seine Frau starb , verließ ihn die Angiolina und ihm war ' s ganz recht , denn er hat einen großen Nagel im Kopf und hieße gar zu gern der » Edle von Krapfingen « , was eine Besitzung ist , die ihm gehört .... Die Leute sagen - aber ganz unter uns - hier an dem Gebäude ( Harry zeigte auf ein düsteres , Benno schon bekanntes Haus - die Polizei ) kennt der Mann alle Hinter- und Seitenthüren ... Nehmens sich ein bissel vor ihm in Acht ... Wir haben allerhand Spitzln ... Bezahlte und unbezahlte ... Wenn Sie in der kleinsten Garküche speisen , so weiß man hier in dem Hause schon Abends , in was für Münze Sie bezahlt haben ... An dem stillen Priesterhause , Benno ' s Wohnung , mußten die lehrreichen Aufklärungen ein Ende nehmen ... Ein großer eiserner Klopfer wurde noch von dem gefälligen Harry angeschlagen ... Die Thür ging auf ... Benno nahm Abschied und versprach , wenn er morgen zeitig vom Schloß Salem zurückkehren sollte , die Einladung zum Mittagstisch anzunehmen , sonst aber jeden freien Augenblick in dem unterhaltenden , gastfreien , so zwanglosen Hause zuzubringen ... Nun schritt er durch matt erhellte Gänge und kam in seine stillen Zimmer , wo er suchen mußte , nach soviel kaum zu Ertragendem , das heute das Geschick ihm verhängte , im Schlummer die Kraft zu gewinnen für sein ferneres - » Freudvoll und Leidvoll « . 7. Ein schöner Spätherbstmorgen lachte Benno schon so heiter und sonnig auf seinem Lager an , als wollte der Himmel sagen : Muth ! Muth ! Nun nicht gewichen ! ... Benno frühstückte auf seinem Zimmer mit dem Chorherrn , der bei ihm anklopfte , und erzählte seine gestrigen Erlebnisse ... Zur Fahrt nach dem Schlosse Salem bestellte der freundliche Wirth sofort einen Einspänner , der Punkt neun Uhr vor der Pforte des geistlichen Hauses warten sollte ... Aber wie nun um elf ? Wie das Rendezvous im Palatinus ? fragte er neckend ... Benno berichtete noch von der Begegnung im Theater und nannte den Namen der Herzogin von Amarillas , über die der Chorherr nichts Näheres wußte ... Sie müssen Ihrer Eroberung ein Lebenszeichen geben , sagte er , sonst kommt sie noch hier am Hause vorgefahren ... Benno wollte im Vorüberfahren am » Palatinus « seine Karte abgeben ... Dann erzählte er von dem Abend bei den Zickeles und schilderte den eigenthümlichen Gegensatz desselben zu der Lage , in der er den Grafen Hugo anzutreffen erwarten durfte ... Auch diesen Beziehungen , die eine Schilderung der Macht der Börse veranlaßten , stand der Chorherr zu fern ... Als Benno andeutete , daß ihm durch alles , was er hier in Wien und Oesterreich sähe und höre , doch ein eigenthümlicher Ton der Trauer mitten durch die Freude hindurch zu gehen schiene , eine Verstimmung , ein Mangel an Selbstvertrauen und doch auch wieder kein Vertrauen zu andern , eine bald excentrische Hingebung , bald ein geheimer Krieg aller gegen alle , kurz eine völlig atomistische Zerbröckelung dieses herrlichen großen Ganzen - da sagte der Chorherr , aufs äußerste erregt und vom gemeinschaftlich genossenen Frühstück aufstehend : Das eben bricht mir ja das Herz ! ... - Das erkennen Sie also schon , daß , wenn auch unsere Machthaber nichts lieber wünschen , als die Bestätigung des Rufes , in dem wir als ein Volk von Phäaken stehen , lebend nur dem immerfort sich drehenden Bratspieß , doch dieser Vergnügungstaumel , in den sich unsere Bevölkerung zu stürzen liebt , um so herbere Aschermittwochsstimmungen zurückläßt ? ... Aus all dieser Lustigkeit hörten Sie schon heraus : Wien ist krank ! ... Mein junger Freund , ganz Oesterreich ist es ... Der Wahrheitstrieb , der tief in diesem Volk begründet ist , findet keine Befriedigung ... So verwandelt er sich in Mistrauen , kühle Prüfung , zuweilen leidenschaftlich hervorbrechende Begeisterung und wieder ebenso rasch kommende Ironie seiner selbst ... Die einen macht ein solches Wesen schlecht , die andern macht es melancholisch ... Was soll einst daraus werden ! ... Die Masse ist gemüthvoll , ist gerechtigkeitsliebend , aber von einer beängstigenden Unbildung und Maßlosigkeit ... Die Vorstädte werden an sich noch wie von den Anschauungen alter Frauen regiert , die an den Straßenecken die Gemüse verkaufen ... Ein Schrecken vor Kometen oder vor dem möglicherweise alle Tage wiederkehrenden Türken oder vor dem Staatsbankrott ist die feststehende Stimmung des allgemeinen Volksgeistes ... Nun dieser Drang nach Oeffentlichkeit , nach Auszeichnung ... Alles was in den Polen , Ungarn , Böhmen , Italienern , namentlich aber in der lebendigsten aller Nationen , in - dem todten Israel lebt , impft sich unserm Volk hier auf ... Herrlich , wenn das alles einen würdigen Gegenstand fände ... Aber dafür die strengste Censur , die Verfolgung der Meinungen , die Unterdrückung der Lehrfreiheit und - als Ersatz für alles das , was die Oeffentlichkeit entbehren muß , die immer enger und enger sich ziehende jesuitische Ueberstrickung ... Kirche und Schule , Wissenschaft und Kunst sollen vom » josephinischen « Geist gereinigt werden ... Einsehend , daß es unmöglich , das Licht , das man fürchtet , in Säcken und dunkeln Kutten aufzufangen , arbeitet man jetzt an einem andern System der Bekämpfung des Neuen ... Man erbaut Gegengebäude ... Man hört die Rathschläge aus dem Al Gesù in Rom ... Und dem allem stimmt die öffentlich geheuchelte Loyalität gleichsam zu und doch - im tiefsten Grund - ist ' s nichts als Lüge - ... An der Lüge geht mein herrliches Oesterreich zu Grunde ! ... Die magern Hände des Greises zitterten ... Sie krümmten sich ... Sein Auge war umflort ... Er mußte hundert Schritte im Zimmer auf und nieder machen , bis sich sein Blut beruhigte ... Ein Hausdiener brachte einen Brief , den gestern Abend ein fremder Herr bei ihm unten geschrieben , versiegelt und an Herrn von Asselyn adressirt hatte ... Er war von Schnuphase ... Benno mochte nicht lesen ... Als sie beide wieder allein waren , nahm der Chorherr die Gedankenreihen , die ihn so tief erschütterten , wieder auf ... Unsere gegenwärtigen Regenten - sind gegen die Jesuiten ... Regenten wollen keine Theilung ihrer Herrschaft ... Aber die Strömung ist zu groß ... Sie kommt zu stark und von hoch oben ... Immer größer wird die Zahl der mittelalterlichen Fanatiker , die mit feierlicher Salbung das ausführen , was Gentz nur vom Standpunkt der bloßen Staatsraison leicht und heiter hinwarf ... Damit das germanische Element in Deutschland nicht ganz an Preußen übergeht , muß der Protestantismus in sich selbst verwirrt , verdunkelt und zum Bundsgenossen Roms gemacht werden ... Alle Richtungen , die im Denken und Empfinden der Zeit irgendeine Verbindung mit dem Mittelalter zulassen , sollen von jetzt an nur noch allein gepflegt und ausgezeichnet werden ... Ich habe das Gefühl einer bangen Zukunft ... Der sich natürlich aufdrängende Gedanke an den großen Staatskanzler bestimmte Benno , den Brief Schnuphase ' s zu erbrechen ... Er las : » Hochwohldieselben nicht zu Hause getroffen , zu haben beklage schmerzlichst , bitte inständigst , jedoch Hochdero ergebensten Diener in dieser großen Stadt nicht verlassen zu wollen , sondern , ihm hülfeflehend die Ehre zu geben für übermorgen anberaumter Hoher Audienz bei seiner Durchlauchtigsten Staatskanzler Hochdero ergebensten Diener begleiten zu wollen , da meine Angst vor den vorhabenden Mittheilungen alles , übersteigt was in solcher Lage jemals , empfunden zu haben entsinnen kann . Adresse : Pelikan & amp ; Tuckmandl , Currentgasse . Hochdero gehorsamst Schnuphase , Stadtrath . In Eile . « Benno zerriß den Brief , warf ihn in einen Papierkorb und schwieg von dem Inhalt ... Feierlich zündete der Chorherr eine Kerze an und sagte : Briefe , die man nicht aufbewahren will , muß man verbrennen ... Eine lange Pause , während der er feierlich die Stückchen Papier verbrannte ... Rauchen Sie eine Cigarre ! sagte er dann mit weicher Stimme ... Sie sind jung ! ... Und kommen Sie nicht zu spät zurück ... Benno drückte dem Gehenden die Hand ... Es war ihm bei dem trefflichen Mann so wohl , als wäre er beim Onkel in der Dechanei ... Auf eine seiner Visitenkarten schrieb er in italienischer Sprache : » - bedauert , für heute verhindert zu sein , persönlich nach dem Befinden Sr. Hoheit zu fragen « ... Es waren diese Worte für den Principe Rucca bestimmt ... Buchstaben , die sich von seinem Herzen , von seiner Hand langsam losrangen , wie ein Fürst die Bestätigung eines Todesurtheils schreiben mag ... Dann nahm er die ihm von Nück übergebenen Papiere , schloß sie in ein größeres Portefeuille , nahm einen warmen Oberrock , verließ sein Zimmer und bestieg den kleinen Wagen , der am Hause hielt ... Am Palast des römischen Botschafters fuhr er vorüber , wie vor einem geheimnißvollen Cocon , in den sich eine Raupe gehüllt hat , die ihm zum bunten Schmetterling werden sollte ... Am Palatinus hielt er ... Die Vorhänge an den Fenstern des ersten Stocks hingen noch hernieder ... Einen Troß von Menschen sah er wieder im Portal stehen ... Wieder den Mohren des Prinzen Rucca ... Benno übergab aus dem Wagen dem Portier seine Karte ... Die Hand zuckte . Er erschien sich jener Apollin , an den Olympia als Kind hinaufsprang , um ihn zu zertrümmern ... Eine heiße Glut durchloderte ihn , wenn er dachte : Sie erwartet dich um elf Uhr in den Zimmern ihres Verlobten , findet deine Karte , auch die Mutter nimmt diese in die Hand , liest deinen Namen - Ceccone kommt hinzu - Du wirst in Kreise gezogen , wo die Verführung dich umgaukelt , wo jeder Schritt für dein Herz und dein Urtheil zur Fußangel werden kann ! ... Wirst du in solcher Lage , mit allen aus ihr entspringenden Verbindlichkeiten der Verstellung ausharren können ? ... Da war es ihm , als riefe es um ihn her : Fliehe ! Jetzt ! Jetzt ! Noch ist es Zeit ! ... Das Rößlein schwenkte ... Munterer sprang es dahin in eine ruhigere Seitenstraße ... In der Nähe eines seltsam gebauten Hauses , dessen Fenster den Schießscharten von Kasematten glichen und die doch einem Franciscanerkloster angehörten , wie der Kutscher erläuterte , lag ein altes Haus , am Portal mit dem Bild eines Heiligen und einer ewigen Lampe ... Er fragte nach der Currentgasse ... Die lag in einem andern Theil der Stadt ... Wie werth war ihm die Erinnerung an die freimüthige , herzige Therese ... Sie die Freundin seiner verlorenen Schwester ... Gräber ! Gräber - ! rief es in seinem Innern ... Warum öffnest du sie ... Fliehe ! Fliehe ! Noch ist es Zeit ! rief es auch hier um ihn her ... Durch ein kleines Thor auf das Glacis gekommen , fuhr er am Kloster der Hospitaliterinnen vorüber , wo er schon die Aebtissin , Schwester Scholastika , die geborene Tüngel-Heide , hätte besuchen müssen ... Er widmete ihr einen Sehnsuchtsgedanken an die ferne Armgart ... Immer einsamer und einsamer wurden die Straßen ... Zuletzt gab es nur noch alleingelegene Häuser mit Gärten und Feldern , Fabrikgebäude mit hohen und rauchenden Schornsteinen ... Endlich war die Landstraße erreicht und der ganze Vollgenuß gewährt der ungehindert eingeathmeten kräftigenden Herbstluft ... Benno saß im warmen Oberrock bei offenem Verdeck ... Bald bog der Wagen von der Hauptlandstraße ab ... Kleine Ortschaften , in denen gerade Markt gehalten wurde , boten den buntesten Anblick ... Der Himmel blieb sonnig und dunkelblau ; nur an den Rändern des Horizonts , den die sanften Bergeshöhen abgrenzten , schimmerten die bunten Irisfarben des Herbstes , rosa , gelb und violett ... Der Kutscher sah Benno ' s Wohlgefallen an der schönen Umgebung und rieth ihm zuweilen , zu Fuß einen kürzern Weg durch eine Waldpartie zu nehmen , während er die sich windende Landstraße weiter fuhr ... Aber durch die Eichen- und Buchenhaine war vor schon gefallenem Laub nicht hindurchzukommen ... Nur die grünen Tannenbestände ließen hier und da den Rath befolgen ... An manchen Durchblicken sah Benno weißschimmernde Klöster und Schlösser ... Der Blick ringsum öffnete bald diese , bald jene Fernsicht , bald zu einem schroffen Aufgang zu höhern Felsgesteinen , bald zur weiten , vom Pflug wieder neugeackerten , dunkelschwarzen Ebene ... Bonaventura - Armgart - Paula schritten immer im Geiste mit ihm ... Endlich wurden die Aussichten begrenzter ... Die Hügelreihen zogen sich enger zusammen ... Der Kutscher deutete auf den Ausgang eines waldbewachsenen Grundes als den Anfang des zum Schloß Salem gehörenden Parks ... Nach einer längern Fahrt zwischen rings sich thürmenden , noch epheu- und moosbewachsenen , von kleinen behenden Cascaden überrieselten Felsen sah man den Weg sich öffnen und an der Abdachung der sich in eine neue große Ebene niedersenkenden Berglehnen eine hellschimmernde , in neuerm Geschmack angelegte Besitzung , der man in der Ferne noch nicht anmerkte , wie sie aus einem alten Renaissanceschloß entstanden war ... Alte Thürme waren da im englischen Castellstil neu ergänzt ... Balcone , Erker , gewölbte , mit Epheu und wildem Wein umzogene Fenster ließen sich schon aus der Ferne erkennen ... Eine Altane bot ohne Zweifel den Blick in die weiteste Ferne bis zur Donau ... Offene Galerieen , sonst wol mit Blumen besetzt , zogen sich um die Eckthürme hin ... In nächster Nähe gewann jetzt alles ein gepflegteres Aussehen ... Fast unmerklich verlor sich die Straße in einen Park voll kleiner Pavillons , Tempel , Ruhebänken neben stürzenden Wassern ; da und dort zeigte sich wieder eine freie , noch smaragdgrüne Waldstelle , auf der man hätte Rehe suchen mögen ... Schon fuhr der kleine Wagen in den gekieselten Gleisen der Parkwege ... Die Fußwege nebenan waren sauber geharkt ... Sie schlängelten sich terrassenhaft niederwärts bis zum Schlosse , das bei größerer Annäherung sich immer stattlicher entfaltete und nun auch seine Nebengebäude , einen großen geräumigen Hof zeigte , den ein eisernes Gitter und in dessen Mitte ein hohes , mit dem Camphausen ' schen Wappen geschmücktes Portal vom Park trennte , während der Fahrweg am Portal vorüber weiter ging und auf einer andern Seite wieder auf die allgemeine Landstraße zurückführte ... So in der Nähe nun zu sein von all dem seither erzählten , vorgestellten , gefürchteten Leben einer fremden hochwichtigen Existenz mit all ihren eigenbedingten Lagen , ihren eigengeschaffenen und wieder für andere maßgebenden Zuständen - gewährte schon an sich eine ergreifende Stimmung ... Wie viel mehr noch das Gefühl : Hier weilt dir eine Schwester , die du nie gesehen , vielleicht nie anerkennen wirst ! ... Hat Terschka wirklich Wort gehalten und geschwiegen ? ... Unwillkürlich kam ihm die Erinnerung an den Park des Vaters auf Schloß Neuhof ... Dann raffte er sich auf - und doch suchte er wieder durch die laublosen Bäume hindurch nur ein abgesondertes Gebäude , das Casino genannt , in welchem , wie er schon in Kocher vom Onkel Dechanten gehört , seine Schwester für sich allein wohnen sollte ... Er sagte sich : Du bist ganz wie Bonaventura mit den Bürden seiner Beichten ! ... Wenn du deine Schwester sähest - würdest du kalt und fremd erscheinen müssen ... Auch daß der Graf vielleicht das Opfer eines Betrugs durch eine falsche Urkunde ist , darf kein Gedanke sein , der dich irgendwie hier anwandelt ... Im grasbewachsenen , gepflasterten Schloßhof war es , wie noch zur Mehrung seiner märchenhaft träumerischen Stimmung , menschenleer ... Nur ein einziges Roß sah er , das gesattelt an einen eisernen Candelaber gebunden stand , deren vier eine Rampe schmückten , die die große Auffahrt bildete ... Zu diesem trat durch die Thür eines Seitengebäudes , die zum Stalle zu führen schien , eben in sorgloser Haltung ein Reitknecht , den selbst die Ankunft des Einspänners nicht störte ... Inzwischen war Benno dicht an die Rampe gefahren ... Jetzt sah er erst , der Sattel des Pferdes war ein Damensattel ... Ohne Zweifel war er für seine Schwester bestimmt ... Nun mit dem beklommensten Herzen , jeden Augenblick gewärtig , ihr als Bote ihres Sturzes oder wenigstens ihrer künftigen äußerlichen Verleugnung zu begegnen , sah er dem Reitknecht zu , der den Sattel , fester schnürte und , während der Kutscher schon sein Roß ausschirrte , auf einen Diener deutete , der aus der hohen Glasthür , die von der Rampe zum Schloß führte , mit eilendem Schritt heraustrat ... Auch dieser ging wie der Reitknecht in den » altfränkischen « Dorste ' schen Farben - grün und gelb , doch in geschmackvollerer Vertheilung als in Westerhof ... Die Halbröcke von mattgelbem Tuch , kleine Verzierungen daran grün ... Eine weiße Weste , kurze schwarze Beinkleider und Strümpfe stimmten zu den artigen Manieren des von der Rampe Herabkommenden , der ein Kammerdiener zu sein schien ... Offenbar war der Mann in großer Verlegenheit ... Er wußte , daß Benno erwartet wurde und entschuldigte den Grafen , der noch eine Abhaltung hätte ... Dann nahm er mit freundlicher Geschäftigkeit das große Portefeuille Benno ' s entgegen und lud den Gast ein , sich ' s so lange in einem Zimmer bequem zu machen , das er ihm anweisen wollte ... Alle diese Worte hörte Benno kaum ; denn an einem der hohen Fenster des obern Stockes , hinter den blutrothen wilden Weinblättern , die noch nicht ganz von ihrer üppigen Ausbreitung welk herniedergefallen waren , lüftete sich eben eine weiße Gardine und ein Frauenkopf sah heraus ... Nur ein Moment war ' s ... Sogleich fiel die Gardine wieder zu ... Es war ein Kopf , ähnlich dem Lucindens ... Jugendlicher , von einem Ausdruck der äußersten Angst entstellt - ihm ähnlich ... Er konnte annehmen , der Graf befand sich in einem Tête-à-Tête der größten Aufregung ... Benno , mit dem Gefühl , jedes Auge , das hier auf ihn falle , müßte ihn anstarren um seiner Aehnlichkeit mit Angiolina willen , folgte mit kaum sich aufrecht haltender Betäubung dem Diener , dessen ganzes Benehmen die Furcht ausdrückte , es könnte der junge sehnsüchtig erwartete Rechtsgelehrte der Schallweite der obern Zimmer zu nahe kommen ... Von einem runden Eingangsvestibül führte er ihn sogleich in die entgegengesetzte Richtung , ja schloß Fenster und Thüren , die er offen fand , als könnte noch ein anderer Schall hereindringen , als der der Gespräche des Kutschers mit dem Reitknecht und das Unterbringen seines Gefährtes im gräflichen Stall ... Endlich kamen sie in Zimmer , die des Grafen Wohnzimmer selbst schienen und nach dem Garten hinaus gingen ... Dieser war nur ein im Charakter etwas veränderter Theil des Parks ... Die Fahrstraße umschlängelte das Schloß und lag , kaum hundert Schritte weiter , wiederum dem Blicke offen ... Die Zimmer , die sie durchschritten , gingen bis in den alten Bau hinein , einen Thurm , von dem eine noch von welken Blumen umrankte Wendeltreppe in den Garten führte ... Das Zimmer , in dem sich der Diener endlich empfahl , war düster , sonst höchst traulich ... Von oben her beschattete es das Dach der großen Altane des ersten Stocks , die man in der Ferne gesehen hatte , auch eine Fülle von Epheu , der von außen fast in das Zimmer hereinwuchs ... Es liegt ein eigener Reiz in dem Betreten eines zum ganzen und vollen Ausleben eines fremden Ichs bestimmten Zimmers ... Offenbar hatte der Graf sein Ausbleiben dadurch mildern wollen , daß er Benno sogleich in die Räume führen ließ , die er selbst bewohnte ... Der Duft der besten Cigarren kam wie aus eben erst verronnenen blauen Wölkchen ... In der Mitte des Zimmers lag auf einem großen runden , zierlich ausgelegten Nußbaumtisch eine Auswahl von bunten türkischen und ungarischen Pfeifen ... Cigarrenkisten aus der Havannah waren noch nicht lange geöffnet ... Gelber türkischer Taback lag in einer antiken Schale von Metall ... Das sich dem mittelalterlichen Geschmack nähernde Zimmer war hochgewölbt ... An den Wänden hingen türkische Waffen , Roßschweife sogar , Gemshörner , Alpenhüte , geschmückt mit Gemsbärten ... Dunkelbraune Schränke , gothisch geformt , standen theilweise offen und zeigten goldenen und silbernen Militärschmuck , Säbel , Pistolen , Jagdflinten ... An den Fenstern waren Glasmalereien angebracht ; der Fußboden , am Schreibtisch mit einer großen Tigerdecke belegt , war parkettirt in schönen symmetrischen Figuren ... Neben dem modernen und gußeisernen Ofen stand ein vollständiger Ritterharnisch von blankpolirtem Stahl ... Auf einer hängenden Etagère blinkten Trinkkannen , Krüge mit eingebrannten Sinnsprüchen , Becher aus Horn mit silbernen Griffen ... Der Schreibtisch stand frei , wohlgeordnet und bedeckt mit bunterlei Nippsachen ... Federn lagen , noch glänzend von frischgetrockneter Tinte , auf grünem querübergespannten Tuche ... Hinter dem Schreibtisch standen in einem dunkeln Winkel zu Fuß eines Porträts , das einen General und ohne Zweifel den durch einen Pferdesturz verunglückten Vater des Grafen darstellte , Hellebarden , Streitkolben , Morgensterne ... ... Ein kleiner Schrank enthielt eine Bibliothek von schöngebundenen Büchern , militärischen und landwirthschaftlichen Inhalts ... Eine altmodische Wanduhr mit hörbarem Pendelschlag schien der Pulsschlag des stillen und doch so lebendigen Zimmers zu sein ... Hier hatte Terschka gewaltet ... Hier Angiolina ... Benno ' s Blick fiel auf eine Console zwischen den beiden Fenstern , wo im Dunkeln eine Alpenzither lag und auf ihr - ein weiblicher Strohhut ... Schon eine Viertelstunde mochte vergangen sein , da kam der Kammerdiener zurück und entschuldigte den Grafen aufs neue ... Er wäre zwar im Schlosse , bäte aber den Herrn Baron aufs inständigste , ihm wegen seines Ausbleibens nicht zu zürnen ... Benno sah aus den Zügen des Alten , welche Probe sein Herr zu bestehen hatte ... Er las einen Kampf der Liebe und Leidenschaft aus ihnen ... Er las aus ihnen Schmerz , Verzweiflung , Drohungen ... Er mußte krampfhaft seinen Hut festhalten , um nicht das Zittern seiner Hände zu verrathen ... Der Diener wollte , da Benno eine Erfrischung zu nehmen ablehnte , wenigstens zu seiner Unterhaltung plaudern ... Er rückte einen beweglichen Lehnstuhl dem Fenster näher , um Benno die Aussicht zu deuten ... Er nannte die Klöster , die Kirchen , die Dörfer , beschrieb den Lauf der Donau , die wie ein Flechtwerk silberner Bänder in dem fast überall neugepflügten dunkelschwarzen Erdreich glänzte ... Leise nahm er dabei den Strohhut von der Zither , wollte ihn verstecken , besann sich aber , daß gerade dies Wegnehmen erst recht darauf aufmerksam machte und legte ihn wieder leise auf die Saiten , die nun - wie Geisteraccorde anklangen ... Laß mich weinen , laß mich klagen ! Frage nicht , warum ich ' s muß ! Ist es nicht der Götter Schluß : Leben steigt aus Sarkophagen Seit des Lebens ersten Tagen ! So klang es in einem Liede Bonaventura ' s , das wehmuthsvoll in Benno nachtönte ... Jetzt horchte der Diener auf ... Er schien etwas zu hören , was Benno entging ... Besorgt begab er sich in die offenen Vorzimmer und zog die Thüren , die vorher offen gestanden , sorgsam hinter sich zu ... Benno war keine sentimentale Natur ... Die Ironie pflegte die Regungen seines Herzens hinwegzutändeln ... Hier aber kam ihm nichts mehr vom Humor zu Hülfe ... Er fühlte die Rechte des Menschenherzens in dem Leid seiner Schwester - mit Titanenkraft ... Armes Kind ! ... Aber - auch du - arme Paula ! ... Benno nahm selbst den Hut von der Zither ... Schwarze Sammetbänder glitten über seine zitternden Hände ... Auf der Spitze des Huts waren fünf Sternchen von schwarzem Sammet befestigt ... Noch duftete der Hut von Angiolinens Haar ... Da hörte er Thüren schlagen ... Er legte den Hut auf die Zither zurück ... Es war ihm , als müßte Angiolina gestürmt kommen und selbst ihren Hut holen ... Ein Gefühl , sie zurückzuhalten und sie , die eben alles verlor , mit dem Schwesternamen zu begrüßen , überwältigte ihn einen Augenblick ... Wer denkt sich nicht zuweilen eine That des Heroismus , die , im Urrecht des Genius begründet , alle Schranken der Rücksicht durchbricht , eine That , die die ordnende Weltseele ebenso gut wie jede andere wieder mit dem Hergebrachten würde zu vermitteln wissen ! ... Schon mußte er sich halten - wie jemand , der zu dicht an einen ungeahnten Abgrund gerathen und statt zu fallen , mit muthigem Entschluß den furchtbaren Sprung lieber selbst wagt ... Da hört er vom Garten her den Hufschlag eines Rosses ... Im regen- und nebelfeuchten Kiese der gleichmäßige Schritt eines Galoppirenden ... Jetzt schwenkte das Roß ... Es war das von vorhin im Schloßhofe ... Es schwenkte vom alten Gemäuer zur Rechten her und dahin über die sich abdachende Straße quer am Schlosse vorüber ... Darauf eine Reiterin ... Nur Angiolina konnte es sein ... Im dunkelwallenden Kleid saß sie hoch im Sattel ... Ja als sie an der Front der Schloßfenster vorüber mußte , schien sie aus dem Sattel sich zu erheben und sank wieder zurück ... Ein Hut mit blauem Schleier schlug hinten über und fiel ihr in den Nacken ... Ein schöner Kopf , todtenbleich , mit dunkelschwarzem Haar und lichtverklärt vom durchsichtigen Aether sich abzeichnend ... Das Roß wie im Fluge ... Die linke Hand hielt die Zügel , die rechte riß den Hut ganz vom Haupte ... Nun ragte die Gestalt schlank und lustig schwebend ... Die Hüfte zum Umspannen ... Benno suchte das Auge ... Das schien sie zuzudrücken ... Es war , als wollte sie nichts mehr von dieser Welt erkennen ... Immer weiter und weiter schlängelten sich die Windungen des Weges . Das Roß schwenkte ... Sie selbst schien wie von einer Schaukel gehoben ... Nun verlor sie sich hinter den Büschen ... Wieder tauchte sie auf ... Ein Bangen ergriff Benno bei dem immer mehr sich verlierenden , in den Büschen bald offenen , bald von ihnen gedeckten Anblick ... Wo raste sie so hin ? ... Oder - Wie ist das ? ... Kehrt sie zurück ? ... Ist sie nicht schon wieder in der Nähe ? ... Nein ... Neuer Rosseshuf erklingt ... Der Reiter sind aber mehrere ... Auch sie biegen von der Rechten her ums Schloß ... Eine Cavalcade ist ' s von mehreren Herren ... Eine Dame unter ihnen ... Olympia ! ... Dieselben Begleiter , wie gestern ... Dieselbe kleine Gestalt über und über heute in hellblauem Sammet ... Gelbe Seide die Verzierungen ... Ein schwarzer Chapeau-Mousquetaire im grellsten Geschmack des Südens mit Goldtressen geschmückt ... Phantastischer Carnevalsanblick ! ... Auch sie jagt dahin und erhebt sich ebenso beim Blick auf das Schloß ... Sie erkennt Benno ... Das Roß schwenkt ... Wild stieben die Reiter um sie her ... Eine neue Schwenkung ... Jetzt ist Olympia eingeschlossen von ihren Begleitern und auch sie verschwindet ... Benno stand besinnungslos ... Er sah die Wirkung - seiner Karte ... Ohne Zweifel hatte man seine Wohnung erfragt , seinen Ausflug erfahren , die Richtung erkundschaftet und war ihm gefolgt ... Wieder die Statue des Apollin - von einem Panther umkrallt ! So wirkte ihm diese Erfahrung ... So wild sich geliebt zu sehen - muß ja den Tod versüßen ... Da gingen die Thüren und der Diener kam eilends zu dem Besinnungslosen ... Eben kommen Seine Erlaucht ! sagte er ... Seine Worte erklangen wie der Ton der Erlösung und glücklichen Hoffnung ... Die Erscheinung , daß Herrschaften von Wien her oder der Umgegend die Durchfahrt durch den Park und an Schloß Salem vorüber benutzten , schien eine häufig vorkommende zu sein ... Der Diener achtete nicht darauf ... Schon im Vorzimmer sprach eine hellkräftige Stimme mit jener Fassung , die der Weltbildung geläufig ist , eine Entschuldigung für das lange Ausbleiben ... Graf Hugo trat ein ... Eine schöne männliche Erscheinung ... Am Ende der Dreißiger ... Hochgewachsen wie seine Mutter Erdmuthe ... Das Haar braun , lockig ; hie und da dünn an der Stirn und den Schläfen ; Lippen und Kinn trugen den Bart desto voller ... Die Augen blau ... Der erste Eindruck vor den Bewegungen der Höflichkeit und einer nur mühsam verborgenen Erregung unbestimmt und fast zu lebhaft ... Der Graf trug ein kurzes , militärisches , weißes Hauscollet mit einer leichten Paspoilirung von Rosaschnüren an der Brust , an den Achseln und Aermeln ; lange eng anliegende blaue Beinkleider , unten mit einem Besatz von glänzend lakirtem schwarzem Leder , das gegen Hausstiefel von bunter russischer Lederstickerei grell abstach ... In einer Sprechweise wienerischen Tonfalls entschuldigte er sich , daß ihn Geschäfte abgehalten hätten , sich in eine vollständigere Toilette zu werfen ... Alles das kam , als hätte er eben nur eine Abhaltung gehabt in seinen Ställen oder sonst bei einem Lieblingsgeschäft , das abgewartet werden mußte ... Der Uebergang zum Rauchen , das Nöthigen auf ein dunkel gestelltes , ganz in der Ecke hinter dem Schreibtisch befindliches Kanapee , alles war so leicht , so im Ton der harmlosesten Zuvorkommenheit , daß jeder andere nicht gemerkt haben würde , wie die Art , mit der er in die Kissen zurücksank und wie von seinen Wangen die leichte Röthe der ersten Begrüßung verschwand , doch die äußerste Erschöpfung nach einer aufregenden Scene ausdrückte ... Im forschenden Blick auf Benno der völligste Ausdruck der Unbefangenheit über dessen Beziehung zu Angiolina ... Und kein Stutzen etwa über irgendeine Aehnlichkeit ... Ungeordnet , abgerissen war alles , was der Graf von Benno ' s Aufträgen sprach ... Dieser sammelte sich selbst erst durch das Aufschließen seines Portefeuille ... Die Eindrücke stürmten zu mächtig auf ihn ein ... Die Verlegenheit des Grafen wurde von der seinigen übertroffen ... Herr Graf , begann er allmälig , da ich die Ehre habe - Frau Gräfin Mutter zu kennen und - den Bewohnern von Schloß Westerhof durch lange Jahre nahe stehe , so hab ' ich - bei Veranlassung einer Reise nach dem Süden