was thu ' ich - hüten Sie sich ja , hier von Politik zu sprechen ! ... Das Spionirsystem erstreckt sich bis ins Innerste der Familien ... Was die Polizei nicht thut , thut die Loyalität von selbst ... Die Sucht nach Auszeichnungen und Anerkennungen ist so groß , daß hier Menschen auf die gemüthlichste Weise mit Ihnen scherzen können und Sie dennoch denunciren - aus » Patriotismus « ... Wer weiß , ob Sie vor mir sicher sind ! ... Benno ergriff lächelnd den Arm des Greises und drückte ihn an seine Brust ... Auf seine Aeußerung , daß denn doch wol Rom ein treuer Verbündeter des Kaiserstaats wäre , erwiderte der Chorherr : Man glaubte eine Zeit lang , daß Cardinal Ceccone seine Macht verlieren würde ... Seine Gegner im Vatican , besonders Fefelotti , schienen zu triumphiren ... Aber es scheint , er hat mit den Jesuiten ein Compromiß getroffen und hält nun wieder alle Bannstrahlen in seiner Hand ... Sein Auftreten bei uns ist bedeutungsvoll ... Alles , was man für die innere Reform unserer Kirche gehofft hatte , scheint verloren ... Die unglückselige Manie der Fürsten und Staatsmänner , nur Eine Gefahr , die der Revolution , zu sehen , macht sie wider Willen zu Beförderern des Aberglaubens und der Hierarchie ... Der Staatskanzler haßt die Jesuiten ... Aber sie nehmen seine Devise an und sagen : Nous sommes conservateurs comme vous ! ... Was will er machen ! ... Dafür , daß wir den Jesuiten Deutschland geben , erbieten sich wieder die Jesuiten , an Oesterreich Italien zu lassen ... Doch in diesen italienischen Köpfen ist es selbst unter dem Purpurhut nicht geheuer ... Benno , Ceccone ' s Stellung und die Zähmungsmittel der Jesuiten vollkommen aus seinem eigenen Dasein kennend , fragte schüchtern nach dem Cardinal und ob sein Gönner ihn gesehen hätte ... Er wagte nicht , tiefer zu dringen ... Hier noch nicht ! erwiderte der Chorherr ... Aber vor Jahren sah ich ihn in Rom ... Ich machte eine Reise dorthin zu einer Zeit , wo unser Deutschland noch erst wenig von der römischen Curie beachtet wurde ... Wie unschuldig nimmt sich auch unser deutsches Kirchlein Maria dell ' Anima in Rom aus ! ... Franzosen und Spanier haben sich da seit Jahrhunderten wahrhaft königlich zu vertreten gewußt ... Unser Kirchlein aber , das hat so etwas nur vom tyroler Geschmack und dennoch macht es den Eindruck des ehrlichsten und aufrichtigsten aller Gotteshäuser in Rom ... Auf die Phantasie wirkt ' s nit , das ist wahr ; nur ein reines Herz und rechten Drang zum Beten muß Eins mitbringen , um darin Gefallen zu finden ... Aber - ja - vom Ceccone sprach ich ... Den sah ich öfters ... Ihn und die meisten Cardinäle ... Man muß sagen , diese Monsignori sind Menschen , für die Gott ein eigenes Paradies und eine eigene Hölle muß erschaffen haben ... Sie scheinen alle noch wie aus dem Stamm des Cäsar Augustus zu sein ... Quos ego ! und das so mit einem smorzando - ganz nur so hingelächelt ... Neptun ' s Dreizack geschwungen mit weißen Ballhandschuhen - wie Sie auch immer Se . Heiligkeit sehen werden ... Sie wollen ja nach Rom ? ... Immer hat der Heilige Vater , auch wenn er die Völker segnet , weiße Handschuhe an ... Diese Cardinäle ! .. Da wird das Unmögliche möglich mit einer - kopfabschneiderischen Grazie ... Die Art , wie blos allein diese Ceremonienmeister des Himmels über die Marmorböden schreiten oder wie sie die Messe lesen , falls sie die vollständigen Weihen haben - - das » laßt « sich gar nicht beschreiben ... Benno war im steten Bangen um die endliche Erwähnung seiner Mutter ... Der Chorherr ließ in der Stadt vor dem Bankierhause Marcus Zickeles halten ... Es war die Mittags- und Börsenzeit ... Er fand niemand als einen Buchhalter , dem er seine Creditive überreichte ... Am Abend besuchte er das Kärthnerthortheater , wohin ihn der Chorherr nicht begleitete ... Von der Herzogin von Amarillas erfuhr er durch Erkundigungen in den ersten Hotels , daß sie im » Palatinus « wohnte ... Er näherte sich mit klopfendem Herzen diesem Gasthof , sah das Eingangsthor mit Dienern in prächtigen Livreen besetzt , hörte italienisch sprechen ... Von einem Mohren hieß es , er gehöre dem Principe Rucca ... Mit der sogenannten » Gemüthlichkeit « der Wiener stand die kurze Art , wie er da und dort auf seine Fragen Auskunft ertheilt bekam , nicht immer im Einklang ... Am folgenden Morgen sprach der Chorherr seine Verwunderung aus , daß noch kein Lebenszeichen von der Nuntiatur und der Staatskanzlei gekommen ... Benno erwiderte : Wie wäre denn das möglich ... Ich brachte keine Empfehlungsbriefe ... Man erwartet mich hier nur in der Herrengasse ... Wie weit ist Schloß Salem ? ... Mindestens vier Stunden ! sagte der Chorherr und lud Benno zur Besichtigung der Gemäldegalerie im Belvedere und dann zu einem Spaziergang im Prater ein ... Die Urtheile des Chorherrn über die Schätze der kaiserlichen Bildergalerie waren treffend und zeigten ein Bindeglied mehr zwischen ihm und dem Onkel Dechanten ... Wie warm und lebendig wurde er im Gegensatz zu » Maria vom Schnee « über Rafael ' s » Maria im Grünen « ! ... Wie still und ruhig das alles ist ! sagte er im Anschauen ... Die Kinder spielen noch mit dem Kreuz , das sie künftig tragen sollen ! ... Und fast hastig führte er Benno zu Carlo Dolce ' s Bild : » Die Wahrheit « - analysirte es und sah sich dann scherzend um mit den Worten : Warum ein solches Bild - noch nicht verboten ist ! ... Beim Verlassen der nur flüchtig durchwanderten Säle zeigte der Chorherr eine italienische Villa mit noch grünem Rasen ... Der Sommeraufenthalt des Staatskanzlers ! erklärte er ... Zum Prater wurde ein Fiaker genommen ... Als sie den schon völlig laublosen großen Park erreicht hatten , stiegen sie aus ... Der Chorherr rief plötzlich : Schauen Sie da ! ... Ist das nicht Ihre gestrige Dame ? ... Eine Cavalcade von Reitern sprengte durch die Alleen ... In ihrer Mitte eine Reiterin , auf deren Identität mit der gestrigen Tigerbekanntschaft der Chorherr nur der Offiziere wegen schloß , die wieder der italienischen Garde angehörten ... Sie ritten zu schnell vorüber , um sie zu erkennen ... Inzwischen gingen sie weiter ... Der Chorherr nannte den Prater öde und langweilig ... Nur die Abendsonne , sagte er , macht ihn schön ... Wenn man so hinschlendert und sein Tagewerk vollbracht hat ... Dann freilich kommt die Schönheit - wie so oft - aus unserm Gemüth ... Nach einer halben Stunde kamen sie zu dem im Prater befindlichen großen » Hamburger Berg « , dessen Schaustellungen und Sehenswürdigkeiten ... Eine große Menagerie kündigte sich durch ihre ausgehängten Bilder , Papagaien und Affen an ... Zieht Sie schon wieder so ein Spectaculum ? sagte der Chorherr fast ärgerlich , als Benno einer dicken hinter Vorhängen sitzenden Dame zunickte , die auf dem Dampfboot ihre verspäteten Käfige begleitet hatte ... Benno berichtete nur vom Dampfboot ... Da plötzlich unterbrach ihn der Chorherr und zeigte auf die in der Nähe stehenden dampfenden Rosse der vorhin gesehenen Cavalcade ... Die Italienerin wird schon wieder vor den Käfigen der wilden Thiere sein ... sagte der Chorherr und rief dann aufhorchend : Da ! ... Hören Sie ! ... Und in der That hörte man drinnen eine laute Stimme italienisch rufen ... Mitten durch das kurz ausgestoßene , fast hustende Brüllen eines gereizten Thieres vernahmen sie die Worte : Eh ! Tu ! Muove ti ! Dormi ? Non essere si pigra ! ... Diese anstachelnden Worte , so unweiblich die Situation war , die sie begleiteten , übten auf Benno sowol wie den Chorherrn den Reiz , daß sie die Hütte betraten ... In der That waren es die Italiener von gestern ... » Der weibliche Zwerg « , wie der Chorherr übertreibend sagte , stand diesmal mit der Reitgerte vor dem Käfig einer jungen Löwin und reizte sie zu einer solchen Wuth , daß warnend schon der Aufwärter herbeilief ... Benno sah voll Staunen dem wilden Spiel der Italienerin zu ... Die junge Löwin sprang bald an die Gitterstangen , bald rannte sie im Kreise und stieß Töne aus , die wie aus dem Widerhall einer mächtigen Felsenhöhle kamen ... Im schwarzen Tuchrock , mit der linken Hand die lange Schleppe haltend , stand das kleine Wesen von gestern , dessen Kopf wenig über die Stellage , auf der der Käfig ruhte , hinausragte , und schlug mit der Reitgerte bald nach links , bald nach rechts in die Stäbe hinein ... Wieder lachten die Herren und bedeuteten den Wärter , der Signora nicht ihr Vergnügen zu rauben ... Schon lauschte die geputzte » Marchand ' mod ' « , wie sie auf dem Dampfschiff geheißen hatte , eine Holländerin , an dem rothen Vorhang ... Schon wurde ein junger Mann , ihr Begleiter , von ihr angerufen , sich ins Mittel zu legen , als die Italienerin von ihrem Uebermuth plötzlich abließ ... Sie hatte Benno erblickt ... Mit kalter Ruhe stand sie noch eben vor dem Käfig und trieb ihr Spiel ... Jetzt war sie wie entwaffnet ... Ein fast rosiger Hauch der Freude überflog sie ... Mit dem Schein der mädchenhaftesten Schüchternheit senkten sich die langen blauschwarzen Augenwimpern ... Mit schneller Fassung und plötzlich ihre Stimme mildernd sagte sie zu Benno : Ecco il domatore delle bestie feroci ! ... Benno erwiderte - halb nur für sich - : Ecco la Romana ! ... Perché Romana ? fragte sie , scharf aufhorchend ... Benno hatte » Romana « betont ... Una lupa e stata la nutrice di Romolo ... sagte er , sprach aber wieder wie nur zu ihr allein ... Ohne sich von der Voraussetzung , daß auch sie von einer Wölfin könnte genährt worden sein , getroffen zu fühlen , schloß sie sich Benno an zum Weiterwandeln ... Sie gingen die Käfige entlang ... All ihre Aufmerksamkeit für die wilden Thiere war verschwunden ... Sie wollte nur Benno festhalten , nur mit dem sprechen ... Ehrerbietig grüßte sie seinen Begleiter , in dem sie am langen Oberrock den Priester erkannte ... Kennen Sie Rom ? begann sie , noch über und über erglüht ... Ich bin im Begriff , es kennen zu lernen ... sagte Benno ... Sie reisen nach Rom ? ! ... Ein Ausdruck der äußersten Freude kämpfte in ihren Mienen mit der Verlegenheit , sich in der ganzen Wirkung zu verrathen , die ihr schon seit gestern der junge anziehende Fremdling gemacht zu haben schien ... Noch würde das Gespräch in kurzen Fragen des höchsten Interesses und in ausweichenden Erwiderungen so fortgegangen sein , wenn nicht ein tragikomisches Ereigniß dazwischengetreten wäre ... Der elegante junge Mann mit den gelben Glacéhandschuhen von gestern war gleichfalls zugegen und etwas vorausgegangen ... Schon befand er sich am Ende der Breterbude , wo ein Elefant auf einer Art kleiner Bühne unter gemalten Drapperieen eingepfercht und an einem seiner mächtigen Füße festgebunden stand ... Das gewaltige Thier war vor den Zuschauern völlig frei ... Ehe sich der junge Mann seines Schicksals versah , hatte der sich schlängelnde Rüssel eine Schwenkung um ihn her gemacht und ihm in dem Augenblick , wo die Offiziere warnend Altezza ! riefen , den Hut abgenommen ... Die Altezza , demnach ein Fürst , stieß einen Schrei : Gesú Maria ! aus , taumelte zurück und sank in Ohnmacht ... Die Italienerin stand inzwischen , noch wie von Liebeswonne durchschauert ... Sie schien so abwesend , daß sie die Ursache des Rufs nicht verstand und nur den zusammenbrechenden jungen Mann sah , der noch in seinen Beinkleidern mit den Sporen obenein festhakte , an die Breterwand stürzte , die den ersten vom zweiten Platz trennte und sich wirklich die Stirn blutig schlug ... Benno sah dies kaum , als er schon hinzugesprungen war und die Altezza aufgefangen hatte ... Bei Nennung jener fürstlichen Würde befiel ihn jetzt ein Bangen ... Der Hut war vom Wärter schon wieder zurückgegeben worden ... Die Begleiter hatten sich geflüchtet ... Sie schienen über den Elefanten ebenso erschrocken wie die Altezza ... Voll Aerger über die störende Scene und im Nu ihren ganzen Gesichtsausdruck verändernd , sagte die Italienerin zu Benno ' s Begleiter : Sehen Sie da , warum man lieber die Thiere liebt , als die Menschen ! ... Aqua ! Aqua ! E una carozza ! rief sie gellend hinterher ... ... Der Fürst fing an sich zu erholen , versuchte zu lachen und erschrak wieder über seine blutigen Handschuhe ... Benno übergab ihn aus seinen Armen in die seiner Begleiter ... Er wagte nicht weiter mitzugehen , als bis an die Vorhänge ... » Altezza ! « ... Waren nicht seine Mutter und Olympia in Begleitung eines italienischen Principe Rucca angekommen , des Verlobten Olympia ' s ? ... Die Italienerin rief ergrimmt aufs neue : Non viene la carozza ? Fatte subito ! Al monte Palatino ! ... Palatino ! ... Es war gewiß ... Doch » Monte Palatino « ? ... Dann zu Benno rasch sich wendend , warf der süßeste und zärtlichste Mund von der Welt wie mit Zaubermetamorphose und fast leise ihm ins Ohr die Worte : Besuchen Sie uns - den Principe Rucca - morgen um elf Uhr ... Wie sie das gesagt , verschwand sie - voraussetzend , daß Benno nicht folgen würde . Aber in ihrem Abschiedsblick lag ein Ausdruck aller Seligkeiten der Erde und des Himmels , ja als wäre Psyche überwunden worden von Amor ... Das ist eine Eroberung ! brach der Chorherr aus , als Benno wie betäubt stehen blieb ... Und Al monte Palatino ! setzte er lachend hinzu ... Sie glaubt , der Gasthof zum » Palatinus von Ungarn « hätte seinen Namen von einem der sieben Hügel Roms ... So sehen diese Menschen überall nur sich ... Deutschland ist ihnen nichts als eine römische Vorstadt , wo zuweilen Schnee fällt ... Ich zweifle gar nicht , es ist die - Nichte des Cardinals Ceccone , eine Comtesse - Maldachini ! fiel Benno aus seiner Erstarrung kaum aufathmend ein ... Eine Verlobte des Prinzen Rucca , den Sie - aus dem Felde geschlagen haben , Bester ! Haha ! ... Sie flüsterte Ihnen ja ein Rendezvous zu ... Um elf Uhr ... Auf dem Mons Palatinus ! ... Meine Mutter - die dritte in diesem Bunde ! - riefen tausend Stimmen in Benno ' s Innern ... Mit bebendem ! Herzen und tiefbeklommenen Athems verweilte Benno noch einige Augenblicke ... Dann traten beide gleichfalls hinter den Vorhängen ins Freie und sahen , wie eben die Herren zu Pferde stiegen und ein herbeifliegender Miethwagen den Principe Rucca und die Italienerin aufnahm ... Benno ließ nur den Chorherrn reden , der von der Weichlichkeit der italienischen Aristokratie sprach , leise Andeutungen über den Cardinal gab , der einen einzigen Winter nicht ohne seine gewohnten Umgebungen zu sein vermochte , vom Prinzen Rucca erzählte , daß sein Urgroßvater ein Bäcker gewesen - in Rom wäre alles käuflich , Grafen- und Fürstenhüte - nur die Cardinalshüte stünden noch im Preise ... Der Name der Herzogin von Amarillas wurde in Pater Grödner ' s Geplauder nicht erwähnt , auch der nähere Zusammenhang Olympia ' s mit Ceccone zwar » möglicherweise « als das des Kindes zum Vater leise und ironisch angedeutet , aber ohne genauere Kenntniß des wahren Ursprungs , den Benno vollkommen wußte - wußte bis zu den Namen der Gebrüder Biancchi , deren Schwester die Mutter Olympia ' s war ... Luigi Biancchi , einer der Brüder des Napoleone und Marco Biancchi , sollte in dieser Stadt Musiklehrer sein ... Alles das war ihm durch seinen Bruder , den Präsidenten , vollständig bekannt geworden ... Auch der Chorherr nahm jetzt einen Wagen ... In dem Lärm der Stadt verhallte der empfangene Eindruck und die Benno durchzitternde Empfindung : Das Schicksal ruft dich selbst zu deiner Mutter ! .... Daß er morgen um elf Uhr im Palatinus nach - dem Befinden des Fürsten fragen würde , stand fest bei ihm ... Daheim fand er Karten von Stadtrath Schnuphase ; auch von einem Herrn Harry Zickeles , der Einladungen zurückgelassen , das Großhandlungshaus Zickeles zu jeder Abendstunde als ein offenes zu betrachten ... Es strömte dann ein anhaltender Regen ... Benno verbrachte Stunden der höchsten Aufregung auf seinem Zimmer ... Die Aufgabe , die ihm für morgen gestellt war , erforderte seine ganze Manneskraft ... Gegen Abend erst ging er aus , suchte den » Palatinus « , gerieth in die Herrengasse , wo das vom Grafen Hugo empfangene Billet nun die morgenden Palatinus-Absichten durchkreuzte und ihn zwischen Mutter und Schwester , wen er zuerst sehen sollte , wählend stellte , kam mit irrendem , hin- und hersinnendem Grübeln in die Vorstellung des » Hamlet « , erlebte , daß Olympia es war , die in der Loge des großen Kanzlers neben seiner Mutter die Gläser auf ihn gerichtet hielt , ihm durch das ganze Theater hindurch auf italienische Art mit ihrem Taschentuch ein Zeichen des Grußes gab ; erlebte , daß die Mutter das Lorgnon auf ihn richtete - - Die versagende Kraft trieb ihn aus seiner Loge - in Begleitung eines Mannes , der den Namen seiner Schwester trug ! 6. Um den Weg in seine Wohnung zu finden , konnte sich Benno keiner zuverlässigeren Hülfe bedienen , als des Herrn von Pötzl , der gleichfalls Hut und Regenschirm genommen hatte und ihm gefolgt war ... Ueber den Namen dieses Mannes hatte sich Benno beruhigen wollen ... Schon daheim , wo er so oft dem Kattendyk ' schen Hausfreund begegnete , dem alten Pfleger der Bologneserhunde , dem als Gesellschaftsheloten benutzten Spaßmacher Ignaz Pötzl , der sich darum doch einen Thaler nach dem andern in die Sparkasse trug , hatte er diesen nicht weiter nach seiner wiener Verwandtschaft gefragt , seitdem einmal dessen Antwort lautete , der Pötzls gäb ' es wie Sand am Meer und » mit einem alten Junggesellen , der einen Nothpfennig hinterließe , wäre dann auch noch alle Welt verwandt , ohne Pötzl zu heißen ... « Fühlen Sie sich jetzt besser ? hörte Benno hinter sich her reden . Die Luft wird Ihnen gutthun ... Ja , es ist ein überlebtes Gebäude ! ... Wär ' s eine Kasern ' , so wär ' sie längst umgebaut ... Benno mäßigte seinen Schritt ... Wo aber , lieber Herr , wo wohnen Sie denn ? ... Vielleicht an der Mölkerbastei ? ... Das wäre gerade auch mein Weg ... Benno wohnte an der Freyung ... Das kaum gesagt , war auch das gerade Herrn von Pötzl ' s Weg ... Der Regen hatte inzwischen nachgelassen ... Wie sich beide vor dem Gewühl der Wagen durch ein schnelles Laufmanöver über die Fahrstraße hinweg sichern wollten , rief Herr von Pötzl einen an ihnen vorüberschießenden Herrn an : Gehorsamer Diener , Herr von Zickeles ! ... Es war noch ein junger , schon mit starkem Embonpoint versehener Mann , der eben aus einem berühmten Laden mit » G ' frornem « trat und noch rasch hinüber in die Vorstellung wollte ... Eine Mittheilung über ein misrathenes neues Stück in der Vorstadt mischte sich in seinen Gegengruß und zugleich die Frage , ob doch Herr Müller noch nicht seine große Scene gehabt hätte und ebenso ein forschender Blick auf Benno - Benno , Herrn von Pötzl ' s Verlangen bemerkend , seinen Namen zu erfahren , ein Verlangen , das er hinter einer künstlichen Verlegenheit , ihn nicht vorstellen zu können , verbarg , fragte , ob Herr von Zickeles dem Hause gleiches Namens angehörte ... Er hätte eine Karte von » Harry Zickeles « gefunden ... Mein Gott ! ... brach Harry Zickeles aus , bekannte sich als Abgeber der Karte und rief : Doch nicht etwa der Herr Baron von Asselyn ? ... Benno überraschte mit der Bejahung Herrn Harry Zickeles ebenso , wie Herrn von Pötzl ... Das ist ja einzig ! rief Letzterer und hätte alle Vorübergehende über diese Spiele des Zufalls zu Zeugen anrufen mögen ... Gerade der » Herr Baron von Asselyn « war die Persönlichkeit , die » beide « » gesucht « hatten ... Herr von Pötzl demaskirte sich als Bruder des alten Komikers Ignaz Pötzl , der ihm von der Reise des Herrn » von « Schnuphase und von dem Herrn von Asselyn ausdrücklich » geschrieben hätt ' « ... Aber nein ! ... Und Sie geben mir nicht einmal die Ehre ! ... Die Freud ' und die Ueberraschung ! ... Benno hatte keine Anweisung auf die Bekanntschaft dieses so außerordentlich gefälligen Mannes erhalten ... Dennoch ließ er es nun an dem Schein einer engern Verbindung mit dem Bruder nicht fehlen ... Machte er damit doch eine offenbare Freude und bahnte vielleicht seine Forschungen an ... Die Erinnerung an den alten Thaddädlspieler zeigte das ganze » G ' müth « des Herrn von Pötzl ... Jede Nuance der Charakteristik seines Bruders unterbrach er mit einem glückseligen : » Ja ! Ja ! « ... Und als Herr von Zickeles den Witz machte : Sagens doch nicht , Herr Baron , daß er wohlauf ist ! Herr von Pötzl hört viel lieber das Gegentheil ! Er will ihn beerben ! ... erfolgte von Herrn von Pötzl nur ein einziges : » O Sie - ! « Es lagen alle Schäkereien der Welt in dem Ton ... Herr von Zickeles gab , wenn auch mit einigem Zögern , den » Hamlet « und den Applaus eines jungen Schauspielers auf , der auch an ihn empfohlen war ... Laërtes , den Herr Müller » spüllte « , hatte seine Hauptscene erst im letzten Act ... Herr von Zickeles ruhte nicht , bis der Herr Baron von Asselyn versprach , sofort , » aber auch auf der Stell ' « in den Salon seiner Aeltern mitzukommen ... Jeden Abend wären sie nach dem Theater daheim und der Herr von Asselyn wäre vollends von seiner gerade aus Paris anwesenden Schwester Bettina Fuld und von deren Begleiterin , dem Fräulein Angelika » von « Müller , aufs allerallerdringendste erwartet ... Angelika Mütter ! ... Welch ein Mollaccord ! ... Sanft und wohlthuend verbreitete er sich über Benno ' s erschrecktes Gemüth ... Er wollte folgen ... Hier war von keiner Willensfreiheit mehr die Rede ... Harry Zickeles hatte ihn schon unterm Arm ... Herr von Pötzl folgte in Verklärung ... Herr von Zickeles ließ nicht eher ab , bis sie alle drei vor dem Portal seines älterlichen Hauses standen ... Es lag jenseit des Grabens dicht in der Nähe eines großen Platzes , des » Hohen Marktes « ... Herr von Pötzl war etwas schweigsamer geworden , aber so gleichsam , als wenn der Ueberstrom der Gefühle ihm die Worte raubte ... Als Herr von Zickeles am Hause seiner Aeltern geschellt hatte , zog er die Uhr und sagte : Freilich - glauben Sie wol , Herr von Pötzl , daß der Laërtes jetzt aus Paris zurückkommen ist ? ... Ich bitt ' schön , führen Sie den Herrn Baron zu meinen Aeltern hinauf ... Ich hab ' - Der junge Mann ist mir und merkwürdigerweise auch - der Kaiserin Mutter empfohlen worden - Sehr ein hübsches Talent ! - Ich - Oder - Doch lieber - Kommen Sie , Herr von Asselyn , ich führe Sie erst selbst auf und dann spring ' ich noch ein bissel in den letzten Act ... Nun keuchte der junge dicke Mann die Treppe voran ... Das Haus war viel heller erleuchtet , als das Palais des armen Schuldners der Zickeles , des Grafen Hugo ... Auf der Mitte blieb wieder der Theaterfreund stehen , zog wieder die Uhr und schien die größte Angst zu haben , die Scene seines Günstlings , dem er , wie Herr von Pötzl elegischironisch sagte , seine gewohnte Protection durch einen stürmischen Applaus zugesagt hatte , zu versäumen ... Endlich waren alle drei im ersten Stock angelangt ... Hier klingelte Herr von Zickeles und erst , wie er sicher war , daß der öffnende Bediente den Gast direct aus seiner Hand empfing und die Anmeldung fest hatte : » Herr Baron von Asselyn ! « , bat er für eine halbe Stunde um Entschuldigung und stürzte , um im Burgtheater sein gegebenes Mäcenatenwort zu lösen , davon ... Sehr ein vortrefflicher Mensch und - Kunstkenner ! sagte Herr von Pötzl mit seiner jetzt entschiedener ausbrechenden maliciösen - Gemütlichkeit ... Dann setzte er , beim Ausziehen der Oberröcke , Benno ins Ohr flüsternd hinzu : Sie werden , wie ganz Wien weiß , hier erwartet wie der Onkel aus Amerika oder das Manna in der Wüste ! ... Gebe der Himmel , daß Ihre Mission an den Herrn Grafen von dem glänzendsten Erfolge gekrönt wird ! ... Auf Benno ' s Lippe bebte die Frage : Wie aber kommst du und die arme dann geopferte Angiolina zu einem und demselben Namen - ? ... Doch er mußte in die Salons der reichen Bankierfamilie treten ... Herr von Pötzl » führte ihn auf « unter einer Flut von gemüthvollsten Reden , in denen er alles haarklein erzählte , was sich zum Erstaunen und » wie in einem Roman « seit dem Eingang zum Burgtheater bis zum gegenwärtigen Augenblick in Herrn Baron von Asselyn ' s Leben und dem seinigen zugetragen hätte ... Die Räume waren erhellt , aber noch leer ... Nur der Herr Vater , Herr Marcus Zickeles , und die Frau Mutter und noch einige ältere Herren und Damen waren anwesend ... Sie bildeten Whistpartieen , die im vollen Gange waren , sodaß trotz der freundlichsten Bewillkommnung die noch nicht zu Ende gespielten Partieen eine ausführlichere Begrüßung unterbrachen ... Der Vater und die Mutter verwiesen ihn mit aller Freundlichkeit auf den jüngsten Sohn des Hauses , der ihm besonders von Seiten der Mutter mit hoher Genugthuung und den Worten vorgestellt wurde : Mein Sohn Percival ! ... Percival Zickeles war noch ein unreifer , etwas schüchterner Jüngling , dem , wie es schien , der erste Buchhalter beispringen mußte , um die Honneurs zu machen ... Benno war es sehr zufrieden , daß ihm selbst Herr von Pötzl , der seines » Aufgeführten « Bedeutung leise tuschelnd da und dorthin mittheilte , einige Ruhe ließ ... Was lag nicht alles centnerschwer auf seiner Brust ! ... Selbst die harmlose Erwähnung Angelika ' s , der » ewigen Verlobten « Püttmeyer ' s , weckte Erinnerungen , die ihn haltlos wie in Lüften schweben ließen ... Angelika Müller trat auch wirklich ein ... Sie , in gesellschaftlichem Putz und Staat - Sie , die alte verblühte Erzieherin - sonst in einem halben Nonnenkloster - hier in einem israelitischen Hause ... Kaum sah sie Benno , so stieß sie einen Schreck-und Jubelruf aus , der für die alte » Frau von Zickeles « im Spiele störend schien ... Sie wandte sich um und - stumm reichte Angelika jetzt Benno die Hand ... Ihr Lächeln war das alte ... Es zeigte die ganze Reihe ihrer riesigen , aber weißen , schön erhaltenen Zähne ... Eine lange Rosaschleife erstreckte sich von den mühsam zusammengelesenen blonden Haaren in den Nacken ... Sie trug ihre Arme , so mager sie waren , entblößt ... So befiehlt das Sklavenleben des Gouvernantenthums , den innern und äußern Menschen den Umständen gemäß zu metamorphosiren ... Auch den innern Menschen ! ... Es war Angelika Müller und sie war es auch nicht ... Ein Jahr in Paris und auf Reisen - und dienen , dienen müssen fremden Launen ... Da sprach sie schon von Armgart wie von einer Jugenderinnerung ... Freilich gab es in Armgart ' s Leben die allerüberraschendsten Veränderungen ... Armgart in dem ihr sonst so verhaßten England ! ... Näheres wußte sie nicht von ihr ... Nur durch Püttmeyer war die » treue Seele « im Zusammenhang mit ihrem alten Leben ... So mußte wol Benno erzählen ... Er that es voll Liebe und Güte und Schonung Püttmeyer ' s ... An diesem hielt Angelika unverbrüchlich fest ... Sie hatte in Paris für sein System gewirkt ; sie hoffte auch in Wien einige rechtgläubige Spätlinge der Naturphilosophie für die Philosophie der Kegelschnitte gewinnen zu können ... Frau von Zickeles wurde aufgeregter ... Die Gesellschaftsdame ihrer Tochter schien ihr zu sehr im Vordergrunde zu stehen ... Sie spielte zwar noch Whist , unterließ aber nicht , ihrer sich jetzt mehrenden Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit zu bezeigen ... Nach jeder Karte , die sie ausgespielt hatte , rief sie : Joseph ! Das galt dem Bedienten ... Oder : Pepi ! Das galt dem Hausmädchen ... Fräulein Müller ! Das galt der Gesellschafterin ihrer Tochter , der Frau Bettina Fuld ... Wenn sie : Percival ! ihren Jüngsten , rief , so war es ein Ton besonderer Zärtlichkeit ... Sie hatte dem » hoffnungsvollen « Knaben nach einem Lieblingsdrama der Zeit diesen Namen nachträglich statt seines ursprünglichen » Pinkus « gegeben ... Angelika Müller bekam Augenwinke , die ihr sagten , daß in den Zimmern außer dem Herrn Baron auch noch andere Herrschaften wären ... So näherte sich denn dem » Herrn Baron « wieder Herr von Pötzl , zog die Dose , offerirte und genoß die Zinsen von dem auf den Fremden bereits gewandten Kapital von Zuvorkommenheit ... Er flüsterte über den Grafen Hugo ... Den Kampf , ob er morgen den Besuch im Palatinus oder die Reise nach Schloß Salem aufgeben sollte , hatte Benno schon zu Gunsten seiner geschäftlichen Pflicht entschieden ... Auf seine Aeußerung , er würde morgen früh dem Grafen Hugo auf Schloß Salem aufwarten , unterließ Herr von Pötzl nicht , die schöne Gegend , den Charakter des Grafen zu schildern ,