. Eine natürliche Folge seines Geschmacks am Militair und seiner Kenntniß desselben war es , daß er sich diesem Stande widmete . Zuerst trat er in holländische Dienste . Bei Beginn des letzten Krieges aber ward er von Sr. Majestät in Preußen , so seine Bücher über Taktik gelesen , ins Lager und zur Armee berufen . Hier war er , soweit es der Krieg gestattete , beständig um und an der Seite des Königs , der an ihm einen Mann zu seinem Umgang und Vergnügen fand , einen Mann , den er als Soldaten und Philosophen und zugleich auch in politicis jederzeit gebrauchen konnte . Kurz , er war der Favorit unseres großen Monarchen , und kein Tag verging , an dem er nicht um ihn gewesen wäre . So weit man Friedrichs Namen kannte , so weit kannte man auch den des Quintus Icilius , mit welchem Namen ihn der König selbst beehrt hatte . 47 Wer Alexander ehrte , der sah auch freundlich auf Hephästion , und als Quintus Icilius seinen Commentar zum Julius Caesar an Kaiser Joseph überreicht hatte , ward ihm ein Gegengeschenk : ein rothes Etui mit zweiundzwanzig goldnen Medaillen , auf deren jeder das Bildniß eines Mitgliedes der kaiserlichen Familie befindlich war . Alles in einem Gesamtwert von mehr als 1000 Thaler . Sein Körper ward auf Befehl des Königs , der den Sitz der Krankheit und die Todesursache erfahren wollte , geöffnet und danach erst hierher nach Gröben gebracht , allwo der Sarg unter dem Kirchenstuhle , daran die Predigersfrau ihren Sitz hat , beigesetzt wurde . Charles Guichard war am 27. September 1724 geboren und achtzehn Jahre lang in Königs Diensten gewesen . Sein Alter hat er folglich gebracht auf fünfzig und ein halbes Jahr . Sein moralischer Charakter war gutthätig und freundlich gegen seine Nächsten , ohne Hochmuth und Geiz , übrigens aber von deistischem Glauben . 1778 am 14. April starb zu Berlin Joachim Ernst von Schlabrendorf auf Siethen Lehns- und Gerichtsherr . Nachdem derselbe sein Gut über den doppelten Werth hinaus verschuldet und selbiges endlich seinen Creditoribus zur Administration und Sequestration überlassen , auch seine Mobilien an die Meistbietenden öffentlich verkauft hatte , hatte sich derselbe vor etwa anderthalb Jahren mit Frau und Tochter nach Berlin begeben . Und eben daselbst ist er denn auch , der sich von jeher bis an sein Ende mit nichts als Intriguen und Listen zu seinem großen Schaden beschäftigt hatte , 63 Jahre alt an der Lungenentzündung gestorben . Er war auf dem ehemalig Schlabrendorfschen Gute Blankensee geboren , klein von Statur und hageren Leibes , und hat in seiner Jugend einige Zeit auf Schulen und Universitäten zugebracht . Alles was er von daher profitiret , wandte er an , um anderen Übles zu tun , aber freilich immer zu seinem eigenen Verderben . Vor den Augen und insonderheit vor Leuten , die seine Schliche noch nicht kannten , erschien er als ein Biedermann in Worten und Mienen , und war kein christlicher und ehrlicher und treuherzigerer Mann als er in der ganzen Welt zu finden . Er zeigte sich dann immer ohne Stolz des Adels , dienstfertig gegen alle Menschen , frei , munter und offenherzig , und insonderheit milde gegen alle Bedürftigen . Aber dies alles nur um zu blenden und Vertrauensselige zu finden , deren Vertrauen ihm dann eine gute Gelegenheit bot , das Vermögen von Kirchen , von Wittwen und armen Leuten an sich zu reißen . Alle diejenigen jedoch , die sich nicht blenden und zu seinem Dienste nicht wollten gebrauchen lassen , die wußt ' er mit allen Mitteln zu verfolgen und ihnen zu schaden überall . Und so konnt ' es denn freilich nicht ausbleiben , daß ihm der Haß aller rechtschaffenen Leute zutheil wurde , wozu sich alsbald der Niedergang in seiner Wirthschaft und Haushaltung und zuletzt der vollkommenste Bankrutt gesellte , so daß er Siethen unter den kümmerlichsten Umständen aufgeben mußte . Zurück läßt er eine seit Jahren kranke Frau , sammt einer Tochter , so ihrem Vater ähnlich ist . Vor einigen Jahren zeugete er mit einigen Mägden in seinem Hause noch einige Kinder , und ergab sich endlich dem Trunke zur Stärkung und Erfrischung seines Leibes und Gemüths-Charakters . 48 1779 am 23. Januar starb in Siethen , wohin sie zurückgekehrt war , Frau Sophie Margaretha , verwittwete von Schlabrendorf , des Vorgenannten Ehefrau , 56 Jahre alt , an einer vieljährigen Schwindsucht und in der armseligsten Verfassung . Sie war eine Tochter des Herrn Christian Julius von Bülow aus dem Hause Lüchfeld in der Grafschaft Ruppin . Nachschrift . Einige Jahre nach ihr starb auch , und zwar ebenfalls zu Siethen , der letzteren Bruder , Karl Christoph Friedrich von Bülow aus dem Hause Lüchfeld . Er war in früheren Jahren , als bei seinem Schwager und seiner Schwester noch Wohlleben war , ein Nimrod , ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn gewesen . Und es beweiset solches noch der Siethensche Thurmknopf , den er mit der Kugelbüchse vielmals durchschossen hat und an dem die Löcher noch sichtbar sind . Er war geboren den 23. Nov . 1711 , besaß einen dauerhaften Körper , wurde vor einigen Jahren blind , und wohnte zuletzt arm und elend in einem Tagelöhnerhause . Starb an Entkräftung . 1783 am 1. Mai starb zu Potsdam die Hochwohlgeborene Frau und Wittwe Henriette Helene Albertine von Schlabrendorf aus dem Hause Gröben , verwittwete Quintus Icilius an einem Friesel und zwölftägigem Lager , und ward am 3. selbigen Monats in der Gruft ihres seligen Gemahls , unter dem Kirchenstuhl der Predigersfrau früh um 4 Uhr beigesetzt . Aetate 36 Jahr . 1784 am 21. Januar starb in Siethen die Wittwe Maria Katharina Schumann geb . Ebel aus Blankensee , geboren den 10. Januar 1681 . Brachte dergestalt ihr Leben auf 103 Jahr . 1785 am 11. Dezember starb die verwittwete Maria Elisabeth Siegel . Sie war vordem das Sünden-Instrument des verstorbenen von Schlabrendorf zu Siethen , der im Alter noch Christum verwarf . Starb elend . 1786 ist wieder der Gröbner See mit seinem Eis nicht sicher gewesen ; aber der Siethner ist über und über unsicher , weil er voll warmer Quellen ist . Seit meinem neunzehnjährigen Hiersein sind nunmehr zehn Personen im Wasser verunglückt . 1786 am 28. April wurde des Hirten Frau zu Siethen , Maria Dorothea Ebel , glücklich entbunden . Die Mutter der Frau rief aber : » Was hast du für ein Kind zur Welt gebracht ! « Auf welchen Zuruf die junge Mutter sofort vom Schlage gerührt wurde . Das Kind selbst war gesund und wohlgebildet . 2. Gröben und Siethen unter den neuen Schlabrendorfs 2. Gröben und Siethen unter den neuen Schlabrendorfs Die vorstehenden Auszüge schließen mit dem Jahre 1786 . In eben diesem Jahre war auch Gröben – wie Siethen schon acht Jahre früher – der alten Schlabrendorfschen Linie verlorengegangen , aber nur um im Gegensatze zu Siethen , das auf Jahrzehnte hin der Familie verloren blieb , unmittelbar auf eine andere , jüngere Linie der Schlabrendorfs überzugehen . Eine Klarstellung dieser Punkte fordert einen kleinen genealogischen Exkurs . Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten die Gröbenschen Schlabrendorfs , die bis dahin , den Bischof abgerechnet , in unserer Landesgeschichte von nicht sonderlicher Bedeutung gewesen waren , einen Aufschwung genommen und zwar in dem Brüderpaare : Gustav Albrecht von Schlabrendorf und Ernst Wilhelm von Schlabrendorf . Des ersteren ( Gustav Albrecht ) ist in vorstehendem bereits ausführlich Erwähnung geschehen . Er war , um in Kürze zu rekapitulieren , einer der Helden des Siebenjährigen Krieges , kommandierte bei Zorndorf das Alt-Platensche Dragonerregiment und wurde später Generalmajor und Chef der zu Breslau garnisonierenden Kürassiere . Nach seinem 1765 erfolgten Ableben ward er nach Gröben übergeführt und in der Kirche daselbst in unmittelbarer Nähe des Altars beigesetzt . Es würde nun dem einen oder andern seiner überlebenden drei Söhne zugestanden haben , auf dem alten Familiengute sich niederzulassen , alle drei jedoch zogen den Dienst und ihre städtischen Garnisonen einem Gröbener Aufenthalte vor und einigten sich unschwer dahin , ein ihnen aus mehr als einem Grunde begehrenswert erscheinendes Besitztum an einen schlesischen Vetter , einen Sohn des vorgenannten Ernst Wilhelm von Schlabrendorf abzutreten . Dieser Ernst Wilhelm von Schlabrendorf nun , ein jüngerer Bruder Gustav Albrechts , hatte sich , während dieser in der Armee von Stufe zu Stufe stieg , im Staatsdienste zu der hohen Stellung eines dirigierenden Ministers von Schlesien emporgeschwungen und blieb in dieser bis zu seinem 1770 erfolgenden Tode . Von seinen fünf Söhnen 49 stellten sich die vier ältesten um nichts günstiger zu der Besitzergreifungs-Frage von Gröben als ihre drei Gustav Albrechtschen Vettern und nur der jüngste , dem , wie wir in der Folge sehen werden , ein gewisser romantischer Zug innewohnte , zeigte sofort eine Neigung , das altschlabrendorfsche Familiengut auch bei den Schlabrendorfs erhalten zu sehen . Und so brachte er es käuflich an sich . Heinrich Graf Schlabrendorf Dieser jüngste Sohn Ernst Wilhelms , des dirigierenden Ministers von Schlesien , war Heinrich von Schlabrendorf , der in demselben Jahre 1786 , in dem er Gröben käuflich an sich gebracht , auch den Grafentitel erhalten hatte . Seine Mutter war ein Fräulein von Otterstedt , während seine drei ältesten Brüder , und unter ihnen Graf Gustav » der Pariser Graf « , aus der ersten Ehe seines Vaters mit dem Fräulein von Blumenthal geboren waren . Graf Heinrich trat früh in das Regiment Czettritz-Husaren , die jetzigen braunen oder Ohlauschen Husaren , und machte als junger Offizier die Bekanntschaft eines durch Schönheit , Geist und Wissen ausgezeichneten Fräuleins von Mütschephal , deren Vater in demselben Husarenregiment ein oberes Kommando bekleidete . Diese Bekanntschaft führte bald zur Verlobung und Vermählung ; um welche Zeit indes , ist nicht mit Bestimmtheit ersichtlich . Erst um 1792 , also sechs Jahre nach Ankauf von Gröben , wurde das älteste Kind geboren , und abermals zwei Jahre später ( 1794 ) ein Sohn : Graf Leopold von Schlabrendorf . Es war wohl keine Neigungsheirat gewesen , wenigstens nicht von seiten des Fräuleins , und so wurden aus Geschmacks- und Meinungsverschiedenheiten alsbald Zerwürfnisse . Man mied sich , und wenn der Graf in Gröben war , war die Gräfin in Berlin und umgekehrt . Aber auch in diesem sich Meiden empfanden beide Teile noch immer einen Zwang und ihre Wünsche sahen sich erst erfüllt , als gegen Ende des Jahrhunderts aus der bloß örtlichen Trennung auch eine gesetzliche geworden war . Der Sohn verblieb dem Vater , die Tochter folgte der Mutter , welche letztere , noch eine schöne Frau , bald danach einem thüringischen Herrn von Schwendler ihre Hand reichte . Doch auch Graf Heinrich vermählte sich bald wieder und zwar mit einem Fräulein von Mecklenburg , aus welcher Ehe demselben abermals eine Tochter : Gräfin Johanna von Schlabrendorf geboren wurde . Dies war 1803 , am 22. April , nachdem bereits einige Zeit vorher das nur etwa fünfzehn Jahre lang in erneutem Schlabrendorfschen Besitz gewesene Gröben in nunmehr völlig fremde Hände , die des Oberrechnungsrates Schmidt übergegangen war . Es blieb freilich auch diesem nicht , kehrte vielmehr , wie gleich hier bemerkt werden mag , nach Ablauf einer bestimmten Frist ( und dann einige Jahre später auch Siethen ) ein drittes Mal in den Besitzstand der Schlabrendorfschen Familie zurück ; eh ' ich jedoch die zu dieser dritten und letzten Schlabrendorfschen Gutsübernahme führenden Verhältnisse schildere – Verhältnisse , daran Graf Heinrich , trotzdem er damals noch lebte , nicht mehr beteiligt war – versuch ' ich es zuvor dem Lebensgange des Grafen einzig und allein im Hinblick auf seine Person einen Abschluß zu geben . Unmittelbar nach dem Verkauf des Gutes war er nach Berlin übersiedelt , um daselbst seinen oft wechselnden , im übrigen aber immer harmlosen Passionen leben zu können . Von Erfüllung eigentlicher ihm nahe liegender Pflichten , beispielsweis auf dem Gebiete der Erziehung , war dabei wenig die Rede , solche Pflichterfüllungen fanden nur statt , wenn die Passionen , was gelegentlich vorkam , damit zusammenfielen . Über die Dauer seines Berliner Aufenthalts sind nur Mutmaßungen gestattet ; er fand nicht , was er suchte , langweilte sich inmitten aller Zerstreuungen , oder erkannte sie wenigstens nicht als angetan , ihn alle damit verbundenen Unbequemlichkeiten vergessen zu lassen . Und so wandt ' er sich denn einer neuen Passion zu , der Reisepassion , und beständiger Ortswechsel wurd ' ihm Lebensbedürfnis . Aber auch hierin verfuhr er abweichend von andern und anstatt sich auf Alpentouren oder Weltfahrten einzulassen , wozu wenigstens anfangs die Mittel vorhanden gewesen wären , gefiel er sich darin , Entdeckungsreisen zwischen Oder und Elbe zu machen und in praxi märkische Heimatskunde zu treiben . Aber freilich auch diese Reiseperiode schloß ab , und wahrnehmend , daß er die gewünschte Rast in der Unrast nie finden werde , beschloß er probeweise den umgekehrten Weg einzuschlagen und die Ruhe ganz einfach in der Ruhe zu suchen . Er fing deshalb an , auf Hausstand und selbständige Wirtschaftsführung zu verzichten und sich statt dessen bei kleinen Familien auf dem Lande , denen sein Rang und sein Vermögen imponieren mochte , für länger oder kürzer in eine halb freundschaftliche , halb patronisierende Pension zu gehen . In der Neumark , in Pommern , in Mecklenburg , überall wiederholten sich diese Versuche , bis er endlich in dem ihm ebenbürtigen und aus alter Zeit her befreundeten General von Thümenschen Hause zu Kaputh ein Ideal und die Verwirklichung aller seiner Wünsche fand . Es kam dies daher , daß der alte General von Thümen , auch ein Original , ihn ruhig gewähren ließ und immer nur beflissen war , » ihm seine Kreise nicht zu stören « . Beide lebten denn auch ein ebenso kameradschaftliches wie zwangloses Leben , in dem jeder seiner Lust und Laune nachhing und kein andres Haus- oder Tagesgesetz anerkannte , wie rechtzeitiges Erscheinen am Mittags- und abends am Bostontisch . In Kaputh war es denn auch , daß Graf Heinrich seine Tage beschloß : eh ' ich aber von diesem seinem Ausgang erzähle , versuch ' ich vorher noch eine Charakterskizze . Graf Heinrich hatte den Schlabrendorfschen Familienzug , oder doch das , was damals als schlabrendorfisch galt , im Extrem . Er übertraf darin noch seinen Sonderlingsbruder in Paris . Im Grunde gut und hochherzig , dazu nicht ohne Wissen und Verstandesschärfe , gestaltete sich sein Leben nichtsdestoweniger weder zum Glücke für ihn noch für andere , weil er jenes Regulators entbehrte , der allen Dingen erst das richtige Maß und das richtige Tempo gibt . Er ging immer sprungweise vor , war launenhaft und eigensinnig , und bewegte sich sein Leben lang in Widersprüchen . Er liebte , wie das Sprichwort sagt , die Menschen und Dinge » bis zum Totdrücken « und bedauerte hinterher » es nicht getan zu haben « . Am meisten zeigte sich dies in seinen jüngeren Jahren , wo das sehr bedeutende Vermögen , über das er damals noch Verfügung hatte , das Erkennen eines von ihm mit Vorliebe gepflegten Gegensatzes zwischen einem extremen Luxus- und einem extremen Einsiedlerleben außerordentlich erleichterte . In Gröben erzählt man davon bis diesen Tag . Entsann er sich beispielsweise , daß es mal wieder an der Zeit sei , gräflich Schlabrendorfscher Repräsentation halber nach Berlin zu fahren , so wurde der alte Staatswagen aus der Remise geholt und der berühmte Trakehnerzug , vier Isabellen , mit aller Feierlichkeit eingespannt ; ein Jäger saß auf dem Bock , zwei Heiducken standen rechts und links auf dem Tritt und ein dritter lief als Läufer der Kavalkade vorauf . Alles in Gala . So mahlte man durch den Sand , und die Dorfleute sahen dem Zuge nach . War man aber wieder daheim , so warf er diese Repräsentationslast als unbequem von sich , und las und las oder lud Leydener Flaschen an einer halbmannshohen Elektrisiermaschine , bis er sich eines Tages wieder all seiner Vornehmheit und Vornehmheits-Verpflichtungen entsann und nun aufs neue Boten über Boten schickte , die die Nachbarschaft zu großer Tafel » invitieren « mußten . Indessen das waren Ausnahmen oder Anfälle , die Regel war und blieb , es gehen zu lassen , wie ' s eben ging . Er hatte mindestens sieben Diener im Haus , aber nicht für einen gab es zu tun , so daß das Umherliegen die Leute schlecht und übermütig machte . Das Ganze , seinem Zuschnitt und Wesen nach , mehr polnisch als preußisch . Zerschlug das Hagelwetter in den leerstehenden Oberzimmern ein Dutzend Fenster , so wurden Lappen eingestopft , weil es sich nicht verlohnte , den Glaser kommen zu lassen ; allabendlich aber , als ob es sich um die Zeit der Burgverliese gehandelt hätte , rückte , Punkt zehn Uhr , die ganze Dienerschaft in die Front , um die Parterrefenster zu verbolzen und den Eingang überhaupt zu verrammeln . Ein zu diesem Behufe immer bereit stehender Palisadenpfahl wurde dann , von innen her , schräg gegen die Tür gestemmt , und in dieser primitiven Weise , selbstverständlich unter ungeheurem Gelärme , die Schließung und nächtliche Sicherstellung des Hauses vollzogen . Anscheinend ohne Grund , denn es war nichts da , was auf den ersten Blick hin zu Diebstahl und Einbruch hätte reizen können . Aber hierin irrte nun freilich dieser » erste Blick « , da sich vielmehr umgekehrt in den auf Flurgängen und Bodenräumen massenhaft umherstehenden Schränken und Truhen eine ganze Welt allerwertvollster Dinge barg : Spitzen und Staatsröcke , kostbare Schuhschnallen und seidene Strümpfe , des reichen Tafelgeschirrs zu geschweigen , das in Kisten und Kasten verpackt war und fleckig wurde , weil ' s niemand putzte . Welcher Art seine Beziehungen zu seinem berühmten Pariser Bruder waren , darüber verlautet nichts ; sehr wahrscheinlich ähnelten sie sich zu sehr , um Gefallen aneinander zu finden . Ihre Sonderbarkeiten waren nicht gleich , aber in der Art , in der sie sich gaben , zeigte sich doch die Verwandtschaft . Unter Graf Heinrichs vielen und sich immer ablösenden Passionen war eine Zeitlang auch die landwirtschaftliche , der er sich hingab , ohne nach Wissen und Erfahrung oder auch nur nach wirklicher Neigung ein Landwirt zu sein . Immer wollt ' er kaufen und meliorieren , am liebsten aber Wunder tun , und verfiel dabei regelmäßig in bloße Skurrilitäten , auch wenn er ausnahmsweise leidlich verständig begonnen hatte . Nur ein Beispiel . Unter den ihm verbliebenen Besitzungen war auch ein Gut in der Neumark , auf dem er – wohl infolge von Anregungen , wie sie gerade damals durch Thaer und Koppe gegeben wurden – eine Förderung der Schafzucht und vor allem die Beseitigung der sogenannten Drehkrankheit erstrebte . Diese wegzuschaffen , war er nicht bloß ernst und fest entschlossen , sondern lebte zuletzt auch des Glaubens , ein wirkliches Präservativ gegen dieselbe gefunden zu haben . Er gab zu diesem Behufe , so heißt es , allen Schafen täglich drei Hoffmannstropfen auf Zucker und ließ ihnen rote Leibchen und ebensolche Mützen machen , um sie gegen Erkältung und namentlich gegen » Kopfkolik « zu schützen . Er war in allem apart , und apart wie sein Leben gewesen war , war denn endlich auch sein zu Kaputh , bei General von Thümen erfolgender Tod . Im Gefolge seiner vielen Passionen befand sich auch die Badepassion , die bei jemandem , der von Jugend auf über einen zu heißen Kopf geklagt und als Knabe schon nichts Schöneres gekannt hatte , als » unter die Tülle gestellt zu werden « , nicht groß überraschen konnte . Von Mai bis Oktober , ob die Sonne stach oder nicht , schwamm er , der inzwischen ein hoher Sechziger geworden war , in der Havel umher , und freute sich der ihn erlabenden Kühle . Mal aber geriet er ins Binsengestrüpp , und als er über Mittag nicht kam und man zuletzt mit Fackeln nach ihm suchte , fand man ihn , in fast gespenstischer Weise , den Körper im Moor und nur Kinn und Kopf über dem seichten Wasser . Er wurde den dritten Tag danach auf dem Kirchhofe zu Kaputh begraben und sein Tod hatte noch einmal eine Teilnahme geweckt , die seinem Leben seit lange gefehlt hatte . Graf Leo Schlabrendorf Das war 1829 . Schon sieben Jahre vorher ( 1822 ) war das zu Beginn des Jahrhunderts veräußerte Gröben abermals an einen Schlabrendorf übergegangen und zwar an Graf Heinrichs einzigen Sohn : den Grafen Leopold von Schlabrendorf . Graf Leopold , oder Graf » Leo « , wie man ihn in Gröben in üblicher Abkürzung nannte , war um das Jahr 1794 geboren worden , und zwar unter Vorgängen , die nicht bloß charakteristisch an sich , sondern auch in gewissem Sinne maßgebend für den Gang seines ganzen Lebens waren . Er , Graf Leo , wies oft auf diese Vorgänge hin , und der von ihm allezeit mit Vorliebe wiederholte Satz : » Ich bin für Gröben bestimmt « schrieb sich von diesem seinem Geburtstage her . Es hatte damit folgende Bewandtnis . Als nämlich die Zeit herangekommen war , daß die Gräfin eines Knäbleins genesen sollte ( denn auf einen Stammhalter wurde mit Sicherheit gerechnet ) und sogar das Dorforakel , die » Treutschen « , in aller Bestimmtheit erklärt hatte : » es daure keine Woche mehr « , befahl Graf Heinrich das Erscheinen der Staatskutsche , nicht ganz unrichtig davon ausgehend , daß ein junger Graf Schlabrendorf unmöglich anders als unter Assistenz des Leibmedikus und berühmten alten Entbindungsdoktors Dr. Ribke geboren werden könne . Die Gräfin war es zufrieden und schon zwei Stunden später erschien die Kutsche ganz in dem früher beschriebenen Aufzuge : zwei Heiducken auf dem Wagentritt und ein Läufer in Gala vorauf . Und so ging es auf Groß-Beeren zu . Bevor aber dieses Dorf , das erst ein Drittel des Weges war , erreicht werden konnte , versicherte die Gräfin schon : » es gehe nicht weiter « , auf welche nur allzu glaubhafte Versicherung hin der Wagen gewandt und der Läufer unter Zusicherung eines doppelten Wochenlohnes angewiesen wurde : » Citissime nach Gröben zurückzukehren , um daselbst die nunmehr wohl oder übel an die Stelle des alten Dr. Ribke tretende › Treutschen ‹ ins Herrenhaus zu befehlen . « Und wirklich das heimische Dorf wurde noch gerad ' ohne Zwischenfall erreicht ; aber kaum daß die Heiducken abgesprungen und die Teppiche vom Wagen aus bis zum Portale gelegt worden waren , so war auch schon die Stunde gekommen und in dem dicht am Eingange gelegenen Wohn- und Arbeitszimmer des Grafen , in das man die Gräfin nur eben noch hatte schaffen können , genas sie wirklich eines Knäbleins , des Grafen Leo , des erwarteten Schlabrendorfschen Stammhalters . Es hatte nicht in Berlin sein sollen ; » er war für Gröben bestimmt « . Über seine Kindheit verlautet nichts , auch nichts über seine Knaben- und Jünglingsjahre ; sehr wahrscheinlich , daß er vorwiegend unter Zutun seiner Mutter – die trotz ihrer zweiten Ehe den Kindern aus der ersten eine große Zärtlichkeit und Treue bewies – in Pension kam und nach absolvierter Schulzeit in juristisch-kameralistische Studien eintrat . Aber ehe er diese vollenden konnte , kam der Krieg und bot ihm Veranlassung als Volontär bei den Towarczys einzutreten , einem Ulanenregiment , das vielleicht noch aus den Tagen der » alten Armee « her diesen etwas obsoleten und nur in den neunziger Jahren unter General Günther ( der der » Vater der Towarczys « hieß ) vielgenannten Namen führte . Nach dem Kriege begegnen wir ihm alsbald als Regierungsassessor in Trier , wo das durch Gastlichkeit und Feinheit der Sitte sich hervortuende Haus des Generals von Ryssel 50 ihn anzog , am meisten aber des Generals Tochter , Fräulein Emilie von Ryssel , mir der er sich denn auch , nach kurzem Brautstand , im Sommer 1820 , vermählte . Zwei Jahre verblieb er in Trier im schwiegerelterlichen Hause , bis er 1822 unter freudiger Zustimmung seiner jungen Frau , die die landwirtschaftliche Passion mit ihm teilte , nach Gröben hin übersiedelte , das wieder an die Schlabrendorfs zu bringen – ein von Jugend auf von ihm gehegter Wunsch – ihm um eben diese Zeit gelungen war . Die Verhältnisse waren ihm bei diesem Wiederankauf ebenso günstig gewesen , als sie sich für den Vorbesitzer und seine Nachkommen einundzwanzig Jahre lang eminent ungünstig erwiesen hatten . Alle Leiden und Nachwehen einer langen Kriegs- und Invasionsepoche waren zu tragen gewesen und hatten zu solcher Verschuldung des Gutes geführt , daß der nunmehrige Kaufpreis desselben in nichts weiterem bestand , als in Übernahme der darauf eingetragenen Hypotheken , die sich freilich , wie gesagt werden muß , hoch genug beliefen . Es gab nun also wieder eine wirkliche Gröbener Gutsherrschaft und zwar eine , wie man sie lange nicht im Dorfe gekannt hatte , richtiger noch , wie sie nie dagewesen war . Ordnung und Sitte waren mit dem jungen Paare gekommen , auch Beistand in Rat und Tat , und soweit es in Menschenhände gegeben ist , dem Unglück und dem Unrecht zu wehren , so weit wurd ' ihm gewehrt . Aber nicht nur die Dorfgemeinde durfte sich der neuen Gutsherrschaft freuen , die neue Gutsherrschaft wußte mit der Erfüllung ihrer nächstliegenden Pflichten auch Schönheitssinn und Sinn für das Allgemeine zu verbinden und erreichte dadurch , daß das Gröbener Herrenhaus auf drei Jahrzehnte hin ein Sammel- und Mittelpunkt geistiger Interessen wurde . Von dem Leben der großen Welt hielt man sich geflissentlich fern , aber was sich darin hervortat , insonderheit als ein » erst Werdendes « hervortat , das empfing entweder aufmunternde Zustimmung oder wohl auch Pflege , solang es solcher Pflege bedurfte . Junge Kräfte wurden unterstützt , Bilder und Büsten in Auftrag gegeben , Reisestipendien erwirkt oder persönlich bewilligt , und wie die Türen allezeit offenstanden , so standen auch die Herzen auf in dem immer sonnigen und immer gastlichen Hause . Diese Gastlichkeit enthielt sich jedes Luxus , ja , verschmähte denselben , aber so schlicht sie sich gab , so grenzenlos gab sie sich auch . Und lag schon hierin ein Zauber , so lag er viel , viel mehr noch in der einfach distinguierten Lebensauffassung , die hier still und ungesucht um die Herzen warb , und in dem Ton , der der Ausdruck dieser Lebensauffassung war . Es war ganz der gute Ton jener Zeit ( einer über- aber freilich auch unterschätzten Epoche ) , ein Ton , der das heutzutage so sehr hervortretende spezialistisch Einseitige vermied und umgekehrt in dem Geltenlassen anderer Beschäftigungen und Richtungen die Pflicht und Aufgabe der Gesellschaft erkannte . Nichts war ausgeschlossen , und Scherz und Anekdote – selbst wenn sich etwas von dem Übermute der damaligen Witzweise darin spiegelte – hatten so gut ein Haus- und Tischrecht , wie die Fragen über Kunst und Wissenschaft oder die speziell auch in dem Gröbener Kreise mit Vorliebe gepflegten altpreußischen Thematas von Armee und Verwaltung , von Staat und Kirche . Sogar Landwirtschaftliches interessierte lebhaft , am meisten freilich den Grafen selbst , der , im Gegensatz zu seinem dilettantisch und skurril herumexperimentierenden Vater , eine große theoretische Kenntnis und alsbald auch ein reiches Erfahrungswissen innehatte , das ihn zu den mannigfachsten Reformen , Einrichtungen und Ankäufen gleichmäßig befähigte . Bei dieser großen Tüchtigkeit und Umsicht in praktischen Dingen konnt ' es nicht ausbleiben , daß ihm mehr als einmal , und zwar jedesmal aus Regierungskreisen her , der Antrag gemacht wurde , sich seiner Gröbener Einsamkeit begeben und in die große Welt , in der er in seiner Jugend gelebt und mit der er die Fühlung nie verloren hatte , wieder eintreten zu wollen . Aber er lehnte jedes dahin zielende Wort mit der Erklärung ab : » Ich bin für Gröben bestimmt . « Auch das Jahr 1848 , das verdoppelt die Forderung einer Rückkehr in das staatliche Leben an ihn stellte , riß ihn nicht heraus ; im Gegenteil , er schloß sich inniger an die Seinen an , die seine Treue mit Treue lohnten , und während das ganze Preußen erschüttert hin und her schwankte , wurde Gröben von keinem anderen Sturm getroffen als von einem wirklichen Orkan , der denn auch die mehrhundertjährige , vor dem Herrenhause wachehaltende Linde niederwarf . Er sah sie den Morgen darauf entwurzelt am Boden liegen und ordnete an , daß sie zu Brettern geschnitten und ein Teil derselben für seinen Sarg beiseite gelegt werde . Lächelnd gab er diese Weisung und er durft ' es wie wenige , denn er sah auf das Ende der Dinge mit jener Ruhe , die nur das gute Gewissen gibt . Und wie von seltner Integrität des Charakters , so war er auch von seltner Reinheit der Sitten und von noch seltnerem Edelmut . Ein Beispiel für viele . Bei Kauf und Übernahme von Gröben war ein armes Fräulein , das der Vorbesitzer als Erbin eingesetzt hatte , leer ausgegangen . Es waren eben , wie hervorgehoben , nur Schulden da . Den Grafen rührte das harte Los der Armen , und er gab ihr aus freien Stücken 6000 Taler als ein Geschenk , was in jener geldarmen Zeit als eine große Summe gelten konnte . Dazu war er heiter und humoristisch . Als die Brennerei , zu der man sich um besserer Gutserträge willen endlich hatte bequemen müssen , unter Dach und Fach war , erhielt sie die Berliner Bibliothekinschrift : Nutrimentum Spiritus . Und diese gute Laune zeigte sich ganz besonders auch , als er in seine letzte Krankheit eintrat . Es fehlte selbstverständlich nicht an Aufforderungen , es , ärztlicher Behandlung halber , mit einem Berliner Aufenthalte versuchen zu wollen , aber er antwortete bloß : » Ihr wißt ja , ich bin für Gröben bestimmt ; ich war es im Leben und will es auch im Tode sein « . Und