der nach Genshagen führenden Straße . Sämtliche Geschütze des Reynierschen Korps , 60 an der Zahl , waren in die Front gezogen worden und erwiderten sofort das Feuer , das Oberst von Holtzendorff aus 64 preußisch-russischen Sechs- und Zwölfpfündern auf eine Distanz von 1800 Schritt eröffnet hatte . Zunächst schien das feindliche Feuer im Vorteil bleiben zu sollen : mehrere preußische Geschütze waren demontiert und eine zerschossene Batterie mußte zurückgenommen werden ; als aber um eben diese Zeit die schwedische reitende Batterie von Cardell in die diesseitige Geschützfront einrückte , gab Oberst von Holtzendorff Befehl , bis auf 1200 Schritt zu avancieren . Alle Batterien jagten vor und im selben Augenblicke fast , wo sich die Wirkung dieses Vorganges erkennen ließ , ließ General von Bülow die bis dahin in Deckung zurückgehaltenen Brigaden Krafft und Thümen im Sturmschritte gegen Dorf und Kirche vorbrechen . Ein erbitterter Kampf entspann sich . Das I. Bataillon Kolberg griff Groß-Beeren in der Front an , während rechts daneben Major von Gagern an der Spitze des 5. Reserveregiments auf die den Kirchhofshügel verteidigenden Sachsen eindrang und das hier stehende Regiment von Low zersprengte . 37 Neue Bataillone , die Reynier aus der hinter dem Dorfe haltenden Division Lecocq in die Front zog , stellten das Gefecht zwar wieder her , und ein Vorbrechen sächsischer Ulanen parierte sogar siegreich einen diesseitigen Reiterangriff . Aber dies war auch der letzte glückliche Moment auf gegnerischer Seite . Denn in demselben Augenblicke fast , wo sich die sächsische Kavallerie dieses Erfolges rühmen durfte , wurde die gesamte feindliche Position von zwei Seiten her umfaßt , indem die gerade jetzt den Lilobach passierende Vorhut der Borstellschen Brigade Groß-Beeren von Osten her , die Brigade Prinz von Hessen-Homburg aber die mehr nach Westen hin gelegene Hügelposition zwischen der Windmühle und dem Vorwerk Neu-Beeren erstürmte . Durch diese Bewegung von links und rechts her war die ganze in Front stehende Division Sahr abgeschnitten und hatte nur noch für ihren Rückzug zu kämpfen . Diesen bewerkstelligte sie geschickt und ging in guter Haltung , wenn auch unter erheblichen Verlusten , auf die Genshagensche Heide zurück . Hiermit war die Wiedereroberung Groß-Beerens ausgeführt . Allerdings , da von den neun Divisionen der Oudinotschen Armee nur drei wirklich engagiert gewesen waren , lag es in der Möglichkeit , unsern Erfolg wieder bestritten zu sehen , und in der Tat wurde der Versuch dazu gemacht , als bei Dunkelwerden die Spitze des noch vollkommen intakten 12. Korps in verhältnismäßiger Nähe des Schlachtfeldes erschien . Aber auch dieser Versuch , an dem sich namentlich Kavallerie beteiligte , schlug fehl , und um neun Uhr schwieg das Gefecht . 38 Unbehelligt gingen alle drei Divisionen vom Korps Reynier auf Löwenbruch und Wittstock , die Korps Bertrand und Oudinot aber auf Saalow und Trebbin zurück . Der erste Versuch Napoleons , sich Berlins zu bemächtigen , – der zweite führte zur Schlacht bei Dennewitz , – war gescheitert und hatte dem Korps Reynier , insonderheit den beiden sächsischen Divisionen , einen starken Verlust bereitet . Allein diese letztgenannten verloren 28 Offiziere und 2096 Mann an Toten , Verwundeten und Gefangenen . 14 Kanonen und 52 Munitionswagen waren außerdem eingebüßt worden . Unser Verlust bezifferte sich auf nicht mehr als elfhundert Mann , alle vom Bülowschen Korps . Auf Seite der Schweden war nur ein Offizier verwundet worden . Berlin jubelte und betätigte seinen Jubel . Elf Wagenreihen mit Brot und Tabak , mit Bier und Branntwein beladen , setzten sich nach dem Biwak von Heinersdorf hin in Bewegung . Auch von Eberswalde , Charlottenburg und Oranienburg erschienen Transporte . Der Kronprinz von Schweden erließ andern Tages aus dem Lager von Ruhlsdorf ein Bulletin , in welchem er mit nicht allzugroßer historischer Treue die Begebenheiten der letzten Tage bekannt machte . Hinsichtlich des Generals von Bülow und seines Korps hieß es wörtlich : » General von Bülow erhielt Befehl , den Feind anzugreifen . Er führte diesen Befehl mit derjenigen Entschlossenheit aus , die den geschickten General bekundet . Seine Truppen marschirten mit eben jener Ruhe , die während des siebenjährigen Krieges die Soldaten des großen Friedrich auszeichnete . « General von Bülow selbst enthielt sich begreiflicherweise jedes Hinweises auf die » Soldaten des großen Friedrich « , unterließ aber nicht , das Tatsächliche richtig zu stellen . » Ich faßte « , so heißt es in seinem Berichte an den König , » den Entschluß , den Feind anzugreifen und wurde dazu durch einen nachträglichen Befehl des Kronprinzen autorisirt . Unter Einschluß der mir zugetheilten russischen Batterien , sowie der Kosaken , haben die Truppen Ew . Majestät allein gefochten . « Im übrigen war es keine große Schlacht gewesen . Einem energischen , aber wie gewöhnlich erfolglosen Artilleriekampfe war eine Dorferstürmung gefolgt , welcher es , aller Tapferkeit unerachtet , doch insoweit an allem Heldischen gebrach , als wir den Schlüssel der Position : die Kirchhofsstellung , in erheblicher Überzahl angriffen . Es bleiben aber solche vor den Toren einer Hauptstadt geschlagenen Schlachten immer ganz besonders im Gedächtnisse der Mensch heit , einfach deshalb , weil die Zahl der durch solche Kämpfe zu direkter Dankbarkeit Verpflichteten um vieles größer ist als bei Provinzial- oder gar Auslandsschlachten . Und so kommt es denn auch , daß Großbeeren – beispielsweise weit über das im übrigen sehr verwandte Dennewitz hinaus – ein Lieblingstag in unserer berlinisch-brandenburgischen Geschichte geblieben ist , fast so beliebt und gefeiert wie Fehrbellin . Als ein gefälliges Spiel des Zufalls mag dabei noch hervorgehoben werden , daß es , wie bei Fehrbellin so auch bei Großbeeren ein Prinz von Hessen-Homburg war , der durch einen im entscheidenden Moment geschickt ausgeführten Angriff zum Siege mitwirkte . Geist von Beeren Geist von Beeren Von allen Geistern , die verneinen Ist mir der Schalk am wenigsten verhaßt . Der Groß-Beerener Kirche schräg gegenüber , an der anderen Seite der Dorfgasse , werden wir , über eine Feldsteinmauer hinweg , eines sauberen und gut erhaltenen Wohnhauses sichtbar , in dem zur Zeit der Groß-Beerener Schlacht , oder doch noch kurz vorher der » Geist von Beeren « hauste . Das klingt gespenstisch und darf so klingen , wenn zwischen Gespenstern und Kobolden irgendwelche Verwandtschaft ist . » Geist von Beeren « war ein Kobold , nebenher auch Besitzer von Groß- und Klein-Beeren und der letzte aus jenem alten Geschlecht der Beeren oder Berne , das vier Jahrhunderte lang die genannten beiden Güter innehatte . Von diesem Hans Heinrich Arnold von Beeren will ich erzählen . Ums Jahr 1785 hatte er beim Könige die Erlaubnis nachgesucht , seinem alten Namen » von Beeren « den Namen » Geist « hinzufügen zu dürfen . Die Erlaubnis war auch erteilt worden und seitdem hieß er der » Geist von Beeren « oder kürzer » der tolle Geist « . Er war ein kleiner , schmächtiger , lebhafter Mann , witzig , sarkastisch , hämisch . Zwietracht anstiften , zanken , streiten und opponieren war seine Lust . Von seinen unzähligen Schnurren , Injurien und Prozessen lebt noch einzelnes in der Erinnerung des Volkes und ich erzähle , was ich davon erfahren konnte . Die meisten dieser Geschichten setzen sich freilich bloß aus Albernheit , Übermut und Schikane zusammen , manches indes ist wirklich gut und treffend , und jedenfalls entsprach all und jedes dem nicht sehr verfeinerten Bedürfnis seiner Zeit und seiner Umgebung . Zwei Gruppen von Personen waren es besonders , mit denen der streitlustige Geist eine unausgesetzte Fehde unterhielt : seine Gutsnachbarn und die Regierungsbeamten . Unter den ersteren hatte er sich besonders den Herrn von Hake auf Genshagen zum Gegenstand nicht enden wollender Anzüglichkeiten und Verhöhnungen ausersehen . Die Korrespondenz , die er mit diesem seinem Nachbar in einem Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren geführt hat , soll ein wahrer Anekdotenschatz und für die Freunde des Hakeschen Hauses seinerzeit eine unerschöpfliche Quelle der Erheiterung gewesen sein . Leider ist diese Korrespondenz verbrannt . Zwei Geschichten indes aus der langen Reihe dieser gutsnachbarlichen Rankünen und Streitigkeiten existieren noch . Geist , im übrigen kein Freund der Jagd , ließ sich eine Jagd- und Schießhütte bauen , wenig Schritte von dem Punkte entfernt , wo seine eigene Feldmark mit der Genshagener Forst zusammenstieß . Die Front der Hütte ging auf feindliches Gebiet hinaus , und die Absicht lag klar zutage . Hier saß er halbe Nächte lang und schoß von seinem Territorium aus dem Herrn von Hake die Rehe tot – ein Wilddieb aus purer Malice . Als Hake Beschwerde führte und auf Abbrechen der Hütte antrug , antwortete Geist : Die Hütte habe keinen offensiven Charakter ; er ( Geist ) habe von Jugend auf immer rückwärts geschossen und müsse es ablehnen , in seinen alten Tagen nach einem neuen Prinzip auf Jagd zu gehen . Bei anderer Gelegenheit beschwerte sich Herr von Hake , daß er bei Passierung einer Brücke , für deren Instandhaltung Geist Sorge tragen mußte , mit seinem Justitiarius Buchholz eingebrochen sei . Geist replizierte : » über die Brüche würden täglich sechsundzwanzig seiner schwersten Ochsen getrieben , und niemals hab er gehört , daß einer derselben irgendwie Schaden genommen ; es sei mindestens eine auffallende Erscheinung , daß gerade Herr von Hake mit seinem Justitiarius durchgebrochen sei . « Herr von Hake hatte nicht Lust , den Streit ruhen zu lassen und ging an die Gerichte . Als Geist eine Vorladung empfing , ließ er den Brückensteg ohne weiteres abtragen und auf einen Holzwagen setzen und erschien nun damit vorm Kammergericht in Berlin , die Räte desselben allergehorsamst ersuchend , sich durch Okularinspektion von der Richtigkeit seiner Aussagen und der Haltbarkeit des Brückenstegs überzeugen zu wollen . Einen viel lebhafteren Groll unterhielt er gegen alles , was sich » Regierung « oder » Behörde « nannte und mit der Miene der Autorität gegen ihn auftreten wollte . Die alte Registratur des Kammergerichts , das er in seinen Eingaben gelegentlich » hochpreisliches Jammergericht « anzureden liebte , soll davon zu erzählen wissen . Seine Fehden mit dem Pupillenkollegium , dessen Namen er nicht müde ward in der wunderlichsten Weise zu kürzen oder zu verunstalten , sind teils allgemeiner bekannt geworden , teils liegen sie jenseits aller Mitteilungsmöglichkeit – wiewohl man dem humoristischen Übermut gegenüber , der sich in allen seinen Schnurren ausspricht , eigentlich jedes Anstandsbedenken aufgehen und der derben Laune sich freuen sollte . Neben dem Pupillenkollegium hatte niemand mehr als die Potsdamer Regierung unter seinen Sarkasmen zu leiden . Jede Schwäche , jedes Versehen , fand einen unerbittlichen Kritiker in ihm . Bei Abschätzung des Gutes waren Wert und Ertragsfähigkeit desselben zu hoch oder zu niedrig taxiert worden und die Regierung , den Streit endlich zu schlichten , schickte eine Untersuchungs- und Begutachtungskommission . Die Zeit , Mitte Dezember , war allerdings nicht allzu günstig gewählt , und Geist faßte nunmehr in seinem nächsten Schreiben an die Regierung alles , was er zu sagen hatte , in folgendem Reim zusammen : Gerechter Gott des Himmels und der Erden , Was soll aus Deiner heiligen Justitia werden ? Die Erde ist bedeckt mit Eis und Schnee . Da untersuchen sie die Bonité ! O weh , o weh , o weh ! – Unter den Personen , gegen die seine Spöttereien sich richteten , war unter andern auch der Reformator unserer Landwirtschaft , der berühmte Thaer . Die Prinzipien , die dieser einzuführen trachtete , hatten nicht die Zustimmung unseres Geist von Beeren , vielmehr machte letztrer seinem Unmut in einer kleinen Broschüre Luft , die den Titel führte : » Die preußische Landwirthschaft ohne Theer . « Alles lachte . Der kleine Tückebold hatte sich aber diesmal verrechnet und es erschien eine Gegenschrift unter dem Titel : » Die preußische Landwirthschaft ohne Geist . « Solchem Reparti war er nicht gewachsen und er gab die Fortsetzung des Kampfes auf . Sein bester weil treffendster Streich war vielleicht der folgende . Wir hatten ein Kienraupenjahr und die Forstheiden der Mark befanden sich in einem allertraurigsten Zustande . Die Potsdamer Regierung sah sich deshalb veranlaßt , eine Verfügung zu treffen , in der sie mitteilte , wie den Raupen am besten beizukommen und weiterer Schaden zu vermeiden sei . Die Verfügung schmeckte freilich etwas nach » grünem Tisch « und war unpraktisch . Geist antwortete wenige Tage später : » Probatum est ! Ich bin in den Wald gegangen , habe den Kienraupen das Reskript einer Königl . Regierung vorgelesen und siehe da , die Raupen haben sich sämtlich tot gelacht . « Solche Repliken gingen alsbald von Mund zu Mund und machten ihn beim Landvolk , auch wohl bei manchem Gutsbesitzer beliebt , die , um solcher Abfertigungen und Verhöhnungen willen , gern vergaßen , was sonst wohl gegen den » tollen Geist « zu sagen war . Denn der Landmann unterhält eine natürliche Feindschaft gegen den Städter , dessen überhebliches Wesen ihn verdrießt und dessen Erlassen und Gesetzen er mißtraut . » Der Städter weiß nichts vom Land « , das ist ein Satz , der sich von Vater auf Sohn vererbt . Bis in sein hohes Mannesalter blieb Geist von Beeren unverheiratet und führte ein wüstes , sittenloses Leben . Er hielt einen völligen Harem um sich her . Von seiner » Favoritin « hatte er einen Sohn , der des Vaters würdig war und zweimal das ganze Gehöft anzündete und in Asche legte . Geist von Beeren indes nahm keinen Anstoß daran , vielleicht weil er sein Abbild darin sah , und ging damit um , diesen Sohn zu adoptieren . Dazu gehörte jedoch die Einwilligung seines ( des alten Geist ) einzigen Bruders , der als General in preußischen Diensten stand und in Erscheinung und Sinnesart das volle Gegenteil unseres Helden und Kobolds war . Er kommandierte die spätern Brandenburger Kürassiere , die nach ihm damals die » von Beeren-Kürassiere « hießen . Der General verweigerte die Zustimmung . Geist von Beeren seinerseits war natürlich nicht der Mann , dergleichen ruhig hinzunehmen , und beschloß , sich zu verheiraten , lediglich seinem Bruder zum Tort . Der Harem wurde mit großen Kosten von ihm aufgelöst und gleich danach erfolgte seine Vermählung mit einem Fräulein von Eyssenhardt . Es währte jedoch nur kurze Zeit . Er starb 1812 und hinterließ eine einzige Tochter . Auch diese schied jung aus dem Leben . Das plötzliche Erlöschen der Familie , wie aller Unsegen überhaupt , der teils vor , teils nach dem Tode des alten Geist die Zugehörigen des Hauses traf , wird mit der Familiensage vom » Allerhühnchen « in Verbindung gebracht . Es ist dies die folgende . Vor mehreren hundert Jahren war eine Frau von Beeren eines Kindleins glücklich genesen . In einem großen Himmelbett , dessen Gardinen halb geöffnet waren , lag die junge Frau , neben sich die Wiege mit dem Kind , und verfolgte in träumerischem Spiel die Schatten , die in dem spärlich erleuchteten Zimmer an Wand und Decke auf- und abtanzten . Plötzlich bemerkte sie , daß es unter dem Kachelofen , der auf vier schweren Holzfüßen stand , hell wurde , und als sie sich aufrichtete , sah sie deutlich , daß ein Teil der Diele wie eine kleine Kellertür aufgehoben war . Aus der Öffnung stiegen alsbald allerhand zwergenhafte Gestalten , von denen die vordersten kleine Lichtchen trugen , während andere die Honneurs machten und die nach ihnen Kommenden willkommen hießen . Alle waren geputzt . Ehe sich die Wöchnerin von ihrem Staunen erholen konnte , ordneten sich die Kleinen zu einem Zuge und marschierten zu zwei und zwei vor das Bett der jungen Frau . Die zwei vordersten baten um die Erlaubnis , ein Familienfest feiern zu dürfen , zu dem sie sich unter dem Ofen versammelt hätten . Frau von Beeren war eine liebenswürdige Natur , ihr guter Humor gewann die Oberhand und sie nickte bejahend mit dem Kopf . Alsbald kehrten die Kleinen unter den Ofen zurück und begannen ihr Fest . Aus der Kelleröffnung wurden Tischchen heraufgebracht , andere deckten weiße Tücher darüber , Lichterchen wurden aufgestellt und ehe viele Minuten um waren , saßen die Kleinen an ihren Tischen und ließen sich ' s schmecken . Frau von Beeren konnte die Züge der einzelnen nicht unterscheiden , aber sie sah die lebhaften Bewegungen und erkannte deutlich , daß alle sehr heiter waren . Nach dem Essen wurde getanzt . Eine leise Musik , wie wenn Violinen im Traum gespielt würden , klang durch das ganze Zimmer . Als der Tanz vorüber war , ordneten sich alle wieder zu einem Zuge und erschienen abermals vor dem Bett der Wöchnerin und dankten für freundliche Aufnahme . Zugleich legten sie ein Angebinde nieder und baten die Mutter , des Geschenkes wohl acht zu haben : die Familie werde blühen , solange man das Geschenk in Ehren halte , werde aber vergehen und verderben , sobald man es mißachte . Dann kehrten sie unter den Ofen zurück , die Lichterchen erloschen und alles war wieder dunkel und still . Als Frau von Beeren , unsicher , ob sie gewacht oder geträumt habe , nach dem Angebinde sich umsah , lag es in aller Wirklichkeit auf der Wiege des Kindes . Es war eine kleine Bernsteinpuppe mit menschenähnlichem Kopf , etwa zwei Zoll lang und der untere Teil in einen Fischschwanz auslaufend . Dies Püppchen , das Leute , die zu Anfang dieses Jahrhunderts lebten , noch gesehen haben wollen , führte den Namen » Allerhühnchen « ( Alräunchen ) und galt als Talisman der Familie . Es vererbte sich von Vater auf Sohn und wurde ängstlich bewahrt und gehütet . Geist von Beeren indessen kümmerte sich wenig um das wunderliche Familienerbstück ; war er doch kein Freund von Sagen und Geschichten , von Tand und Märchenschnack , und was seiner Seele so ziemlich am meisten fehlte , war Pietät und der Sinn für das Geheimnisvolle . Allerhühnchen hatte lang im Schrank gelegen , ohne daß seiner erwähnt worden wäre . Da führte das Weihnachtsfest eine lustige Gesellschaft bei Geist von Beeren zusammen und der Zufall wollte , daß einer der Gäste vom » Allerhühnchen « sprach . » Was ist es damit ? « hieß es von allen Seiten , und kaum daß die Frage gestellt worden war , so wurd ' auch schon die Geschichte zum besten gegeben und das Allerhühnchen herbeigeholt . Geist von Beeren ließ es rundum gehen , witzelte und spöttelte und – warf es dann ins Feuer . Von dem Augenblick an brach das Unheil herein und jene Schläge kamen , deren ich teilweis schon erwähnte . Zweimal brach Feuer aus , Krieg und Mißwachs zerstörten die Ernten und rasche Todesfälle rafften die Glieder der Familie fort . Der General starb plötzlich , bald darauf die beiden Söhne desselben , endlich Geist von Beeren selbst . Die junge Witwe , welche Geist hinterließ , verlobte sich zwei Jahre später mit dem Hauptmann Willemer , 39 einem liebenswürdigen Mann , und die Hochzeit stand nahe bevor . Da geriet Willemer in Streit mit einem Kameraden , einem Herrn von Dolfs von den Gardekürassieren , und in der Heide von Wulkow kam es zum Duell . Willemer ward erschossen . Sein Grab befindet sich auf dem Kirchhofe von Groß-Beeren . Neben ihm ruht die Tochter des » tollen Geist « , die ebenfalls auf rätselhafte Weise starb . Sie war in Berlin im Pensionat und fuhr nach Groß-Beeren hinaus , um ihre Mutter zu besuchen . Als der Wagen vor dem Hause hielt , schien das Fräulein fest und ruhig zu schlafen – sie war tot . Frau von Geist verkaufte schließlich die Besitzung , aber der Unsegen dauerte fort . Nichts gedieh , nichts wollte vorwärts . Der nächste Besitzer verlor sein Vermögen , der ihm folgende führte ein wüstes , unstetes Leben und verscholl , der dritte hielt sich , aber Streit und Hader verbitterten ihm die Tage . Der Unsegen blieb ; aber es blieb auch ein Geistsches Element an dieser Stelle lebendig , ein halb rätselhaftes Verlangen , es ihm an Tollheiten nachzutun . Man kann hieran Studien machen über die Macht und die nachwirkende Kraft eines Originals . Alle Nachfolger des » tollen Geist « hatten einen Zug von ihm , der letzte Besitzer , ein Rittmeister Briesen , am meisten . Sein größter Verehrer aber und ebenso sein begeistertster Nachahmer in allen Dingen , die sich nachahmen ließen , war ein Herr von Beyer , der Groß-Beeren von 1827 bis 1837 besaß . Als eines Abglanzes ehemaliger Geistscher Herrlichkeit sei seiner am Schluß dieser Skizze gedacht . Es lag ihm daran , dem Herrenhause zu Groß-Beeren den Ruf von etwas Apartem zu erhalten , und kaum daß er von der Existenz eines in Zossen lebenden alten Mannes gehört hatte , der zur Zeit des » tollen Geist « eine Art Kammerdiener bei diesem gewesen , so ließ er sich ' s angelegen sein , den selben zu engagieren . Der alte Mann kam auch und wurde ausgefragt , wie sein Gehalt , seine Beschäftigung und vor allem seine Kleidung gewesen sei . Kniehosen , Puderperücke , Silberborten und Schuhschnallen , alles wurde genau beschafft , wie ' s in alten Zeiten gewesen war , und wenn Besuch kam , präsentierte man den Diener des tollen Geist , als ob es dieser selbst gewesen wäre . Herr von Beyer war verheiratet ; seine Ehe zeigte sich jedoch nicht glücklich und wurde getrennt . Bald nach der Trennung verließ er Groß-Beeren , bestellte vorläufig einen Verwalter und ging nach Österreich . Hier trat er als Leutnant bei den Walmoden-Kürassieren ein . Das Regiment garnisonierte damals in Ungarn und Beyer verliebte sich sofort in eine vornehme ungarische Dame . Da der Vater derselben die Partie nicht wünschte , so sah sich der Liebhaber veranlaßt , die liebeskrank werdende Dame in der Rolle eines berühmten Arztes zu besuchen . Und ihr Leiden ward auch wirklich gehoben , aber doch so , daß des Vaters » ja « schließlich nicht wohl ausbleiben konnte . Nun nahm von Beyer seinen Abschied und führte die junge Frau im Triumph nach Groß-Beeren . Wenn bis dahin alles im Stil des » tollen Geist « gewesen war , so wurde nun alles ungarisch eingerichtet und nicht nur Pferde , Tabak und Wein , auch Diener , Koch und Kammermädchen kamen aus Ungarn . Die Dorfleute sagten , ihr Herr sei ein Türke geworden . Alles ging ungarisch und die Wirtschaft polnisch dazu . 1837 verkaufte er das Gut und ging in die Welt . Seitdem ist er verschollen . In der Erinnerung der Dörfler hat er nur schwache Spuren zurückgelassen , aber das Bild des alten » Neck- und Feuerteufels « , der vor ihm da war , lebt fort von Geschlecht zu Geschlecht . Auch das Volk hat künstlerische Instinkte und unterscheidet Kopie und Original . Und wenn jung und alt abends beim Biere sitzen und von alten Zeiten plaudern , verweilen sie gern bei dem kleinen Kobold , » der keine Furcht kannte « , und erzählen sich mit immer gleichem Behagen die Schnurren und Schabernackstreiche vom tollen » Geist von Beeren « . Berlin in den Tagen der Schlacht bei Großbeeren Berlin in den Tagen der Schlacht bei Großbeeren Es war am 19. August 1813 – so entnehm ' ich alten , durch Friedrich Tietz 40 veröffentlichten Aufzeichnungen – als an den Straßenecken Berlins und zugleich auch in der Vossischen und Spenerschen Zeitung folgende Bekanntmachung erschien : » Wir eilen , die treuen Unterthanen Sr. Maj. des Königs hierdurch zu unterrichten , daß in der Nacht vom 10. zum 11. d. M. die Kriegserklärung Österreichs gegen Frankreich erfolgt und der Waffenstillstand ebenso kaiserlich russischer wie unsrerseits gekündigt worden ist . Die Zeit der Waffenruhe ist mithin überstanden und der gerechteste Krieg , der jemals geführt worden , hat wieder begonnen . Berlin , 18. August 1813 . Allerhöchstverordnetes Militär-Gouvernement für das Land zwischen der Elbe und Oder . von L ' Estocq . – Sack . « Scharenweise standen die Berliner an den Ecken , um diese Bekanntmachung zu lesen . Enthusiastisch und mit Hurra wurde sie begrüßt , aber es muß doch auch zugestanden werden , daß es nicht an Vorsichtigen , um nicht zu sagen an Ängstlichen fehlte . So wurden beispielsweise viele Frauen und Kinder , die man nach Pommern und Mecklenburg hin in Sicherheit bringen wollte , von den zurückbleibenden Hausvätern zum Frankfurter und Oranienburger Tor hinausbegleitet . Andre waren geschäftig , ihre silbernen Löffel im Garten einzugraben oder ein paar alte noch von irgendeinem Paten herstammende Schaumünzen unter der Zimmerdiele zu verstecken . Unterdessen hatten wir seltsame Hilfe gegen den Feind erhalten . Wallensteins eben damals oft von Mattausch auf der königlichen Bühne gehörte Worte : » Wir werden mit den Schweden uns verbinden , gar wackre Leute sind ' s und gute Freunde « , hatten sich als Prophezeiung erwiesen . In der Nähe von Charlottenburg standen die blonden Nordlandssöhne im Lager , zu denen alle Welt hinausging und ihnen bundesfreundlich die Hand schüttelte . Nur zu ihrem Führer , dem neuen Kronprinzen von Schweden , wollte bei den Berlinern ein rechtes Vertrauen nicht Wurzel fassen , weil man sich seiner noch zu gut als Bernadotte erinnerte , der früher kein Preußenfreund gewesen war . Außer den Schweden waren auch die Russen bei der Hand , von denen wir aber meistens nur das langspießige Volk der Kosaken zu sehen bekamen . Am 21. August gab man im königlichen Schauspielhause Kapellmeister Himmels » Fanchon « . Das Haus war voll , wie man sich denn überhaupt an allen öffentlichen Orten zusammendrängte , bloß um Neuigkeiten zu hören . Der korpulente Kapellmeister stand dirigierend an seinem Pult , und als Gern ( der Vater ) in der Rolle des Abbé das Lied » Auf alle Namenstag ' im Jahr « anzustimmen begann und zuletzt auch zu dem auf die verewigte Königin Luise bezüglichen Couplet kam , erscholl ein donnernder Jubel im ganzen Hause . Himmels rotes Angesicht glühte vor Erregung . » Tusch , Tusch ! « rief er dem Orchester zu , die Trompeten schmetterten und die Vivats wollten kein Ende nehmen . Als ich das Theater verließ , begegnete ich draußen einer ähnlichen Exaltation : Truppen marschierten dem Halleschen Tore zu , von Bürgern unter fortwährendem Hurrarufe begleitet . Am folgenden Tage wurd ' uns das unmittelbare Bevorstehen einer Schlacht so gut wie zur Gewißheit : die Truppenmärsche steigerten sich und im schwedischen Lager sah man die Vorbereitungen zum Aufbruch . Am Abend war ich , wie herkömmlich , wieder im Theater , aber ich konnte nicht recht in Stimmung kommen und noch weniger lachen , trotzdem Wurm , unser erster Komiker damals , den Rochus Pumpernickel spielte . Iffland hatte klüglich immer nur lustige Stücke aufs Repertoir gesetzt , » um die Stimmung zu paralysieren « . Recht gut erinnere ich mich noch , daß ich in der Nacht , » die der Groß-Beerener Aktion vorherging « , nur sehr wenig und sehr schlecht geschlafen habe . Schon in aller Morgenfrühe des 23. stand ich auf ; aber ein grauer Regenwolkenhimmel war nicht geeignet , eine heitere Stimmung in mir hervorzurufen . Um neun Uhr wurde mir ' s endlich » zu eng im Schloß « und ich ging die Leipziger Straße hinunter auf den Tiergarten und die Bellevuestraße zu , wo Gubitz in einer Giebelstube des Georgeschen Kaffeegartens oder » bei Georges « , wie die Berliner kurzweg sagten , eine kleine Wohnung hatte . Glücklicherweise traf ich ihn noch zu Haus und wir machten nunmehr einen langen , langen Spaziergang , der uns auf einem Umweg endlich bis unter die Linden führte . In dem Hause Nr. 46 , jetzt Viktoria-Hotel , wohnte Freund Himmel eine Treppe hoch , zwei Treppen hoch der Kammermusikus Seidler ( der spätere Gatte der berühmten Sängerin ) und in der dritten der dünne Labes , der Komiker vom Hoftheater . Einigermaßen müde , wie wir waren , beschlossen wir bei Himmel vorzusprechen und fanden ihn denn auch mit Seidler und Labes beim Rheinwein , den der lebenslustige Kapellmeister außerordentlich liebte . Himmel war wie gewöhnlich in exaltierter Stimmung , zu der der Wein das Seinige beitrug . Auch hier bildete natürlich die bevorstehende Schlacht das Thema der Unterhaltung und ehe wir ' s uns versahen , stürzte der berühmte Fanchon-Komponist ins Nebenzimmer und kehrte mit zwei Pistolen zurück . » Diese für den ersten Franzosen , der mir heut ins Zimmer tritt , und diese – für mich . « Beide waren wahrscheinlich nicht geladen , die zweite gewiß nicht . Gleichviel indes , Gubitz versicherte mit Emphase : » wir würden siegen , ja sein Glaube daran sei so fest , daß er gleich eine kleine Fest-Kantate niederschreiben wolle ; Himmel solle sie komponieren – sie könne dann am andern Tage schon im Theater gesungen werden . « Und gesagt , getan . Gubitz setzte sich sofort an den Schreibtisch und in einer halben Stunde war die kleine Dichtung fertig . Aber freilich der , der sie komponieren sollte , war nicht mehr unter den Lebenden oder doch nicht mehr unter den Zurechnungs- und Leistungsfähigen . Er schlief in einem mit einer Tüllgardine verhängten Alkoven seinen Rausch aus und zwang uns dadurch aus der » Himmlischen Wohnung « , wie seine kleine chambre garnie damals allgemein hieß , in die triviale Wirklichkeit der Straße zurückzukehren . Es mochte jetzt Mittag sein oder doch nicht viel mehr , und der Weg , den ich einschlug , führte mich am Schauspielhause vorüber . Angeklebte Zettel kündigten an : » Heute zum ersten Male wiederholt : Die deutsche Hausfrau , Drama in drei Akten von Herrn von Kotzebue . Hierauf : Das Geheimniß , Operette in einem Akt von Solié . « Einer der Bureaubeamten stand in der Türe . » Wird denn heute gespielt ? « fragte ich . » Ei , natürlich , der Herr Generaldirektor Iffland haben