Euch anvertraute Kind gestorben ist . Ihr seid und war ' t ein Blinder , schon damals , als das Kind geboren wurde . Ihr habt es nie gesehen . Wohlan , laßt Eure Schwester reden . Heute Nachmittag ist sie im Forsthause allein . Ich werde Euch zu ihr führen ... Mein Sohn , Herr , führt mich . Euer Sohn führt Euch ! Wohlan , dann können wir zu gleichen Paaren sein . Da mein Freund , der nicht hört , wie Euer Sohn , er soll mich begleiten . Wir steigen in die Kammer der Ursula oder rufen sie herunter und ich denke , Ihr , Zeck , werdet es verstehen , ihr Gedächtniß ein wenig zu kitzeln . Ich höre , daß sie gegen andre Hände unempfindlich ist . Seid Ihr ' s zufrieden ? Zeck sagte , daß sein Sohn den Förster mit dem Karren zu begleiten hätte , der Franziska ' s Sachen in den Ullagrund bringen sollte . Nun so hol ' ich Euch an der Schmiede allein ab ... Ihr werdet Euch doch von mir führen lassen ? Um zwei ? Dann kann ich die Schraube nicht fertig liefern zum Abend ... Die eilt nicht , Zeck ! Mich aber eilt ' s mit dieser Sache . Heut ' Nachmittag ! Jetzt kommt , ich führe Euch hinaus zu Eurem Sohne . Er muß mit dem Förster in den Ullagrund , damit wir die Ursula allein treffen . Zeck bot zögernd die Hand , die rauh wie Leder war und schwarz gefärbt . An der Thür hielt er noch einmal inne und fragte mit verschmitzter Neugier : Herr , darf man fragen , ist es was Ordentliches , was unser Friedrich hinterlassen ? Ihr meint , weil Ihr Euch für Euren Sohn darauf freut ... Ach ! Sagt ' s nur heraus ! Ein blinder Vater - ein tauber Sohn - die haben mehr Noth , ehrlich durchzukommen , als Leute , die sehen und hören können - Das ist wahr ! sagte Louis , beruhigt Euch , Zeck , das Erbrecht wird seinen vollkommenen Fortgang haben . Indem horchte Zeck auf , als er eben aus der Thür treten wollte . Was horcht Ihr so ? Reiten da nicht welche unten über die Landstraße ? Könnt Ihr so gut hören ? Ich höre , daß Eisen dabei klappert - Losgegangne Hufeisen - Ihr werdet zu thun bekommen . Das ist Säbelklappern - Louis sah zum Fenster hinüber und bemerkte , unten auf der Landstraße um den Berg herum schwenkten zwei scharfzutrabende militairische Reiter . Es sind zwei Landdragoner ! sagte er . In der Hauptstadt war es unruhig ... Ich hört ' es gleich - Scharfes Ohr ! Ihr könnt dem Himmel danken , daß er gleich wiedergibt , wenn er genommen hat . Um zwei Uhr ... Zeck nickte und ergriff die Hand seines Sohnes , bis zu dem sie auf dem Corridor angekommen waren . Der starrte den Landdragonern nach , die in das Amtshaus ritten , nahm dann seinen Vater und führte ihn die große breite Stiege hinunter ... Louis , zurückkehrend , fand Murray sehr erschüttert . Über die erste Rührung , den durch ihn geblendeten Bruder zu sehen , sollte er doch wol bald hinwegkommen , da er die eingewurzelte Bosheit erkannte . Doch sagte er , alle Reue hülfe dem Frevelnden nichts , seine böse That behielte ihre Folgen und nur der Tugendhafte wäre sicher , höchstens mittelbar Schlimmes zu veranlassen . Denn schlimm sind wir Alle ! Wer weiß , fuhr er fort , was ich Alles in Folge meines damaligen Fehltrittes noch anrichte , als willenlose Ursache ! Nehmt den Tod meines Kindes . Bin ich nicht sein Mörder ? Diese Gedankenreihe erschütterte ihn mehr als das wirkliche Nichtmehrvorhandensein des Kindes . Denn ein Wesen , das er nie gesehen , dessen Ursprung sich auf Sünde und Reue zurückzog , ein Wesen , dessen Schicksale ihm nur , wenn es erwachsen und misrathen war , Gewissensbisse verursachten , konnte sich seinem Herzen doch nicht so tief als eine Nothwendigkeit eingepflanzt haben . Im Gegentheil durfte er freier athmen und Gott danken , daß er ihm eine Veranlassung zu neuer großer Schuld früh hinweggenommen hatte . Was aber Murray ebenso erschütterte , war der unverkennbar böse Sinn des Bruders , die ungebesserte Lüge , die Verstocktheit , die Geldgier . Und auch für diese mußte sich Murray nach seinem Sinn verantwortlich machen . Ach , sagte er zu Louis , konnte ich bittrer gestraft werden als durch den Anblick eines Menschen , der durch mich das Licht der Augen verlor ! Wäre dieser Elende - denn ich kann ihn in nichts beschönigen - wär ' er sehend geblieben , so hätte ihn die Kraft seiner Sinne wol seinen eigenen Weg geführt . Er hätte nicht nöthig gehabt , Andre für sich denken , Andre ihn führen zu lassen ! Was konnte da noch aus ihm Gutes werden , wo er nun genöthigt war , meiner Schwester zu folgen und ihr eine Last wurde ! Sie stieß ihn aus dem Försterhause , gab ihm vielleicht von ihrem Pflegegeld so viel , um sich die Schmiede anzulegen mit seinem damals schon erwachsenen Sohn . Wer nicht sieht , ist mistrauisch . Der Verlust keines Sinnes macht so bitter wie der Verlust des Auges . Man findet wol Blinde , die heiter und getröstet sind über die ewige Nacht , die sie umgibt , aber dann sind sie leichtsinnig und rühren uns nicht mehr , sondern erschrecken uns . Louis hielt sich nicht an diese Reflexionen , wie sie Murray auszuspinnen liebte , sondern an die Thatsache : Lebt das Kind , lebt es nicht mehr ? Ich mache Fortschritte in der Menschenkenntniß , sagte er . Ich glaube gewiß zu sein , daß dieser geizige , habsüchtige Mann , der leider Ihr Bruder ist , Murray , nicht im entferntesten von dem Tode Ihres Sohnes überzeugt ist . Er will nur die schmuzige Hand ausstrecken nach der vermeintlichen Erbschaft . Er sollte nichts wissen von diesem Kinde ? Er sollte es ganz der Sorge seiner Schwester überlassen haben ? Eines wäre eine glückliche Auskunft aus diesem Dunkel . Wenn sie einträfe , Murray ! Welche , mein Freund ? Daß die Mutter dieses Knaben , Ihre einstige Freundin , in alten Tagen den Fehltritt ihrer Jugend bereut und sich des Schicksals Ihres Sohnes wieder angenommen hätte ! O Das wäre eine Erzählung aus » Tausend und Einer Nacht « sagte Murray lächelnd . An solche Märchen muß man nicht glauben in Der Welt , in die es einst der Baron Grimm gewagt hat , sich einzudrängen ... Den Rest des Vormittages brachte Louis nun noch damit zu , Geschäftsbriefe nach der Residenz zu schreiben , in denen er seine bevorstehende Rückkehr von Hohenberg ankündigte . Kurz vor dem einfachen Mahle , das ihnen Brigitte zubereitet hatte , durchflog er die Zeitungen , in denen Egon ' s schwierige Stellung nicht verschwiegen war . Der Fürst hatte sich auf eine bedenkliche Art von allen Parteien isolirt , sich dabei zwar sehr hoch gestellt , aber auf eine Höhe hin , wo ein schneidender Zugwind wehte . Der Hof schien dem jungen Staatsmann volle Gewalt gegeben zu haben . Er stellte ihm alle Mittel zu Gebote , die das constitutionelle Wesen im Vorrath hat , um von einer Verständigung mit dem Publikum an die andre zu appelliren . Man konnte sich noch der Hoffnung hingeben , daß die Wahlen die thatkräftige neue Administration unterstützen würden . Viele aber bezweifelten diese Hoffnung und fanden es für rathsamer , daß das Ministerium sogleich aus eigener Machtvollkommenheit einen neuen Wahlmodus oktroyirte . Dennoch blieb dieser Erlaß , den man schon in den neuesten Nummern erwartete , aus , ein Beweis , daß Fürst Egon seine Hülfsmittel nicht zu rasch verbrauchen wollte . Auch ließen die mit vielem Geiste geschriebenen Artikel des » Jahrhunderts « ahnen , daß das Ministerium erst die öffentliche Meinung für seine Auffassung der Staatsaufgabe theoretisch und praktisch gewinnen wollte , bis es mit Gesetzen hervortrat , die auf diese Theorie und Praxis begründet waren . Der Adel , die Beamten , das Militair , ja sogar ein großer Theil der Wissenschaft und Kunst schwärmten schon für die neue Regierung . Sie verhieß Kraft . Sie verhieß Erlösung von einer Anarchie , die nicht mehr ausrottbar schien . Die Politik wurde von den Straßen verbannt ; auch aus den Clubs fing Egon schon an , sie auszutreiben . Louis las mit beklommenem Gefühle , daß die Arbeitervereine ihre Statuten einreichen mußten und mehre geschlossene Gesellschaften nach jenem tumultuarischen Abend bereits verboten waren . Egon hatte sich in einer Zuschrift an seinen Wahlbezirk der Worte bedient : » Wo zwei Gewalten regieren wollen , kann der Staat nicht bestehen . Die Gewalt soll eine getheilte sein . Diese Lehre ist alt und ich finde sie schon dadurch bewährt , daß jede Verantwortung gemildert wird , wenn mehre Schultern sie zu tragen haben . Aber die Theile der Theilung müssen gleichartig sein . Unterordnen müssen sie sich können der großen , untheilbaren Idee des Volkswohles , des Thatbestandes . Wo zwei gleichberechtigte Gewalten gegeneinander auftreten , steht die Maschine still . Ich erkenne im Staate nichts an , was höher ist als das Volkswohl . Auch der Monarch ist in meinem Systeme der Diener des Volkswohles . Er vertritt die natürliche Ordnung des Lebens , das Maß , die Grenze aller ehrgeizigen Bestrebungen . Er ist ein Theil der großen Einheit des Volkswohles . Reicht ihm die Hände , ihr wackern Bürger ! Seid die Zweiten im Bunde ! Die ausführende Gewalt , die das Ministerium vertritt , ist die dritte Gewalt ! Aber eine Gewalt der Volksversammlungen , der Clubs , der Kasernenverschwörungen , der Preßanarchie werd ' ich nimmermehr anerkennen . Ich erinnere Sie an das Wort eines großen Dichters , des Briten Shakespeare , der den Jammer des römischen Staates nach den Erfahrungen des britischen in dem Schmerzrufe schilderte : Mein Herz , es weint , Zu seh ' n , wie wenn zwei Mächte sich erheben Und keine herrscht , Verderben , ungesäumt Dringt in die Lücke zwischen Beid ' und stürzt Die Eine durch die Andre . « Nach dem bescheidenen , in schweigsamer Spannung hingebrachten Mittagsmahle schickte sich Louis an , zur Schmiede hinabzugehen . Er hatte mit Murray verabredet , daß dieser auf einem kürzern Wege zum Walde hinunter steigen und sie beim Eingange in das dunkle Tannengehölz , das den Anfang bildete , erwarten sollte . Murray war es einverstanden und besorgte nur , daß sein Bruder nicht Wort halten und doch wol mit seinem Sohne kommen würde , der für Das , was sie im Forsthause vorhätten , ein lästiger Zeuge sein würde . Louis aber versprach sich den glücklichsten Ausgang . Zehntes Capitel Der geheime Schrank Louis Armand fand den blinden Schmied schon in Bereitschaft und erfuhr , daß Heunisch mit dem jungen Zeck unterwegs wäre nach dem Ullagrunde . Der Gedanke , Geld , wohl viel Geld erben zu dürfen , hatte dem Alten alle Sorgen aus dem Sinne geschlagen . Er sagte sogar lachend : Die Ursula wird Augen machen , wenn sie heute Kaffeebesuch bekommt . Vielleicht denkt sie , sie sollte Euch wahrsagen . Thut sie Das ? Nachmittags , wenn sie Kaffee trinkt , hat schon Mancher bei ihr vorgesprochen . Karten legt sie gern in der Dämmerung , nie Vormittags . Vormittags bespricht sie blos die Rose und die Drüsen . Es ist eine Zauberin ! Ich erfuhr es schon ! sagte Louis . Eine Hexe nennen sie sie ; meinte der Blinde . Sie weiß viel , Das ist wahr . Alles aber auch nicht . Nicht wahr , Anneliese ? Die kleine garstige Person , bei der Louis gestern die Bestellung gemacht , begleitete sie vor die Thür . Laßt Ihr die Schmiede so allein ? Wo sind Eure Gesellen ? fragte Louis . Die Taugenichtse sind abgelohnt . Sie verstanden nichts , aßen Faullenzerbrot . Damit lehnte Zeck die Thür der Schmiede an , schärfte Anneliesen Aufmerksamkeit ein und verbot , daß die beiden entlassenen Gesellen noch einmal in die Werkstatt kämen . So schritt er vorwärts . Louis mußte staunen , wie sicher Zeck ging . Die Erbschaft hatte ihn völlig in Schwung gebracht . Alle Sorge hatte ihn verlassen . Er lachte vor sich hin und schlug sich auf das Schurzfell , das er , so hinderlich es war , vorbehalten hatte . Auch in eine Ritze des Obertheils vor der Brust griff er und versicherte sich eines starken Hammers , den er zu sich gesteckt hatte . Er that wie ein Mann , der sich vor keiner Gefahr scheut , wenn er seine Waffen bei sich hat . Es ging ein scharfer Wind , der vom Walde her das abgefallne Laub ihnen entgegentrieb . Links die kleine Buchenschonung ließen sie liegen , sie gingen gerade auf das Tannengehölz zu , wo Louis Murray schon wartend fand . Murray stand in einem alten grauen Mantel , gebückt , fast gespenstisch . Er winkte Louis , so zu thun , als wenn er nicht zugegen wäre . Still gingen sie an Murray vorüber , still folgte dieser . Den Kupferstecher , sagte Zeck , habt Ihr daheimgelassen , Herr ? Nicht wahr ? Er ist nicht nöthig , sagte Louis und winkte Murray , der die Worte hörte - er ist nicht nöthig , hab ' ich mir überlegt . Doch kommt er vielleicht später nach oder ging schon voraus . Zeck mußte jetzt von der Taubheit seines Sohnes Manches erzählen und suchte überhaupt seiner innern Freude durch Gesprächigkeit einen Ausdruck zu geben . Er blieb dabei , daß der junge Baron Grimm , wie er Murray ' s Sohn lachend nannte , todt wäre , schien es auch nicht anders zu wissen und verließ sich gänzlich auf die Aussagen seiner Schwester , von denen er freilich seinem Begleiter gleich sagen zu müssen glaubte , daß er eben nicht auf viel Vernunft bei ihr rechnen dürfe . Sie hätte die Jahre , um schwach zu sein . Und was bei ihrer Narrheit nicht von den Jahren käme , das hätte der einsame Wald gethan . Und wol der Doktor Lehmann ; setzte Louis hinzu . Ja , mußte Zeck bestätigen , da hat sie Bücher gelesen , die Manchem schon den Rest gaben , Wunder- , Kräuterund Heilbücher . Und die rechten Heilinstrumente , die Richtmesser , die Schwerter , die Räder ... St ! ... Zeck winkte mit der Hand und meinte , Louis möchte davon nicht reden . Murray folgte in einiger Entfernung und hörte Alles , was Zeck , der aus Gewöhnung seines Sohnes wegen immer sehr grell sprach , durcheinanderschwatzte . Der Gedanke , wie gierig die Habsucht sich in diesem thierischen Menschen zeichne , erfüllte ihn mit Schmerz . Er mußte dabei vorsichtig folgen und immer berechnen , wann Zeck still stand . Hätte er dann nicht auch im Gehen eingehalten , so würde ihn das raschelnde Laub verrathen haben . Jedesmal , wenn er das Stillstehen nicht gut berechnet hatte und einen Schritt weiter ging , fuhr Zeck auf und sah sich um . Da Murray aber gleich still stand , war dem Verdachte , er möchte mit Louis nicht allein sein , keine Nahrung gegeben . An Louis bewunderte Murray die treue Hingebung , dies eifrige , herzliche Bemühen , ihn für die Vernachlässigung dieser Tage , von der nicht er , sondern Louis sprach , schadlos zu halten . Wenn er ihm nahe genug war , drückte er ihm die Hand zum innigsten Danke dafür . Die sehr naheliegende Erörterung , wer die Mutter des gestorbenen Knaben gewesen , kam nicht zur Sprache . Louis schonte das Geheimniß Murray ' s und Zeck selbst schien den Namen der Mutter nicht zu kennen . Die Schwester wuchs Louis an Bedeutung durch die Hartnäckigkeit , mit der sie den Schmied von der Kenntniß ihn nur mittelbar berührender Dinge ausgeschlossen hatte . Auch sagte Zeck : Das ist wahr , wer ' s der Urschel einmal im Guten angethan hat , für den geht sie durch ' s Feuer ! Der Satans- Marzahn war hoch hinaus und hätte sie bald um den Jungen meines Bruders sitzen lassen ... Wieso sitzen lassen ? fragte Louis , blieb stehen und winkte Murray näher zu kommen . Zeck stand still und wandte sich erstaunt , da er im Laube noch Fußtritte rascheln hörte . Der Wind geht ! sagte Louis , als er das Staunen des Schmieds bemerkte . Warum sitzen lassen ? Wie alt wurde das Kind ? Es wurde , wenn ich ' s sagen soll , bemerkte Zeck sich umsehend und erst allmälig beruhigend , es wurde - In dem Augenblicke mußte Murray , der sich durch den Aufenthalt am geheizten Ofen der frischen Luft entwöhnt hatte , unglücklicherweise husten . Wer ist da ? rief Zeck mit einer heftig erschrockenen Gebehrde und griff sogleich nach dem Hammer in seinem obern Schurzfell - Ah ! Sieh da ! Mein Freund ist nachgekommen ! rief Louis , sich sogleich fassend ... So - so - sagte der Blinde , riß die Augen auf und drehte sich wie Einer , der seinen Rücken nicht sicher glaubt . Stoßt Euch nicht an den Bäumen ! Kommt vorwärts , Meister ! bedeutete Louis . Also wie alt wurde das Kind Eures Bruders , von dem ihr mir sagen müßt , warum er sich Baron Grimm nannte ? Herr Ackermann wird ' s wissen - meinte Zeck und ging nur zögernd vorwärts . Herr Ackermann ? sagte Louis . Ich habe von ganz andrer Seite her den Auftrag , mich nach dem Sohne Eures Bruders zu erkundigen , der sich eine Zeitlang Baron Grimm nannte ; aber ich weiß nicht , wie er diesen Namen führen konnte - Ihr wißt nicht - sagte der Blinde zweifelnd . Ich weiß nur , daß er todt ist und seinem Sohn eine Erbschaft hinterließ ... wie alt wurde das Kind ? Zeck war durch den Dritten eingeschüchtert . Er antwortete nur vor sich herbrummend und meinte zuletzt : Wir müssen am Forsthause sein - Laßt ' s Euch von der Ursula selbst sagen , aber die Erbschaft kommt doch wohl - ist sie groß ? Sie standen an der Wiese , die durch den Nachtfrost ihre Frische verloren hatte und in das welke , fahle Wintergrau überging . Wir kommen zum Kaffee , sagte Louis scherzend , um Zeck wieder mehr Muth zu machen , der Schornstein raucht . Wenn sie nur den Satz nicht verschüttet , daß wir noch unser Schicksal hören können . Der Blinde antwortete nicht . Er war so mistrauisch geworden , daß er sich immer nach Murray umwandte und wol gar zu glauben schien , er befände sich auf einem falschen Wege , man hätte ihn irre geführt . Warum wollte Marzahn Eure Schwester nicht heirathen ? fragte Louis dringend . Murray ' n brannte es auf der Zunge zu sagen : Hielt der Soldat vielleicht das Kind für das Kind Ursula ' s ? Er mußte sich gewaltsam zurückhalten , diese Vermuthung auszusprechen . Louis verstand seine Aufregung und wiederholte seine Frage . Allein Zeck antwortete nicht mehr , sondern verwies auf seine Schwester , indem er Louis nochmals darauf aufmerksam machte , daß er auf eine gesetzte , vernünftige Unterhaltung bei ihr nicht rechnen dürfe , sondern sehen müsse , wie er Alles , was er zu wissen wünsche , von ihr herausbekäme . Vielleicht hat sie ihre gute Laune , sagte er , und wenn sie Kaffee kocht , ist sie nicht schlimm , nur manchmal grob . Mit diesem Troste näherte man sich dem Hause , dessen Inneres durch das Gebell der Hunde lebendig wurde . An die Möglichkeit , daß Ursula Murray erkennen könnte , dachte man für den Fall nicht , daß sich dieser bescheiden zurückhielt . Murray zog die Binde fast über das ganze Gesicht und hielt sich gebückter und älter als je . Als Louis öffnen wollte , ging die Thür nur am Schlosse auf , nicht ganz in der Angel . Sie war durch eine Kette gehemmt . Aber sie klingelte . Alles Dies war Louis neu . Für Fränzchen hatte die Alte die Kette und die Klingel abgenommen . Entweder gönnte sie dem Mädchen geringere Sicherheit oder sie wollte in ihrer Zurückgezogenheit oben nicht an den Verkehr des Hauses erinnert werden . Wer da ? rief eine heisere Stimme von oben herab . Zeck rüttelte am Drücker der Pforte und schlug dann mit dem Hammer dreimal an die hölzerne Füllung . Nun , nun ! hieß es oben , wo der Schmied erkannt wurde . Was soll ' s denn ? Willst du sehen , Jakob , ob wir noch nicht im Kehrichtfaß liegen ? Sie ist vernünftig ! flüsterte der Blinde . Gott sei Dank ! sagte Louis und wartete mit Spannung auf das Erscheinen der Frau , von der ihm Franziska so viel Schlimmes erzählt hatte und von der er durch Murray und Zeck zu viel wußte , um nicht dem Verdachte Raum zu geben , daß sie im Stande gewesen wäre , Franziska aus diesem Hause auch durch irgend eine Frevelthat zu entfernen . Die Alte stand auf der Hausflur , öffnete aber die Thür nicht . Louis sah eine große hagere Gestalt zwischen der Thürspalte erscheinen mit rothumwundenen Kopfe und scharfen spitzen Gesichtszügen , dunklen habichtsartigen Augen . Der Mund hatte nur noch vorn einige Zähne , die nicht aufeinander schlossen . Der Blick war unheimlich , menschenfeindlich , schielend ohne eigentlich falsch zu sein . Ein rothgelbes ostindisches Tuch war über die Brust geschlagen , der kattunene Rock schien sauber und war heute zur Feier der Wiedereinsetzung in die alten Rechte wohl neugewaschen aus dem Schranke genommen . Mach ' auf , Urschel ! sagte der Blinde . Kriegst Besuch ! Hast noch Kaffee übrig ? Die Alte antwortete nicht , sondern spähte mit stechenden Augen durch die Thür . Louis , der fast hätte annehmen sollen , daß sie ihn doch wohl schon von oben beobachtet hätte , grüßte freundlich . Murray trat auf die Seite , sodaß er noch nicht gesehen werden konnte . Mach ' auf , mach ' auf ! sagte der ungeduldige Blinde . Kriegst einen schönen Gruß aus Amerika , Urschel ! Wieder so einen , wie im Sommer ... Kling ! Kling ! Mach ' auf ! Die Alte stierte hinaus und schien ihres Bruders tauben Sohn zu suchen . Ihr Blick war der einer Irren . Louis fühlte , wie grauenhaft es Franziska hatte sein müssen , mit einem solchen Weibe unter einem Dache allein zu sein . Er verstand den Entsetzensschrei , den Franziska vorgestern ausstoßen mußte . Mach ' auf ! Alte Hexe ! rief der Blinde , der jetzt vor Ungeduld und Gewinnsucht zornig wurde . Hast wol den Teufel zum Besuch bei dir ? Oder was läß ' st du mich und die Herren da stehen ... Sollst Spaß erleben . Mach ' auf ! Die Alte sah noch einen Augenblick und schüttelte den Kopf . Dann hätte sie vielleicht die Thür uneröffnet zugeschlagen , wenn nicht Zeck , diesen Fall voraussehend , sich gleich anfangs mit dem Fuße dagegengestemmt hätte . Hol ' dich der Satan ! schrie er ; willst du aufmachen ? Es ist möglich , flüsterte Louis , daß sie mich des Fränzchen ' s wegen nicht sehen mag . Oder fehlt ihr Euer Sohn ? Kennst du den Herrn ? rief der Blinde . Willst du aufmachen ! Ursula kam wieder und stellte sich wieder spähend an die Thürspalte , im Vertrauen auf die Kette , die jeden Besuch , den sie nicht mochte , absperrte . Sollst uns Karten legen , schmeichelte jetzt der Blinde , Bube und Dame ... Hörst du ? Urschel , mach ' auf ! Louis faßte sich ein Herz und beschloß eine List zu wagen . Er setzte voraus , daß sie ihn noch nicht gesehen . Wir kommen vom Fürsten Egon von Hohenberg , sagte er , dem dieser Wald , das Haus gehört . Dies ist ein alter Stallmeister . Wir haben zwei Pferde , die an der Huffäule leiden . Wir wissen , daß Ihr alle Krankheiten der Thiere versteht . Sagt uns ein Mittel , das gut ist gegen die Huffäule ! Der Fürst wird ' s bezahlen . Damit zog er die Börse und klimperte . Die Alte lachte hämisch , kniff die Augen zusammen und sprach , den Oberleib vorstreckend , als wollte sie Louis bis in ' s innerste Herz sehen : Schießt sie todt ! Dann wollte sie die Hausthür zuschlagen . Darauf war aber der Blinde in andrer Art jetzt schon vorbereitet . Mit dem linken Fuße seines herkulischen Körpers die Thür zurückstemmend , hieb er mit dem rasch hervorgezogenen Hammer so heftig auf die strammgezogene Kette , daß diese klirrend auseinandersprang und die Thür krachend an die innere Wand flog . Die Alte schrie wie ein getroffener Vogel und flüchtete sich . Eben sicher , keck und höhnisch wurde sie plötzlich über die Maßen furchtsam , wimmerte und drückte sich an den Ofen des Zimmers , in das sie hineinflüchtete , wie ein gutgezogener Hund , der sich vor seinem Herrn mit bösem Gewissen fürchtet . Louis und Murray folgten entsetzt dem sie zornig verfolgenden Blinden , der nach der Gegend hin , wo er die Schwester vermuthete , drohend den Hammer schwang und ihr alle möglichen Verwünschungen und Plagen androhte für den tückischen Tag , den sie heut ' einmal wieder zu haben schiene . Wenn ich komme ! lärmte er . Bin ich ein Strauchdieb ? Komm ' ich mit Buschkleppern ? Satan du ! Rühr ' dich oder ich treff dich ! Von Murray ' s Brust löste sich ein gepreßter Seufzer . Dicht an der Thür glitt er auf einen Sessel . Er war gewiß , daß ihn diese irrsinnige Alte nicht wieder erkennen würde . Es war seine Schwester ! Dieselbe Ursula , die Abschied von ihm genommen , als er in seinen Todeskerker geführt wurde ! Dieselbe Ursula , der er die Pflege eines Kindes übertrug , das ihn an seine schuldvolle Vergangenheit , wie den Verbrecher der Ring an den Pranger fesselte ! Hier komm her , herrschte der Blinde , hier mach ' Mores ! Hopp ! Dahin ! Wo bist du ? Gib die Hand , Urschel ! Er langte nach ihr . Sie jammerte aber , der Schmied wolle ihr etwas zu Leide thun ... Louis warf einen traurigen Blick auf Murray , der so viel sagen sollte , als : Hier ist schwer , auf begründete Thatsachen kommen ! Hier gilt es , Geduld haben . Mach ' den Herren dein Compliment ! sagte der Blinde . Das ist der Herr Stallmeister , das ein Cavalier vom Fürsten . Wirst doch wissen , wie Doktor Lehmann die Huffäule kurirte ? Du hast ja Doktor Lehmann ' s Bücher . Hol ' sie ! Da im Schrank liegen sie ... Die Alte faßte jetzt etwas Muth und wagte sich vor . Wo ist der Schlüssel ? Sie schüttelte den Kopf . Wo ist der Schlüssel ? Louis merkte , daß ihm Ursula winkte . Er trat näher . Sie flüsterte ihm in ' s Ohr : Ich geb ' ihm meinen Schlüssel nicht , wenn er allein kommt . Wie das Geld aus Amerika kam , kam er auch allein . Da mach ' ich nicht auf . Sein Junge muß Zeuge sein . Was sagt sie da ? fragte Zeck . Bleibt da , sagte Louis entschlossen und führte Zeck an das Fenster der schon dunkelnden kleinen Stube zurück . Bleibt ruhig ! Eure Schwester wird uns Alles sagen . Herr , fuhr Ursula fort . Er hat nichts Gutes vor , wenn er allein kommt . Er ist schon öfters allein durch den Wald geschlichen ... Kommt er denn jetzt allein , gute Frau ? sagte Louis . Wir sind ja unsrer zwei mit ihm und Eure Freunde . Aber Ihr hört ' s ja , er will den Schlüssel haben ! Murray merkte aus diesen Worten bald , daß Ursula noch so viel klare Gedanken hatte , um vor Jakob Zeck ' s Habgier sich sicher zu stellen . Er gedachte seines Geldes , das ohne Zweifel Veranlassung dieses Mistrauens war . Louis folgte mit großer Geistesgegenwart der gleichen Betrachtung und sagte : Das ist recht , Frau Marzahn , daß Ihr Euer Geld verschließt . Ihr müßt reich sein . Aber gabt Ihr denn die dreitausend Thaler , die Ihr einst für das Kind Eures Bruders , der in Amerika gestorben ist , empfangen habt , nicht auf Zinsen ? Ursula stierte ihn auf diese Worte mit großen Augen an . Ach , Herr , sagte der Blinde , die dreitausend Thaler legte sie bei Marzahn ' s Leber an . Das Geld zehrte all der Durst weg . Die Alte verstand diese Bemerkung , lachte und erhob sich jetzt , ihren Gästen etwas vorzusetzen . Ihr Herren , sagte sie , wollt Ihr trinken ? Da , sagte Zeck , nun hat sie ' s ! So ging ' s früher ! Juchhei ! Flotte Wirthschaft ! Die und dreitausend Thaler ! An Die hat sie ' s hinausgeworfen , die ihr sagten , daß sie hübsch war . Zehn haben sie heirathen wollen und Jeder zog sie nur aus , bis sie nichts hatte und ihren armen blinden Bruder hätte sie verhungern sehen können ... Wollt Ihr trinken , Jungen ? fragte Ursula wieder mit schelmischer Lüsternheit . Louis schüttelte den Kopf . Er