- Aber auch hier beugte der besonnene Herr von Zeisel vor und bemerkte : Siebzehntens , Fräulein Ackermann - Achtzehntens - Dies Auskunftmittel war sehr fein ... Nun verstand sich von selbst , daß der achtzehnte Herr Ackermann war . Denn es war auch wirklich der Letzte . Jetzt begann die Erörterung der Weinvorräthe . Zwölf Herren , sechs Damen , sagte Frau von Zeisel , seufzend über die Nothwendigkeit , einmal so unebenbürtige Menschen , nicht die Adligen der Umgegend , bei sich zu Tisch zu sehen . Acht Flaschen auf den Tisch , liebes Kind , erörterte ihr Gemahl . Und zwei in Reserve ! bemerkte die vortreffliche Wirthin . Hier räusperte sich Herr von Zeisel und sah Pfannenstiel an , als hofft ' er von diesem Succurs . Acht auf den Tisch , fiel dieser ein , und acht unter ' n Tisch ! Macht sechszehn . Wie ich gesagt habe . Sechszehn ? rief Frau von Zeisel . Das wäre ja ein Trinkgelag ! Frau Justizdirektorin , wenn die Männer lustig werden und für meinen Schwager , der die Ehre hat , geladen zu sein und weil ' s wieder unruhig in der Hauptstadt ist - Nur wegen der Wirthschaftsräthin Pfannenstiel und Frau Justizräthin Schlurck - fiel Frau von Zeisel berichtigend ein . Dero- oder Derowegen ! Wenn Drossel auf die Politik und die neuen Wahlen und die geladenen Kanonen kommt , ladet Der zwei Flaschen mehr für sich allein . Ich will hoffen , bemerkte Frau von Zeisel , daß er uns mit seinen demokratischen Reden verschonen und sich erinnern wird , bei wem er dinirt . Es hat lange genug gedauert , bis wir uns entschlossen haben ... Den wahren Grund der Entschließung , der darin bestand , daß Emmeline und Alwine Drossel , die ältesten Mädchen vom gelben Hirsch , viel häßlicher als die jüngere Lenchen waren und nur als Folie ihrer eignen Reize gebeten wurden , verschwieg Frau von Zeisel , die sich nun erhob , um sechszehn Flaschen , theils Roth - theils Gelbsiegel , aus dem Keller zu holen . Schlurck hatte dafür gesorgt , daß sein guter Freund und seine gefällige Freundin in ihren kleinen Weinvorräthen anständig ausgestattet waren . Schlurck hatte mit Melanie gemein , daß er gern schenkte und sich von allen seinen Bekannten die Geburtstage merkte . Nach dieser wirthschaftlichen Erörterung erbat sich Pfannenstiel nur noch einige Augenblicke zu einer amtlichen Wahrnehmung . Ich habe , sagte er , Ihre gestrige Weisung , auf alle verdächtigen Personen der Umgegend zu wachen , auch dem Förster Heunisch mitgetheilt , Herr Justizdirektor . Bis jetzt ist uns nichts aufgestoßen außer den zwei Arbeitern , die vorgestern mit einem Bauerwagen hier eintrafen und in der Krone abstiegen , um bei Herrn Ackermann ' s neuen Anlagen Arbeit zu suchen . Ich fragte sie nach ihren Papieren . Sie hatten ganz schöne , neue Pässe und gaben sich der Eine für einen Schlosser , der Andre für einen Klempner an . Genauer besehen , kamen sie mir sonderbar vor . Beides alte Knaben schon . Der Eine , der Schlosser , war sicher schon an die Funfzig . Ihre Hände glatt , eher wie zum Spazierengehen als zum Arbeiten . Der alte Zeck nahm sie , weil er Arbeit vollauf hat . Heute früh aber hör ' ich , schmälte und tobte er , daß sie wenig von rechter Feuerarbeit verstehen , faul und unbeholfen sind und besser thäten , weiter zu ziehen . Da haben sie ganz volle , schwere Beutel gezogen und ihr Handgeld zurückzahlen wollen . Zeck aber hat ' s nicht nehmen wollen , sondern gesagt : Bis Samstag sollten sie ' s in allerhand kleinen Arbeiten abverdienen . Das rief er mir heute zu , als er nach dem Ullagrund ging mit seinem Jungen . Er bat mich , ein Auge auf die beiden alten Kerle zu haben . Ich ging auch zu ihnen in die Schmiede und fand , daß sie in Verlegenheit waren , als ich eintrat . Bis Sonntag , sagt ' ich ihnen , könnt ihr noch dableiben ! Dann trollt euch ! Wir gestatten hier keinen Aufenthalt ! Dazu zogen sie eine Miene , daß ich fast grimmig wurde . Heunisch rief mir einen guten Morgen zu . Er ging gerade vorüber und wollte auf ' s Schloß . So kam ich von den beiden Gaunern ab . Ich will sie scharf im Auge behalten . Thut Das ! Thut Das ! Pfannenstiel , sagte der Justizdirektor zerstreut . Gebe der Himmel , daß das heutige Diner in Ehren überstanden ist . Es ist eilf Uhr . Ich muß mich nun wol anziehen . Damit überließ Herr von Zeisel den Staat , die Wahlen , die Krisis , die öffentliche Sicherheit dem Gerichtsboten und Amtsvoigte , der in seine Thurmwohnung ging , um sich nun doch auch etwas festmäßig anzukleiden . Der Gedanke : alles Das um einen ausländischen Tischlergesellen ! ließ ihn manchmal erstaunt genug dabei den Kopf schütteln . Der Mittag kam heran und gleich nach zwölf Uhr gerieth ganz Plessen in Bewegung . Die am entferntesten wohnten , kamen früher als die näher Wohnenden . Doktor Reinick war einer der Ersten . Er besuchte einige Patienten und Genesene . Leider mußte er statt in Plessen in Randhartingen wohnen , weil der Spezereihändler und Apotheker Sonntag dort ein Gut bewirthschaftete und deshalb nicht in Plessen wohnen konnte . Auch Herr Sonntag fuhr in einem kothbespritzten Einspänner vor . Der Wirth in der Krone sah es in seinem Hofe einmal wieder recht lebendig werden . Drossel aber , der Hirschwirth , jagte mit seinem Einspänner wie im Schuß beim Kronenwirth vorbei . Seine beiden ältesten Töchter saßen neben ihm . Aber hier und da rief er , von der Krone an langsamer fahrend , diesem oder jenem bekannten Bauer zu : Neue Wahlen ! Was sagt ihr ? Neue Wahlen ! Unser Fürst ! Neue Wahlen ! Kanonen ! Wir erleben etwas ! Justus hat geschrieben . Heut ' Abend kommt mehr . Es sieht unten schlimm aus ! Schlimm ! Hurrah ! Er schickte seinen Einspänner , aus Brotneid , nicht in die Krone , sondern auf einem beschwerlichen , morastigen Wege durch den Wald in die Sägemühle . Der Sägemüller war sein Freund . Sie hatten beide das eigne Schicksal erlebt , daß vor Jahren ihre Schwestern , die den Förster Heunisch heirathen sollten , durch unglückliche Zufälle um ' s Leben kamen . Herr Rentmeister von Sänger , ein ehemaliger Offizier und alter Kamerad aus dem Husarenregimente , das nach dem Generalfeldmarschall das Fürstlich Hohenbergische hieß , fuhr mit seiner Frau Gemahlin in einem Zweispänner . Sie stiegen am Amthause aus und ließen , ein Vorrecht alter Zeiten benutzend , ihre Kalesche dem Schlosse zufahren , wo sich leere Remisen und Ställe genug fanden . Louis Armand im schwarzen Frack , ein leichtes Tuch nicht steif , sondern leicht um den Hals geschlagen , in Stiefeln , die er sich selbst geputzt hatte und unbekümmert mit schwarzen Handschuhen , begegnete dem Wagen und schloß aus seinem Aussehen auf eine gewähltere Gesellschaft . Er hatte den Vormittag mit Briefen in die Heimat , an Märtens zugebracht , auch Fränzchen ein paar freundliche Worte geschrieben , die Heunisch mitnahm , der gekommen war , nochmals den ihm immer mehr gefallenden Plan zu besprechen , daß seine Nichte zu dem Generalpächter kommen könnte ... Murray hatte ihm viel Vergnügen gewünscht und ihn getröstet , daß er sich schon zu unterhalten wissen würde ... Wer die Einsamkeit nicht liebt , hatte er gesagt , ist nur ein halber Mensch . Wer nicht einsam sein kann , ist auch nicht versöhnt mit sich . Die Verbrecher fürchten sich vor nichts so sehr als vor der Einsamkeit . Es ist ihre fürchterlichste Strafe . Dennoch muß sie , wie jede Strafe , mäßig angewandt werden . Einsamkeit soll bessern , nicht abstumpfen . Sie soll anfangs nicht gleich ganz gegeben werden , sondern nur nach und nach . Dann wird sie zu einer heilenden Strafe . Man gewinnt die Einsamkeit lieb und spricht mit ihr und versöhnt sich mit seinem Schatten . Am Eingange des Amtshauses begegnete Louis seinem entfernten Verwandten , dem Vikar Oleander und der Frau Pfarrerin . Jener kam einfach , diese mit ängstlichem , ärmlichem Putz . Sie grüßte Louis als wär ' es Egon selbst gewesen . Die Ärmste war eine durchweg eingeschüchterte Natur , lebte nur in ihren Kindern und der äußeren Sorge für ihren Gatten , der ihr auf so überraschende , seltsame Art plötzlich entschwunden war . Gewiß war es eine Frau , die in ihrer Sphäre erkannt sein wollte , um bei aller Einfachheit nicht ohne Werth zu erscheinen . Was konnte sie dafür , daß sie von einem Manne gewählt , als Gattin heimgeführt war und ihm nun nicht mehr genügte ? Unter ihren Kindern fand sie sich in ihrem ewigen Mutterrechte . Ach und im Grunde , murrte sie denn über ihr Loos ? Ließ sie es sich nicht genügen , so einfach und freudenleer es war ? Wenn eine Frau von geringen Fähigkeiten und ohne äußeres Verdienst durch den Misgriff eines Mannes zu Rechten kommt , die sie anspruchsvoll geltend zu machen sucht , so wird man dem Worte : Er hat mich doch nun einmal genommen ! wenig Überredung und Bindekraft beimessen können . Wenn aber ein so zu einer gewissen Haltung gekommenes Wesen doch wie eine niedrig wachsende Schlingpflanze nur an dem festen Stamme ihres Rechtes sich hinzieht und nur dahin sich ausdehnt , wo er ihr und ihren Kindern wärmer von der Sonne beschienen dünkt , wer möchte da nicht duldend herabblicken und dem bescheidenen Dasein jede Freude wünschen ? Zu den Gästen , die ein großes aufgeputztes Zimmer empfing , gesellten sich bald auch Ackermann und Selma . Es lag eine eigne Ironie in den Zügen des geistreichen Mannes , wie er so mit seinem lieblichen Kinde in diesen geputzten Kreis ländlicher Bedeutsamkeit eintrat . Freundlich neigte er sein Haupt mit der offnen freien Stirn nach allen Seiten und Selma bot Jedem die Hand , der ihr nahe stand , nur Louis nicht , den sie zu vermeiden schien und nur flüchtig grüßte . Oleander , der für Äußerlichkeiten sonst keinen Sinn hatte , pries ihren Anzug , zum Erstaunen der in einem blau- und rothschillernden Seidenkleide die Honneurs machenden Frau Justizdirektorin , die sein Entzücken verspottend , ihm sagte : Herr Vikar , Sie bewundern und wissen sicher nicht , worin eigentlich der wahre Reiz dieser geschmackvollen Toilette besteht ! O stellen Sie mich nicht auf die Probe ! antwortete Oleander . Ich analysire Ihnen sonst das schöne himmelblaue Kleid so , daß ich unten die Besätze abtrete . Oleander verlor sich im Anschauen . Er folgte Selma , wie sie den Damen sich näherte und deren Bekanntschaft erneuerte , mit strahlendem Blick . Louis aber benutzte den Umstand , daß man noch auf den letzten Randhartinger Wagen wartete , um Ackermann bei Seite zu nehmen . Ohnehin von allen Anwesenden mit der größten Neugier betrachtet , kam ihm die Gelegenheit , sich zurückzuziehen und den vielen Fragen auszuweichen , sehr erwünscht . Er stellte sich , da zwei Zimmer geöffnet waren , in das Nebenzimmer zu Ackermann und trug ihm sein Gesuch wegen Fränzchens vor ... Diesem kam der Antrag ganz erwünscht . Erst heute , bei den Vorbereitungen zu dieser Einladung , hätten sie ein Wesen vermißt , das seiner Tochter näher stünde als eine gewöhnliche Dienerin . Mit Freuden ! sagte er . Wenn Sie für das junge Mädchen bürgen ! Doch warum werden Sie nicht , da eine Liebe wie die des jungen Sandrart beweist , daß sie deren würdig ist ! Schon um den Alten ein wenig zu ärgern , nehmen wir das Kind . Selma trat hinzu und erfuhr , worüber es sich hier handelte . Nun , sagte sie , da ist ja all ' mein Wünschen heute erfüllt ! Wie sehr hab ' ich mich der Rücksichten , ein Mädchen zu sein , entwöhnt ! Wie verlassen bin ich , wenn ich einmal glänzen und den Menschen gefallen will ! Sie küßte den Vater . Die kastanienbraunen sich ringelnden Haare hingen auf den Nacken herab und das Auge , das sich emporrichten mußte , bekam dadurch einen Aufschlag von durchdringender Kraft und schwärmerischer Milde . Darüber sind wir nun einig ! sagte Ackermann . Die Gründe , warum Sie sie vom Forsthause entfernen wollen , erzählen Sie mir ein andermal . Wenn sie ein leichtes Gepäck hat und bis fünf Uhr etwa zur Hand ist , bis wohin ich hier mancherlei Geschäfte abzumachen habe und Selma bis dahin bei der Pfarrerin bleibt , nehmen wir diese Pflegebefohlne sogleich heute mit uns . Indem rasselte endlich der ersehnte , verspätete letzte Wagen vor . Die Justizdirektorin hatte schon vor Ungeduld und der Angst , ihre Speisen möchten verbrennen , keine zusammenhängende Antwort mehr geben können , sondern war von Gast zu Gast gewandert und hatte zu Jedem über die Unschicklichkeit der Verspätungen gesprochen . Herr von Zeisel hatte Mühe , sie nur zu beruhigen . Endlich kam ein großer Vierspänner , aus dem drei Männer stiegen . Herr Anverwandter , ein reicher Gutsbesitzer in Randhartingen , der Ortsvorstand Marx aus Schönau und ein Dritter , den Niemand kannte . Louis stand gerade im politischen Gespräch mit dem sehr lebhaften , aufgeregten Ökonomen vom gelben Hirsch , Herrn Drossel , als die Thür aufging , der starke Herr Anverwandter eintrat , nach ihm Herr Marx und der Dritte , der von allen Anwesenden wenig Notiz nahm , sondern mit scharfem Blicke sich gleich Louis hervorsuchte ... Louis wandte sich und erschrak , Siegbert Wildungen zu sehen . Die Frage : Wie ist Das möglich ! ging in der Umarmung verloren . Die Anwesenden nahmen das lebhafteste Interesse an dieser Begrüßung und waren , als sie den Namen hörten , gleich davon unterrichtet , daß auch dieser junge Maler zu dem engeren Freundeskreise des Fürsten gehörte , dieser Wildungen , der in den vielbesprochenen Johanniterprozeß verwickelt war , dessen Kunde schon überall hin gedrungen schien . Siegbert , auf dem die Blicke der Frauen mit Wohlgefallen ruhten , erzählte mit wenigen Worten , daß er in dem vier Meilen von hier gelegenen Örtchen Schönau das freundlichste Entgegenkommen gefunden hätte . Herr Marx hätte ihn aufgefordert , mit ihm nach Randhartingen zu fahren und Herrn Anverwandter zum Geschenk für seine Frau , die Herrn Anverwandter ' s Schwester wäre , zu malen . Er hätte diesen Antrag angenommen , um , flüsterte er Louis mit gedämpfterer Stimme zu , in seine Nähe zu kommen , da er vermuthet hätte , daß er sich noch auf dem Hohenberg befände . Eine weitere Auseinandersetzung war nicht möglich , da eben die Aufforderung zu Tische erfolgte . Paarweise schritt man über einen steingepflasterten Corridor nach einem sehr schön gelegenen Eckzimmer , das an freundlicheren Tagen eine herrliche Aussicht in die Ebene bieten mußte . Siegbert wurde dabei von der Justizdirektorin wie im Traum entführt , Louis wagte Niemanden die Hand zu bieten . Ackermann gab ihm seinen eigenen Arm ; denn Selma , auf die es der Vater für Louis abgesehen hatte , war schon von dem Hauptmann und Rentmeister von Sänger entführt , der trotz seiner Jahre die Frauen liebte , wie sein alter Chef , und schon die dritte Gemahlin hatte . Frau von Sänger , eine hübsche , lebhafte Blondine , schien nicht zufrieden , daß sie mit dem einfachen Doktor Reinick vorlieb nehmen mußte . Auf dem Corridor sagte Ackermann zu Louis : Wer ist der junge Mann , der mit Herrn Anverwandter kam ? Hörten Sie ihn nicht nennen ? sagte Louis . Derselbe Siegbert Wildungen , von dem Sie gestern erzählten , daß Sie ihn als Kind auf den Armen trugen . Ackermann war von dieser Mittheilung so erschüttert , daß er den Arm sinken ließ und sprachlos neben Louis in das helle heitere Eßzimmer trat . Starr blieb er hinter dem entferntesten Stuhle stehen und richtete den Blick auf Siegbert , der seinerseits auch ihn , dessen Kopf ihm so wohlgefiel , flüchtig fixirte . Frau von Zeisel duldete aber nicht , daß schon Alles Platz nahm ; denn gestern Abend schon war ihre Sorge gewesen , mit Oleander , den sie deshalb vom Whistspiele dispensirte , gründlichst zu überlegen , wie jeder Gast placirt sein sollte . Der Aktuar Weiße hatte in sauberster Canzleihandschrift alle Zettel geschrieben , die auf den etwas altmodischen Gläsern lagen und Jedes Namen in einer auf Psychologie und die Schule der Höflichkeit begründeten Ordnung möglichst orthographisch wiedergaben . Für Siegbert lag ursprünglich neben einem der Fräulein Drossel ein leerer Zettel und Frau von Zeisel hatte Herrn Ackermann neben sich trotz der Rivalität . Gleich aber wußte die kleine Frau diesen Irrthum zu eskamotiren und vertauschte die Zettel so , daß Siegbert Wildungen , der blonde Maler mit den blauen Augen , den frischen Lippen und den weißen Zähnen , die bei seinem geistreichen Lächeln so freundlich hervortraten , an ihre Seite , Ackermann aber zu den Gelben Hirschtöchtern in die Nähe des ultrademokratischen , aber wie man sagte , auch ultrafinanzzerrütteten Ökonomen Drossel kam . Endlich saß die Gesellschaft zu großer Beruhigung des Herrn von Zeisel , dem einige gelinde Schweißtropfen schon auf der Stirn standen . Er gab heute ein Diner der Herablassung , ein Diner der Rücksichten , als Stellvertreter des Fürsten , dem Freunde des Fürsten zu Ehre . Es war nur der einzige Adlige , Herr von Sänger , zugegen und auch dieser nur als fürstlicher Rentmeister . Dennoch setzte ihn selbst diese Aufgabe , wo er doch nur gnädig , nur herablassend zu sein brauchte , in Verlegenheit . Er hatte dabei den Takt , Louis Armand neben sich zur Rechten zu setzen und ihm die Unterhaltung der Frau Pfarrerin zuzuweisen . Frau von Sänger war eine sehr heitre , eine sehr kokette Frau . Sie zeichnete sich durch schöne Gesichtsfarbe aus und erweckte durch ihre Lebendigkeit eine große Vorstellung von dem ihr innewohnenden Temperament . Sie pflegte mit der Justizdirektorin in Kleidung , Lebensweise und Neigung zu wetteifern und hatte eigentlich , seitdem Frau von Zeisel Gefallen an Oleander fand , in der ganzen Gegend Niemanden ihres Attachements Würdigeren gefunden , als geradezu Selma ' s Vater , der wohl im Stande war , noch auf mittlere Frauen einen lebhaften Eindruck zu machen . Nun aber war ein junger Franzose , Louis Armand , und ein hübscher Maler , Siegbert Wildungen , in den meist philisterhaften und bequemen Kreis getreten . Da ihrem Stolze denn doch Louis ' Stand zu geringfügig erschien , so ergrimmte sie nicht wenig über ihre Rivalin , die den andern neuen Ankömmling so ohne Weiteres schon in Beschlag nahm . Ihr Gatte entfaltete inzwischen gegen Selma jene Liebenswürdigkeit der alten Herren , die in gewissen Schranken sich haltend den Frauen immer gefällt und von den jungen Männern nur zu selten zum Muster genommen wird . Frau von Zeisel hatte ein zwischen der Malerei und der Küche getheiltes Herz . Ihre Blicke schossen bald auf ihren Nachbar , bald auf die Schüsseln , die die Mägde hereintrugen . Sie erntete alle Anerkennung . Man begrüßte jede neue Speise mit einem Blicke auf die präsidirende Wirthin , die zwar die Würde des Standes im Allgemeinen vortrefflich behauptete , zuweilen aber doch , besonders wenn es sich um Ergänzung der leergewordenen Flaschen handelte , sich hinreißen ließ , Winke zu geben , ja sogar selbst einmal fast aufstand , wofür Herr von Zeisel aber den Muth hatte , sie mit einem ernsten Blicke zu bestrafen . Ackermann beobachtete voll Rührung die Freundschaftsblicke , die Siegbert und Louis zuweilen über den Tisch wechselten . Er war unstreitig der schweigsamste am Tisch . Selma plauderte mehr , als ihm lieb war . Das junge Mädchen , die Blume der Tafel und der eigentliche Mittelpunkt der Gesellschaft , schien nur zu sprechen , um eine innere Aufregung zu verbergen . Oft warf sie einen verstohlenen Blick zu Louis und einen ganz flüchtigen zu Siegbert hinüber , der seinerseits von dem Reize dieses frischen Kindes träumerisch gefesselt war . Oleander , der Vikar , stand natürlich zuerst auf und brachte einen Toast auf den Fürsten . Er nannte Egon von Hohenberg Einen , der auf der Menschheit Höhen ebenso scharfblickend empor , wie niederwärts zu schauen verstünde . Er hat , schloß er in gebundener Rede , er hat des Lebens tiefste Wurzeln aufgesucht , das innere Sein und der Erscheinung Flucht mit Denkerblick erspäht ; den Thron der Wolken fand sein Alpenstab und was ihm schon das Schicksal selber gab , er nahm es nur als seines Wanderns Lohn ! Der Beifall war einstimmig . Nur Drossel brachte sogleich , bitter genug , die neuen Wahlen und die geladenen Kanonen auf das Tapet . Es war ein Miston , den Louis und Siegbert , sich gegenseitig bedeutsam ansehend , wohl in der ganzen Dissonanz zu dem Akkord , den Oleander ' s Worte hervorgerufen hatten , fühlten . Ihre Freundschaft für Egon gab dem Rentmeister Recht , als er Drosseln drohte , den Rand zu halten . Freilich ließ der alte Herr auch sogleich eine Anzahl grimmigster Verwünschungen über die Demokratie aufprasseln , die nun endlich in dem Sohne des alten Generalfeldmarschalls ihren rechten Bändiger fände . Er richtete dabei mit einer gewissen Absichtlichkeit , die dem amerikanischgesinnten Ackermann nicht entgehen konnte , ein förmliches Pelotonfeuer gegen die Republikaner , die er mit Stumpf und Stiel ausgerottet verlangte . Auch der Apotheker Sonntag , der Aktuar Weiße und der Ortsvorstand Marx waren ganz derselben Meinung und konnten die Gefahr , die dem Staate durch seine neuen demokratischen Grundlagen drohe , nicht bedenklich genug schildern . Herr Anverwandter war zu sehr Fettmasse , um eine Meinung über das Princip der Bewegung zu haben . Herr von Zeisel lavirte . Er meinte , die Politik des Fürsten läge wohl noch nicht ganz offen da . Heut ' Abend wär ' er vorläufig auf die Zeitung gespannt ... Nicht offen ? rief Drossel . Wer mit dieser gemäßigten Kammer nicht regieren kann , wem selbst solche Moderirte , wie Justus , zu liberal sind , der kann nur mit einer Beamten - Kammer regieren oder wird als Absolutist enden , falls sich solche Komödien noch aufführen lassen . Ja , Herr , rief der Rentmeister , nach Pulver und Blei sollen Sie noch Ihre Puppen tanzen sehen ... Dabei vergoß vorläufig Herr von Sänger schon mehr von dem Rebenblute , als Frau von Zeisel lieb war . Es ist doch gut , sagte der Arzt Reinick , ein kleiner Mann von schlichtem Aussehen und verständiger Mäßigung im Ton und seiner ganzen Haltung , es ist doch gut , daß es dabei außer Todten manche Verwundete geben wird , die man durch unsre Kunst wiederherstellen kann . Man muß auch wieder an die Ärzte denken . Diese scherzhafte Wendung gefiel Siegbert , der schon in Randhartingen mit dem Doktor Reinick Bekanntschaft gemacht hatte . Drossel aber stellte gegen die Kanonen gleich auch Kanonen . Er meinte , daß Salpeter überall in der Erde läge , Blei auch und Schießen wäre jetzt ein Kinderspiel . Die gefüllten Blechbüchsen , die man Kartätschen nenne - wollte er eben sagen - Herr Drossel ! unterbrach ihn aber Frau von Zeisel . Ich bitte mir aus ! Hier werden keine Schlachten geliefert und keine Revolutionen gemacht . Essen Sie meine Cotelettes und bewundern Sie meine jungen Gemüse , die ich auch in Blechbüchsen verwahre . Man mußte über den Übergang lachen . Frau von Zeisel verrieth , daß sie nicht ohne Verstand war . Ihre eigentliche Absicht merkte aber doch nur ihr Gatte . Er sah , wie die Aufregung des Gelben Hirschwirthes , den man als Mittelpunkt der noch nicht niedergeworfenen Demokratie der ganzen Gegend schonen mußte , sich in der Entleerung der in seiner Nähe stehenden Flaschen vorzugsweise zu erkennen gab . Er rechnete , daß , wenn Das so fortginge und sich die Männer hier politische Scharmützel lieferten , mehr Blut fließen würde , als durch die Adern der disponiblen sechszehn Flaschen rann . Frau von Zeisel begann auch bereits , gewisse auf diese Beobachtung hindeutende Blicke des Herrn von Zeisel zwar mit Ingrimm , aber doch mit weltkundigem Takte zu verstehen . Glücklicherweise zeigte sich Siegbert Wildungen , der Nachbar der Wirthin , von einer mannichfach liebenswürdigen , höflichen , aufmerksamen Seite und erzählte ihr von seiner Absicht , in der That den dicken Herrn Anverwandter zu malen und sich längere Zeit in der Gegend zu halten , so viel Fesselndes , daß sie mit einem rasch verklingenden Seufzer die Kellerschlüssel wirklich hinterrücks durch den Stuhl der Bedienung zureichte und den Weinvorrath auf Gnade und Ungnade in fremde Hände gab . Man brachte einen Toast auf die Wirthin , den Wirth , die Damen , die Gäste , ja auch auf Louis Armand , den Freund und Genossen des Fürsten . Diese Aufmerksamkeit hatte Oleander gehabt , der Alles , was poetisch war , lebhaft ergriff und jenen Muth besaß , unter Schaalheit und Philisterei sich an das Bedeutendere zu halten , mocht ' es erst auch wunderlich erscheinen . Er erlebte aber damit den eigenthümlichen Fall wie Jeder , der an das Edle im Menschen glaubt , daß das Poetische immer verstanden , immer freudig aufgenommen wird , selbst unter nüchtern Scheinenden und rein materiell Gestimmten . Er sagte hier einige schöne Worte über Egon ' s allbekanntes , vergangnes Leben und Jeder verstand sie und Jeder fühlte , wie sie diesen einfachen Fremdling verklärten und hoben . Louis Armand aber , der schon längst bemerkt hatte , daß man sich des Justizdirektors wegen Zwang auferlegte , offen und frei die Verehrung vor Ackermann auszusprechen , Louis erhob sich mit raschem Entschluß , lehnte den Einfluß , den man ihm auf den Fürsten zuschrieb , bescheiden ab und sagte : Denen wollen wir Dank sagen , die dem Fürsten die Hand geboten haben , festzustehen auf dem Boden seiner Väter ! Es lebe Herr Ackermann ! Dieser Toast , so kurz , so einfach , so natürlich , drückte doch Aller Stimmung aus und die langverhaltene Empfindung machte sich in dem freudigsten Jubel Bahn , der nur noch von Drossel , der gleich hinzusetzte : Der Republikaner hoch ! unmelodisch genug überschrieen wurde . Ackermann hielt sich an den herzlichen Gruß , der ihm in den Gläsern widerklang , die Reinick , Oleander , Sonntag , Anverwandter ihm entgegenhielten und sagte , dem Justizdirektor die Hand bietend , die dieser auch gerührt ergriff und schüttelte : Lassen Sie den Frühling leben , meine Freunde ! Lassen Sie die Hoffnung leben ! Der Winter rüttelt schon an der Thür , ein schlimmer Gast , der uns noch eine lange Prüfungszeit bringen wird ! Wenn aber dann der Schnee auf diesen Höhen schmelzen wird , wenn die Lerche steigend singt , die Erde , zerschnitten vom Pfluge , Frühlingsodem ausströmen wird , dann wollen wir Alle zusammenwirken und im Glücke eines Mannes , den wir lieben , unser eignes finden . Auf treue , gute , fröhliche Nachbarschaft ! Das war wieder ein Wort , so recht alle Herzen entzündend ; denn nun bekam Jeder doch auch etwas für sich ! So sind die Menschen . Erst allenfalls Einer , dann aber auch gleich Alle . Die Gläser klangen , die Hände wurden geschüttelt . Als man dann saß und sich von den angeregten schönen Gefühlen sammelte , um wieder zur Tafelfreude zurückzukehren , kam noch ein Glas als Nachzügler zu Ackermann hinüber . Selma hielt es hin , mit schalkhaftem , lächelndem Blick . Dem Kinde glänzte eine Thräne im Auge , die der Vater durch einen Scherz nicht entfernen konnte . Auch er war gerührt und drückte die Hand der holden Tochter über den Tisch hinüber . Wie vorauszusehen war , mußte zuletzt auch der Gegenstand berührt werden , den damals alle Welt an den Namen Wildungen anknüpfte . Gleich bei Siegbert ' s Eintreten hatte man geflüstert , ob dies jener Wildungen wäre , der ... ja , ja ! hatte es geheißen und mit um so gespannterem Interesse betrachtete ihn jedes Mitglied der Tischgesellschaft . Herr von Zeisel war es , der das Eis dieser Spannung brach und mit den beziehungsreichen spürend belauschten Worten Siegberten sein Glas entgegenhielt : Zwar hat sich Vieles in unserm Hohenberg geändert ! Alte Irrthümer sind erkannt worden und neue Hülfe ist gefunden . Aber man soll Niemanden verleugnen , der uns Freund ist , wenn er auch irrte . Der Justizrath Schlurck mag der Zukunft des Fürstenthums nicht gewachsen gewesen sein . Dennoch schätz ' ich ihn als meinen Freund . Ich wünsch ' ihm die reichsten Belohnungen für seinen allbewunderten , vielgerühmten Scharfsinn . Nur in einem Gegenstande soll er unterliegen , in einem Punkte die Waffen strecken müssen , in einem eine schmähliche Niederlage erleiden - Herr Siegbert Wildungen , ich meine in Ihrem Prozeß ! Da war der Damm weggerissen . Alle Blicke , alle Fragen der Neugier hatten nun eine freie Strömung . Jeder sah nun in Siegbert Wildungen den künftigen Krösus und Louis besann sich durch die Röthe , die den Freund überflog , sogleich auf die Äußerungen , die noch vor kurzem über diesen Gegenstand Siegbert im alten Rathskeller der Residenz gethan hatte . Mit wärmerem Interesse aber , als alle Übrigen , ließen Selma und Ackermann ihre Blicke auf Siegbert ruhen und bald wußten es Alle , daß Ackermann in jüngern Jahren den Fremden wollte auf den Armen getragen haben . Wo Das ? rief Siegbert erstaunt . In Thaldüren ! Kannten Sie meinen Vater ? Vater und Mutter ! Ich entsinne mich nicht