, gern die Aufträge übernommen , die mir Herr - Dominicus Nück gegeben ... Ich soll Ihnen - vorlegen , was die Agnaten der Dorstes , die Landschaft , die witoborner Curie zuvor gesichert wünschen müssen , ehe die Vermählung zwischen Ihnen und - Comtesse - Paula zu Stande kommt - worüber Sie wahrscheinlich schon die directe Entscheidung durch Ihre Frau Mutter erhalten haben ... Kein Wort - ! sagte Graf Hugo , immer noch wie scherzend ... Er versuchte , eine Cigarre anzündend , den Ton der Leichtigkeit beizubehalten ... Kein Wort , wiederholte er , das entscheidend wäre - Die Mutter kommt in diesen Tagen zurück - Sie kann schon heute da sein - Da werden wir ja - hören ... Ich zweifle nicht , daß sie die Nachricht von Comtesse Paula ' s Einwilligung bringen wird - Ich wünsche Ihnen Glück zur Verbindung mit einem der edelsten Wesen der Welt ... Graf Hugo schwieg ... Die Cigarre , die nicht brennen wollte , fortlegend , sagte er : Sie bringt mir ein großes Opfer ... Es währte eine Weile , bis er , während er die Hand aufstützte , fortfuhr : Ich bin beschämt davon ... Herr von Asselyn , das sind sehr traurige Nothwendigkeiten ... Sie werden ja unterrichtet sein - wie - alles das schon seit Jahren - Mit diesem Worte stockte seine Rede ... Benno sah , wie sich die hochgewölbte , männlichstarke Brust hob und senkte ... Man sollte - sagte der Graf , wieder nach einem möglichst heitern Tone ringend - man sollte eigentlich niemals großmüthig sein ... Es war seit Jahrzehnden in unserer Familie die stehende Redensart : Allerdings wenn die Urkunde sich fände - ! ... Nun ist sie da und alle unsere Bravaden werden beim Wort genommen ... Soll ich wieder aufs neue processiren ? ... Soll ich die Urkunde angreifen ? ... Soll ich die Verbindlichkeit als eine gefälschte leugnen ? ... Ihr Staat duldet bei Testamenten keine Religionsverbindlichkeiten ... Das weiß ich vollkommen ... Ich würde selbst einem Gegner , wie Nück gegenüber , gewinnen ... Aber erst nach zehn Jahren ... Diese Zustände einer Proceßführung sind nicht mehr zu ertragen ... Als Benno zustimmend schwieg , fuhr der Graf fort : Die Leute sagen , die Urkunde wäre ein Extrastück Terschka ' s , befohlen aus Rom ... Aufrichtig , ich glaube das nicht ... Der arme Schelm hat uns alle betrügen müssen ... Das ist wahr ... Aber hierin ist er unschuldig ... Meine Mutter hat ernste Scenen mit ihm gehabt ... Ich will hoffen , daß ihm England den » neuen Menschen « anzieht , der , wie Sie wol wissen , zur Garderobe meiner guten Mutter gehört ... Die Arme ! ... Ihr Eifer , ihre Bemühung rühren mich ... Ich will alles thun , was Mama auf ihre alten Tage Beruhigung gewährt ... Benno breitete die Papiere aus und horchte den Worten , die nicht herzlos klangen , horchte um Terschka ' s willen , dem das Zugeständniß der Verschwiegenheit und einer wirklich geübten Discretion machen zu müssen , ihn fast schmerzte ... Meine Religion ist in diesem Land sehr schwer gestellt , fuhr der Graf in den Papieren blätternd fort , ... Ich fürchte , Gräfin Paula wird darin am meisten Anstoß bei mir nehmen ... Zumal bei ihrer übergeistigten Richtung ... Ich hoffe , Ihre Papiere enthalten nichts von einer Bedingung , mir erst durch eine Conversion die Gemeinschaft auch des Himmels mit ihr sichern zu sollen ? ... Benno bestätigte diese Voraussetzung und berichtete , daß die Vorbehalte lediglich auf Besitzfragen gingen ... Der Graf erklärte , alles das , was er da fände , schon mit wiener Advocaten besprochen zu haben und sagte , die Papiere zurücklegend : Am liebsten fänd ' ich in diesen Papieren ein Bild der Gräfin ... Wie ist es jetzt mit ihrer Krankheit ? ... Meine Mutter schreibt nichts darüber ... Wahrlich , ich gestehe , ich würde verzweifeln , wenn sich alle diese Dinge hier so fortsetzten , wie in Westerhof ... Man sagt , die Ehe hebt einen solchen Zustand ... entgegnete Benno ... Graf Hugo erhob sich , sah zum Fenster hinaus und sprach mit einer Schüchternheit , die Benno an einem Mann , der die Gesetze des Lebens so leicht zu nehmen schien , kaum erwartet hatte : Die Ehe ! Eine Ehe , wie sie eben in unsern Standesverhältnissen so oft geschlossen wird - ! Und ich soll dann nach Westerhof kommen ... Ich bin es kaum im Stande - ... So - fürcht ' ich mich ... Benno ehrte diese Ausbrüche des ringenden Ehrgeizes durch Schweigen ... Ich weiß es sehr wohl , fuhr der Graf fort , wir Männer bringen mit unserm Herzen viel zu Stande ... Wir können aus unserer Liebe nicht das nur einmal vorhandene Kleinod machen , das eben die Frauen darin sehen wollen ... Nach diesen mit einem leichten Seufzer und einem schärfern Fixiren Benno ' s begleiteten Worten verlor sich der Blick des Grafen wie innenwärts ... Er stand am Fenster , strich sich sein Haar , ergriff mechanisch von der Console ein kleines Fernrohr , wie Offiziere beim Felddienst führen , und sah weithin in die Ebene ... Es waren Bewegungen , die der Zerstreuung angehörten ... Benno lenkte zu den Papieren zurück , die er in der Hand behalten hatte ... Plötzlich blickte der Graf starr durch sein Perspectiv , das er zu verlängern anfing ... Einzelheiten dessen , was den Grafen beim Sehen in die Ferne zu interessiren schien , konnte Benno bei der ohne Zweifel großen Entfernung nicht unterscheiden , aber die Gruppen der Reitenden waren es gewiß ... Der Graf erblaßte , reichte Benno das Glas und sagte : Was sehen Sie , Baron ? ... Benno sah zwei Reiterinnen , Angiolina und Olympia , im Wettlauf ... Die Offiziere schienen beide umringt zu haben ... Nach der selbst bei der großen Entfernung ersichtlichen Schnelle mußte es wie im Sturm dahingehen ... Wer sind denn diese Unverschämten ! rief der Graf mit ausbrechendem Zorn , sah sich nach dem Klingelzug um , nahm schnell wieder das Glas zurück und starrte hinaus ... Sie umringen sie ja mit Gewalt ! sprach er mit erstickter Stimme ... Sie will von ihnen los ... Benno nannte den Namen der Italienerin ... Offiziere der italienischen Garde ! ... setzte der Graf hinzu ... Graf Zerbelloni scheint ' s ... Marchese Melzi ... Zornfunkelnd sprühte des Grafen Auge ... Er sah sich um , wie nach Waffen ... Dann bekämpfte er sich und trat vom Fenster zurück ... Der Wald unten verbirgt sie ... sagte er ... Benno ergriff noch einmal das Glas ... Man sah nichts mehr ... Ich kann mich auch geirrt haben ... sprach jetzt der Graf erschöpft und glaubte den Beruhigungen , die Benno gab ... Nach einer Weile , in der Benno die wildesten Kämpfe des eigenen Herzens zu bestehen hatte , brach der Graf , anfangs mit nur leiser , allmälig aber lauter , weicher und wohlklingender Stimme , in die Worte aus : O mein bester Herr von Asselyn ! ... Was ist das doch für ein Menschenleben ! ... Terschka ' s Maxime , wenn der arme Teufel sich zuweilen so ängstlich umsah - ich habe für Terschka Mitleid - war die : Wir können zu jeder Stunde annehmen , daß alles , was wir unser tiefstes Geheimniß glauben , jedermann bekannt ist ... Lieben Sie à la Egmont ein Mädchen in der Vorstadt und glauben noch so unbemerkt zu sein , wenn Sie zu ihr gehen - man hat Sie doch gesehen ... So will ich auch gar keinen Anstand nehmen Ihnen zu bestätigen , was Sie ohne Zweifel selbst schon beobachteten , daß ich soeben die furchtbarste Scene meines Lebens durchgemacht habe ! ... Ayez pitié de moi ... Vous en dévinez la cause ... Damit sank Graf Hugo auf sein dunkles Kanapee nieder , legte einen Fuß auf die Polsterung und bot ein Bild der tiefsten Erschöpfung ... Er schwieg ... Die lange Verstellung rächte sich ... Seine Kraft war dahin ... Ganz leise flüsterte er allmälig , wie um Benno - zu zerstreuen : Das da ist mein Vater ! ... Als ich seinen Tod erfuhr , war ich noch ein Knabe ... Benno bat , sich nicht aufzuregen und sich um ihn keinen Zwang anzuthun ... Er schlug vor , daß er sich allein in den Park begeben oder anspannen lassen wollte ... Nein , nein ! sagte der Graf ... Nur das Geheimthun erschöpft ... Nun geht es schon ... Benno sah den ganzen Ausbruch der Liebe zu einem Wesen , das so wunderbar mit seinem eigenen Dasein verbunden war ... Ihm verhängte das Schicksal nichts Geringeres als dem Leidenden , der sich wenigstens aussprechen durfte ... Ich versichere Sie , fuhr der Graf fort , ich habe den heiligsten Willen , fest und standhaft zu bleiben ... Ich sagte soeben : Die Stunde ist gekommen , die über mein Leben entscheidet ! Ich gewinne die Hand einer Heiligen und kenne das Opfer , das mir und dem gemeinschaftlichen Namen gebracht wird - Wir müssen uns trennen ... Ich habe dich als halbes Zigeunerkind einst in Zara gefunden ... In Zara , wo ich die Pfeifen da kaufte und die Waffen an der Grenze erbeutete von Bosniern ... Ja , Baron , in Zara sah ich das kleine Mädchen hoch zu Rosse stehen ... Es war allerliebst ... Wenn das Kind durch die bunten Reifen , mit und ohne Sattel , gesprungen war und nur Ein Sprung war misglückt , so schüttelte sie den Kopf zu allen Beifallszeichen und rief : Niente ! Niente ! ... Es war eine italienische Truppe ... Benno wandte sein Auge ab , das sich mit Thränen füllte ... Die Unterhaltung in Zara , fuhr der Graf fort , dauerte vierzehn Tage ... Die Gesellschaft wollte abreisen und wir Offiziere hatten an dem Kind eine solche Freude , daß ich meinen Kameraden den Vorschlag machte : Kaufen wir ' s dem Führer ab ! Wir wollen ' s erziehen lassen ! ... Die Kameraden wollten nicht ... Da that ich ' s für mich allein ... Die Gesellschaft war klein ; der Director machte schlechte Geschäfte ... Er ließ mir Angiolinen für zweihundertfunfzig Gulden ... Oeffnet euch , ihr blauen Vorhänge des Himmels , daß ich meine Hände ausbreite zur Anklage eines Vaters , dessen Unthaten solche Opfer forderten ! ... So rief es in Benno ' s Innern ... Er konnte nur leise fragen : Wem gehörte das Kind ? ... Es war wild aufgewachsen , erzählte der Graf ... Der Director wird ' s gestohlen haben , wie diese Leute wol thun ... Später haben wir nachgeforscht und kamen bis ins Reich hinaus ... Eine italienische Familie , die am kasseler Hof bei der Oper mit der Feuerwerkerei beauftragt war , hatte das Kind bei sich ... War ' s ein Kind dieser Italiener , ich weiß es nicht ... Der Krieg hetzte damals alles durcheinander ... Angiolina war elf Jahre , als ich sie mitnahm und noch einmal taufen ließ ... Ich gab sie einem gewissen Pötzl in Wien zur Erziehung ... Nicht wegen seiner - sondern wegen der Frau , die eine gute Haut war ... Da ist das Mädchen erzogen worden ... Es war eine Pracht , wie sie heranwuchs , sich bildete und keinen gewöhnlichen Geist besaß ... Ich ließ ihr die Sprachen und etwas Musik beibringen ... Das alles hab ' ich im reinsten Sinn gethan ... Benno schwieg , von innigstem Herzen zustimmend ... Nachdem , fuhr der Graf sich selbst die Brust erleichternd fort , kam Terschka in meine Nähe ... Ich kann nicht sagen , ist ' s Zufall , weil das Mädchen damals die liebreizendste Erscheinung wurde , oder eine Folge der Eifersucht , weil Terschka ein Auge auf sie warf - Der Jesuit ! - warf Benno ein ... En vacances ! lächelte der Graf ... Aber sagen Sie das hier ja zu Niemand anders , als zu mir ! Die hiesige Gesellschaft erklärt ihn für einen Abenteurer und Betrüger ... Verlassen Sie sich , die Jesuiten hatten ihn abgeschickt , mich katholisch zu machen ... Und er fing ' s sehr richtig an ... Wär ' ich ihm in allem gefolgt , so säß ' ich jetzt bei achtunddreißig Jahren mit beständigem Frieren und versucht ' es vielleicht , ob mich nicht ein Ordenshabit erwärmte ... Eine Frage im Vertrauen , Herr von Asselyn ! ... Ich hab ' gehört , Ihr Herr Oberprocurator Nück litte - - an einem curiosen Spleen - an der Hängemanie ... Ist das wahr ? ... Man sagt es ... bestätigte Benno ... Ich kannte einen dalmatinischen Schiffskapitän , der mich versicherte , das Hängen wäre der schönste Tod , man wüßte das ganz genau in der Türkei , wo die grüne Schnur zu Hause ist ... Und gerade ebenso wußte Terschka den allmäligen Untergang an Leib und Seele zu einem Genuß und einem Genuß ohne Gewissensbisse zu machen ... Daß er sich selbst dabei so erhalten hat , machte sein Mangel an Reue ... Nichts ruinirt mehr als die Reue , sagte er ... Terschka ' s Satz war : Betrachte jeden Menschen wie ein Glas , an dem man mit einem Instrument den Ton sucht , in dem es wiederklingt ! Den Ton forcire dann - bis es bricht ! ... So wußte er von Jedem seine innerste Natur zu entdecken , nach der setzte er sich mit ihm und kam auf die Art mit allen aus ... Bei mir stützte er sich auf Bagatellen - auf die Pferde ... In seiner Jugend muß er ein Kunstreiter gewesen sein ... Kurz , erst als Terschka sagte : Um Ihrer Frau Mutter willen müssen Sie anfangen , nicht so oft zu den Pötzls zu gehen - ging ich alle Tage hin ... Das Ende war , daß ich , als die Pflegemutter starb , Angiolinen vom Alten wegnahm , erst ihr Bruder und dann ihr Geliebter wurde ... Das ist manches Jahr her und ich kann wol sagen : Diese Liebe hat mich vom Untergang gerettet ! Angiolina wurde mein Schutzgeist ... Nicht etwa durch Moral , die hier nicht am Platze ist ... Im Gegentheil , sie konnte trotzen , ausschlagen , lügen , sich rächen , wie nur einer , der gereizt wird ... Doch es gab nur einen Menschen in der Welt , um den sie das alles that ... Der trug einen Helm mit Federn , einen blanken Harnisch , wenn er im Dienst war , und außer Dienst und auf Urlaub , wie jetzt , war er ein Kind , das einen ganzen Tag damit zubringen konnte , für sie Pappkästchen zu machen ... Benno warf in das Leben Blicke , wie er sie noch nicht gethan ... Er wagte , sich auf des Grafen Standpunkt zu stellen und sagte : Angiolina wird Ihnen - nach der Heirath - unverloren bleiben ... Nein ! entgegnete der Graf ... Ich habe die Absicht , wenn Comtesse Paula meine Gattin wird , sie in Wahrheit zu verdienen ... Glauben Sie mir , das Geschick meines Hauses , meines Namens , diese letzte Täuschung durch die Urkunde , die ich ohne einen furchtbaren Lärm für die Welt nicht abschütteln kann , erschüttern mich ... Ich war glücklich mit Angiolina , aber ich gefiel mir nicht in diesem Glück ... Sie war ein Weib mit allen Schönheiten und allen Untugenden ihres Geschlechts ... Großmüthig und rachsüchtig , offen und falsch , alles in Einem Herzen ... Zu ertragen war es nur von dem , der für sie die Welt war und - Zeit dazu hatte ... Es mußte aufhören ... Benno gedachte bei Schilderung seiner Schwester der gemeinsamen Vaternatur ... Diese Erfahrung mit Terschka , fuhr der Graf fort , hat mich aufgerüttelt ... Ich werde kein Kopfhänger werden und zu sprechen anfangen wie meine Mutter spricht ... Aber ich denke so : Hab ' ich die Mittel , die mich aus meiner traurigen , schon vom Vater geerbten Finanzlage befreien , so nehm ' ich meinen Abschied ... Ich werde bauen , pflanzen , für die Erhaltung meines fortblühenden Stammes sorgen ... Noch mehr , ich liebe Paula ... Sie lächeln ? ... In der That , ich blicke voll Andacht zu ihr hinüber ... Ich bin eifersüchtig - auf das Kloster , das sie wählen wollte , Herr von Asselyn ... Benno stutzte über die Betonung seines Namens . Sie war so scharf , daß sie fast Bonaventura zu gelten schien ... Ich sagte Angiolina : Du erhältst deinen Lebensunterhalt , wie es meinem Adoptivkinde gebührt ! Du ziehst zu deiner einzigen Freundin , die dir noch geblieben ist - einer gewissen Therese Kuchelmeister ... Diese will zur Bühne gehen ; sie wird reisen ... Störe meinen Entschluß nicht , der unwiderruflich ist ... Von der Stunde an , wo ich einen Boten erwarte , dessen Vorlagen ich unterschreiben muß , räumst du drüben den Pavillon ... Ich sagte ihr das täglich , wiederholte es seit drei Tagen stündlich ... Ich bat sie um Hülfe gegen mich selbst , bat sie um ihren Haß , ihre Verachtung - Sie warf sich vor mir nieder und umschlang meine Kniee ... Tödte mich ! rief sie noch im letzten Augenblick vor einer Stunde ... Erschieße mich ! ... Sie reichte mir eine Pistole , die sie heimlich geladen hatte und bei sich trug ... Ich entriß sie ihr ... Da rollte Ihr Wagen an und es war aus ... Ich kann es selbst in der Schilderung nicht zum zweiten mal erleben ... Benno hatte sich dem in den Sopha zurückgesunkenen , die Augen mit der Hand bedeckenden Grafen genähert ... Er hatte seine Hand , ob sie gleich selbst zitterte , auf die Schulter des kraftlos Zusammengebrochenen gelegt ... So stand er eine Weile voll stummberedsamen Antheils und rang mit den stürmenden Geistern , die aus ihm selbst hervorzubrechen drohten ... Zu Hülfe kam seiner Selbstbeherrschung ein Klopfen des Kammerdieners und die Meldung , daß angerichtet wäre ... Ein Frühstück ... auch das muß sein ... sagte der Graf und erhob sich ... Benno blickte auf die geöffnete Thür ablehnend ... Nein , nein ! ... Kommen Sie - ! sagte der Graf und führte Benno ... Der Kammerdiener hielt sich in ehrerbietiger Ferne und schien den Grafen , der ein Gemisch von Gutmüthigkeit und Phlegma bot , nicht im mindesten zu stören , denn im Gehen fuhr dieser fort : Sie ist auf ihrem Pferde , das sie behalten will , nach Wien ... Franz hat sie doch wol , wandte er sich zum Kammerdiener , zur rechten Zeit eingeholt ? ... Am Meilenstein schnitt er ihr den Weg ab ! sagte der Diener ... Franz war der Reitknecht von vorhin ... Obgleich Benno voranging , bemerkte er doch , daß der Kammerdiener hinter ihnen her den Strohhut ergriff und ihn auf dem Rücken haltend mit sich nahm , jedenfalls um aus dem Zimmer seines Herrn alle Erinnerungen an die abgeschlossene Vergangenheit zu entfernen ... Graf Hugo war in dem Grade der Selbstbeherrschung fähig , daß er trotz seiner Erregung im Gehen an einen zweiten Diener , der sie in einem zwei Zimmer weiter gelegenen kleinen Eßsaal empfing , die Frage richtete : Was ist das für eine Livree da draußen ? ... Diese Frage war mit einem Blick auf den Garten verbunden .... Erst jetzt bemerkte Benno , daß ein Wagen mit vier Pferden langsam durch den Park fuhr , mit zwei seltsam costümirten Bedienten auf dem Tritt und einem phantastisch gekleideten Mohren neben dem Kutscher ... Eine fremde Herrschaft aus Italien ist es ! sagte der Diener ... Eine Dame sitzt im Wagen ... Sie gehört zu den Reitern , die noch nicht lange vorbeikamen ... Ein junger Herr ist bei ihr , der ein schwarzes Pflaster an der Stirn trägt ... Principe Rucca - und - unsre Mutter ! ... sagte sich Benno und suchte sich zu halten ... Zum Tod erblaßt ergriff er den Sessel und ließ sich dem Grafen gegenüber nieder ... Der Wagen war verschwunden ... Nur das Knirschen seiner Räder hörte man noch im feuchten Kiese ... Ist Ihnen nicht wohl ? fragte der Graf , jetzt erst bemerkend , daß sein Gast kaum die Serviette zu ergreifen vermochte ... Es ist vorüber ... hauchte Benno mit äußerster Anstrengung sich bekämpfend ... Mein Gott ! Sie haben so lange gefastet ! entgegnete der Graf und rieth erst zu einem Glase Wein ... Benno lehnte alles ab ... Er ergriff den Löffel zur Suppe ... In Gegenwart der Diener ließ sich das begonnene Gespräch zwar nicht ganz wie vorhin fortsetzen , aber es blieb ernst ... Man sprach über Wien , Oesterreich , über diejenigen Eindrücke , die jedem Fremden zuerst aufstoßen müßten ... Der Graf schilderte die Lage der österreichischen Aristokratie als eben nicht beneidenswerth ... Wir leben , sagte er , nach den Ansprüchen , die unser Stand und die Gesellschaft mit sich bringen ; daher in einer fortwährenden Steigerung unserer Bedürfnisse . Unser Besitzthum verringert sich indeß an Werth ... Ich kann Ihnen die ersten Herrschaftsbesitzer nennen , denen ein einziges Reh in der Verwaltung ihrer Wälder durchschnittlich fünfhundert Gulden kostet und die von leidlicher Ordnung sprechen , wenn es um zehn Gulden an den Wildprethändler verkauft in der Rechnung steht ... Das ist die Incongruenz aller unsrer Lebensbeziehungen - ... Durch Castellungo gehörte auch der Graf Sardinien an ... Er forderte Benno auf , den Besuch Castellungo ' s nicht zu versäumen ... Die dabei unvermeidlichen Uebergänge des Gesprächs auf bezügliche Namen und schwebende Interessen , auch auf die Cardinäle Fefelotti und Ceccone , brachten das Gespräch auf Bonaventura ... Der Graf blickte nieder und ließ sich erzählen ... Man erwartet ihn ja wol auch hier ? ... fragte er mit einem Ton , der Benno auffallen durfte ... Gegen Ende des einem Diner vollkommen entsprechenden Mahles bemerkte man das längere Ausbleiben der Diener und eine lebhafte Bewegung in den Zimmern ... Im schnellsten Trabe wurde ein Reiter vom Garten her vernehmbar ... Die Diener blieben zuweilen beim Serviren wie angewurzelt an einer Stelle stehen , warfen sich bedeutsame Blicke zu und schienen sprechen zu wollen ... Wieder hörte man Hufschläge ... Alles ringsumher bekam einen Ausdruck von Unruhe und Störung der bisherigen Ordnung , ohne daß man Ausrufe oder auch nur laute Stimmen hörte ... Der Graf fragte endlich die am Büffet flüsternden Diener fast unwillig : Was gibt es denn ? ... Da die Diener nicht antworteten , wiederholte er seine Frage und legte schon erblassend die Serviette nieder ... Er schien einer üblen Botschaft gewärtig ... Franz ist zurück ... sagte der ältere Diener zögernd ... Der jüngere fügte zagend hinzu : Es hat - ein Unglück gegeben ... Der Graf erhob sich ... Seine Augen zuckten ... Daß es Angiolina war , die ein Unglück getroffen , verstand sich von selbst ... Die Diener sahen zum Fenster hinüber ... Was ist denn ? ! ... Ein Sturz vom Pferde ? ! ... rief der Graf oder wollte dies rufen ... Die kurze Frage kam nur noch halb von seinen Lippen ... Benno war in gleichem Entsetzen aufgesprungen ... Die Diener trugen dem Grafen einen Sessel nach ; er hatte zur Thür gehen wollen und war zusammengebrochen ... Verwundet doch - nur - ? rief Benno , zu seinem Herzen greifend , als bräche es auch ihm im Krampf ... Die Diener stockten und erklärten gleichzeitig und mit demselben Ton : Lebensgefährlich ! ... Sie ist todt - hauchte der Graf ... Ich weiß es ! setzte seine zitternde Stimme hinzu ... Seine Hände richteten sich wie die eines Irren gen Himmel ... Die Diener bestritten diese schnelle Annahme ... Sie wäre sofort in ihren Pavillon getragen worden - sagten sie ... Ein Arzt wäre aus dem nächsten Ort gerufen ... Die fremden Herrschaften , die vorüberritten , wollten nach einem Stadtarzt schicken ... Sie sind schuld an ihrem Tod ! schrie der Graf und eine zuckende Bewegung ergriff seine Hände und Füße ... Franz ! rief er ... Warum folgte ihr Franz nicht schon von hier ? ... Seine zornige Rede erstickte im Schmerz ... Es war nichts mehr zu ändern ... Seine Anklagen verhallten in den beiden Händen , die er vor die weinenden Augen hielt ... Benno glich dem von Schlangen umringelten Laokoon , der Hülfe rufen will für sich selbst und den eignen Tod nicht achtet in der Angst um seine Lieben ... Sie ritt bergab mit verhängtem Zügel ! berichtete der Diener ... Allmälig ging das Pferd langsamer ... Sie schien es nicht zu achten ... Da stand es ganz still ... So saß sie im Sattel wie abwesend ... Indeß war Franz unten an der Landstraße und wartete am Ausgang des Parks beim Meilenstein ... Da kommen die Fremden im vollen Trab herunter ... Des Fräuleins Pferd scheut ... Sie verliert die Balance , verliert den Steigbügel ... Die Reiter , selbst im Niederschießen , können nicht innehalten ... Des Fräuleins Pferd bäumt sich , geht durch und gleich querfeldein ... Das Fräulein rafft sich auf , kniet mit dem rechten Fuß auf dem Sattel , erhebt sich , steht eine Weile hoch in der Luft und stürzt dann kopfüber ... Die Reiter waren oben auf der Landstraße ... Franz mußte ins Feld hineinreiten , sprang herunter , ließ sein Pferd laufen , fand das Fräulein blutend am Boden und schon bewußtlos ... Die Offiziere , Italiener , kamen näher , nahmen sie dann auf , legten sie querüber auf ein Pferd und führten sie langsam , indem einer der Herren ging , zum Casino ... Graf Hugo war inzwischen schon umgekleidet ... Er hatte sich in einen weißen Mantel geworfen , den die Diener hinten zuschnürten ... Seine Hand hatte keine Kraft mehr ... Im Nebenzimmer hatte er die Fußbekleidung gewechselt ... Eine militärische Interimsmütze lag auf dem Kopf lose und haltlos ... Die Hand der Diener mußte sie erst auf den braunen Scheitel festdrücken ... Schluchzend stützte er sich auf Benno - auf einen Beistand , der selbst den Tod im Herzen trug ... Die Schwester gefunden - so ! - und die Mutter arglos in der Nähe - ! ... Er konnte keinen Gedanken mehr , sich selbst nicht festhalten ... Der Graf führte - ihn ... Den Einspänner Benno ' s und ein eigenes Gefährt , das schon im Hof gerüstet stand , lehnte der Graf ab ... Ich fürchte mich vor Pferden ... sagte er heiser , mit erstickter Stimme ... Und - wir - kommen - setzte er bitter lächelnd hinzu - zu - einer Todten - auch zeitig genug ... Damit lenkte er , wie ein zum Tod Verwundeter , vom Vestibüle des Eingangs den schwankenden Schritt zum Garten hin ... Hier öffnete sich links eine lange Allee von schon kahlen , wie zu einer unabsehbaren Laube zusammengewachsenen Platanen ... Durch ein Meer von raschelndem Herbstlaub schritten beide wie geisterhafte Schatten dahin . 8. Links ragte eine sonnenbeschienene , mit Flechten , Moos und Epheu besetzte Bergwand ... Rechts lagen die Abdachungen des Gartens und Parks in die herrliche Ebene , ein Bild des Lebens , hinaus ... Die Stämme der Platanenallee so weiß , so hellgrünlich schimmernd ... Das gelbe Laub weithin leuchtend ... Unter den todten Zacken und gekappten Verästelungen der kunstvoll gezogenen Platanen ... Die Sonne mittagshell ... Der Abschied der Natur so froh , so glückverheißend ... Wiedersehn im Frühling ! rief alles ... Aber aus den fernen Büschen sah man schon den Priester des nächsten Orts im Ornat daher eilen - mit den Sterbesakramenten ... Der Graf blieb stehen ... Die nachfolgenden Diener sprangen hinzu ... Er deutete nur stumm auf die eilende Procession ... Benno starrte ... Sein Blick irrte ... Er suchte den vierspännigen Wagen ... Die Wanderung im raschelnden Laube dauerte eine halbe Stunde ... Sie glich dem Wandeln in einem Leichenconduct ... Benno konnte nichts reden . Nicht ein Wort , nicht eine Miene des Grafen verrieth , daß Terschka seinem Freund die Scene vom Schloß Neuhof , die Verhandlungen zwischen drei Priestern und dem Präsidenten verrathen hatte ... Er kämpfte mit sich , ob er es jetzt nicht selbst thun , sich Angiolinens Bruder nennen sollte ... Die Last wurde zu schwer ... Am Ende der Felswand , die sich zuletzt sanft abdachte ; lag das Casino ... Es war ein düsteres Gebäude ... Obgleich mit den schönsten Aussichten auf die Donau und zur Linken und rückwärts bis zu den steierischen Alpen versehen , war es doch ein für ein junges lebensfrohes Gemüth beängstigender Aufenthaltsort ... Aus der Ferne gesehen mochte das Haus einen poetischen Anblick gewähren .... Es glich einem alten Maison-de-Logis aus der Rococozeit ... Rings war es von einer Allee von Riesentannen , mit Zweigen , die sich voll und schwer am Boden hinschleppten , umgeben ... In der Nähe sahen die Bäume wie die Umgebung eines Mausoleums aus ... Die untern Räume waren nur ein einziger großer Speisesaal mit Nebencabineten ... Ein Hinterhäuschen gehörte dem dienenden Personal und mochte die Küche bergen ... Auch dies war ganz in Tannen versteckt ... Im hohen Sommer mochte man hier Kühle und Schatten haben ; jetzt war der Anblick nur in den kleinen runden Entresolfenstern der obern Etage wohnlich ... Unten schroff abwärts zog sich die Landstraße ... Auf einer Treppe von verwittertem , moosbewachsenen Erlenholz konnte man von da zum Casino hinaufsteigen ... Die volkreiche Gegend mußte dem entsetzlichen Unglück schon eine Menge Zuschauer gebracht haben ... Eine Menschenmasse belagerte unten das Portal zur Treppe , das man schon geschlossen hatte ... Viele andere waren schon vorher eingedrungen und standen im Hause