« » Was gebietest Du , Capitano , daß ich thun soll ? « » Führe sie mit Dir , aber sichere ihr Leben ; - thue mit ihr , was Du willst , was sie verlangt . - Nimm ! « - Er kehrte mit festem Schritt in das zweite Gemach zurück , nahm aus dem Schrank des Briten eine Börse voll Geld und warf sie mit der leichten Seidendecke , die sein Lager bot , der Odaliske zu . Vaso reichte ihr die Hand . - » Komm ! « sagte er . » Wohin ? « » In Sali ' s Harem zurück , wenn Du willst . Du kannst es sicher betreten , denn eine Andere hat Deine Stelle auf dem Meeresgrunde eingenommen , und Dein lügnerischer Mund wird ihn leicht überreden , wenn er von Stambul zurückkehrt und Dich findet , daß Du es niemals verlassen . - Oder laß uns zusammen fliehen nach Demetri in ' s Griechenquartier und uns dort verbergen , bis wir nach unserer Heimath entweichen können . Die Panagia wird mir helfen , zu vergessen , was Du gewesen bist ! « Die alte Liebe hatte in dem schwachen , lenkbaren Herzen des jungen Mannes wieder die Oberhand gewonnen . Sie hüllte sich in die Decke und blickte auf ihn und den Capitano . - » Komm ! « » Wohin , Nausika ? « » Ich heiße Nedela und bin nicht für Dein Elend geboren . In das Harem Sali ' s ! « Caraiskakis wandte sich verächtlich ab ; er wies stumm nach dem Aufgang zur Plattform des Daches , von der man zur obern Terrasse gelangen konnte . Die abtrünnige Odaliske folgte mit festem Schritt ihrem Begleiter , um , zwischen den Mauern der Gärten niedersteigend , einen Kaïk zu suchen , der sie zurück an ' s andere Ufer führen sollte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wenige Minuten , nachdem sie verschwunden , kehrte der Baronet , von Abdallah , dem französischen Offizier und dem Kiradschia begleitet , nach dem Pavillon zurück . Zu ihrem höchsten Erstaunen fanden die beiden Ersten den Kranken bleich , aber im vollen Wiederbesitz seiner Glieder und seiner Sprache , auf dem Lager sitzen , das ihn so lange als eine lebendige Leiche getragen . » Mashallah ! Ein Wunder ist vor meinen Augen ! Gesegnet sei die Stunde Deiner Auferstehung ! « » Was ist geschehen , was hat sich ereignet ? - Sie sind genesen , mein - mein Schwager ? « Der Baronet streckte zögernd die Hand nach ihm aus . Caraiskakis ergriff sie ernst , doch freundlich , während er seine Linke dem Araber reichte . Doch der junge Mann , der sein erstes Staunen bewältigt , trat einen Schritt zurück . » Warum zögert Abdallah ben Zarujah , die Hand eines besiegten Feindes anzunehmen , nachdem er ihm hundert Wohlthaten erwiesen ? « Der junge Scheik kämpfte sichtlich mit sich selbst . » Du bist ein tapferer Christen-Aga , « sagte er dann ; » aber Dein Antlitz erinnert mich an Einen , der die blutige Rose von Skadar mir gestohlen und verschwunden ist mit ihr und Scheitan , ihrem Hunde , ohne Spur seit dem Tage , da die Christenheere vom Bjelbek nach der großen Feste der Moskows zogen . Ich muß wissen , was aus Fatinitza , der Rächerin , und dem Manne geworden ist , den ich gefangen nahm und den sie von mir forderte für das Kleinod der Zarnjah . « » Wenn Du meinen Bruder Nicolas meinst , tapferer Emir , der , wie ich vernommen , ein Türkenmädchen aus Skadar liebte , « sagte der Grieche nach einigem Sinnen , » so kann ich Dir keine Auskunft über ihn geben . Er zog nach Ssewastopol in der Zeit , die Du erwähnst , mit einem wichtigen Auftrag , aber keine Kunde ist seitdem zu mir gedrungen von ihm , trotz allen Forschens . « » Die Albanesen , die ich zurückließ , sahen ihn , das Weib und den Hund hinausfahren auf schwankem Boot in die Wüste der Gewässer . « » Dann frage Den da , « sprach finster der Grieche , indem er auf den Baronet wies ; » er erzählte ihr Schicksal in Deiner und meiner Gegenwart , ohne daß ich wußte , wen es betraf . Sie Beide , die Du suchst in Haß und Liebe , ruhen längst auf dem Felsenboden des Meeres vor Ssewastopol . Auf dem Schiff , das ihn damals trug , sah man sie versinken , das Weib , den Mann und den Hund , an dem Morgen nach dem Tage , von dem Du sprichst . « Er schwieg , - der Araber reichte ihm jetzt die Hand , dann verhüllte er das Gesicht mit dem blutigen Burnus , den er trug . Nur Paswan , der Kiradschia , hatte von den Anwesenden das Gespräch verstanden , das in türkischer Sprache geführt worden . Nach einer Weile näherte er sich mitleidig dem jungen Scheik , und versuchte seinen Arm zu entblößen , um nach der Wunde zu schauen , die ihm der Handjar des Tschokodars geschlagen . » Edward Maubridge , « fuhr der Grieche , zu diesem gewendet , mit feierlicher Stimme fort , » der allmächtige Wille Gottes hat mich zum Leben auferstehen lassen durch die Gefahr Einer , die wir Beide in Sünden kennen . Frage nicht und forsche nicht nach ihr , so wenig , wie ich fragen mag , wie sie hierher gekommen , wir haben mit Wichtigerem unsern Geist zu beschäftigen . Wir Beide haben schwer gefehlt , laß uns vergeben , um Diona ' s willen . Das Kind , das Du suchst , der Knabe meiner Schwester und der Erbe Deines Namens ist in Ssewastopol , so Gott ihn seit meiner Verwundung beschützt hat , wohl und kräftig , in der Familie des Popen Basili Polatnikow , des Kaplans des Wladimir . Ehe wir scheiden für immer , will ich ein Schreiben in Deine Hand legen , auf welches das Kind und jede Legitimation Dir ausgeliefert werden soll . Mache gut an ihm , was Du an seiner Mutter verbrochen . « » Bei der Ehre meines Namens , « sagte der Baronet mit Kraft , » es soll der einzige Zweck vom Rest meines Lebens sein . Auch mich hat die Hand Gottes schwer getroffen , und sein Auge sieht die Reue eines Mannes . Warum aber willst Du - jetzt mein Bruder - mich wieder verlassen und zu jenem unseligen Kampfe zurückkehren , der uns so Vieles geraubt hat ? « » Nicht zum Kampf - nicht in die Schlacht ! Ich bin ein Sohn des Unglücks , und habe Verderben gebracht über Alle , die ich liebte : Diona - Janos - dem deutschen Freunde , ihr , der Gefallenen und dem letzten Bruder , den ich hatte . Mein Arm ist nicht mehr gemacht für den Kampf des Kreuzes , und wenn ich diese Stätte verlasse , geht mein Weg zum Athos , zu den Klöstern meines Volkes . Auf jenen freien Felsenhöhen wird Gregor Caraiskakis sein Leben schließen im Gebet für den Sieg , den Triumph seines Vaterlandes und die Seelen Derer , die ihm vorangegangen . « Er schwieg - das Haupt in die Hand geneigt . Selbst der französische Offizier wagte es nicht , die Stille zu unterbrechen , obgleich er wenig von Dem , was um ihn her vorgegangen , begriffen . Er sah , daß von Celeste auch hier keine Spur zu finden , und das schreckliche Schicksal , dem sie im Augenblick des höchsten Uebermuths verfallen , machte ihn schaudern und einen tiefen Eindruck auf sein Gemüth . Wir wollen hinzufügen , daß am andern Morgen alle Nachforschungen der französischen Behörden natürlich keinen Erfolg hatten , und daß der Graf nach der Einnahme Sebastopols als ernster und geprüfter Mann nach Frankreich zurückkehrte , während die meisten seiner Kameraden bei der furchtbaren Orgie auf den Wällen des Malachof sielen . - Erst der Kiradschia störte nach einer Weile die Stille . Er hatte den Arm seines Lebensretters halb mit Gewalt entblößt und die Wunde untersucht , als plötzlich seine Hand zu zittern begann , und er aufmerksam , fast erschrocken in das ernste Antlitz des jungen Scheik sah . » Was ist das ? Um der gebenedeiten Mariam willen , die auch Du verehrst , Emir , was bedeutet dies Zeichen ? « Sein Finger wies auf zwei verschlungene Buchstaben , die auf der Schulter des jungen Arabers blau eingeäzt waren . » Wie kommt das Namenszeichen meines Freundes Melek Ibrahim , des Oda-Baschi der Zagrandschi ' s auf Deinen Arm ? « » Meine Mutter stach es mir ein , da ich ein Knabe war , zum Gedächtniß ihres verlorenen Bruders , der es gleichfalls auf seiner Schulter trug . « » Und Deine Mutter - sprich - woher kam sie , wie heißt sie ? « » Zuleika , Freund . Mein Vater fand sie als fünfjähriges Kind , halb todt , verschmachtet auf dem Wege der Karavane zur Kabah von Mekka . Ein hartherziger Sclavenhändler hatte die Kranke dort zurückgelassen . Mein Vater , damals ein Jüngling , wie ich , führte sie zu den Zelten unsers Stammes und nahm sie sechs Sommer später zum Weib , da sie schön geworden , wie der Duft der Blumen aus den Oasen . « » Und sie - woher kam sie , weiß sie sich Nichts aus ihrer Kindheit zu erinnern ? « » Du siehst , Freund , daß sie des Zeichens gedachte , das ihr Bruder trug . Sie wußte , daß sie über ' s Meer gekommen , und daß ihr Vater einer der tapfern Jenethtschjieri gewesen , die der Wille des Großherrn verflucht hat . Die Männer der Wüste kümmern sich nicht um den Zorn des Padischah , und da mein Vater ein Tapferer war , nahm er die Tochter eines Tapfern unter seine Frauen . « » Lebt sie noch ? « » Zuleika , die Gattin Omars , weilt unter den Lebendigen und harret der Heimkehr ihres Erstgeborenen . Aber die Gebeine meines Vaters ruhen in der Wüste von Yemen , und das Blut der verfluchten Magrebi ist geflossen , sie zu rächen . « » Ich glaube Dir , Emir , - aber höre mich an , Sohn ! Der Vater Deiner Mutter lebt , er beweint seine Kinder , und Dich zu schauen , seinen Enkel , würde Wonne sein für die greisen Augen ! « Der Emir sah ihn erstaunt an . » Deine Worte sind süß für mein Ohr , alter Mann . Doch der weise Lokmann sagt : Glaube nicht Das , was Dir wohlklingt , bevor es die Probe bestanden . « » Bei Deinem und meinem Gott , Emir , es kann kein Zweifel hier sein . Melek Ibrahim , der Oda-Baschi , wohnt in den Felsenklüften des Balkan bei meinem Volk und wird Dich gern als seinen Enkelsohn erkennen . Ich verlasse morgen in aller Frühe diesen Ort und ziehe nach Norden , denn hier droht mir Gefahr nach Dem , was diese Nacht geschehen . Komm ' mit mir , wenn Du kannst , und nimm das Erbe , das wir für Dich bewahrt haben . « Der Emir reichte ihm die Hand . » Mein Kismet hier ist erfüllt , « sagte er traurig . » Achmet , mein Milchbruder , führt die Leute meines Stammes an meiner Statt , die , wie ich vernommen , Iskender-Pascha nach Batum gefolgt sind . Ich bin frei und werde Dich begleiten . Vielleicht , daß das Wort eines weisen Greises Frieden gießt in meine Seele , die tief betrübt ist . Ruhe jetzt , alter Mann , von den Schrecken des Abends , Abdallah wird für Euch wachen und am Morgen mit Eidunih , seiner Stute , bereit sein ! « Er setzte sich auf die Schwelle des äußeren Gemachs und schaute über den offenen Balkon hinaus auf die im Sternenlicht tanzenden Wellen des Bosporus . Wie hier die buhlerischen Odalisken , die leichtfertige Tochter des fernen Paris , - so deckten sie dort im Norden das Weib seiner ersten Liebe . - Fahre wohl , junger Ritter der Wüste ! Fußnoten 1 1350 . 2 Divisions-Generäle . 3 Redan . 4 Es ist Thatsache , daß eine Gesellschaft französischer Offiziere die Frauen , die sie aus einem Harem zu sich gelockt , ohne Weiteres verließ und der Rache des beleidigten Türken preisgab . Der Malachof . Wir sind am Schluß unsers Buches - noch ein Mal rollt der Vorhang auf , Dir flüchtig die blutigsten Bilder zu zeigen ; - dann , Leser , scheiden wir ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Sturm am 6. Juni hatte nicht blos die Lünette Kamtschatka - den Mamelon - sondern auch die beiden andern vorgeschobenen Werke , die Selenginski-und Vohlinski-Redoute nach einem heftigen Kampf und Blutbad in die Hände der Franzosen gebracht . Sie verloren an 3000 Mann , darunter den General Lavarande , die Russen nicht viel weniger mit dem General-Major Timotjef . Die beiden Redouten wurden gesprengt , der Mamelon unter dem Namen Brancion-Redoute zu einer Batterie gegen den Malachof umgewandelt . Bosquets Lorbeeren ärgerten jedoch General Pelissier und er entfernte ihn daher vor dem beabsichtigten großen Sturm , indem er ihm den Ober-Befehl der Tschernaja-Linie übertrug . Man schien absichtlich den Jahrestag der napoleonischen Erinnerungen zu wählen , selbst der traurigen , und da zum 14. - dem Tag der Schlacht von Marengo - die Vorbereitungen nicht vollendet werden konnten , wählte man den 18. - den Tag von Waterloo - zum Sturm auf den Malachof , um den Engländern zu zeigen , daß man zu siegen verstehe . Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt . Die Divisionen Mayran , Brünet und d ' Autemarre - das Bosquet ' sche Corps war zum großen Nachtheil für den Erfolg durch die Eifersucht Pelissier ' s getrennt - mit der Garde sollten den Malachof , die Engländer den Redan angreifen , nachdem am Morgen des 17. auf der ganzen Belagerungslinie ein heftiges Bombardement eröffnet worden , während dessen 20,000 Kugeln und 10,000 Bomben von den Franzosen auf die Festung geworfen wurden . Aber die Russen waren auf den Angriff vorbereitet und , wie heldenmüthig auch der Ansturm der Franzosen war , die zwei Mal bis in das Werk drangen und sich in der Vorstadt festsetzten , sie wurden mit furchtbarem Verlust geworfen , da sie ohne Unterstützung durch die Engländer blieben , deren Angriff vollkommen verunglückte . General Mayran fiel , Brünet wurde durch die Brust geschossen , fast sämtliche Regiments-Commandeure waren verwundet , die Franzosen verloren als kampfunfähig gegen 6000 Mann , die Engländer an 2000 ; auch der russische Verlust betrug 5000 . An einzelnen Stellen um den Malachof lagen die französischen Leichen vier Ellen hoch übereinander ; die Bedienungsmannschaften der Geschütze im Malachof hatten drei Mal ersetzt werden müssen ; von der Compagnie des tapfern Szewski-Regiments , welche die Batterie Gervais vertheidigt , waren noch 35 Mann am Leben . - Entsetzlich waren die Scenen , die sich bei dem von den Alliirten begehrten Waffenstillstand zur Beerdigung ihrer Leichen zeigten . Die Geier hatten sich auf dem Schlachtfelde bereits gesammelt ; ein Augenzeuge berichtet , daß er auf dem Wahlplatz einen englischen Offizier fand , der , tödtlich getroffen , noch Kraft genug hatte , in der krampfhaft geballten Faust einen Vogel zu erwürgen , der an ihm zu nagen begann . Mit dem verunglückten Sturm auf den Malachof trat gewissermaßen eine Pause in der Heftigkeit des Kampfes ein ; man begnügte sich , die Belagerungsarbeiten fortzusetzen , mit der Sappe immer näher und näher an die Festungswerke heran zu dringen und den Kreis der Trancheen enger zu schließen . Die Länge derselben betrug zu dieser Zeit bereits 17 Stunden ; 85 französische Batterieen waren errichtet , freilich nicht ohne den bedeutendsten Verlust , denn der Bau der einzigen Batterie Nr. 22 mit nur 3 Geschützen kostete allein 865 Mann . Der Minenkrieg begann gegenseitig jetzt nach allen Richtungen zu spielen , auf russischer Seite von dem Stabs-Capitain Melnikoff geleitet , der in Totlebens Stelle trat , als dieser zu Anfang Juli am Fuß verwundet wurde und gegen Ende August , noch nicht geheilt , doch wieder in den Werken erschienen auf ' s Neue erkrankte , und auf Befehl des Fürsten Gortschakoff nach Symferopol gebracht wurde . Mit welcher Aufopferung die Soldaten an dem berühmten Schöpfer der Vertheidigung von Sebastopol hingen , beweist der Zug , daß , als während des Sturmes vom 18. auf den Malachof eine 7 Pud schwere Bombe gerade neben dem General niederfiel und der Luftdruck ihn ohnmächtig zu Boden warf , sechs Soldaten herbeisprangen und ihn mit ihren Körpern deckten . Fünf wurden augenblicklich getödtet , der sechste schwer verwundet , während Totleben damals mit einer leichten Contusion davonkam . Am 11. Juli , Abends 8 Uhr , fiel der Dritte des Heldenkleeblatts der russischen Admiräle : Nachimoff , als er von der Brustwehr des Malachof die Feinde recognoscirte . Wie an Lord Raglan ' s Begräbniß , der am 28. Juni an der Cholera gestorben , die Russen ihre sämtlichen Geschütze schweigen ließen , so ehrten die Franzosen mit gleicher stummer Huldigung das Andenken des tapfern Gegners . Sechszehn Stunden hatte er nach seiner Verwundung in den Kopf noch gelebt ; als er sein Ende fühlte , wandte er sich zu den Matrosen der 39. Tschernanor ' schen Flottenequipage , die ihn schluchzend umringten mit den Worten : » Kinder , vergeßt nicht , das Kreuz ( die Kriegsflagge ) vor dem Feind wie bei Sinope an den großen Mast zu heften ! « Sein Tod machte auf die ganze Besatzung den tiefsten Eindruck und stimmte sie zu verzweifeltem Muth . Als der Sarg in die Gruft der Wladimir-Kathedrale sank , schwor General Chruleff : » Dein Denkmal , braver Seemann , soll Berge feindlicher Leichen werden ! « und : Da budet tak ! ( So soll es sein ! ) rollte durch die beiwohnenden Regimenter . Die Zahl der tapfern Seeleute in der Festung war gewaltig geschmolzen , obschon am Tage vor dem Sturm 2000 Matrosen der vernichteten Flotte des Azow ' schen Meeres eingerückt waren . Von den 36 Marine-Offizieren , welche bei Beginn der Belagerung die Batterieen kommandirten , war noch Einer kampffähig . Aber Begeisterung und fester Todesmuth erfüllte Offiziere wie Soldaten . Am 8. Juli weihte der Erzbischof von Cherson und Taurien , Innocenz , auf dem Catharinen-Platz die versammelten Truppen und reichte ihnen das Abendmahl . Sie schworen , auf ihrem Posten zu sterben . Im Laufe des Juli trafen die 7. und 15. Infanterie-Division in Ssewastopol ein , zu Anfang August aus Polen die 2. und 3. Division des berühmten Grenadier-Corps , so daß die russische Armee der Krimm trotz aller Verluste zu Anfang September wieder 160,000 Mann zählte . Fünfunddreißigtausend Arbeiter waren allnächtlich mit der Ausbesserung der Schäden beschäftigt , welche die Kanonade des Tages an den Wällen verübt , oder errichteten neue Vertheidigungswerke . Fortwährend suchten die Belagerten durch kleinere und größere Ausfälle die Arbeiten des Feindes aufzuhalten , die bedeutendsten erfolgten in der Nacht zum 25. Juli , 2. und 15. August . Am 28. verursachte eine russische Bombe im Mamelon eine furchtbare Explosion , die an 200 Mann tödtete und verstümmelte . Auch die Verluste der Alliirten waren entsetzlich . Bis zum Juni hatten die Franzosen bereits 80,000 Mann durch Krankheit und Wunden vor Sebastopol eingebüßt , die englische Armee war zwei Mal fast vollständig erneut worden . Von den Anfang Mai eingetroffenen 15,000 Sardiniern waren nur noch 8000 kampffähig , 2000 schon bis zum 1. August an der Cholera gestorben . Die Miasmen , die sich aus den Leichenfeldern und aus der versumpfenden Tschernaja entwickelten , verbreiteten , im Verein mit dem acuten Wechsel der Witterung - während des Tages oft 31-34 ° Wärme , des Nachts kaum 3-4 ° - Seuchen , nachdem die Cholera im August nachgelassen , den Typhus und Scorbut in desto größerer Heftigkeit . Es wurden während des Monats täglich 6-800 Kranke auf den Schiffen in die Spitäler am Bosporus transportirt . Durch das Feuer der Russen , die durchschnittlich in 24 Stunden 4000 Schüsse thaten und 600 Bomben warfen , war der Verlust in den Laufgräben , je mehr sie sich den Werken näherten , desto entsetzlicher . Die Stimmung , die sich ziemlich offenkundig in der Armee kund gab , ließ nicht frei von Besorgnissen . Offiziere und Soldaten sahen sich nutzlos decimirt und als Beute von Krankheiten und Anstrengungen . Die täglichen Verluste in den Laufgräben , während mit jedem Morgen neue russische Werke aus der Erde zu wachsen schienen , ermatteten auch den Stärksten . Die Garden selbst schickten Deputationen an den Generalissimus mit der Bitte , ihr allzu auszeichnendes Lederzeug ablegen zu dürfen , und General Reynault forderte gleich heftig ihre größere Schonung , wie man früher auf ihre Theilnahme am Dienst bestanden ; man verlangte mit dem Muth der Verzweiflung nach einem neuen allgemeinen Sturm , um zu sterben oder zu siegen , denn Allen graute vor einer nochmaligen Ueberwinterung und schwerlich hätte man sich dieser gefügt . Als auch der Napoleonstag , der 15. August , ohne den gehofften Sturm vorübergegangen war , kamen mehrmals Fälle der offenen Renitenz vor , wenn die Regimenter zum Laufgrabendienst beordert wurden . Dazu zeigten sich wieder häufig unter allerlei Verkleidungen Emissaire der revolutionairen Propaganda im Lager und begannen ihre Wühlereien . General Pelissier verkannte die Gefahr nicht und ergriff verschiedene Maßregeln , um die Aeußerungen des Mißvergnügens zu unterdrücken , da er zu gut einsah , daß er nicht Alles auf einen letzten entscheidenden Wurf setzen durfte , ohne dessen Erfolg möglichst gesichert zu sehen . Die erste Maßregel war die Ausweisung der französischen Correspondenten , selbst der officiellen Journale , die der Generalissimus am 14. Juli auf ein Schiff packen und nach Constantinopel bringen ließ ; - freilich blieben die weit ungenirteren englischen zurück ! In Kamiesch wurde eine förmliche Militair-Censur-Commission eingesetzt , welche alle abgehenden Briefe controllirte und jede Klage unterdrückte . Hierauf folgte die Entfernung Canrobert ' s , der , so oft er sich zeigte , der Gegenstand von Ovationen der Soldaten war . Der General inspicirte - es war am 26. Juli - gerade die Laufgräben , als Pelissier ihm in Abschrift eine Stelle aus der Depesche des Kriegsministers zugehen ließ , wodurch der Kaiser ihn , im Interesse seiner Gesundheit , zur Rückkehr aufforderte . Canrobert antwortete auf der Stelle , daß er sich nur einem ausdrücklichen Befehl fügen werde , und schon am 29. war dieser durch den Telegraphen da . Der General verließ am 4. August die Krimm , von seinem glücklichern Rivalen wenigstens beim Scheiden noch mit allen Ehren umgeben . Schon lange vorher , ehe dies geschah , hatten die Belagerer einen neuen Angriff der russischen Armee von der Tschernaja her erwartet und vollkommen Zeit gehabt , sich darauf vorzubereiten und ihre Stellung zu befestigen . Er erfolgte am Morgen des 16. August - bekannt unter dem Namen der Tschernaja-Schlacht , oder der Schlacht an der Traktir-Brücke . Die Russen stiegen unter den ungünstigsten Verhältnissen aus ihrer gedeckten Stellung in das Tschernaja-Thal nieder , überschritten den Fluß und gingen die gegenüber liegenden wohlbefestigten Höhen hinan , zuerst die Türken und die verschanzten Sardinier angreifend . Bald aber ließ sich , gegen die ausdrückliche Disposition des Oberbefehlshabers , General Read von seinem Ungestüm fortreißen , mit dem rechten Flügel die gesicherte überlegene Stellung der Franzosen an den Fedhujini-Bergen zu stürmen und hier die Schlacht zu engagiren . Drei Mal gewannen die Russen die Höhen , drei Mal wurden sie von Bajonnet und Kartätschen zurück geworfen , und der Tod mähte in ihren Reihen . General Read büßte seine Verwegenheit mit dem Leben - vier Stürme der Freiwilligen , um seine Leiche zu holen , warfen die französischen Kartätschen nieder ; General-Major Weymarn , sein General-Stabs-Chef fiel - auf dem Rücken trug sein Adjutant , der gigantische Lieutenant Stolypine , den Körper des geliebten Führers aus dem Getümmel ; an der Seite des russischen Generalissimus wurde General Wrewski getödtet , nachdem er , zwei Mal schon getroffen , verweigert hatte , sich zurückzuziehen . Nutzlos , vergeblich opferten die tapfern Grenadiere immer und immer wieder ihr Leben , bis General Kotzebue , die Unmöglichkeit des Gelingens , das Zwecklose des Blutbades erkennend , vom Pferde sprang und auf dem Sattel die Ordre zum Rückzug an die engagirten Divisions-Chefs schrieb . Eine Granate schlug neben ihm nieder und platzte , während sich die Umgebung eilig zurückgezogen , ihn mit einer Wolke von Staub und Splittern bedeckend . Als sie sich verzogen , sah man den General ruhig fortschreiben und erst , nachdem er geendet , das Blut von der Stirn trocknen . Weit über 3000 Russen , 1100 Franzosen , an 900 Türken und 200 Sardinier deckten den Kampfplatz , das Flußbett war gefüllt mit Leichen . Die Sardinier verloren den General Montevecchio , auch von den französischen Führern waren viele verwundet , darunter der tapfere Oberst der dritten Zuaven , Polkes . - Auf die Belagerung selbst hatte die Schlacht keinen Einfluß . Dagegen vermehrte sie die Spaltung zwischen den französischen und englischen Truppen , die schon nach dem Sturm am 18. Juni , dessen Mißlingen man den Engländern geradezu Schuld gab , bedeutend hervorgetreten war und sich in Uebermuth und Verhöhnungen auf Seiten der Franzosen offen kund gab . Die Erbitterung brach in hundert Zügen aus , als die englischen Soldaten das Tschernaja-Schlachtfeld , das nicht ihr Blut gekostet , auf eine so schaamlose Weise plünderten , daß 6 Stunden nach beendigtem Kampf nur die nackten Leichen noch dort lagen und General Simpson selbst in einem Tagesbefehl vom 20. seinen Truppen ihr Benehmen vorwarf . Man mußte zuletzt den französischen und englischen Soldaten verbieten , dieselben Schankboutiken zu besuchen . Am 17. August ließ General Pelissier das Feuer auf ' s Neue verstärken ; während der zweiten Hälfte des Monats wurde in Kamiesch Tag und Nacht Munition ausgeladen und nach den Batterieen gebracht . Fortwährend trafen neue Verstärkungen ein , am 24. General Mac-Mahon , der geprüfte Afrikaner , 1840 noch Bataillons-Commandant der Vincenner Jäger , dann Oberst in Algerien , wo er sich , um sich vor dem Herzog von Orleans auszuzeichnen , auf einem Zug gegen die Kabylen an der Spitze seines Regiments auf den drei Mal stärkern Feind warf , sein rechtes Auge verlor , aber zum General ernannt wurde . Er trat an Canrobert ' s Stelle . Die Zeit eilte - und der dem General Pelissier im Geheimen gesetzte Termin nahte heran ; Depesche auf Depesche brachte der Telegraph und der hitzige , durch die nicht erfüllte Hoffnung auf den Marschallsstab am 15. August erbitterte General sandte die berüchtigte Antwort : » Sire , wenn Sie glauben , es besser machen zu können , so kommen Sie selbst ! « In den ersten Tagen des September endlich war man mit der Sappe so weit vorgedrungen , daß die Spitze der französischen Trancheen nur noch 30 Metres ( 90 Fuß ) von den Werken des Malachof entfernt war ; schon mehrere Tage konnten sich die Gegner sprechen hören . Der allgemeine Sturm wurde beschlossen . Am 5. September begann die letzte allgemeine Kanonade , bestimmt , die Bastionen , - schon längst kaum mehr als ein Schutthaufen - vollends zusammen zu schmettern . Sechshundert französische und 200 englische Feuerschlünde größten Kalibers eröffneten ein Feuer , welches die Erde ringsum erbeben ließ und selbst in der Entfernung einer Viertelmeile nur in den Pausen gestattete , sich anders , als durch Zeichen verständlich zu machen . Die Festung antwortete in gleicher Weise , obschon an vielen Stellen die Trancheen der Gegner so weit vorgedrungen waren , daß sie unter dem Niveau der Geschütze lagen . Die Zerstörung im Innern war furchtbar . Die Erde innerhalb der Werke und um sie her war von Kugeln so aufgepflügt , daß nicht ein Sandkörnchen an seinem Orte geblieben , sie war mit Flintenkugeln , Kartätschen , Granatensplittern , Kanonenkugeln und Bomben vollständig bedeckt . Wir führen beispielsweise bloß die Thatsache an , daß vom 22. Mai bis 10. Juni die russischen Soldaten und Matrosen auf der ganzen Vertheidigungslinie an Blei von feindlichen Kugeln 1960 Pud ( 78,400 Pfund ) und 1015 achtzigpfündige , nicht geplatzte Bomben sammelten , aber das machte kaum ein Drittel , da zwei Drittel im Wall oder in den Mauern stecken blieben und nach der Stadt und den Buchten hinüber flogen . Schon im Mai waren gegen 500 Häuser von Grund aus zerstört , selbst das Straßenpflaster aufgewühlt . Ende August waren nur wenige Gebäude bewohnbar , die Lazarethe und alle Büreau ' s nach Fort Paul und Fort Nicolaus verlegt . In dem letztern wohnte der Commandant Kismer mit mehr als 20,000 Menschen . Der Bericht Pelissier ' s giebt an , daß während der 336 Tage der Belagerung über 1 Million 600,000 Schüsse aus 800 Feuerschlünden , also durchschnittlich täglich 4434 Schüsse auf die Stadt geschehen . Die Vertheidigungswerke waren sämtlich so zu Staub zermalmt , daß die Erdarbeiten kaum noch auszubessern waren , und Fürst Gortschakoff , - nachdem bereits am 5. und 6. August eine Pontonbrücke über den Handels- und Kriegshafen zur bessern Verbindung der beiden Stadtseiten geschlagen worden , - für den Rückzug nach der Sievernaja ( der Nordseite ) eine Brücke über die Bucht zu schlagen