empfand ein Grauen vor dem Gedanken , von einer solchen Frau sich etwas zum Genusse vorsetzen zu lassen . Danke ! sagte er kräftig und setzte mit Entschlossenheit den Hebel an die Erinnerung der Alten , indem er fortfuhr : Marzahn war so durstig und doch wollt ' er nicht ein Ende machen und heirathen . Warum , Frau Ursula , wollt ' er denn nicht heirathen ? Aber die Antwort auf diese Frage blieb aus . Die Ideenverwirrung der Alten war so eigenthümlich , daß sie kichernd zu Louis sagte : Bist schmuck ! Hast doch auch schon ein Mädchen ? Der Blinde lachte laut auf und machte den plumpen Scherz : Hei ! So war ' s recht ! Ja ! Es ist ein Freier für Dich , Ursula ! Der Dreizehnte , wenn Du willst ! Herr , sie wäre im Stande , noch mit Euch Hochzeit zu machen . Faßt ihr einmal an ' s Kinn ! Ich wette , sie hat mehr Haare am Kinn als Ihr unter der Nase ! Ich kann mir denken , fuhr Louis den Scherz nicht beachtend fort , ich kann mir denken , daß Eure Freier , Frau Ursula , gefragt haben : Wem gehört denn der kleine hübsche Junge da ? Ist das Euer eigner lieber kleiner Taugenichts ? Das ist ' s ! sagte Zeck . Sie hörten dann , fuhr Louis fort , das ist meines Bruders Kind . Was wollt Ihr ? sagtet Ihr . Es gehört dem Bruder ... Sie glaubten ' s aber nicht , fiel Zeck ein . Ursula hörte nur zu , wie wenn etwas ihr Wildfremdes besprochen wurde . Und zu sagen , von wem das Kind käme , wer die Mutter wäre , Das war durch einen Schwur verboten ? Und durch das Geld , das sie durchgebracht hat ! setzte Zeck grimmig hinzu . Da war ' s dann Euer Sohn - Doktor Lehmann ' s Sohn ! lachte Zeck . Murray schauderte , weil ihm von Wort zu Wort das Verhältniß ganz klar wurde . Und Marzahn war der schlimmste Eurer Freier ? fuhr Louis mit einer für Murray bewunderungswürdigen Kunst der Inquisition fort . Der wollte nichts wissen von Doktor Lehmann ' s Sohn ! O Das wäre der Teufel , sagte Zeck . Der verspielte ihr Geld und nannte sie dann , wie man Weiber nicht nennen soll , wenn sie ' s auch sind - Wegen dieses Kindes ? Nein Herr , da war ' s ja schon todt , als Marzahn an die Reihe kam . - Es war ein andrer - der Vierte , der Fünfte ... Wie alt wurde er denn , der kleine Wurm ? Ich denke , ein anderthalb Jahre - nicht wahr , Urschel ? Du nahmst es ja in die Stadt , als ich krank lag . Mir war schlecht damals , Herr . Als ich wieder Besinnung faßte , war Paul gestorben . Urschel , Du hast ja den Todtenschein von Paul . Gib ihn mal her ! Die Herren brauchen ihn . Paul soll erben . Wieviel denn , Herr ? Wol an zehntausend Thaler ! sagte Louis frischweg , um aus den halben Thatsachen herauszukommen . Zeck starrte . Seine Augen rissen sich groß auf . Hört sie wol ein Wort von Allem , was wir sprechen ? rief er zornig . Gib den Todtenschein vom Paul ! Paul Zeck ! Hörst Du nicht ? Ursula band sich ihr Tuch vor ' m Spiegel fester und nahm dabei eine Nadel in den Mund . Den Todtenschein vom kleinen Baron ! wiederholte Zeck , ihr in ' s Ohr schreiend . Ursula steckte ruhig die Nadel in das Kopftuch . Warum lacht Ihr , Frau Marzahn ? Ist der kleine Baron wirklich todt ? fragte Louis . Murray sah gespannt ... Die Schwester zeigte auf die dunkle Wiese unter dem kahlen Ebereschenbaum . Murray mußte aufstehen , weil er in der Nähe des Fensters saß und sich gern zurückgezogen hielt . Wo ist der kleine Baron ? wiederholte Louis . Ursula that , als suchte sie den kleinen Baron auf der Wiese und lachte dabei . Sie ist verrückt ! sagte Zeck . Im Sommer sagte sie einmal zu mir : Jakob , sagte sie , ich habe den Baron gesehen ; sie meinte unsern Bruder , und zeigte auf einen Baum , der da auf der Wiese stehen muß . Da hätte sie ihn im Mondschein gesehen . Louis und Murray fühlten , daß hier schwer , ja unmöglich eine vernünftige Auskunft zu finden war . Sie konnten daher nichts dagegen haben , daß der Blinde den Hammer nahm und an einen kleinen Schrank , der neben einer alten Uhr an der Wand hing , mit furchtbarer Gewalt einen Schlag verführte . Ursula sprang jetzt hinzu und schrie . Geld hat sie nicht ! sagte Zeck wüthend und auf den Schrank schlagend ; das gibt sie alles an die Männer . Dem Heunisch , dem Faullenzer , stopft sie ' s ein , seit Jahren , daß sie wie toll in seinen rothen Bart verliebt ist . Aber Papiere sind da . Den Todtenschein vom Paul muß sie haben ! Ursula schrie und rang mit dem Bruder ; doch schon war der kleine Schrank aufgesprungen und Papiere , Bücher , Flaschen , Büchsen fielen wirr durch einander herunter . Es war ein trauriger Anblick , zu sehen , wie Ursula mit dem Blinden rang , um ihn von der Zerstörung und der Durchsuchung dieser Gegenstände abzuhalten . Murray erfaßte ein Grauen . Er erkannte einige dieser Büchsen und Gläser . Sie stammten aus seiner früheren Kupferstecherwerkstatt her und enthielten ätzende Gifte . Rührt nichts an ! schrie Zeck . Es ist Gift ! Die Hexe will den Schein nicht geben ! Sie will sagen , der Paul lebt noch ! Dabei wühlte die schmutzige Hand in dem Schrank und trat Alles , was ihr vorkam , mit Füßen . Zurück ! donnerte Louis jetzt und schleuderte den zum Thier entfesselten , habsüchtigen Blinden mit jugendlicher Kraft bei Seite . Zurück ! Nicht einen Fetzen hier angerührt , nichts hier zerstört ! Ich faßte aber ein Buch ! sagte Zeck fast zur Erde taumelnd . In dem Buche liegt der Schein . Es ist ein Doktorbuch . Ich habe den Schein ja nie selbst gesehen , aber vor zwei und zwanzig Jahren hat sie ihn mir vorgelesen ... Was ist das für ein Buch ? sagte Louis , sich mit Ruhe und Fassung zu Ursula wendend und Eins nach dem Andern vornehmend . Als die Alte das Buch sah ... es war ein Gesangbuch mit goldnem Schnitt ... fing sie plötzlich an zu zittern ... Was habt Ihr ? fragte Louis . Ursula stöhnte , ja schluchzte fast ... Alle starrten vor Befremden ... Die Alte nahm das Halstuch ab und trocknete sich damit die Augen ... Das Gesangbuch hüllte sie dann in das Tuch ... Murray hielt sich immer still und stützte den Kopf auf ... Warum weint Ihr , Ursula ? fragte Louis entsetzt . Statt der Antwort machte die Alte Töne , als ahmte sie Kirchenglocken nach . Zeck schwieg erschrocken und wandte sich ab ... Das ist ein Gesangbuch , mit dem man Sonntags in der Frühe in die Kirche geht , sagte Louis . Die Alte nickte und fuhr rasch fort : Es ist gleich neun - der Pfarrer wartet schon - ha ha - da , den Strauß hatte sie in der Hand - Louis griff nach einem verwitterten , ganz vermoderten alten Blumenstrauß , den Ursula in der Hand hielt ... Ha ! schrie Ursula auf . Da ! Da ! Da liegt sie ! Unten ! Ha , ha , ha ! Wer ? fragte Louis wiederholt . Statt zu antworten , trat Ursula scheu an Louis heran und flüsterte , indem sie hinterwärts , etwa nach der Richtung der Sägemühle hinzeigte : Da ! Da ! Wovon sprecht Ihr denn , Frau ? Besinnt Euch ? Sie sang wieder Glockentöne und setzte sich dabei , weil ihr schwach wurde ... Zeck schwieg erstarrt . Louis behielt das Gesangbuch und den Blumenstrauß zurück , sah aber , daß ihm Murray einen Wink gab , den Bruder zu beobachten . Dieser hatte seit dem Gesangbuch , dem Glockenton , der Erinnerung an einen Sturz vom Felsen alle Besinnung verloren . Er stand wie ein taumelnder , bewußtloser Stier , den die Axt des Fleischers vor die Stirn getroffen hat und der noch nicht völlig ohne Leben ist . Nur krampfhaft streckte er die Hand hinaus , als wollte er diese hier unvermuthet getroffenen Gegenstände , die Louis betrachtet hatte , fassen . So blieb die Hand ihm wie hängen . Murray wagte den Gedanken , daß hier eine Schuld , eine Mitschuld an irgend einer Unthat vorläge , nicht auszusprechen . Wußte er doch nicht , worauf sich diese Andeutungen , diese Reliquien bezogen ! Aber Erstaunen mußte es ihm verursachen , daß der Schmied ruhig geschehen ließ , wie Louis im Schranke weiter suchte und forschte . Ich finde nichts , sagte Louis . Da ein Kamm von Schildpatt mit weißem Elfenbein verziert - Bruder und Schwester erwiderten nichts . Ein schöner Kamm ! sagte Louis . Trugt Ihr den früher , liebe Frau ? Ursula schüttelte sich und meinte jetzt : Er brennt ja . Der Kamm brennt ? Wie kann der Kamm brennen ? fragte Louis . Murray horchte hoch auf . Fragt Den da , sagte Ursula und zeigte auf den Blinden , der in der That den Kamm so von sich weghielt , als stünde er in Flammen . Sein Athem keuchte . Er kam jetzt in Bewegung und suchte das Fenster . Ursula kam dem zum Tod erschrocknen , über diesen Inhalt des Schrankes entsetzten Blinden zuvor , riß das Fenster auf und rief : Ihr erstickt , Leute ! Macht fort ! Fort ! Der Kamm brennt ! Die Stube brennt ! Die Gardine ! Linchen brennt ! Jakob ! Jakob ! Weiter konnte Ursula nicht . Jakob Zeck , der wüthende Blinde , warf sich auf sie , wie man auf einen brennenden Gegenstand das erste Beste wirft , um die Flamme zu ersticken . Er warf die Alte zu Boden , trat sie . Murray hielt sich nicht länger . Er sprang auf , faßte den Blinden rückwärts und schleuderte ihn mit einer Kraft zurück , über die Louis erstaunen mußte . Louis steckte den Kamm zu sich , dann schloß er das Fenster , ohne darauf zu achten , daß es ihm war , als hörte er in der Ferne Pferdegetrappel . Er erstaunte über Murray , der im Begriff schien , sein Incognito aufzugeben und mit dem Terzerol in der Hand dastand . Der Anblick dieser Papiere , die vielleicht über seinen Sohn Auskunft geben konnten , ergriff Murray so gewaltig , daß er den auf dem Boden wühlenden Bruder fast mit Füßen stieß und sich der Papiere , die er zusammenraffen konnte , schnell bemächtigte . Zeck , der im Ringen mit ihm bemerkte , daß es nicht Louis war , der ihn niedergeworfen , erhob sich und hielt seinen Hammer empor . In der Linken das Gesangbuch , in der Rechten seinen Hammer , rief er , die Besinnung verlierend : Mörder ! Diebe ! Ursula , laß die Hunde los ! Die Papiere heraus ! donnerte Murray . Ihr seid Mörder ! Ursula sprich ! Wer verbrannte ? Wer stürzte vom Felsen ? In dem Augenblicke nahte sich aber der wüthende Zeck mit seinem Hammer , holte aus und würde in seinem Irrthum Louis , der ihm zunächst stand , unfehlbar tödtlich getroffen haben , wenn nicht Murray ihn mit der Linken - in der Rechten hatte er das Terzerol - ergriffen hätte . Halt ' ihn ! Halt ihn ! schrie Ursula . Er weiß es ! Nantchen ' s Gesangbuch ! Wo ist das Gesangbuch ! Linchen ' s Kamm ! Ha , ha ! Jakob , nun ist ' s doch all ' eins ! Nun holen sie uns doch ! Sag ' s Jakob ! Oder soll ich ' s sagen ? Murray ließ die Hand sinken . Aber nur einen Augenblick . Der Blinde hatte die Stelle gemerkt , wo die Schwester stand . Er hörte , daß sie Angaben machte , die auf geheime Verbrechen schließen ließen . Er hob den Hammer , um durch einen tückischen Seitenschlag der Schwester im Nu den Mund für ewig zu schließen . Murray blitzschnell folgte der Bewegung und schoß , ohne zu überlegen , sein Terzerol ab . Der Schmied sank getroffen . Ursula schrie auf . Louis , der in den Papieren des Schrankes suchte , wandte sich und sah das Entsetzliche , das eben geschehen war - Erkennst Du mich ? rief Murray nun dem zurücktaumelnden und zur Erde sinkenden Blinden zu , erkennst Du mich ? Die Stimme Deines Bruders spricht zu Dir ! Ursula , hat die Macht des Wahnsinns Deine Sinne ganz geblendet ? Der sieht nicht und erkennt mich , Du siehst und weißt nicht , wer mit Dir spricht ? Der Schmied ächzte . Ursula riß gespenstisch die Augen auf ... Erkennst Du mich , Jakob ? So dröhnten die Mauern in unsrer Werkstatt , wie jetzt , als Du die Erde zum letzten Male sahst . Hörst Du mich , den Auferstandenen ? Euern Bruder Friedrich ? Der Blinde antwortete nicht ... er ächzte . Ursula hielt sich am Ofen fest und erkannte den Bruder noch nicht wieder . Groß starrten ihre Augen auf ihn herab . Sie sah den Niedergesunkenen , ohne das Geschehene fassen zu können . Rettet Euch , Murray ! Ihr seid verloren ! rief Louis jetzt , der gleich nach dem Schusse an ' s Fenster getreten war und die beiden Dragoner hatte heransprengen sehen . In der Ferne hörte er Stimmen . Die Hunde bellten und rissen wie wüthend an ihren Ketten ... Murray , was habt Ihr gethan ? rief Louis . Euch und der Schwester , der Unglücklichen , das Leben gerettet ... Dieser Elende ! Falschmünzer ! Mörder ! sagte Murray und sank entkräftet , keiner Gefahr achtend in seinen Sessel . Was bedeuten diese Bewaffneten ? Ist es auf Euch abgesehen ? Ich beschwöre Euch ! Flieht ! Das Dunkel wird Euch schützen ! rief Louis . Statt aller Antwort erhob sich Murray noch einmal und trat dicht vor Ursula mit den Worten , die er ihr donnernd zurief : Ursula , habt Ihr Paul ermordet ? Die Alte schüttelte den Kopf . Ist das Kind todt ? Verbrannt ? Vom Felsen gestürzt ? Ein Augenblick Zeit war noch übrig ; schon standen die Dragoner an der Thür draußen und lärmten . Menschen liefen quer über die Wiese herüber . Ist Paul Zeck todt ? wiederholte Murray . Die Alte schüttelte den Kopf . Ah ! sagte Murray . So hab ' ich noch Pflichten und sollte noch leben ! Nein , Freund , dieser Überfall gilt mir ! Man ahnt , wer ich bin . Sehen Sie , ich erkenne die beiden Häscher , die mich schon einmal verhafteten . Wohlan ! Wohlan ! Nach dem Tode dieses Elenden dort , zu dessen Richter mich Gott bestellte , bedarf ich einen Ort der letzten Sammlung ! Leben Sie wohl , Louis , und wenn Sie aus diesen Papieren erfahren könnten - Murray ! mußte Louis mit überströmendem Gefühle rufen und sich schmerzzerrissen an des unglücklichen Mannes Brust werfen . Murray küßte ihm die Stirn . Eine Thräne quoll aus seinem Auge . Nur kurz war dieser Augenblick ; denn schon war Murray ergriffen und die Scene verwandelte sich in eine brutale Verhaftnahme , wie sie ohne alle Rücksicht auf die obwaltenden Umstände nur stattfinden konnte . Da ein Verwundeter , dort ein Schrank erbrochen , der gesuchte zweideutige Engländer , mit einem Mordgewehr in solcher Situation gefunden ... Louis hatte alle Kraft zusammenzunehmen , der Gewalt dieser ihn selbst im sonderbarsten Lichte darstellenden Scene nicht zu erliegen . Schont diesen Mann ! rief er und drängte die beiden Gesellen , die bei Zeck gearbeitet hatten , zurück . Wer seid Ihr , daß Ihr wagen dürft , hier einzudringen ? Bei Mördern und Dieben ist Jeder zur Hülfe berufen , sagte der Eine . Übrigens sind wir Diener der Gerechtigkeit ... Es waren Mullrich und Kümmerlein , die Polizeidiener . Pfannenstiel bestätigte , daß Beide mit dem Auftrage hierherkamen , diesem Manne mit der schwarzen Binde , der sich Murray nenne und für einen Engländer ausgäbe , in seinen Unternehmungen um das Schloß Hohenberg herum aufzupassen . Schlimmeres könne man wol nicht antreffen , als hier den Vorfall im Forsthause . Herr Louis Armand würde von seiner Zeugenaussage viel Umstände haben ... Sie wird sehr einfach sein , sagte Louis . Dieser edle Mann hat mir und jener Frau das Leben gerettet . Den Hammer sah ich in des Blinden Hand , bemerkte Pfannenstiel . Das ist richtig . Die Umstände kann man nicht genau genug aufnehmen ... Indem wurde Murray zwischen die beiden Dragonerpferde genommen und gefangen fortgeführt . Louis umarmte ihn noch einmal mit Thränen . Die Umstehenden machten eine eigne zwischen Spott und Erstaunen gehaltene Miene , als Murray noch die Worte sprach : Mein Freund , trauern Sie nicht ! Sie kennen meine Lehre , meinen Glauben ! Ich dulde gern , denn ich weiß , wofür ich dulde ! Geh ' es Ihnen wohl ! Sie haben in ein Leben , in Verhältnisse geblickt , über die man nur zu rasch ein Kreuz schlägt und sagt : Da ist nichts zu ändern ! Holen Sie sich das Bewußtsein aus ihnen , ein reiner , mit Ihrem Innersten einiger Mensch zu sein ! Gottes Geist erleuchte Sie ! Wirken Sie Gutes ! Und wollen Sie meiner gedenken , so gedenken Sie , daß der Zweck unsrer Reise erreicht ist . Wir wissen , daß Paul lebt ! Die letzten Antworten Ursula ' s waren erleuchtet . Dafür dank ' ich Gott und Ihnen . So schied Murray und schritt zwischen den Pferden und den Sporen der Reiter voll Demuth hin . Mullrich und Kümmerlein , die ihre Prämie verdient hatten , folgten mit spöttischem Blicke auf Louis Armand , den nur die Beziehung zum Fürsten und Premierminister schützte . Pfannenstiel half diesem , den bewußtlosen Blinden in eine Nebenkammer auf ein Bett bringen . Ursula saß am Ofen und schien von Allem , was sie umgab , nichts mehr zu bemerken ... Dann folgte Pfannenstiel den Übrigen und versprach , einen reitenden Boten nach Randhartingen zu schicken , um den Doktor Reinick zu holen . Wie Louis mit dem ächzenden Blinden und Ursula allein war , befiel ihn erst eine Furcht , die er vorher nicht kannte ... Ursula ließ es ruhig geschehen , daß er die zerstreuten Papiere , das Gesangbuch , den Kamm , den Blumenstrauß zusammenraffte und zu sich steckte . Vor den Gläsern entsetzte er sich und mochte sie nicht untersuchen ... Ursula saß in der Kammer neben dem Bruder , dem nur ein kundiger Arzt helfen konnte . Sie ließ das Haupt hängen und schien selbst , hochbetagt wie sie war , ihrem Ende nahe . Sie versprach , Louis ' Weisungen zu folgen , holte auch Wasser , sprach auch von Umschlägen , die sie machen wollte , that eigentlich vernünftiger als vorher und doch war es nur mechanische , fast gedankenlose Bewegung . Da Louis Heunisch ' s Rückkehr nicht abwarten konnte , ging er zuletzt still , ohne daß es Ursula merkte , aus dem verhängnißvollen Hause . Mit welchen Gefühlen ! Die Wahnwitzige blieb mit dem Bewußtlosen , Sterbenden allein zurück . Es war Schnee gefallen . Ein Leichentuch deckte die Erde . Wohin Louis blickte , die weißen Schimmer des Winters ... Plessen fand er in großer Bewegung . Die Arrestation , die Verwundung des Schmieds , die Entpuppung der beiden Gesellen in der Schmiede hatte Alles in Aufregung gebracht ... Auf dem Schlosse fand Louis die Sachen des schon weiter geführten Murray mit Beschlag belegt ... Der Justizdirektor empfing Louis in dem Eckzimmer an dem noch offen stehenden Klavier und bedauerte diese Vorfälle , die zu erleben , zu beobachten , zu untersuchen , zu erörtern , ganz gegen seine Natur ging ... Herr von Zeisel mußte mit dem Aktuar Weiße ein Protokoll aufnehmen . Louis unterschrieb es und erzählte Alles , was er glaubte über Murray mittheilen zu müssen . Er verschwieg , daß Murray Zeck ' s und der Ursula Bruder war . Er schilderte seine Bekanntschaft mit Murray als die harmloseste , gestand zu , daß jener Alte aus Mistrauen und Lebensüberdruß ein Pistol bei sich führte und berief sich als Ursache des Streites zwischen ihm und dem blinden Schmied auf eine Familienangelegenheit , die er erst später den Gerichten glaubte mittheilen zu dürfen ... Herr von Zeisel blieb gütig und wohlwollend , fand es auch in der Ordnung , daß Louis vorzog , schon morgen in die Residenz zurückzukehren . Er selbst wußte über Murray nichts , als daß höhern Orts zwei Polizeiagenten wären aus der Residenz geschickt worden , um einen gewissen Murray , der an diesen und jenen Dingen zu erkennen wäre , zu beobachten und im Falle zweideutigen Benehmens , besonders aber im Falle einer Beziehung zu dem Schmiede Zeck und dem Försterhause , sogleich festzunehmen und in die Residenz zu senden ... Louis mußte über diesen Zusatz sehr erstaunen und ahnte , daß sich die alten gewaltigen Mächte gegen den aus Amerika zurückgekehrten verhaßten Vater des verschollenen Paul Zeck deutlich genug regten . Er hatte eine schlaflose Nacht ... Am frühesten Morgen weckte er die alte Brigitte und Winkler , gab ihnen Trinkgelder , die nicht seiner eignen Lage , wohl aber dem Orte , den er bewohnt hatte , angemessen waren und entfernte sich , ohne Abschied von Oleander zu nehmen , mit einer schon am Abend bestellten Gelegenheit in der Stille von Hohenberg . Nur an Franziska ließ er zur Besorgung einige geschriebene liebevolle Worte zurück ... Mit banger Wehmuth über unsre Erdenschicksale , über fremdes in der Irre gehendes Hoffen und sein eignes so Viel verfehlendes Streben , zog es ihn jetzt dahin , wohin man den unglücklichen Murray geführt hatte . Eilftes Capitel Unterm Schnee Die weiße Decke des Winters blieb und wuchs . Der Winter erstarrte Alles , was in der Natur noch zu leben , irgend noch zu wachen versuchte . Die wenigen zurückgebliebenen Vögel flüchteten den Wohnungen der Menschen näher , doch auch diese hatten sich strenger verschlossen und schienen ärmer an Liebe , sparsamer mindestens mit ihren freundlichen Gaben , selbstbekümmerter in sich zurückgezogen . Der Schnee lag so hoch , daß man die Dörfer aus ihren Decken kaum heraus erkennen konnte . Nur wo irgend ein warmer Hauch , aus der Küche , aus den Schornsteinen , ja , da wir auf dem Lande sind , aus dem dampfenden Dünger entstieg , öffneten sich einzelne Falten des großen weißen Gewandes und verriethen , daß unter ihm etwas Lebendiges ruhte . Bald gesellte sich zum Schnee der Frost , der ihn ballte und so kittete , daß er unter dem Fußtritt und dem Wagendrucke knisterte . Die Geleise , die in der vom Wind verwehten Schneedecke auf der Landstraße und im Walde nicht bleiben wollten , froren nun fest . So kalt es war , so kam man nun doch eher zum Vorschein , weil man feste Wege fand . Da standen denn die Bäume mit großen weißen Harnischen gepanzert , die ihnen im Schneegestöber angeweht und dann gefroren waren . Die kleinsten Zweige hätten unter der Lupe betrachtet millionenfach wunderbare Krystallisationen geboten . Wie glänzten diese zarten Kandirungen an der blutroth aufsteigenden Sonne , deren Strahlen nur Morgens , Mittags und Abends die Kraft hatten , durch den Nebel hindurchzudringen ! Da wo sonst tiefe Abgründe und Klüfte waren , hatte sie das Schneegestöber ausgefüllt und trügerische Bahnen geschaffen , die nur unter dem pfeilschnellen Fluge des Wildes nicht nachließen . Man sah die Spuren des flüchtigen Wildes . Viele Jagdliebhaber , die für Wochen und Monate eine Licenz zum Schießen lösten , verfolgten sie auf Umwegen . Auch die Klingeln der Schlitten belebten die erstorbene Gegend , wie der Knall der Büchsen . Wer sich jetzt gegenseitig besuchte , durfte voraussetzen , freundlicher als sonst aufgenommen zu werden . Noch ehe die Erde zu harten Schollen gefroren war , hatte sie zu ewiger Ruhe zwei Entseelte aufgenommen . Die Müllerin und acht Tage später den blinden Jakob Zeck . Der Schuß war dem Schmied unter dem Schlüsselbein eingedrungen . Die Sorgfalt Reinick ' s vermochte nichts gegen den Brand . Zwei so rasch unter solchen Umständen sich folgende Begräbnisse regten die Umwohner genugsam auf und laut genug wurden jene Todtengerichte gehalten , die jedem Sterbenden folgen , wenn auch nicht so feierlich wie einst in Ägypten , und bei den Meisten auch nur in Gedanken . Der Vikar Oleander aber hielt sie in Worten an den offenen Gruben und achtete des Schnees und der Kälte nicht . Hatten doch auch die Menschen noch gewußt , Blumen aufzutreiben , warum sollte er mit Worten geizen ! Sein schönes Talent , den Augenblick und die Situation selbst reden zu lassen , bewährte sich auch hier und Viele sagten , daß er am Grabe des blinden Zeck fast noch rührender gesprochen als an dem der Müllerin . Hier klapperte ja die Mühle fort , es fehlte dem Gatten Niemand ! Da aber stand ein Sohn , der sich , für so beschränkt er sonst galt , im Verlust seines ( ihn führenden ) Vaters wie ein Verzweifelnder gebehrdete und sich mit wildem Schmerze auf den Sarg warf , um ihn nicht schließen zu lassen ! Da stand Heunisch , dem der plötzlich weißer gewordene Schnurrbart rings vom Athem und der Kälte vollends gereift war ! Er hatte Louis nicht mehr gesprochen und von Ursula , die zum Tode geknickt schien , nur verworrene Aufklärungen erhalten . Da stand Franziska Heunisch , die mit Selma eben ein trauliches Stillleben beginnen wollte , als sie dieser Fall beinahe wieder auseinanderriß ! Doch hoffte Heunisch , die Marzahn würde es noch bis zum März bringen . Auch zwang ihn die Jagd , viel Menschen zum Treiben und Transport des Wildes ohnehin immer um sich zu haben und oft kam er nun drei , vier Tage lang nicht mehr nach Hause . Da stand Herr von Zeisel , der nur bedauerte , wie unklar sich dieser ganze Vorfall anlasse und wieviel es Correspondenzen kosten würde , die Gerichte der Residenz mit den Ergebnissen der hiesigen Untersuchung in Einklang zu bringen ! Da stand auch noch Siegbert Wildungen , den Louis ' plötzliches Verschwinden schmerzlich genug , weil mit solchen Umständen verbunden , überraschte . Alle hörten sie Oleander ' s Betrachtungen mit Rührung zu . Er verschwieg nicht , daß dieser Todte wenig Freunde gehabt und Allen eher kalt , als warm erschienen sei . Er hätte die Liebe , die er nicht gesucht , auch nur bei Wenigen gefunden . So kam der junge Redner auf die Verstockung des Herzens , die hier eine Folge des leiblichen Gebrechens mochte gewesen sein und sprach mit großer Offenheit darüber , daß Die , die auch geistig taub sind , die geistig nicht sehen wollen , auch an ihrem noch besseren Theile einbüßen . Auch an Louis ' Mittheilung , daß dieser Blinde seinen Tod sich selbst zuzuschreiben hätte wegen eines bösen Anfalls von Jähzorn und schlimmer Tücke , fest und unerschütterlich sich haltend , verschwieg Oleander zur Warnung kein Fehl des Dahingegangenen und goß erst zuletzt das milde Licht der himmlischen Gnade , deren wir Alle bedürften , über seinen weihevollen Vortrag . Dem Sohne , sagte er dann , zu ihm sich wendend - die Umstehenden berührten den Tauben , um ihm zu sagen , der Pfarrer spräche mit ihm - kann ich nichts sagen , da ihm das Ohr für menschliche Rede verschlossen ist ! Blicke hin und höre die Sprache , die du siehst ! Diese Erde - er zeigte auf die Grube - und jener Himmel - er zeigte empor - sind Eines , so wir reinen Herzens sind - er legte dabei die Hand an die Brust . Der Taube verstand ihn und weinte . Er war in den Dreißigen und jetzt hülfloser wie ein Kind . Als man vom Kirchhof heimging , hörte Siegbert noch ausführlicher , was sich Alles im Walde zugetragen hatte . Heunisch und Zeisel erzählten , auch Pfannenstiel trat näher . Allen fiel auf , daß aus dem kleinen Schranke der ganze Inhalt fehlte , den Heunisch freilich selbst nie gesehen hatte . Das gewaltsame Aufschlagen mit dem Hammer schien Allen erwiesen und Niemand bezweifelte , daß der Blinde sein Schicksal verdient hatte . Einen genaueren Zusammenhang ahnte nur Ackermann wegen der von ihm aus Amerika gebrachten Summen . Was man aber von dem Engländer Murray , von Louis ' Urtheil und von der Schwester denken sollte , war auch ihm räthselhaft . Wie dem auch sei , sagte Herr von Zeisel zu Ackermann , es ehrt Herrn Oleander , daß er die gleiche Theilnahme der reichen Müllerin und dem , wenn nicht armen , doch wenig geachteten Schmied bewies . Ich denke an Stromer - setzte er mit einem Seitenblick auf die einsam wandelnde Pfarrerin , die nicht zuhörte , leise hinzu - ich denke an Stromer , dem alle diese Vorkommnisse gering und seiner nicht würdig erschienen und bei allem Geiste , den ihm Niemand absprechen wird , keine fesselnden Worte abgewannen . Es fehlte ihm wol das Herz ! sagte Ackermann . Ich möchte