erwachenden Frühling betrachtet . O diese eitle Selbstbespiegelung ! Ich erkenne das Herz nur bei den Menschen an , die im Stande sind , aus andern Menschen herauszuempfinden und in ihnen wie in sich selbst zu leben . Oleander , der einestheils zu zartfühlend war , um sich auf Kosten seines Vorgängers rühmen zu hören , andrerseits die Gewohnheit hatte , nach dem Ernste gern in einem scherzenden Tone sich wieder mit der naiven , ihm eigenthümlichen Auffassung zu vermitteln , bemerkte : Ich will gleich sehen , wer unter uns Herz hat ! Da seh ' ich Damen in Pelzwerk und Mänteln kommen ... Meine Frau , sagte Herr von Zeisel , Frau von Sänger und Fräulein Selma Ackermann . Ich sehe schlecht , fuhr Oleander fort , wo geht Fräulein Selma ? Rechts , sagte Herr von Zeisel . Links , fuhr Ackermann fort , geht Siegbert Wildungen . Ihr irrt ! Rechts Frau von Sänger - bemerkte Oleander ... Nein , nein , links geht Frau von Sänger ! bestätigten Alle . Da meinte denn Oleander : Seht ! Ihr Alle habt kein Herz ! Wie könnt Ihr sagen : es gehe einer rechts für Euch , da er doch links für sich geht ? Nach Herrn Ackermann ' s richtiger Theorie vom Herzen muß man Den , der uns begegnet , auch von der Seite aus kommend darstellen , die ihm selbst die linke , ihm selbst die rechte ist ! Der Widerspruch und der Scherz , den diese Bemerkung hervorrief , wurde von den Damen abgeschnitten , die über die Kälte , über das lange Ausbleiben der Herren klagten . Frau von Zeisel warf auf Siegbert so schmollende Blicke , daß er sich wiederholt für seinen erst heute , acht Tage nach dem Diner wiederholten Besuch entschuldigte . Er erklärte , daß er sich noch nicht von dieser überraschenden Veränderung hätte erholen können : so widerspräche Alles , was er zu finden hoffte , Dem , was er wirklich fände . Frau von Sänger führte das Wort und schilderte den Fleiß und die in Anspruch genommene Muße des jungen Malers mit einer Lebendigkeit , die Niemanden verdrießlicher war als der Justizdirektorin . Sah sie sich doch auch von Oleander , der mit Selma und Franziska allein ging , verlassen ! Oben im Amtshause widmete man Allen , die das Begräbniß des unter so eigenthümlichen Umständen dahingegangenen blinden Zeck herbeigezogen hatte , noch einen solennen Nachmittagskaffee , dann trennte sich Heunisch , der als Leidtragender vom Justizdirektor mit freundlicher Herablassung eingeladen war , von Franziska und tröstete sich mit den Zerstreuungen , die jetzt die Jagd , der Verkauf , die Ablieferung des geringen Wildprets mit sich führen würde . Selma hatte Franziska schon so liebgewonnen und an sich herangezogen , daß sie sich gern mit ihr isolirte und sonderbarerweise von allen Anwesenden Niemanden lieber den Rücken kehrte als Siegbert . Dieser fühlte diese Zurücksetzung und bemerkte auch , daß Ackermann gegen ihn befangen war . Auf einem Schlitten fuhren die Ullagrunder früher von dannen ; doch wiederholte Ackermann die Einladung an Siegbert . Wenn er noch in der Gegend bliebe , würde er ihnen doch einen Besuch schenken ? Der innige Händedruck , mit dem er schied , stand in Widerspruch zu seinem Benehmen . Selma aber , die in ihrem Pelzkragen , ihrem Muff und dem blauen Schleier auf dem Sammthute recht » vollkommen « , wie Frau von Zeisel sagte , oder » unternehmend « , wie es Frau von Sänger nannte , aussah , verharrte in ihrem Gleichmuthe und verwundete fast den von den Frauen etwas verwöhnten jungen Mann . Als der Schlitten fortgefahren , beklagte sich Siegbert bei Oleander . Dieser stand an einem entlegenen Fenster und erwiderte : Ich möchte behaupten , daß Selma selbst nicht weiß , warum sie Ihnen so sein muß , wie sie ist . Bemerkten Sie denn auch die fast absichtliche Kälte ? Absichtliches bemerkte ich nichts , aber daß sie vor Ihnen Scheu hat , eine unbewußte , ihr selbst nicht klare , erkenn ' ich wohl . Wie ist Das möglich ? Was weiß sie Schlimmes von mir ? Daß sich diese beiden verheiratheten Frauen mir theilnehmend zuwenden und dabei wenig Vorsicht zeigen , ist Das meine Schuld ? Ich glaube kaum , daß Selma so urtheilt , so nur beobachtet . Sie beobachtet gar nicht und urtheilt noch weniger . Sie sprechen ihr da die Bildung ab , die Sie doch selbst an ihr vollenden wollen ? Die Bildung ? Ist Beobachtung und Urtheil allein Bildung ? Bildung ist nur gesteigerte Empfänglichkeit . Selma verbindet Bildung mit Dem , was die Bildung nur zu oft verdrängt , mit dem Instinkt der Natur . Es ist ein Wesen , das ich naturwüchsig nennen möchte . Sie verstellt sich nie , wenigstens nicht mit Bewußtsein . Was sie ist , ist sie . Sie erschrickt , wo sich Andre bekämpfen . Sie liebt und haßt nicht einmal . Sie fühlt sich nur angezogen oder fühlt sich nur abgestoßen . Wenn ich auf eine so reine Natur abstoßend wirke , muß ich mich bekümmern . O , Das ist nicht gesagt , Wildungen ! Der Vater , den Sie immer mehr schätzen würden , wenn Sie ihn recht erkennen wollten , hält auf magnetische Beziehungen im Menschen . Es ist möglich , daß grade das Gleichartige abstoßend wirkt . Wer weiß , welche Verwandtschaft grade Schuld ist , daß Sie auf Selma ' s Nerven einen Druck ausüben ! Bin ich nicht in der gleichen Lage ? Siegbert stockte . Er gedachte des Bruders und der herzlichen Theilnahme , mit der Dankmar ihm einst von Selma Ackermann gesprochen . Wie gern hätte er sich Selma durch die Erinnerung an seinen Bruder empfohlen ! Aber dafür , daß ihr Vater ihn einst auf seinen Knieen wollte geschaukelt haben , dafür , behauptete er , wäre man zu spröde gegen ihn , zöge sich zu sehr zurück und so hatte er keinen Muth , seine persönlichen Beziehungen zu erwähnen und durch die Erinnerung an den Bruder diesen Menschen näher zu treten , die ihm ohnehin viel zu streng zu urtheilen schienen , als daß er gewagt hätte , auf Dankmar ' s in Hohenberg gespielte Rolle zurückzukommen . Oleander ' s Liebe für Selma war ersichtlich . Siegbert sagte fast scherzend : Und Sie , Oleander ? Nach Allem , was ich zu beobachten glaube , liebt Selma ihren Lehrer . Oleander fast erschreckend , konnte nicht antworten , denn Frau von Sänger trat zwischen sie und forderte Siegbert auf , seine gelehrten Gespräche für ein ander Mal auszusetzen . Mein guter Mann , sagte sie , treibt zur Rückfahrt . Er hat es nicht über sich gewinnen können , Ihre Rede zu hören , Herr Vikar . Er liebt die Kirchhöfe nicht , auf die er bisher nur immer seine Frauen schickte . Ich bin die dritte . Er wird auch mir Erlaubniß geben , noch vor ihm dort hinzugehen . Welche Melancholie , gnädige Frau ! bemerkte der Vikar . Ach , dieser Winter ! Diese kalte Luft ! Diese öde Einsamkeit ! Diese treulosen Freunde , die , wie Herr Wildungen , so einmal in dies elende Landleben hereinschneien und dann gleich täglich vom Abreisen sprechen ! Ja , lieber Oleander ! sagte Siegbert . Mein Bild in Randhartingen ist fast vollendet . Am dreizehnten will ich in Schönau sein , wo die Kirche eingeweiht wird . Ich denke dann zurückzureisen ... In Schönau sehen wir uns noch , bemerkte Oleander . Ich wohne dem Feste bei ... Ist es nicht fürchterlich , mit so viel kaltem Blute vom Abreisen zu sprechen , bemerkte die junge , frische , liebenswürdige Frau , die in der That eine große Neigung für Siegbert gefaßt zu haben schien und sie unter Scherzen zu verbergen suchte . Warum nur sich , dem Vergnügen , der Residenz leben ? Wir verderben Ihnen freilich die künstlerischen Anschauungen ! Ihre Phantasie leidet hier , Ihr Schönheitssinn verdirbt beim Anblick ... Der schönsten Blondine , die ich kenne , bemerkte Siegbert , nur um frei zu kommen . Nein , gnädige Frau , ich leide , weil ein geliebter Bruder nicht schreibt , weil mich Verhältnisse verwickeltester Art , allgemeine und persönliche Interessen , mit Gewalt in die mir verhaßte Residenz zurücktreiben ... wie gerne würd ' ich ... Herr von Sänger hatte sich erhoben und stützte sich auf seinen alten Krückstock . War es einmal so weit mit ihm gekommen , so durfte nicht zu lange gezaudert und geplaudert werden . Vorwärts ! kommandirte er mit militairischem Brummbaßtone , hinter dem aber die gutmüthigste Bequemlichkeit versteckt war . Vorwärts ! Madame ! Monsieur ! Das gibt einen Winter 1812 ! Ich fühl ' es ! Mein Rheumatismus bekommt historische Erinnerungen ... Und als man ihm seinen großen Pelz umwarf , sagte er : In einer solchen Schur jagte Napoleon an uns vorbei , als es rückwärts ging ... Adieu , Frau von Zeisel ! Schöne Hebe , was muß Ihnen so wohl sein in Ihrem heißen Blute ! Mit ähnlichen derben Späßen ging er voran . Siegbert und Frau von Sänger folgten . Der Bediente trug Mäntel und Pelze . Siegbert war nicht in dem Grade abstract , daß er für die kleinen Koketterieen einer hübschen Frau unempfindlich geblieben wäre . Aber sein Innerstes wurde nicht davon berührt . Es gibt sogar eine Art von Courtoisie im Umgang mit gefallsüchtigen Frauen , wo man in die Lage kommen kann , um nicht zu verletzen , rücksichtsvoll zu sein . Dankmar wenigstens hatte einmal zu Siegbert gesagt : » Der Henker hole unsre Gutmüthigkeit ! Hätt ' ich nur all ' die Zärtlichkeiten wieder heraus , die sich Einer Anstands halber mit Gewalt auferlegt , um dem holdesten Geschlechte nicht wehe zu thun ! Schon die verdammte Gewissenhaftigkeit bei übereilt bewilligten Stelldicheins ! Diese zarte Schonung , Besuche zu wiederholen , wo uns schon der erste Mühe machte , der erste Überwindung kostete ! Wir sind zu gut , zu vornehm , Bruder ! Wir zahlen immer gleich mit blanker Silbermünze , wo ein paar Kupferheller vollkommen genug wären . « Wenn man Briefe mit ungeduldiger Sehnsucht erwartet , genießt man Das , was inzwischen das Leben noch so Angenehmes bietet , nur halb . Beziehungen zu dem Arzte Reinick , die reiche Bequemlichkeit bei Herrn Anverwandter , der Humor des alten Hauptmanns und Rentmeisters , die nur zu sehr entgegenkommende Liebenswürdigkeit seiner nicht völlig oberflächlichen jungen Gattin , alles Das unterhielt wol Siegbert , während er malte ; aber daß ihm Briefe fehlten , machte nichts gut . Endlich schrieb ihm der nach Schönau zurückgekehrte Ortsvorstand Marx , daß er sich beeilen möchte , zu dem Kirchenfeste zu kommen , auch wäre Manches für ihn inzwischen angelangt ... Da nahm er denn eiligst Abschied und vorläufig für den ganzen Winter . Er ließ aus Gutmüthigkeit Frühlingsverheißungen für Frau von Sänger zurück . Sie glaubte ihnen nicht . Er erlebte wirklich , am Abend vor seiner Abreise ( Oleandern hoffte er in Schönau zu finden ) , daß die hübsche Frau erst scherzend von ihm Abschied nehmen wollte , dann aber im Lachen weinte und zuletzt in wirklichen Thränen so zerfloß , daß er sie ängstlich an seine Brust ziehen und durch jene Zärtlichkeiten trösten mußte , über die Siegbert nicht so leichtsinnig dachte wie Dankmar , der sie Anstandszärtlichkeiten nannte . Er machte sich die Herzlichkeiten , die wirklich nur allein im Stande waren , den Schmerz der schönen Frau zu mildern , noch lange zum bittersten Vorwurfe und fand es fast gerechtfertigt , daß ein reines unentweihtes Wesen , wie Selma Ackermann , vor ihm einen tiefgewurzelten Widerwillen verrieth . Dieser Widerwille quälte ihn . Nicht , daß er seine Eitelkeit verletzte . Seit Oleander ' s tiefer Bemerkung spornte ihn diese Thatsache , in sein Inneres zu blicken und er zitterte fast bei dem Gedanken , in Schönau ohne Zweifel Briefe von der Fürstin Wäsämskoi zu treffen ! Er fand deren genug und die bittersten Klagen , daß er nicht schriebe . Es verstand sich von selbst , daß diese Briefe die wahre Empfindung Adelens nur zwischen den Zeilen errathen ließen und nur plauderten , nur mittheilten . Von Olga sprach sie mit Entrüstung und gab sie und ihr Schicksal für immer auf . Erfreulicher lautete , daß Rudhard mit den Kindern zurückgekehrt war und wieder in ihrem Hause die Penaten hütete , wie Otto von Dystra es genannt haben sollte . Von diesem Letzteren erzählte Adele meist Barockes und erschreckte Siegbert durch die Bemerkung , daß sie vermuthe , er würde Olga nachreisen und Helenen für den unverantwortlichen Eingriff in mütterliche Autorität ernstlich zur Rede stellen . Sie wohne noch vor ' m Thore , erzählte sie , gegenüber der jetzt allgefeierten Pauline von Harder , die sich darin gefalle , den Staat , den Prinzen Egon und wer weiß wen Alles zu regieren . Genauere Angaben über die für Siegbert so hochwichtigen politischen Fragen fehlten , doch fand er im Grunde in allen Zeitungen mehr , als er zu wissen wünschen konnte . Ja in unmittelbarster Nähe sah er die Agitation der neuen Wahlen , die wiederum so auszufallen schienen wie die früheren ; denn noch war der Premierminister mit seinem neuen Wahlgesetz nicht hervorgetreten ... In einem Briefe , den er dann auch glücklicherweise von seinem Bruder vorfand , war darüber ausführlicher geschrieben . So sehr ihn dieser Fund erfreute , so lag doch in dem Tone dieser kurzen Zeilen Dankmar ' s etwas , was er nicht verstand . Dankmar war von Angerode wieder in der Residenz , sprach von den günstigeren Aussichten des Prozesses , gab Mittheilungen über die fortschreitende Entwickelung seiner Bundesideen , hatte aber auch Wendungen wie diese gebraucht : » Mit betrübtem Herzen kam ich gestern hier an und suchte für das schmerzlich Erlebte mich dadurch zu trösten , daß ich mich mit erneuter Hoffnung in den Strudel der Thatsachen warf « . Und an einer andern Stelle : » Beeile deine Rückreise nicht ! Sähen wir uns mit den noch blutenden Wunden wieder , unser Schmerz würde endlos sein ! Ach , Siegbert , ich kann mir denken , was du empfandest , als du auch diesen Besitz aus unserm Lebensbuche streichen mußtest « . Endlich hieß es : » Die Trauerbotschaft schrieb ich dir deshalb durch Einschluß an Leidenfrost , weil ich dachte : Entweder du bist schon zurück , dann gibt er dir den Brief selbst , oder du bist noch in Randhartingen , dann legt er ihn an Herrn Ackermann bei , mit dem er in geschäftlicher Verbindung steht . « Welche Trauerbotschaft ! rief Siegbert außer sich und durchflog den Brief noch einmal . Ein Brief ist verloren gegangen oder liegt bei Ackermann ! Sein erstes Gefühl war an die Mutter . Sie ist todt ! sagte er . Ich Unglücklicher ! Was kann dieser Brief so Jammervolles enthalten ? Starb sie , während du tändeltest ? Was sollst du thun ? Er durchlas wohl zehnmal den kurzen flüchtigen Brief des Bruders , dessen Ton vollkommen auf die Möglichkeit paßte , daß er ihm in dem verlornen das Erschütterndste , das Herbste mitgetheilt hatte ... Zu seinem Trost kam wenigstens Oleander mit der Botschaft nach Schönau , daß Ackermann einen Brief für ihn wirklich empfangen hatte , den Jener in der Voraussetzung , Siegbert kehre nach Randhartingen wieder zurück , deshalb nicht mitschickte , weil Siegbert , wie man wohlwollend und gütig gesagt hatte , ihn selbst im Ullagrunde abholen sollte . Sie sehen , wie warm Ackermann für Sie empfindet , schloß Oleander . Freilich , hätt ' er ahnen können , was diese Zeilen vielleicht enthalten ... Siegbert war in einer Stimmung , die ihm unmöglich machte , irgend eine der vielen freundlichen Einladungen anzunehmen . Am liebsten wär ' er gleich nach der Residenz zurückgereist und doch war diese Entfernung dreimal weiter als die nach dem Ullagrunde . Er wußte nicht , was er vorziehen sollte ! Der Gedanke , daß seine Mutter gestorben , stand ihm so fest , daß seine Augen nicht mehr trocken wurden . Er aß nicht , er lag zusammengekrümmt und weinte . In der neuausgebauten Kirche , die am folgenden Morgen trotz der Kälte dicht mit Menschen überfüllt war , hingen die von ihm wiederhergestellten Bilder . Der Geistliche des Ortes predigte . Nach der Predigt sollte ein großes Festmahl sein . Von diesem schloß sich Siegbert und ihm zu Liebe auch Oleander aus . In die Kirche aber ging er mit zerknirschtem Herzen . Glücklicherweise war die Predigt trocken und löste ihn nicht so auf in Wehmuth , wie der Ton der Orgel und der Gesang der Gemeine . Seit des Vaters Tode hatte er keine Kirche mehr besucht und nun er zum ersten male wieder unter Andächtigen mit einem räthselhaften dunklen Schicksal saß , fühlte er , nur ihr Tod , sonst konnte nichts eingetroffen , nichts Anderes geschehen sein ... Da sein Zustand Niemanden entgehen konnte , so billigte man mit dem größten Bedauern , daß er gleich nach der Feierlichkeit und einem kleinen ihm von der Ortsbehörde gewidmeten Frühstück sich in den Schlitten setzte , mit dem Oleander gestern gekommen war . Auch die schnelle Entfernung des jungen Vikars , der ihn durchaus begleiten wollte , that Allen leid . Gegen Mittag , während es wieder zu schneien anfing , fuhren sie ab . Während der durch den frischgefallenen Schnee beschwerlichen Fahrt erzählte Oleander , um Siegbert zu zerstreuen , von seiner Jugend , seinen bisherigen Lebensschicksalen . Wie er der Sohn armer Eltern im Würtem-bergischen wäre , die Beide nicht mehr lebten , wie er sich mühsam hätte emporarbeiten müssen und das Meiste schwerer und steiler gefunden hätte , als er anfangs dachte . Er wäre durch eine Hauslehrerstelle nach dem Norden gekommen . Auf der Universität hätte ihn anfangs auch jene Theologie am meisten angezogen , die die modische , von der Regierung beschützte war . Doch hätt ' er sich ihr abwenden müssen , da ihm sein poetischer Sinn dabei verkümmerte . Diesen hätten schon früh Lehrer und Freunde gepflegt und befördert , aber er wäre dabei so glücklich gewesen , niemals Überschätzer und ebensowenig Unterschätzer zu finden . Am nachhaltigsten hätte auf ihn ein Freund gewirkt , der musikkundig war und seinen Versen Klänge unterlegte . Da hätt ' er bald erkannt , was die Seele ergreife und befriedige . Ach , schloß er , wir sind in Todeserinnerungen ! Auch Der ist hin ! Sein ganzes Leben war Harmonie . Er verklang so in das große All ' , das doch wohl das irdische Nichts ist ! Oft hör ' ich ihn in den Lüften um mich her säuseln ! Je einsamer , desto näher . Wenn ich allein bin , hör ' ich den Ton seiner Geige oder er summt am Klavier eine Melodie . Und was ich dichte , das muß gleich so sein , als säng ' es mir mein Wilhelm ! So verkling ' ich in ihm und er klingt in mir . Siegbert konnte sich zu dem Leide , das er erwartete , nicht feierlicher vorbereiten . Seine Augen weinten ; aber den Trost , der sie trocknen konnte , fühlte er schon sich nahen bei des Gefährten sanften Worten . Der Vikar erzählte dann , wie er in der Residenz und auf dem Lande lange als Hauslehrer hätte wirken müssen , wie er zur Heimat hätte zurück wollen , dann sich aber einer Begünstigung seines verlassenen Schicksals zu erfreuen gehabt hätte , als er mit Propst Gelbsattel bekannt wurde . Er gab ihm das Zeugniß eines geistreichen , umsichtigen , anregungsfähigen , nur zu ehrgeizigen Mannes , mußte aber zu seinem Kummer gestehen , daß den Ausschlag für ihn nicht die Anerkennung seines etwaigen Verdienstes , sondern der Glaube gegeben hätte , er interessire sich für eine der Töchter des Propstes . Bekannt mit dem Sohne desselben , sagte er , kam ich in sein Haus und war auf seine Schwestern prüfend aufmerksam . Ich habe in mir den stillen Vorwurf , daß man vielleicht glaubt , wenn dies Vikariat für Guido Stromer vorüber ist , würd ' ich zurückkehren und mich um die älteste Tochter des Propstes bewerben . Und wie weit bin ich davon entfernt ! Siegbert kannte diese jungen Damen von der Weinlese bei Adele Wäsämskoi und verglich sie mit Selma . Der Schmerz macht aufrichtig und lehrt uns , jede formelle Rücksicht leichter fahren zu lassen . Er konnte nicht umhin , mit kurzen Worten geringschätzig von den Gelbsattels zu sprechen und sie gegen Selma gehalten mit den Krähen zu vergleichen , die man eben auf den Feldern krächzen hörte . Oleander winkte Siegbert , auf den Knecht Rücksicht zu nehmen , der sie fuhr . Dieser hatte sich aber seinen Mantel so dicht über die Ohren gezogen , daß Siegbert voraussetzen konnte , von ihm nicht verstanden zu werden , wenn er mit leiserer Stimme fortfuhr : Wie würde Ihr Gemüth leiden , wenn Sie in die Lage kämen , mit solchen in Glanz und Ansprüchen auferzogenen Mädchen in Verbindung zu kommen oder wol gar ihnen verdanken zu müssen , daß Sie Beförderung erhielten ! Ich kenne diese Mädchen . Sie sind wie jetzt die meisten . Entfernt von jeder Idealität und nur der raffinirtesten Geselligkeit hingegeben . Theater , Putz , Bälle sind die Gegenstände ihres Gesprächs . Welch ' ein Engel dagegen Selma ! Wie lieblich die jungfräuliche Erscheinung ! Wie klug dies Auge und wie träumerisch zuweilen jene Blicke , die sie nicht beobachtet glaubt . Wer so zu scherzen weiß wie Selma , kann auch tief ernst sein . Sie hat eine Abneigung gegen mich und ich weiß nicht , gerade darin find ' ich einen Reiz , einen Werth mehr . Ich fühle , daß ich den Glauben eines reinen , unschuldigen Mädchens nicht mehr verdiene und ich bin gewiß , jemehr ich vielleicht ihr zu gefallen suchte , desto mehr misfiel ich ihr . Und doch - Oleander schüttelte traurig den Kopf ; denn Siegbert verrieth wohl , daß Selma Oleandern nicht liebte . Ich vermuthe fast , sagte Oleander mit Traurigkeit , daß sie irgend ein ihr theuer gewordenes Bild im Herzen trägt . Irgend ein Mann muß ihr einst begegnet sein , dem sie mit träumerischer Innigkeit nachhängt . Siegbert horchte auf ... Die Andeutungen seines Bruders hatte er nie für Ernst gehalten . Was zweifle ich noch daran ? Hat mir ' s denn der Vater nicht selbst bestätigt ? Wer könnte Das sein ? fragte Siegbert gespannt . Oleander fuhr fort : Kürzlich nach dem Mahle im Plessener Amtshaus sprach der Vater in einer abendlichen Dämmerungsstunde mit mir darüber , daß ihm Selma Sorgen mache . Dem jungen , von Louis Armand in sein Haus empfohlenen Mädchen , hätte sie sich mit einer Leidenschaft angeschlossen , die ihm verrathe , daß ihr das Bedürfniß der Hingebung mit mächtiger Gewalt innewohne . Er gerieth in eine so weiche , wehmüthige Stimmung , daß ich den Muth hatte , von meiner Liebe zu sprechen . Er reichte mir die Hand und dankte für meine Aufrichtigkeit . Geben Sie die Stunden bis zum Frühjahr , sagte er , dann kehren Sie doch wohl in einen andern Lebensberuf von Ihrem Vikariat zurück ! Bekämpfen Sie sich bis dahin ! Ich glaube nicht , daß Sie Hoffnung haben . Siegbert schwieg . Selma , fuhr Oleander mit leiser Stimme , da ihm der Knecht aufmerksam zu werden schien , und wehmüthig fort , Selma hat sich , wenn ich die Andeutungen des Vaters recht verstehe , in eine Neigung verloren , die eine unglückliche ist . Sie liebt , sagte mir Ackermann , wo sie nicht lieben darf . Entsetzlich ! setzte er mit fast heftiger Betonung hinzu und erhob sich in einer Aufregung , die mich verhindert hat , seither wieder auf diesen Gegenstand anders zurückzukommen , als in meinen einsamen Stunden , wo ich Selma Verse widme , die ich ihr nicht geben darf . Siegbert empfand die tiefste Theilnahme und mußte Oleander ' s Hand drücken . Er fühlte , daß diese Hand sehr groß , sehr mager , sehr knöchern war . Er kam jetzt erst darauf , ihn nach dem Eindrucke zu betrachten , den er äußerlich wohl auf ein junges Mädchen machen durfte . Er hatte ihn ganz nur nach dem Geiste beurtheilt . Nun sah er wohl , daß dieser edle Mann in einer unscheinbaren Hülle wohnte . Wie lang und hager war Oleander ! Wie starkknochig das Gesicht ! Wie erinnerlich wurde ihm seine nachlässige Haftung , seine Kleidung sogar wie unordentlich war sie stets ! Das lange Haar hing ihm schlicht unter der Mütze herab , die er tief über die klaren , durchsichtig glänzenden , fast zu offen am Tage liegenden Augen gezogen hatte . Den Hut hatte er vor sich auf den hohen , spitzen Knieen . Der Mantel war so abgetragen , als hätt ' er ihn schon auf der Schule benutzt . Alle diese Betrachtungen , an die sich Erinnerungen an Leidenfrost knüpften , erfüllten ihn mit Rührung und dennoch wünschte er , irgend einen Einfluß auf Selma zu besitzen , um ihr zu sagen : Sieh , Mädchen , Das ist deine Aufgabe , diesen Edelstein zu schleifen , seinen Werth von der günstigsten Seite an die Sonne zu bringen ! Laß ihn an dir auch für die äußeren Formen der Gesellschaft sich bilden ! Führe ihn sanft und liebevoll , wenn es muß mit erlaubtem stachellosem Scherze , auf die Erkenntniß Dessen , was ihm mangelt ! Bilde einen Menschen aus ihm , wie die Menschen eben sein sollen und laß dir ' s von ihm danken , daß du , seine Gottheit , sein zweiter Schöpfer wurdest ! Er dachte nicht daran , daß Dankmar mit Selma einst sich wirklich begegnen sollte und ernstlich von ihrem Bilde befangen war ... Das Schneegestöber hatte so zugenommen , daß der Schlitten erst gegen Abend sieben Uhr in Plessen eintraf . Es war eine große Aufopferung Oleander ' s , den neugewonnenen Freund , der inzwischen wieder in den stummen Schmerz der Erwartung eines bevorstehenden Unglücks verfallen war , noch bei solchem Wetter in den Ullagrund zu begleiten . Vor neun Uhr konnte man kaum dort , vor elf nicht zurück sein . Oleander gab indessen im Pfarrhause , wo man erstaunt war über seine frühe Rückkehr , eine Anweisung , in seinem Zimmer noch ein Bett aufzuschlagen . Ich muß Sie bei mir haben , Wildungen , sagte er , Sie mögen nun erfahren , was der Himmel Ihnen auch bescheert ... Siegbert gestand , wenn er den Tod seiner Mutter erführe , könnte er nicht bei Ackermann ' s bleiben . Die Fröhlichen würden unter seinem Jammer leiden , während Oleander sich schon früh gewöhnt hätte , auch den Schmerz der Trostlosen zu dulden . Ich glaube nicht , Wildungen , sagte Oleander , daß Sie auf etwas so Schlimmes gefaßt zu sein brauchen ; allein wenn ich rathe , dann lieber mit mir zurück zu fahren , so ist es deshalb , weil der Tod einer Mutter bei Selma Ackermann einen Kummer zurückruft , den der Vater noch oft bei ihr zu beschwichtigen hat . Die Pfarrerin war erstaunt über den Entschluß , so spät noch in den Ullagrund zu fahren . Sie lud die Männer ein , hereinzukommen , sich wenigstens zu erwärmen , zu stärken durch irgend einen Nachtimbis . Doch zogen Beide auf Zureden des Knechtes vor , jetzt im Zuge zu bleiben und bald ging das ermüdete dampfende Roß im Schnee mit seinem Glöcklein weiter . Bald nach acht Uhr entdeckten sie Licht in dem gefährlichen Dunkel des bahnlosen verschneiten Weges . Es kam von Ackermann ' s Hause , wo der Vater , Selma und Fränzchen still beisammen saßen im Scheine einer kleinen Cylinderlampe . Selma häkelte eine Weihnachtsgabe für Oleander , Fränzchen strickte , der Vater las in den Zeitungen und klagte über deren Inhalt , den er mit Bitterkeit auf Egon , als den Verschulder all ' dieser Verirrungen , schob . Es ist der doktrinäre Dünkel , sagte er eben halb für sich , der ihn ergriffen hat ! Es sind die Schulreminiscenzen aus Genf , mit denen schon Guizot die Franzosen so unglücklich machte ! Wer sagte nur diesem jungen unreifen Manne , der einen Staat zu regieren sich erdreistet , daß er es machen müsse wie alle diese Staatsthoren , eine Lehre , ein System , eine Theorie aufzustellen ! Dies unglückliche Europa ! Wenn man es von der reinen blauen klaren Höhe Amerikas aus betrachtet , kommt es uns vor , wie ein Nebelball , dessen erstickenden Dunstkreis einige Lichter spärlich erhellen . Welch ' ein Gewühl von Unsinn und Verbrechen ! Ehe nicht Europa sein Staatsleben vereinfacht und den Begriff des Staates sozusagen ganz aufhebt , Alles , was ein persönliches Interesse am Staatskram hat , abschafft , kommt kein Friede über diesen im Verscheiden begriffenen Erdtheil . Indem klingelte das Glöckchen des