Der Zanderzug ? « » Ja . Er ist nur einmal im Jahr und von seinem Ausfall hängt alles ab . In der Regel bringt er sechshundert , oft eintausendfünfhundert Taler , mitunter freilich auch gar nichts . Dann muß das nächste Jahr den Schaden decken . Aber weil es unsicher ist , was der Zanderzug bringen wird , deshalb können unsere Fischer den See nicht pachten . « » Wann ist der Zug ? « » Im Januar und Februar . Immer im Winter , denn die Netze werden unterm Eis gespannt und gezogen . Es ist jedesmal ein Festtag für Teupitz . « Die Sternwirtin begann nun mit vieler Lebhaftigkeit mir die verschiedenen Phasen des Zanderzuges zu beschreiben , dabei mehr ermutigt als gestört durch meine Fragen , die ganz ernsthaft darauf aus waren , das Verfahren nach Möglichkeit kennenzulernen . Die Handgriffe beim Spannen und Ziehen der Netze blieben mir aber unklar und nur so viel sah ich , daß es die größte Ähnlichkeit mit einer Treibjagd und zwar mit einem Kesseltreiben haben müsse . Die Fischer , wohl vertraut mit dem See , fegen mittelst weitgespannter Netze den Zander in ihnen bekannte Kesselvertiefungen hinein , umstellen ihn hier und schöpfen ihn dann , wie man Goldfische aus einem Bassin schöpft , aus der fischgefüllten Tiefe heraus . Inzwischen erfuhr ich , daß das Boot bereit läge , das mich laut Verabredung auf den See fahren sollte . Gleich vom Goldnen Stern aus läuft ein schmaler Gang auf die Anlegestelle zu . Rechts und links standen Hof- und Gartenzäune , sämtlich in jenen seltsamen Biegungen und Wellenlinien , die bemoostes Zaunwerk im Lauf der Jahre zu zeigen pflegt . Über die Zäune hinweg wuchsen die Kronen der Bäume von hüben und drüben zusammen , was sich namentlich in Nähe des Wassers überaus malerisch ausnahm , wo zugleich der See bis zwischen das Plankenwerk vordrang und mal höher mal tiefer mit seinem gelblichen Schaum eine Grenzmarke zog . An dieser Stelle lag auch das Boot . Ein Fischermädchen vom andern Ufer stand in der Mitte desselben und während ihr weißes Kopftuch im Winde flatterte , stießen wir ab . Der Teupitzsee ist fast eine Meile lang und eine Viertelmeile breit , an einigen Stellen , wo er sich buchtet , auch breiter . Sein Wasser ist hellgrün , frisch und leichtflüssig ; Hügel mit Feldern und Hecken fassen ihn ein , und außer der schmalen Halbinsel , die das Schloß trägt und sich bis tief in den See hinein erstreckt , schwimmen große und kleine Inseln auf der schönen Wasserfläche umher . Die kleinen Inseln sind mit Rohr bestanden , die größeren aber , auch Werder geheißen , sind bebaut und tragen die Namen der beiden Seedörfer , Egsdorf und Schwerin , denen sie zunächst gelegen sind . Also der Egsdorfer und der Schweriner Werder . Wir fuhren von Insel zu Insel , von Ufer zu Ufer ; abwechselnd mit Ruder und Segel ging es auf und ab , planlos , ziellos . Die Teupitzer Kirche , der alte Schloßturm hinter Pappeln , die roten Dächer der Stadt , das Schilf , die Hügel – alles spiegelte sich in dem klaren Wasser , aber , so schön es war , ich hatte doch ein Gefühl , all dies schon einmal gesehn zu haben , nur schöner , märchenhafter , und diese Märchenbilder sucht ' ich nun in Näh und Ferne . Lächelnd gestand ich mir endlich , daß ich sie nicht finden würde . Noch einmal umfuhr der Kahn die Halbinsel , auf der die Überreste des alten Teupitzschlosses gelegen sind ; dann trieben wir , durch den Schilfgürtel hindurch , den Kahn wieder ans Land . Die Stelle , wo wir landeten , lag in dem Winkel , den Ufer und Landzunge bilden , und das alte Teupitzschloß oder mit seinem vollen Namen » das alte Schloß der Schenken von Landsberg und Teupitz « stieg fast unmittelbar vor uns auf . Ich schritt ihm zu . Das alte Teupitzschloß , das in frühe Jahrhunderte zurückreicht , galt ehedem für sehr fest . Es lag an der Grenze zwischen Mark und Lausitz und scheint abwechselnd eine märkische oder sächsische Grenzfestung gewesen zu sein , je nachdem die Waffen oder die Verträge zugunsten des einen oder andern Teils entschieden hatten . Im dreizehnten sowie in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts waren die Plötzkes Herren von Teupitz , um 1350 aber kam die Herrschaft Tupitz oder Tuptz , wie sie damals genannt ward , in Besitz der Schenken von Landsberg und nahm seitdem den Namen des » Schenkenländchens « an . Dies Ländchen umfaßte vier Quadratmeilen ; in seiner Mitte lag Teupitz die Stadt , mit See und Burg . Die Lehnsverhältnisse des » Schenkenländchens « blieben noch geraume Zeit hindurch verwickelter und schwankender Natur , bis endlich der Einfall der Hussiten in die Mark den Ausschlag gab und die Schenken von Landsberg und Teupitz veranlaßte , sich in den Schutz des Brandenburgischen Kurfürsten ( Friedrich I. ) zu begeben . Zwar geschah dies zunächst noch mit der Bemerkung : » unbeschadet unserer Untertänigkeitsverpflichtung gegen den Kaiser und den Herzog von Sachsen « , diese Hinzufügung indes scheint nicht allzu ernsthaft gemeint gewesen zu sein , da Schenk Heinrich von Landsberg schon wenige Jahre später erklärte » daß , sintemalen der Kurfürst , sein gnädiger Herr , mit den Herzögen von Sachsen in Fehde stehe , auch er ( Schenk Heinrich ) mit seinen Helfern und Knechten ihnen , den Herzögen , den Krieg erklären müsse . « Die Schenken von Landsberg und Teupitz blieben nah an vierhundert Jahr im Besitz der Herrschaft . Nachdem aber Schloß und Land infolge des Dreißigjährigen Krieges sehr vernachlässigt , die Weinberge verwildert , die Heiden verwüstet waren , ging das ganze Schenkenländchen im Jahre 1718 durch Kauf an König Friedrich Wilhelm I. über . Er bezahlte dafür die geringe Summe von 54000 Taler , kaufte verlorengegangene Güter zurück , machte das Schloß zu einem » Amt « und stellte das gesamte Schenkenländchen , als Außenwerk der Herrschaft Königs-Wusterhausen , unter die Verwaltung einer Amtskammer . Seit einer Reihe von Jahren ist Schloß Teupitz in die Hände von Privaten übergegangen . Der vorige Besitzer war Herr von Treskow , der gegenwärtige ist Herr von Pappart . Es gibt kein Schloß Teupitz mehr , nur noch ein Amt gleichen Namens . Zu diesem Amt , sehr malerisch an der Stelle des alten Schlosses gelegen , gehört auch selbstverständlich alles , was noch von Resten einer früheren Zeit vorhanden ist . Es ist dies mehr , als auf den ersten Blick erscheint . Alle Wirtschaftsgebäude der linken Hofseite ruhen auf alten hochaufgemauerten Fundamenten , in denen sich mächtige Kellergewölbe bis diese Stunde vorfinden , während der Eingang in den Amtshof durch einen viereckigen Turm , einen sogenannten Donjon , in mittelalterlicher Weise flankiert wird . Dieser Backsteinturm hat noch eine beträchtliche Höhe , was seinem Anblick aber einen ganz besonderen Zauber leiht , ist , daß seine Plattform zu einem völligen Garten geworden . In das Erdreich , das der Regen im Laufe der Jahrhunderte hier niedergeschlagen hat , haben teils die höheren Baumkronen ihre Keime niederfallen lassen , teils haben Wind und Staubwirbel aus dem zu Füßen gelegenen Garten die Samenkörner bis zur Höhe des Turmes emporgetragen . Ein Ebereschenbaum stand in der Mitte desselben und zwischen den Rosensträuchern wuchs » Unserer lieben Frauen Bettstroh « in großen gelben Büscheln über die Mauerkrone fort . Das alte Schloß , erzählen einige , habe früher auf einer völligen Insel gestanden , und erst die Anschwemmungen hätten im Laufe der Zeit aus der Insel eine Halbinsel gemacht . Es ist dies möglich , aber nicht wahrscheinlich . Man sieht nirgends eine Bodenbeschaffenheit oder überhaupt Terraineigentümlichkeiten , die darauf hindeuteten , und alles läßt vielmehr umgekehrt annehmen , daß es stets eine Halbinsel war , die freilich absichtlich und zwar mittelst eines durch die Landenge gestochenen Grabens , zu einer Insel gemacht wurde . Außer Turm und Fundamenten ist an dieser Schloßstelle nichts mehr vorhanden , was an die alten Schenken von Teupitz erinnerte . Noch weniger fast bietet die Kirche , die zwischen dem Schloß und der Stadt , am Nordrande der letzteren gelegen ist . Vor fünfzig Jahren hätte die Forschung noch manches hier gefunden , jetzt aber , nach stattgehabter Restaurierung , ist alles hin , oder doch so gut wie alles . Die Grundform der Kirche hat zwar wenig unter diesen Neuerungen gelitten , alle Details im Innern aber , alle jene Bilder , Gedächtnistafeln und Ornamente , die vielleicht imstande gewesen wären , der ziemlich grau in grau gemalten Geschichte der Schenken von Teupitz etwas Licht und Farbe zu leihen , sie sind zerstört oder verlorengegangen . Bei Öffnung der jetzt zugeschütteten Gruft unter der Sakristei der Kirche fand man eine bedeutende Anzahl Särge , viele mit Messingtäfelchen , auf denen neben den üblichen Namen-und Zahlenangaben auch einzelne historische Daten verzeichnet waren . Diese Täfelchen , in die Pfarre gebracht , sind später in dem Wirrwarr von Umzug und Neubau verlorengegangen . Der gegenwärtige Geistliche hat nur mit Mühe eine kleine Glasmalerei gerettet , die , dem Anscheine nach , einen von der Kanzel predigenden Mönch darstellt . Sonst ist der Kirche aus der » Schenkenzeit « her nichts geblieben , als ein einziger Backstein am Hintergiebel , der die eingebrannte Inschrift trägt : nobil . v. Otto Schenk v. Landsb . ( nobilis vir Otto Schenk von Landsberg ) . Wahrscheinlich war er es , unter dem eine frühere Restauration der Kirche ( 1566 ) stattfand . * Wir haben den See befahren , das Schloß und die Kirche besucht , es bleibt uns nur noch der Jeesenberg , ein Hügel am Südrande der Stadt gelegen , von dem aus man das gesamte Schenkenländchen überblickt . Wir erreichen seinen höchsten Punkt und haben in weitgespanntem Bogen eine Kessellandschaft vor und unter uns . Wohin wir blicken , vom Horizonte her dieselbe Reihenfolge von Hügel , See und Heideland und in der Mitte des Bildes wir selbst und der Berg , auf dem wir stehen . Das Panorama ist schön ; schöner aber wird das Bild , wenn wir auf den Rundblick verzichten und uns damit begnügen , in die nach Osten hin sich dehnende Hälfte der Landschaft hineinzublicken . Es ist dies die Hälfte , wo Teupitz und sein See gelegen sind . Der Wind weht scharf vom Wasser her , aber eine wilde Pflaumbaumhecke gibt uns Schutz , während Einschnitte , wie Schießscharten , uns einen Blick in Näh und Ferne gestatten . Ein Kornfeld läuft vor uns am Abhang nieder , am Fuß des Hügels zieht sich ein Feldweg hin und dahinter breiten sich Gärten und Wiesen ; hinter den Wiesen aber steigt die Stadt auf und hinter dieser der See mit seinen Inseln und seinen Hügeln am andern Ufer . Und auch Leben hat das Bild . Wie losgelöste Schollen treiben die Inseln den See entlang ( oder scheinen doch zu treiben ) , ein satter Fischreiher fliegt landeinwärts und die Tücher der Mägde , die beim Heuen beschäftigt sind , flattern lustig im Winde . Vom nächsten Dorf her kommen Kinder des Wegs und verkürzen sich die Zeit mit Spiel und Neckereien . In Büscheln reißen die Jungen den roten Mohn aus dem Kornfeld und immer , wenn sie die Mädchen zu haschen und mit den Büscheln zu treffen suchen , stäuben die roten Blätter nach allen Seiten hin durch die Luft . So liegen und träumen wir hinter der Pflaumbaumhecke , ducken uns vor dem Wind , wenn er zu scharf bergan fährt , und lugen wieder aus , wenn er pausiert und zu neuem Angriff sich rüstet . In diesem Augenblick aber trägt er die Klänge der Mittagsglocke laut und vernehmbar herüber und mahnt uns zur Rückkehr in die Stadt . Im Goldenen Stern erwartet uns ein gedeckter Tisch ; ich eile damit und spring ' ins Boot , um noch einmal über den See zu fahren . Und diesmal allein . Die kurzen Wellen tanzen um mich her , das Wasser zeigt eine leichte Trübe , der Himmel ist grau . Ein Gefühl beschleicht mich wieder , stärker noch als zuvor , als ruhe hier etwas , das sprechen wolle , – ein Geheimnis , eine Geschichte . Ich ziehe die Ruder ein und horche . Die Wellen klatschen an den Kiel und der Wind biegt das Rohr knisternd nieder . Sonst alles stumm . Die Wolken sinken immer tiefer ; nun öffnen sie sich und hinter der grauen Wand , die der niederfallende Regen nach allen Seiten hin aufrichtet , verschwindet die Landschaft , Stadt und Schloß . So sah ich den Teupitzsee zuletzt und ich habe Sehnsucht ihn wieder zu sehen . Ist es seine Schönheit allein , oder zieht mich der Zauber , den das Schweigen hat ? Jenes Schweigen , das etwas verschweigt . 3. Mittenwalde 3. Mittenwalde » Befiehl Du Deine Wege Und was das Herze kränkt Der allertreusten Pflege Deß , der den Himmel lenkt « ... Und kaum das Lied vernommen , Ist über sie gekommen Der Friede Gottes aus der Höh . Schmidt von Lübeck Teupitz war der äußerste Punkt unserer Pfingstfahrt ; auf dem Rückwege lassen wir es uns angelegen sein , an Mittenwalde nicht ohne Ansprache vorüber zu gehn . Im allgemeinen darf man fragen : wer reist nach Mittenwalde ? Niemand . Und doch ist es ein sehenswerter Ort , der Anspruch hat auf einen Besuch in seinen Mauern . Nicht als ob es eine schöne Stadt wäre , nein ; aber schön oder nicht , es ist sehenswert , weil es alt genug ist , um eine Geschichte zu haben . Es hat sogar eine Vorgeschichte : Sagen und Traditionen von einem Alt-Mittenwalde , das , in unmittelbarer Nähe der jetzigen Stadt , auf der westlichen Feldmark derselben gelegen war . Und in der Tat , unter Wiesen- und Ackerland finden sich an dieser Stelle noch allerlei Steinfundamente vor , und während das Auge des Fremden über Felder und Schläge zu blicken glaubt , sprechen die Mittenwalder vom » Vogelsang « , vom » Pennigsberg « , vom » Burgwall « usw. , als ob all diese Dinge noch sichtbarlich vor ihnen stünden . Daß hier früher und zwar in einem enggezogenen Halbkreis um die jetzige Stadt her ein anderes Mittenwalde stand , scheint unzweifelhaft . Es finden sich beispielsweis allerlei Münzen am » Pennigsberg « , und als Ende der fünfziger Jahre Kanalbauten und Erdarbeiten am » Burgwall « zur Ausführung kamen , stieß man auf Eichenbohlen , die wohl drei Fuß hoch mit Feldsteinen überschüttet waren . Ersichtlich ein Damm , der früher – mitten durch den Sumpf hindurch – erst nach dem Burgwall und von diesem aus nach der inmitten desselben gelegenen Burg führte . So die Traditionen , und so das Tatsächliche , das jene Traditionen unterstützt . Aber so gewiß dadurch der Beweis geführt ist , daß auf der westlichen Feldmark ein anderer längst untergegangener Ort existierte , so wenig ist dadurch bewiesen , welcher Art der Ort war und in welchem Verhältnis er zu der Burg und dem Pennigsberge stand . Wie verhielt es sich damit ? War die Burg ein Schutz der Stadt oder umgekehrt ein Trutz derselben ? Waren Stadt und Burg wendisch oder waren sie deutsch ? Befehdeten sie einen gemeinschaftlichen Feind , oder befehdeten sie sich untereinander ? Alle diese Fragen drängen sich auf , ohne daß eine Lösung bisher gefunden wäre . Die Tradition scheint geneigt , einen alten Wendenort anzunehmen , der inmitten des » Burgwalls « seine Burg und auf dem » Pennigsberg « seine Begräbnisstätte hatte . Bevor Besseres geboten ist , ist es vielleicht am besten , dabei zu verharren . Ausgrabungen auf dem westlichen Stadtfelde würden gewiß zu wirklichen Aufschlüssen führen , aber diese Ausgrabungen wurden in unbegreiflicher Weise vernachlässigt . Die Kommunen entbehren in der Regel des nötigen Interesses und unsere Vereine der nötigen Mittel . Indessen lassen wir das vorgeschichtliche Mittenwalde und wenden uns lieber dem mittelalterlichen zu , das , aller Verheerungen ungeachtet , in einzelnen Baulichkeiten immer noch existiert . Da haben wir die Mauer mit ihren Tortürmen , da haben wir die Propsteikirche und da haben wir vor allem auch den » Hausgrabenberg « , von dessen Höhe herab nach allgemeiner Annahme » Schloß Mittenwald « in die Mark und die Lausitz hineinblickte . Die Lage dieses » Hausgrabenberges « im Norden des zu verteidigenden Notteflüßchens , dazu das Fortifikatorische der an andere Hügelbefestigungen jener Zeit erinnernden Anlage , würden es wie zur Gewißheit erheben , daß das Schloß an diesem Punkt und nur an diesem gestanden haben müsse , wenn nicht der eine Umstand , daß , soviel ich weiß , keine Spur von Steinfundamenten innerhalb des Berges gefunden worden ist , das Urteil wieder schwankend machte . Gleichviel indes , was auf seiner Höhe gestanden haben mag , jetzt steht ein Häuschen auf demselben , das sich in Weinlaub versteckt und über dessen Dach hin , als ob es doppelt geschützt werden sollte , sich die Wipfel alter Birnbäume wölben . Im Spätsommer , wenn die blauen Trauben an den Wänden hängen und die goldgelben Birnen entweder vom Wind oder der eigenen Schwere gelöst polternd über das Dach hin rollen , muß es schön sein an dieser Stelle . » Der Hausgrabenberg « hat ein reizendes Haus . Aber ein baulich größeres Interesse bietet doch der alte Torturm der Stadt , dem wir uns jetzt zuwenden . Er liegt nach Norden hin , auf dem Wege nach Köpenick und Berlin , und führt deshalb den Namen : das Köpenicker oder Berliner Tor . In alter Zeit , als Mittenwalde noch » fest « war , war dieser Torbau von ziemlich zusammengesetzter Natur und bestand aus einem quer durch den Stadtgraben führenden Steindamm , dessen Mauerlehnen hüben und drüben in einen Außen- und Innenturm ausliefen . Von jenem , dem Außentor , steht noch die Front , ein malerisch gotisches Überbleibsel , das in seiner Stattlichkeit und reichen Gliederung mehr noch an die berühmten Torbauten altmärkischer Städte ( beispielsweise Salzwedels und Tangermündes ) als an verwandte Bauten der Mittelmark erinnert . Es scheint , daß es ein geräumiges und beinah würfelförmiges Viereck war , das an jedem Eck einen Rundturm und zwischen diesen vier Rundtürmen – und zugleich über sie hinauswachsend – ebenso viele mit zierlichen Rosetten geschmückte Giebel trug . Aus dem dreizehnten Jahrhundert stammt die Mittenwalder Propstei- oder St. Moritz-Kirche . Die Kreuzgewölbe sind später . Man sieht deutlich , wie die mächtigen alten Pfeiler in bestimmter Höhe weggebrochen und die alten Tonnengewölbe durch neue , von eleganterer Konstruktion ersetzt wurden . Um vieles moderner ist der Turm , dem übrigens mit Rücksicht auf das Jahr seiner Entstehung ( 1781 ) alles mögliche Lob gespendet werden muß . Er paßt nicht zur Kirche , nimmt sich aber nichtsdestoweniger gut genug aus . Ähnlich wie die schweren alten Steinpfeiler , die jetzt die Kreuzgewölbe tragen , unverändert dieselben geblieben sind , hat auch der Baumeister von 1781 die früheren Turmwände bis zu bestimmter Höhe hin als Unterbau fortbestehen lassen . Dadurch ist etwas ziemlich Stilloses , aber nichtsdestoweniger etwas Anziehendes und Malerisches entstanden . Die sich verjüngenden Etagen erheben sich auf dem mächtigen alten Feldsteinfundamente nach Art einer Statue auf ihrem Piedestal , und die Hagerosen und Holunderbüsche , die zu Füßen dieses aufgesetzten Turmes auf der Plattform des Unterbaues blühn , erfreuen und fesseln den Blick . Und nun treten wir in das Innere der Kirche , die reich ist an Bildern und Grabsteinen und noch reicher an Erinnerungen . An den Wänden ziehen sich , chorstuhlartig , fünfundvierzig Kirchenstühle der alten Gewerks- und Innungsmeister hin , jeder einzelne Stuhl an seiner Rückenlehne mit den Gewerksemblemen geschmückt . Vor dem Altare liegen die Grabsteine von Burgemeister und Rat , der Altar selbst aber , ein Schnitzwerk aus katholischer Zeit und mit Bildern auf der Kehrseite seiner Türen , ist mutmaßlich ein Geschenk , das vom Kurfürst Joachim I. der Mittenwalder Kirche gemacht wurde . Zwischen Altarwand und Altartisch , auf schmalem Raume , begegnen wir noch einem Christuskopf auf dem Schweißtuche der heiligen Veronika , die Teilnahme jedoch , die wir diesem Bilde zuwenden , erlischt vor dem größeren Interesse , mit dem wir eines Porträts ansichtig werden , das vom Seitenschiffe her und zwischen den Pfeilern hindurch in Lebensgröße herüberblickt . Es ist nicht das Bild als solches , das uns fesselt , es ist der , den es darstellt : neben der schmalen Sakristeitür , in schlichter Umrahmung , hängt das Bildnis Paul Gerhardts . Paul Gerhardt war Propst zu Mittenwalde von 1651 bis 1657 . Vor etwa fünfzig Jahren wurde dieses Bildnis Paul Gerhardts nach einem in der Kirche zu Lübben befindlichen Original angefertigt und der Mittenwalder Kirche , zur Erinnerung an die Zeit seines Wirkens allhier , zum Geschenk gemacht . Es ist ein gutes Bild ; die Züge verraten viel Milde , doch nichts Weichliches , und die Unterschrift , ebenfalls dem Lübbener Original entnommen , lautet wie folgt : Paulus Gerhardus Theologus in Cribro Satanae tentatus et devotus postea , obiit Lubbenae anno 1676 , aetate 70. Rechts daneben befinden sich folgende Distichen : Sculpta quidem Pauli viva est ut imago Gerhardi , Cujus in ore fides , spes , amor usque fuit , Hic docuit nostris Assaph redivivus in oris Et cecinit laudes Christe benigne tuas : Spiritus aethereis veniet tibi sedibus hospes , Haec ubi saepe canes carmina sacra Deo . Also etwa : Ganz wie er lebte sind hier Paul Gerhardts Züge zu schauen , Draus nur Glaube allein , Hoffnung und Liebe gestrahlt ; Ja , er lehrte bei uns , ein wiedererstandener Assaph , Und er erhob im Gesang , güt ' ger Erlöser , Dein Lob . Hoch von den himmlischen Höh ' n steigt nieder der Heilige Geist uns , Singen die Lieder wir oft , die er gesungen dem Herrn . 30 Paul Gerhardt , wie schon hervorgehoben , war sechs Jahre lang Propst an der Mittenwalder Kirche und es ist höchst wahrscheinlich , daß einige der schönsten Lieder , die wir diesem volkstümlichsten unserer geistlichen Liederdichter verdanken , während seines Mittenwalder Aufenthaltes , in Leid und Freud ' des Hauses und des Amtes gedichtet wurden . Begleiten wir ihn auf seinem Ein- und Ausgang . Paul Gerhardt kam spät ins Amt . Er war bereits sechsundvierzig Jahre alt , als die Kirchenvorstände von Mittenwalde , wo der Propst Goede eben gestorben war , sich an das Ministerium der St. Nikolaikirche zu Berlin wandten mit dem Ersuchen , einen geeigneten Mann für die Mittenwalder Propsteikirche in Vorschlag zu bringen . Die Kirchenbehörden von St. Nikolai waren schnell entschieden ; sie kannten Paul Gerhardt , der seit einer Reihe von Jahren als Lehrer und Erzieher im Hause des Kammergerichtsadvokaten Andreas Berthold tätig war und durch Lieder und Vorträge längst die Aufmerksamkeit aller Kirchlichen auf sich gezogen hatte . Diesen empfahlen sie . Nach zwanzigjährigem Harren sah sich Paul Gerhardt am Ziele seiner innigsten Sehnsucht und mit dem Dankeslied : » Auf den Nebel folgt die Sonn ' , auf das Trauern Freud ' und Wonn ' « , empfing er die Vokation und trat mit dem neuen Kirchenjahr 1651 ins Amt . Freudig begann er es und voll guten Muts , all der Gegnerschaften und Widerwärtigkeiten Herr zu werden , an denen es von Anfang an nicht ermangelte . Neid , verletztes Interesse , gekränkte Eigenliebe – der seit Jahren an der Mittenwalder Kirche predigende Diakonus Allborn hatte darauf gerechnet , Propst zu werden – erschwerten ihm Amt und Leben , aber wenn er dann abends an dem offenen Hinterfenster seiner Arbeitsstube saß und über die Stadtmauer hinweg in die dunkler werdenden Felder blickte , während von der Propsteikirche her der Abend eingeläutet und eine alte Volksweise vom Turm geblasen wurde , dann ward ihm das Herz weit , und den Atem Gottes lebendiger fühlend , kam ihm selber ein Lied und mit dem Liede Glück und Erhebung . Es war die Volksweise : » Innsbruck , ich muß dich lassen « , die vom Turm herab allabendlich erklang , dieselbe alte Weise , von der Sebastian Bach später zu sagen pflegte : » er gäb ' all seine Werke darum hin « , und der fromme P. Gerhardt , der wohl wissen mochte , wie seine Gemeinde daran hing , trachtete jetzt danach , der schönen alten Melodie tiefere Textesworte zugrunde zu legen . So entstand das » Abendlied « : Nun ruhen alle Wälder , Vieh , Menschen , Städt ' und Felder , Es schläft die ganze Welt – jenes Musterstück einfachen Ausdrucks und lyrischer Stimmung , das durch einzelne daran anknüpfende Spöttereien ( z.B. die ganze Welt könne nie schlafen , weil die Antipoden Tag hätten , wenn wir zur Ruhe gingen ) an Volkstümlichkeit nur noch gewonnen hat . Glaub ' und Liebe richteten ihn wohl auf , wenn die Kümmernisse des Lebens ihn niederdrücken wollten , aber ein Gefühl der Einsamkeit blieb ihm , und sein Herz sehnte sich nach Genossenschaft , nach einem Herd . Im vierten Jahre seines Amtes bewarb er sich um die Hand Maria Bertholds , der ältesten Tochter jenes frommen Hauses , in dem er so viele Jahre glücklich gewesen war , und Propst Vehr von St. Nikolai , der beide seit lange gekannt und geliebt hatte , legte beider Hände ineinander . Um die Mitte Februar 1655 zog Maria Berthold in die Mittenwalder Propsteiwohnung ein . Innige Liebe hatte das Band geschlossen und Paul Gerhardt glaubte nun den Segen um sich zu haben , der alle bösen Geister von seiner Schwelle fernhalten würde . Neu gekräftigt in seinem Glauben und neu gestimmt zur Dankbarkeit , war es um diese Zeit wohl , daß er den hohen Freudensang anstimmte : Warum sollt ' ich mich denn grämen ? Hab ' ich doch Christum noch , Wer will mir den nehmen ? Wer will mir den Himmel rauben , Den mir schon Gottes Sohn Beigelegt im Glauben ? Aber es war anders bestimmt . Die Freudigkeit des Gemüts sollt ' ihm nicht zufallen , er sollte sie sich erringen in immer schwerer werdenden Kämpfen . Ein Töchterlein , das ihm geboren wurde , starb bald , und die Kränkungen , die das Auftreten Allborns im Geleite hatte , zehrten immer mehr an Gesundheit und Leben seiner nur zart gearteten Frau . Nicht frohe Tage waren diese Mittenwalder Tage , selbst äußere Not gesellte sich , und als der auch jetzt noch in seinem Glauben und Hoffen unerschüttert Bleibende jenes Vertrauenslied anstimmte , das von Strophe zu Strophe die Worte wiederholt : » Alles Ding währt seine Zeit , Gottes Lieb ' in Ewigkeit « , da war das Herz der sonst frommen Frau bereits klein und ängstlich genug geworden , um sich mißgestimmt und bitter fast von einer Glaubenskraft abzuwenden , die weit über die Kraft ihres eigenen schwachen Herzens hinausging . Tiefe Schwermut ergriff sie . Paul Gerhardt selbst aber , in jener Freudigkeit der Seele , wie sie das Vorgefühl eines nahen Sieges und endlicher Erhörung leiht , schlug seine Bibel auf und las die Worte des Psalmisten : » Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn : er wird ' s wohl machen « . Und einem Funken gleich fiel das Wort in seine Brust . Er mußte freier aufatmen , die Stube ward ihm zu eng , und auf-und abschreitend in den Gängen des alten Propsteigartens , entquollen ihm die ersten Strophen zu jenem großen Trostes- und Vertrauensliede : » Befiehl du deine Wege « . Bewegt aber auch erhoben ging er in das Haus zurück , empfand er sich doch als Träger einer Botschaft , der kein Herz widerstehen könne . Und siehe da , an der schwermütigen Stimmung seiner Frau erprobte das Lied zum ersten Male seine wunderbare Kraft . Alles Leid floß hin in Tränen , alle Trübsal wurde Licht , und eh ' noch der Rausch gehobenster Empfindung vorüber war , war auch schon die Hilfe da – ein Abgesandter , ein Brief , der den Mittenwalder Propst als Diakonus an die Berliner Nikolaikirche berief . Er reichte seiner Hausfrau das Schreiben und sagte ruhig : » Siehe wie Gott sorget . Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn , er wird ' s wohl machen . « Paul Gerhardt verließ Mittenwalde im Juli 1657 . Dem weitern Gange seines Lebens folgen wir an dieser Stelle nicht , aber die Frage drängt sich auf : was ist der Stadt , in der einige seiner schönsten Lieder entstanden , aus der Zeit seines Lebens und Wirkens erhalten geblieben ? sind noch Plätze da , die von ihm erzählen , und welche sind es ? Die Stadt bietet nichts . Das Propsteigebäude , das noch vor einigen fünfzig Jahren bewohnt war , ist seitdem abgebrochen und selbst der Garten , in dessen Gängen er mutmaßlich das » Befiehl du deine Wege « dichtete , liegt , wüst geworden , ohne Zaun und Einfassung zwischen zwei Nachbargärten . Die Stadt bietet nichts mehr , wohl aber die Kirche . Dicht unter seinem Bildnis , dessen ich bereits ausführlicher erwähnte , sehen wir eine Steintafel in die Wand des Seitenschiffes eingelassen , die folgende Inschrift trägt : Maria Elisabeth – Pauli Gerhardts , damaligen Probstes allhier zu Mittenwalde und Anna Maria Bertholds erstgebohrnes , herzliebes Töchter lein , so zur Welt kommen d. 19. Mai Anno 1656 und wieder abgeschieden d. 14. Januar Anno 1657 – hat allhier ihr Ruhebettlein und dieses Täfflein von ihren lieben Eltern . Genesis 47. V. 9. » Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens . « Ein grüner Kranz faßt die Inschrift ein und Engelsköpfe schmücken die vier Ecken .