es eine Weile ... Dann gingen die Augen nur noch vom Sohn zur Tochter und vom Tode zum Leben hinüber ... Endlich riß sie sich wild los und schrie : Licht ! Licht ! ... Die Fenster auf ! ... Ich muß meine Kinder sehen ! ... Meines Mörders Kinder ... Ha , ha ! - Wach auf , wach auf , Mädchen ! ... Ich kenne dich ja nicht - ... Benno gewann zuerst die Fassung ... Man hörte Geräusch ... Schritte eines Kommenden ... Es klopfte leise ... Der Graf war es , dem das lange Verweilen , das laute Sprechen bei der Leiche auffallen mußte ... Die Herzogin lag ausgestreckt über der Leiche , verbarg ihr Haupt und war selbst wie entseelt ... Der Graf durfte diesen Ausdruck weiblicher Theilnahme an einer Südländerin natürlich finden und folgte Benno harmlos , der ihn mit äußerster Beherrschung seiner selbst aus dem Saale zog ... Die Herzogin blieb allein zurück ... Sie sah um sich , sie tastete hin und her , sie stürzte auf die Leiche , sie riß sich wieder auf , nahm ihren entfallenen Hut , drückte ihn auf das Haar , das sie erst zerwühlen wollte ... Dann nahm sie mit irrer Geberde die abgeschnittenen blutigen Haare und verbarg sie wie im Diebstahl ... Nun preßte sie wieder einen Kuß auf die Lippen der Todten , dann wandte sie sich und wollte wieder zurück ... Der Graf stand inzwischen wieder in der Thür ... Wir verweilten lange bei dem lieblichen Engel - sprach sie in kurzen Sätzen ... Segne Sie - Gott , Herr Graf , für die Liebe , die Sie ihr schenkten - Es gibt nur Eine Liebe - mag sie auch Namen haben , welche sie wolle ... Benno bot ihr , da sie zusammenzusinken drohte , seinen ihm selbst zitternden Arm ... Der Graf dankte für so viel Theilnahme und begleitete beide bis an die weißschimmernde Stiege , rieth freundlich zur Vorsicht , empfahl Benno seine vorhin ausgesprochene Bitte und nahm zum zweiten mal von einem Beileid Abschied , das alles das zu erkennen gab , was in ihm selbst vorging ... Ohnmächtig sinkend , ja stürzend schwankte die Herzogin die gebrechliche Stiege hinunter ... Unten standen zwei Diener ... Der Schlag des vierspännigen Wagens flog auf ... Benno trug die zusammengebrochene Frau mehr , als er sie führte ... Sie sank in ihren Sitz ... Er stieg ihr nach ... Der Schmerz der Herzogin konnte allen erklärt erscheinen aus dem empfangenen , an das gemeinsame Menschenloos erinnernden Anblick ... Die vier Rosse zogen an ... Pfeilgeschwind flogen sie dahin ... 9. Cielo ! ... Destino ! ... Manda mi la morte ! ... So brachen die Empfindungen der Herzogin aus ... Benno ergriff die Hände der jetzt ohnmächtig zusammensinkenden Mutter ... Es war wie eine zweite Geburtsstunde , die sie erlebte ... Ihre Zähne klapperten ... Allmälig schlug sie die Augen auf , betrachtete Benno und wollte mit der Geberde einer Fieberkranken die mitgenommenen blutigen Haare küssen ... Benno riß diese fort und umschlang die Mutter mit seinen Armen ... Wieder versank sie in Ohnmacht und fieberte laut ... In dem weichgepolsterten Wagen ging es auf der Landstraße eine Weile dahin wie in einem lautlosen Zimmer ... Als der Wagen eine kleine Höhe bergan fahren mußte und es langsamer ging , schlug die Herzogin die Augen auf , rang die Hände , riß Benno an ihr Herz und küßte ihn ... Du bist es ! rief sie ... Wüßte es doch alle Welt ! setzte sie hinzu ... Mutter ! lehnte Benno ihren Wunsch ab , der fast wie Besorgniß klang ... Wer weiß es noch sonst ? fragte sie ... Ich hier allein ! antwortete Benno und deutete auf sein Herz ... Meine Ahnung ist erfüllt ! sprach sie ... Mit bangem Herzen bin ich nach diesem Lande gekommen ... Ich ahnte , daß ich das alles , alles erleben würde ... Nicht aber so ! klagte Benno das Schicksal an ... So grausam nicht ! ... Das Leben im Tode ... O zürnst du mir ? ... Sie schüttelte den Kopf ... Niemand weiß es ? fragte sie wiederholt und zweifelnd ... Vier fremde Priester , bestätigte Benno , ich und mein Bruder - der Präsident von Wittekind - Friedrich ist mein Freund und der deine ... Sie fand sich langsam zurecht ... Aber wer weiß , begann sie , ob ich deine Stimme gehört hätte , wäre sie nicht von dem Schweigen einer Todten unterstützt gewesen ... Angiolina ! ... Ja , ich hatte mich mit Haß gerüstet , mein Sohn ... Hätte Gott es nicht so verhängt , daß ich meine Kinder so - so wiedergesehen - wer weiß - ! ... Angiolina ! ... Eine - Verlorene ! ... Benno unterbrach diese Gedankenreihen und fragte liebend vorwurfsvoll : Selbst auf deine Kinder wolltest du Haß werfen ? ... Ja , mein Sohn ! bestätigte die Frau , deren Lippen noch wie von Fieberfrost auf und zu gingen ... Es liegt eine wunderbare Macht , fuhr sie , an Angiolinens Verirrung anknüpfend , fort , in dem Gesetz ... Aber eine Frau kann sich von ihm verirren und , wird sie nur geliebt , so vergißt sie alles , Urtheil der Welt und künftiges Gericht ... Täuscht sie aber der , den sie liebte und um den sie alle Sünden der Welt ertrug und selbst beging , so welkt ihr jeder Baum und jede Farbe verbleicht ihr und ich haßte dich schon damals ebenso , wie ich dich anfangs geliebt hatte ... Ich schleuderte - Angiolinen - dies Kind wie eine Last von mir ... Ihm zu Füßen ! ... Da hast du , was dein ist , Schurke ! ... Ich sah meine Geburt nur einmal - wie sie ins Leben trat ... Das wird vor Gott ein Verbrechen sein - aber er strafte mich jetzt schon , daß ich mein Kind so wiedersehen mußte ... Sie versank in Thränen und küßte die blutigen Haare ... Sei versöhnt ! sprach Benno mit Milde und wie jeder , der an ein mühevolles Ziel glücklich angelangt ist , dann erschöpft zusammenbricht ... Dir bin ich es , mein Sohn ! wandte sich ihm die stolze Frau zu , jetzt , um ihn zu ermuthigen , mit zärtlichstem Tone , ja wie eine Braut so weich - aber - Medea - erhob sie sich wieder - Medea schlachtete dem treulosen Vater ihre Kinder ... Nein , nein ! ... beschwichtigte sie gleichsam ... Wie kommt das alles - daß du hier bist ? Suchtest du mich ? Woher weißt du deinen Ursprung ? .. Benno sammelte sich und die Mutter am zweckmäßigsten durch die vollständige Erzählung der ihm allmälig gewordenen Enthüllungen ... Er schloß seine kurzgefaßten Mittheilungen mit dem Wort : Die Kirche anerkennt deine Ehe ! ... Sprich das nicht aus ! entgegnete sie ... Meine Feinde haben mir auch mit lächelnder Miene diese Andeutung gegeben ... Meinen Frevel , die Hand des Herzogs von Amarillas zu nehmen , die ich nahm aus Stolz und Scham über mich selbst , verzeiht das Gesetz ; denn ich kannte die Lehre der Kirche nicht ... Ich wußte , daß mich dein Vater betrogen hatte und war frei ... Wann erfuhrst du das ? ... Als ich einige Laute dieser eurer rauhen Sprache gelernt hatte , die du nur schön sprichst , du , mein Sohn ! ... Als ich ein Flüstern zu verstehen anfing , wenn Wittekind mit seinen Freunden zusammen war , ich auf meine Anerkennung drängte und nicht mehr in meine Pflichten nach Kassel zurückkehren zu wollen erklärte , wenn ich auf Neuhof gewesen ... Ich erlebte die Grausamkeit des Mannes ! - O mein Cäsar - hast du etwas in deinen Zügen von diesem Tyrannen - Jesus ja , du bist sein Bild ! ... Nicht im Herzen ! sagte Benno , schlug die Augen nieder und zog die Mutter an seine Brust ... Er warf mich eines Tages in einen Kerker ! fuhr sie fort ... Er ließ mich hungern ... Ich schrie um Hülfe ... Zuletzt konnt ' ich nicht mehr ... Er kam in die unterirdischen Gewölbe und kniete an meiner Thür nieder und weinte ... O Cäsar ... Er konnte bestrickend sein wie ein Kind , wenn er wollte und Nachsicht bedurfte ... Zweimal geschah das ... Ich saß in den untersten Gewölben und fror und hungerte - ich , sein rechtmäßiges Weib ! Wie ich damals noch - und freilich nur noch das erste mal glaubte ... Ein Teufel von einem Weibe bewachte mich ... Brigitte von Gülpen , ergänzte Benno ... Sie strafte der Himmel ... Sie ist ermordet worden ... Gott wird ihrem Mörder zum Paradiese verhelfen ! ... Ja , Brigida hieß sie - ! Ich vergesse den Ton nicht , wenn sie sich meldete und ich rief : Wer da ! ... Sie spitzte dann den Mund und lockte mich : Täubchen ! ... Sie hätte mich würgen können wie eine Taube ... So auch starb sie ... sagte Benno und erzählte den Tod der Hauptmännin ... Dann fuhr er fort : Aber sie hatte eine Schwester - Petronella hieß sie - Ihr dank ' ich mein Leben , meine Pflege , meine Erziehung ... Meinem Onkel , dem Abbate Francesco , verdank ' ich meinen Namen ... Ich hieß der Sohn seines Bruders ... Ich heiße Benno von Asselyn ... Julius Cäsar von Wittekind heißt du ! - und eine Weile nach mir Montalto ! ... verbesserte sie stolz und fuhr in den sie erleichternden Erinnerungen fort ... War ich ermüdet und kraftlos und verhallte meine Stimme ohnmächtig an den Wänden , so kam dein Vater und beschwor mich , ihm zu vertrauen ... Er könnte mich noch nicht anerkennen , wehklagte er ... Er verlöre die Hälfte seines Vermögens ... Auf seinem Witthum beruhte seine ganze Kraft ... Mit der zweiten Heirath würde er der Sklave seiner Kinder werden ... Er nannte Namen , die ich bald vergaß , Verhältnisse , die meine Begriffe überstiegen ... Er bat , er flehte hinter dem Gitter ... Er knieete nieder , schilderte eine glänzende Zukunft ... Ich ließ mich bethören und versprach nachzugeben Diese Augenblicke , wenn er den Schlüssel zog , wenn er meine Schwüre hören wollte , daß ich ihm verziehe , erst ein Pistol mir entgegenhielt und dann doch wieder durch das Gitter mich mit Küssen verlocken wollte - O , was hab ' ich gelitten , mein Sohn ! ... Benno umarmte sie , streichelte ihre Wange , küßte ihre Hände ... Er starb im Wahnsinn , sagte er ... Wie zur Sühne solcher Frevel starb er - ein Geächteter ... Einen seiner frühern Freunde hat er erstochen ... Wär ' es einer von denen gewesen , sagte die Mutter mit Bitterkeit , die mich in der Kapelle zu Altenkirchen betrogen ! ... Und doch , du sagst es , einer von ihnen wurde dein zweiter Vater ? ... Lebt der Abbate noch ? ... Ich glaubte , gerade der wäre zur ewigen Verdammniß bestimmt ! ... Gerade er machte und wie aus Achtung vor mir den Ministranten - ein Priester ! ... Ich sagte ihm Dank , als wir ins Schloß zurückkehrten nach der Trauung , Dank für die Ehre , die er mir gewährt ... Seine Hand zitterte , als er dafür die meinige küßte ... Ein Jude war der falsche Priester - der mich drei Jahre lang betrog - Auch in der großen Kathedrale von - wie hieß der Ort - Witoborn - betrog - ! ... Er las die Messe ... Ich wußte damals nicht , daß es seine erste war ... Später erfuhr ich ' s , als ich anfing , mich heimlich nach ihm zu erkundigen ... Kurz vor der Flucht des Hofes von Kassel , längst schon in Angst um Wittekind ' s kaltes Benehmen , in Hoffnung mit - Angiolinen , in Angst vor den wilden Kosakenhorden , die nach der großen Schlacht bei - Leipzig schon bis dicht an die Thore schwärmten , sagte mir Wittekind ins Gesicht , daß er mein Bleiben nicht dulden würde und daß ich sein Weib gar nicht wäre ... Trommelwirbel fielen in diese Worte ... Die Glocken läuteten Sturm - Feuer ! rief es in den Gassen ... Schon brannt ' es in den nächsten Dörfern ... Besinnungslos folgt ' ich der allgemeinen Flucht ... In der unglücklichen Lage eines Weibes , wenn sie die Zwecke der Schöpfung erfüllen soll , ward ich von den Angehörigen der Truppe , zu der ich gehörte , fortgerissen ... ... Schon am Abend , in einer Scheune , auf dem Wagen eines Kunstfeuerwerkers unsers Ballets , kam ich nieder ... Ich raffte am andern Morgen den letzten Rest meiner Kräfte zusammenstoße das Kind , wie alles um mich her , von mir - Die Gesellschaft wird von den Vorposten der Russen auseinander gesprengt - Ich gelte für eine Todte - So kam ich auf einem Bauerwagen nach Frankreich , verfolgt von dem Hohn : Das ist der Hof des Königs Hieronymus ! ... Ich verfiel in eine lange Krankheit , nach der ich mich erst allmälig auf alles besann , was vorher mit mir vorgefallen ... Arme Mutter ! sprach Benno und suchte sie zu beruhigen ... Aber die Sprecherin war in mächtigster Erregung und fuhr fort : Der Krieg kam näher und näher ... Ich benutzte meine ersten wiedererlangten Kräfte , an Wittekind zu schreiben ; an den Bischof von Witoborn , dem ich noch Anstand nahm alles ganz wie es war mitzutheilen ; an die Behörden ... Letztere wurden eben neu eingesetzt ... Wittekind antwortete nicht ... O die Scham und die Verzweiflung über meinen eigenen Unverstand waren noch größer als mein Rachegefühl ... Ich suchte mich der Welt zu verbergen , ich verrieth niemanden , was mir geschehen war ... Meine nächsten Vertrauten und Umgebungen waren durch die Zeitumstände von mir gerissen ... Nachrichten über ein Bauerhaus einzuziehen , wo du lebtest , wurde unmöglich ... So bracht ' ich einige Monate in Paris zu ... Da lernte mich der Herzog von Amarillas , Marquis Don Albufera de Heñares , kennen ... Die Mutter hielt inne , um neue Kraft zu schöpfen ... Benno bat sie , sich zu schonen ... Bei dem Wort , das er aussprechen wollte , er würde sie ja nun oft sehen können ... stockte er ... Wir sehen uns in Rom ! sagte er ... Nein , schon hier ! wollte sie mit überwallendem Gefühl ausrufen ; doch auch sie unterbrach sich jetzt und gestand , ihre Stimme dämpfend : Meine Lage ist - freilich nicht so - daß ich - ... Benno sah , daß hier seine Aufgabe erfüllt war ... Was sollte er noch in Wien ? ... Sollte er wie Hamlet einen ungeheuern Schmerz im Busen tragen und ihn vertändeln in der Gesellschaft , in einem Liebesroman mit Olympien ? ... Die Herzogin fuhr inzwischen fort : Die Feinde hatten Paris genommen ... Ein Flüchtling vor Napoleon , kehrte der Herzog mit dem vertriebenen Ferdinand VII. nach Spanien zurück ... Er kam aus England und erkrankte in Paris ... Der Streit unserer Meinungen hinderte nicht die Annäherung der Sympathieen ... Der Herzog wohnte in einem Hause mit mir ... Er war alt und gebrechlich ... Seine gänzlich verarmte Lage rührte mich ... Ich fing wieder an zu singen und theilte mit ihm , was ich hatte ... Dennoch war alles nur Rache an Wittekind - der mich endlich mit Geldmitteln und höhnischem Spott und einer teuflischen Bitte um Verzeihung bedachte - Rache , daß ich ihm als Herzogin antwortete und ihm ebenso höhnisch , wie er geschrieben , auch ihm seine Kinder empfahl , für die er zu sorgen gelobte , die ich aber - Gott wolle es mir verzeihen ! - wie alles verfluchte , was mich an ihn erinnern konnte ... Benno erkannte die psychologische Möglichkeit ... Nach einer starren Betrachtung der blutigen Locken Angiolinens fuhr die Mutter fort : Ich reiste nach Madrid ... Der Herzog , mein Gemahl , hatte eine Stellung am restaurirten Thron der Bourbonen erhalten ... Bald aber kehrte Napoleon von Elba zurück ; auch in Madrid erhob sich die Revolution ... Der Herzog erlag den Anstrengungen einer Flucht vor der Cortesregierung nach Portugal und starb ... Wieder stand ich allein , wieder ohne Schutz und Lebenshalt ; jetzt bereuend , daß ich mich selbst so rasch zu dieser Veränderung meiner Ansprüche auf Wittekind hatte bestimmen können ... Ich reiste nach Rom ... Von dort begann ich in meiner ersten Verzweiflung , mit Schloß Neuhof zu correspondiren und einlenkende Schritte zu thun ... Später drohte ich ... Man schrieb mir oder ließ mir schreiben ... Ich empfing einiges Geld , im übrigen nur die alten höhnischen und bäurischen Scherze und Bitten um Verzeihung ... Las ich diese Briefe , so hörte ich das wiehernde Gelächter , das dein Vater zuweilen ausstoßen konnte für sich ganz allein - nur für sich allein ... Er jubelte dann über seinen Verstand und über die Dummheit der ganzen Welt ... Das hat sich traurig gewendet ! sagte Benno ... Jérôme , sein zweiter , schon geisteskranker Sohn , starb im Duell ... Auch Friedrich , der Erbe , ist nicht glücklich ... Doch bin ich mit Friedrich einverstanden und befreundet ... Er kennt meine Reise hierher und billigt die Begegnung mit dir ... Befiehl du selbst ! ... Er ordnet sich allen deinen Wünschen unter ... Die Herzogin horchte aufmerksam und überlegte ... Sie schien das Fortwalten des Geheimnisses vorzuziehen ... Wenigstens sagte sie : Mein Sohn ! ... Ich bin die Tochter eines Marchese im Ravennatischen , der sein Vermögen verlor ... Ich mußte früh an die Verwerthung eines Talents denken , das mich und die Meinigen erhielt . So legte ich den Namen der Marchesina von Montalto ab und nahm den der Fulvia Maldachini an ... Von Rom kam ich erst nach Parma ... Von dort nach Mailand , von Mailand nach Paris , von Paris nach Kassel ... Ich kannte diese ganze dortige fremde Welt nicht und verachtete sie zu sehr ... Meine einzige Umgebung war eine alte Römerin , die mich singen gelehrt hatte ... Sie war halb erblindet , erschien aber durch ihre Manieren wohl geeignet , meine Duenna vorzustellen ... Auch sie verstand die Welt nicht , in der wir mit Anstand lebten ... Ich genoß die größten Auszeichnungen und hatte selbst die List des Königs zu fürchten ... Ich war tugendhaft , mein Sohn ! ... Ich war es vielleicht nur - aus Stolz ... Den Freiherrn erhörte ich erst , als er mir die heimliche Ehe anbot und ich sie vor Gott , einem Pfarrer oder dessen Substituten und mehr als zwei Zeugen , die hingereicht hätten , richtig geschlossen glaubte ... Meine Entbindung von dir fiel in die Zeit der Ferien an unserer Bühne ... Ich genas in einer der kleinen Meiereien , die zu den Besitzungen deines Vaters gehörten ... Eine Bäuerin nährte dich ... Noch war deine Geburt eines Familienstatuts wegen zu verbergen ... Aber du hattest meine ganze Liebe ... Nie konnte ich dich in den schmuzigen Umgebungen wie ein Bauernkind sehen , ohne nicht sofort mit deinem Vater die ernstesten Kämpfe über die endliche Enthüllung unsers Geheimnisses zu beginnen ... Anfangs erfolgten die Beschwichtigungen in Güte ... Die spätere Wendung erzählte ich dir ... Wäre ich nicht von den Pflichten meines Berufs , den ich liebte und den ich so viele Meilen von Neuhof entfernt ausübte , gebunden gewesen , ich hätte so lange mein Geheimniß nicht bewahren können ... Als ich endlich den Betrug durchschaute , übertrug ich meinen Haß auch auf meine Kinder ... Und ich sag ' es dir , Cäsar , ich würde dich und Angiolina nie anerkannt haben ohne diese heutige Wendung des Geschicks , die mir so schreckhaft sagte : Die Rache lasse der Mensch dem Himmel ! ... Oft befiel mich melancholische Sehnsucht nach den beiden Wesen , die ich unterm Herzen getragen ... Einmal - ja , da war ich nahe daran , mich zu entdecken , als jener Pater Stanislaus , den du kennst - ... Wenzel von Terschka - ... Nach Deutschland reiste und sich mir empfahl ... Ich lebte jedoch schon damals in Verhältnissen , die mir die Festhaltung meiner Stellung als Herzogin von Amarillas zur unbedingtesten Pflicht machten ... Und noch - jetzt , mein Sohn - ... Die Erzählerin stockte und wandte sich ab ... Benno glaubte die Beschämung zu sehen , die Anstand zu nehmen schien , von Cardinal Ceccone , ihrer dritten Verbindung , zu sprechen ... Ein unendliches Weh legte sich auf sein Herz ... Mein Sohn , sprach die Herzogin , seine Gedanken errathend ... Wenn Cardinal Ceccone in allem so heilig wäre , wie in seinem Verhältniß zu mir , so würde man ihn nach seinem Tode kanonisiren ... Eher kannst du in Rom hören , daß - - Ceccone wie Papst Alexander Borgia seine eigene Tochter liebt , als das Wort - die Herzogin von Amarillas stünde in einer nähern Verbindung mit ihm , als der , die Duenna seiner - » Nichte « zu sein ... Mein Sohn , du siehst mich hier mit vier Pferden fahren , Bediente umringen mich , ein römischer Principe reicht mir den Arm , um mich in die kaiserlichen Theater zu führen , in die Loge des mächtigsten Staatsmannes der Welt - ich bin nichts weiter als eine Gouvernante ... Benno ergriff gerührt die Hand der Mutter und sah in ihre umflorten Augen ... Unter unsern Cardinälen , fuhr sie mit schmerzlichem Lächeln fort , gibt es einige , die wohl verdienen , Muster der Christenheit genannt zu werden ... Ihre Zahl ist nicht groß ... Die übrigen theilen sich in zwei Klassen ... In solche , die die Gelübde aus Indolenz halten , und solche , die die Natur nicht betrügen können ... Alle aber , selbst die letztern bewahren den Anstand ... Saltem caute ! ist unsere römische Devise ... Um die immer prüfend und lauernd auf sie gerichteten Blicke der Menschen , namentlich der Priester , zu zerstreuen , zeigen die Cardinäle sich absichtlich ganz weltlich , leichtsinnig , gesellschaftsbedürftig und doch nicht anstößig . Das ist , wie die Frauen im Cicisbeat einen Deckmantel für eine in ganz anderer Sphäre versteckte Leidenschaft haben ... Jeder Gatte läßt seine Gemahlin ruhig mit dem Cicisbeo gehen ... Dieser ist der Freund des Hauses , der Freund des Mannes , der Beschützer der Frau , deren anderweitige Verhältnisse am wenigsten der Cicisbeo kennt ... So haben auch die Cardinäle ein Haus , an das sie attachirt sind , wo sie Audienzen geben , wo sie sich ausruhen , Whist spielen und wirklich , wenn auch mit den leichtesten Formen , die Tugend und Entsagung selbst sind ... Das weiß in Rom jedermann ... Cardinal Ceccone kann nach seinen Arbeiten in der Sacra Consulta nicht anderswo sich erholen , als bei der Herzogin von Amarillas , wo es hergehen würde so still und fromm , wie im Kloster von Camalduli , wenn nicht Olympia mit den Jahren immer gefahrvoller sich entwickelt hätte - Cäsar ! - unterbrach sich die Sprecherin und betrachtete Benno mit einer Mischung von Staunen und Schrecken - wie nur war es möglich , daß gerade du , du mein Sohn , Cäsar von Wittekind , es sein mußtest , der - ... Doch - fuhr sie plötzlich auf - fliehe Olympia ! Sie zerreißt , was sie liebt ! ... Benno gerieth in die größte Verwirrung ... Seine Ueberzeugung , daß er in Wien seit dieser Stunde nichts mehr zu vollbringen oder abzuwarten hätte , mehrte sich ... Die Mutter fuhr fort : Ich bin nicht die einzige Herzogin , lieber Sohn , die in Roms dunkelsten Gassen wohnte und nur - in den Kirchen , deren wir zu diesem Zweck Gott sei Dank genug haben , von einem ihrem Stand gebührenden Glanze umgeben ist ... Man ist arm , aber vom Munde darbt man sich den Miethwagen ab , der uns des Abends eine Stunde auf den Corso führt ... Sonst geht man des Tages zu Fuß ... Ein Schleier genügt , nicht einmal ein Bedienter ... Alle hundert Schritt liegt eine schöne geräumige Kirche , gebaut aus Marmor , mit stillen Kapellen , dunkeln Ecken , da eine Lampe , hier ein Schemel für die Füße , ein Bild von Domenichino , eine Sculptur von Michel Angelo - so kann man schon eine Stunde lang verträumen , ein Leben der Armuth anständig verschleiern ... Du wirst das sehen , wenn du in Rom bist ... Du gehst nach Rom ! ... O wohl , wohl ! ... Du sollst es ... Oder was - was glaubst du , mein Sohn ? ... Benno hatte die Miene gemacht zu fragen , ob sie es nicht wünsche ... Er sah , wie seine Begegnung sie bei alledem zu stören anfing ... Die Kirchen , fuhr die Herzogin nach einigen zärtlichen Blicken fort , die Kirchen in Rom sind zum Beten da ; aber sie verbinden zugleich den Zweck , eine Promenade zu sein , eine Promenade , die zu betreten nichts kostet ... Ich hörte einen Attaché der Gesandtschaft des Königs von Preußen , der erst einige Tage in Rom war , außer sich gerathen bei der Erzählung : Ich besuche den Carcer Mamertinus beim Capitol , die Kapelle , die über jenem Gefängniß erbaut ist , wo Sanct Peter vor seiner Hinrichtung gefangen saß , und ein Geistlicher tritt herein , kniet vor einem Betpult nieder , wendet das Antlitz zum Altar , zieht , ehe er betet , sein Taschentuch , seine Dose , nimmt eine Prise und dann erst faltet er die Hände ! 1 ... Dies Bild brachte den Lutheraner außer sich , beleidigte jedoch von uns Römern niemand ... Es war ein heißer Tag ; der arme Dorfpfarrer , der die Merkwürdigkeiten der Stadt ansah , wollte sich ausruhen und benutzte die kühle Kapelle St.-Pietro in carcere ... Daß man sich an einem solchen Ort mit der Geberde des Betens ausruht , bringt die Rücksicht auf den Ort und diejenigen mit sich , die vielleicht ringsherum wirklich beten ... Die Kirchen Roms sind nicht Kirchen allein , sondern die ehemaligen Thermen der Kaiser ... Sie sind die Gärten und Promenaden der Stadt , die allen gehören , den Armen und Reichen , den Königen und Bettlern ... Ist denn nicht auch das Religion , was alle gleich macht ? ... Wer gefallen ist , Könige , die ihre Krone verloren , können keine bequemere Stadt der Welt finden ... Für die , die ohne Demüthigung sein und vergessen wollen , ist Rom die Stadt der Städte ... Diese Aeußerungen einer Frau , die in so unmittelbarer Nähe der Tonangeber der Christenheit lebte , mußten Benno wol die Frage wecken : Wiestehen ihre Ueberzeugungen im Verhältniß zur Kirche und zu dem Zweck der Sendung des Cardinals ? ... Doch überwog jetzt noch das Interesse am Persönlichen ... Fünf bis sechs Jahre , fuhr die Mutter fort , lebte ich in dem steten Kampf mit mir , welche Entschließungen ich fassen sollte ... Ich war nicht mehr jung ... Meine Schönheit , wenn ich sie je besaß , war verblüht ... Ich zog niemanden an , als dann und wann ein paar Priester , die bald wegblieben , als ich ihnen keine Tafel serviren konnte ... Zur Devotion hatte ich kein Talent ... Im Singen zu unterrichten widersprach meinem Stolz ... Ich processirte mit den Gerichten Spaniens ; die Revolutionen und die Cortes wiesen mich ab ... Wittekind erlebte in meiner Verzweiflung einigemal die Drohung , daß ich nach Deutschland kommen und die Gerichte gegen ihn anrufen würde ... Ich ging so weit , mich über die Gesetze wegen unwissentlicher Bigamie zu unterrichten ... Ich überzeugte mich , daß meine Ehe nach kanonischen Regeln anerkannt werden konnte ... Dann aber hatte ich in Bigamie gelebt und mußte erst von dieser Sünde wieder befreit werden ... Das ist das besonders Schmerzliche am Unglück , es macht zuletzt feige ... Das Unglück verwirrt uns und läßt uns falsche , oft ganz unwürdige Maßregeln ergreifen ... Ich fand wenigstens meine Hülfe da , wo ich nimmermehr geglaubt hätte , daß ich sie suchen würde ... Benno horchte voll höchster Spannung ... Jenseit der Tiber wohnen in Rom jene Volksklassen , die sich noch eine gewisse Natürlichkeit , soweit sie bei römischer Unbildung möglich ist , bewahrt haben ; Handwerker , die größerer , lichterer Räume bedürfen , als sie die innere Stadt diesseit der Tiber bietet ... In Trastevere wohnte ein Metzger , von dem ich mir zuweilen den Luxus gestattete , ein besseres Stück Fleisch , ein ganzes junges Lamm für die Küche zu bestellen ... Noch lebte meine alte Marietta Zurboni , die mich so lange Jahre begleitet hatte ... Nun war sie ganz blind ; ich gönnte ihr zuweilen Festtage in Wirklichkeit , nicht blos die , die im Kalender stehen - Was ich da alles rede ! unterbrach sich die Herzogin und starrte in die Ferne und in die noch nicht erreichte Stadt ... Benno erkannte , daß die Mutter so plötzlich der Schmerz um die Todte , die nun schon in Entfernung fast einer Meile zurückgeblieben , ergriff ... Sie hielt beide Hände nach der Gegend hin , wo Schloß Salem lag ... Eine Geberde der Bitte um Verzeihung ... Sie küßte wieder die blutigen Haare ... Benno beruhigte sie ... Eines Tages , fuhr sie nach einem kurzen Weinen fort , hatte ich mich von Kirche zu Kirche bis Santa-Cecilia gebetet - dies war die einzige Art , wie ich als Herzogin am Tage ohne Equipage vegetiren konnte