Werft und Haselbüsche , die den Bienen im April schon eine bevorzugte Nahrung boten ; im Mai dann begannen sommerlang die Wiesen zu blühn , bis endlich , von Monat August an , die weiten Heidekrautstrecken – gelegentlicher weißer Kleefelder ganz zu geschweigen – eine fast nicht auszunutzende Bezugs- und Nahrungsquelle schufen . Und wirklich , die daraus resultierenden Erträge waren zuzeiten sehr bedeutend , und das Dorf , das fast aus lauter Zeidlern und Beutnern bestand , erfreute sich trotz seiner Ackerarmut einer gewissen Wohlhabenheit . Der Schulzenhof hatte neunundneunzig Stöcke und so im Verhältnis bis zum Büdner und Tagelöhner herab . Ein Stock entsprach in guten Jahren einem Eimer Honig und den Eimer zu zehn Quart gerechnet , hätte der Schulzenhof in guten Jahren neunhundertundneunzig Quart Honig gewonnen . Von dieser Höhe nun ist Kienbaum freilich längst herabgestiegen . Der Bienenkonvent tagt nicht mehr inmitten des Dorfs und der Schulzenhof , der es sonst bis auf neunundneunzig Körbe brachte , begnügt sich jetzt mit neun . Der gewonnene Honig hat längst aufgehört ein Handelsartikel zu sein und spielt nur noch die Rolle des Surrogats . Er vertritt die Butter , die ( beinah mehr noch als der Zucker ) in einem armen Sand- und Heidedorfe , das seinen Viehstand schwer über eine Schafherde hinausbringt , begreiflicherweise zu den Luxusartikeln zählt . Das alte Wahrzeichen Kienbaums ist hin und seine Bienenherrlichkeit nicht minder , aber an die letztre erinnert noch mancherlei . Die Lokalität ist eben im wesentlichen dieselbe geblieben . Noch steht der Wald , noch blüht das Heidekraut rot über die Heide hin und noch schlängelt sich die Löcknitz durch üppige Wiesen , deren größte und bunteste bis diesen Tag den Namen der Zeidelwiese führt . Vielleicht , daß auch dies bald anders wird . Aber wenn auch Nam ' und Sache ganz hinschwinden sollten , das Dorf in der Heide , das abseits liegt und in seiner Armut niemanden auffordert , es in den großen Verkehr hineinzuziehn , es wird noch auf langhin ein Plätzchen bleiben , dessen still aufsteigender Rauch den über die Heide Wandernden anheimeln und dessen erstes Mütterchen am Zaun ihn freudig und dankbar empfinden lassen wird : Wie wohl tut Menschenangesicht Mit seiner stillen Wärme . Links der Spree Eine Pfingstfahrt in den Teltow 1. Königs-Wusterhausen 1. Königs-Wusterhausen Finstrer Ort und finstrer Sinn , Nun blühen die Rosen drüber hin . Wir halten vor einem Gasthofe , darin alles reich und großstädtisch ist , und während mir zwei Lichter auf den Tisch gesetzt werden , richt ' ich unwillkürlich die Frage an mich : ist dies dasselbe Wusterhausen , von dem wir jene klassische , wenn auch wenig schmeichelhafte Beschreibung haben , die eine der besten Seiten in den Memoiren der Markgräfin von Bayreuth , der Lieblingsschwester Friedrichs des Großen füllt ? Laß doch sehen , was die Markgräfin in ihrem berühmten Buche , dem sozusagen » ältesten Fremdenführer von Wusterhausen « erzählt . Und ich las wie folgt : » Mit unsäglicher Mühe hatte der König an diesem Ort einen Hügel aufführen lassen , der die Aussicht so gut begrenzte , daß man das verzauberte Schloß nicht eher sah , als bis man herabgestiegen war . Dieses sogenannte Palais bestand aus einem sehr kleinen Hauptgebäude , dessen Schönheit durch einen alten Turm erhöht wurde , zu dem hinauf eine hölzerne Wendeltreppe führte . Der Turm selber war ein ehemaliger Diebswinkel , von einer Bande Räuber erbaut , denen dies Schloß früher gehört hatte . Das Gebäude war von einem Erdwall und einem Graben umgeben , dessen schwarzes und fauliges Wasser dem Styxe glich . Drei Brücken verbanden es mit dem Hof in Front des Schlosses , mit dem Garten zur Seite desselben und mit einer gegenüberliegenden Mühle . Der nach vornhin gelegene Hof war durch zwei Flügel flankiert , in denen die Herren von des Königs Gefolge wohnten . Am Eingang in den Schloßhof hielten zwei Bären Wacht , sehr böse Tiere , die auf ihren Hintertatzen umherspazierten , weil man ihnen die vorderen abgeschnitten hatte . Mitten im Hofe befand sich ein kleiner Born , aus dem man mit vieler Kunst einen Springbrunnen gemacht hatte . Er war mit einem eisernen Geländer umgeben , einige Stufen führten hinauf , und dies war der Platz , den sich der König abends zum Tabakrauchen auszuwählen pflegte . Meine Schwester Charlotte ( später Herzogin von Braunschweig ) und ich hatten für uns und unser ganzes Gefolge nur zwei Zimmer oder vielmehr zwei Dachstübchen . Wie auch das Wetter sein mochte , wir aßen zu Mittag immer im Freien unter einem Zelte , das unter einer großen Linde aufgeschlagen war . Bei starkem Regen saßen wir bis an die Waden im Wasser , da der Platz vertieft war . Wir waren immer vierundzwanzig Personen zu Tisch , von denen drei Viertel jederzeit fasteten , denn es wurden nie mehr als sechs Schüsseln aufgetragen und diese waren so schmal zugeschnitten , daß ein nur halbwegs hungriger Mensch sie mit vieler Bequemlichkeit allein aufzehren konnte 29 .... In Berlin hatte ich das Fegfeuer , in Wusterhausen aber die Hölle zu erdulden . « So die Markgräfin , die frühere Prinzessin Wilhelmine . Ich schlug das Buch zu und trat an das offene Fenster , durch das der heitere Lärm schwatzender Menschen zu mir heraufdrang . Das Zimmer lag im ersten Stock und die Kronen der abgestutzten Lindenbäume ragten bis zur Fensterbrüstung auf , so daß ich meinen Kopf in ihrem Blattwerk verstecken konnte . Drüben , an der andern Seite der Straße , zog sich einer der Kavalierflügel des Schlosses entlang . Er war ganz in weiß und roten Rosen geborgen und seine Oberfenster geöffnet ; Licht und Musik drangen hell und einladend zu mir herüber . In schräger Richtung dahinter standen Pappeln und hohe Baumgruppen und zwischen ihrem Laubwerk wurd ' ich des alten Schloßturmes ansichtig , » des Diebswinkels , von einer Räuberbande erbaut . « War es wirklich so arg mit ihm ? Er stand da , mondbeschienen , mit der friedlichsten Miene von der Welt , eher an Idyll und goldene Zeit als an Fegfeuer und Hölle gemahnend . Es war noch nicht spät und der Weg nicht zwei Minuten weit . So beschloß ich noch einen Abendbesuch zu machen und die jetzt freilich von holdem Dämmer umwobene Wirklichkeit des Schlosses mit der Beschreibung seiner ehemaligen Bewohnerin zu vergleichen . Ich trat in den weiten Vorhof ein . Da lagen die Flügel rechts und links , vor mir Brück ' und Graben , und dahinter , großenteils versteckt , das Schloß selbst . Die Bären fehlten , der Springbrunnen auch . Keine Stufen zeigten sich mehr , auf denen irgendwer seine Abendpfeife hätte rauchen können ; nur eine weiße Pumpe stand inmitten eines Fliederbosketts und nahm sich besser aus , als Pumpen sonst wohl pflegen . Ich näherte mich der Brücke , von der aus ich die Fundamente des Schlosses in dunklen Umrissen , die Giebel aber , auf die das Mondlicht fiel , in scharfen Linien erkennen konnte . Was zwischen Giebel und Grundmauer lag , blieb hinter Bäumen versteckt . Der » Styx « existierte nicht mehr ; halb zugeschüttet war aus dem Graben ein breiter Streifen Wiesenland geworden . Allerlei blühende Kräuter würzten die Luft und im Rücken des Schlosses , wo die Notte fließt , hört ' ich deutlich , wie das Wasser des Flüßchens über ein Wehr fiel . Ich kehrte nun in die Straße zurück und setzte mich unter die Linden des Gasthauses . Das war keine » Hölle « , was ich gesehn , oder aber die Beleuchtung hatte Wunder getan . Der Wirt setzte sich zu mir , und angesichts des Schlosses , dessen Turmdach uns argwöhnisch zu belauschen schien , plauderten wir von Wusterhausen . In alten wendischen Zeiten stand hier ein Dorf namens » Wustrow « , eine hierlandes sich häufig findende Lokalbezeichnung . Als die Deutschen ins Land kamen , gründeten sie das noch existierende Deutsch-Wustrow zum Unterschiede von Wendisch-Wustrow , schließlich aber wurden beide Worte durch ein angehängtes » hausen « germanisiert und Deutsch- und Wendisch-Wusterhausen waren fertig . Wendisch-Wusterhausen , nur mit diesem haben wir es zu tun , wurde eine markgräfliche Burg . Sie verteidigte – wie » Schloß Mittenwalde « , von dem wir in einem der nächsten Kapitel sprechen werden – den Notteübergang und war eine der vielen Grenzburgen zwischen der Mark und der Lausitz . Wendisch-Wusterhausen blieb markgräfliche Burg bis gegen 1370 und es ist eher wahrscheinlich als nicht , daß der alte , von der Prinzessin als » Diebswinkel « bezeichnete Turm bis in jene markgräfliche Zeit zurückdatiert . Etwa 1375 kamen die Schlieben in den betreffenden Besitz , eine Familie , die damals in der Umgegend reich begütert war . Sie besaßen es ein Jahrhundert lang , auch während der Quitzowzeit , ohne daß besondere » Räubertaten « aus dieser ihrer Besitzepoche bekannt geworden wären . 1475 kauften es die Schenken von Landsberg , damalige Besitzer der Herrschaft Teupitz , aus deren Händen es , kleiner Mittelglieder zu geschweigen , 1683 an den Kurprinzen Friedrich , den späteren König Friedrich I. kam . Dieser aber überließ es 1698 seinem damals erst zehn Jahre alten Sohne , dem späteren König Friedrich Wilhelm I. Friedrich Wilhelm I. nahm Wendisch-Wusterhausen von Anfang an in seine besondere Affektion und hielt bei dieser Bevorzugung aus bis zu seinem Tode . Was es jetzt ist , verdankt es ihm , dem » Soldatenkönig « ; Straßen- und Parkanlagen entstanden und mit Recht wechselte der Flecken seinen Namen und erhob sich aus einem Wendisch-Wusterhausen zu einem Königs-Wusterhausen . Königs-Wusterhausen ist vielleicht mehr als irgendein anderer Ort , nur Potsdam ausgeschlossen , mit der Lebens- und Regierungsgeschichte König Friedrich Wilhelms I. verwachsen . Hier ließ er als Knabe seine » Kadetten « und einige Jahre später seine » Leib-Compagnie « exerzieren . Hier übte und stählte er seinen Körper , um sich wehr- und mannhaft zu machen , und hier , nach erfolgtem Regierungsantritte , fanden jene weidmännischen Festlichkeiten statt , die Wusterhausen recht eigentlich zum Jagdschloß par excellence erhoben . Hier auf dem Schloßhof , den jetzt die friedliche Pumpe ziert , war es , wo jedesmal nach abgehaltener Jagd den Hunden ihr » Jagdrecht « wurde . Das war die Nachfeier zum eigentlichen Fest . Der zerlegte Hirsch ward wieder mit seiner Haut bedeckt , an der sich noch der Kopf samt dem Geweih befinden mußte . So lag der Hirsch auf dem Hof , während hundert und mehr Parforcehunde , die durch ein Gatter von ihrer Beute getrennt waren , laut heulten und winselten und nur durch Karbatschen in Ordnung gehalten wurden . Endlich erschien der König , der Jägerbursche zog die Haut des Hirsches fort , das Gatter öffnete sich und die Meute fiel über ihr » Jagdrecht « her , während die Piqueurs im Kreise standen und auf ihren Hörnern bliesen . Wenigstens zwei Monate alljährlich wohnte König Friedrich Wilhelm I. in Wusterhausen . Spätestens am 24. August traf er ein und frühestens am 4. oder 5. November brach er auf . Die ersten acht Tage gehörten der Rebhuhnjagd , vorzüglich auf der Groß-Machnower Feldmark ; später dann folgten die Jagden auf Rot- und Schwarzwild . Zwei Festlichkeiten im größeren Stil gab es herkömmlich während der Wusterhausener Saison : die Jahresfeier der Schlacht bei Malplaquet am 11. September und das Hubertusfest am 3. November . Bei Malplaquet war der König , damals noch Kronprinz , zum ersten Mal im Feuer gewesen ; das erheischte , wie billig , ein Erinnerungsfest . Das Hubertusfest war zugleich das Abschiedsfest von Wusterhausen . Nur einmal fiel es aus , am 3. November 1730 . Am 28. Oktober , sechs Tage vor dem Hubertustag , hatte das Kriegsgericht in Schloß Köpenick gesessen , das über Kronprinz Friedrich und Katte befinden sollte . Hier in Wusterhausen spielten später die Hof- und Heiratsintrigen und hier schwankte die Waage bis zuletzt , ob der Erbprinz von Bayreuth oder der Prinz von Wales ( wie so sehr gewünscht wurde ) die Braut heimführen würde ; hier endlich , nachdem die Ungewitter sich verzogen und ruhigeren Tagen Platz gemacht hatten , teilte der früh alternde König , wenn Gicht und Podagra das Jagen verboten , seine Zeit zwischen Tonpfeife und Palette , zwischen Rauchen und Malen . * Der andere Morgen war Pfingstsonntag . Ich brach früh auf , um das » verzauberte Schloß « , das damals ( 1862 ) noch keine Restaurierung erfahren hatte , bei hellem Tageslichte zu sehn . Ich fragte nach dem Kastellan – tot ; nach der Kastellanin – auch tot ; endlich erschien ein Mann mit einem großen alten Schlüssel , der mir als der Herr » Exekutor « vorgestellt wurde . Dies ängstigte mich ein wenig . Es war ein ziemlich mürrischer Alter , der von nichts wußte , vielleicht auch nichts wissen wollte . Wir traten durch eine Seitentür auf den Schloßhof . Es war schon heiß , trotz der frühen Stunde ; die Sonne schien blendend hell und die Bosketts samt der weißen Pumpe waren nicht ganz mehr , was sie den Abend vorher gewesen waren . Wir umschritten zunächst das Schloß , dann nahm ich einen guten Stand , um mir die Architektur desselben einzuprägen . Es ist gewiß ein ziemlich häßliches Gebäude , aber doch noch mehr originell als häßlich , und in seiner Apartheit nicht ohne Interesse . Der ganze Bau , bis zu beträchtlicher Höhe , ist aus Feldstein aufgeführt , woraus ich den Schluß ziehe , daß der König die dem vierzehnten oder fünfzehnten Jahrhundert angehörige Grundform des Schlosses : ein Viereck mit vorspringendem Rundturm , einfach beibehielt und nur die Gliederung und Einrichtung völlig veränderte . Der Rundturm wurde Treppenturm . Von diesem aus zog er eine Mauerlinie mitten durch das Feldsteinviereck hindurch und teilte dadurch den Bau in zwei gleiche Hälften . Jede Hälfte erhielt ein Giebeldach , so daß wer sich dem Schlosse jetzt nähert , zwei Häuser zu sehen glaubt , die mit ihren Giebeln auf die Straße blicken . In Front beider Giebel und an beide sich lehnend , steht der Turm . Dieser Turm ist sehr alt ; König Friedrich Wilhelm I. aber hat ihm einen modernen Eingang gegeben , ein Portal in Mannshöhe , dessen Giebelfeld etwa ein Dutzend in Holz geschnittene Amoretten zeigt . Einige sind wurmstichig geworden , andere haben sonstigen Schaden genommen . Beim Eintreten erblickt man zuerst ein paar verliesartige Kellerräume , darin etwas Stroh liegt , als wären es eben verlassene Lagerstätten . Von hier aus führt eine Treppe von zehn oder zwölf Stufen ins Hochparterre , danach eine zweite höhere Treppe bis ins erste Stockwerk . Wir verweilen hier einen Augenblick . Ein schmaler Gang scheidet zwei Reihen Zimmer voneinander , deren Türen , etwa in Mittelhöhe ( mutmaßlich des besseren Luftzuges halber ) kleine Gitterfenster haben , infolgedessen die Zimmer aussehen wie Gefängniszellen . Es sind dies ersichtlich dieselben Räume , darin die Prinzessinnen schlafen mußten , wenn sie nicht in den kleinen Giebelstuben untergebracht wurden . Die Gitterfenster gönnen überall einen Einblick . In einem der Zimmer lagen Aktenbündel ausgebreitet , weiße , grüne , blaue , wohl achtzig bis hundert an der Zahl . Mutmaßlich eine alte Registratur der Herrschaft Königs-Wusterhausen . Wir stiegen nun ins Hochparterre zurück . Hier befindet sich die ganze Herrlichkeit des Schlosses auf engstem Raum zusammen . Man tritt zuerst in eine mit Hirschgeweihen ausgeschmückte Jagdhalle , die , wie der Flurgang oben , zwischen zwei Reihen Zimmern hinläuft . Die frühere große Sehenswürdigkeit darin ist derselben verlorengegangen . Es war dies das 532 Pfund schwere Geweih eines Riesenhirsches , der 1636 , also zur Regierungszeit George Wilhelms , in der Köpenicker Forst , vier Meilen von Fürstenwalde , erlegt worden war . Über dies Geweih ist auch in neuerer Zeit noch viel gestritten und obige Gewichtsangabe wie billig belächelt worden . Nichtsdestoweniger muß das Geweih etwas ganz Enormes gewesen sein , da Friedrich August II. von Sachsen dem Könige Friedrich Wilhelm I. eine ganze Kompanie langer Grenadiere zum Tausch dafür anbot , ein Anerbieten , das natürlich angenommen wurde . Das Geweih existiert noch und soll sich auf dem Jagdschloß Moritzburg bei Dresden befinden . Rechts von der Halle sind zwei Türen . An der einen , zunächst der Treppe , standen mit Kreide die Worte : » Wachtstube der Artillerie « . Bei Manövern , Mobilmachungen usw. muß nämlich das Wusterhausener Schloß wohl oder übel mit aushelfen und erhält vorübergehend eine kleine Garnison . Auch stehen in der Tat die meisten dieser Räume , wenigstens in der Gestalt , in der ich sie noch sah , auf der Stufe von Kasernenstuben . Das erste Zimmer hinter der mit Kreide beschriebenen Tür war ehedem das Schlafzimmer Friedrich Wilhelms I. Es befindet sich in demselben das große Waschbecken des Königs , etwas höchst Primitives , eine Art festgemauertes Waschfaß . Aus Gips gefertigt , gleicht es den Abgußsteinen , die man in unseren Küchen findet , und hat in der Tat eine Öffnung zum Abschluß des Wassers , in der ein steinerner Stöpsel steckt , halb so lang wie ein Arm und halb so dick . Beim Anblick dieses Waschfasses glaubt man ohne weitere Zweifel , was vom Soldatenkönig berichtet wird , daß er einer der reinlichsten Menschen war und » sich wohl zwanzigmal des Tages wusch . « Die andere Tür , ebenfalls zur Rechten der Halle , führt in den Speisesaal . Er mißt fünfzehn Schritt im Quadrat . In der Mitte desselben ist ein hölzerner Pfeiler angebracht , der vielleicht mehr schmücken als stützen soll . Ein großer Kamin , neben dessen einem Vorsprung einst eine Treppe direkt in die Küche führte , vollendet die Herrichtung . Es ist dies derselbe Saal , in dem , wie schon hervorgehoben , an jedem 11. September der Tag von Malplaquet und an jedem 3. November das Hubertusfest gefeiert ward . Es ging dann viel heitrer hier her , als man jetzt wohl beim Anblick dieser weißgetünchten Öde glauben möchte . Frauen waren ausgeschlossen . Es war ein Männerfest . Zwanzig bis dreißig Offiziers , meist alte Generale , die unter Eugen und Marlborough mitgefochten hatten , saßen dann um den Tisch herum und Rheinwein und Ungar wurden nicht gespart . Der » starke Mann « mußte kommen und seine Kunststücke machen ; zuletzt , während die Lichter flackerten und qualmten und die Piqueurs auf ihren Jagdhörnern bliesen , packte der König den alten Generalleutnant von Pannewitz , der von Malplaquet her eine breite Schmarre im Gesicht hatte , und begann mit ihm den Tanz . Dazwischen Tabak , Brettspiel und Puppentheater , bis das Vergnügen an sich selbst erstarb . Wir treten nun aus diesem Eßsaal wieder in die Halle zurück . Zur Linken derselben befinden sich ebenfalls zwei Zimmer , die Zimmer der Königin . Sie sind verhältnismäßig noch wohl erhalten und geben einem ein deutliches Bild von der » Elegance « jener Tage . Beide Zimmer sind durch eine Tür von Eichenholz miteinander verbunden , wie denn auch niedrige Eichenholzpaneele die Wände bekleiden , während in den vier Ecken oben vier Lyras angebracht sind , die so geniert dreinsehen , als befänden sie sich lieber wo anders . Und doch haben sie wenigstens Gesellschaft : zwei Basreliefs ( in jedem Zimmer eins ) , die sich als Wandschmuck zwischen Kamin und Decke schieben . Das eine stellt eine » Toilette der Venus « , das andere eine » Venusfeier « dar . Auf jenem erblicken wir nichts als die herkömmlichen Amoretten , schnäbelnde Tauben , Rosengirlanden usw. , das zweite dagegen tut ein übriges und nackte Gestalten von ganz unglaublichen Formen umtanzen eine Venusstatue , während ein Satyr von hinten her eine Bacchantin umklammert und die Widerstrebende zum Tanze zwingt . An anderem Orte würde dieser lustige Heidenspuk wenig bedeuten , hier im Schlosse zu Wusterhausen aber nimmt er sich wunderlich genug aus und paßt seltsam zu dem Waschbecken drüben mit dem dicken steinernen Stöpsel . Das erste dieser Zimmer , das sich mit der » Toilette der Venus « begnügt , führt durch eine Seitentür auf eine Art Rampe , die ziemlich steil nach dem Park hin abfällt . Diesen Weg machte wahrscheinlich der König , wenn er in seinem Gichtstuhl in den Garten hinein und wieder zurückgerollt wurde . Bekanntlich war Treppensteigen nicht seine Sache . Wir aber treten jetzt ebenfalls ins Freie hinaus und atmen auf im Sonnenlicht und in dem Wiesendufte , den eine Luftwelle herüberträgt . Eine mächtige alte Linde , hart zu Füßen der Rampe , ladet uns ein , unter ihrem Zweigwerk Platz zu nehmen , und wir sitzen nun mutmaßlich unter demselben Blätterdach » unter dem die Damen , wenn ' s regnete , bis an die Waden im Wasser saßen « . Die Parkwiese liegt vor uns , Hummel und Käfer summen darüber hin und das Mühlenfließ uns zur Rechten fällt leis über das Wehr . Träume nehmen den Geist gefangen und führen ihn weit weit fort in südliche Lande , zu Tempeltrümmern und Götterbildern . Aber ein Satyr lauscht plötzlich daraus hervor . Es ist derselbe , der der tanzenden Bacchantin da drinnen im Nacken sitzt und siehe , die Prosabilder von Schloß Wusterhausen schieben sich plötzlich wieder vor die Bilder klassischer Schönheit . Hatte die Memoirenschreiberin doch recht ? Ja und nein . Ein prächtiger Platz für einen Weidmann und eine starke Natur , aber freilich ein schlimmer Platz für ästhetischen Sinn und einen weiblichen esprit fort . 2. Teupitz 2. Teupitz Winde hauchen hier so leise , Rätselstimmen tiefer Trauer . Lenau Teupitz verlohnt eine Nachtreise , wiewohl diese Hauptstadt des » Schenkenländchens « nicht das mehr ist , als was sie mir geschildert worden war . All diese Schilderungen galten seiner Armut . » Die Poesie des Verfalls liegt über dieser Stadt « , so hieß es voll dichterischen Ausdrucks , und die pittoresken Armutsbilder , die mein Freund und Gewährsmann vor mir entrollte , wurden mir zu einem viel größeren Reiseantrieb , als die gleichzeitig wiederholten Versicherungen : » aber Teupitz ist schön . « Diesen Refrain überhörte ich oder vergaß ihn , während ich die Worte nicht wieder loswerden konte : » das Plateau um Teupitz herum heißt › der Brand ‹ , und das Wirtshaus darauf führt den Namen › der tote Mann ‹ . « Ich hörte noch allerhand anderes . Ein früherer Geistlicher in Teupitz sollte bloß deshalb unverheiratet geblieben sein , » weil die Stelle einen Hausstand nicht tragen könne « , und ein Gutsbesitzer , so hieß es weiter , habe jedem erzählt : » ein Teupitzer Bettelkind , wenn es ein Stück Brot kriegt , ißt nur die Hälfte davon ; die andere Hälfte nimmt es mit nach Hause . So rar ist Brot in Teupitz « . All diese Geschichten hatten einen Eindruck auf mich gemacht . Zu gleicher Zeit erfuhr ich , König Friedrich Wilhelm IV. habe gelegentlich halb in Scherz und halb in Teilnahme gesagt : » die Teupitzer sind doch meine Treuesten ; wären sie ' s nicht , so wären sie längst ausgewandert « . Dies und noch manches der Art rief eine Sehnsucht in mir wach , Teupitz zu sehen , das Ideal der Armut , von dem ich in Büchern nur fand , daß es vor hundert Jahren zweihundertachtundfünfzig und vor fünfzig Jahren dreihundertzweiundsiebzig Einwohner gehabt habe , daß das Personal der Gesundheitspflege ( wörtlich ) » auf eine Hebamme beschränkt sei « , und daß der Ertrag seiner Äcker 1 1 / 4 Sgr . pro Morgen betrage . Angedeutet hab ' ich übrigens schon , und es sei hier eigens noch wiederholt , daß ich die Dinge doch anders fand , als ich nach diesen Schilderungen erwarten mußte . Wie es Familien gibt , die , trotzdem sie längst leidlich wohlhabend geworden sind , den guten und ihnen bequemen Ruf der Armut durch eine gewisse Passivität geschickt aufrecht zu erhalten wissen , so auch die Teupitzer . Solche vielbedauerten » kleinen Leute « leben glücklich-angenehme Tage , und unbedrückt von den Mühsalen der Gastlichkeit oder der Repräsentation , lächeln sie still und vergnügt in sich hinein , wenn sie dem lieben , alten Satze begegnen , daß » geben seliger sei denn nehmen « . Um zwölf Uhr nachts geht oder ging wenigstens die Post , die die Verbindung zwischen Teupitz und Zossen und dadurch mit der Welt überhaupt unterhielt . Zossen ist der Paß für Teupitz : » es führt kein andrer Weg nach Küßnacht hin « . Während der ersten anderthalb Meilen haben wir noch Chaussee , deren Pappeln , soviel die Mitternacht eine Musterung gestattet , nicht anders aussehen als andern Orts , und erst bei Morgengrauen biegen wir nach links hin in die tiefen Sandgeleise der recht eigentlichen Teupitzer Gegend ein . Es ist ein ausgesprochenes Heideland , mehr oder weniger unsern Weddingpartien verwandt , wie sie vor hundert oder auch noch vor fünfzig Jahren waren . Selbst die Namen klingen ähnlich : » Sandkrug , Spiesberg « und » der hungrige Wolf « . Immer dieselben alten und wohlbekannten Elemente : See und Sand und Kiefer und Kussel ; aber so gleichartig die Dinge selber sind , so apart ist doch ihre Gruppierung in dieser Teupitzer Gegend . Die Kiefer , groß und klein , tritt nirgends in geschlossenen Massen auf , nicht en colonne steht sie da , sondern aufgelöst in Schützenlinien . Und die Dämmerung unterstützt diese Vorstellung eines Heerlagers . Auf der Kuppe drüben stehen drei Vedetten und lugen aus , am Abhang lagert eine Feldwacht und eine lange Postenkette von Kusseln zieht sich am See hin und reicht einem andern Lagertrupp die Hand . Dazwischen Sand und Moos und dann und wann ein Ährenfeld , dünn und kümmerlich , ein bloßer Versuch , eine Anfrage bei der Natur . Inzwischen ist es am Horizont immer heller geworden . Das Grau wurde weiß , das Weiß isabell- und dann rosenfarben , und nun schießt es wie Feuerlilien auf . Der Sand verschwindet , Wasser- und Morgenkühle wehen uns an , und während der Sonnenball hinter einem alten Schloßturm aufsteigt , fahren wir in die noch stille Straße von Teupitz ein . Der Wagen hält vor dem » Goldnen Stern « , an dessen Laubenvorbau der Wirt sich lehnt , seines Zeichens ein Bäcker . Ich nehm ' es als eine gute Vorbedeutung , denn unter allen Gewerksmeistern steht doch der Bäcker unserm innern Menschen am nächsten . Er weist mich auch freundlich zurecht ; ein Lager ist leicht gefunden und dem Müden noch leichter gebettet . Durch das Gazefenster zieht die Luft , die Akazie draußen bewegt sich hin und her , und die Tauben auf dem eingerahmten Geburtstagswunsch am Bettende werden immer größer . Und nun fliegen sie fort und – meine Träume fliegen ihnen nach . Aber nicht auf lange . Das Picken des Nagelschmieds von der Ecke gegenüber weckt mich , und während die Frühstücksstunde kommt und die braunen Semmeln neben die noch braunere Kanne gestellt werden , setzt sich die Sternwirtin zu mir und unterhält mich von Teupitz und dem Teupitzer See . » Ja « , so sagt sie , » was wäre Teupitz ohne den See . Wir wären längst ein Dorf , wenn wir das Wasser nicht hätten . Freilich wir dürfen nicht mehr drin fischen , die Fischereigerechtigkeit ist verpachtet , aber das Wasser ist uns mehr als alles was drin schwimmt . Mit gutem Winde fahren wir in sechs Stunden nach Berlin und alles was wir kaufen und verkaufen , es kommt und geht auf dem See . Wir bringen keine Fische mehr zu Markte , denn wir haben keine mehr , aber Garten- und Feldfrüchte , Weintrauben und Obst , und Holz und Torf . Das gibt so was wie Handel und Wandel , mehr als mancher denkt und mehr als wir selber gedacht haben . Große Spreekähne kommen und gehen jetzt täglich , das machen die neuen Ziegeleien . Überall hier herum liegt fetter Ton unterm Sand , und wenn Sie nachts über Groß-Köris hinaus bis an den Motzener See fahren , da glüht es und qualmt es rechts und links , als brennten die Dörfer . Öfen und Schornsteine , wohin Sie sehen . Meiner Mutter Bruder ist auch dabei . Er wird reich , und alles geht nach Berlin . Viele hunderttausend Steine . Immer liegt ein Kahn an dem Ladeplatz , aber er kann nicht genug schaffen , so viel wie gebraucht wird . Ich weiß es ganz bestimmt , daß er reich wird , und andere werden ' s auch . Aber daß sie ' s werden können , das macht der See . « Die Sternwirtin verriet hier eine bemerkenswerte Neigung , sich über die Vermögensverhältnisse von » ihrer Mutter Bruder « ausführlicher auszulassen , weshalb ich , ohne jede Neugier nach dieser Seite hin , die Frage zwischenwarf : wem denn eigentlich der See gehöre , was er Pacht trage und wer ihn gepachtet habe ? » Der See gehört zum Gut . Zum Gut gehören überhaupt zweiunddreißig Seen , aber der Teupitzsee ist der größte . Der Fischgroßhändler in Berlin , der ihn vom Gut gepachtet , zahlt achthundert Taler und die Teupitzer Fischer , die hier fischen und die Fische zu Markte bringen , sind nicht vielmehr als die Tagelöhner und Dienstleute des reichen Händlers . Meiner Mutter Bruder .... « » Achthundert Taler « , unterbrach ich , » ist eine große Summe . Ich kenne Seen , die nur vier Taler Pacht bezahlen . Ist der Teupitzsee so reich an Fischen ? « » Ob er ' s ist ! Die Stadt führt nicht umsonst einen Karpfen im Wappen . Unser See hat viel Fische und schöne Fische ; freilich wenn der Zanderzug fehlschlägt – « »