ihrer einen Erdwall aufführte . Nur die von Gräben oder Flußwindungen eingefaßte Stelle , wo Burg Beuthen stand , ist noch deutlich erkennbar , ein Stück Inselland , auf dem sich ebenso Mittelturm und Außenwall immer noch ersichtlich markieren . Ein paar Weiden und Akazien überschatten jetzt den Rasen , der ein Stück märkischer Geschichte deckt , und einzelne Fischernetze spannen sich zwischen den Baumstämmen aus . Im übrigen ist alles hinüber und ein Kahn , ohne Bank und Steuer , der halb verborgen im Schilfe liegt , unterhält die Verbindung zwischen dem Inselchen und der Welt . * Es war im Februar 1414 , daß die Quitzowburgen fielen . Damals waren die Hohenzollern fremd im märkischen Land und beinahe feindlich betraten sie dasselbe . Das ist anders geworden seitdem . Dieselben Familien , die damals am festesten widerstanden , haben sich inzwischen als die treuesten bewährt und die alten Rittersitze , vor denen die » faule Grete « das letzte Wort sprechen mußte , sind längst zu Stätten unwandelbarer Loyalität geworden . Auch Schloß Beuthen . Die Burg ist hin , aber zu Füßen derselben sind Dörfer entstanden , die den alten Namen tragen ( Groß-und Klein-Beuthen ) und die Görtzkes , die diese Dörfer an die dreihundert Jahre nun ihr eigen nennen , sind alles , nur keine Goswin von Brederlows mehr , die sich ' s erst , » überlegen wollen « , wenn ein Hohenzoller Einlaß begehrt . Und es sind nun einige zwanzig Jahre , daß ein Hohenzoller wieder mal darum ansprach und gleich danach seinen Einzug hielt in Groß-Beuthen . Versuch ' ich , diesen Tag zu beschreiben . Die Augustsonne fällt auf das am Dorfausgange gelegene Herrenhaus . Der alte Torweg , der von der Straße her auf den Hof führt , ist eine Blumenpforte geworden und auf den Steinpfeilern rechts und links wehen die preußischen Fahnen . Ebenso hat sich das an sich einfache Herrenhaus verändert und ist kaum noch das alte . Seine weißgetünchten Wände blicken nur hier und da noch aus der Umrahmung von Festons und Girlanden hervor und die Vorbautreppe verbirgt ihr schlichtes Geländer hinter einem Walde von hohem Schilf . Aus der weit offenstehenden Tür lugt von Zeit zu Zeit ein Mädchenkopf hervor und fragt mit jedem Blick über den Hof hin » ob sie kommen ? « Auf dem Korridor aber schreiten befrackte Herren auf und ab und vergleichen mechanisch die Taschenuhr mit der Wanduhr , dem einzigen Schlagwerk im Hause , das in unbeirrter Ruhe seinen Gang fortsetzt , während alle Herzen rascher und höher schlagen . Die Tauben sitzen den Dachfirst entlang , als warteten sie mit , und der Hahn , der sonst wohl im Schatten unter dem Vordach um diese Stunde zu meditieren pflegt , heut schüttelt er seine Federn und scheint sich in den Honneurs zu üben , sooft er auf einem Fuße steht . Jetzt aber meldet sein lauter Schrei , daß Freund oder Feind im Anzuge , die Tauben flattern auf und die Mädchen auf dem Hausflur rufen was jeder weiß : » Sie kommen ! « Im Nu sprengen jetzt Vorreiter auf den Hof , der erste Wagen hält und die Pferde schnaufen und werfen den Schaum von den Nüstern ; eine lange Reihe von Equipagen folgt ; aber ehe sie heran sind , öffnet ein Jäger den Schlag und den Tritt hinab , der sich beim Öffnen der Wagentür wie von selber ausbreitet , steigen König und Königin . Sie haben sich anmelden lassen in Groß-Beuthen , haben um Quartier gebeten für die Tage des Manövers , das die Garden auf dem Sandplateau des Teltow eben heute begonnen haben , und da sind sie nun , um ihren Einzug zu halten . Liebe empfängt sie und Ehre geben sie . Die Schilftreppe hinauf schreitet das hohe Paar , und nach Worten herzlicher Begrüßung treten König und Königin in die für sie bereit gehaltenen Zimmer . Und nun eine Stunde später . Im Freien ist das Mahl angerichtet unter ein paar mächtigen Kastanien , die das weiße Linnen des Tisches überschatten . Und was alles hat der Wunsch , ein Schönstes und Bestes zu tun , aus diesem schlichten Platze gemacht ! Der Staketenzaun , dessen Holzwerk längst die Zeichen gereifter Jahre trägt , hat seine Moos- und Flechtenpatina hinter Pyramiden von Riesenmais versteckt und was im Garten noch Duft und Farbe hatte , scheint jetzt hier versammelt zu sein . Die Treibhäuser haben ihre Blumentöpfe bis auf den letzten Mann gestellt und selbst der Landsturm der Astern ist aufgeboten worden . Terrassenförmig stehen sie rechts und links und blicken einander über die Köpfe fort , als wären sie nicht nur erschienen , um gesehen zu werden , sondern auch um selber zu sehn . Die trotzigen Tage liegen weit zurück – König und Königin sind zu Gast in Groß-Beuthen . Die vollen Blätterschirme geben Schatten und doch liegt ein Sonnenschein über der Tafel und das Singen der Vögel klingt , als wollten sie denen draußen erzählen von dem Feste , das hier gefeiert wird . Das Auge der Königin hängt an dem reizenden Bilde , der König aber , der den Zauber mehr fühlt als sieht , strömt über von jener gemüt- und geistgebornen Heiterkeit , die so viele Herzen eroberte , selbst abgeneigtere als die Herzen derer , die hier unterm Kastaniendache versammelt sind . Das Mahl ist vorüber und unter den Bäumen wird es schwül ; aber der offene , luftige Garten liegt ausgebreitet vor ihnen und seine breiten Steige laden zu einem Spaziergang ein . Die Obstbaumallee hinauf , an der Akazienlaube vorüber , am Weinspalier zurück , so schreitet der König in raschem Geplauder auf und ab und unterbricht sich nur , wenn aus Näh ' oder Ferne die Glocken herüberklingen , die den Abend einläuten . Die Dämmerstunde kommt und der Tee wird auf der Gartentreppe serviert . In der Luft ist kaum ein Zittern . Zwei das Haus schützende hohe Platanen breiten ihr Gezweig über die Gruppe hin und ein paar Schwarzpappeln , die weitab am Ausgange des Gartens stehen , stehen jetzt wie Schatten vor dem letzten Streifen der Abendröte . Stiller wird ' s und nur ein Hauch , der sich eben regt , zieht über die Levkojenbeete hin und trägt ihren Duft bis zu der Gartentreppe hinauf . » Wie schön es bei Ihnen ist « , wendet sich der König an die Dame des Hauses und atmet höher und voller , als bad ' er sich in der duftigen Frische des Abends . Aber diese Frische wird allmählich zur Kühle ; jung und alt beginnen zu frösteln , und der Schutz und Wärme bietende Gartensaal empfängt die hohen Gäste . » Was lesen wir ? « fragt der König . » Ehre , dem Ehre gebührt ; ich dächte , wir hörten ein Kapitel heut aus der Geschichte der Görtzkes . « Und der Vorleser verbeugt sich und rückt an den Tisch . Beschämt und gehoben zugleich sitzen die Görtzkes umher und horchen auf jedes Wort . Sie kennen alles , aber das Bekannteste selbst klingt ihnen heute neu , wo der König dem Berichte lauscht . Von ihrem Eltervater wird gelesen , von Joachim Ernst von Görtzke , dem » alten Görtzke « par excellence . Nichts wird vergessen : wie er als Page Marie Eleonorens in schwedische Dienste kam ; wie er unter dem Schwedenkönig bei Leipzig focht ; wie ihn die Kaiserlichen bei Lützen zum Hinkefuß und Krüppel schossen und wie ihm das alte märkische Herz endlich wieder lebendig ward und er zurücktrat in den kurbrandenburgischen Dienst . Und weiter dann : wie er ein großer Feldoberst wurde , der bei Rathenow und Fehrbellin dem alten Feldmarschall Wrangel , dem » Gustav Wrangel « zeigte , daß aus dem Schüler ein Meister geworden . All das und wie der Kurfürst ihn seinen » Paladin « genannt , es wurde gelesen heut und noch viel mehr . Und auch wie seine letzten Tage waren . In Friedersdorf , das er gekauft und aus Trümmern und Asche wieder aufgebaut hatte , saß der Alte vor seinem Schloß und freute sich der Sonne , die herniederschien und des Wohlstands und Segens um ihn her . Und von Zeit zu Zeit kam auch Besuch : ein alter Weißbart , gefolgt von Töchtern und Enkeln , als wär es der Winter und brächte den Frühling mit . Das war Gusower Besuch und der alte Weißbart der kam , war der alte Derfflinger . Unter einer weitzweigigen Rotbuche setzte man sich dann und die beiden alten Kämpen , die jederzeit Nachbarn gewesen waren , auf ihren Schlachtfeldern sonst und mit ihren Ackerfeldern jetzt , sie gedachten der alten Zeit und der alten Namen . Und auch am 30. März 1682 hielt der Gusower Wagen auf der Rampe von Friedersdorf . Aber nicht zu frohem Besuche ; Glocken klangen und Kanonen wurden gelöst und der Achtzigjährige war nur gekommen , um den Siebzigjährigen in die Gruft zu senken . In der Friedersdorfer Kirche ruht die leibliche Hülle des » Paladin « ; neben dem Altar aber steht hochaufgerichtet sein steinern Bild und schaut fromm und mutig drein , wie ' s einem brandenburgischen Kriegsmanne geziemt . – Der Vorleser schwieg . » Ich weiß , daß die Görtzkes noch immer die alten sind « , sagte der König . » Der Erfolg steht bei Gott ; aber Mut und Treue stehen bei uns . « Im Gartensaal wurde es still und bald auch im Hause . Der König schlief inmitten seiner Treuen wie jener » reichste Fürst « , den die Dichter besungen , und wenn Segenswünsche Macht haben über die Träume , so war sein Traum wie der Sommer , der zieht , oder wie Gesang , der abends vom See her ans Ufer klingt . Ein klarer Oktoberhimmel lacht , in die Platanenblätter mischt sich das erste Gelb und die Birnbäume , die hoch über das Weinspalier wegragen , stehen in voller Frucht . Im Gartensaal aber ist es , als wäre schon Dezember , jene schönste Zeit im Jahr , wo ' s auf Flur und Treppe nach Tannenbaum und Wachsstock duftet und wo die Geschenke kommen von nah und fern . Und wirklich , an der ganzen Länge des Tisches hin stehen die Groß-Beuthenschen Hausinsassen und blicken auf allerlei wohlverpackte Kisten , als wären es Zauberkommoden , aus deren Fächern in jedem Augenblick ein Wundervogel auffliegen könne . Mit einer Feierlichkeit , die niemand merkt , weil jeder sie teilt , werden endlich die Deckel geöffnet und der sonst so wenig anmutige knarrende Ton , mit dem die Nägel sich langsam aus dem Holze ziehn – er hat seinen Reiz heute in dieser erwartungsvollen Stunde . Die Seegrashülle fällt und nun blinkt es und blitzt es hell herauf ! Es sind Geschenke von Sanssouci : Gold und Porzellan , und Bilder und Gemmen , alles wertvolle Dinge , wie sie die Hand eines Königs , und sinnige Dinge , wie sie nur die Hand eines solchen Königs schenkt . Ein jeder blickt auf die Zeichen übergroßer Huld und während das Haupt der Familie mit bewegter Stimme die königlichen Worte liest , die diese reichen Gaben begleiten , fallen die Tränen allertreuester Menschen zwischen die Gemmen und Edelsteine nieder , als gehörten sie dorthin . Schloß Beuthen ist längst keine Feste mehr , die Goswin von Brederlow gegen die Hohenzollern hält . Tür und Tor stehen ihnen weit offen und die Herzen der Görtzkes dazu . Saalow Saalow Ein Kapitel vom alten Schadow Ihr wolltet lebend nicht einander weichen , Im Tode hat nun jeder seine Krone ; Verbrüdert mögt ihr euch die Hände reichen . Platen Auf dem Plateau des Teltow , ziemlich halben Weges zwischen Trebbin und Zossen , liegt das Dörfchen Saalow . Elsbruch , Kiefernwald und sandige Höhen fassen es ein , und die letzteren , die den grotesken Namen der » Höllenberge « führen , bilden neben einem benachbarten See , der » Sprotter Lache « , so ziemlich die ganze Poesie des Orts . Wir kommen von Groß-Beeren her , haben eben das Dorf Schünow passiert , und zwischen Wald und Bruchland unsern Weg verfolgend , erreichen wir zuletzt eine kurze Maulbeerbaumallee , die bis an den Eingang des Dörfchens führt , dem unsre heutige Wanderung gilt . Eben Saalow . Eine Kirche fehlt , ein Herrenhaus auch , und ein paar Dutzend Häuser und Gehöfte , sauber gehalten und meist mit Ziegeln gedeckt , bilden die Dorfstraße , die sich alsbald platzartig erweitert . In der Mitte dieses Platzes dehnt sich der übliche Wassertümpel , ohne den geringsten Anspruch auf die sinnige Bezeichnung » Auge der Landschaft « . Die Schwalben unterm Sims und das Storchnest auf dem Dache sorgen für die nötige Dorfgemütlichkeit , die Hähne krähen , der Balken am Ziehbrunnen steigt auf und ab , und über den Pfuhl hin schnattert und segelt das Entenvolk in komischer Gravität . * So ist Dorf Saalow jetzt , schlicht und einfach genug ; aber doch ein Platz voll einladender Heiterkeit , verglichen mit dem , was es um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war , wo der , der es zufällig passierte , nur Strohdächer sah , alte Strohdächer , die längst zu Moosdächern geworden waren . Unter einem derselben wohnte der Dorfschneider , Hans Schadow mit Namen , der , trotzdem er schon in die Jahre ging und viel Anhang und Vetterschaft im Dorfe hatte , doch noch immer ledigen Standes war . Als ihm aber endlich das Alleinsein nicht länger mehr gefallen wollte , gefiel ihm auch Saalow selbst nicht mehr und er gab es auf , um zunächst nach dem benachbarten Zossen und dann von Zossen aus nach Berlin zu ziehn . Da fand er , was er suchte , verheiratete sich grad ' in demselben Winter 63 , wo der Krieg auf die Neige ging , und nahm eine kleine Wohnung in der Lindenstraße , nicht weit vom Halleschen Tore . * Sieben Jahre sind seitdem vergangen und wir treten heute in die Werkstatt des ehemalig Saalowschen und nunmehro Berlinischen Schneidermeisters ein . An dem Zuschneidetische , dessen weit vorspringende Holzplatte bis in die Mitte des Zimmers reicht , steht ein knochiger und breitschultriger Mann , dessen Figur eher an Hammer und Amboß , als an Nadel und Schere gemahnt und blickt auf das vor ihm ausgerollte Stück Tuch . Er hält zugleich auch ein Stück Kreide zwischen Daumen und Zeigefinger , und wie ein Baumeister , der seinen Plan entwirft und die Distanzen absteckt , tupft er bald hierhin bald dorthin auf das ausgerollte Tuchstück , mustert die weißen Tüpfelchen und zieht dann , zwischen eben diesen Punkten , die geraden und die geschweiften Linien , je nachdem es Schoß oder Rückenstück erfordert . Ringsum völlige Stille ; der Zeisig im Bauer singt weder , noch springt er auf den Sprossen auf und ab , selbst die Fliegen gönnen sich Ruh ' und nur aus dem halbdunklen Ofenwinkel hervor klingt es und schrammt es leise , wie wenn jemand geschäftig mit einem Griffel über die Schiefertafel fährt . Und dem ist auch so . Auf der niedrigen Ofenbank hockt ein sechsjähriger Blondkopf , und die beiden Beinchen wie ein schräges Pult vor sich , tupft er , ganz nach Art des Vaters , allerhand Tüpfelchen auf die Tafel und zieht dann , zwischen den Punkten , die geraden und die geschweiften Linien . Aber diese Linien und Punkte beziehen sich nicht auf Schoß und nicht auf Rückenstück , sondern auf das Gesicht des Vaters , dessen markiertes Profil er in aller Deutlichkeit vor sich hat . Den vorspringenden Stirnbuckel , die römisch geschwungene Nase , den tiefen Mundwinkel , alles hat er getroffen – und einen Augenblick haftet der freudig erregte Blick des Knaben an dem von ihm geschaffenen Bilde . Plötzlich aber klingt es » Gottfried « vom Arbeitstische her , das Klappern eines Deckelkruges begleitet den strengen Ruf des Vaters , und im selben Moment , als fühl ' er sich auf einem Unrecht ertappt , fährt die Hand des Knaben rasch über Tafel und Zeichnung hin . Und nun erst springt er auf und nimmt den Krug , den ihm der Vater entgegenhält . * Das war im Sommer 1770 . Und siehe da , rasch wechseln Zeit und Ort : statt der siebziger Jahre des vorigen , liegen die vierziger Jahre dieses Jahrhunderts vor uns und statt in die kleine Schneiderstube blicken wir in den großen Aktsaal der Berliner Akademie . Die Schüler sind bereits versammelt und jedes einzelnen Ernst und Aufmerksamkeit ist eine gesteigerte , denn der » Alte « ist eben eingetreten , um nach dem Rechten zu sehen . Dieser » Alte « , ein Achtziger schon , aber immer noch ein Mann aus dem Vollen , schreitet langsam von Platz zu Platz und nur dann und wann bleibt er stehen und blickt musternd über die Schulter der Zeichnenden . » Det is jut « , sagt er dem einen und klopft ihm , als Zoll der Anerkennung , mit seiner mächtigen Hand auf den Kopf . » Det is nischt « , sagt er zu dem andern und geht weiter . Ein dritter müht sich eben , den Umriß einer menschlichen Figur auf dem Papier festzuhalten , aber die Linien sind nicht sicher gezogen und die Proportionen sind falsch . Der Alte heißt ihn aufstehen , nimmt seinerseits Platz auf dem leer gewordenen Stuhl und sagt dann lakonisch : » Nu pass ' uff . Ich mach ' det so « . Dabei nimmt er des Schülers Kreidestift , tupft Punkte mit fester Hand auf das graue , grobkörnige Zeichenpapier , und während er diese Punkte mittelst sicher gezogener Linien untereinander verbindet , brummt er vor sich hin : » Det hab ' ich von meinen Vater . Der war ' n Schneider . « Gottfried Schadow , der Schneiderssohn , ist Gottfried Schadow der Akademiedirektor geworden , ein berühmter Mann , ein Name , der Klang hat von einem Ende Europas bis zum andern . Derselbe Gottfried , der dienstfertig aufsprang , wenn der strenge Vater mit dem Deckelkruge klappte , derselbe Gottfried ist jetzt seinerseits ein strenger Hausherr geworden , vielleicht nicht strenger als der Vater , aber mächtiger und gefürchteter . Sein Haus ist die Akademie , darin waltet er als König und Herr und hat seine Macht längst als einen unerschütterlichen rocher de bronze stabiliert . Die Zeiten , wo er Beispiele statuieren mußte , liegen hinter ihm und nach Art eines alt und milde gewordenen Autokraten spielt er nur noch mit dem Zügel seiner Herrschaft . Aller Abzeichen seiner Würde , jedes repräsentativen Flitters , hat er sich längst entkleidet ; er regiert durch sich selbst , kraft seiner Kraft . Ob das Sacktuch , das er aus seinem taschenreichen Rocke zieht , von Kattun ist oder von Seide ; ob er riesige Filzschuhe trägt , oder kalblederne Stiefel ( in die , der Ballen und Zehen halber , immer große Löcher geschnitten sind ) , ob er hochdeutsch spricht oder in einem Berliner Platt – es kümmert ihn nicht und kümmert andre nicht , denn weder er noch andre vergessen es , daß er » der alte Schadow « ist . Herrschergewohnheit und das Bewußtsein völliger Überlegenheit haben seinem Auftreten längst jede Spur von Scheu genommen , und was er denkt und fühlt , das spricht er aus . Sein Wille ist Gesetz ; seine Laune nicht minder . Eine kleine Szene mag schildern , wie er das Zepter führt . Es ist eine Abendsitzung . Der akademische Senat hat sich versammelt : berühmte Maler und Bildhauer ; keiner fehlt . Der Saal ist hell erleuchtet und das Licht fällt auf die schönen Blechenschen Zeichnungen , die ringsum an den Ständern und Wandschirmen befestigt sind . Am obern Ende des Ovaltisches aber , dessen grüne Decke mit vielen hundert Goldnägelchen an der Tischplatte befestigt ist , sitzt der alte Schadow , die Arme bequem auf die Seitenpolster eines Lehnstuhls gelegt , während seine Füße in hohen Pelzstiefeln stecken und ein mächtiger grüner Augenschirm uns die obere Hälfte seines Gesichtes verbirgt . Es ist heut ein wichtiger Tag : Annahme neuer Schüler , und am entgegengesetzten Saalende steht Professor Stabfuß und kontrolliert alle sich zur Aufnahme Meldenden . Wessen Zeugnisse nicht in Ordnung sind , wer zu jung ist oder zu alt , wird unerbittlich zurückgewiesen und heitre und verblüffte Gesichter wechseln untereinander ab . Da tritt ein junges Bürschchen ein , ein echtes Berliner Kind , dessen kraus aufrechtstehendes Haar gegen alle Ängstlichkeit in der Welt zu protestieren scheint . Am besten , ich stell ' ihn vor : Richard Lucae , später selber ein Direktor ( der Bauakademie ) . Die Sicherheit seines Auftretens , auf daß nichts verschwiegen werde , hat freilich noch seine besonderen Gründe : der alte Schadow ist Hausfreund bei des blonden Krauskopfs Eltern und kein Geburtstag ist seit fünfzehn Jahren vergangen , wo nicht die Mutter des eben Eingetretenen , eine heitre thüringische Frau , dem » Herrn Nachbar und Gevatter « einen Quarkfladen als Geburtstagsgeschenk übermittelt hätte . Das Berliner Kind kennt natürlich die Welt ; die Macht der Konnexion ist ihm kein Geheimnis mehr und auf Professor Stabfuß ' wiederholte Frage nach Zeugnissen und allerhand andern Papieren , erklärt er mit äußerster Unbefangenheit , daß er weder Zeugnisse noch andere Papiere habe . Die Ruhe , mit der diese Erklärung abgegeben wird , hat etwas Provokatorisches und Stabfuß beginnt seinem Ärger Luft zu machen . Richard Lucae repliziert ebenso , der Lärm wird immer größer und der alte Schadow , dessen schläfrig scheinender Aufmerksamkeit in Wahrheit nichts entgangen ist , ruft endlich über den Tisch hin : » Wat is denn los ? « Statt aber eine direkte Antwort zu geben , tritt der Professor vom andern Saalende her an den Alten heran , zeigt auf das Jüngelchen , das ihm gefolgt ist , und sagt in gereiztestem Tone : » Herr Direktor , hier ist einer von den Lucaes nebenan ; er will in die Gipsklasse ; aber nichts ist in Ordnung . « » So , so « , brummelt der Alte , hebt den Augenschirm halb in die Höh ' , mustert den jungen Aspiranten der Gipsklasse und sagt dann : » I det is ja Richard . « Der Angeredete verbeugt sich zustimmend . » Höre Richard , sage doch Muttern , der letzte Kuchen war wieder sehr jut . Aber vergiß ' t nich . « 43 Die Professoren , längst an Intermezzos dieser und ähnlicher Art gewöhnt , lächeln behaglich vor sich hin , wie wenn sie sagen wollten » ganz im Stil des Alten « , und nur Stabfuß beißt sich auf die Lippen , denn er ahnt , daß seinem Ansehen eine neue große Niederlage bevorstehe . » Na Richard « , fährt der Alte fort . » Du willst also in de Gipsklasse ? « » Ja , Herr Direktor . « » Haste denn ooch Lust ? « » Ja , Herr Direktor . « » Hast ' ooch schon gezeechnet ? « » Ja , Herr Direktor . « » Na , dann zeechne mal ' n Ohr ; aber aus ' n Kopp . Stabfuß , geben se mal Papier her un ' n Bleistift . « Der Angeredete gehorcht mit süßsaurem Gesicht . » So . Na nu setzt ' de dir hier an ' n Disch un zeechenst . « Unser junger Aspirant tut wie befohlen , zeichnet ein Ohr und überreicht es dem neben ihm stehenden Stabfuß . Dieser , in begreiflicher Weise höchst kritischer Laune , beginnt zu mäkeln , aber seine Geschiche vollziehen sich unabwendlich . » Geben Se mal her « , unterbricht ihn der Alte , klappt den grünen Schirm abermals in die Höh ' , befühlt und beguckt das Papier von allen vier Seiten und sagt dann : » Stabfuß , bedenken Se – aus ' n Kopp . Det Ohr is jut . Schreiben Se ' n man in . « Und so kam Richard Lucae in die Gipsklasse . * Und so war der alte Schadow , setzen wir hinzu . Ein Zwiespalt ging durch sein Leben : Griechentum und Märkertum hielten sich das Gleichgewicht oder verbanden sich zu einem wunderbar humoristischen Gemisch . Wenn er in den Saal tapste oder das Taschentuch zog ( was viel öfter geschah , als schön war ) , war er ganz der Sohn seines Vaters aus Dorf Saalow , wenn er den Stift in die Hand nahm , war er das Kind einer glücklicheren Zone . Mark Brandenburg und Athen erschienen abwechselnd als seine Heimat . Sein Körper und seine Seele lebten miteinander wie Venus und Vulkan . Diese Zwiespältigkeit wurde zuletzt sein Stolz , und er machte das Beste daraus , was sich draus machen ließ , ein Original . Und wirklich , immer nur solche Derbheitsgestalten sind bei unserm Volke populär geworden : der alte Dessauer , Friedrich der Große , Blücher . Auch unser großer Kanzler gehört hierher . Alles Patente wird beargwohnt , oder ist einfach lächerlich . Das ganze Auftreten Schadows erinnerte vielfach an die Meister des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts . Er war ein Peter Vischer ins Märkisch-Berlinische übersetzt und hielt noch aufs Handwerk , immer davon ausgehend , daß es besser sei , das Handwerk zur Kunst , als die Kunst zum Handwerk zu ma chen . Von Bürgersinn und Bürgertrotz war ihm ein gerüttelt und geschüttelt Maß geworden und gegenüber modernen Künstlerprätentionen , hielt ers ganz mit der alten Schule , die sich mehr ums Sein als ums Scheinen kümmerte . Das Schwierige des bloßen , äußerlichen Machen-könnens betonte er gern , und in ähnlicher Weise wie Ludwig Tieck zu sagen pflegte : » es ist immerhin eine Arbeit , einen dreibändigen Roman zu schreiben , gleichviel ob er gut oder schlecht ist « , so sagte auch Schadow , wenn Skizzen über Gebühr und auf Kosten ausgeführter Arbeiten gelobt wurden : » Papier is weech , aber Steen is hart . « In einem gewissen Zusammenhange mit diesem Betonen des Handwerklichen in der Kunst war es auch , daß er mit Vorliebe zitierte : » Der Arbeiter ist seines Lohnes wert « , und sich jedesmal ärgerte , wenn einem Künstler zugemutet wurde , vom himmlischen Lichte leben zu sollen . Er forderte für den Maler und Bildhauer , wie für jeden andern Menschen , das tägliche Brot und bekannte sich sogar zu dem in der Kunst vielleicht anfechtbaren Satze , daß sich Art und Wert der Arbeit nach dem Lohn zu bestimmen habe . Sein gemünztes Wort in solchem Falle war : » kuppern bezahlt , kuppern gemalt . « Er hatte , wie alle volkstümlichen Figuren unseres Landes , eine Vorliebe für den Dialekt , 44 wiewohl er ihn ebenso leicht beiseite tun und namentlich in Aufsätzen und Abhandlungen – deren höchst vortreffliche von ihm existieren – eine durchaus mustergültige Sprache führen konnte . Lakonisch war er immer , wie fast alle Leute hervorragenden Könnens . Er trieb diese Kürze des Ausdrucks gelegentlich bis zur Unverständlichkeit , und nur Eingeweihte konnten ihm in solchem Falle folgen . Ein Jugenderlebnis , von dem er gerne sprach und das ihm so recht deutlich gezeigt hatte , mit wie wenig Worten sich durchkommen lasse , schien eine Nachwirkung auf sein ganzes Leben ausgeübt zu haben . Als er 1791 über Schweden nach Petersburg reiste , fand er an der russischen Grenzstation Kymen einen ehemaligen russischen Korporal als Posthalter vor . Schadow fror bitterlich und hatte Hunger und Durst . Er wußte kein Wort russisch und um sich so gut wie möglich zu introduzieren , sagte er bloß : Tottleben , Tschernyschew , Zarewna . Der Korporal antwortete : Belling , Zieten , Fridericus Rex . So wurde mit Hilfe des Siebenjährigen Krieges Freundschaft geschlossen . Man fand sich und schüttelte sich die Hände . Der Russe schaffte Speisen und Tee herbei und trat dann unserm Schadow sein Bett ab , das das einzige in der ganzen Gegend war . Er hatte hier praktisch erfahren , daß es nur darauf ankomme , das rechte Wort zu treffen ! Voller Selbstbewußtsein , war er doch frei von jeder kleinlichen Eitelkeit . Ja , er erwies sich nach dieser Seite hin als eine echte und große Künstlernatur . Die Autobiographie , die er hinterlassen hat , zeigt uns in erhebender Weise die Beispiele davon . Nirgends ein Verkleinern anderer , nirgends ein Vordrängen des eigenen Ich , nirgends ein Verkennen oder wohl gar ein Grollen über die Fortschritte , die Zeit und Kunst um ihn her gemacht hatten . Selten mag ein Künstler mit größerer Unbefangenheit über seine Werke zu Gericht gesessen haben . » Es kann dies Denkmal Tauentziens – so schreibt er selbst – nicht zu den Kunstwerken gezählt werden , die als Vorbilder dienen dürfen « , und über die Statue Friedrichs II. in Stettin , die von vielen Seiten seinen besten Arbeiten zugezählt und über das Rauchsche Kolossalwerk gestellt worden ist , läßt er sich selber in abwehrender Weise vernehmen : » Ich zähl auch diese Arbeit nicht zu den gelungenen ; die Drapierung des Mantels war ein mühseliges Unternehmen . « Von den Reliefs am Berliner Münzgebäude sagt er in heiterer Anspruchslosigkeit : » Wer diese Arbeiten als meine besten gepriesen hat , mag es vor sich und vor der Welt verantworten . « Solcher Aussprüche finden sich viele . Eine ungeheure Produktionskraft und eine bis ins späte Alter hinein dem entsprechende Leichtigkeit des Schaffens machten ihn gleichgültig dagegen , ob das eine oder andere seiner Werke verloren ging oder nicht . Immer das Ganze vor Augen , war er nicht ängstlich bei jedem einzelnen auf Ruhm und Unsterblichkeit bedacht , auch wenn das einzelne