er hatte recht gesprochen . Eine Woche später und Meister Schreiner hobelte schon die Lindenbretter , wie ' s Graf Leo gewollt , und am 27. Juli 1851 stand sein Sarg an derselben Stelle , wo damals , als die große Kutsche von Groß-Beeren her zurückgeschwankt war , seine Wiege gestanden hatte . Viele Freunde kamen , und sie begruben ihn auf dem Gröbener Kirchhof und gaben dem Platz ein Gitter . Eine Stelle daneben aber ließen sie leer : eine Ruhestätte für seine Witwe . Gräfin Emilie von Schlabrendorf geb . von Ryssel Diese Witwe war Gräfin Emilie von Schlabrendorf geb . von Ryssel . An sie ging jetzt Gröben über , in dem ihr noch , durch volle sieben Jahre hin , ein segensreiches Wirken gestattet war . In brieflichen Mitteilungen über sie find ' ich das Folgende : » Die Gräfin , wie sie kurzweg genannt wurde , war eine Dame von seltener Begabung und Bildung . Was Gröben durch drei Jahrzehnte hin war , war es , ohne den mitwirkenden Verdiensten anderer zu nahe treten zu wollen , in erster Reihe durch sie . Sie gab den Ton an , sie bildete den geistigen Mittelpunkt , und war – übrigens ohne schön zu sein – mit jener anmutenden Vornehmheit ausgestattet , wie wir uns etwa die Goethesche Leonore denken . Ihr Interesse wandte sich allen Gebieten des Wissens zu , was ihr aber , meines Erachtens , eine noch höhere Stellung anwies , das war ihre mustergültige Hausfrauenschaft und ihr unbegrenzter , auf Näh und Ferne gerichteter Wohltätigkeitssinn . Immer bereit zu helfen , war doch die gleichzeitig von ihr gewährte geistige Hilfe fast noch trost- und beistandsreicher als die materielle , so reichlich sie diese bot . Es konnte dies geschehen , weil ihr die seltene Gabe geworden war , den ihr aus der Fülle der Erfahrung beinahe mehr noch als aus der Fülle des Glaubens zu Gebote stehenden Rat immer nur in einer allerschonendsten Weise zu spenden . In Grundsätzen streng , war sie mild in ihrer Anwendung und überall richtete sie die Herzen auf , wo ihre vertrauenerweckende Stimme gehört wurde . Selbstverständlich eigneten einer solchen Natur auch erzieherische Gaben , und da ihre Ehe kinderlos geblieben war , so war nichts natürlicher , als daß sie – wie zur Erprobung ihrer pädagogischen Talente-Kinder , namentlich junge Mädchen , ins Haus nahm . Es waren dies Töchter aus achtbaren aber einfach bürgerlichen Häusern , und ihr Erziehungstalent erwies sich in nichts so sehr , als in der Art und Weise , wie sie diese jungen Mädchen an allem , was das Haus gesellschaftlich gewährte , teilnehmen ließ und sie doch zugleich für die Lebensstellungen erzog , in die sie , früher oder später , wieder zurücktreten mußten . Es gelang ihr , ihren Pfleglingen eine Sicherheit im Auftreten und in den Formen zu geben , ohne daß infolge davon der gefährliche , weil so selten zu Vorteil und Segen führende Wunsch in ihnen aufgekeimt wäre , die bescheidenere Geburtsstellung mit einer anspruchsvolleren zu vertauschen . All das , ohne jemals durch Hervorkehrung dessen , was man Standesvorurteile nennt , auch nur einen Augenblick verletzt zu haben . Es war ihr eben einfach die Gabe geworden , in Liebe den Glauben zu wecken : › in allem lebt Gottes Wille , und wie es ist , ist es am besten ‹ « . So die Mitteilungen solcher , die die Gräfin noch persönlich gekannt haben . Aber eines vermiss ' ich darin : ein Hervorheben dessen , was ihr , ich will nicht sagen ausschließlich oder auch nur vorzugsweis , aber doch jedenfalls mitwirkend ihren Einfluß sicherte . Dies war ihr Katholizismus . Zunächst ihr Katholizismus als einfache Tatsache . Wer ein Auge für diese Dinge hat , dem kann es nicht entgehen , daß der Katholizismus , all seiner vielleicht berechtigten Klagen und Anklagen unerachtet , eine nach mehr als einer Seite hin bevorzugte Stellung unter uns einnimmt , und zwar am entschiedensten in dem Gesellschaftsbruchteile , der sich die » Gesellschaft « nennt . Es geht dies so weit , daß Leute , die sonst nichts bedeuten , einfach dadurch ein gewisses Ansehen gewinnen , daß sie Katholiken sind . Wie gering ihre sonstige Stellung sein mag , sie werden einer Art Religionsaristokratie zugerechnet , einer Genossenschaft , die Vorrechte hat und von der es nicht bloß feststeht , daß sie gewisse Dinge besser kennt und weiß als wir , sondern der es , infolge dieses Besserwissens , auch zukommt , in eben diesen Dingen den Ton anzugeben . Also zu herrschen . Unserer Gräfin Herrschaft aber verdoppelte sich und wurd ' erst recht eigentlich , was sie war , aus der weit über die bloße Tatsächlichkeit ihres Katholizismus hinausgehenden schönen und klugen Betätigung desselben . Sie war eine strenge Katholikin für sich , in der Berührung mit der Außenwelt jedoch , insonderheit mit der ihr in gewissem Sinne wenigstens unterstellten Gemeinde betonte sie stets nur das , was beiden Konfessionen das Gemeinschaftliche war , und übte die hohe Kunst einer Religionsäußerung , die der eigenen Überzeugung nichts vergab und die der an dern nicht kränkte . Sie hatte dies am sächsischen Hofe gelernt und zeigte sich beflissen , diesem Vorbilde schöner Toleranz in allen Stücken nachzuahmen . Es geschah dies in einer ganzen Reihe von Guttaten und kleinen Stiftungen , am erkennbarsten in dem einem Neubau gleichkommenden Umbau der lutherischen Gröbener Kirche , den sie , von der Vorahnung erfüllt , daß sie das Ende desselben nicht mehr erleben würde , durch Kapitalsdeponierungen sicherstellte . Den 2. September 1858 starb sie , sechzig Jahre alt , und wurde , den dritten Tag danach , ihrem ausdrücklichen Willen gemäß , auf dem protestantischen Kirchhofe der Gemeinde beigesetzt . Gröben selbst aber fiel an die Schwägerin der Gräfin , an die noch lebende Schwester des bereits 1851 verstorbenen Grafen Leo . Frau Johanna von Scharnhorst , geb . Gräfin von Schlabrendorf Diese noch lebende Schwester des Grafen Leo war Frau Johanna von Scharnhorst , geb . Gräfin von Schlabrendorf . Sie trat ihr Erbe ( Gut Gröben ) an und da sie , wie weiterhin erzählt werden wird , einige Jahrzehnte vorher auch in den Besitz von Siethen gekommen war , so waren jetzt beide altschlabrendorfschen Güter wieder in den Händen einer geborenen Schlabrendorf vereinigt . Freilich nur auf kurze Zeit . Ein Jahr nur von 1858 bis 1859 . Eh ' ich aber von diesem Wiederaufgeben des Gesamtbesitzes spreche , sprech ' ich , zurückgreifend , über den Lebensgang der Frau von Scharnhorst bis zu jenem Zeitpunkte ( 1858 ) , wo Gröben ihr zufiel . Komtesse Johanna wurde , wie schon hervorgehoben , am 22. April 1803 aus der zweiten Ehe des Grafen Heinrich von Schlabrendorf , die derselbe mit einem Fräulein von Mecklenburg geschlossen hatte , geboren . Es scheint , die Mutter starb früh und überließ Erziehung und Fürsorge dem exzentrischen Vater , der sich dieser Aufgabe denn auch auf seine Weise , d.h. widerspruchsvoll unterzog . Er liebte die Kleine schwärmerisch und duldete beispielsweise nicht , daß sie von jemand anderem als von ihm oder einer ihr beigegebenen Bonne berührt wurde . Sollte sie spazierenfahren , so stand er bereit , um ihr kavaliermäßig die Hand zu reichen , oder sie , solange sie noch klein war , in den Wagen hineinzuheben . Aber diese Galanterien erfuhren doch auch wieder Ausnahmen und waren jedenfalls von nicht allzu langer Dauer . Als die Reisepassion über ihn kam , schwand ihm die Lust , sich um das Komteßchen noch weiter zu kümmern , und er begnügte sich von nun an damit , sie nach hierhin und dorthin in allerlei Pensionen zu geben , am liebsten in ländliche Pfarrhäuser , in denen oft die wunderlichsten Zustände herrschten und Albernheiten und Unpassendheiten um den Vorrang stritten . Aber all dies berührte sie wenig , und glücklichere Tage kamen , als der alte Graf mehr und mehr zurücktrat , und die mütterliche Verwandtschaft der immer reizender werdenden Komtesse sich dieser anzunehmen begann . In Sommerzeit war sie mit in den Ostseebädern , am häufigsten in Doberan , und in einer Vierschimmel-Equipage ging es dann über die Felder hin oder auch wohl bis an den Heiligen Damm , wo zweierlei gleich wichtiges und gleich großes zu sehen war : der Hof und das Meer . Aber dies alles liegt unbestimmt zurück und klarere Bilder treten uns aus dem Jugendleben der Gräfin erst von dem Tag an entgegen , wo sich die gesamte Familie , Geschwister und Vetterschaft , in Trier zusammenfand , um im Hause des alten General von Ryssel die Vermählung zwischen Emilie von Ryssel und Graf Leo von Schlabrendorf zu feiern . Unter den Schlabrendorfs , die mit erschienen waren , war auch Komtesse Johanna , damals erst siebzehn Jahr alt , und der alte Spruch sollte sich bei dieser Gelegenheit aufs neue bewahrheiten » auf jeder Hochzeit eine neue Verlobung « . Ihr Tischnachbar war August von Scharnhorst , Rittmeister in dem damals zu Trier in Garnison stehenden 8. Ulanenregiment , und ungefähr um dieselbe Zeit , in der Graf Leo das schwiegerelterliche Haus in Trier aufgab , um das kurz zuvor erstandene Gröben zu beziehen , erfolgte die Verlobung und bald danach auch die Verheiratung des tischnachbarlichen Paares : des Rittmeisters August von Scharnhorst und der Komtesse Johanna von Schlabrendorf . Aber auch die Tage dieses Paares waren in Trier gezählt . Wie Gröben , so geriet auch Siethen , das seine Besitzer innerhalb der letzten dreißig Jahre mehrfach gewechselt hatte , mal wieder zu Verkauf und Graf Leopold , als er davon hörte , fragte sofort bei Schwester und Schwager an , » ob sie vielleicht geneigt seien , das plötzlich wieder frei gewordene Siethen käuflich an sich zu bringen ? « Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde die Frage wahrscheinlich mit einem » Nein « beantwortet oder noch viel wahrscheinlicher gar nicht gestellt worden sein , in Trier aber lagen die Dinge bereits außerhalb des Gewöhnlichen , indem August von Scharnhorst durch einen Sturz vom Pferde sich sehr erheblich und zwar bis zur Dienstunfähigkeit verletzt , auch infolge davon sein Entlassungsgesuch bereits eingereicht hatte . So wurde denn freudig zugestimmt und 1825 der Ankauf von Siethen bewerkstelligt , das nun – so wenigstens ging der Plan – für das junge Scharnhorstsche Paar eine gleich glückliche Heimstätte werden sollte , wie das Schwesterdorf Gröben es für das Schlabrendorfsche bereits war . Aber dieser Plan scheiterte . Des um diese Zeit bereits als Major aus dem Dienste geschiedenen Rittmeisters von Scharnhorst gesundheitliche Störungen waren größer als geglaubt , er kränkelte viel , und schon ein halbes Jahr nach Übernahme des Gutes starb er in Berlin ( Oktober 1826 ) , wohin er sich in ärztliche Behandlung begeben , und ließ in Siethen ein kaum einjähriges Töchterchen und eine dreiundzwanzigjährige Witwe zurück . Ein hartes Los war dieser gefallen . Und doch hatte sie dreierlei , was ihr das Leben allmählich wieder lebenswert machte : das Kind , die Schwägerin drüben in Gröben und als drittes den Wetteifer mit dieser in allen guten Werken . Im Beglücken anderer erhob sie sich zu neuer Kraft , und als die Tochter ( auch eine Johanna ) zu jedermanns Freude heranwuchs und immer mehr das Licht ihres Lebens wurde , da kam ihr auch ein Gefühl des Glückes wieder und in und mit ihm die Hoffnung , die mehr ist als das Glück . Aber diese Hoffnung erblaßte vor der Zeit und schwand endlich hin für immer . Die Tochter erkrankte , von einem hitzigen Fieber befallen , und starb im schwäbischen Wildbad , wohin sie sich in Begleitung ihrer damals noch lebenden Gröbener Tante begeben hatte . Das war im Herbst 1857 . Untröstlich war die Mutter , die nun in Einsamkeit den Rest ihres Lebens durchlebte . Eh ' ich aber diesen Lebensausgang schildere , versuch ' ich zuvor ein Bild der zu früh heimgegangenen Tochter zu geben . Johanna von Scharnhorst ( Nach Aufzeichnungen einer Kaiserswerther Diakonissin ) Johanna von Scharnhorst war eine Mariennatur . Ihre Erscheinung schon gewann die Herzen und war der Ausdruck selbstsuchtsloser Güte . Mutter und Tochter glichen sich in diesem Punkte vollkommen und leben , um dieser selbstsuchtslosen Güte willen , in der Erinnerung der Gröben-Siethener Gemeinde fort . Im Oktober 1854 kam Fräulein Johanna nach Kaiserswerth , um Diakonissin zu werden . Was sie dazu bestimmte , waren zunächst wohl unerfüllt gebliebene Hoffnungen , Enttäuschungen , über die sie sich nur einmal , in Andeutungen wenigstens , zu mir aussprach ; aber weit über eine solche nächste Veranlassung hinaus ruhte der eigentliche Grund zu diesem Schritt in ihrer ganz auf Barmherzigkeit und Liebe gestellten Natur . Sie war , wie wenige , zum Diakonissendienste bestimmt . In ihrer ersten Jugend schon , so hört ' ich später , nahm sie sich der Armen und Verlassenen an , und wenn sie durch das Dorf ging und die Kinder mit stumpfem Gesichtsausdruck in der Haustür sitzen sah , sagte sie : » Die Kinder sehen aus , als ob sie keine Seele hätten . Wie helf ' ich ihnen ? « Es war wohl ein Erinnern daran , was sie jetzt , nach einem schmerzlichen Erlebnis , unserer Kaiserswerther Anstalt , deren Einrichtung und Dienst sie kennenlernen wollte , zuführte . Noch entsinn ' ich mich des Tages als sie kam . Ich empfing gleich den Eindruck von ihr , etwas so Lieblichem noch nie begegnet zu sein , und wurde nicht müde , sie anzusehen . Auch weiß ich noch , daß ich in allen Briefen an die Meinigen immer nur von ihr erzählte , trotzdem sie noch kein einzig Wort zu mir gesprochen hatte . Sie trat als Pensionärin ein , beschränkte sich jedoch nicht , wie diese sonst zu tun pflegen , auf Krankenpflege , sondern griff überall ein ; sie nahm teil an den Stunden der Seminaristinnen , war in der Kleinkinderschule tätig und wirkte mit im Asyl . Ihre Hauptarbeit freilich gehörte den Kranken und hier stand sie bald einzig da . Sie war unermüdlich , daneben freundlich und fröhlich , und schon ihre bloße Nähe beglückte . Nach Ablauf eines Jahres kehrte sie von Kaiserswerth nach Siethen zurück , um daselbst ein Kinderasyl ins Leben zu rufen . Ein in dem reizenden Uetz bei Potsdam befindliches Haus , darin schon zwei Kaiserswerther Diakonissinnen in Tätigkeit waren , sollte zum unmittelbaren Vorbilde genommen werden . Und dies geschah auch . Es war aber ein schweres Beginnen , am schwersten infolge von allerlei Kritik , die das Unternehmen gerade von befreundeter oder doch halb befreundeter Seite her zu erfahren hatte . » Das solle Hilfe sein « , hieß es , » aber es sei keine . Für die Tagelöhner sei nun mal das beste , wenn ihre Kinder auch wieder aufwüchsen wie sie selber aufgewachsen seien . Und was die Mütter angehe , so taug ' es nichts , ihnen die Sorge für ihre Kinder abnehmen zu wollen . « All dies traf um so tiefer , als ihm ein Teil Alltagswahrheit zur Seite stand , aber sie kämpfte treu gegen alle laut werdenden Zweifel an , besonders auch gegen die eigenen , und rang sich immer wieder zu dem schönen Glauben durch , daß sich ihr Wunsch mit dem Willen Gottes vereinige . Ich hatte das Glück gehabt , ihr in den letzten Monaten ihres Kaiserswerther Aufenthaltes näher zu treten , und so kam es , daß sie mich bei sich zu sehen wünschte . Sie schrieb in diesem Sinne von Siethen aus an Pastor Fliedner und ich selbst erhielt einen Brief , aus dem ich hier folgende Stelle gebe : » Nichts ist schwerer , als in Einfalt des Herzens bleiben ; es muß vor allem erbeten werden , und das wollen wir treulich für einander tun . « In diesen wenigen Zeilen spricht sich ihr allereigenstes Wesen aus ; sie hatte von dieser Herzenseinfalt mehr denn irgendwer , den ich kennengelernt , aber freilich zugleich auch die vollkommenste Demut und sah in sich nichts von all dem Schönen und Bevorzugten , das ihr durch Gottes Gnade so reichlich zuteil geworden war . Es war ihr eben Bedürfnis , andere Menschen höher zu stellen als sich selbst , und nichts lag ihr ferner als die Vorstellung , daß sie selber ein Vorbild sei . Ich durfte der an mich ergangenen Aufforderung folgen und traf noch zur Einweihung der Anstalt in Siethen ein . Es war zur Begründung derselben ein Müllerhaus angekauft worden , dessen Besitzer , ein streng kirchlicher Mann , einige Jahre vorher nach Amerika ausgewandert war . Alles gedieh in diesem seinem ehemaligen Heim , und als er nach einiger Zeit davon hörte , schrieb er zurück : » Wie freut es mein altes Herz , daß meine vier Wände nun die Heimstätte für so viel Gutes geworden sind . « Und er rief den ferneren Segen Gottes dafür an . Ich sagte , daß ich noch zur Einweihung eintraf . Diese fand im August statt . Es war ein schöner Tag und der Geistliche sprach über die Wichtigkeit unseres Berufes , und daß dieser » Beruf des Erziehens zu Gott « ein Glück und eine Ehre für uns sei . Von der Gemeinde fehlte niemand und unter den erschienenen Gästen war auch Agnes von Scharnhorst ( eine Cousine Johannas ) und der Verlobte derselben , Baron von Münchhausen . Als Schlußgesang war Johannas Lieblingslied gewählt worden , und während die Kinderstimmen es intonierten , wurde sie , der es galt , tief bewegt und sie weinte lang und schmerzlich . Gedachte sie doch , wie sie mir später in vertraulichem Gespräche mitteilte , nunmehr zurückliegender Tage , deren Schmerz sich ihr in diesem Augenblick erneuerte . Sie nahm eben Abschied von manchem , was ihr lieb gewesen , und erbat sich Kraft und Mut und Ausdauer zu dem Wege , der nun dunkel vor ihr lag . Aber er hellte sich auf , dieser Weg , und es kamen auf eine gute Weile , wenn auch freilich nicht auf lange genug , jene glücklichen und gesegneten Tage , die der alte Müller für uns erbeten hatte . Mutter und Tochter wetteiferten alsbald und halfen überall . Es war ein frisches , fröhliches Arbeiten und ich konnte nach Haus und nach Kaiserswerth hin schreiben , » daß mir ein lieblich Los gefallen sei . « Wir hatten vorsorglich und ängstlich fast mit einer Kleinkinder- und Sonntagsschule begonnen , aber der Feuereifer beider Scharnhorstschen Damen konnte sich kein Genüge tun , und ehe noch viel Zeit ins Land gegangen war , war aus jenen ersten Anfängen auch schon ein Krankenhaus und bald danach auch ein Waisenhaus geworden . Unter den vielen Gaben , die Johanna für ihren Beruf mitbrachte , war auch die des Erzählens . Sie wußte Geschichten aller Art mit einer ihr eigentümlichen , zu Herzen gehenden Einfachheit vorzutragen und dabei jeden Ton zu treffen , am glücklichsten vielleicht den humoristischen . Es war eine Lust , ihr zuzuhören , wenn sie Grimmsche Märchen oder Glaubrechts hübsche Geschichte von Küppels Michel erzählte . Dieser heitre Zug , in den sich selbst ein Anflug von Ironie mischen konnte , sprach sich auch sonst noch in ihrem Wesen aus . Einmal hatt ' ich Urlaub in meine westfälische Heimat genommen , schrieb von dort her und erhielt alsbald einige Zeilen , in denen es hieß : » Es freut mich , daß Sie so treulich an unser kleines und einsames Siethen denken , von dem ich Sie nur noch bitte , den lieben Ihrigen kein allzu sibirisches Bild entwerfen zu wollen . « Sie kannte die komisch-falschen Vorstellungen , die man wenigstens damals noch in Süd- und Westdeutschland von der Mark Brandenburg unterhielt , und widerstand dem Anreize nicht , diese Vorstellungen zu persiflieren . Ja , sie hatte diesen humoristischen Zug , aber streuete doch nur ein weniges von Frohsinn und Heiterkeit über ihr Leben aus , und was sie , wenn wir über Feld gingen , am liebsten sah : ein weißes Mohnfeld mit ein paar roten Mohnblumen dazwischen – das war recht eigentlich sie selbst . Der Grundton ihrer Seele war elegisch und blieb es auch in ihrer glücklichsten Zeit . In dieser standen wir jetzt , in jenen Wochen und Monaten , die der Gründung der Anstalt unmittelbar folgten , und wie jegliches um uns her gedieh , so gedieh auch Fräulein Johanna selbst . Es erschien uns oft , als ob ihr unter immer neuer Arbeit auch neue Kräfte kämen . Sie sah frisch aus , frischer als sonst , und als nach einjähriger Tätigkeit ihr Geburtstag unter Teilnahme vieler lieber Gäste gefeiert wurde , flüsterte mir eine Nachbarin zu : » Wie blühend Johanna aussieht « . Und es war so . Freilich täuschten diese blühenden Farben und bargen recht eigentlich die Gefahr , aber noch waren wir ahnungslos und der Tag selbst verlief uns in ungestörter Freude . Die Kinder sangen ihre Lieder und weil Johanna selber nicht singen konnte , sagte sie scherzend : » Ich könnte böse sein , keine Stimme zu haben . « » Ach , du willst zuviel « , antwortete ihr ihr ehemaliger Lehrer und Erzieher in liebevollem Vorwurfe . » Man muß auch nicht alles haben wollen . « So vergingen die Stunden in schöner und gehobener Heiterkeit , was ihr aber im Laufe des Tages die größte Freude gemacht hatte , das waren ein paar Spätrosen gewesen , die man ihr , für den Geburtstagstisch , von den schon überschneiten Stämmen geschnitten hatte . Denn es war der 16. November . Und der Winter verging und der Frühling kam . Und als der Sommer da war , da war sie matt , so matt , daß sie , was sie sonst nicht kannte , zu klagen begann . Auch von ihrem Tode sprach sie häufiger und bestimmte , welches Lied an ihrem Grabe gesungen werden solle . So ging es durch Wochen und durch Monate hin . Aber freilich auch hoffnungsreichere Stunden kamen wieder und als im Juli die Tante Schlabrendorf in Gröben auf ärztlichen Rat ins Wildbad reiste , gehorchte Johanna gern dem Wunsche der alten Gräfin und schloß sich ihr als Begleiterin an . Anfangs erhielten wir nur gute Nachrichten , sehr gute sogar , und mit einer großen und beinah kindlichen Freudigkeit sprachen ihre Briefe von ihren Erlebnissen , auch von den Auszeichnungen und Ermutigungen , die man ihr hatte zuteil werden lassen . » Und so sehen Sie denn , wie viel Liebes mir begegnet ist . « » Aber « , so hieß es eine Woche später , » es sind auch schwere Tage für mich angebrochen ; ich habe sehen müssen , wie leicht es ist , mich aus der Sammlung heraus und in die Zerstreuung hinein zu bringen , und wie lieb ich noch die Welt habe . Die dunklen Tiefen unseres Herzens können uns ordentlich erschrecken , und ist kein anderer Trost als der einzig eine , daß Er , der diese Dunkeltiefen in aller Deutlichkeit erkennt , auch so viel Geduld und Liebe hat . « Und daran reihten sich dann Worte der Sehnsucht nach Siethen und dem ihr lieb gewordenen Wirkungskreise . Das war Anfang September . Aber schon am 6. hörten wir allerlei Beunruhigendes über ihr Befinden , und am 9. eilte Frau von Scharnhorst an das Krankenbett ihrer Tochter . Sie fand sie besser , als zu hoffen gewesen war , und ich empfing gleich danach einen Brief , der dies bestätigte : » Johanna ist noch recht schwach , aber alles Fiebers unerachtet ruhig . Meine Pflege besteht eigentlich in nichts andrem , als sie vor allem Störenden zu hüten . Ich sitze neben ihr und wehre die Fliegen und richte dann und wann ein beruhigendes Wort an sie . Bitten Sie Gott , daß er uns gnädig ist und seinen Willen tut nach seinem Rat und nicht nach unserem verkehrten Denken . « Und dieser Rat und Wille war , daß sie von uns genommen werden sollte . Wenige Tage , nachdem dieser Brief geschrieben , stellten sich heftige Fieberphantasien ein , in denen die Kranke wunderbare Gesichte hatte ; sie sah Gott und Christum und sprach mit ihnen , und nach einer dieser Erscheinungen sagte sie fest und freudig : » Und wenn du gefragt wirst , ob die Herrlichkeit des Herrn wirklich so groß sei , dann sage getrost und getreulich : ja . « Wir aber waren daheim mit unseren Gedanken unausgesetzt um sie , geteilt zwischen Furcht und Hoffnung . Und auch am 13. Oktober abends versammelten wir uns alt und jung wieder in der erleuchteten Kirche zu Siethen und beteten unter vielen Tränen um Erhaltung ihres teuren Lebens . Aber um eben diese Stunde ging ihre Seele in die ewige Heimat ein . Ihre Hülle wurde nach Siethen übergeführt und im Beisein vieler Hunderte von nah und fern begraben . Auch das alte Fräulein von Görtzke kam von Groß-Beuthen her herüber und sagte bewegt : » Es war doch ein reich gesegneter Tag , an dem sie auf diese Erde kam . « * Alles , was der Mutter noch an Lebensfreude geblieben war , war nun dahin , und das einfache Haus , das seitens der Tochter vor wenig Jahren erst zum Troste Verwaister gegründet worden war , es war jetzt wie mitgegründet für sie . Denn sie war auch verwaist , eine verwaiste Mutter , und der Tochter zu folgen der einzige Wunsch noch , der ihr Herz erfüllte . Sie sehnte sich nach Wiedervereinigung mit ihr und als der Todesjahrestag gefeiert werden sollte , sagte sie : » Mir ist , als ob wir heut ihren Geburtstag feierten . Ich fühle mich fremd und allein hier und möchte sie doch nicht wiedersehn auf dieser armen Erde . « Von Aufgaben war ihr nur noch eine geblieben : Ausführung alles dessen , was der Tochter einst ein Wunsch gewesen . Und sie begann damit . Aber eh ' ein Jahr um war , unterbrach ein neuer Todesfall das eben erst Begonnene : die verwitwete Gräfin Schlabrendorf starb und hinterließ ihr , der Schwägerin , das Gröbener Erbe . Dies hätte nun unter Umständen eine Freude sein können , aber es entsprach wenig den Frau von Scharnhorstschen Ansprüchen und Neigungen , und von dem Augenblick an fast , wo sie das Erbe hatte , beschäftigte sie der Wunsch , es wieder los zu sein . Sie fühlte sich durch dasselbe nicht gefördert und gehoben , sondern nur beengt und gebunden in dem , was ihr einzig und allein noch in der Seele lag , und so kam sie zu dem Entschlusse , beide Güter zu verkaufen . Aber an wen ? » Nur an einen Wohlhabenden « , so schrieb sie , » der meinen braven Leuten , wenn sie des Beistandes bedürftig sind , diesen Beistand auch leisten kann und leisten will – nur an einen wohlhabenden Mann von ehrenwerter und frommer Gesinnung will ich die Güter verkaufen , ohne Rücksicht auf einen höheren oder geringeren Preis . « Einen solchen Käufer glaubte sie schließlich in Herrn von Jagow-Rühstaedt , Erbjägermeister der Kurmark Brandenburg , gefunden zu haben , der denn auch , nach längeren Unterhandlungen , die beiden Güter für die Summe von 120000 Talern an sich brachte . Sie selbst erhob nur noch den Anspruch : in Gröben das Herrenhaus beziehen und es auf Lebenszeit als ihren Witwensitz ansehen zu dürfen . Diese Bedingung wurde gern erfüllt und im Frühjahr 1860 erfolgte Frau von Scharnhorsts Übersiedelung aus dem Herrenhause zu Siethen in das zu Gröben . Es wurd ' ihr sehr schwer , dieser Umzug und Ortswechsel , und ich finde darüber in einem mir vorliegenden Schwesternbriefe das Folgende . » Frau v. S. ließ mich rufen , und wir waren nun das letzte Mal in dem traulichen Siethner Herrenhause zusammen , in dem sie vierunddreißig Jahre lang in Segen gewirkt hatte . Sie war sehr ernst , las mit mir das zweiundvierzigste Hauptstück aus Thomas a Kempis Nachfolge Christi und rief dann ihre Leute herein , um sich von ihnen zu verabschieden . Alles weinte . Danach erhob sie sich , sah sich noch einmal in den alten Räumen um und ging endlich , meine Hand ergreifend , mit mir nach dem Asylhause hinüber . Da legte sie sich nieder und erst als sie wieder Fassung gewonnen hatte , fuhr sie nach Gröben , das nun , wider ihren Willen , ihr neues Heim geworden war . « In diesem lebte sie noch sieben Jahre , all jenen Aufgaben hingegeben , die die schöne Hinterlassenschaft ihrer Tochter Johanna bildeten . An die Stelle des alten Fachwerkhauses in Siethen , das fünf Jahre und länger als Zufluchts- und Pflegestätte gedient hatte , trat ein massiver Neubau , der den Namen » Tabea-Haus « erhielt , auf dem Kirchhof ebendaselbst entstand eine Grabkapelle nebst einer daran anschließenden geräumigen Leichenhalle , vor allem aber wurd ' ein Kapital angesammelt und deponiert , aus dem , nach Ablauf einer bestimmten Frist , ein Pfarrhaus und eine selbständige Siethner Pfarre gegründet werden sollte . Die Durchführung aller dieser Pläne bot ihr das , was ihr ein immer einsamer werdendes Leben überhaupt noch bieten konnte : den Trost und die Freude der Arbeit . Ebenso wuchs ihre Liebe zu den Kindern , deren Heiterkeit sie suchte wie der Fröstelnde die Sonne sucht . Endlich aber war die Stunde da , nach der sie sich seit lange gesehnt . » Als ich von Siethen herüberkam und ihre Hand faßte , kannte sie mich nicht mehr ; sie war ohne Bewußtsein . Der Geistliche las ihr , wie sie ' s in gesunden Tagen eigens gewollt hatte , Bibelsprüche vor , von denen sie den schönen Glauben unterhielt , daß