! Und eher wollt ' er mich niederstechen , wobei ihm der Portepéefähnrich , Sie kennen ihn ja , es ist der kleine blonde , er heißt von Flottwitz , den Arm hielt , daß er nicht so schändlich konnte ausführen , was er drohte . Aber eine Rede hielt er nun , daß er schon längst wisse , was die dritte Compagnie zum Abschaum in der Armee mache und daß wir die Cocarde verlieren sollten und solche niederträchtige Sachen mehr , bis er dann sagte , daß er alles Dieses aufschreiben und mich wegen meiner Rebellion auf acht Tage in Mittelarrest bringen würde . Das nahm auch seinen Fortgang . Beim Appell wurde ich vorgerufen und mein guter Major , der Herr Major von Werdeck , für den das Bataillon sein Leben in die Schanze schlägt , sagte mir : Hören Sie , Sandrart , ist es wahr , Sandrart , sagte er , daß Sie ein demokratisches Lied geblasen haben ? Herr Major , sagt ' ich , ich habe eine Melodie geblasen , auf die die Soldaten einen Vers sungen , der darauf paßte wie die Faust aufs Auge . Was blusen Sie ? fragte der Major . » Wenn ich in stiller Mitternacht « , sagte ich . Und was sungen die Soldaten ? » Was ist des Deutschen Vaterland ? « Darauf kehrte sich mein braver Major zu unserm Lieutenant um , sagte gar nichts , sondern nahm seinen Tschako ab . Das war prächtig ! Auf unserm Tschako haben wir jetzt nämlich zwei Cocarden , die von unserm Landesvater und die vom deutschen Vaterland . Da sagte er gar nichts , sondern zeigte blos auf die kleine Cocarde , daß die noch gälte und er ging dann seiner Wege . Der Lieutenant warf mir aber einen giftigen Blick zu und wird mir ' s wol noch gedenken . Lieber Vater , es ist hier nicht Alles so , wie es sein sollte . Unser Fürst Egon ist Minister geworden . Ich sah ihn heute früh in die Kammer fahren . Er sah schon recht blaß aus . Den werden sie bald mürbe kriegen ! Adie , lieber Vater ! Sie brauchen mir vor Weihnachten nichts mehr zu schicken , seien Sie nur freundlich mit Franziska und grüßen Sie sie von mir , auch Herrn Armand , der jetzt auf dem Schlosse ist , aber bald wiederkommen wird . Er ist Franziska zugethan und sie hat ihn gern , das weiß Gott ! Leben Sie wohl , lieber Vater , und bleiben Sie noch lange am Leben ! Dies wünscht Ihr Sie aufrichtig liebender Sohn Heinrich Sandrart , Sergeant in der dritten Compagnie , Leibregiment . « Der Eindruck dieses Briefes war auf jeden der drei Anwesenden ein andrer . Ackermann schien erst an den naiven Wendungen und dem gutmüthigen Charakter des jungen Bauernsohnes den lebhaftesten Gefallen zu haben , stockte aber am Schluß bei der Stelle über die Nachricht von Egon ' s schwieriger Stellung und seinem bedenklichen Aussehen . Auch Louis hörte die Mittheilung voll Besorgniß , war aber von dem gläubigen , vertrauenden Tone seines Nebenbuhlers beschämt , während er sich vorwurfsvoll sagte : Wie unwahr bist Du ! Wie grausam und wie thöricht ! Der Bauer aber , der eben , als der Brief zu Ende ging , sich anschicken wollte , auf die verdammte demokratische Richtung seines Sohnes loszuwettern , erschrak über den Schluß , bei welchem Ackermann im Lesen auf Louis Armand deutete , so sehr , daß er in Verlegenheit gerieth , jetzt erst zu begreifen , wen er vor sich hatte ! Den bekannten Freund des Prinzen ! Den Abgesandten desselben Egon , den er auf der Landstraße einst zu sich genommen hatte , in seinem Wagen in die Stadt führte und für einen Landstreicher hielt und so behandelte ! Er hatte Ackermann oft genug davon erzählt , mit Beklommenheit sich von Heunisch und Herrn von Zeisel berichten lassen , was Se . Durchlaucht selbst über diesen Vorfall gemunkelt hätten und nun war dies jener im ganzen kleinen Fürstenthume bekannte Freund und Gefährte der sonderbaren Jugendschicksale des Fürsten , der , wie Alle einstimmig versicherten , ein einfacher Tischlergesell sein sollte . Vor Erstaunen blieb ihm der Mund offen . In seiner Verlegenheit hätt ' er gern dem Franzosen einen Beweis seiner Achtung , auch gern einen Einblick in seine gute Lage geben mögen . Er sprach von einem Staatszimmer , das er hätte sollen aufschließen lassen und äußerte sogar etwas von Wein , den er doch im Keller hätte . Da kommt es heraus ! sagte Ackermann , der wieder zu seiner Laune zurückkehrte . Nun schämt er sich , daß er uns so bärbeißig empfangen hat ! Am besten , Nachbar , könnt Ihr es dadurch gut machen , daß Ihr diesen freundlichen Herrn ersucht , bei dem Fränzel , das ich nun auch kennen lernen muß , ein gutes Wort für Euern Sohn einzulegen , damit der arme Flötenbläser , der für den König nicht zu taugen scheint , erhört wird , seinen Abschied nimmt und hier zum Vater herzieht . Eine Probe ihrer Liebe soll die sein , daß sie noch drei Jahre mit Euren heißen Kachelöfen , in deren Nähe eine luftliebende Lunge umkommen kann , vorlieb nimmt . Ne ! sagte der alte Bauer wieder mit demselben Ausdruck bestimmter , ruhiger und kalter Malice . So nicht ! Eigensinniges Volk , das Ihr seid ! polterte Ackermann und brach nun auf . Kommen Sie , Freund , es ist hier zu heiß . Der Bauer begleitete mit vieler Umständlichkeit und dem Drange , sich eigentlich jetzt erst recht lebhaft mit dem jungen Franzosen zu verständigen , seinen Besuch vor die Thür und über den Hof . Es regnete nicht mehr . Der Weg war nur zu schlecht , sonst hätt ' er Louis gern ausführlicher über seinen Sohn , ob er ihn kenne , wo er ihn gesehen hätte , wie er ihn gesehen hätte , ausgefragt . Den Fürsten , den er auf seinem Leiterwagen gar schnöde behandelt haben mußte , wagte er nicht zu erwähnen . Louis Armand war in der eignen Lage , von Heinrich Sandrart mit Interesse sprechen zu müssen . Er räumte ihm all ' die vortrefflichen Eigenschaften von Herzen ein , die er an dem jungen Nebenbuhler kannte und trotz seiner getheilten Empfindung zugestehen mußte . Als Ackermann mit Louis allein war und zu seinem Wohnhause die Schritte zurücklenkte , verwünschte er den Eigennutz dieser besitzenden Klasse auf dem Lande und fand alle Fehler des deutschen Charakters in unserm Bauernstande wieder . Man spräche , sagte er , vom Egoismus der Fürsten und des Adels , diese Bauern wären die ärgsten Verbündeten jenes auf Vorrechte und ein gieriges Mein ! oder Dein ! begründeten stabilen Prinzipes . In der weiteren Ausführung dieser Thatsache und ihrer Vergleichung mit den Verhältnissen andrer Länder , besonders dem freien Blicke der amerikanischen Farmer kehrten sie zu dem Wohnhause zurück , wo schon der Knecht mit dem Einspänner harrte . Selma und Oleander waren noch nicht sichtbar . Ackermann horchte an der Thür , wo die Lection gehalten wurde und ersuchte Louis , da sie noch nicht zu Ende schien , noch so lange bei ihm einzutreten . Louis fand dadurch Gelegenheit , die Eindrücke dieses Besuches noch einmal zusammenzufassen , für die freundliche Aufnahme zu danken und Ackermann den glücklichsten Fortgang seiner Unternehmungen zu wünschen . Empfehlen Sie mich dem Fürsten , sagte Ackermann , indem er Louis ' Hand ergriff , sagen Sie ihm , daß ich mich bemühen werde , das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen . Zu Neujahr treffen die Hülfsmittel meiner künftigen Thätigkeit ein . Sehen Sie , der elende und geringe Sinn , den Sie bei jenem Bauer , meinem Nachbar , gefunden haben , ist er nicht eine Folge der elenden und geringen Hülfsmittel , mit welchen man bisher der Natur ihre Geheimnisse , die sie ungern hergibt , zu entlocken suchte ? Da wo der Mensch und immer nur der Mensch allein , höchstens mit einem dummen Stiere , einem geduldigen Pferd der großen allgewaltigen Natur gegenübersteht und sie sich allerdings in gewissem Sinne dienstbar macht , da wächst auch der Dünkel , der Hochmuth , wenn nun wirklich diese kleinen Handgriffe gelingen und sich ihre Erträgnisse in Geld verwandeln , das man nicht zu benutzen versteht . Sagen Sie dem Fürsten ... doch ich spreche Sie ja morgen noch ! Wie lange denken Sie zu bleiben ? Wenn Egon leidet , sagte Louis , wenn ich höre , daß ihn sein politisches System vielleicht zu gewaltsamen Schritten treibt , so hab ' ich einen Drang , bei ihm zu sein , der mich in wenig Tagen von hier entfernen wird . Bleiben Sie in seiner Nähe , schloß Ackermann mit einem eignen Tone der Rührung . Schützen Sie ihn vor der Welt , auch vor sich selbst . Ich fürchte , er kam zu jung auf einen Platz , der gereifte Männer erfordert . Ich fürchte , die traurige Ideenlosigkeit des Momentes , die schwierige Lage des Hofes und die Rathlosigkeit , mit der sich die privilegirten Stände nach Geistern umsehen , die für sie mit einer leidlichen Theorie in die Schranken treten , hat hier etwas zu Stande gebracht , was weder jene zu ihrem , noch ihn zu seinem Ziele führt . Entweder zerfällt jene Gesellschaft mit Egon oder Egon mit sich selbst - das Letztere - Wäre entsetzlich ! fiel Louis ein . Wenn Sie Ihren Freund und Gönner recht in Gefahr wissen , in geistiger Gefahr , wollen Sie mir es dann schreiben ? sagte Ackermann . Versprechen Sie mir Das ? Ich versprech ' es Ihnen ! antwortete Louis überrascht ... Ich verstehe mehr als den Feldbau , fuhr Ackermann fort . Ich kenne das Leben - und die Wissenschaft war einst mein Beruf . Wie ist es nur möglich , mußte ihn Louis , den diese Bemerkung schon lange brannte , jetzt fragen , wie ist es nur möglich , daß ein Mann von Ihrer Weltbildung , die ihn recht eigentlich auf den Verkehr der großen Städte anzuweisen scheint , sich durch dies einfache Landleben befriedigt fühlen kann ! Sie stehen geistig so hoch und müssen hier so niedrig steigen . Es umgeben Sie Menschen , die unbedingt keine andre Sprache verstehen als die der Beschränktheit und Selbstgenügsamkeit . O mein junger Freund , antwortete Ackermann , schon seit einer Reihe von Jahren hab ' ich mir dies Leben der Beschränkung und Einsamkeit anfangs als eine Läuterung , die mir schwer wurde , dann als eine Pflicht , die mir Vergnügen machte , auferlegt . Was ist diese Welt ? Ich habe sie durchgekostet bis zur Hefe . Ich bin in den Irrthümern des ringenden Ehrgeizes , der ungebändigten Herzensregungen aufgewachsen . Ich habe mich auf seidene Polster gestreckt und aus goldenen Bechern die Lust des Lebens getrunken . Ich war nie vermögend , aber ich besaß angeboren das Talent des Reichthums . Ich konnte Denen , die besaßen , meine Phantasie leihen und ihnen sagen , was den Genuß steigere und veredle . Ich lag wie auf Rosenblättern und über mir herab hingen die vollen braunen Trauben . Ich durfte nur zugreifen . Freilich war ich dabei ein Sklave . Ich hatte die Freiheit des Herzens nicht . Für Glück und Annehmlichkeit , die mich umgaben , für Liebe sogar , die mich mit weichen Sammethänden pflegte , mußte ich doch die Kette dieser Liebe , die meinem Ideale nicht entsprach , hart empfinden . Wissen Sie , was eines der kläglichsten Loose des gebildeten Menschen ist ? Empfindungen heucheln zu müssen , die man nicht hat , erkenntlich sein müssen für eine Hingebung , deren Gründe uns verdächtig scheinen . Ich war jung , strebsam , ehrgeizig . Ich hatte eine Phantasie wie Sardanapal . Ich konnte mir die glänzendste Welt , in der ich leben mochte , zaubern . Da fand ich sie ! Ein Weib , das mich liebte , schüttete die Freuden der Bequemlichkeit auf mich herab . Ich reiste mit ihr . Sie liebte mich , ich erwiederte wenigstens äußerlich ihre Hingebung und mußte mir sagen , weil ich besser , weil ich edler in meinen Regungen war , als sie selbst in ihren angebornen , ehrgeizigen , unwahren , so hielt ich sie in ihrer sittlichen Haltung empor und diente ihr als Stamm und Anlehnung . Allein es war eine Sklaverei . Lieben sollen , wo man nicht liebt ! Schön finden müssen , was uns nicht gefällt ! O mein Freund , ich erkenne in dem Freunde des Fürsten Egon , so bescheiden und anspruchlos Sie auch sind , doch ein Auge , das auf die Tiefe des Herzens geht und sage Ihnen , ich verachtete mich . Ein junger Mann , geliebt von einer älteren Frau , die für ihn sorgt , ihn nur für sich und nur für sich in Beschlag nimmt , ist in neunzig bei hundert Fällen tief , tief verächtlich . Ich klirrte mit meiner glänzenden Kette . Ich riß mich heimlich zuweilen los . Ich fand Wesen , die mich bemitleideten , weibliche Wesen , die schöner , lieblicher , edler als meine Herrin waren . Ich genoß kurze Triumphe meiner Freiheit und mußte doch zu meinem Joch zurückkehren , denn ein eigner Zufall wollte , daß meine Gebieterin von der festen Vorstellung beherrscht war , daß sie früh sterben würde . Ich kann Ihnen den ganzen Roman meines Herzens nicht erzählen . Nur andeuten wollt ' ich , was mir dies Leben da in den Städten und unter den civilisirten Menschen zum Ekel vergällte . Ich fand ein kindlich reines Gemüth , das mich liebte , die Mutter meiner Selma . Es war eine einfache Weiblichkeit , die nichts zu bieten hatte als sich selbst . Wie fühlt ' ich mich veredelt von ihrer reinen Ursprünglichkeit ! Da lag noch Alles unentweiht in der jugendlichen Brust , nichts vergeudet , nichts angegriffen von Dem , was zu ihren edelsten Schätzen gehörte . Ich fühlte wohl , daß bei diesem jungen Kinde , das durch eine sonderbare Fügung von meiner früheren Geliebten systematisch dahin erzogen wurde , mich liebenswerth zu finden und ihr Grauen vor mir zu besiegen , ich fühlte wohl , daß eine bedeutende , ihre Umgebungen umgestaltende Entwickelung bei Selma ' s Mutter nie eintreten würde , aber gerade , daß ich ihr so viel von dem Meinen zu geben hatte und daß es nur das Gute war , was ich aus meinem Wesen ausscheiden mußte zu ihrem Dienste , das hob mich wieder sittlich empor und bestärkte mich in meinem Entschluß , mir eine große , starke , lebenerschütternde Läuterung aufzulegen . Ich ging nach Amerika . Da hab ' ich am Missouri einsam gelebt und mir die Reste der besseren Bestimmung noch wohlweise und sorglich einmal zusammengelegt . Es gab ein Ganzes ! Es war nichts Halbes mehr , was mich erfüllte . Ich lebte einem Berufe , der mir anfangs schwer wurde , dann mich aber unterhielt , mich sogar begütert werden ließ . Ich sah wohl , daß Selma ' s Mutter durch die Trennung litt . Da hatt ' ich eine geistige Aufgabe zu lösen , einen Mollton durch unser Leben durchzuführen . Auch dieser Schmerz dessen Ursache ich sogleich doch nicht aufheben konnte , wirkte milde und gut . Ich verwies auf zukünftige Hoffnung und versprach Rückkehr nach Europa . Die Gute erlebte sie nicht . So mußt ' ich ihrem Kinde , Selma , mein Wort halten . Ich kehrte ungern zurück . Aber wenn ich diese Ehrenschuld , die ich abzutragen hatte , gern bezahlen soll , so mußt ' es so kommen , wie jetzt ! Ich bin ein Ascetiker der Weltlichkeit ! Ich bin ein Egoist der Universalität ! Ich weiß nicht , ob ich Ihnen verständlich bin . Ich will nur sagen , daß ich in meinem kleinen Dasein das ganze All wiederzuspiegeln suche und nichts thue , nichts im Geringsten und Kleinsten ergreife , ohne mir zu sagen : Das muß so sein ! Das ist gut so ! Die alte Zeit , wo mir Alles nur provisorisch war , wo ich immer rannte , hoffte , mich und Andre vertröstete , liegt hinter mir . Was ich beginne , ist nützlich , und was ich sehe und erlebe , ist gut . Ich will nichts mehr vom Überfliegenden . Da jenen Strauch an diesem Fenster zu beobachten , wie lange ihn der Schnee decken wird und wann er sein erstes grünes Keimchen schießen wird , Das ist mir eine Wonne , und auf solche Freuden beschränk ' ich mich . So sehen Sie denn , daß ich mit Bauern bäurisch , mit Handwerkern handwerksmäßig , mit Dichtern dichterisch empfinden und reden kann , ohne verdrießlich zu werden und wie in jungen Zeiten etwa mein Schicksal zu beklagen . So sprach Ackermann ... Hätte ihn Pauline von Harder reden hören , den geliebten Heinrich Rodewald , sie würde doch vor Wehmuth und Wonne gezittert haben , ob er sie gleich anklagte . Sie besaß die Fähigkeit , auch diese Größe seiner Worte zu verstehen ... Louis Armand mußte während dieser ihn ehrenden Geständnisse eines solchen Mannes an Murray denken . Es war derselbe Geist der Reue , der beide Männer ergriffen hatte , hervorgegangen aus unähnlichen Zuständen . Er hätte gern gewünscht zu wissen , ob in Ackermann die religiöse Färbung seiner Gefühle auch so stark war , wie bei dem ehemaligen , in sich gekehrten , leichtsinnigen Verbrecher . Deshalb warf er das Wort hin : Die strebende Jugend , die nicht ruhen kann , muß Sie um diese Läuterung beneiden . Sollte man diese Weisheit , zu der Sie sich aufgeschwungen haben , nicht Religion nennen ? Es ist meine Religion , erwiderte Ackermann , mich gebunden zu fühlen . Früher war die Ungebundenheit meine Religion . Ich bin noch rüstig , ich fühle die Kraft in mir , mit Vielen in der großen Welt einen Wettlauf zu beginnen . Ich würde mich aber verachten , wenn ich ihn anträte . Religion ist das als eine Lebensnothwendigkeit tiefempfundene Gefühl der Abhängigkeit . Freilich die meisten Religiösen machen aus der tiefempfundenen Thatsache ein tiefempfundenes Bedürfniß dieser Thatsache . Das kann ich nicht ! Diese Religiosität , die an sich schon das Bedürfniß der Schranke hat , das Bedürfniß der Gebundenheit , ist Schwärmerei und mit Schwärmerei ist Gefahr verbunden . Diese Art von Religiösen spricht von Läuterungen und läutert sich meist nur durch Das , was ihnen größres Wohlgefallen verursacht . Ich kannte eine Frau , die sich für die Sünden ihrer Jugend dadurch läutern wollte , daß sie die Feder ergriff und schrieb . Lieber Himmel , die Zeit der Blüte war vorüber . Sie hatte gut sich läutern durch etwas , was ihr einen neuen Lebensreiz bot . Ich kannte Andre , die sich läuterten , indem sie aus unsrer Kirche in die Ihrige übertraten . Die Wollust des Geistes spielt mit der der Sinne geheimnißvoll zusammen . Eine Läuterung kann ich nur da finden , wo man sich in etwas , seiner Natur und Neigung Widersprechendes , aber objectiv als gut und vollkommen Anerkanntes hineinlebt und in der Pflichterfüllung eine süße Freude genießt . Bei diesen Worten öffnete sich die Thür . Selma und Oleander traten ein . Dieser , um für heute Abschied zu nehmen , Jene , um zu fragen , ob es nun für morgen bestimmt dabei bliebe , daß sie im Plessener Amtshause zu Tische wären ? Warum nicht ? sagte Ackermann . Gewiß , gewiß ! Sagen Sie der Justizdirectorin zu , daß wir kommen . Damit begleitete er die Scheidenden an den Wagen , der ihm gehörte . Die kleine Hedwig mußte auf Selma ' s Verlangen Grüße an die Mutter und Geschwister bestellen . Louis bat Selma , sie möchte sich der rauhen Luft nicht aussetzen und in das Haus zurücktreten . Sie war erhitzt . Ihre Farben glühten wie vom Pinsel des Malers aufgesetzt . Louis nahm noch einmal den vollen Eindruck ihrer Anmuth hin , dankend für die freundliche Aufnahme , versicherte , daß er Egon auf ihren Wunsch die Lection lesen würde für seine Urtheile über Amerika und fuhr dann mit dem wieder schweigsam gewordenen Oleander , begleitet auch noch von einem zuthunlichen Nachnicken der etwas dreisten Magd aus dem Heidekruge , über den Hof auf die Straße hinaus , die sie heute früh gekommen waren . Sechstes Capitel Waldeinsamkeit im Winter Regnerische Herbsttage enden oft mit einem Abend , wo sich der Himmel aufklärt und ein rother Streifen am westlichen Horizont die scharfe , gereinigte Luft verkündet , die nun bald den ganzen Winter bringen wird . Ein solcher rother Streifen lag weit über die Ebene hin , die sich vom Ullagrunde immer mehr niedersenkte und nur noch bei Plessen und Hohenberg einmal in die Höhe stieg . Louis konnte dem Drange nicht Einhalt thun , sich über diesen Empfang und diese beiden Wesen , Vater und Tochter , mit voller Theilnahme auszusprechen . Er sagte , wenn Selma in dem Geiste ihres Vaters reife , müßte sie ein weibliches Ideal werden . Es war nicht ganz der Widerschein des Abendhimmels , daß Oleander ' s Wange bei diesen Worten dunkel erglühte . Da Sie Dichter sind , sagte Louis , haben Sie in Ihrer Schülerin eine Muse , die Sie zu manchem Verse begeistern wird . Darf ich Sie nicht bitten , mir einmal einige Mittheilungen Ihres Talentes zu machen ? Besuchen Sie mich in einer Abendstunde , sagte Oleander . Am Tage hab ' ich oft in der Frühe die Plessener Schule zu besuchen , an zwei Wochentagen ist Religionsunterricht , dann fahr ' ich auf den Ullagrund , finde Abends heimgekehrt noch manche amtliche Pflicht , Samstags bereit ' ich mich auf meine Predigt vor , so kann ich nur des späten Abends mich mit dem Niederschreiben der Verse beschäftigen , die mir freilich schon den ganzen Tag wie mouches volantes vor den Augen tanzen . Suchen oder finden Sie Ihre Ideen ? fragte Louis , dem es lehrreich war , in die Werkstatt einer Kunst zu blicken , die er mehr als Naturalist und nur des Tendenzzweckes wegen trieb . Man hatte ihm auch schon den Unsinn beweisen wollen , daß die Tendenz mit der Poesie unvereinbar wäre oder die Schwingen des Talentes nicht in reine Sphären tragen könne . Ich suche die Ausführung , antwortete Oleander , aber ich finde die Veranlassung . Beim Ausführen muß der Verstand helfen . Das Finden ist zufällige Anregung . Ich möchte diesen Zustand mit dem Blick in den Nachthimmel vergleichen , wo plötzlich von den Sternen uns ein Lichtglanz abzufallen scheint . Die besten Gedichte müssen solche Sternschnuppen sein . Aber im August und November , sagte Louis nicht ohne Feinheit , fallen die Sternschnuppen mit einer gewissen Regelmäßigkeit . Dann muß es Gedichte geben , man mag wollen oder nicht . Ist nicht die Liebe eine solche ewige August- und Novembernacht des Dichters ? Oleander , der eine tiefe Neigung für Selma gefaßt zu haben schien , schwieg fast verlegen . Nach einer Weile wiederholte er seine frühere Aufforderung : Wenn Sie noch eine Weile bei uns bleiben , kommen Sie einmal des Abends auf mein Stübchen . Ich will Ihnen dann etwas von meinen Versen lesen . Das Beste wird wol vorläufig daran sein , daß ich sie alle sehr zierlich in ein Buch eintrage , das ich früher für gelehrte Zwecke bestimmte . Da steht immer eine lateinische Phrase auf dem Anfang des Blattes und hinterher folgen meine deutschen Reimereien . Das erinnert mich , sagte Louis , an jenen jungen Mönch , den die Brüder seines Klosters zum Vorsteher der Bücherei gemacht hatten . Er saß unter all ' den heiligen Werken und sollte sie durch Abschriften noch vermehren . Am Fenster vor den bunten Scheiben stand ein Lindenbaum , dessen Zweige schattig und kühlend in die Bücherei fielen . Da stand sein Tisch , da am Fenster sollte er schreiben . Nun aber kamen die jungen , hübschen Mädchen am Kloster vorüber und Alle grüßten den jungen Schreiber . Wie gern hätt ' er sie aufgehalten ! Wie gern mit ihnen geplaudert ! Von seiner Liebe durfte der Arme ja nicht sprechen und doch plauderte er so gern mit der Jugend und der Schönheit . So suchte er sie anfangs mit dem Lindenbaum zu fesseln und pries ihn als so kühl und schattig . Setzt Euch doch ! Aber sie gingen bald wieder fort , die jungen Mädchen . Dann pries er den Gesang der Vögel in dem Baume . Aber sie zwitscherten nicht gerade dann immer , wenn die hübschen Mädchen kamen . Da nahm er die alten Legendenbücher mit den bunten kostbaren Buchstaben und den herrlichen Heiligen auf Pergament gemalt . Jede , die nun kam und vorüber wollte , fragte er : wer ihr Schutzpatron wäre und Jeder schenkte er , wenn sie mit ihm geplaudert hatte und auch wol an einer Bank unter dem Fenster hinaufgestiegen war und ihm einen Kuß gegeben hatte , ein schönes Bild ihres Schutzpatrons . Bald hatte der Glückliche einen solchen Zulauf von allen Schönen der Umgegend , daß er die ganze Bücherei zerschnitt , bis die Klosterbrüder dahinter kamen und er seine Liebe zu den schönen Mädchen und seine Misachtung der Wissenschaft durch lange , lange Leiden theuer bezahlen mußte . Die Geschichte kenn ' ich , sagte Oleander . Sie endet besonders gut mit dem naiven Geständnisse des verliebten Bibliothekars , daß ja in der Bibel alle Bücher der Welt enthalten wären . Ja , ja , um die Poesie möchte der Dichter auch alle Weisheit der Welt hingeben , alle Sprachen und alle andern Künste . Nach einem längern Gespräch , in welchem sich Louis Armand wohlweislich hütete , seine eigenen Verse zu erwähnen , fragte er Oleander , wo er herstamme , ob nicht seine Geburt auf das südliche Deutschland verweise . Wohl ! sagte Oleander . Ich bin auf der schwäbischen Alb geboren ... Louis war nicht Geograph genug , um die schwäbische Alb sogleich im Königreich Württemberg unterzubringen . Er ließ also nur so obenhin die Bemerkung fallen , daß auch er von einer Deutschen herstamme , Namens Anna Oleander ... Und nun hatte er die Freude zu vernehmen , daß Oleander sogleich mit der Frage einfiel , ob er jene Oleander meine , die den flüchtigen Polen Thaddäus Kaminski heirathete und mit ihm nach Frankreich zog ? Dieselbe ! sagte Louis Armand . Es sind meine Großeltern ... Diese Entdeckung brachte die Gefährten inniger zusammen . Zwar war die Verwandtschaft sehr entfernt , aber sie bot doch Gelegenheit zum Austausch mancher Frage , mancher wohlthuenden Antwort . Louis Armand fühlte sich heimischer und Oleandern bot diese seltsame überraschende Begegnung einen solchen Fernblick in fremdes Leben , fremde Sitte , daß er sich bei seinem naiven Sinne kaum fassen , kaum beruhigen konnte . Als Louis endlich den Wunsch äußerte , ob man nicht hier auf kürzerem Wege nach dem Forsthause einlenken könnte , wollte Oleander , da es nur einen Fußsteig dorthin gab , aussteigen und ihn begleiten . Louis lehnte diese Gefälligkeit ab und begnügte sich mit des Vikars genauerer Beschreibung . Es hieß , dieser Weg führe an der Sägemühle vorüber , dann an das sogenannte schwarze Kreuz und von da in wenig Hundert Schritten auf das Jägerhaus . Louis stieg aus . Oleander gab ihm herzlich , noch immer überrascht von der entfernten Verwandtschaft , die Hand . Der Knecht schlug anfangs eine Erkenntlichkeit , die ihm Louis anbot , aus , dann nahm er sie , gab aber Louis dafür noch den Rath , sich von der Sägemühle an , immer oben auf dem Felsenwege , nicht unten an dem Waldbach zu halten . Nur gerade auf das schwarze Kreuz zu ! sagte er und dann bergab . Da wird ' s trockner sein bis zum Jägerhaus . Louis hörte , wie er schon auf dem Seitenwege wandelte , noch in der Ferne das Knallen der Peitsche und den Widerhall des rasch dahinrollenden kleinen Wagens . Es war schon dunkel , als er sich der Bergwand näherte . Es trieb ihn mit einer unerklärlichen Sehnsucht zu Franziska . Mit Gewalt drängte er die neugeweckte Theilnahme für Heinrich Sandrart zurück . Warum soll ich es nicht wagen , sprach er zu sich , endlich das entscheidende Wort zu sprechen , das schon so oft auf meinen Lippen lag ! Kann ich es länger vor ihr und dem Onkel verbergen ! Ich werde in Deutschland bleiben , diesem Boden , der meine mütterliche Heimat ist . Wie fühl ' ich mich in dies neue Leben so wunderbar schnell hinein ! Wie traulich sprechen mich alle diese Menschen an ! Wie wecken sie in mir das Tiefste und mildern meine Leidenschaften , statt sie aufzuregen ! Wohl mahnte den jungen Mann der Ruf seiner sozialen Bestrebungen . Doch seit dem Abend , wo Dankmar den Bund der Ritter vom Geiste begründet und die Aufgabe jedes gesinnungsvollen Menschen als nicht zu unmittelbar , nicht zu dringend herausfordernd dargestellt hatte , war eine große Beruhigung über ihn gekommen . Er fühlte , wie sonst , lebhaft für die Sache des Volkes , aber es trieb ihn nicht mehr so gewaltsam , gleichsam den ersten besten Stein , der ihm nahe lag , zu heben und auf die Feinde des Erdenglückes zu schleudern . Wie sehnte er sich nach Siegbert und Dankmar , denen jetzt sein Herz mehr gehörte , als Egon , der so Vieles that , sich seine Freunde zu entfremden ! In der Ausmalung seiner nächsten Aufgabe , für Murray bei Zeck oder der Ursula Nachforschungen