wirklichen Wert besaß . Eine kleine Anekdote mag das zeigen . Unter den vielen Statuetten , die in seinem Zimmer auf Konsolen und Simsen umherstanden , befanden sich auch die Modellfiguren zweier Grazien , die er in grüner Wachsmasse ausgeführt hatte . Es waren Arbeiten aus seiner besten Zeit , kleine Meisterwerke , die mehr als einmal die Bewunderung eintretender Künstler und Kenner erregt hatten . Durch eine Unvorsichtigkeit indes waren während des Winters 1840 beide Figuren in die Nähe des Ofens gestellt worden und hatten , weil das Wachs an der Oberfläche schmolz , eine wie mit Pickeln übersäte Haut bekommen . Ein Tausendkünstler aus der Schadowschen Bekanntschaft erbot sich , mit Hilfe von Naphtha oder Äther , die alte normale Schönheit wiederherzustellen . » Na , na « , hatte der Alte kopfschüttelnd abgewehrt , sich aber schließlich doch bestimmen lassen . Leider sehr zur Unzeit , und in einem Zustande merkwürdiger Schlankheit kehrten nach kaum acht Tagen die Äthergebadeten in das Schadowsche Haus zurück . Der Alte ging einen Augenblick musternd und schmunzelnd um seine Lieblingsgestalten herum und sagte dann ruhig zu dem erwartungsvoll Dastehenden : » Ja , de Pickeln sind weg , aber de Pelle ooch . « Wenige hätten gleich ihm die Beherrschung gehabt , mit einer humoristischen Bemerkung von einer so wertvollen und allgemein als mustergültig angesehenen Arbeit Abschied zu nehmen . Ein solches , von einem leichten Humor getragenes Abschiednehmen war nun freilich nicht immer seine Sache . Mußt ' es sein , wie in dem vorerzählten Falle , so fand er sich darein ; aber freiwillig – nein . Auch hierfür ein Beispiel . Einer seiner Schüler , der spätere Professor F. , hatte sich durch Ausführung einer ihm im Interesse Schadows übertragenen Arbeit die ganz besondere Zufriedenheit des Alten erworben , so daß dieser in guter Laune sagte : » Nu höre , F. , nu könntest du dir wol eijentlich so zu sagen ne Gnade bei mir ausbitten . Na , sage mal , was möchtest du denn woll . « » Ja , Herr Direktor ... « » Na , geniere dir nich . Sage man janz dreiste ... « » Ja , Herr Direktor , wenn Sie denn wirklich so viel Güte für mich haben wollen , dann möcht ich Sie wohl um die beiden kleinen Modellfiguren bitten , die da oben stehen . « » Um welche denn ? « » Um den alten Dessauer und den alten Zieten . « » I süh ! ... Höre F. , du bist nich dumm . Aber ich werde dir doch lieber fünfundzwanzig Dhaler geben . « Und so geschah es . Er war auch ein Repräsentant der Berliner Ironie , der trostlosesten aller Blüten , die der Geist dieser Landesteile je getrieben hat . Aber er war ein Repräsentant derselben auf seine Weise . Man hat , wenn solche Abschweifung an dieser Stelle gestattet ist , dies ironische Wesen auf den märkischen Sand , auf die Dürre des Bodens , auf den Voltairianismus König Friedrichs II. oder auch auf die eigentümliche Mischung der ursprünglichen Berliner Bevölkerung mit französischen und jüdischen Elementen zurückführen wollen , – aber , wie ich glaube , mit Unrecht . Alles das mag eine bestimmte Form geschaffen haben , nicht die Sache selbst . Die Sache selbst war Notwehr , eine natürliche Folge davon , daß einer Ansammlung bedeutender geistiger Kräfte die großen Schauplätze des öffentlichen Lebens über Gebühr verschlossen blieben . Das freie Wort ist endlich der Tod der Ironie geworden und wird es täglich mehr . Zu Schadows Zeiten aber blühte sie noch , und da es für den einzelnen immer mehr oder weniger unmöglich sein wird , sich gegen einen die Gesellschaft beherrschenden Ton abzuschließen , so adoptierte denn auch Schadow diese Sprechweise , freilich erst , nachdem er sich dieselbe nach seinen eigenen Bedürfnissen zurechtgemacht hatte . Er versetzte sie nämlich mit einem Element , von dem sie in der Regel wenig zu haben pflegt : mit humoristischer Derbheit und erzielte dadurch ein ganz eigenartiges Endresultat . Ein paar illustrierende Beispiele , herausgenommen aus einer großen Zahl ähnlicher Anekdoten und Überlieferungen , mögen hier Platz finden . Vom Professor Stabfuß , der freilich alles andre eher war als ein Maler , pflegte der Alte lächelnd zu sagen : » Ja , der Stabfuß , der hat sich det Malen angewöhnt « , und einer Deputation von Bildhauern , deren Gesamtheit ihm am Abend vorher einen Fackelzug gebracht hatte , bemerkte er , ohne sich groß auf Dankesworte einzulassen : » Na , det hat euch woll viel Spaß gemacht . « Verhaßt waren ihm alle diejenigen , die durch Unterwürfigkeit und schöne Redensarten ausgleichen wollten , was ihnen an Kraft und Können abging , und auf einschmeichlerische Gesuche wie etwa : » der Herr Direktor könnten das ja mit Leichtigkeit tun « , pflegte er regelmäßig zu antworten : » Ja , dhun könnt ' ich et ; aber ich dhu et lieber nich . « Anmaßung und Dünkel ließ er nicht aufkommen , auch da nicht , wo ein entschiedenes Talent die Äußerungen der Eitelkeit allenfalls verzeihlich gemacht hätte . Nahm er dergleichen wahr , so entstanden Gespräche wie das folgende : Schadow : Haste det alleene gemacht ? Schüler : Jawohl , Herr Direktor . Schadow : Janz alleene ? Schüler ( fast beleidigt ) : Jawohl , Herr Direktor . Schadow : Na , denn kannst du Töpper werden . – Er hatte von solchen Ausdrücken und Vergleichen eine ganze Skala zur Verfügung . Am niedrigsten stand ihm der Zinngießer . Nicht besser ging es denen , die als » Amateurs « in Reih und Glied eintraten und die Kunst nebenbei erlernen wollten . Einem jungen Offizier , der talentiert war und aus » Liebhaberei « zu malen vorhatte , antwortete er trocken : » Ne , ne , Herr Leutnant . Bleiben Se man lieber bei Ihr Mächen . « Interessant war sein Verhältnis zu Rauch . Es wurde ihm nach dieser Seite hin das Möglichste zugemutet , und selbst die bittersten Gegner des alten Herrn – er hatte deren zur Genüge – werden ihm das Zeugnis nicht versagen können , daß er mit einer selten anzutreffenden Charakterhoheit dem Aufgang eines Gestirns folgte , das bestimmt war , die Sonne seines eigenen Ruhmes , wenigstens auf Dezennien hin , mehr oder weniger zu verdunkeln . Äußerungen , die ich bereits im allgemeinen getan , hab ich an dieser Stelle noch im besonderen zu wiederholen . Kein bitteres Wort , kein abschmeckiges Urteil kam über seine Lippe , selbst dann nicht , als die jugendlichere Kraft des Rivalen mit Ausführung jenes Friedrichs-Denkmals betraut wurde , das einst sein Tag- und Nachtgedanke und wie nichts andres in seinem Leben der Gegenstand seines Ehrgeizes und seiner höchsten künstlerischen Begeisterung gewesen war . Überall , wo wir dem Namen Rauchs in seiner ( Schadows ) Autobiographie begegnen , geschieht es in einem Tone unbedingter Huldigung . » Die Figur der Königin zu Charlottenburg war sein erstes glänzendes Werk , so glänzend , daß es merkwürdig bleibt , wie seine folgenden Werke jenes noch übertreffen konnten . « In ähnlicher Weise klingt es stets . Zum Teil mochte das , was als neidlose Bescheidenheit erschien , ein Resultat klugen Abwarten- und Schweigenkönnens sein . Er wußte , daß seine Zeit wiederkehren würde ; sprachen doch inzwischen seine Werke für ihn . Wenig mehr als ein Menschenalter ist seitdem verflossen und die Wandlung der Gemüter hat sich vollzogen , rascher als er selbst erwartet haben mochte . Die Zeit ist wieder da , wo das Grabmonument des jungen Grafen von der Mark in der Dorotheenstädtischen Kirche ruhmvoll und ebenbürtig neben jenem schönen Frauenbildnis im Mausoleum zu Charlottenburg genannt wird , und der Marmorstatuen Scharnhorsts und Bülows kann nicht Erwähnung geschehen , ohne daß gleichzeitig und mit immer wachsender Pietät auf die Standbilder Zietens und Leopolds von Dessau hingewiesen würde , die wir dem erfinderischen Kopf und der mutigen Hand des Alten verdanken . Die Fachleute zweifeln kaum noch , vor wem sie sich als vor dem größeren zu beugen haben : Rauch hatte die geschicktere Hand , aber Schadows Genius war bedeutender , selbständiger . Er schritt voran und brach die Bahn , auf der die Gestalt des andern , groß und leuchtend und mit dem fliegenden Haar des Olympiers ihm folgte . Es ist nicht Absicht dieser Zeilen , den Charakter Schadows nach allen Seiten hin zu zeichnen ; aber ein Zug darf schließlich nicht vergessen sein , der entschieden in das Bild des Alten gehört : seine Loyalität , sein Herz für Preußen und die Mark . Er lebte durch ein volles halbes Jahrhundert hin als ein bevorzugter Liebling des Hofes , aber es waren nicht diese Bevorzugungen und Auszeichnungen , die seine Loyalität erst schufen , vielmehr wurd ' er ein Liebling , weil er sich in schwerer Zeit als ein Mann von Herz und Hand bewährt hatte . Er gehörte zu denen , denen gegenüber das allgemein patriarchalische Verhältnis , in dem die Hohenzollern zu ihren Untertanen stehen , den intimeren Charakter einer alten Bekanntschaft annimmt und zu einem Tone führt , in dem das Element der Scheu von der einen und der Hoheit von der andern Seite her in dem des Vertrauens völlig untergeht . Es gibt vielleicht keine zweite Fürstenfamilie , die solche beinah freundschaftlichen Verhältnisse kennt , sicherlich nicht in gleicher Zahl . An den meisten Höfen fehlt das Vertrauen , bei anderen lassen Steifheit und Formenwesen das Menschliche nicht zu voller Geltung kommen . Nur die Hohenzollern kennen jene wirkliche Humanität , die wie der Zug ihres Herzens so das Glück ihres Volkes ist . Der alte Schadow war einer von denen , die wie langbewährte Diener » mit zur Familie « gezählt wurden , einer von denen , die das süße Gefühl nicht störten » wir sind unter uns « . Als er Ende der dreißiger Jahre ins Schloß ging , um bei Prinz Waldemar , dem jüngeren Sohne des Prinzen Wilhelm , Unterricht zu geben , trat er gerad in das Zimmer , als sich zwei junge Prinzessinnen lachend über den türkischen Teppich rollten ; die Gesichter glühten und die Haarflechten hingen lang herab . Entsetzt sprangen sie auf , warfen sich aber sofort wieder hin und tollten lachend mit den Worten weiter : » ' s ist ja der alte Schadow « . Als die Friedensklasse des Pour le mérite gestiftet wurde , war es selbstverständlich , daß Schadow den Orden erhielt . Der König selbst begab sich in die Wohnung des Alten in der jetzigen Schadowstraße . » Lieber Schadow , ich bring Ihnen hier den Pour le mérite . « » Ach Majestät , was soll ich alter Mann mit ' n Orden ? « » Aber lieber Schadow ... « » Jut , jut , ich nehm ihn . Aber eine Bedingung , Majestät : wenn ich dod bin , muß ihn mein Wilhelm kriegen . « Der König willigte lachend ein und verzeichnete in dem Ordensstatut eigenhändig die Bemerkung , daß , nach des Alten Tode , der Orden auf Wilhelm Schadow , den berühmten Direktor der Düsseldorfer Akademie , überzugehen habe . Wunsch des Vaters und Verdienst des Sohnes fielen hier zusammen . Die letzte Begegnung , die der Alte mit König Friedrich Wilhelm IV. hatte , war wohl im Herbst 1848 , wo der nunmehr Vierundachtzigjährige der Deputation angehörte , die von Berlin aus nach Potsdam ging , um dem Königspaare zur silbernen Hochzeit zu gratulieren . Als ihn der König sah , schob er ihm einen Stuhl hin . » Setzen Sie sich , Papa . « Der ganze Vorgang an die bekannte Szene zwischen Friedrich dem Großen und dem alten Zieten erinnernd . Durch das ganze Schaffen des Alten ging , wie schon angedeutet , ein vaterländischer , ein preußisch-brandenburgischer Zug . 45 Dinge , die sich jetzt von selbst zu verstehen scheinen , hat er das Verdienst , völlig abweichend vom Hergebrachten , zuerst gewagt und durch charakteristisch siegreiche Behandlung in die moderne Kunst eingeführt zu haben . Gegen die ausschließliche oder auch nur vorzugsweise künstlerische Berechtigung des Vaterländischen , des altenfritzig Zopfigen , scheint er freilich allezeit starke Bedenken unterhalten zu haben , viel stärkere , als man geneigt sein könnte bei einem Manne anzunehmen , dem es vorbehalten war , eben nach dieser Seite hin epochemachend aufzutreten . Aber ebenso wenig wie er den Realismus ausschließlich wollte , ebensowenig verkannte er sein Recht . Die alten , hergebrachten Formen reichten für ein immer reicher und selbständiger sich gestaltendes Leben nicht mehr aus . Er empfand das tiefer als andere . Im Einklang mit seiner ganzen Natur erschien ihm die Kunst nicht als ein allein dastehendes , einfach dem Schönheitsideal nachstrebendes Ding , vielmehr sollte sie dem wirklichen Leben in der Vielheit seiner Erscheinungen und Ansprüche dienen , um es hinterher zu beherrschen . Das Loslösen der Kunst vom lebendigen Bedürfnis war ihm gleichbedeutend mit Tod der Kunst . So entstanden jene Arbeiten , die unser Stolz und unsere Freude sind . Die Ausführung dessen , woran seine Seele zumeist gehangen hatte , des Friedrichs-Monuments , blieb ihm freilich versagt , als Beweis aber , wie bescheiden und patriotisch zugleich er seine Tätigkeit auffaßte , stehe hier zum Schluß , was er selber bei Gelegenheit seines Zietenstandbildes schrieb : » Ein zwar weniger kostbares , aber deshalb nicht minder beachtenswertes Zietendenkmal als das meinige , ist die Lebensbeschreibung des alten Helden , die Frau von Blumenthal herausgegeben hat . Sie gibt in diesem Buche das ausgeführte Bild eines frommen und tapferen Soldaten , schildert den Geist seiner Zeit und flößt , bei angenehmer Unterhaltung , die Liebe ein zu König und Vaterland . « So schrieb der Alte und so war er . Gröben und Siethen Gröben und Siethen 1. Gröben und Siethen unter den alten Schlabrendorfs 1. Gröben und Siethen unter den alten Schlabrendorfs Von 1416 bis 1786 Um 1416 gab es in Gröben und Siethen keine Gröbens mehr ; an ihre Stelle waren die lausitzischen Schlabrendorfs getreten , die sich nach dem bei Luckau gelegenen Dorfe » Schlabrendorf « nannten , gerade so wie sich die Gröbens in voraufgegangener Zeit nach dem im Teltow gelegenen Dorfe Gröben ihren Namen gegeben haben . Aus den ersten zwei Jahrhunderten der Anwesenheit der Schlabrendorfs in Gröben und Siethen wissen wir wenig von ihnen . Es scheint nicht , daß sie sich hervortaten , einen ausgenommen , Johann von Schlabrendorf , der in die geistliche Laufbahn eintrat und in dem Jahrzehnte , das dem Auftreten Luthers unmittelbar voranging , zum Bischof von Havelberg aufrückte . Wegen seiner Vorliebe für die Prämonstratenser behielt er die Tracht derselben bis an sein Lebensende bei . » Es wird ihm nachgerühmt « , so schreibt Lentz in seiner Stiftshistorie von Havelberg , » daß er ein rechter Geistlicher gewesen , der fleißig in der Bibel gelesen und seine horas canonicas selber abgewartet , auch mit seinen Canonicis einen Vers um den andern dabei gebetet habe . Daneben hab ' er auch auf seiner Burg zu Wittstock als ein rechter Herr und Fürst zu leben und einen konvenablen Hofstaat mit einem zahlreichen Gefolge von Rittern und Edelknaben zu halten gewußt . Ebenso Koppeln und Meuten und einen wohlbesetzten Marstall . Ingleichen auch hab ' er der Armen nicht vergessen und sie mit Bier und Brot allezeit reichlich versorgt . « So Lentz in seiner Stiftshistorie . Daß dieser Bischof aber speziell dem Hause zu Gröben entsprossen gewesen , dafür spricht mit großer Wahrscheinlichkeit ein noch jetzt in der Gröbener Kirche befindliches Glasfenster , das in seinem Oberteile die Bischofsmütze samt zwei gekreuzten Bischofsstäben , darunter aber das Schlabrendorfsche Wappen zeigt . Aus dem Gröbener Kirchenbuch Auf dieses Vorerzählte beschränkt sich alles , was wir durch zwei Jahrhunderte hin einerseits von den Schlabrendorfs selbst , andrerseits von den ihren Hauptbesitz bildenden Schwesterdörfern Gröben und Siethen wissen , und erst von 1604 ab , wo Pastor Johannes Thile I. ins Gröben-Siethener Pfarramt eintrat und das seit 1575 bestehende Kirchenbuch eifriger als seine Vorgänger zur Hand nahm , um Aufzeichnungen darin zu machen , erst von diesem Jahre 1604 an er fahren wir Eingehenderes aus dem Leben der beiden Dörfer . Um eben dieser Aufzeichnungen willen , die – mit Ausnahme der Schlußepoche des Dreißigjährigen Krieges – durch alle Nachfolger Johannes Thiles I. getreulich fortgesetzt wurden , ist denn auch das Gröben-Siethener Kirchenbuch ein wahrer historischer Schatz und für die Kultur- und Sittengeschichte der Mark von um so größerem Wert , als es im ganzen genommen in unsrem Lande doch nur wenige Kirchenbücher gibt , die bis 1604 zurückgehen . Es ist ein vollkommner Mikrokosmos , dem wir in diesem alten , wurmstichigen und selbstverständlich in Schweinsleder gebundenen Bande begegnen , und alles , was das Leben , und nicht bloß das Leben einer kleinen Dorfgemeinde , zu bringen vermag , das bringt es auch : Krieg und Pest und Wasser- und Feuersnot und Mißwachs und Mißgeburten . Und daneben Unglück über Unglück , heut auf dem Gröbener und morgen auf dem Siethener See . Fischer ertrinken , Brautzüge werden vom Sturm überrascht und in Winterdämmerung Verirrte brechen ein in die kaum überfrorenen Lumen oder erstarren in dem zusammengewehten Schnee . Dazu Mord und Brand , und Stäupung und Enthauptung , und auf jedem dritten Blatte das alte Lied von Ehebruch und » Illegitimitäten « aller Art , an die sich dann regelmäßig und wie das Amen in der Kirche die pastoralen und meist invektivenreichsten Verurteilungen knüpfen . Aber immer im Lapidarstil . Und nun möge das Kirchenbuch sprechen . Aufzeichnungen des Pastors Johannes Thile I 46 In diesem Jahre 1609 ist Herr Ernst von Schlabrendorf , Erbherr auf Gröben und Siethen , aus dieser Zeitlichkeit geschieden . Er war vermählt mit Ursula von Thümen , aus welcher Ehe demselben zwei Söhne geboren wurden : Joachim von Schlabrendorf und Melchior Ernst von Schlabrendorf . An Melchior Ernst kam Gröben und an Joachim kam Siethen , so daß wir von diesem Jahre 1609 an zwei Schlabrendorfsche Linien haben : eine Gröbensche und eine Siethensche . 1620 am 18. Oktober hat der an der Nuthe wohnende Vogt Hans Blume seinen Stiefvater Hans Möller mit einer Büchse erschossen . Nachschrift aus dem Jahre 1622 . Selbiger Hans Blume wurde von den Obrigkeiten zu keiner Strafe gezogen , vielmehr heimlich über die Grenze geschafft . Er ging nun in den Krieg nach Böhmen . Eh er aber nach Prag kam , ward er , nach gerechter göttlicher Wiedervergeltung , auch erschossen . Hat also in seinen Sünden hinsterben müssen . Ach , weh der armen Seele . 1621 am 28. Oktober ist in unsrer Nachbarschaft ( auf Schloß Beuthen ) ein Sohn geboren worden . Dieses Kind hat , salva venia , keinen podicem gehabt , so daß es seiner natürlichen Funktionen unfähig gewesen ist . Wonach Meister Hans Meißner , Bader zu Trebbin , mit dem Messer den podicem hat öffnen müssen . Und ist durch Gottes Segen gut geworden und hat einen podicem gehabt . Wie wunderbar handelt Gott mit uns Menschen ! 1629 hat Ihre Churfürstliche Hoheit Dero Küchenmeister in Königsberg in Preußen aufhenken lassen . 1631 starben in Gröben und Siethen 126 Menschen an der Pest . 1632 . Bis zu diesem Jahre bin ich , Johannes Thile , dreihundert Mal zu Gevatter gebeten worden . 1633 wurde das 1598 gestiftete Uhrwerk reparirt . 1634 den 25. März sind Wiprecht Erdmanns Tochter Ursula , Martin Schmidts Tochter Ursula und Hans Bethekes Stieftochter Ursula in einem Kahn spazieren gefahren und als der Wind kam , auf den See getrieben worden . Wobei die zwei ersten ertrunken und zu Gröben beide in ein Grab gelegt worden sind . Nach diesem Jahre ( 1634 ) hören die Mitteilungen , wie schon angedeutet , auf ganze Jahrzehnte hin auf und werden erst in den siebziger Jahren wieder aufgenommen . Aufzeichnungen der Pastoren Friedrich Zander , Felician Clar ( auch Clarus ) und Heinrich Wilhelm Voß 1673 den 5. November ist Anna Mulisch , die schon mehrere Kinder außer der Ehe gehabt , von mir getraut worden . Und dieser » Schandsack « hat sich in einem Kranze zur Kirche führen lassen . 1674 am 18. Dezember ist Ursula Lehmann enthauptet worden , weil sie das mit ihrem Schwager erzeugte Kind ins Wasser geworfen . 1675 am 3. August ist Andreas Fritze , Weinmeister hierselbst , begraben worden , der ein heftiges Gewächs gehabt hat , eines Viertels vom Scheffel groß , so ihm hinten am Halse gehangen . Ist aber doch vierundachtzig Jahr alt geworden . 1679 am 27. März sind auf unserer Feldmark zwei Soldaten begraben worden , welche den Tag vorher mit ihrer Compagnie hier einquartirt gewesen . Sie konnten keine Särrker ( Särge ) bekommen , weil ihnen ihre Kameraden nichts gelassen hatten als alte Lumpen , welche denn auch ihr Sterbekleid bleiben mußten . 1697 . In diesem Jahr ist der Moskowitische Czar Peter bei Sr. Churf . Durchlaucht gewesen . 1717 . Hoc anno celebratum est jubilaeum evange lico-Lutheranum . Math . 22,5 . 1726 wurde wieder eine Kindesmörderin hingerichtet . 1727 starb Felician Clar , der vierzig Jahr in Gröben Pastor gewesen . 1729 wurde Botho Müller wegen Gotteslästerung durch den Henker ausgepeitscht und nach Spandau condemnirt . 1738 am 15. April ist Marie Elisabeth – Christoph Penselins , gewesenen Castellans zu Rheinsberg , Wittwe – hier angekommen und hat einen Sohn zur Welt gebracht . Vater soll sein Georg Ludwig Schreiber , Gärtnergesell in Rheinsberg . 1738 am 21. November wurde dem Andreas Fausten ein Söhnlein geboren . Das Kind hatte an seiner Nasenspitze ein Gewächs und von der Oberlippe war fast nichts zu sehen . Ingleichen hatte es an jedem kleinen Finger einen Zipfel . Nota bene . Der Mann hatte seine Frau mit dem Knecht beschuldigt , worauf diese gesaget : » wenn das wahr ist , so gebe Gott ein Zeichen an dem Kinde « . Drei Stunden nach der Geburt ist es verstorben . 1741 am 10. April hat Herr Johann Christian von Schlabrendorf , K. preuß . Lieutnant , in der an diesem Tage um ein Uhr nachmittags zwischen Brieg und dem Dorfe Mollwitz vorgefallenen scharfen Aktion durch einen Musketenschuß , so ihn durch den Kopf getroffen , das Ende seines Lebens gefunden , nachdem er sein Alter gebracht auf 29 Jahr 4 Monate . 1743 am 12. November hat sich Gustav Albrecht von Schlabrendorf , Erb- und Gerichtsherr auf Gröben und K. preuß . Hauptmann im Dragoner-Regiment des Herrn Generalmajors von Roëll zu Tilsit in Preußen vermählt und zwar mit Fräulein Christiane Amalie Ernestine von Roëll , Tochter obengenannten Generalmajors . Auf den nächsten Blättern erfolgt nun die Registrierung der Kinder , die dem Hauptmann Gustav Albrecht von Schlabrendorf aus dieser seiner Ehe geboren wurden . Alle diese Geburten und Taufen fanden in Tilsit und Insterburg statt , wo das Roëllsche Dragonerregiment in Garnison lag , aber das Gröbener Kirchenbuch ermangelte nicht auch seinerseits darüber zu berichten und sogar die jedesmaligen Paten aufzuführen : den König , Prinz Heinrich , Prinz Ferdinand , Prinz Ferdinand von Braunschweig usw. Aus eben diesen Aufzeichnungen erfahren wir auch von dem jeweiligen Avancement Gustav Albrechts von Schlabrendorf . Im Beginn des Siebenjährigen Krieges war er Oberstleutnant , ritt mit in der berühmten Attacke bei Zorndorf und empfing überhaupt dreiundzwanzig Wunden . Er starb später als General in Breslau . Bei Gelegenheit seines Todes komme ich auf ihn zurück . 1751 am 31. März ist Eva Pipers uneheliches Kind getauft worden . Der Vater ist Martin Meene , ein lausiger junger Flegel . 1752 am 25. Julius ist die Christiane Mirtzen , ein Schandsack , mit Zwillingen niedergekommen . Der Vater ist der Schäferknecht Michel Pohlmann , ein Erz-Ehebrecher . Gleich zu gleich gesellt sich gern . 1754 . In diesem Jahre , d.h. in der Zeit vom 23. Sonntage nach Trinitatis 1753 bis Ostern 1754 , hat die Viehseuche hier so gewüthet , daß alles Vieh , jung und alt , hingefallen und keiner was behalten , ausgenommen der Prediger drei Stück und der Küster fünf Kühe . In der ganzen Zeit ist dieser Ort eingesperrt worden . 1755 . In diesem Jahre hat allhier , wegen des überhand genommenen großen Wassers , kein Heu können gemäht werden , und sind aus eben dieser Ursache auch beide Ernten gar schlecht ausgefallen . 1755 am 21. Juni war ein entsetzliches Unwetter mit Feuerschaden , und nur das große Wohnhaus des adligen Hofes ist gerettet worden . 1757 am 29. Dezember ist der Weinmeisterknecht Martin Hintze mit der Dorothea Harnack getraut worden . Erzbube mit Erzdirne . 1760 am 11. , 12. und 13. Oktober ist Gröben von einigen herumschweifenden Östreichern , nebst etlichen von der Reichsarmee , heimgesuchet worden . Bei welcher Gelegenheit dieser Ort nicht allein an 700 Thlr . Brandschatzung hat geben müssen , sondern sind auch noch die Einwohner geplündert und ihnen ihre Pferde weggenommen worden . Desgleichen ist auch die Kirche und das Pfarrhaus nicht verschont geblieben . In ersterer ist der Kirchkasten aufgebrochen und das darin von etwa vier Jahren her befindliche Klingebeutelgeld geraubt wurden . In dem Pfarrhause haben sie jegliches unten und oben umgewühlt , wodurch dem Prediger über 250 Thlr . Schaden verursacht worden . Gott behüt ' uns vor fernerem Einfall und Räuberhaufen . An anderer Stelle : » Diese grausamen Menschen haben mir und den andern Einwohnern dieses Ortes nichts als das Hemd auf dem Leibe gelassen und haben auch aus dem Gotteskasten das vorhandene Kirchgeld mit weg geraubt . O tempora , o mores . « 1761 am 7. Oktober hat sich der Kossäte Christian Krüger zwischen 3 und 4 Uhr morgens , aus eingewurzelter Melancholie und Gemütsschwachheit , in seinem Garten an einem Birnbaum mit einem Strick erwürget . Er ist in der Stille , aber auf eine ehrliche Art begraben worden . Gott bewahre jeden vor solchem desperaten Weg aus der Zeit in die Ewigkeit . 1762 vom 7. bis 10. Mai hat es so stark gefroren , daß alle Weinberge hier herum erfroren sind . 1765 den 26. Oktober , in der Nacht gegen 12 Uhr , ist in Breslau der weiland hochwohlgeborene Herr Gustav Albrecht von Schlabrendorf , Sr. K. M. in Preußen wohlbestallter Generalmajor von der Cavallerie und Chef eines Regiments Cürassier , Erb- und Gerichtsherr zu Gröben , Jütchendorf und Waßmannsdorf , nachdem er dem hohen K. Hause 41 Jahr und 11 Monate rühmlichst gedient und sein Alter auf 61 Jahre 10 Monate und 4 Tage gebracht hat , selig in dem Herrn entschlafen , und darauf den 10. Dezember c. a. von Breslau nach Gröben gebracht und in dem hochadligen Erbbegräbniß hierselbst beigesetzt worden . Der Verlust dieses würdigen Mannes und wahren Menschenfreundes wird von dem ganzen löblichen Regiment und von allen Denen , welche den Wohlseligen und dessen rühmliche Eigenschaften und hohen Charakter gekannt haben , aufrichtig bedauert . Mit dem Tode Gustav Albrechts von Schlabrendorf , der , wiewohlen er erst in Preußen und dann in Schlesien in Garnison stand , auch aus der Ferne her ein gut Regiment geführt zu haben scheint , geriet alles in einen raschen Verfall . Das der Nebenlinie gehörige Siethen ging darin freilich voran , aber auch Gröben folgte bald . Auf den nächsten Blättern des Kirchenbuchs werden wir ausgiebig darüber unterrichtet und zwar durch Aufzeichnungen des Pastors Redde , der 1769 ins Amt kam und sich ' s angelegen sein ließ , seine verurteilenden Sentenzen ohne Menschenfurcht in seine Toten- , Tauf- und Trauregister einzutragen . Nur für die Nicht-Schlabrendorfs hat er noch gelegentliche Worte der Huldigung , so daß Anerkennung und Verurteilung in seinen Aufzeichnungen wechseln . Aufzeichnungen des Pastors Redde 1771 am 3. Januar ist hier zu Gröben der Hochwohlgeborene Herr Charles Guichard , genannt Quintus Icilius , im Kriege gewesener Chef eines Freibataillons Sr. K. Majestät in Preußen , jetzo K. Obristleutenant bei seiner Suite , mit dem Hochwohlgeborenen Fräulein Henriette Helene Albertine von Schlabrendorf , des weiland Herrn Gustav Albrecht von Schlabrendorf , königlichen Generalmajors nachgelassener Tochter getraut worden . Alter 43 und 24. 1774 . Elisabeth Habedank starb an Würmern . 1774 am 17. November ist ein sechs Monate altes Kind außer der Ehe todtgeboren und danach obduciret worden . Ich bewahre das Herz desselben in Spiritus und überlaß es meinem Nachfolger , daraus die Resultate zu seiner Pflicht zu ziehen . 1775 am 13. Mai starb in Potsdam der Hochwohlgeborne Herr Charles Guichard , genannt Quintus Icilius , Sr. Königl . Majestät Wohlbestallter Oberster von der Infanterie und Adjutant bei Dero Suite , nach einem zweitägigen Krankenlager an einer Kolik und Inflamation , nachdem er mit seiner Gemahlin , der Hochwohlgeborenen Frau Henriette Helene Albertine geb . von Schlabrendorf , aus dem Hause Gröben , beinah 4 1 / 2 Jahr in der Ehe gelebt und mit derselben eine Tochter und einen Sohn , mit Namen Friedrich Quintus Icilius gezeuget . Er war ein Herr , der in diesem Jahrhundert seines Gleichen nicht gehabt , noch haben wird , und ein jeder , der seine Geburt , Wissenschaften und Ehren bedenket , muß sagen : Er hat große Dinge an ihm getan , der da mächtig ist , und Deß Name heilig ist . Seine Eltern waren bürgerlichen Standes zu Magdeburg , woselbst sein Vater das Amt eines Syndicus bei der französischen Colonie bekleidete . In seiner Jugend widmete er sich der Gelehrsamkeit und studirte zu Halle Theologie , danach auch auf einigen holländischen Universitäten und predigte mehrere Male zu Marburg und Heilbronn . Zu gleicher Zeit erwarb er sich Kenntniß in den Antiquitäten und nützte diese zur Explication des Kriegswesens der Alten , sonderlich der Griechen und Römer . Wie viel er darin vermocht , bezeugen unter anderm seine Schriften über die Taktik der Alten und sein Commentar über den Julius Cäsar