Ihnen Botschaft gesandt , wie nahe wir uns . Aber das Leben entflieht , und die Sterbenden haben Eile , darum sende ich meine letzten Grüße nicht durch ihn . Der Allmächtige gebe , daß Ihre Pflicht Sie morgen auf der Nordseite zurückhält und fern von den Gefahren , mit denen um 11 Uhr ein allgemeiner , sorgfältig verheimlichter Sturm den Malachof und alle Ihre Bastionen bedrohen wird . Wahren Sie Ihr Leben , um dem Gedächtniß Derjenigen eine lange , lange Erinnerung weihen zu können , die selbst als die Gattin eines Andern - des Vampyrs , der mein Herzblut gesaugt - nie aufgehört hat , Sie zu lieben , und die ihre Liebe hinüber nimmt in die ewige Zeit , wo keine Trennung ist ! Meine Hand ermattet - das letzte Lebewohl , Alexander ! - bis zum Wiederfinden dort Oben ! Helene . « Er las den Brief wieder und wieder , und dachte betrübt an die Herzen , die rauh das Schicksal trennt und von einander reißt ! Er dachte traurig der eigenen , in den Geschicken der Völker versinkenden Liebe ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Erst gegen Mitternacht kehrte Doctor Welland von Kamiesch und den anstrengenden Vorbereitungen für den morgenden Kampf zurück ; mit ihm der Baronet und der polnische Oberst . - Während der Vicomte dem Arzt den Brief zum Lesen einhändigte und ihn von dem Vorgefallenen in Kenntniß setzte , erschien der Sergeant-Major Fabrice Tonton mit einer dringenden Meldung . Er zeigte an , daß der Zuave Lebrigaud vor einer halben Stunde im trunkenen Zustand zurückgekehrt , prahlerische Reden führe , die auf ein gefährliches und wichtiges Vergehen schließen ließen . Die Ausdrücke , die der Feldwebel berichtete , machten die Aufmerksamkeit des Vicomte rege und er befahl , mit Uebergehung der bereites der Ruhe vor dem blutigen Kampf pflegenden Bataillons-Offiziere , den Kerl ihm vorzuführen . Der Lüderjahn erschien alsbald , von Bourdon und Vernaudin geführt , mit der unverschämten und unbesorgten Miene , die all ' sein Thun begleitete , und der erste Anblick schon bewies , daß er stark getrunken hatte . » Ah , mein Commandant - nein , mein Colonel , ich grüße Sie ! « sagte der Bursche , halb taumelnd salutirend . » Was steht zu Befehl , mein General , Ihr Befehl ist vollzogen und das Geld redlich verdient ! « » Wo kommst Du in diesem Zustand her - Du bist total betrunken . « » Ah , mein General - « der Lüderjahn hielt offenbar den Vicomte für einen Andern , - » es ist eine verfluchte Fahrt auf den Grund des Meeres und man hat wohl das Recht , sich da einen Spitz zu trinken . Der Wein von Constantinopel ist verflucht gut ! Fichtre - die Bursche paßten mir arg auf , ehe ich sie überlisten konnte ! Drei Mal mußte ich tauchen , ehe ich das höllische Tau fand ! Dieu me punisse ! Wenn ich nicht meine Jugend am Strand von Marseille zugebracht - es wäre unmöglich gewesen . Aber Peste ! General , Sie kennen Ihre Leute und erinnern sich der kleinen Fähigkeiten Ihrer Zephyre ! « » Was hast Du gethan - was sollen die Reden ? « » Ei , General , « lachte vertraulich der Halunke , » stellen Sie sich doch nicht so - das Tau des hundsföttschen Telo-Grafen ist durchschnitten , mindestens hundert Klaftern vom Ufer weit , und die Narren werden zu thun haben , die Enden wieder zu kriegen . Ich fand zum Glück einen Nachen - aber spät , General - sie paßten auf den Dienst und ich durfte doch erst im Dunkeln an ' s Werk ! « » Schurke - Du hast den Drath des Telegraphen zerstört ? « » Den Teufel , ja , General , stellen Sie sich doch nicht so , als ob Sie ' s mir nicht befohlen hätten . Sie wußten recht gut , daß ich mit jedem Seewolf um die Wette tauche ! Geben Sie mir die zehn Napoleons , General - die andern sind - hui ! Weiß der Henker , wo das Geld bleibt ! « Der Oberst wechselte mit den Freunden erschrocken erstaunte Blicke , dann winkte er dem Sergeanten und Corporal , zurückzutreten , und den Trunkeneu beim Arm fassend , sagte er mit unterdrückter Stimme zornig : » Du zerschnittest das Tau auf Befehl des General Pelissier ? « » Versteht sich , General , Sie befahlen es ja selbst heute Mittag , als wir allein waren , « er schaute den Offizier mit gläsernen verstörten Blicken an , dann schien ihm die Wahrheit emporzudämmern . - » Peste ! « stammelte er - » ich glaube , ich bin ein Dummkopf gewesen - Sie sind nicht der Kommandant der Zephyre , nein , richtig , Sie sind mein Colonel ! - Verdammt ! « Er begann , sich hinter den Ohren zu kratzen und auf die Lippen zu beißen , der Schreck fing an , ihn nüchtern zu machen . » Nehmen Sie diesen Kerl und übergeben Sie ihn dem Profoß , « befahl der Colonel dem Sergeant-Major . » Daß kein Mann mit ihm zu sprechen sich untersteht . Wagt er selbst , noch einen Laut von sich zu geben , so stecken Sie ihm einen Knebel in den Mund . Sie Drei beobachten strenges Schweigen über Alles , was Sie gehört . Fort mit ihm , ich werde ihn selbst morgen in aller Frühe zum Hauptquartier begleiten . « Er winkte und der Zuave wurde , vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben , verdutzt und bestürzt abgeführt . Als sie allein waren , wandte der Oberst sich zu dem Arzt und dem Grafen . » Was halten Sie von den Geständnissen des Burschen ? « » Es sähe General Pelissier ähnlich , « sagte der Arzt . » Man erzählt noch ganz andere Willkür von ihm und er wünscht wahrscheinlich für den morgenden Sturm und seine Folgen sich allen Befehlen von Paris zu entziehen . Aber mein Gott , was fehlt Ihnen , Graf - was bewegt Sie so tief ? « Der alte Mann , indem er sich mit den Zeichen der größten Aufregung aus einen Stuhl warf und die Hände faltete , stieß den Brief der Gräfin , den der Arzt auf den Tisch gelegt , herunter , daß er im Luftzug der geöffneten Thür einige Schritte davon flog . Im Winkel saß der irre Jean , ohne daß man auf keine Anwesenheit geachtet . Seine Blicke waren fest auf den Brief geheftet gewesen , dessen Inhalt der Arzt laut gelesen , - sein bleiches abgemagertes Antlitz zeigte die Züge der äußersten Spannung , in seinen Augen blitzte es wie Wetterleuchten der immer mehr und mehr sich losringenden Seele , wie ein Entschluß ein Wille des zurückkehrenden Verstandes . Leise , wie mit Schritten einer Katze schlich er im Schatten dem Gegenstande seines Verlangens zu - noch eine Bewegung - er streckte die Hand danach - » Eilf Uhr ! der Zug geht ab ! Ich komme noch zur rechten Zeit ! « - - » Es liegt ein Fluch auf Allem , was ich thue ! « sagte der Greis . » Diese unglückselige That wird die traurigsten Folgen haben . Der Kaiser - « » Was ist mit ihm ? reden Sie ! « » Wenn die Depesche , die ich nach Paris absandte , nicht schon abgegangen , bevor der schmähliche Streich , verübt ward , ist der Kaiser verloren und Pelissier trägt die Schuld . Doch - die Leben der Fürsten liegen in der Hand Gottes , sie mag ihn schützen , wenn sie will - meine Schuld ist abgetragen - hier aber , hier soll der Ehrgeiz und der Eigenwille eines Untergebenen nicht breitere Ströme von Blut vergießen , als der Wille des Gebieters gefordert Gott sei Dank , ich kann den General zwingen , dem Entsetzlichen Einhalt zu thun , und unter den Geretteten wird der Allmächtige mir das Leben meines Enkels bewahren ! « » Sie sind außer sich , Graf - General Pelissier muß seine Pflicht thun gegen den Feind und diese fordert dessen Vernichtung . « » Thörichte Männer , « sagte hohnlachend der Pole , » wißt Ihr nicht , daß all dies Blut , diese Leben nur einem leeren Spiele geopfert werden ? daß der Friede zwischen den Herrschern längst geschlossen und Ihr nicht für Frankreich kämpft gegen Rußland , sondern für die Thorheit , Eure Fahne auf zerschossene Wälle zu pflanzen , deren Besitz dem Feinde bereits wieder gesichert ist ? « » Entsetzlich - diese Ströme von Blut , die täglich vergossen werden - « » Sie haben keinen Zweck , als das kaltherzige Spiel der Diplomatie ! Spiel - grausame , herzloses Spiel ist Alles im Leben , - der Republikaner spielt mit den Köpfen seiner Brüder für thörichte unausführbare Ideen , und der Autokrat thürmt Berge von Leichen seiner Getreuen um einer stoltzen Salve willen vom Invalidendom her ! Soldaten meint Ihr zu sein , Krieger für Recht und Ruhm ? - Gladiatoren seid Ihr , die der Imperator in die Arena schickt zu seiner Lust , und die , wenn Nero gesättigt , noch vom Ehrgeiz seines Centurionen zur Schlachtbank gepeitscht werden ! « Er sank erschöpft zurück in die Arme der erschütterten Offiziere ; draußen aber vor dem Eingang der Cantine schollen die Tritte eines Pferdes , der Ruf der Schildwacht und die Antwort : » Ordonnanz aus dem Hauptquartier ! Depesche für den Oberst des dritten Zuaven-Regiments . « Der Vicomte nahm sie selbst dem Boten ab , bescheinigte den Empfang und öffnete sie in Gegenwart der Freunde . Sie war von dem General-Stabs-Chef Martimprey gezeichnet und lautete : » Colonel Méricourt hat sich mit dem Medecin-Major Welland morgen früh 7 Uhr bei dem Generalissimus zu melden und die Führung seines Regiments auf den angewiesenen Posten dem ältesten Major zu übertragen . « » Das kommt meiner Absicht zuvor , « sagte fest der Colonel , » und gewiß - ich werde nach dem , was wir gehört , zur Stelle sein . « » Und ich werde Sie begleiten , « sprach der Graf , » ich werde morgen sein Schatten bleiben . « » Aber der Befehl , der uns bescheidet , hat offenbar Bezug auf die Verhaftung des Spions , « fügte Welland hinzu . - » Nahmen Sie den Brief zurück , Colonel ? ich legte ihn hierher . « » Nein ! « Der Brief war verschwunden . Jean - der Irre - der Schützling Nini ' s , mit ihm . Sie aber schlief sanft und ermüdet auf ihrem Lager . Der Morgen graut unter dem Zischen und Krachen der Bomben ; der Feind hat in den letzten 24 Stunden an 70000 Vollkugeln und 16000 Bomben und Granaten in die Stadt geworfen . Zwischen den demolirten Weingärten , welche sich von der Meierei Burnasi am Zusammenstoß des Laboratornaja- und Sarakandina-Grundes nach der Spitze der Südbucht hinziehen , zwischen dem großen Redan und der Mast-Bastion kriecht von Graben zu Graben , von Trümmern zu Trümmern ein armselig Wesen , ein junger , in den grauen Platschtsch gehüllter russischer Soldat . Er ist waffenlos , seine fast nackten Füße bluten , an scharfen Stein- und Eisensplittern zerrissen . Noch hat die Kanonade nicht begonnen , deren Beantwortung aus den Batterieen Perekomski , Stal und Kostanarof mit einem Hagel von Kartätschen und Vollkugeln sonst den Boden fegt und jede Annäherung unmöglich macht . Nur einzelne Bomben , von der Chapman-Batterie auf dem weißen Berg geworfen , schlagen in den Felsenboden ein oder klatschen weiter hin das Wasser der Bucht . Der junge Mann wendet kaum den Kopf nach ihnen . Einen Augenblick hält er unter den Trümmern einer Feldschanze an , welche die Kugeln zusammengerissen , und hebt den Kopf , um sich zu orientiren . Aber die aus dem Meer und den Schluchten aufsteigenden Nebel hindern ihn , der leise Anschlag der Wellen , den sein geschärftes Ohr in einzelnen Pausen des Bombardements vor sich zur Rechten hört , ist der einzige Halt , den er wahrnimmt . » Ich bin von dem Wege abgekommen , « murmelt der arme Bursche vor sich hin - » das ist nicht die Richtung , die ich dem Fähnrich bezeichnete ! Doch Gott und die Heiligen haben bis hierher geholfen und werden mich schützen - eilf Uhr , ich komme vorher ! « - Es ist Jean , der Irre , der in dem sorgsam bewahrten Mantel des Fähnrichs Lasaroff dessen Flucht mit dem kostbaren Brief , den er gestohlen , nachgeahmt . Der arme Bursche hat einen weiten Umweg gemacht , um den französischen Posten und Batterieen zu entgehen , die Erinnerung der Kinderjahre , während deren er einige Zeit in der Festung zugebracht , ist in ihm aufgetaucht und hat mit merkwürdigem Instinkt ihn die verborgensten Richtungen geführt . Eine auffallende Veränderung ist überhaupt mit ihm vorgegangen ; das Bewußtsein , der Verstand kehrt immer klarer zurück , nur einzelne wüste Sprünge macht der Wahnsinn noch , der ihn so lange befangen ; die deutliche zusammenhängende Erinnerung fehlt ihm zwar noch , Tage , Monate , Jahre scheinen ausgestrichen aus seinem Gedächtniß , nur einzelne Momente daraus stehen deutlich vor seiner Seele , während aus dem Zustand seines Irrseins ganze zusammenhängende Wahrnehmungen , Beobachtungen und Entschlüsse sich bereits in ihm entwickelten . Er weiß , daß er Russe ist , daß sein Vaterland in Gefahr , Ssewastopol von den Feinden bedroht ist ! Er hat erfahren , daß der Malachof die Vormauer der Festung , daß er am nächsten Morgen um 11 Uhr angegriffen werden soll und Alles davon abhängt , daß die Garnison zum Kampfe bereit sei . Er weiß , daß dies Alles der Brief enthält , den er auf der Brust verborgen trägt und daß seine Bestellung , verbunden mit der mündlichen Botschaft , die Festung retten mag ! Das ist der einzige Gedanke , das einzige Ziel seiner wiedererwachten Vernunft ! So schleicht er vorwärts - von Stein zu Stein , von Wall zu Wall , bald kriechend , bald zusammen kauernd , bis plötzlich ein russischer Anruf , die Frage nach dem Feldgeschrei , ihn emporschreckt . Ehe er sich noch besinnen , ehe er eine Antwort stammeln kann , blitzen Musketen vor seinen Augen , knallen Schüsse , ein heftiger zuckender Schmerz am Kopf , wie ein Peitschenschlag , warmes Blut , sein eigenes , strömt über sein Gesicht , und er fällt besinnungslos nieder . Ihm wird wohler und wohler , er fühlt gleichsam , wie das Fieber von ihm weicht , das bisher sein Gehirn verzehrt . Ihm ist , als hörte er um sich her Stimmen , er fühlt sich aufgehoben und fortgetragen . Ein Augenblick lichteren Bewußtseins läßt ihn russische Soldaten , Offiziere und Matrosen um sich , wie durch Nebel erkennen , einen Wundarzt , der neben ihm knieet und ihn verbindet , er versteht in einer kurzen Pause des Geschützdonners der Batterie Worte , die flüchtig gewechselt werden . » Es hat nicht viel auf sich , Excellenz , « sagt der Wundarzt . » Drei bis vier Stunden Ruhe werden ihm vollkommen Besinnung und Kraft zurückgeben . Der dicke Bund um den Zuaven-Fez hat die Kraft des streifenden Schusses gebrochen und die leichte Blutung thut ihm eher gut , als daß sie schadet . « » Der Fürst muß erst dieser Tage in Gefangenschaft gerathen sein und hat sich offenbar selbst ranzionirt . Aber wir haben keine Zeit , die Sache zu untersuchen , und hier kann er nicht bleiben . Diesen Dienst wenigstens sind wir seiner hochherzigen Schwester schuldig , die , seit das Mütterchen Praßkowja Iwanowna auf dem Malachof Kurgan von der Bombe zerrissen wurde , der Engel der Barmherzigkeit für unsere Brüder auf der andern Seite ist . Nehmen Sie vier Mann und lassen Sie den Verwundeten mit einer Trage zum Paulsfort bringen - dort in der Nähe des Lazareths wohnen die Geschwister , seit ihr Haus von den Kugeln zerstört . « Wieder krachten die Kanonen und verschlangen halb den Befehl - wiederum schwand das Bewußtsein des Verwundeten , der sich auf ' s Neue emporgehoben und in dem Kugelregen fortgetragen fühlt , der auf die Bastionen und die Trümmer der Stadt herunterprasselt . Die Hand des Allmächtigen schützt die Träger , schützt die Bahre ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Stunden verrinnen in dem furchtbaren Toben der Geschütze ; stürzende Mauern , berstende wankende Dächer , das Stöhnen der Verwundeten , das letzte Aechzen der Sterbenden ! Kommandorufe , die sich kaum verständlich machen können , das Rollen der Trommeln - die Hölle scheint alle Schleusen ihrer Schrecken geöffnet zu haben . Auf einem Feldbett in einem kleinen kasemattirten Gemach des Fort Paul , das mit einer anstoßenden Kammer die allgemeine Verehrung , die Iwanowna Oczakoff genießt , ihr und den Ihren eingeräumt hat , liegt der junge Verwundete , den General Semjakin von der Mastbastion hierher gesandt hat . Vor ihm knieet Nursädih , die schwarze Sclavin , beschäftigt , sein Gesicht mit stärkenden Essenzen zu reiben , während ihre Linke das Kind an ihre Brust preßt . Unfern davon - bleich , ängstlich die Wiederkehr des Bewußtseins beobachtend , steht Annuschka - die Wittwe de Sazé ' s mit dem zweiten Kinde , das Gottes Schickung am Hochzeitstage an ihr Herz gelegt . Sie zittert heftig - sie allein mit der treuen Nursädih weiß um das Geheimniß , sie hat den Verwundeten erkannt . Dumpf nur hallt der Kanonendonner in diesem geschlossenen Raum . Plötzlich schlägt der Kranke die Augen auf , seine Blicke sind klar , lebendig . Er richtet sich empor - er schaut um sich , zuerst erstaunt , bestürzt , allmälig bewußter ; er erkennt die Frauengestalt am Fuße des Lagers : » Annuschka , treue Annuschka , Du bei mir - sprich , wo bin ich , wo ist Iwanowna , meine Schwester ? « » Fürst Iwan ! Gott und die heilige Jungfrau seien gelobt , die Dich uns zurückgegeben . Du bist in Ssewastopol , Gospodin , Du warst bei den Feinden Deines Volkes und Dein Geist von der Hand des Herrn mit Schatten bedeckt . « » Ssewastopol ! - mein Gott , ja - ich erinnere mich - « er springt vom Lager empor - » der Brief - eilf Uhr - die Flucht - das weiß ich ! Alles Andere ist wirr und dunkel noch in meinem Gedächtniß ! Aber der Brief - wie viel Uhr ist es , Annuschka ? « » Zehn Uhr , Batuschka ! « » Zehn Uhr ! « Der Ruf gellt schneidend durch das Gemach . » Fort , um Gotteswillen , fort ! oder Alles ist verloren ! « Ein hastiger Blick umher zeigt ihm einige Uniform- und Waffenstücke an den Wänden ; er reißt sie herunter und ist im Nu damit bekleidet . Annuschka ringt die Hände und sucht ihn vergebens festzuhalten , alle Kraft und Besinnung ist ihm wiedergekehrt , das vergossene Blut hat wohlthätig auf ihn gewirkt . » Um des Erlösers willen , Fürst Iwan , ich lasse Dich nicht ! Die Fürstin - « » Wo ist sie ? Wo ist Wassili , Dein Bruder ? « » Heiliger Basilius - Du weißt nicht , daß er für Dich starb ? « » Nichts , Weib , ich weiß Nichts , als daß jeder Augenblick Zögerung Ssewastopol stürzt . « Er sucht hastig nach dem Brief und zieht ihn aus seiner Brust hervor . » Wo ist der Oberkommandant , weißt Du , wo der Generalstab sich befindet ? « » Auf der Sievernaja , Fürst Iwan , ist General Osten- - wo willst Du hin , Herr - Iwanowna - « » Das Vaterland vor der Schwester ! Wenn Du eine Russin bist , wenn der zehnfache Fluch aller kommenden Geschlechter von Boris nicht auf Dir ruhen soll , fliege , eile , suche den Capitain Meyendorf dort auf , gieb ihm diesen Brief , dem General selbst , wenn Du jenen nicht findest ! Schrei ' es aus durch die Gassen , jedem Offizier , dem Du begegnest , entgegen ! Die Franzosen stürmen um Mittag die Stadt , dreißigtausend Feinde stehen verborgen vor dem Malachof ! « » Allmächtiger Gott , und die Fürstin ist auf der Bastion - auf Deinem Posten , Fürst Iwan ! « » Auf meinem Posten ? - Wahnwitzige ! Ja wohl ist der meine dort , Ssewastopol zu retten ! fort mit Dir ! « Er warf ihr den Brief zu und stürzte hinaus - Annuschka ihm nach . Draußen am Eingang der Kasematten lehnten Olis und Demetri , die Letzten der sechs Brüder , zum Schutz der Frauen von der Fürstin zurückgelassen , während der Jessaul sie begleitet hatte , und die erstaunt der wohlbekannten Gestalt nachschauten , die sie fern auf den Wällen wähnten . » Ihm nach ! « befahl mit Wort und Geberden die Frau , » ihm nach , weicht nicht von seiner Seite und schützt sein Leben mit dem Euren ! « An den prächtigen , jetzt mit Trümmern und Verwundeten bedeckten Quais und Docks der Schiffer- entlang floh der junge Mann den wohlbekannten Weg nach den äußeren Bertheidigungswerken zu , gefolgt von den beiden Kosaken . Seit einer Stunde fast hat das heftige Feuer der Belagerer nachgelassen und nur in Pausen fallen die Schüsse . Die russischen Kanoniere verschnaufen schweiß- und blutbedeckt an ihren Kanonen - die Mannschaften lagern sich an den Leichen ihrer Kameraden zur augenblicklichen kurzen Ruhe ; Abtheilungen rücken zur Stadt zurück - sie Alle glauben , daß die gewöhnliche Ruhe der Mittagszeit eingetreten in dem beiderseitigen Feuer , und obschon auf die Meldung , daß feindliche Truppen die Trancheen vor dem Malachof anfüllten , einige Truppen von General Chruleff , dem Kommandeur der Karabelnaja-Seite als Reserve aufgestellt worden , hielt man doch nicht den Angriff für so nahe . Dem dahin Stürmenden , der den begegnenden Offizieren und Soldaten zuschreit , der Malachof-Kurgan sei in Gefahr , wirbelt Trommelschlag in der Nähe der Bjelostok ' schen Kirche entgegen . Das Regiment Jelets rückt in die Linie hinter der Batterie Scherwe , ein Bataillon des Jäger-Regiments Fürst Warschau , das die Nacht über in der Korniloffski-Bastion geschanzt hat , will die Pause der Kanonade benutzen und zur Stadt zurück . Offiziergruppen sind den Truppen voran - ihnen begegnet Jean - Iwan mit dem Ruf : » Zurück ! Zurück ! die Franzosen stürmen den Malachof ! « Man staunt einen Augenblick ihn an , ein Stabs-Offizier springt vor , Graf Wassilkowitsch , jetzt General-Major , der seit acht Tagen mit den Verstärkungen eingerückt , eben vom Malachof kommt . - » K tschortu , Capitain Oczakoff , wie kommen Sie hierher ? Sie haben Ihren Posten auf dem Kurgan verlassen ? Geben Sie Ihren Degen ab , Herr , Sie sind Arrestant ! « - Der junge Capitain faßt seinen Arm . » Meinen Posten ? Ich war auf dem Malachof ? ich ? ich bin so eben aus dem feindlichen Lager entflohen , die Gefahr der Festung zu verkünden ! « - » Sind Sie wahnsinnig , Herr ? « tobt boshaft der Ober-Offizier - » ich verließ Sie vor zehn Minuten auf dem Posten , den ich Ihnen zugetheilt , wie Sie mir einst den Posten auf Schloß Aju anwiesen . Antwort , Herr Capitain , wie kommen Sie hierher ? « Da kracht es und schwirrt und tobt und prasselt es durch die Luft , - eine einzige Salve aus neunhundert Feuerschlünden ! Drei steinschleudernde Fugassen entladen sich aus den kaum 30 Metres von dem Malachof noch entfernten Approchen und zermalmen die Brustwehren und Merlon ' s in dem ausspringenden Winkel der Bastion . Ein donnerndes » Vive l ' Empereur ! « jubelt durch den Geschützdonner und ein heftiges Kleingewehrfeuer von links und vorwärts zeigt den begonnenen Kampf . Durch die Vorstadt herauf kommt General Chruleff mit wenigen Adjutanten gesprengt und wirft sich vom Pferde . Meldungen jagen von allen Seiten herbei , Befehle fliegen davon . » General-Major Wassilkowitsch , nimm die Jäger Fürst-Warschau und das Brjanskische Regiment und hinauf mit ihnen zur Korniloffski-Bastion . Fürst Iwan Oczakoff , bringe Sabaschinski an der fünften Abtheilung den Befehl , der Thurm-Bastion4 zu Hilfe zu eilen . Fort mit Dir ! « Der junge Mann , erschrocken , willenlos vor dem plötzlichen Ausbruche der Gefahr , eilt , dem Befehle Folge zu leisten , davon . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Vor der bestimmten Stunde schon hat sich der Colonel Méricourt mit dem Medicin-Major Welland und dem polnischen Obersten im Hauptquartier eingefunden . Eine Wache von zwei Mann geleitet hinter ihnen den Zuaven Lebrigaud mit auf den Rücken gebundenen Händen und verlegenem trübseligem Gesicht . Die drei Männer sind ernst und gedankenvoll . Dem unangenehmen Verlust des Briefes ist am Morgen ein anderes seltsames Ereigniß gefolgt - der irre Jean ist aus der Cantine Nini ' s verschwunden , der Bursche , der sich sonst nicht ohne Begleitung fünfzig Schritt über die Baracken-Reihen des Regiment gewagt , ist nirgends zu finden und Nini untröstlich , denn die Pflicht ruft sie in die Reihen ihres Bataillons , und sie will heute durchaus nicht zurückbleiben - eine unbestimmte Ahnung treibt sie . Doctor Welland beschäftigt dies Verschwinden offenbar mehr , als der neue verdrießliche Verdacht , der auf ihm lastet . Er hat , so viel in der Eile sich thun ließ , die eifrigsten Nachfragen angestellt , ohne indeß auf eine Spur zu stoßen , außer daß unter den wenigen Sachen des Armem der russische Mantel fehlt , den er nach seinem eigenen Geständniß von dem jungen Fähnrich zurückbehalten . Zehn Mal treibt es ihn an , die seltsame Entdeckung , die ihm Fürst Iwan bei seiner Flucht zugeflüstert , den Inhalt des von Jussuf heimlich überbrachten Briefes , der ihm mit den dringendsten Worten ängstliche Sorge und Aufmerksamkeit für den Irren an ' s Herz legt , dem Colonel mitzutheilen . Zwar ahnt er nur die Hälfte des Geheimnisses , er weiß aus den Worten des Fürsten nur , daß Jean ihm nahe steht durch Bande des Blutes - er weiß zu wenig von den Geschwistern , um eine bestimmte Muthmaßung zu fassen , und seine vorsichtige Nachforschung bei Nini und ihrem Bruder ist an deren Schweigen gescheitert . Aber sein feierliches gegebenes Ehrenwort an den Fürsten bindet ihn und läßt ihn schweigen . Das Quartier des Generals , halb Zelt , halb Baracke , ist von Stabsoffizieren umgeben , Adjutanten kommen und gehen jeden Augenblick und die Pferde des Generalissimus stehen bereits gesattelt . Auf die Meldung , die der Colonel durch einen der arabischen Leibdiener Pelissier ' s hineinsendet , kommt jedoch alsbald der Befehl , in das innere Gemach zu treten . Der Colonel befiehlt Lebrigaud zu folgen , während der alte Pole zurück bleibt und sich mit den Offizieren des Generalstabs unterhält . In der Zelt-Abtheilung , die das Cabinet des Ober-Kommandirenden bildet , befindet sich , von dem zweiten Araber bedient , General Pelissier , mit dem Ankleiden beschäftigt , während General Martimprey , sein Stabschef , über einen großen Plan der Festungswerke gebengt , noch verschiedene Details mit ihm bespricht und ein Adjutant die Punkte notirt . Die Miene des Generals ist hart und finster , als er die Beiden eintreten sieht , aber offenbares und unangenehmes Erstaunen malt sich auf seinem Gesicht , als er hinter ihnen den Zuaven erblickt . Er tritt sogleich hastig auf sie zu . - » Was soll die Freiheit heißen , Colonel Méricourt , die Sie sich herausnehmen , diesen Burschen in mein Gemach zu bringen , während ich nur Sie und diesen Herrn da hierher befohlen habe ? « » Euer Excellenz wollen den Drang des Augenblicks entschuldigen , « erwidert ruhig der Vicomte , » ich wäre auch ohne den eingegangenen Befehl genöthigt gewesen , mich Ihnen vorzustellen . Dieser Mann hat sich diese Nacht im Trunk gerühmt , das Seil des unterseeischen Telegraphen bei Kamiesch durchschnitten zu haben . « » Da hätten wir ja den Thäter , « sagt General Martimprey . » So eben ist die Meldung von dem Unheil eingegangen , das der Bursche angestiftet . « » Zum Teufel mit dem Telegraphen ! « herrscht unwillig der General . » Die Anzeige hätte Zeit gehabt bis morgen , oder an den General der Brigade geschehen müssen . « » Euer Excellenz entschuldigen , ich hielt ihn hierher zu führen für meine Pflicht . Der Kerl hat anzudeuten gewagt , daß er den Telegraphen auf Euer Excellenz Befehl zerstört hat . « Das Gesicht des Ober-Feldherrn färbt sich dunkelroth bis unter die weißen Haare . Ein wüthender Fluch entschlüpft seinen Lippen , auf welche tief sich die Zähne pressen , sein funkelndes Auge fährt zornig bald auf den Colonel , bald auf den Zuaven . » Maudit soit le butoir ! Das hast Du gewagt , Schurke ? « Lebrigaud blickt halb trotzig , halb furchtsam auf . - » Gesagt kann ich ' s wohl haben , wenn ' s der Colonel einmal behauptet , « murrt er , » aber das ist kein Beweis , daß es wahr sein muß ! Ich weiß keine Sylbe davon und war betrunken . « General Pelissier