konnte ihn jetzt erst recht von seinem völlig zugewandten Antlitz betrachten . Oleander war sehr groß und mager . Den Kopf trug er etwas übergebeugt . Seine Züge waren starkknochig , verriethen aber Geist . Das Haar hing schlicht und wol zu wenig gepflegt herab . Das Auge verrieth eine stille ernste Ruhe , stand aber oft wie nach innen gekehrt und schien einen abwesenden , träumenden Sinn zu verrathen . Es war geröthet wie von starkem Blutandrang oder von Nachtlektüre . Sein ganzes Wesen hatte etwas , das Louis sehr an seinen geliebten Siegbert erinnerte . Doch fehlte Oleandern dessen aufmerksamer , theilnehmender , Jedem liebevoll zugewandter Sinn . Oleander schien mehr ein Egoist des Gemüthes , eine jener unschuldigen Naturen zu sein , die wie der Vogel auf den Zweigen unbekümmert um Andre ihr Dasein hinleben . Er gestand sich , er hätte ihn wol einmal mögen predigen hören . In manchen französischen Werken erinnerte er sich , junge lebensunerfahrene Geistliche so geschildert gesehen zu haben , wie er hier wirklich einen protestantischen fand . Von den katholischen mußte er sich sagen , daß die Dichter , besonders Lamartine , diese Gattung Dorf-Vikare zu sehr verschönerten und die idyllische Natur der Schweiz oder Südfrankreichs , in denen sie leben und wirken sollten , auf ihr eigenes Wesen übertrugen . Louis Armand erinnerte sich , bei allen katholischen Geistlichen einen Trieb zur Weltlichkeit und Geselligkeit gefunden zu haben , der diesem träumerischen Oleander gänzlich zu fehlen schien . So hatte er die Einladung , die ihm höchst dringend gestern Abend und heute früh die Gemahlin des Herrn von Zeisel an Herrn Ackermann und Fräulein Selma für morgen aufgetragen , ganz vergessen . Erst als Louis zufällig von der erneuten Nachfrage nach den Büchern der Verwaltung auf Herrn von Zeisel kam und seine Freude ausdrückte , daß doch , wie die Einladung auf morgen beweise , zwischen dem neuen Generalpächter und dem alten Verwalter keine Spannung obwalte und Ackermann und Selma gefragt hatten , welche Einladung ? erst da besann sich Oleander auf den ihm gegebenen dringenden Auftrag . Und Das konnten Sie vergessen , Freund ? lachte Ackermann ; eine so überraschende Einladung ! Die erste , seit wir Nachbarn und freilich auch die unwillkommenen Gegner der Frau Justizdirektorin sind ? Was sagst du dazu , Selma ? Ich überlege schon meine Toilette , antwortete Selma mit der größten Offenherzigkeit . Einer so strengen Richterin der Mode , wie Frau von Zeisel , wag ' ich mich noch nicht auszusetzen . Es ist gewiß , wir finden dort , zu Ehren des Herrn Louis Armand , Alles zusammen , was sich nur an Honoratioren auf drei Meilen in der Runde auftreiben läßt . Es ist gut , daß du sagst zu Ehren des Herrn Louis Armand , sonst würd ' ich nicht hingehen ! bemerkte der Vater . Um ' s Himmelswillen , fiel Oleander ein . Thun Sie mir Das nicht an ! Wie dank ' ich Ihnen , Herr Armand , daß Sie mich an diesen Auftrag erinnert haben . Sie kennen Frau von Zeisel nicht . Ich versichere Sie , daß sie seit Ihrer Ankunft nicht schläft und über die Vorbereitungen zu dem morgenden Diner Alles , Alles vergißt , höchstens ihren Stammbaum nicht . Oleander thaute , wie Louis sah , allmälig auf . Ich habe mir in mein Taschentuch , sagte er , vor ihren Augen drei Knoten machen müssen , das Tuch in meinen Hut gelegt und nun will der Zufall , daß ich wegen des Regens die Mütze nehme und obenein ein neues Taschentuch . Wenn ich Das nun vergessen hätte ! Sie hätte mich nächsten Sonntag in meiner Predigt irre gemacht durch die rollenden Augen , die sie Einem zuwerfen kann ! Dank ! Dank Ihnen ! Man mußte lachen . Ackermann gab sich darein , zu kommen . Nach Tische , sagte Selma , können wir ja einmal das Schloß besuchen . Noch niemals waren wir in den Zimmern und immer versprichst Du es , Vater . Jetzt wäre die beste Gelegenheit ! Ackermann antwortete darauf nicht . Es schien ihm nicht lieb zu sein , an dies Versprechen erinnert zu werden . Um von dem Gegenstande abzukommen , gab er Louis Veranlassung , wieder von sich selbst , von seiner Heimat , seiner Jugend zu sprechen . Auch nach seiner Schwester fragte Ackermann jetzt und erzählte , was er von Egon ' s Beziehung zu ihr wußte , mit absichtlich hervorgehobenem Nachdruck . Louis erschrak über diese Fragen und auffallend war ihm , daß sich Ackermann mit der Erwähnung seiner Schwester nicht beruhigte , sondern auch von Helene d ' Azimont und zuletzt von Melanie sprach und wie absichtlich er hervorhob , daß Egon ' s Charakter den Frauen gegenüber leichtsinnig wäre und von einem sittlichen Standpunkte aus keine Rechtfertigung finden könnte . Die Wirkung dieser für Louis peinlichen Erörterungen auf Selma fiel ihm auf . Das Blut stieg dem holden Mädchen in die Wangen . Sie wurde unruhig . Sie plauderte mit dem Kinde , ohne daß sie darum aufhörte , dem Gespräche der Männer zuzuhorchen . Oleandern , den die Mittheilungen interessirten , zog sie sogleich von ihnen ab und verwickelte ihn in ein andres Gespräch . Erst als Ackermann merkte , daß seine , wie es schien , absichtliche Erörterung dieser Herzenschronik des jungen Fürsten von Selma nicht mehr beachtet wurde , brach er ab und ging auf gleichgültige Dinge über . Seid Ihr fertig , rief jetzt Selma , fertig mit diesen Verleumdungen ? Freilich der Tod Ihrer guten Louison ist keine Verleumdung . Sie wissen wohl , wo sie ruht und woran sie starb , die Gute ! Aber Helene und Melanie ! Das Alles mag in Wahrheit viel anders aussehen , als die Justizdirektorin es Dir neulich aufgeheftet hat ! In der Zeitung steht , Helene d ' Azimont ist abgereist und Melanie - Nun , Selma ? fragte Ackermann lächelnd , aber mit scharfem Blicke . Melanie ist schön ! sagte das gepeinigte Mädchen . Ich sah sie hier zu Pferde ... wie eine Königin ... o so schön ! Louis freute sich der Bemerkung , daß Helenen ' s Abreise in der Zeitung bestätigt war . Er hatte davon gehört , es nicht glauben mögen , nun schien es doch gewiß , daß Egon wenigstens von dieser Seite frei war . Die Zeitungen brachten Ackermann jetzt auf den Wildungen ' schen Prozeß , der ihn gleichfalls zu interessiren schien . Lebhafte Freude empfand er über die Mittheilung , daß Louis diese beiden Brüder Wildungen kannte . Er fragte nach der Mutter der Brüder und hörte voll Bedauern , daß sie krank sei und Dankmar nach Angerode auch deshalb gereist war , um sie aus der Pfarrwohnung , die kalt und ungesund sein sollte , in eine behaglichere überzusiedeln . Als Louis das Tempelhaus von Angerode erwähnte , sagte Ackermann fast vor sich hin mit eignem aber auffallendem Ausdruck : Das Tempelhaus von Angerode ! Kennen Sie es ? fragte Oleander . O wohl kenn ' ich es aus meiner Jugend , bestätigte Ackermann ; bin ich doch selbst ein Thüringer und nicht weit von der güldenen Aue geboren ! Wohl kenn ' ich das stolze Gebäude von rothen aus dem Harz gebrochenen Sandsteinen ! Die Fenster , immer zu zwei und zwei , dicht beisammen , verbunden durch einen Pfeiler , den ein Thier oder ein Engel oder ein Heiliger ziert . Die Fronte ist in Form eines Giebels gebaut , der immer spitzer und spitzer zugeht . Hinter dem Tempelhause die St.-Johanniskirche. Zur Seite ein altes Convikt - Dort fand Dankmar Wildungen die Papiere , die die Ansprüche seiner Familie verbürgen , ergänzte Louis . Ich kenne diese Ansprüche , sagte Ackermann . Die Familie Wildungen ist eine der ältesten in Thüringen . Sie stammt von einem Grafengeschlechte , deren Ahnen ihr Grab bei den Sarazenen fanden . Hugo von Wildungen war ein Mann von ernster Strenge , nicht verweichlicht durch den weltlichen Sinn , der die Auflösung der Johanniter in Thüringen , die weithin Besitzungen hatten , zu einem leichten Spiele der Reformation machte . Ich kenne die Familientradition der Wildungen . Den Jüngsten sah ich nie . Den Ältesten hab ' ich oft als kleinen Buben auf meinen Knieen geschaukelt . Ist er Maler geworden , der kleine blonde Siegbert ? Louis wurde nicht müde , von den Brüdern zu berichten und bat zuletzt , ob er ihnen von Herrn Ackermann nicht eine ausführlichere Kunde bringen dürfe ? Der Name Ackermann wird im Gedächtniß dieser Kinder nicht leben , sagte Selma ' s Vater . Sagen Sie ihnen nichts von mir , wär ' es auch nur , um zu verhindern , an die Vergangenheit zu denken . Der Rückblick auf ihre Jugend kann diesen Jünglingen nicht in die schöne violette Färbung getaucht sein , in welcher die thüringischen Berge am Horizonte sich malen . Ach , sie hatten einen Vater , den alles Misgeschick verfolgte , eine Mutter , die erst über die Brücke der Kinderliebe ganz zum Herzen des Gatten sich neigte . Um so glücklicher , wenn sie einer märchenhaften Zukunft zusteuern und sich mit entschloßner Hand ihr eignes Lebensloos zu ziehen wagen aus einer hochgestellten Urne ! Sagen Sie ihnen nichts von mir ! Bewegt stand Ackermann auf . Das kleine für die ländlichen Entbehrungen sehr gewählt gewesene Mahl war vorüber . Man wandte sich in das offenstehende Zimmer Ackermann ' s , wo die Zurüstungen mit Tassen und Kannen schon in aller Stille von den Mägdehänden hergerichtet waren . Ackermann bot seinen Gästen Cigarren , ohne jetzt selbst zu rauchen . Selma , sagte er , zeige Herrn Armand , wie wir am Missouri und an der kleinen deutschen Ulla unsre Feste feiern , damals als die Mutter lebte und jetzt , wo wir von ihrem Andenken zehren ... Selma setzte sich an den Flügel und präludirte einige Takte , während der Tisch abgedeckt wurde und die kleine Hedwig , die schon lesen konnte , fragte , welche Noten sie ihr suchen sollte . Beethoven ! bat Oleander . Fallen Ihnen da die besten Reime ein ? fragte Ackermann . Gedanken , nicht Reime , sagte Oleander . Und dann mit den Gedanken auch die Reime . Und mit dem Beethoven , rief Selma vom andern Zimmer herein , wirkt bei Herrn Oleander auch die Digestion auf die Phantasie . Wie ? die Verdauung ? sagte Ackermann . Schämen Sie sich ! Sind Sie da noch ein wahrer Dichter ? O , bemerkte Oleander erröthend , leider hab ' ich neulich Selma gestehen müssen , daß ich die prosaische Bemerkung gemacht habe , wie ich unmittelbar nach Tisch die größte Elastizität des Geistes habe und Bilder , Anschauungen , Gedanken plötzlich finde , die ich sogar in nächtlicher Stille vergebens suchte . Fräulein Selma hat darüber einen Spottvers gemacht . Sagen Sie ihn ! Statt aller Antwort schlug aber Selma mit gewaltiger Kraft die ersten Accorde der Sonate pathétique an und schnitt damit die weiteren Erörterungen ab . Ackermann lehnte sich ein wenig in die Sophaecke , Oleander , seinen Kaffee trinkend , folgte dem fertigen und gewandten Spiele des jungen Mädchens , das der Musik zu bedürfen schien , um sich von namenlosen Empfindungen , die sie beschlichen hatten , zu befreien . Während noch Selma in dem Adagio begriffen war und mit großer Reinheit die ersten Läufe , perlenden Thautropfen gleich , wie aus ihren Fingern gleiten ließ , überdachte Louis Armand die Situation , in der er sich befand . Er konnte sich nicht verschweigen , daß in diesem kleinen einsamen Kreise ein Element waltete , das ihm neu und fremdartig war . Die sinnige kleine Welt des höheren Bürgerlebens , verbunden mit den freien und großartigen Anschauungen eines fremden Welttheils , verbreitete hier eine Atmosphäre , die um so wohlthuender auf ihn wirkte , als er überall im Gespräche auf die Grenze der reinsten Sittlichkeit gestoßen war . Er hatte so viel Ungewöhnliches , Abnormes seit einer Reihe von Jahren erlebt , daß ihm diese Lebenskunst , die hier nach dem Tumult einer großen Reise schon so rasch einen kleinen Tempel der Häuslichkeit aufbauen konnte , etwas Ehrwürdiges hatte und er sich nur untergeordnet und aufnehmend fühlen mußte . Es gibt auch kaum etwas Gefälligeres , als einen feingebildeten , weltklugen Vater , der sich ganz der Erziehung eines einzigen geliebten Kindes widmet , in der Tochter die hingeschiedene Mutter ehrt und für sich zuerst all ' die milde Liebe und sittliche Unschuld eines solchen sich entwickelnden jungen Wesens einathmet . Wie bewegt lauschte Ackermann dem unbewußt gefühlvollen Spiele Selma ' s ! Klar erkannte man bei Selma die Absicht , mit ihrem Spiele nur den Beweis ihres Talentes , ihrer Fortschritte , ihrer guten von der Mutter gelegten Grundlage zu geben , sie sentimentalisirte nicht mit der Musik , sie gab eine Übung , die ihrer Bildung entsprach , sie spielte Denen zu Liebe , die sie hörten und doch war ihr Spiel voll Seele und Schmelz . Zum Gesange , zu dem sie Oleander aufforderte , konnte sie sich nicht entschließen . Dafür suchte sie noch einige andre Meisterwerke hervor und wußte sie alle mit gleicher Correktheit wiederzugeben . Zuletzt klagte sie , daß sie Kopfweh hätte und that sogar gegen die beiden Stunden , die sie heute noch bei Oleander zu nehmen hatte , Einspruch . Laß es mit einer bewenden ! sagte der Vater . Ich führe indessen unsern Gast noch einmal in das Gehöft meines Nachbars . Um drei Uhr mögen Sie dann mit unserm guten Oleander zurückfahren , der , wenn wir morgen bei Zeisel ' s sind , dann bis übermorgen von uns verschont ist und einige seiner lyrischen Winterschauer dichten kann . Oleander setzte auch mit Selma , die sich mit leichter Verbeugung Louis empfahl , in ihrem Zimmer den gewohnten Unterricht fort , den er ihr nun schon seit zwei Monaten in Geschichte , Erdkunde , Geschmackslehre , Literatur ertheilte . Louis verstand die Andeutungen , die über den Vikar gefallen waren , hinlänglich , um sich zu entnehmen , daß er in ihm einen Genossen zu begrüßen hatte , einen Priester der dichtenden Muse . Nun begriff er erst , warum Oleander auf der Herfahrt tief in sich gekehrt war und an einzelnen flüchtigen Erscheinungen ein so lebhaftes Gefallen fand . Er gedachte des bitteren Gedichtes , das er heute früh selbst flüchtig entworfen und hielt es mit Recht anziehend , daß zwei ohne Zweifel im Geschmack sowie in der Bildung völlig entgegengesetzte Fähigkeiten unbewußt sich mit derselben Geistesübung beschäftigten , die Louis einen Akt des höheren Cultus im Menschen zu nennen pflegte . Wohl hätt ' er gewünscht zu wissen , was wol während dem , daß er an dem Frühling der Welt verzweifelte und von den Blumen eigentlich geringschätzend sprach , in diesem deutschen Gemüthe entstanden sein mochte ? Er war zu bescheiden , darnach zu fragen , hoffte aber , auf der Rückfahrt sich diesem einfachen und harmlosen Manne , der ihm nichts Drückendes hatte , doch noch zu nähern . Es hatte zwei Uhr geschlagen . Ackermann fragte die in der Küche waltende unpolitische Liese , ob für die Leute gesorgt gewesen wäre . Diese erwiderte : Wir hatten heute nur acht drüben zu speisen . Wenn ' s nicht höher kommt , Herr Ackermann , verlier ' ich den Kopf nicht . Auf dem Heidekrug hatt ' ich in der Erntezeit oft dreißig Näpfe zu füllen . Ackermann , der leider wieder den Regenschirm ergreifen mußte , erklärte Louis , daß er sich dies gewandte Mädchen vom Heidekruge herübergenommen hätte , wo die Leute nicht bleiben wollten , seitdem Herr Justus überstudirt wäre . Es ist nun einmal die Art des gemeinen Mannes , sagte er , daß ihm da nur wohl ist , wo er auf sein Wirken , und wenn es noch so klein ist , ein Auge gerichtet sieht . Als dieser Justus , von dem ich in den Zeitungen sehe , daß er keine geringe Rolle in der Politik spielt , noch Ökonom war und auf die Hände seiner Arbeiter sah , hing ihm Alles an . Jetzt , wo er seinen Leuten größere Freiheit , als bisher , lassen muß , sollte man glauben , sie gefielen sich in ihr . Nein ! Sie wollen dienen , ohne Verantwortung dienen , sie wollen untergeordnet bleiben , und haben ihm von dem Tage gekündigt , daß er in die Kammer trat und auf Monate Abschied nahm . Ein gewisser Drossel wirthschaftet nun bei ihm . Links vom Hause sich auf einen Weg abwendend , der durch ein Staket in ' s Freie führte , sagte Ackermann als Vorbereitung zu dem nun folgenden Besuch : Ich will Sie zu meinem Nachbar führen , der gewohnt ist , daß ich täglich einmal bei ihm vorspreche . Ein rechter Dorfmagnat Das ! Wenn Justus gescheit wäre , ging ' er wie dieser nicht über seine Sphäre hinaus und genösse sein Wohlbefinden mit Behagen . Hören Sie da das wohlgefällige Brüllen seiner Kühe aus den Ställen ! Seine Schafe liefern eine solide deutsche Wolle ! Dies ist einer der Menschen , die sich bei Lebzeiten in ihrem Besitz nicht taxiren lassen . Ihre Zinsen fallen immer wieder zum Capital ; denn sie brauchen nichts und schaffen buchstäblich nur für die kommende Generation der Ihrigen , die ihnen noch dazu alle diese Vorsicht und Liebe durch den Eigensinn verderben , der sich solcher wohlhabenden Kinder doch in aller Stille bemächtigt . Louis ahnte sogleich , daß ihn Ackermann zu dem Vater des Sergeanten Heinrich Sandrart führte . Er wußte , daß dieser Ackermann ' s Nachbar war und zu den Begüterten gehörte . Schon machte er sich gefaßt , Verwünschungen über den Soldaten , über Fränzchen , vielleicht über sich selbst zu hören . Der Regen war nur noch feuchter Nebel , der Alles einhüllte . Der Boden tief durchweicht . Um eine trockene Stelle zu finden , mußte man bald da , bald dorthin springen . Von Bequemlichkeit , Schönheitssinn , von einem gedämmten Wege , von einer gefälligen Allee oder Hecke , sagte Ackermann , ist bei unsern Bauern nicht die Rede . Nur der unmittelbare Ausdruck des Nutzens hat für sie Werth . Ist Das bei Ihnen auch so ? Nein , mußte Louis erwidern , im Süden verräth der ärmste Hüttenbewohner eine erlaubte Gefallsucht . Er schmückt sein Häuschen und wenn es mit einigen Blumenstöcken wäre . Es ist wahr , sagte Ackermann , ich war in Italien ! Schon im südlichen Deutschland und der Schweiz trachtet man nach dem Gefälligen , während hier Alles auf den reichsten Erwerb von Schinken , Speck , Würsten , Kartoffeln , Korn und baarem klingenden Gelde hinausläuft . Indem waren sie bei dem Gehöft des Bauern Sandrart angekommen . Ein großes Holzthor mußte in ganzer Weite geöffnet werden , um in den Hof zu kommen . An Scheunen und Ställen ein Überfluß . Hunde von allen Racen schossen aus kleinen hölzernen Hütten . Ihr Gebell war aber eine frohe Begrüßung , denn mit Ackermann waren sie Alle befreundet . Die niedrige Eingangsthür des bescheidenen Hauses , dessen einziger Schmuck grell angestrichene roth-grüne Fensterläden waren , hatte eine Klingel , die beim Öffnen durch das ganze Haus dröhnte . Sandrart schläft doch nicht ? fragte Ackermann eine alte Magd . Sie schüttelte den Kopf , neugierig auf einen Fremden lugend , den heute Herr Ackermann mitbrachte . Ackermann öffnete eine Thür , aus der der Qualm des überheizten grünen Kachelofens ihnen entgegenströmte . Die Decke des Zimmers war niedrig . Die Wände hingen voll geringer Kupferstiche und bunter Farbenklexereien . Hinterm Ofen sich ausdörrend saß der alte Sandrart in einem Sorgenstuhl und erhob sich . Eine kleine stämmige Gestalt in kurzer Jacke mit großen silbernen Knöpfen . Dem runden , ziemlich ebenmäßigen Antlitz konnte man seine gewöhnliche Physiognomie nicht entnehmen , da der Alte verdrießlich schien und gleich voll Zorn auf einen Brief wies , den er heute empfangen . Zuerst , bester Nachbar , sagte Ackermann mit spielender , ironischer Leichtigkeit , zuerst stell ' ich Euch einen Besuch aus der Residenz vor , Herrn Louis Armand . Sandrart wußte nichts von diesem Namen und nickte mürrisch verlegen ... O mein Sohn , fing er sogleich an , mein Sohn , mein Sohn , Herr Nachbar ! Schon wieder Kummer über Euern Sohn ? Schon wieder Schlimmes von ihm ? Louis horchte mit großer Spannung und setzte sich auf einen der gepolsterten kattunüberzogenen Stühle , die in dem Zimmer standen . Ich wette , es ist wegen der Heirath Eures Sohnes , Nachbar . Ich hab ' es immer gerathen , Nachbar , laßt ihn freien , wen sein Herz begehrt ! Die nicht ! Die nicht ! sagte der Alte ; und wenn sie sich auch dicht hier schon an die Hausthür hergepflanzt hat ! An die Hausthür schon ? sagte Ackermann sich umblickend . Da seh ' ich nur Eure wilden Hunde , denen es bald zu kalt werden wird . Drüben im Forsthause ist sie ja ! Im Forsthause ? Sie haben ja nicht geruht , bis sie nur noch einen Sprung in meinen Waizenkasten hat . Sie müssen wissen , Herr Armand , sagte Ackermann immer launig und scherzend , Vater Sandrart ' s Waizenkasten ist sein Geldkasten . Ich möchte doch wohl wissen , wo er steht , Nachbar , der Waizenkasten ! Sandrart lachte pfiffig in sich hinein . Wenn man von seinem Gelde sprach , wurde er immer launig , aus einer Art von Schabernack . Heute fiel er aber bald wieder in seinen grimmigen Ton zurück . So viel weiß ich , drüben in ' s Forsthaus kommt der Waizenkasten nicht . Ich hab ' s auch heute dem Heunisch gesagt ... Waren Sie drüben ? fragte Louis angeregt . Das fehlte noch ! antwortete der Bauer hochfahrend . Ich Dem nachlaufen ? Hier ist er gewesen , der Heunisch und hat wieder von der Geschichte angefangen . Ich leid ' s nicht . Heinrich soll sich nach seinem Stand umsehen und mir ein Mädchen bringen , die mehr versteht als Staatshauben . Ackermann war einigermaßen über diese Verwicklungen unterrichtet . Ist das Mädchen im Forsthause ? fragte er . Franziska Heunisch , die Nichte des Försters ! Aber Alter , hört doch ! Fränzchen Heunisch , wie Das hübsch klingt ! Fränzchen ! Das müßt ' Euch ja sein , wie wenn ein Kätzchen um Euch wäre und Euch streichelte ! Denkt nur , wenn so eine weiche Hand da über Euren Bart fährt , wie gut Euch Das thäte . Ist sie schmuck ? Sie kennen sie ja , Herr Armand ! Wollen Sie nicht ein gutes Wort für diese Verbindung einlegen ? Louis war in Verlegenheit ... Doch lobte er Fränzchens Schönheit . Ah , glatt hin , glatt her ! sagte der Alte . Ich habe sie ja gesehen vor drei Monaten . Eine Mamsell paßt nicht für die Diele draußen . Soll ich mit einem Jäger in Freundschaft kommen ? Das ist wahr , sagte Ackermann , ein Lohndiener des Fürsten und Ihr ein Freiherr vom Ullagrunde . Nein , Das wäre nicht nach der Ordnung . Aber , Nachbar , die Ordnung könnt ' Euch am Ende eine Tochter in ' s Haus bringen , die wol Batzen , aber garstig rauhe Hände hat , mit Euch zankt , Euer Leibgericht nicht kochen will , und warum ? Weil ihr selbst die Klöße im Magen drücken . Sandrart lachte . Ich ging ' einmal von der Ordnung ab ... Der Bauer schüttelte den Kopf . Jetzt erst recht nicht , sagte er ; wo ich keine Ruhe vor ihr haben soll , wo sie schon angezogen kommt und sich in der Nachbarschaft will sehen lassen . Jetzt grade nicht ! Aber , Nachbar , wie ist mir denn , so viel ich weiß , ist das Mädchen Eurem Sohne nicht einmal zugethan . Jeder Brief , den ich Euch vorlesen muß , erzählt von seinem Kummer , daß es Fränzchen mit ihm nicht mehr mag wie sonst . Heimtückerei ! sagte Sandrart . Sie wird wol Gott danken , wenn sie meine Permission kriegt . Mit dem Förster ! Mit denen da in dem Forsthaus verwandt ? Mit dem Blinden in der Schmiede ? Die haben Geld ! Wer weiß , wie gewonnen ! Landläuferisches Volk ! Wenn mir der Heinrich so käme ... wozu hab ' ich denn das Haus aufgerichtet , das Ihr bewohnt , Nachbar ? Wozu ließ ich ihn , den Jungen , denn was lernen , lesen , schreiben , rechnen ; er bläst Flöte ... er wird Soldat ... das mußt ' er ... nimmt seinen Abschied , er bringt mir ein Mädchen zu aus Randhartingen oder Schönau , wo die fettesten Bauern sitzen . Will ich sie doch hier nicht in dies alte Haus führen , obgleich es vor zehn Jahren erst renovirt ist , ich lege den Bau da oben an und nun , für wen ? für die da im Forsthause ? Nein ! Dies Nein hatte etwas im Ton , das man nur mit fletschenden Zähnen hervorbringen konnte . Der Alte war gewiß fern von aller ursprünglichen Bosheit , aber im Punkte seines Stolzes und seines Eigennutzes kannte er nichts , was seine Empfindung milderte . Vorläufig hoff ' ich , sagte Ackermann , daß Euer Sohn General wird und seinen Abschied erst auf dem Felde der Ehre nimmt . Das von wegen des Hauses . Nun , sagte Sandrart beschwichtigend , für drei Jahre , Nachbar , ist ' s ja Euer ! Wenn er eine brächte der Heinz , die mir gefällt , muß sie erst noch ... Hier hinter dem grünen Kachelofen mit Euch schmoren , unterbrach ihn Ackermann . Ich sag ' Euch , Nachbar , gebt Euren Eigenwillen auf ! Der Heinz thut einmal nicht , was Euch gefällt . Was habt Ihr ihn Flöte blasen lassen ! Wer Flöte bläst , Alter , setzt sich hier nicht im Winter unter Eure Lerchen da im Bauer , die bei jedem Sonnenblick denken : draußen ist Frühling und stoßen sich den Kopf , weil sie singen wollen ! Der sucht die Lerchen draußen auf dem Feld ! Rechnet doch auf Kinder nicht , die sich verlieben und im Kummer Flöte blasen können ! Seid froh , wenn ihn nicht das Auswanderungsfieber befällt ... Das wäre ? sagte der Alte zum Tod erschrocken . Nun ? Ein Vagabund ! Oho ! Ja so , Nachbar ! Vergebt ! Das hatt ' ich ganz vergessen ... Ihr war ' t auch draußen . Aber ... lest mir den Brief , wenn Ihr die Güte haben wollt ! Ackermann nahm das Papier , das der Bauer in Händen hatte , warf einen verstohlnen Blick auf den mannichfach bewegten Louis und las ein Schreiben vor , in welchem zuvörderst nur von Schinken , Würsten , Butter und Käse die Rede war . Der Feldwebel ließ danken , drei Unteroffiziere dankten , Alle versorgte der Bauer aus dem Ullagrunde mit Lebensmitteln . » Vater , hieß es aber nun weiter , Vater , ich muß Sie recht um Gottes Willen bitten , seien Sie christlich mit der Franziska , die nun jetzt doch zu ihrem Onkel nach Plessen ist ! Sie hat von mir in Güte Abschied genommen und mir gesagt : Sandrart , wenn ich im Frühjahr noch lebe und Sie kommen zu Ihrem Vater , so will ich Ihnen recht gut werden , wie eine Schwester . Ich weiß nun auch , daß sie gern einen Andern möchte lieber leiden , aber ich habe doch von Märtens , die grüßen lassen , auf Ehre und Seligkeit gehört , daß es bei dem nur guter Wille ist und Freundschaft , aber keine reelle Absicht . Sagen Sie ja in das Försterhaus hinein , daß ich Franziska grüße und ihr wünsche , daß ihr die Zeit nicht sollte lang werden bis zum Frühjahr und daß ich keinen Ball in diesem Winter besuche . Lieber Vater , ich habe dieser Tage ein großes Malheur können haben . Ich muß es Ihnen doch auch schreiben , was es war . Es war wieder , wo ich Ihnen schon öfters geklagt habe , von wegen meinem Lieutenant . Ich hatte , weil die Franziska nun abgereist ist , die Flöte mitgenommen in die Kaserne und Alle hören gern , wenn ich manchmal des Abends blase . So blas ' ich vorgestern Abend um fünf Uhr , wie ' s schummrig ist , und da kommt der Lieutenant hereingestürzt und der Portepéefähnrich auch und sie fluchen ein Donnerwetter über das andre , weil ich hätte ein demokratisches Lied geblasen . Das war aber nur die Melodie gewesen , die ich ... Ackermann meinte , hier wäre etwas verwischt . Blus ! sagte der Bauer ; blus - blus - heißt es wol . Blus ? Blus ! Blus ! wiederholte der Alte . Nun ? setzte er drängend hinzu . Allein , fuhr Ackermann fort zu lesen , was ist es meine Schuld gewesen , daß die Soldaten nun Alle laut ein Lied sangen , das auf diese Melodie gar nicht gesetzt ist ? Der Lieutenant schimpfte uns einen Strauchbuben und Demokraten über den andern , worauf ich ärgerlich wurde und ihm etwas sagte , was er sagte , daß ich es ihm schon einmal gesagt haben sollte . Ich sagte aber nichts , als : Herr Lieutenant , wir sind jetzt nicht im Dienst ! Da wurde er fast toll , zog die Plempe und schrie , daß ich ein Landesverräther und alle Tage wol capabel wäre , dem König meinen Eid zu brechen