anzustellen nach dem Kinde jener kalten vornehmen Dame und dann nach einem offnen Bekenntnisse seiner Liebe von Franziska für den Winter Abschied zu nehmen und in die Residenz zurückzukehren , schritt er rüstig vorwärts und achtete des Dunkels nicht , das sich inzwischen ganz über die stille , trauernde Gegend herabgesenkt hatte . Er war im Wald . Das Grün der Tannen verscheuchte hier die Vorstellung vom herangenahten Winter . Am Fuße der entlaubten Bäume , die hier und da noch zwischen den Tannen standen , grünte unbekümmert vor dem Herbste das immergrüne Moos . Der Weg war viel fester als im Felde . Wo man dort einsank , wurde man hier durch die weitgestreckten , aus dem Boden hervorstehenden Wurzeln der Bäume oder durch das zusammengeballte Laub im Gehen erleichtert . Fröhlich pfiff Louis leichte Liedchen vor sich hin und suchte mit seinem spähenden Auge in der Ferne irgend ein Licht , oder mit dem scharfen Ohre irgend einen Schall , wenigstens von den Rädern der Sägemühle . Bald hörte er das Bellen eines Hundes , bald auch das Rauschen des Waldbaches , der die Sägemühle trieb . Es war so finster geworden , daß er diese einsame Niederlassung erst erblickte , als er dicht an ihr vorüberging . Sie lag tief . Die Dächer waren breit und gedrückt . Ohne Zweifel wurden geschnittene Dielen unter ihnen aufbewahrt . Da lagen Blöcke vom Regen durchfeuchtet , die frischgesägten Breter schimmerten durch die Dämmerung . Doch schwieg die Mühle . Alles schien hier wie ausgestorben . Nur weniges kaum hörbares Leben deutete auf Bewohner . Louis fand hier die beiden Wege , von denen Ackermann ' s Knecht gesprochen hatte . Der eine ging an dem Waldbache entlang , der andre stieg aufwärts und folgte immer dem bald höheren , bald sich senkenden Felsufer dieses Baches . Louis ging den letzteren . Er war trockner , aber beschwerlich und nicht ganz ohne Gefahr . Steine lagen links und rechts im Wege und leicht konnte man bei einem Fehltritt ausgleiten und in den Waldbach stürzen . Sich in die Verspätung ergebend , schritt er langsam vorwärts und suchte das schwarze Kreuz auf , von dem Oleander und der Knecht gesprochen hatten . Er fand es endlich . Eine Inschrift , die darauf zu lesen war , konnte er nicht mehr erkennen . Er rieth auf einen Unglücksfall , der sich hier einst ereignet haben mußte und nahm das Kreuz umsomehr für eine Warnung vorsichtig zu sein , als gerade hier unter dem Vorsprunge , auf dem das Zeichen errichtet war , der Waldbach ein tieferes Bett gewonnen zu haben schien und wild im Strudel rauschte und schäumte . Wie er noch so stand und dem Winde lauschte , der die Bäume schüttelte , war ihm , als hörte er einen Schrei aus weitester Ferne von der Luft herübergetragen . Im ersten Augenblick bebte er zusammen . Es war ein einziger schreckhaft hervorgestoßener Ton , den er nicht von den krachenden Zweigen , nicht von einem Vogel herleiten konnte . Es war ein Ton aus menschlicher Brust . Wie er entsetzt lauschte , ob sich der Ruf wiederholen würde , und nichts hörte als nur den Wind , nur das Rauschen des Waldbaches , glaubte er doch , daß er sich geirrt hätte und setzte beruhigter seine Wanderung fort . Sie war jetzt nicht mehr so schwierig . Von dem Kreuze führte ein gepflegterer Weg abwärts . Rüstig schritt er vorwärts und hatte die Freude , deutlich von Plessen herüber die Kirchthurmuhr fünf schlagen zu hören . Nun wußte er , daß er in der Nähe des Jägerhauses war . Schon glaubte er sich zurecht zu finden . Die jenseitige Wand des Waldbaches war eine schroffe mit Bäumen besetzte Anhöhe , das diesseitige Ufer führte zuweilen schon durch Weideplätze , grüne Moos- und Grasstellen . Zuletzt stand er an einer kleinen Brücke von Erlenholz . Der Waldbach schweifte links ab nach Plessen zu . Er kannte diese Biegung und nahm keinen Anstand über die kleine Brücke hinüber zu schreiten und sich von dem Flüßchen ganz zu trennen . Ein bestimmter fester Glaube führte ihn den Weg , den er für den richtigen und den zum Forsthause leitenden erkannte . Um so entsetzlicher mußte es für ihn sein , als er nach einigen Minuten raschen Fortwanderns wieder jenen Ton hörte , der ihn schon oben an dem schwarzen Kreuze erschreckt hatte . Jetzt war es sicher kein sich biegender Ast , kein Vogel mehr . Es war eine menschliche Stimme , die einen erstickten Entsetzensschrei hören ließ . Es ist Franziska ! sagte sich seine aufgeregte Phantasie . Sie ruft um Hülfe ! Und ohne die Gefahr zu achten , daß er in der Dunkelheit gegen einen Baum anrennen konnte , stürzte er in die Nacht hinaus , vertrauend , er würde zum Ziele kommen . Er rannte gegen Gesträuche und hielt einen Ast in der Hand . Er brach ihn , so stark er war , mit gewaltiger Kraft von seinem Stamme los , um eine Waffe zu haben . So stürmte er fort und rief mit einer Löwenstimme : Franchette ! Franchette ! daß es im Walde schauerlich widerhallte . Endlich lichtete sich der Weg . Da lag die Wiese ! Da lag das Jägerhaus ! Ein Lichtchen brannte an Franziska ' s Fenster . Quer über das sumpfige Grün hinweg ! Franchette ! Franchette ! Die Hunde bellten im Forsthause . Fränzchen lebte . Sie öffnete das Fenster . Louis ! Ach , Gott ! Sind Sie ' s ! In demselben Augenblicke fiel in der Ferne ein Schuß . Das ist der Onkel ! sagte sie , als sie todtenbleich draußen schon an der Thür in Louis ' Armen lag . Was ist geschehen ? Kommen Sie ! Kommen Sie ! sagte Franziska und zog Louis in das Jägerhaus , einen entsetzten Blick auf die Treppe hinwerfend , an der sie vorüberhuschte . Wie sie mit Louis im Zimmer war , wo ein Lämpchen brannte , riegelte sie die Thür zu und fiel erschöpft auf einen Lehnstuhl , der in der Nähe des Fensters stand . Das Fenster war noch offen und wurde von Louis sogleich geschlossen . Ich kann in dem Hause nicht bleiben , begann Fränzchen , als sie sich gesammelt hatte . Alle Gespenster aus der frühern Zeit , daß ich hier war , stehen wieder vor mir . Ich muß fort . Was war Das nur , Franziska ? Sie riefen um Hülfe ? War hier ein Überfall ? Rief ich um Hülfe ? Ich weiß es nicht . Wer war hier ? Ich bitte Sie ! Und jener Schuß ? Fränzchen antwortete nicht , sondern blickte sich nur scheu um und horchte nach oben hinauf . Als sie Louis inständiger um Aufklärung bat , lächelte Fränzchen und fragte : Hab ' ich so laut gerufen ? In der Stille des Waldes hört ' ich es über tausend Schritte weit . Das tröstet mich etwas und beruhigt mich für die Zukunft - nein , nein , ich kann nicht bleiben ! Ich fürchte mich zu Tode . Und doch geschah hier eigentlich gar nichts . Was haben Sie , liebe Franziska ! Was war Ihnen ? Franziska erzählte nun mit gedämpfter Stimme , immer nach oben blickend , daß sie seit ihrer Anwesenheit im Forsthause die alte Ursula nicht erblickt hätte . Wie sie aber vorhin allein gewesen , verlassen von dem Onkel , der auf der Jagd pirsche , wäre die Alte , die sie im Bette geglaubt hätte , herabgeschritten feierlich mit einem Lichte in der Hand , lang und hager , wie ein Gespenst . Mit hohlen Augen wäre sie eingetreten , an jenen Schrank gegangen , hätte den aufschließen wollen , dann aber wäre sie herangetreten , das Licht gegen sie haltend . Ohne zu sprechen , ohne sie zu begrüßen , wäre sie dicht an sie herangeschlichen , daß sie im ersten Schreck hätte glauben müssen , sie beabsichtige ihr , und wenn nur durch Anhauchen , ein Leids zuzufügen . Da hätte sie , wie sie dicht an ihrem Munde gewesen wäre , aufschreien müssen , wie in Todesgefahr . Die Alte wäre nun zurückgegangen , hätte sich an die Thür gestellt und ein lautes Lachen aufgeschlagen . So hätte sie während einiger fürchterlichen Minuten gestanden , dann wäre sie noch einmal gekommen , in derselben geraden Linie auf sie zu , mit derselben starren Miene , wieder das Licht gegen sie hinhaltend , um sie zu erkennen . In der Angst ihres Herzens hätte sie Hülfe rufen müssen , da wäre in der Ferne ihr Name von Louis gerufen worden , die Alte hätte wieder wie eine Irre gelacht und dann sie verlassen , um nach oben auf ihre Kammer zurückzukehren . Franziska verstärkte den ängstlichen Eindruck , den auch Louis von diesem Vorfalle empfing , durch die Erinnerungen an ihre Jugend , die sie ihm erzählte . Sie behauptete , daß sie glaube , die Alte möge in diesem Hause Niemand dulden und hätte trotz ihrer Jahre eine Art Eifersucht auf Jeden , der ihr die alleinige Herrschaft über den bequemen Onkel , der sie einst hätte heirathen sollen , streitig machen würde . Louis fand es gerathener , daß Franziska wol in der Nähe , aber nun nicht selbst im Jägerhause länger bliebe . Er schlug ihr vor , morgen mit Ackermann zu sprechen und diesen einsichtsvollen , freundlichen Mann zu bewegen , sie in sein Haus zu nehmen . Freilich , setzte er , als Franziska freudig einstimmte , hinzu : Sie werden , liebe Freundin , dort in der Nähe des alten Sandrart sein , der nicht Ihr Gönner ist ! Und ich bin nicht seine Gönnerin , sagte Franziska , die von ihrer beklommenen Stimmung aufzuathmen begann . Erwähnen Sie doch diesen Namen nicht ! Franziska , Sie wissen , daß Heinrich vermögend ist und Ihnen eine glänzende Zukunft bieten kann ! Ich mag ihn nicht ! Es ist schlimm , wenn ein Mann zu wenig Herz hat , aber noch schlimmer läßt ' s ihm , hat er zu viel . Wie beschämt steh ' ich vor Ihnen da , Franziska ! Sie kennen die Freundschaft - Der Onkel kommt ! sprach Franziska und sprang zur Thür hinaus . Louis verwünschte die Störung . Er hatte sich erklären wollen . Er hatte endlich das entscheidende Wort der Liebe auf den Lippen . Die Reflexionen waren von ihm gewichen . Die Einsamkeit des Waldes , die Nähe des blühenden Mädchens , ihre Freude , ihn zu sehen , von ihm aus einer peinlichen Lage befreit zu werden , die sanfte Hand , die , kalt geworden von dem nach dem Herzen gedrängten Blute , sich in der seinen erwärmte ... Das Alles sprach ihm so viel Muth und Ermunterung zu , daß er endlich ein festes und sicheres Verständniß zwischen sich und dem Mädchen begründen wollte . Wieder vergebens ! Jeder Andere hätte kühn mit einer einzigen Umarmung diesem peinlichen Zustande ein Ende gemacht . Das konnte Louis Armand nicht . Dafür war er zu sehr ein Hamlet des Herzens , die Blässe des Gedankens kränkelte seine Empfindungen an . Er konnte in Dingen , die eine so große Lebensänderung würden nach sich gezogen haben , wie diese Erklärung seiner Liebe für Fränzchen Heunisch , nicht aus einer gewissen Pedanterei , einer zaghaften Scheu heraus , wie im Grunde so viele junge Männer , die , wie uns die Leserinnen bestätigen werden , schon lange nicht mehr den » Muth der Erklärung « haben . Heunisch hatte , da der Wind nicht nach seiner Richtung stand , von dem Schrei nichts gehört und war nicht wenig erstaunt , als ihm Louis den Vorfall erzählte und daran die nothwendige Überzeugung knüpfte , daß der Förster seine Nichte aus dem Hause geben sollte . Der Vorschlag mit Ackermann gefiel ihm , der Nähe Sandrart ' s wegen , sehr wohl , obgleich er diesen Grund nicht aussprach . Die Ursula , dacht ' ich mir gleich , sagte unser alter Freund in seinem sorglosen bequemen Tone , die Ursula hat nur eine verstellte Krankheit . Sie ist tückisch , weil sie Niemanden im Hause leiden mag . Das ist nun ein Kreuz , das man tragen muß . Glücklicherweise ist Liebe damit verbunden . Sie meint es gut . Louis zweifelte . Gegen mich gewiß ! fuhr der Jäger fort . Sie hat mich ordentlich in Pacht genommen . Ich bin ihr Herzblatt , ihre Augenweide . Es ist wahr , sie hat oft einen Blick , als wollte sie damit die Ratten vergiften , aber mich blinzelt sie an wie eine verliebte Katze . Urschel , Urschel , ich muß doch noch ein Ende machen und dich in die Kirche führen ! Wissen Sie nichts vom frühern Leben dieser Frau ? forschte Louis und gedachte seines im Schlosse harrenden Murray ... Heunisch plauderte was wir wissen , vom Doktor Lehmann , vom blinden Schmied , ja sogar von der Erbschaft und schloß : Sie kurirt jede Rose und jeden steifen Hals renkt sie ein . Louis sah wohl , daß von diesem Virtuosen im Vertrauen , diesem starken Geiste der Denkmüdigkeit nichts über die frühern Verhältnisse der Ursula für seinen guten Murray zu gewinnen war . Heunisch stopfte sich eine Pfeife , hing sein Gewehr an die Wand , legte die Jagdtasche ab und sagte nur immer vor sich hin : Ja , ja , Fränzchen ! Ich habe nichts dawider . Sie nehmen dich auch ! Das Fräulein nimmt dich auch ! Der Ackermann ist ein guter Herr ! Es ist mir auch so recht . Da sprech ' ich im Ullagrund vor und gehe nicht so oft auf den gelben Hirsch . Und wenn Sandrart , der Alte , grob bleibt wie heute , so stopf ' ich mir immer bei Ackermann die Pfeife und rauche ihm hinter seinem Zaun gerade auf die Nase . Dabei lachte Heunisch und machte sich ' s bequem und sah sich nach seiner Suppe um , die ihm Fränzchen lange nicht so gut zubereitete wie die Ursula , die sich nicht mehr wollte sehen lassen und eigentlich so trotzte , daß Heunisch ' s Bequemlichkeit darunter litt . Louis warf Fränzchen beim Gehen einen liebevollen Blick zu und flüsterte : Morgen Nachmittag komm ' ich in Wind und Wetter und bringe den Bescheid von Herrn Ackermann . Rüsten Sie sich , daß Sie mir dann gleich folgen können ! Fränzchen dankte mit innigem Blick . Als Louis dem Förster die Hand gegeben hatte , rief ihm dieser nach : Nehmen Sie den Weg rechts an der Wiese herum und dann links , von der Eiche abwärts . Sie sollten auch einen Stock bei sich tragen . Ich halte Herrn Ackermann ' s neue Geschichten sehr hoch , aber sie ziehen allerhand Gesindel in die Gegend . Der Justizdirektor hat mir von einem Brief gesprochen , den er aus der Residenz bekommen . Es soll nicht recht geheuer sein . Die beiden Gesellen , die die Zeck ' s angenommen haben , gefallen mir nicht . Da ! In der Ecke steht ein alter Ziegenhainer ! Oder wollen Sie einen Hirschfänger ? Louis dankte und meinte , der Baumstamm , den er draußen hätte liegen lassen , thäte Dienste genug , wenn ' s Noth am Mann wäre . Fränzchen , zitternd und aufgeregt , bat den Hirschfänger zu nehmen . Nein , nein , sagte Louis . Der Ast draußen genügt . Damit verließ er das unheimliche Haus mit dem tiefsten Mitgefühl für die in ihm zurückbleibende Franziska , die bei aller Bangigkeit ihres Herzens nicht aufhörte , zu ihm aufzublicken wie zu einem verklärten Heiligen , der über den gemeinen und geringen Bedingungen dieses Lebens stand . Louis kam unangefochten im Schlosse an . Nichts hatte ihn im Walde gestört . Fast seiner selbstspottend warf er am Fuße des Hohenberges den schützenden Ast von sich . Das gemeinschaftliche Wohnzimmer sah Louis , den Berg emporsteigend , hell durch die Nacht schimmern . Es schlug sieben Uhr , als er bei Murray eintrat . Unwillkürlich mußte er die Thür auflassen , die er in der Hand hielt . Himmel , rief er , was machen Sie , Murray ? Hier ist ja eine Hitze zum Ersticken . Ich habe so stark geheizt , sagte Murray , um mir einen alten Schlüssel , den mir Brigitte gab , so zu feilen und zu schmelzen , daß ich ihn zum Umdrehen der Wirbel des Klaviers brauchen kann . Es will nicht gehen und ich möchte doch Wohllaut im Ohre haben . Kommen Sie heraus , ich beschwöre Sie , sagte Louis , das ist von dem glühenden Ofen eine Hitze , die Ihnen für den ganzen Winter einen Katarrh zuzieht ! Murray öffnete die Fenster und kam , da Louis wirklich nicht eintreten mochte , in ' s Vorzimmer . Sie müssen Ihrer Liebe zur Musik und der Nothwendigkeit , sich in Ihrer Einsamkeit zu unterhalten , ein Opfer bringen und mir erlauben , diese Arbeit unten in der Schmiede verrichten zu lassen . Umsomehr , als ich nach meinen heutigen Entdeckungen auch kein andres Mittel weiß , Ihre Nachforschung anzustellen , als zuvörderst bei den Zeck ' s im Dorfe . Louis gab einen Bericht über seine reichen Erlebnisse ... Murray folgte mit Theilnahme und verweilte mit großer Rührung bei Dem , was Louis über Ackermann erzählte . Ja , ja , sagte er . Das ist Ackermann selbst , der in Amerika einen andern Namen führte und nicht weiß , was mich zu ihm zog und wen ich in ihm , was er in mir wiederfand ! Zu hören , daß Otto von Dystra in Europa war , machte ihm keine Besorgniß , eher Freude ... Ackermann hat Recht , sagte er , wenn er diesen Sonderling einen Epikuräer des Geistes nennt . Ich kenne keinen Gerichtshof der Welt , wo man leichteren Stand hätte als vor diesem Äsop . Er kommt mir wie eines jener Asyle vor , in welchen die Verbrecher vor der Hand der Gerechtigkeit gesichert waren . Erschreckend wirkte auf Murray , was Louis aus dem Jägerhause erzählte . Ich erkenne , sagte er , die dämonische Natur meiner Schwester . Sie war die Älteste von uns . Was sie gab , drückte mehr als es erfreute . Sie hatte schwarze Augen , ganz beschattet von dichten Brauen und hielt mit Niemanden Freundschaft , da Alles schon vor ihrem Blicke floh . Dennoch besaß sie gute Eigenschaften . Sie war gefällig , dienstergeben , treu bis zur Last . Sollten alle diese Keime besserer Regung in kalte Versteinerung übergegangen sein ? Jetzt scheint sie geistesschwach zu sein . Wenn sie das Gedächtniß verloren hätte ! Indem kam Brigitte mit dem Thee . Sie hatte vom Justizdirektor hundert Empfehlungen auszurichten und auf ' s neue zu mahnen , daß die Herren die morgende Einladung nicht vergessen möchten . Nachdem sie die Fenster mit Erlaubniß geschlossen und sich wegen des Nichtabholens des Geschirrs entschuldigt hatte , ging sie und ließ nur noch die neuesten Zeitungen zurück . Louis hatte wenig Appetit . Er war zu aufgeregt und bewegt dafür . Murray genoß ein geringes Maß und nahm sich vor , seinen jungen Freund zu veranlassen , früh das Bett zu suchen . Während Murray in den Zeitungen blätterte , schrieb sich Louis das Gedicht auf , das ihm unterwegs eingefallen war . Als Murray ein Licht ergriff und sich zur Ruhe begab , deutete er auf eine Stelle der Zeitungen und ging mit dem Bemerken , daß sie Louis interessiren würde , für heute zur Ruhe . Es war freilich eine Mittheilung , die insofern recht zur Unzeit kam , als sie Louis , der ohnehin schon von so vielen Dingen erfüllt war , noch vollends erschütterte und in der That nicht schlafen ließ . Sie lautete am Ende der Zeitung mit großen Buchstaben : » Heut ' Mittag um zwei Uhr ist die bisherige Volksvertretung vom Ministerium aufgelöst worden . Die neuen Wahlen sind auf den ersten November angeordnet . Die Stadt ist unruhig . Einige Volksaufläufe sind mit dem Bajonnet auseinandergetrieben . Man fürchtet für den Abend . Das Militair ist in den Kasernen consignirt . Eben werden über den Schloßplatz Kanonen gefahren . « Siebentes Capitel Ein Land - Diner mit Honoratioren Am Vormittage des folgenden Tages herrschte im Amtshause , der Wohnung des Justizdirektors von Zeisel , eine erhebliche Unruhe . Frau von Zeisel , geb . Nutzholz - Dünkerke , war vollkommen überzeugt von der Nothwendigkeit , den , wie man allgemein wußte , vertrautesten Freund des Fürsten , trotz seines geringen Standes , irgendwie feiern zu müssen . Sie tröstete sich bei ihren Anordnungen damit , daß Louis Armand doch wol nur ein verkapptes Mitglied der höhern Gesellschaft wäre und ebenso auf wunderlich versteckten Wegen ginge , wie sie ja den Fürsten Egon selbst hatten kennen lernen . Jeder Blick auf den Thurm , der in schräger Richtung dem Amthause gegenüber stand , feuerte ihre kleine rundliche Figur zur lebendigern Sorge an , um heute dem jungen Freunde des Fürsten einen Eindruck für die Residenz mitzugeben , der auf die gute Meinung von der Hingebung ihres Mannes eine dauernde Nachwirkung üben sollte . Was gehört nicht dazu , mit beschränkten Hülfsmitteln auf den gebahnten Straßen täglicher kleiner Ordnung plötzlich ein solches außerordentliches Mittagsmahl herzustellen ! Jetzt in der Morgenfrühe , wo man ohne Lauscher war , konnte man sich in der ganzen Verwirrung solcher Zurüstungen noch gehen lassen . Das war ein Laufen und Rennen ! Die Thüren schlugen zu und klappten auf . Frau von Zeisel rannte ohne Toilette mit aufgewickelten falschen Locken bald hier- , bald dorthin und machte eine Bewegung , die öfter wiederholt sicher ihr Embonpoint gemildert hätte . Was gab es da zu befehlen , zu klagen , zu verzweifeln ! Welche Töne drangen schneidend durch das stattliche Amtsgebäude , unbekümmert um die Justizkanzlei , die Kammerkanzlei und alle die ehrwürdigen Zwecke dieser Amtswohnung , die heute für Frau von Zeisel nicht vorhanden waren ! Herr von Zeisel kam nicht zu einem einzigen vernünftigen Avis , den er an einen Ortsschulzen hätte aufschreiben können und doch hatte er gestern von der Regierung einen wichtigen Brief erhalten . Und die Kammer war entlassen ! Neue Wahlen sollten angeordnet werden ! Ein Oppositionsblatt sprach von einem neuen aus der Willkür der Majestät fließenden Wahlgesetze ! Wenn nach diesem gewählt werden sollte , welche neue Mühen , welche Weitläuftigkeiten , um die Wahlkörper zu bilden , die Stimmberechtigten auszuscheiden , die Wählenden und Wählbaren zu prüfen ! Und nun dies Diner ! Pfannenstiel , der Gerichtsbote und Amtsvoigt , der mit einigen Akten hinter dem Schreibpulte des Justizdirektors stand , hatte tiefes Mitleid mit seinem Vorgesetzten . Das auch heute noch , sagte er antheilnehmend , wo die Frau von Zeisel so nicht weiß , wo ihr der Kopf steht ! Ja , Pfannenstiel , ich weiß nicht , was ich unterschreibe . Alle Buchstaben laufen mir durcheinander . Eine Magd kam und wollte wissen , wie viel Flaschen Wein wol herausgestellt werden sollten . Wieviel meinte meine Frau ? Sechs , sagte die Magd . Kathrinchen ! Hat meine Frau sechs gesagt ? Pfannenstiel ergänzte , daß die gnädige Frau wol hätte sechszehn gemeint . Sechs ! hieß es . Herr von Zeisel räusperte sich in großer Verlegenheit , legte die Feder auf das Pult , schlug den Schlafrock über die langen Gliedmaßen und begab sich , ohne ein Wort weiter zu sagen , zur Thür hinaus , um mit seiner Frau über diesen Gegenstand eine nothgedrungene freie Conferenz zu halten . Wer kommt denn Alles ? fragte inzwischen Pfannenstiel . Die Magd klagte , daß sie keine Besinnung hätte . Diese Aufgabe wäre zu groß ! Die Justizdirektorin käme nicht mehr aus dem Zanken heraus . Sie selbst wisse nicht mehr , was ein Teller und was eine Schüssel wäre . Wenn wir nur Alle dafür ordentlich avancirten ! meinte Pfannenstiel mit verzeihlichem Egoismus . Wir haben nun Alles aus erster Hand ! Der Fürst ist Minister ! Ich schreib ' an ihn , daß er sich des Thurms da und meiner Höflichkeit erinnert und mir ein gutes Fortkommen für ' s Alter gibt . Indem brach Frau von Zeisel herein : Mein Mann ! Er sucht Sie , gnädige Frau . Ich kann nicht mehr . Diese Menschen , von denen man umgeben ist ! Das ganze Jahr erträgt man den hülflosen Zustand , weil man nachsichtig ist , seinen Ärger verschluckt ; nun kommt es einmal darauf an , nun soll man einmal seinem Stande gemäß sich der Welt zeigen , nun verräth sich ' s , was ein Haus ohne Bedienung ist ! Christoph nimmt sich doch ganz gut aus in der Livree , meinte Pfannenstiel und suchte die auf den Ledersessel ihres Mannes niedergesunkene Dame zu trösten . Aber wer sagt ihm , daß er schon jetzt damit in die Küche kommt , jetzt schon mit der Livree die Wände abschabt ! Er hat sie seit drei Jahren nicht getragen und freut sich , daß er stärker geworden ist . Drum dehnt er sich so aus und reckt sich , daß alle Nähte platzen ! Die Magd , die durch das ganze Haus den Justizdirektor gerufen hatte , kam mit dem endlich Gefundenen zurück . Kind , sagte er mit ängstlicher Miene , sechs ... Acht ! gab die Gemahlin gleich zu . Ich suche dich überall ! Ich war im Keller und du bestimmst nichts , du sorgst für nichts , du bist für nichts , du denkst an nichts . Die rothen oder die gelben ? So sag ' doch ! Vier rothe , zwei gelbe - Aber Herzchen , wir sind - Achtzehn - Neunzehn ! Der Alte mit der schwarzen Binde kommt nicht - Also siebzehn - Was rechnest du denn ! Aber die Frau Pfarrerin Stromer ! Pfannenstiel , hier , schreiben Sie einmal auf ! Pfannenstiel setzte sich zum Schreiben . Erstens , dictirte Frau von Zeisel , Herr Louis Armand - Der Schreinergesell ! ergänzte Pfannenstiel . Der Stand , bemerkte Frau von Zeisel empfindlich , der Stand ist hier nicht nöthig . Wir waren nie stolz . Die rechte Hand des Fürsten und Sekretair des Premierministers ! bemerkte Herr von Zeisel und schnitt damit alle weiteren Erörterungen ab . Zweitens - Herr Ackermann ! bemerkte der Amtsvoigt kräftiglich . Nun , nun , sagte Frau von Zeisel pikirt , der Name brennt Ihm ja recht auf der Zunge . Wer weiß , wie bald die Komödie zu Ende ist . Der Fürst wird bald erkennen , daß er es mit einem Projektenmacher zu thun hat ! Den neuesten Briefen des Justizrathes nach zu urtheilen , wird die Welt binnen Kurzem von Dingen überrascht werden ... Drittens , sagte der Justizdirektor - Laß mich ! unterbrach ihn seine Frau - Zweitens -Nummer Zwei , Frau von Zeisel , sagte Pfannenstiel , der sich in die Umstände zu fügen wußte . Nummer Drei , Herr von Zeisel . Nummer Vier , Herr Ackermann ! sagte jetzt der Justizdirektor selbst . Nummer Vier , Herr Oleander ! unterbrach determinirt seine Gemahlin . Wer ist dieser Ackermann ? Kann er sich einen Studierten nennen ? Wer weiß , wo er herkommt und wo er noch hinfährt ! Nummer Fünf , die Frau Pfarrerin Stromer ! bemerkte der Justizdirektor und um nur Ackermann ganz hinten zu bringen , setzte er hinzu : Nummer Sechs , Herr Doktor Reinick aus Randhartingen . Nummer Sieben , Herr Ackermann ! bemerkte aber der unermüdliche Amtsvoigt wieder , dem einmal dieser Name so werthvoll und bedeutend war wie allen Bewohnern des kleinen Fürstenthums . Nein ! schalt Frau von Zeisel fast zornig . Nummer Sieben , verbesserte ihr Gemahl , Herr Apotheker und Spezereihändler Sonntag aus Randhartingen - Nummer Acht , fuhr seine Gattin fort , Herr Aktuar Weiße aus Plessen ... Nebenan hustete Jemand , der unstreitig Herr Weiße war und sich gleichsam für die Ehre , der Achte zu sein , bedanken wollte . Nummer neun , Ihr Herr Schwager , bemerkte der Justizdirektor verbindlich zu Pfannenstiel , Herr Drossel vom Gelben Hirsch - die Frau nebst Lenchen ist auf dem Heidekrug . Also Fräulein Emmeline Drossel und Fräulein Alwine Drossel - setzte seine Gattin hinzu , als wollte sie sagen : Unsre Herablassung ! Pfannenstiel verbeugte sich und bemerkte nur in den Bart hinein : Macht Zehn und Elf oder eigentlich das Doppelte , denn Drossel speist und ißt für Zwei - auf die heutige Zeitung hin vielleicht ... Dann Zwölf - unterbrach Herr von Zeisel , um seine Frau nicht durch einen vielleicht dreifach gesteigerten Appetit des gefürchteten Radikalen zu erschrecken . Jetzt glaubte aber der Schwager des Wirths vom Gelben Hirsch in der That sagen zu dürfen : Zwölftens , Herr Ackermann . Aber wieder schnitt ihm die Justizdirektorin den Namen ab , indem sie fast gleichzeitig diktirte : Zwölftens und dreizehntens , Herr und Frau Rentmeister von Sänger aus Randhartingen - Vierzehntens , Herr A - Herr Anverwandter , Ökonom aus Randhartingen , sagte Frau von Zeisel . - Mit seinem Besuche aus Schönau - wie heißt er doch ? Dem Ortsvorstand Marx - Macht fünfzehntens - Und vielleicht noch dem Herrn Maler - bemerkte Herr von Zeisel . Welchem Herrn Maler ? Den Marx mit nach Randhartingen gebracht hat , um Herrn Anverwandter zu malen - zum Weihnachtsgeschenk für seine Tochter - Ich las den Brief so flüchtig ... ich besinne mich ... Also fünfzehntens , Herr Marx , sechszehntens , der Herr Maler aus Schönau , recapitulirte Pfannenstiel und glaubte nun für ganz bestimmt endlich sagen zu können : Siebzehntens , Herr Ack