, Ihren Namen - Wie geht es der Mutter ? Sie kränkelt ... Siegbert begriff nicht , wie ihm wurde , als er Ackermann in ' s Auge sah . Es stiegen ihm Empfindungen auf , denen er keinen Namen geben konnte . Ganz verloren in die Züge Ackermann ' s und Selma ' s hörte er nicht , daß man ihn um Auskunft über den Stand seines Prozesses bat . Erst Frau von Zeisel mußte ihn erinnern , daß man mit ihm sprach . Er sagte nun : In erster Instanz hat mein Bruder , der diese Angelegenheit mit Eifer verfolgt , unsre Ansprüche , von denen er so fest überzeugt ist , nicht behaupten können . Wir haben verloren . Jetzt ist der Bruder in Angerode , wo wir schon einmal über diese alte Streitfrage Dokumente fanden . Es handelt sich um die genauere Feststellung unsres Stammbaumes . Mein Bruder schreibt mir , daß es ihm gelungen ist , Thatsachen , die ein neues Licht verbreiten , aufzufinden . Schon ist die Appellation im Gange . Wissen Sie , sagte Oleander , daß Propst Gelbsattel , dem ich die hiesige Vikarstelle verdanke , einer der heftigsten Gegner Ihrer Ansprüche ist ? Nicht blos der Propst , sagte Siegbert . Ich fürchte , daß wir alle Welt zu Gegnern haben . Diese bescheidene selbstlose Äußerung bestritt man . Drossel meinte , so müsse es mit allem Unrecht gehen , das durch Verjährung Recht geworden wäre . Er verwünschte dabei die Pfaffen , die Tyrannen , die Advokaten , die Menschenschinder , die verthierten Söldlinge , die Staatsanleihen , Alles durcheinander . Der Apotheker war sehr für den Satz : Jeder ist sich selbst der Nächste ! Frau von Zeisel bedauerte unendlich , daß es der schönen Melanie nicht mehr möglich sein würde , fast alle Tage ein andres Kleid anzuziehen , allein darum gönne sie doch Herrn Siegbert Wildungen ein Vermögen , das sicher einem Halbdutzend großer Rittergüter gleichkäme . Die Erwähnung Melanie ' s , der Übergang auf ihre Anwesenheit in Hohenberg , die Nachfrage wegen ihrer wieder abgebrochenen Verlobung mit dem Stallmeister Lasally , der hier durch sein mürrisches Benehmen Alle verletzt hatte , die lächelnden Mienen über Melanie und den Fürsten , alles Das war ein Durcheinander , das für Niemand chaotischer und unbehaglicher wurde als für Selma . Siegbert , Louis , Alle wurden ihr in diesem Augenblicke verhaßt . Es kreischte um sie her wie von Dissonanzen . Das war Alles unaufgelöst widerlich . Wahrhaft frei fühlte sie sich von einem lästigen Drucke , als man in diesem Tumult aufstand und sie sich an den Vater hängen konnte , dem sie zuflüsterte : Fort ! Fort ! Vater ! Hier ist es erstickend ! Die Brust zerspringt mir ! Ackermann küßte ihre brennende Stirn und sagte in mildem Tone : Gewöhne dich , Kind , an Rechnungen , die nicht aufgehen ! Ich fühle dir das Peinliche solcher Dinge , die du alle nur halb verstehst , wohl nach . Das Leben ist so ! Es ist aus Gegensätzen und unvermittelten Widersprüchen zusammengesetzt . Wenn man so sieht , daß Alles anders ist , als man es gern haben will , möchte man verzweifeln und in die Wildniß fliehen . Nach den gesegneten Mahlzeiten , die man nun , weingeröthet , speisenduftend , gegenseitig sich noch wünschte , wurde Kaffee gereicht und manches vertrautere Wort gesprochen . Frau von Sänger rechnete darauf , jetzt auch von dem jungen Maler einige Vortheile der Unterhaltung zu ziehen und war nicht wenig verstimmt , als dieser nur mit Louis allein zu sprechen Lust zeigte . Sie ging ohne Zwang Beiden nach und duldete nicht , daß sie sich isolirten . Zu ihrem Verdrusse hörte sie hier , daß Siegbert nicht einmal mit ihnen nach Randhartingen zurückfahren , sondern die Nacht , wie schon zwischen ihm und Louis verabredet war , auf dem Schlosse bleiben würde . Für morgen erst versprach er ihr seine Aufwartung zu machen . Himmel , sagte sie , man ist hier so verlassen von Menschen , die uns einmal über das Gewöhnliche hinwegführen , daß Sie sich nicht wundern dürfen , wenn ich Ihnen gestehe , ich dulde Ihr Hierbleiben nicht . Nein , nein ! sagte Siegbert lächelnd . Ich muß mich vor dem Reize , Sie zu erobern , bewahren . Keine Eroberung ! erwiederte die hübsche junge Frau . Nur Nächstenpflicht ! Haben Sie sich einmal verschlagen in eine Gegend , wo nur Wilde wohnen , so müssen Sie sich Denen widmen , die Sie zähmen sollen ... Siegbert konnte die pikante kleine vertrauliche Unterhaltung nicht fortsetzen , denn Ackermann , der auf ein Kanapé sich niedergelassen hatte , richtete einen so bedeutungsvollen , theilnehmenden Blick zu ihm hinüber , daß er sich losmachte und zu ihm entschlüpfte . Frau von Sänger erfuhr von Louis , daß Beide , er und Siegbert , die Absicht hätten , gemeinschaftlich nach dem Forsthause zu wandern . Das Wetter wäre schön . Gegen fünf Uhr wollten sie wieder zurück sein . Siegbert würde dann auf dem Schlosse über Nacht bleiben und am Morgen eine Gelegenheit suchen , nach Randhartingen zurückzukommen . Dies war genug , um Frau von Sänger zu bestimmen , Siegbert nachzuspringen und ihm zu sagen , daß er ihren Wagen , der in der Schloßremise stünde , hier behalten und mit ihm morgen nachkommen solle . Sie würde mit ihrem Manne in dem großen Wagen des Herrn Anverwandter fahren . Und ehe noch Siegbert ablehnen , danken konnte , war sie schon ihre langen aufgegangenen Locken schüttelnd zu den Männern hinüber , um diese Anordnung kurz- und rundweg anzuzeigen , es ihren Kutscher wissen zu lassen und sich dann die Locken vor ' m Spiegel als Scheitel zu ordnen . Siegbert erfuhr bei Ackermann , daß Selma schon zu den Kindern des Pfarrers hinüber wäre , wo sie bliebe , bis er einige Geschäfte geordnet und auch vielleicht die neue Begleiterin aus dem Forsthause in Empfang genommen hätte . Einer weitern Nachfrage über seine Beziehungen zu Siegbert ' s Eltern wich er sonderbarerweise jetzt aus . Er war einsylbig , nachdenklich geworden . Fast schien es , als bereute er die Hingebung , die er über Tisch verrathen . Siegbert fand , daß dies Antlitz , das ihn seiner männlich schönen Formen wegen so gefesselt hatte , auch den Ausdruck eines tiefen Ernstes annehmen konnte und erschrak fast vor dem Anflug von Kälte , der ihm plötzlich aus Ackermann ' s Benehmen entgegen wehte . Louis flüsterte ihm zu , sie wollten gehen und von der Gesellschaft ohne viel Aufsehens scheiden . Doch gelang ihnen dieser Rückzug nicht ganz . Die Justizdirektorin und ihr Gatte wenigstens sahen scharf genug , um sie nicht so entschlüpfen zu lassen . Louis gab das Versprechen baldigster Wiederkehr und Siegbert gelobte , so lange er in Randhartingen an Herrn Anverwandter male - und Sie sehen , fügte er auf den starken Herrn deutend , es gehört Farbe dazu - wenigstens einen Tag um den andern sich in Plessen sehen zu lassen . Für heute Abend schon zur Whistpartie wiederzukehren , mußte er ablehnen , da er sich ganz dem Wiedersehen Louis Armand ' s widmen wollte . So gelang es denn den Freunden , davon zu kommen . Wie sie allein waren , Jeder sich mit einem Paletot gegen die Novemberluft , die sich schon rauh genug ankündigte , gerüstet hatte und nun sogleich auf dem nächsten Wege dem Forsthause zuschritten , reichten sie sich nochmals die Hand , um ihre Freude über dies glückliche Zusammentreffen auszudrücken . Und die Worte entfuhren ihnen Beiden fast wie im Zusammenklang : Gott sei Dank ! Dies Diner wäre überstanden . Achtes Capitel Die beiden Gesellen Ich dachte gleich , sagte Siegbert auf der Wanderung durch das Dorf nach dem Walde zu , daß Sie noch in Plessen sind , lieber Louis ! Hier also weilte mein Bruder und erlebte Dinge , die so verhängnißvoll für uns Alle wurden ! Ist das also da das Schloß ? Bleiben Sie länger hier ! Genießen Sie die Gegend , die viele Schönheiten bietet ! Ich denke in acht bis zehn Tagen drüben fertig zu werden und lasse mich oft hier sehen . Wie lange bleiben Sie noch ? Louis gedachte des einsamen verlassenen Murray und ihrer gemeinsamen so schwierigen Forschungen . Der Blick nach dem Eckfenster that ihm um so mehr leid , als er nicht wagen konnte , Siegbert mit Murray bekannt zu machen , der Fragen und Erörterungen wegen , die davon die Folge gewesen wären . Ich denke freilich schon in einigen Tagen zurückzukehren . Was sagen Sie zu den neuesten politischen Nachrichten ? Seit wir so plötzlich auseinander kamen , hat jeder Tag eine neue Überraschung gebracht . Egon tritt wie ein Dictator auf . Wenn ich auch die Kraft liebe , so ist es doch bedenklich , daß sich nur die conservative Partei über diese Auflösung der Volksvertretung gefreut hat . Ich kann Ihnen nicht sagen , wie ich vor Begier brenne , ihn zu sehen und zu sprechen . Ich will wünschen , daß Sie ihm gelegen kommen . Als ich einen Tag nach Ihnen reiste , konnt ' ich ihn nicht sprechen . Er trägt wie ein Atlas so schwer auf seinen Schultern . Ich wünschte , er hätte unserm Abende im Rathshause beigewohnt ; ich glaube , an dieser Verwirrung der Interessen hätte ihn ein Überdruß ergriffen , wie uns . Glauben Sie ? Egon ist ein Mensch der Thatsachen . Er würde uns Ideologen nennen und unsre Chimären verspottet haben . Und doch schleicht sich die Erinnerung an jenen Abend in jede freie Lücke des Nachdenkens und füllt sie sogleich ganz . Ich denke immer daran und hefte im Geiste schon jedem Menschen , der mir gefällt , das Kreuz unsres Bundes auf die Schulter . Auch mir geht es so , sagte Siegbert überrascht von der gleichen Erfahrung . Ich riß mich von der Residenz mit einem heroischen Entschlusse los . Ich mußte es thun , aus Gründen , die ich wol verschweigen soll ... Louis bat , ohne Sorge zu sein . Und wenn er auch vor ihm Geheimnisse hätte , er wäre darum von seiner Freundschaft nicht weniger überzeugt . Ich kam nach Schönau , fuhr Siegbert fort , besuchte dort die Männer , an die mich der plötzlich so auffallend entgegenkommende Propst empfohlen hatte . Man bot mir in der That eine ansehnliche Summe für ein Frescobild in einer neu ausgebauten freundlichen Kirche und billigte meine Pläne für den zu behandelnden Gegenstand . Nachdem fing ich für die Einweihung der Kirche an , einige alte Gemälde von achtbarem Werthe wiederherzustellen und lernte in dieser Zeit manche tüchtige Persönlichkeit kennen . Sonderbar , daß ich Alle in einer gleichen Stimmung fand wie wir . Alle waren auf ' s lebhafteste an der Zeit und ihren Entwickelungen betheiligt , Wenige aber konnten sich mit dem Parteigeiste , wie er nun einmal geworden , ganz befreunden . Fast Alle warten auf einen politischen Messias , die Einen in Gestalt eines Napoleon , die Andern in Gestalt eines Washington . Ich gestehe , daß das Vertrauen auf Egon nicht gering ist . Man hat ihn schon so oft die Verachtung vor dem bisherigen Laufe der Dinge auf der Tribüne aussprechen hören , daß Jedermann glaubt , er würde einen völlig neuen Staat aufbauen . Mit Ungeduld erwartet man das Wahlgesetz , das er , wie man vermuthet , oktroyiren wird . Und doch bemitleidet man ihn , da er mit denselben Steinen , die er eben abgetragen , doch wieder wird bauen müssen . Mir nun , dem Maler , glaubt Jedermann sagen zu müssen , daß die Künste in solcher Zeit keine Freistatt mehr genössen und ergeht sich in Anklagen gegen die Welt , die unwillkürlich mir doch den Plan meines Bruders als eine große , in der Zeit schlummernde Idee darstellen . O gewiß , sagte Louis . Ich gestehe Ihnen , bin ich zerstreut durch Manches , was mir seitdem begegnete , oder ist es die Folge jenes Abends , meine Gesichtskreise haben sich erweitert . Ich fühle mich höher gestellt in dem Standpunkt , von dem aus ich die Schwierigkeiten des Augenblicks beurtheile . Und ich wiederhole Ihnen , ich habe eine Neigung , Genossen für die Ritterschaft des Geistes zu gewinnen , die unwiderstehlich ist . Das ist auch mein Fall . Und ich sollte meinen , der Drang , Proselyten zu finden , ist das beste Kennzeichen einer in uns lebendig gewordenen Wahrheit . Ich sehe , fuhr Louis fort , so viele Menschen , die außerhalb der Tagesdebatte stehen . Warum sollen sie nur stumm reflectiren ? Warum soll ihr Geist , ihre Gesinnung daliegen wie das todte Pfund in der Erde ? Sie brauchen ja nicht Hand anzulegen , irgend in den Gang der Geschichte einzugreifen ... nein ! Es genügt schon , daß Gesinnung an Gesinnung sich kette und der Geist selbst aneinander sich entzünde . Unter den Gästen , die Sie heute sahen , würd ' ich wenige für würdig halten , zu Rittern vom Geiste geschlagen zu werden , aber die , die ich meine , würde das vierblättrige Kleeblatt , das Symbol des seltenen Fundes , wohl zieren . Hat Ihnen das Symbol gefallen ? fragte Siegbert , der sich erinnerte , daß auf dem Heimwege vom Rathskeller davon gesprochen wurde . Ich dachte mir , sagte Louis , als Ihr Bruder von dem Kreuze und seinen Enden sprach , wie meine Schwester mit ihren Freundinnen spazieren ging . Man wandelt fröhlich und an der Abendsonne sich ergötzend über den grünen Wiesenplan und das Auge sucht unter den Tausend Dreiblättern nach einem Vierblatt . Man findet es , man jubelt , man ruft die Genossen . Ein Vierblatt ! Jeder will es sehen , Jeder bewundert das Spiel der Natur und Jeder wünscht Dem , der das Vierblatt gefunden , Glück ; denn ein vierblättriges Kleeblatt bedeutet Glück . Und wem möchten Sie die vier Punkte auf die Schultern drücken von Denen , die dort heute zusammengewürfelt waren ? Zuerst dem edlen Vater des schönen Mädchens - Ackermann ! Entsinn ' ich mich doch vergebens , in meiner Kindheit je von einem Manne dieses Namens gehört zu haben ! Ich fand , daß er gestern , als ich Ihrer erwähnte , mit größerer Herzlichkeit der Ihrigen gedachte , als heute , wo er sich Zwang anzulegen schien - Er wies meine Freundlichkeit eben fast zurück - Auch dafür muß er irgend einen Grund haben ; denn dies ist ein Charakter , der niemals eine Laune über sich Herr werden läßt - Entsinnen Sie sich , daß ich schon an jenem Abende äußerte , wie wenig wahren Antheil wir Brüder für unsern Prozeß voraussetzen dürfen ... Grübeln Sie darüber nicht ! Wüßte er , welche Gedanken Ihr Bruder mit dieser Erbschaft verbindet , wie groß er die an ihn gestellte Mahnung der Zeit auffaßt , wie er mit diesen Hülfsmitteln den in Trümmer zerfallnen Tempel der Menschheit wieder aufbauen will - Er würde uns Phantasten nennen ! Ihn erinnert das vierblättrige Kleeblatt vielleicht nur an die Ökonomie - Den Vater eines solchen Mädchens ? Selma ! Ein Kopf , den ich wol lieber malte , als die Stierphysiognomie drüben in Randhartingen ... Auch auf den Pfarrvikar Oleander möcht ' ich rechnen und vielleicht den Arzt Reinick , der so wenig und so milde und so klar sprach . Auch mir prägten sich in Schönau , einem kleinen aber sehr wohlhabenden Orte , viel ernste und ein inneres Leben verrathende Physiognomieen ein . Nur schade , daß man sie aus der Masse solcher Köpfe , wie jener Drossel , erst ausscheiden muß . Es ist erstaunlich , sagte Louis , daß ich einen Republikaner , wie diesen exaltirten Mann , noch vor kurzer Zeit als eine große Stütze meiner Vorstellungen über die umzuändernde Gesellschaft angesehen hätte , und doch glaub ' ich gewiß zu sein , daß man mit ihm zwar das Alte zerstören , aber Neues nicht aufbauen könnte . Er würde vor allen Dingen darnach trachten , in der allgemeinen Verwirrung erst seiner Verbindlichkeiten , von denen ich höre , daß deren viele auf ihm lasten , ledig zu werden und nachher ein ebenso gewaltsamer Despot werden , wie die Despoten waren , die er stürzte . Mein Vaterland gibt ja für diese traurige Thatsache täglich die Beweise . Die eine Partei verdrängt die andere und bedient sich , um sich zu behaupten , derselben gewaltsamen Mittel , die die frühere Partei so gehässig machte . Und Alle berufen sich , mich überglüht es vor Zorn , wenn ich daran denke , Alle berufen sich auf die Nothwendigkeit der Ordnung , die Herrschaft der Gesetze , den Zwang der Disciplin . Diese Elenden ! Nur deshalb wollen sie Gehorsam , um den Staat für sich ausbeuten zu können und Mittel zu sammeln , ihren vorauszusehenden Sturz auf die Länge minder schmerzlich zu ertragen . Bei diesen Worten lenkten Louis und Siegbert in den Wald ein und gingen denselben Weg , auf welchem im Sommer , an einem Vormittage , als das goldne Sonnenlicht durch die grünen Zweige schimmerte , vom Jägerhause zurückkehrend , durch Ackermann angeregt , Dankmar so lebhaft von der Nothwendigkeit eines Erkennungszeichens Gleichgesinnter überzeugt war und über seinen Bund der Ritter vom Geiste nachdachte . Es ging ein scharfer , kalter Wind . Das welke Laub wurde wirbelweise erfaßt und fortgeschleudert . Geknickte Zweige lagen am Wege oder hingen noch halb , oft gefährlich , an den Stämmen . Louis erzählte nochmals ausführlicher sein Vorhaben mit Franziska Heunisch , die Siegbert dem Namen nach schon kannte . Hatte er doch das ihr bestimmte Gedicht : Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! übersetzt . Er fragte Louis , ob er von ihr wie von seiner Geliebten sprechen dürfe ? Louis schüttelte den Kopf . Dies verlegene Schweigen erinnerte Siegbert so lebhaft an Das , was in seiner eignen Brust verschlossen lebte , daß er trüben Blickes über die welken Blätter hinausschaute und nach einer Weile , wie für sich selber , sagte : Die erschlossene Knospe ist das Geständniß der Liebe ! Nicht zu spät komm ' es , aber auch nicht zu früh ! Und wieder nach einer Weile sagte er : Wissen Sie , daß Helene d ' Azimont nach Italien ist ? Ich erfuhr es . Aber erstaunen werden Sie , wer sie begleitet ... Die junge Tochter der Fürstin Wäsämskoi ... Olga ... Louis schwieg . Er hatte von Egon gehört , daß Siegbert Wildungen im Hause der Schwester Helenen ' s geliebt wurde ... Was denken Sie von einer solchen Schule des jungen Mädchens ? sagte Siegbert bewegt . Ich läugne nicht , daß Olga , von den ersten Regungen ihres jungen Herzens irre geführt , mir Beweise mehr kindlicher , als denkend empfindender Liebe gegeben hat ... Die Eifersucht auf die Mutter hatte die Flamme genährt ... sagte Louis zurückhaltend . Auch Das ist der Welt bekannt ? rief Siegbert mit schmerzlicher Erregung . Alle , Alle sahen es . Nur ich Thor war verblendet und wiegte mich , dem trägen , schlummernden Goldkäfer gleich , in dem Kelche der Blumen . Wie bereu ' ich diese glücklichen Tage ! Wie viel qualvolle Stunden werden ihnen folgen ! Unerklärlich ist , wie Olga entfliehen konnte ! Doch nicht ! sagte Siegbert . Rudhard hatte mit Gewalt beschlossen , mit ihr und den andern Kindern zu reisen . Noch hör ' ich , daß ein von ihrem Vater ihr bestimmter Verlobter eingetroffen sein soll . Es blieb ihr nur die Wahl , entweder mit Rudhard zu reisen oder sich mit Otto von Dystra zu verloben . Otto von Dystra ? sagte Louis überrascht . Ein russischer Diplomat ? Aus Amerika ? Ganz recht . Ein Freund Ackermann ' s , ein Bekannter ... Fast hätte Louis Murray ' s Namen , den er doch verschweigen wollte , ausgesprochen . Wie sie Alle bestätigen werden , fuhr Siegbert fort , ein Mann , der nicht ohne Bedeutung sein soll . Ein Sonderling ! Unstät - Reisender ! Überdies häßlich ... Menschen von Geist sind nicht häßlich . Einer solchen Verbindung könnten Sie das Wort reden ? Rudhard verschwieg mir nichts von den Wunderlichkeiten dieses Mannes ; doch mußte er ihn einen Philosophen nennen und gestand mir , daß grade eine solche Natur im Stande sein würde , Olga ' s Erziehung zu vollenden . Nein ! Nein ! Abscheuliche Sklaverei ! Erziehung in der Ehe ! Philosophie , wo das Herz glücklich sein will ! Wie lob ' ich das entschlossene Mädchen , daß es den Muth hatte , zu entfliehen und das Herz zu retten , in dem Siegbert Wildungen ' s Bild lebt ! Sie brauchen fast dieselben Worte , lieber Louis , sagte Siegbert lächelnd , wie sie selbst ... Sie schreibt Ihnen ? Aus der ersten Stadt , wo sie rastete . Es sind die lyrischen Ergüsse eines schwärmerischen Mädchens , das durch die Welt reist , um sie mit ihren Idealen zu vergleichen . Ich würde diese Wendung mit Freuden verfolgen , wenn nicht auch Helene von Olga mit leidenschaftlicher Liebe angebetet würde . O nur Helene weiß zu lieben , schreibt sie mir . Helene ist die Liebe selbst . Die himmlische , die in diese abscheuliche Erde nicht paßt ! Egon ist einer von diesen herzlosen Göttern der Erde , die Menschenopfer verlangen . Er ist kein Teufel und kein überirdischer Gott , er ist nicht ganz böse und nicht ganz gut , nur er selbst ist er , der Schatten seines Schattens , das Echo seines Echos , einer der herzlosen Dämonen , die Alles wegzuspötteln , wegzulächeln wissen und an Wahrheit erst glauben , wenn einmal ein betrogenes Weib den Dolch erhebt und sie für die Lüge ihres Geistes den Stahl einer wirklichen Rache empfinden läßt ! Ums Himmelswillen , rief Louis lachend , Das ist ja ein Plagiat ! Das sind Worte , die Olga Helenen nachschreibt und Helene hat sie von der Phädra oder sonst einer wilden Heroine aus dem Théâtre Français ! Ich würde lachen , wie Sie , Louis , bemerkte Siegbert , wenn nicht diese Stylübungen eine neue Wendung erhielten durch den Trost , den Helene d ' Azimont finden wird , suchen muß . Leidenfrost schreibt mir , daß der Maler Heinrichson , Sie kennen den schönen , allen Frauen gefährlichen Mann , nach Rom ginge , wie man sagte , um sich dort mit Gräfin Helene d ' Azimont ein Zusammentreffen zu geben . Verläumdung ! rief Louis . Befürchten Sie Das nicht ! Die Gräfin war leichtsinnig , als sie keinen Mann gefunden , der der Liebe einer Frau würdig war . Sie fand aber Egon . Trotz der Schmerzen , die mit diesem ihrem Glücke andern Menschen bereitet wurden , versichre ich Sie , daß nach der Liebe eines solchen Mannes Helene nicht im Stande ist , Gefallen zu finden an einem so glatten Dandy , einer solchen geleckten Eleganz . Sie irren sich , Louis ! Heinrichson besitzt Esprit . Er weiß mit den Worten Fangball zu spielen und besitzt jene blasirte Kälte , die , mit Geist und schöner Figur verbunden , allen Weibern gefällt . Dazu ist er Maler . Ich erkenne an mir selbst , wieviel wir bei dem Glücke , das wir in der Welt machen - abscheulich ; ich spreche wie ein Don Juan - Fahren Sie fort ! Ich kenne die Maler . Ich war in Paris täglich mit ihnen in Verbindung . Ich weiß , was sie ihrer Kunst zu verdanken haben . Nun gut . Auch diesem Heinrichson fließen alle Vortheile seines Talentes zu . Dabei kann man nicht umhin , sein Talent anzuerkennen . Er führt einen geschmeidigen , anmuthigen , farbengrellen Pinsel . Es ist Lust und Leben in Dem , was er auf die Leinwand wirft . Was er auch malt , blenden , fesseln wird es immer . Befriedigen freilich kann es nur Die , die von Effekten gepackt sein wollen . Ich weiß nicht , ob Heinrichson in Rom bei den Kunstgenossen Glück machen wird . In Paris würde er ' s. Für Rom fürcht ' ich , daß man ihn oberflächlich und frivol nennt . Er wird sich aber Anerkennung verschaffen durch Witz , Satyre . Man wird Angst vor ihm haben , weil er treffende Urtheile schleudern kann . Genug , mein Freund , nehmen Sie noch ein seltnes Sprachtalent , Conversationston im Salon , vortreffliche Toilette , vornehme Empfehlungen hinzu und ich versichre Sie , er wird Helenen fesseln , für Egon entschädigen , eine Verbindung mit der Gräfin anknüpfen und Olga , dies junge , noch reine Gemüth , Olga , dieser Engel , soll jetzt schon Zeuge solcher elenden modernen Verirrungen werden , soll ... Sie sehen zu weit ! unterbrach Louis den trostbedürftigen Siegbert , der seine lebendigste Liebe für Olga nicht verbergen konnte . Ich kann nicht glauben , daß ein Weib , das einen Egon liebte und von ihm wieder geliebt wurde , so sehr das Bedürfniß eines zärtlichen Verhältnisses verrathen könnte , um diesen Tausch einzugehen . O , rief Siegbert , in mir erhebt sich Alles , Alles , um diesen Verdacht zu bekämpfen . Jede Fiber meines Herzens spricht für die Unmöglichkeit solcher Gesinnungslosigkeit des Herzens am Weibe überhaupt , und doch klingen mir die Worte im Ohre , die Dankmar einmal zu mir sprach : O Das sind die Frauen , die mit ihrem Herzen Alles möglich machen können , wie mit Handschuhen , die man wäscht , färbt , umkehrt , wie mit Polypen , die man aufschneidet , herumwendet und die dennoch leben , auch wenn der Bauch ihr Rücken , der Rücken ihr Bauch geworden ! Bitter , sehr bitter und gewiß oft wahr ! rief Louis erschreckend . Aber geben Sie diese trübe Vorstellung auf ! Hoffen Sie auf eine schönre Entwickelung des jungen Mädchens , das Ihnen so theuer ist ! Oder treten Sie mit Entschiedenheit bei der Fürstin auf ... Bei der Fürstin ? wiederholte Siegbert in einem Tone , der Louis bestimmte , fragender , als er sich sonst erlaubt hätte , auf seinen Freund zu blicken . Weshalb hab ' ich mich wol entschlossen , sagte Siegbert , das geistlose Gesicht jenes reichen Gutsbesitzers in Randhartingen zu malen ? Wissen Sie , daß ich von Schönau geflohen bin ! Die Fürstin ließ mich einen Besuch in dem kleinen Orte erwarten . Himmel ! rief Louis erschreckend . Wohl wußte sie über diesen Entschluß , fuhr Siegbert fort , den Mantel einer glaublichen Entschuldigung zu werfen . Sie sprach von einer Verwandten ihrer Mutter , die in der Nähe wohne , von Otto von Dystra ' s Verlangen , mich kennen zu lernen , doch mit den Vorwürfen , die sie mir über meine Flucht machte , verglichen , glaub ' ich fast , sie will sich selbst überzeugen , ob ich wirklich in Schönau bin oder nicht gar mit Olga und Helenen irgendwo schwärme ... So wünsch ' ich , sagte Louis lachend , sie kommt nach Schönau , findet Sie nicht und reist , wie es sich gebührt , ihrer Tochter nach Italien nach , einem Aufenthalt , an den sie nicht glauben will . Das Seltsamste , schreibt mir über diese Dinge mein Bruder Dankmar , das Seltsamste ist dabei , daß in diesen Frauenköpfen von den Lebenspflichten des Mannes so gut wie gar keine Vorstellung existirt . Der Weltbau kann in Trümmer gehen , wenn nur noch Platz zu ihrem Glücke übrig bleibt . So unersättlich sind diese Leidenschaften in der großen Welt , daß man zuletzt wirklich mit Wonne vor einem beschränkten Mädchen stehen bleibt , das noch Sternblümchen zerzupft und dabei fragt : Liebt er mich , liebt er mich nicht ? Mit diesen Worten schwenkten die beiden Freunde an der Eiche rechts zur Wiese hin , an deren Rande das Forsthaus vor ihnen lag . Es war schon dunkel geworden . Doch sah man unten kein Licht . Die Hunde bellten der Annäherung der Fremden entgegen . Heunisch wird zu Hause sein ! sagte Louis und beschleunigte die Schritte . Ich bin begierig , diese stille Liebe kennen zu lernen , sprach Siegbert erwartungsvoll und verschob seine Mittheilungen aus Dankmar ' s und Leidenfrost ' s Briefen auf den Abend , wo er mit Louis im Schlosse allein zu sein hoffte . Wir sind allein ! bestätigte Louis , nicht ohne Verlegenheit , wie er es mit Murray halten würde . Fränzchen hatte die Ankommenden trotz der Dämmerung erkannt und kam ihnen unter der Hausthür fragend entgegen . Siegbert freute sich an dem zarten , blühenden Mädchen und dem romantischen Aufenthalte . Der Wald , die Wiese , das Jägerhaus , die liebliche Bewohnerin schienen ihm zusammenzupassen wie ein Märchen von Grimm . Für ein Bild sehr romantisch , sagte Louis . In der Wirklichkeit ist es aber besser , daß Fränzchen in den Ullagrund zieht . Herr Ackermann ist einverstanden und erwartet Sie schon jetzt , schon für heute . Er ist in Plessen und nimmt Sie sogleich mit . Franziska sprach so laut ihre Freude aus , daß Heunisch , der eben mit der Pfeife aus der Hausthür trat , schon unter der Thür hörte , daß der neue Pächter eingewilligt hatte . Er dachte dabei mit Spekulation an den alten Sandrart und hatte seine vollkommenste Freude an diesem Ausgang . Jetzt aber rasch ! sagte Louis . Das Nöthigste trag ' ich selbst und das Übrige schaffen Sie nach , Herr Heunisch ! Da liegt schon vorläufig ein Bündel , warten Sie , ich lege meine Pfeife weg - Bleiben