- Ich that , als könnte ich , da ich doch einmal bei Meister Pascarello in der Nähe war , bei dieser Gelegenheit , obgleich ich eine Herzogin war , auch wol mein Osterlamm selbst bestellen ... Hoheit , sagte er , warum sind Sie nicht zehn Minuten früher aus Ihrer Andacht erwacht ! Soeben hatte ich noch fünf Lämmchen , weiß wie Schnee , so unschuldig , daß sie die heilige Agnes mit in den Himmel hätte nehmen können ! ... Ich bedauerte ... Hätt ' ich diese Ehre geahnt ! fuhr er fort . Aber , den Heiligen sei Dank , die Kleinen kommen wenigstens in gute Hände und Gott segne , daß ihre Wolle dem Pascarello Ehre macht ! ... Wer erhielt sie denn ? fragte ich ... Der ehrliche Metzger zeigte über die Tiber hinweg und sprach : Wenn die Thierchen gebraten werden , Hoheit , einen solchen vornehmen Rost haben Sie doch nicht ! Ich glaube fast , der des heiligen Laurentius selbst wird dazu genommen ! ... Ich ahnte eine Bestimmung für die Kirche und Meister Pascarello erzählte mir noch eine Geschichte , die in Rom jedermann weiß ... Im Kloster der Nonnen , die man die » Lebendigbegrabenen « nennt , werden die Lämmer gezogen , aus deren Wolle die weißen , drei Finger breiten Schulterbinden , Pallien genannt , gefertigt werden , die Rom jedem neuernannten Bischof der Christenheit zuschickt ... Die Achselklappen zu den Uniformen der großen römischen Armee ... Die Lämmer können ihre zarteste Wolle nur jung liefern , werden nach der Schur geschlachtet und der Heilige Vater bewirthet mit dem Fleisch jährlich die zwölf Apostel , denen er die Füße wäscht ; es sind Arme , die zu dieser Ehre schon lange auf einer Liste verzeichnet stehen ... In dem Kloster sagte Meister Pascarello , muß ein Wolf hausen oder eine Wölfin - verbesserte er sich - ; denn ich habe die Ehre , des Jahres viel Lämmer dorthin zu liefern , mehr als in einem Jahr in der Christenheit Bischöfe sterben und neue gewählt werden ! ... Seltsam ! ... sagte ich gleichgültig und - betete mich wieder in meine dunkle Gasse bei Piazza Navona zurück , in der ich wohnte ... Ich erzählte diesen Vorfall einem Prälaten , der mich oft besuchte , obgleich ich ihn nicht mochte wegen seines giftigen und intriguanten Wesens ... Leider hatt ' ich ihm schon mehr von meinen Lebensverhältnissen vertraut , als ich hätte thun sollen ... Es ist der jetzige Cardinal Fefelotti , wie man weiß , der Feind Ceccone ' s ... Benno hatte diesen Namen als jetzigen Nachbar des Grafen Hugo in Castellungo heute nennen hören ... Auch wußte er , daß Olympia ' s Mutter im Kloster der » Lebendigbegrabenen « lebte ... Er fürchtete die Aufregung der Mutter und sagte : Laß es ! ... Du wirst mir noch oft erzählen können ... Eine solche Stunde kommt uns nicht so bald ! erwiderte sie seufzend ... In Rom ! ... Ich verlasse Wien ... sagte er ... Nein ! rief die Mutter leidenschaftlich , umschlang und küßte ihn ... Ich gehe nach Rom ... Heute noch ... Cäsar ! rief die Herzogin wie im Ausbruch des äußersten Schmerzes und - doch voll Freude ... Nach einiger Sammlung fuhr sie fort : Fefelotti machte eine schlaue Miene und sagte : » Daraus erkenne ich ja die Wahrheit eines Gerüchtes ! Monsignore Tiburzio könnte , mein ' ich , von dieser kleinen Wölfin leicht seinen Cardinalshut zerrissen bekommen « ... » Sie wissen « , setzte er hinzu , » daß Tiburzio im nächsten Conclave den Purpur erhalten wird « ... Die Züge Fefelotti ' s verzerrten sich noch häßlicher , als sie schon von Natur sind ... Ich sah , daß er über einen Plan brütete ... Ceccone war schon damals der mächtigste Mann in Rom ... Er hatte die Revolution gebändigt , die Carbonari verbannt oder eingekerkert ; man wußte , daß ihn eine Römerin , Lucrezia Biancchi , hatte ermorden wollen ... Olympia ist das Kind einer neuen Judith ! sagte Benno ... Alle Welt weiß es jetzt ... bestätigte die Mutter ... Aber damals noch nicht ... Der Generalinquisitor Ceccone schlug die Untersuchung des Mordanfalls einer jungen Wäscherin auf ihn nieder und brachte die Mörderin heimlich zu den » Lebendigbegrabenen « ... Das fanatische Mädchen , das ihre Ehre geopfert hatte um ihn zu tödten , kam dort nieder ... Olympia wurde im Kloster fünf Jahre alt ... Es war ein Kind der Sünde - ein Kind der Lüge , der Wollust , des Mordes ... Von solcher Wildheit des Blutes war sie , daß sie mit den kaum geborenen Lämmchen spielend oft eines erwürgte ... Das Opfern dieser Lämmer ist eine heilige Procedur , die am Fest der heiligen Agnes öffentlich vollzogen wird ... An der Wolle soll noch jetzt niemand eifriger spinnen , als die schon in der Geburt ihres Kindes vom nicht abgewarteten Milchfieber irrsinnig gewordene Lucrezia - ... Was ist Wahrheit ! klagte es tief schmerzlich in Benno ' s Gemüth ... Ein riesiges Gebäude steigt auf , ein stolzer Dom ... Die Pfeiler ragen wie über felsenfestem Grunde ... Die Wölbungen sind wie für die Ewigkeit berechnet ... In den Rissen wächst , mit buntestem Farbenreiz sie verdeckend , die Flora der Phantasie und des Gemüths ... Die heiligste Andacht nimmt diese weißen Pallien mit den vier schwarzen Kreuzen darauf als die Sinnbilder jenes verlorenen Lamms , das der gute Hirte gesucht - und wie macht sich das alles in Wirklichkeit ! ... » Rom blüht und gedeiht doch ! « hatte Hammaker beim Vorschlag eines neuen , » falschen Isidorus « gesagt - ... Die Mutter schien diesen schneidenden Contrast nicht nachzufühlen ... Die Römer nehmen , was von ihnen kommend die katholische Welt andachtsvoll verehrt , wie ihr tägliches Brot und als sich ganz von selbst verstehend ... Ich gönnte Fefelotti nicht den Triumph seiner Intrigue , fuhr sie fort ... In einer jener Anwandlungen von Thatkraft und Muth , die schon längst bei mir aufgehört hatten , schrieb ich an Monsignore Ceccone und warnte ihn , er möchte auf der Hut sein und aus dem Kloster eine gewisse - kleine Wölfin entfernen ... Die Visitation durfte ohnehin kein Kind im Kloster dulden ... Dann auch noch warnte ich ihn vor den unbesonnenen Plaudereien Pascarello ' s in Trastevere ... Ich hatte mich genannt und durfte nicht erstaunen , unmittelbar darauf den Besuch des Monsignore selbst zu empfangen ... Ich fand in Ceccone einen Mann von hinreißendem Benehmen , angewiesen auf die Gunst der Frauen ... Ich für mein Theil fühlte , daß ich nichts mehr für einen solchen Mann besaß , als höchstens etwas Verstand und das unendlichste Vedürfniß nach Beistand , das zuweilen die Menschen bindet , besonders wenn sie nicht gut sind ... Gefällig sein heißt bei vielen , nur seine Macht zeigen wollen ... So entdeckte sich mir Ceccone ganz , dankte für meine Theilnahme , warnte vor Fefelotti , der sein Feind seit frühester Jugend und schon von der Schule wäre , und machte mir den Vorschlag , daß ich einen Palast bezöge , den er für mich miethen wollte , wenn ich Olympia zu mir nähme ... Noch mehr ! Es wäre ihm lieb , sagte er , wenn ich ihr einen Namen , vielleicht von meiner Verwandtschaft gäbe ... Ich ging auf diese Vorschläge ein ... Ich gab Olympien den Namen , den ich in diesem rauhen und grausamen Lande zurückgelassen habe , Maldachini ... Den Grafentitel , den das Kind bekam , bezahlt man in Rom ... Principe Rucca ' s Urgroßvater war vor hundert Jahren ein Bäcker ... Benno horchte nur ... Meine Lage besserte sich ... Sie wurde glänzend ... Ceccone sammelte Schätze und hatte eine solche Liebe zu seiner Tochter , daß sie ihm , wenn wir noch in den Zeiten des » großen « Nepotismus lebten , eine Fürstenkrone werth wäre ... Die Krone des Prinzen Rucca entspricht nur noch der jetzigen Stellung des römischen Stuhls ... Aber die Zähmung der jungen Wölfin ist mir nicht gelungen ... Sie ist eine Blume , die aus Blut emporgesprossen ... Ihr Dasein verdankt sie einem Haß , der sich in Liebe nur verstellte ... Lucrezia Biancchi suchte die Bekanntschaft im Hause des Inquisitors durch eine Wäscherin , die für ihn arbeitete ... Sie begleitete diese , nahm ihr zuweilen die Uebergabe der Wäsche ab ... So begann ein Roman , den sie benutzte , um den Feind der jungen Freiheit Italiens wie Judith den Holofernes zu ermorden ... Wir haben ein schönes Land , aber - wilde Menschen ... Noch werden die Zeiten eisern werden ... Benno war zu ergriffen , um von den Brüdern Lucrezia Biancchi ' s , von den Oheimen der » Gräfin « , zu sprechen , von der Nähe des alten Professors Luigi ... Schlimme Stunden werden auch noch für uns allein kommen , mein Sohn ! seufzte die Mutter ... Olympia hatte nie einen Wunsch , der unerfüllt blieb ... Sie heirathet den Principe nicht , um seine Liebe oder seinen Namen zu haben , sondern nur , um eine Frau zu sein ... Dadurch erst gewinnt ein Weib größere Freiheit ... Mein Sohn , Rom hat keine Erziehung , keine Bildung - keine Tugend - ... Es hat nur Leidenschaft und Verstellung - Wir haben die Formen der Devotion ... Diese vertreten den öffentlichen Anstand ... Alles Uebrige ist die größere oder geringere Kunst der Verstellung ... Tugend ist nur da , wo die natürliche Empfindung sie zugleich mit hervorruft , oder nur da , wo sie schon die natürliche Begleiterin von Stolz und Liebe ist ... Ein Staat von Priestern , die unter einem unnatürlichen Gesetze leben , kann nichts anderes hervorbringen ... Ich habe es einmal erfahren , was ein in Rom entstandener freisinniger Gedanke kosten kann ... Ceccone neigt , wie das im Alter so geht , zu politischen Verbesserungen und ist in seinem innersten Herzen Italiener , ja mehr noch , Römer ... Olympia sowol wie ich arbeiten auf die Erhöhung Italiens - eine Zukunft , die ohne Bruch mit Oesterreich nicht denkbar ist ... Benno sah sich betroffen um ... Die Diener hätten hören können ... Schon näherte man sich den volkreichen Vorstädten ... Seine Besorgniß war ungegründet ... Fefelotti , fuhr die Mutter unerschrocken fort , der gleichfalls inzwischen Cardinal wurde , erhob sich wie die Schlange , die ein Fuß nicht ganz zertreten hat ... Diesen Winter war es ... Da begannen die Intriguen der immer mächtiger werdenden Jesuiten ... Ich sollte auf der Reise hieher , die schon lange zu Olympiens Ausbildung beschlossen war , die Anklage erhalten , die Gattin zweier Männer gewesen zu sein ... Zum Glück , wie ich hier wol sagen kann , starb der Kronsyndikus ... Aber die Intrigue ruhte nicht ... Wir haben uns der Feinde versichern müssen ... Ceccone versprach dem Al Gesù , seinen Befehlen zu gehorchen - ! ... Ja ! erwiderte die Mutter wie eine Römerin , die nur triumphiren wollte mit dem Berichte : Fefelotti ist gestürzt und in ein Erzbisthum verbannt ... Weit von Rom entfernt , im Piemontesischen , krümmt er sich jetzt , racheschnaubend , aber ohnmächtig ... Wir fühlen seine Hand nicht mehr ... Warum staunst du ? ... Benno unterdrückte seine Empfindungen ... In solche Umtriebe des Ehrgeizes machtbegehrender Priester mischt sich das Wohl der Staaten , die Freiheit der Völker , die Erleuchtung der Gewissen ! ... Die Mutter kam auf diese Vorstellungen nicht ... Sie sprach von Olympien ... Ihre ersten Lebensjahre wurde sie im Kloster verborgen gehalten ... Das Kloster liegt nicht einsam ... Man hatte Ursache , das Schreien des Kindes zu ersticken ... Man erstickte es durch Liebkosungen und die Gewähr jedes Wunsches ... Ein Nein ! gab es nicht bei Nonnen , die über eine Entdeckung zitterten ... Daß sie gleich anfangs eine Nonne aufnahmen , die Mutter wurde , machte die Habgier ... Ein Kloster ist bei uns für Wohlthaten und Geschenke , die man ihm spendet , zu allem fähig ... Diese Mönche und Nonnen gewöhnen sich so an die Vortheile , die ihnen die Besitzthümer ihres Klosters gewähren , daß sich die wunderbarste Einigkeit zwischen allen herstellt , wenn sie nur wissen : Das ist dein Antheil an dem gemeinsamen Gewinn ... Die Menschen der Entbehrung und Einsamkeit werden so ; sie handeln im Charakter eines Ameisenhaufens , der eine einzige Ameise voll Intelligenz ist ... Dem Kloster dann heimlich entführt und in meine Obhut gegeben , erlebte Olympia einige entschiedene Anwandlungen meiner Neigung , ihr eine Erziehung zu geben ... Der Erfolg war nicht ermunternd ... Lassen Sie das Kind sein , wie es ist ! sagte der zu einer Mischung von halb Trajan , halb Nero geborene Cardinal ... Nur ein Mensch von starkem Willen lebt siegreich in dieser halben Welt ! setzte er hinzu ... Oft sah ich mir in der Galerie Borghese das Bild an , das Rafael von Cäsar Borgia gemalt hat ... Ein Kopf wie ein Räuberhauptmann , voll schreckhafter Männerschönheit ... Macchiavelli machte aus ihm das Muster eines echten Fürsten ... So war Ceccone in seiner Jugend und Olympia ähnelt ihm ... Sie bekam schon als Kind galante Briefe und Gedichte von denen , die ihren Schutz begehrten ... Sie wählte sich selbst ihre Gesellschaft ... Sie ließ Schäferknaben von ihrer Hürde in der Campagna wegnehmen und in prachtvolle Kleider stecken , um mit ihnen spielen zu können ... Ebenso oft aber auch nahm sie ihre Gunstbezeigungen wieder zurück ... Ich hatte Scenen mit dem Cardinal voll äußerster Aufregung ... Er konnte so grausam sein und mir sagen : Madame , Sie sind die Kammerfrau einer Fürstin , nichts weiter ! ... Ich ertrug diese Ausbrüche des Dünkels und der Tyrannei , denn ich hatte zu viel gelitten und war angekommen an jenem schreckhaften Wendepunkt im Frauenleben , wo der Muth , die Hoffnung versiegt und uns die Angst vor dem Alter ergreift ... Benno drückte der Mutter die Hand und sprach : Trenne dich von dieser Welt und sei - ganz nur mein ! ... Wird das gehen ? sagte die Mutter schmerzlich lächelnd und - ablehnend ... Sie küßte seine Stirn ... Nein ! setzte sie in der That den Kopf schüttelnd hinzu ... Warum nicht ? ... lag in Benno ' s betroffenen Mienen ... Olympia hatte zum Glück die gute Eigenschaft , fuhr die Mutter ausweichend fort , daß ihr fester Wille zuweilen eine edle Sache ergriff ... Daß die Sache edel war , war dann nur ein Zufall ... Sie wählte immer nur diejenigen Standpunkte der Auffassung , die ihr der Zufall und eine persönliche Empfehlung boten ... So sind alle Vornehmen ... Brachte ein Pächter eine Bittschrift und hob ihr den Fächer auf , der ihr gerade entfallen war , so ruhte sie nicht , bis seine Wünsche erfüllt wurden ... Ebenso groß aber auch ihr Haß und ihre Rachsucht ... Einen jungen Geistlichen , der ihr die Beichte hörte , gab sie an , daß er sie im Beichtstuhl geküßt hätte ... Benno entsetzte sich ... Es war eine Lüge ... Sie führte diese Lüge mit allem Aufwand der Verstellung durch ... Der junge Priester hatte ihr einige Strafen auferlegt , denen sie sich nicht unterziehen wollte ... Der Unglückliche verdarb sein Schicksal vollends durch die seltsamste Grille von der Welt ... Er räumte ein , daß Olympia , damals vierzehn Jahre alt , recht gehabt hätte ... Es war ein Alcantarinermönch aus dem Norden Italiens , der der strengsten Regel der Franciscaner angehört ... Sie sah ihn eines Tages in der Sixtina und wollte ihn sofort zum Beichtvater ... Der Cardinal ließ den Pater Vincente aufsuchen und bestimmte ihn , in Rom zu bleiben ... Pater Vincente , bildschön , träumerisch von Natur , hatte durch seinen schweren Orden die Kraft der Nerven verloren ... Er erröthete bei jedem Wort , das man an ihn richtete ... Dennoch wurde er Olympia ' s Beichtvater und bezog das römische Kloster der Alcantariner ... Nach sechs Wochen endete dieser Roman in der Art , wie ich sagte ... Olympia rächte sich für seine Strenge und wollte ihm nicht länger beichten ... Sie log und alles sprach ihn frei ... Er aber - er hatte sich in der That in sie verliebt und gab etwas zu , was nur das Spiel seiner Phantasie gewesen sein mochte ... Er sagte : Ich habe sie geküßt ! 2 ... Der Unglückliche schmachtete fünf Jahre in einer Strafzelle der Alcantariner ... Olympia ist ein Teufel ! wallte es in Benno auf und es auszusprechen hinderte ihn nur der Gedanke an den Pater Sebastus und den Bruder » Abtödter « , die nach Rom zu den Alcantarinern geflüchtet waren ... Lucinde , Bonaventura traten vor sein irrendes Auge ... Die Mutter fuhr fort : Als Pater Vincente eingeräumt hatte , daß er Olympien im Beichtstuhl küßte , erschrak sie selbst und bereute nun ihre That ... Sie schrie und weinte darüber ... Sie lief zum Cardinal und warf sich ihm zu Füßen ... Sie küßte seine Zehen , was sie immer als Ausdruck der höchsten Schmeichelei für ihn thut , da sie so ausdrücken will , daß ihm die dreifache Krone beim Tod des Papstes nicht entgehen könnte ... Sie schwur , daß sie gelogen hätte und bat um die Freilassung des Priesters ... Der Cardinal that alles , was in seinen Kräften stand ... Aber Pater Vincente verharrte bei seiner Versicherung , er hätte sie geküßt und verdiene seine Strafe ... Da war bei seinem General nichts auszurichten ... Erst vor kurzem kam uns die Kunde von seinem Schicksal in Erinnerung ... Es war die Rede davon , daß neben Fefelotti , der jetzt auf seinem Erzbisthum Cuneo , auch Coni genannt , sich befindet , gerade auch das Bisthum Robillante frei geworden ... Man sagte , daß dem » schlechtesten Christen « eigentlich der » beste Christ « gegenüberzustellen wäre ... Ceccone dachte an einen Beaufsichtiger Fefelotti ' s , die andern an einen wirklich heiligsten Priester ... Der ist nicht zu finden ! hieß es allgemein ... Olympia besann sich eine Weile und sagte mit blitzenden Augen : Der beste Priester der Welt ist Pater Vincente bei den Alcantarinern ! ... Als man staunte , sagte sie : Ich stürzte ihn ins Unglück und er wollte für seine Gedanken büßen ! Macht ihn zum Bischof von Robillante ! ... Man ging auf den Plan ein . Um so mehr , als man erfuhr , daß dieser Bischofssitz in der Heimat des Paters Vincente liegt ... Er ist aus dem Thal von Castellungo gebürtig ... Castellungo ? unterbrach Benno ... Ein Thal am Fuße des Col de Tende im Piemontesischen ... Das Schloß von Castellungo gehört dem Grafen Hugo , von dem wir eben Abschied nahmen ! ... Die Mutter horchte auf und setzte hinzu : Ja , die Gegend ist ketzerisch ... Benno ' s Gedanken waren auf den » besten Priester der Welt « - auf Bonaventura gerichtet ... Pater Vincente , fuhr die Mutter fort , die seines hochgespannten Antheils gerade über diesen Vorfall staunte , hatte seine Schuld gebüßt und war vom General seines Ordens längst wieder in seinen alten Stand eingesetzt ; noch lebte er im Alcantarinerkloster , schlug aber die Ehre aus ... Er sagte , gerade vor jenem Thal von Castellungo wäre er geflohen ... So ist der Sitz noch unerledigt ... Vor jenem Thal wäre er - geflohen ? ... fragte Benno sinnend ... Wir erfuhren nichts davon durch Pater Vincente ... Andere erzählten , die Ketzer in jenem Thale hätten sein Gewissen verwirrt ... Vorzugsweise ein Eremit - ein Deutscher - Frâ Federigo ! rief Benno ... Den Eremiten Federigo kannte er von dem Nachmittag des vorjährigen Sommers , als Benno , Hedemann und Lucinde mit dem Gipsfigurenhändler Napoleone Biancchi zusammentrafen und den St.-Wolfgangsberg erstiegen ... Daß Bonaventura auch seinen Vater in dem Eremiten von Castellungo vermuthete , wußte er nicht , wenn er auch selbst zugab , daß Friedrich von Asselyn noch lebte ... Die Vision Paula ' s von diesem Winter war auch ihm bekannt geworden ; aber die Deutung , die ihr Bonaventura gegeben , war von diesem selbst schon aus Schmerz um seine Mutter nicht weiter ausgesprochen worden ... Das träumerisch ausgemalte Bild : Bonaventura - Bischof in jenem Thale , wo Paula vielleicht auf dem Schlosse die Herrin und die Gattin des Grafen Hugo wird - ! stand in magisch zauberhaftem Lichte einen Augenblick vor Benno ' s Auge ... Er sagte : O ich weiß einen Priester der Erde , der würdig ist , Fefelotti gegenüberzustehen ... Einen Vetter von mir , Bonaventura von Asselyn ... Ich nenn ' ihn Olympien und er hat den Bischofssitz ... sagte die Mutter ... Olympien ! ... Die Mutter wollte beginnen , von Olympiens Leidenschaft und dem Eindruck , den ihr Benno gemacht , zu sprechen ... Ihre Rede verhallte im Lärmen der jetzt wirklich erreichten Stadt ... Der Wagen durchflog die volkreichste Vorstadt ... Schon die vier Rosse allein machten auf dem Straßenpflaster ein Geräusch , das jede Verständigung im Wagen unterbrechen mußte ... Der ganze Schmerz , die ganze Freude des Erlebten fiel noch einmal auf die Herzen der beiden so wunderbar Verbundenen ... Die Herzogin riß an ihren Kleidern , in denen sie Angiolinens Haar verbarg , und rief : O mein Sohn ! Auch ich will nicht mehr leben ! ... Dann aber zog sie laut - fast lachend und wieder weinend den Sohn an ihre Brust ... Erschreckend vor den Blicken von Menschen , die hereinsahen , faltete sie die Hände krampfhaft gen Himmel und betete mit den Geberden einer Verzweifelnden ... Das ganze entfesselte Naturell der Südländerin machte sich geltend ... Oft schlug sie an die Stirn , als faßte sie nicht , was sie alles in diesen Stunden erlebt hatte ... Benno suchte sie zu beruhigen ... Der Graf , sagte sie , weiß nichts von den Gebräuchen unserer Kirche ... Erinnere ihn an die Seelenmessen ... Laß sie täglich lesen ! ... Täglich sehen wir uns dann bei diesen Messen und wären wir beide auch nur ganz allein zugegen ... In den Begegnungen mit Olympia und dem Cardinal freilich - unterbrach sie sich ... Mutter ! Wenn ich nicht offen deinen Namen bekennen kann , kann ich hier - dir nicht mehr begegnen ! rief Benno ... Cäsar - ! Cäsar ! rief die erregte Frau ... Aber , ich ahne , fuhr sie fort , du liebst und hast schon dein Herz vergeben - Es ist wahr , Olympia ist deiner nicht würdig ... Sie ist häßlich ... Nein , nur wenn sie haßt ... Sie ist schön , wenn sie liebt ... Sie liebt dich ... Sie gäbe den Principe hin ... Doch nein , nein ... Das darf nicht sein ... Benno sah , daß in seiner Mutter Verstand und Gemüth in stetem Kampfe lagen ... Sie sagte : Erweise dem Principe die Aufmerksamkeit , ihm heute zu Ceccone zu folgen ... Sei klug , sei vorsichtig mit Olympia ... Jeder Widerstand erhöht ihren Eigensinn ... Jetzt lad ' ich dich nicht ein , in den Palatinus zu folgen ... Nicht wahr ? ... Es war gewagt , daß wir dem Oheim nachkamen ? ... Olympia hatte keine Ruhe ... Der Principe Rucca deckt die Convenienz ... Wir haben tausend Verpflichtungen hier ... Auch die , daß wir die Vertreter der Heiligen sind ... Ich bin nie beim Cardinal ... Auch Olympia nie vor andern ... Der Cardinal kommt zu uns ... Morgen , mein Sohn ! ... Heute gehst du noch mit dem Principe ? ... Wir beide sehen uns so , wie wir fühlen - bei Angiolina ' s Seelenmetten ... Da knieen wir nebeneinander und sprechen , wie und was das Herz will ... Das ist auch ein Gebet und - ein Geheimniß kann auch süß sein ... Weiter konnte die aufs äußerste erregte Frau im überhasteten , eines ins andere drängenden Strom ihrer Empfindungen und Worte nicht kommen ... Schon hielten die vier in der Stadt zur letzten Anstrengung angestachelten Rosse in der belebtesten Straße Wiens nicht weit von dem » Monte Palatino « ... Benno hatte ganz bewußtlos geklopft - der Wagen hielt - der Mohr öffnete - Nun mußte er aussteigen ... Ein krampfhafter Händedruck - ein Gefühl in ihm : Zum ersten und zum letzten mal - Gruß und Abschied ? ... So stand er auf der Straße ... Der Wagen flog weiter ... Aus dem Traumreich kaum zu ahnender und doch so wirklicher Erlebnisse kehrte Benno in das rauschende Gewühl einer Stadt zurück , deren Bewohner - mitten unter solchen Verhängnissen - nur an den bunten Anschlagzetteln betheiligt schienen , die die Straßenecken bedeckten und zu Vergnügungen einluden ... Erreicht ! Erreicht , was du suchtest ! hätte er unter den tausend Menschen ausrufen mögen , die um ihn her gingen - fuhren - auf Rossen dahinsprengten ... Eine Schwester gefunden - und so verloren - ! ... Eine Mutter - Und auch sie ? ... Auch sie ! ... Da stockten seine Empfindungen ... Eine unendliche Bangigkeit bemächtigte sich seines Herzens ... Diese Mutter mußte er bewundern um ihres Geistes willen , ihrer Leidenschaft , ihrer Kraft ... Und doch - doch trennte ihn etwas von ihr , das er nicht nennen , nicht in klare Begriffe zerlegen konnte ... Sie wünschte aufs entschiedenste die Fortdauer des Geheimnisses ... Das konnte er an sich nicht übel deuten ... Wie war es auch möglich , daß sie durch Enthüllung sich selbst und ihn so gänzlich in ihren Lebensstellungen veränderte ... Aber diese schnelle Hülfe , die sie in der Verstellung , ja in der List fand ... Er sollte zu Ceccone ... Sollte diesem schmeicheln ... Er sollte Freundschaft halten mit dem Principe Rucca und ihn täuschen ... Er sollte sich den Launen Olympiens gefangen geben ... » Sie ist schön , wenn sie liebt « ... Und er mußte sich , bei aller Wärme seiner Erinnerungen an Armgart , sagen : Ja , wenn sie lächelt , sproßt der Frühling ... Er fürchtete sich , ihr wieder zu begegnen ... Ein Grauen befiel ihn , als er am » Stock am Eisen « vorüberging und , trotz der Lächerlichkeit der Erfindung , des Ahasver gedachte , der hier nach Percival Zickeles einen Nagel vom Kreuz des Erlösers eingeschlagen und dann die ewige Ruhe gefunden haben sollte ... Ruhe , Ruhe sollte auch dir nun werden ! sagte er ... Heute noch solltest du diesen Boden verlassen und entfliehen ! ... Du kennst deine Mutter ... sahst sie - ! ... Ist es denn möglich , mit ihr im Zusammenhang zu leben ... Deutete sie nicht selbst an , daß sie Schonung bedürfen - sie von deiner Seite anerkennen würde ? ... Deutete sie nicht an , daß ihr die Verbindung Olympiens mit dem Principe unerläßlich schien und du - du nur - störtest ? ... Die Vorstellung , daß er hier in Wien nicht länger bleiben konnte , daß er nicht die Kraft besitzen würde , eine solche Rolle der Verstellung durchzuführen , bildete sich ihm klar und fest aus ... Und fände sich auch , warf er sich ein , vielleicht die Kraft , so würde die Lust , sie zu üben , fehlen ! Die Freude über dich selbst , die Zufriedenheit mit dir bliebe aus ... Dein Stolz würde leiden ... So ging er , Trauer und Freude , Heimat und Fremde , Tod und Leben im Herzen , der Herrengasse zu , um ins Camphausen ' sche Palais die Unglücksbotschaft entweder zuerst zu bringen oder , wenn sie ihm schon vorangegangen war , sie zu bestätigen ... Sein Herz blutete und Alles ging heiter und sorglos an ihm vorüber ... Niemand las von seinen Mienen , was er Grausames erlebt hatte ... Sein Innerstes erfüllte sich so mit Wehmuth , daß er sich immer entschiedener und fester sagte : Du vermagst diese Kraft des Versteckens mit einem großen Geschick nicht über dich zu gewinnen ... Laß alles einen schönen Traum gewesen sein ! Fliehe ! Reiße dich noch heute los bis aufs künftige ! ... Der Mutter wird es ebenso sein ... In Rom dann - ! In Rom ! ... In der Herrengasse war das auf dem Schloß des Grafen vorgefallene Unglück schon bekannt ... Benno hatte es dem gesammten mit Bestürzung ihn umringenden Dienstpersonal mit allen Umständen noch einmal zu erzählen ... Mit erstickter Stimme ordnete er die Verhinderungen an , die nöthig waren , um die Gräfin , die jeden Tag eintreffen konnte , vom Vorgefallenen nicht zu jäh zu benachrichtigen .... Die Tischzeit bei den Zickeles war versäumt ... Auch würde Benno nicht die Stimmung gehabt haben , an einer gemeinschaftlichen Tafel theilzunehmen ... Er begnügte sich mit einem stillen Winkel in einer der schon dunkeln Nebenstraßen am Hohen Markt ... Sich verirrend kam er in die Currentgasse ... Er kämpfte mit sich , ob er zu Therese Kuchelmeister gehen sollte , der einzigen Seele , die nächst dem Grafen und der Mutter hier wol wahrhaft wie er mitfühlte ... Er mußte es aufgeben , aus Furcht - sich durch seine Thränen zu verrathen ... Als er in seine Wohnung zurückkehrte , wurde von den Zickeles aus zu ihm geschickt ... Die Unglückskunde hatte sich schon verbreitet ... Harry kam dann selbst , abgesandt , wie er sagte , von Theresen , die in Verzweiflung wäre ... Harry erhielt die Mittheilungen , die ihn fähig machten , von jetzt an bis Mitternacht jedem Vorübergehenden oder allen im Theater vor und neben ihm Sitzenden das Neueste mit der Versicherung zu erzählen : Ich war so gut wie selbst