gefunden haben . ” “ Ja — das war aber nur Zufall . ” “ Alles Gute in der Welt ist Zufall . ” “ So müssen Sie nicht reden . ” “ Was wollen Sie — ich möchte auch gern an eine höhere Fügung glauben — aber ich sehe sie zu selten walten . Sie sind fromm — ich finde das sehr schön ! Ich könnte Sie mir gar nicht anders denken , mit Ihrem sanften Gesichtchen ! — Hier müssen wir aussteigen . So — geben Sie mir die Hand . Vorsichtig ! ” Sie waren schon ein Weilchen die letzten Passagiere gewesen und hatten ungestört plaudern können . “ Wollen Sie nicht meinen Arm nehmen ? ” fragte der Landrat . Agathe zögerte eine Sekunde — es war eigentlich nicht üblich . . . . Sie hatte so große Lust . . . . “ Man geht besser in Schritt und Tritt , ” sagte er überredend , und sie folgte ihm . Er drückte ihren Arm leicht an sich , sie fühlte seinen warmen kräftigen Körper und ging behaglich an seiner Seite . Es war ihr sehr wohl , ruhig und still fühlte sie sich . “ Fahren Sie heut Nacht noch nach Evershagen zurück ? ” fragte sie . “ Nein , ich bleibe in Mengs Hotel . Da habe ich ein ständiges Absteigequartier . Auf die Weise kann man die ländliche Einsamkeit schon ertragen . ” “ Ich kann Sie mir gar nicht auf dem Lande vorstellen . ” “ O jetzt im Sommer ist es hübsch da draußen . Viel Verkehr mit den Gütern . Und Wald in der Nähe . Ich habe mir einen Ponywagen angeschafft . Sie sollten mich wirklich einmal besuchen . Dann fahren wir mit den Ponys in den Wald . Was ? Wollen Sie ? ” “ O ja — ich weiß nur nicht , ob Papa . . ” “ Wenn ich dächte , daß Sie Lust hätten , würde ich an Ihre Eltern schreiben und mir das Vergnügen erbitten . . . Vielleicht kämen Ihre Geschwister auch ? ” “ Eugenie will an die See und hat noch große Schneiderei , ” sagte Agathe , es erhob sich in der Wille , Eugenie von der Partie fernzuhalten . . . . . Jede Frau kann einen Mann in sich verliebt machen , sobald er nicht eine andere große Liebe hat . . . . Und Raikendorf ? Hatte er eine andere große Liebe ? — “ Also — zu wann wollen wir Ihren Besuch verabreden ? ” fragte er . “ Bald , ” antwortete Agathe schnell , “ sonst kommt es gewiß nicht dazu . ” Unter dem Schein der Gaslaterne hob sie den Kopf und blickte Raikendorf in die Augen . Niemals hatte sie einen Mann auf diese Weise angesehen . Auch nicht Lutz . Es wurde ihr ganz schwindelig vor Scham über sich selbst . “ Nun wollen wir den Himmel um Sonne bitten — Sie stehen besser mit ihm , thun Sie es für mich , ” sagte Raikendorf , nachdem er ihren Blick gleichsam mit den Augen festgehalten hatte . “ Auf Wiedersehen ! ” Er drückte ihr die Hand . Und sie empfing das leichte Zeichen von augenblicklicher Zuneigung nicht gleichgültig wie sonst unzählige Male . Als Raikendorf “ Auf Wiedersehen ” sprach , erschrak sie , wie über eine böse Vorbedeutung — es waren dieselben Worte , die sie zuletzt von Lutz gehört hatte . Wollte der Herr , ihr Heiland , sie warnen ? Fröhlich spiegelte sich der Sonnenschein auf der Glatze des Landrats , als er den Hut lüftete , um den heranbrausenden Zug mit seinen Gästen zu begrüßen . Der Restaurationswirt , die zwei Kofferträger und der Stationsvorsteher von Evershagen beobachteten neugierig , wen er empfangen würde . Er sah so vergnügt aus . Ein hübsches Bild , wie er dem würdigen älteren Paar aus dem Wagen half , und wie das junge Mädchen leichtfüßig hinterhersprang . Trotz all des Kranken und Wunden in ihr und der schrecklichen Altjungfergedanken bot Agathe in ihrem hellen Sommerkleide noch immer einen Anblick , der jeden unbefangenen Menschen erfreuen mußte . Ihr intelligentes Gesicht lachte in gesunder Blüte unter dem runden Strohhut mit der großen gelblichen Spitzenschleife . — Keine Spur von Ermüdung nach der Fahrt . Sie hatte sich unterwegs die ganze Zeit mit dem jungen Dürnheim geneckt , der von den Eltern aufgefordert war , an der Partie teilzunehmen . Das Puritanische , die strenge tadelsüchtige Miene war zu Haus geblieben . Und dafür diese Fähigkeit , sich zu freuen — dies Entzücken an Luft und Grün und Sonne — übermütige Bewegungen — kecke kleine Antworten . . . Das stand ihr ! Ja — warum zeigte sie solchen Reichtum an Stimmungen nicht öfter ? Der ersetzte sehr hübsch die blumenhafte Poesie der ersten Jugend . Ein zarter , kaum merkbarer Stempel von etwas Durchlittenem über allem — das reizte den Landrat mit der Glatze . Wie viel oder wie wenig mochte solch ' ein Mädchen eigentlich vom Leben wissen ? Wie würden die verschleierten , schmerzlich glänzenden Augen blicken , wenn . . . . ? Die Liäsons mit den Frauen seiner Freunde — sie waren ja sehr nett — gewiß — allerliebst . . . . aber . . . . Man kannte alles zu genau . Jede sagte doch nur dasselbe , was die Vorige in ähnlicher Situation auch schon gesagt hatte . Übrigens — eine tüchtige Hausfrau war die Heidling jedenfalls — der Regierungsrat machte doch Ansprüche im Essen und in allem . — — Dürnheim verliebte sich heute auch in sie . Nun seh ' einer an , wie sie die Freiheiten und Vertraulichkeiten einer alten Kinderfreundschaft benutzte , um ihn zu locken . . . Raikendorf bemerkte es mit Vergnügen — es erhöhte ihm die Spannung , in der er sich dem Mädchen gegenüber seit neulich Abend befand . Wollte er wirklich ' mal heiraten , so war es hohe Zeit . Er rechnete nach , wie alt er mittlerweile geworden . Wahrhaftig — so nah ' den Vierzig ! — — — Also — darüber war er sich jetzt klar — Agathe gehörte einfach zu den Mädchen , die man nicht im Ballsaal sehen darf . Dazu waren die Farben ihres Wesens viel zu fein . Natürlich wirkte sie ungefähr so , wie ein intimes Aquarell in einer weitläufigen Jahres-Ausstellung . Verrückt von den lieben Eltern — das Hinschleppen der armen Dinger an Orte , wo ihre Gegenwart einfach verfehlt ist . In kleinem Kreise — in der freien Luft — an so einem netten Kaffeetisch , wie er ihn im Grasgarten hinter seiner Dienstwohnung hatte herrichten lassen — da war sie lieb und fraulich in dem hübschen lichtblauen Kleidchen . Zum Teufel — man sah doch seine Frau öfter am Kaffeetisch als im Ballsaal . Dem Maler damals hatte sie auch gefallen . Sie würde seinem Geschmack keine Schande machen . Das war sehr wichtig . Es wäre vielleicht gar nicht dumm von ihm . . — Landrat Raikendorf zeigte den Damen die schönen geschnitzten alten Schränke , die zum Inventar der Wohnung gehörten , die Menge leerer Zimmer — ein wenig niedrig aber von herrschaftlichem Ansehen . Das Haus lag dicht am Thor der kleinen Stadt , mit dem Blick auf einen grünen Wiesenplan , wo im Herbst das Sedanfest gefeiert wurde . “ Hier können Sie sich doch ein reizendes Heim gründen , ” bemerkte Frau Heidling . “ Ja — gnädige Frau — so ein alter Junggeselle , wer wird sich dessen noch erbarmen ? ” “ — Glauben Sie mir , man sehnt sich manchmal recht nach einem lieben Verständnis . . . ” Das wurde ein wenig später zu Agathe gesprochen — ” prophezeien Sie mir einmal : Können Sie sich vorstellen , daß ein junges , hübsches , kluges Mädchen , so einen alten , kahlen Kerl . . . was ? Hat nicht viel Aussicht ? ” “ Thun Sie doch nicht so bescheiden , im Grunde sind Sie ja schrecklich eingebildet . ” “ Agathe , Kind , komm einmal her . ” “ Mama — was möchtest Du ? ” “ Nimm das Tuch um , es war mir vorhin , als würde es kühl . ” Zu den Müttern , die ihre Töchter zu verheiraten verstehen , gehörte Mama Heidling nicht . Sie wünschte es ja so sehr , aber die Erregung machte sie ungeschickt . Der Landrat fand , es sei vernünftig , sich die Sache noch einmal zu überlegen . Er küßte Agathe beim Abschied die Hand . Als sie schon im Eisenbahnwagen saß , sprang er auf das Trittbrett , um die dünnen weichen Fingerchen noch einmal zu umschließen . “ Ein schöner Tag , ” sagten die Eltern befriedigt und waren zärtlich gegen Agathe . Im Sommersonnenschein — Sieg über ein kühles , müdes Männerherz . Ja — Sieg . . . . Und untreu allem , was heilig , recht und gut ihr schien . . . . Das klare , reine Ideal verleugnet ! Fehler und Lichter ihres Ich bewußt zu dem Zwecke betrachtet : was läßt sich damit unternehmen ? Aus Erfahrung und Beobachtung ein Vorbild zusammengefügt und sich danach gerichtet — ihre Rolle durchgeführt ! Das Gemeinste , dessen ein Mädchen sich in ihren Augen schuldig machen konnte , war gethan — von ihr selbst . Sie wollte ihn heiraten — den sie nicht liebte . Und gerade der Mann mußte es sein , der auf jenem ersten Ball ihr die unvergessene Demütigung angethan und ihr den Vorgeschmack gegeben hatte von dem gallenbitteren Trank ihrer Jugend . So also wurden Männer gewonnen ? So einfach war es ? Nur ein Rechenexempel ? Und sie hatte vierundzwanzig Jahr alt werden müssen , um das zu lernen ? Nicht weiter so — nein — nicht wiederholen . . . Brennende Verachtung — ein wunder , blutender Haß — resignierte Freude . . . . . Und ganz im nächtlichsten Dunkel der Gefühle kauernd , das zitternde , gierige Verlangen , sich an dem Gewonnenen zu berauschen . Ja — ein schöner Tag . Hatte sich Agathe früher die Ehe unter dem Bilde eines jungen Paares vorgestellt , das Schulter an Schulter gelehnt , von den lilienweißen Wolken des bräutlichen Schleiers umhüllt in einen dunklen Park hinausblickt — jetzt sah sie , sobald sie an ihre mögliche Heirat mit Raikendorf dachte , zuerst den Kaffeetisch im sonnigen Garten der Landratswohnung vor sich . Auch die geschnitzten Schränke beschäftigten ihre Phantasie . Sie schloß sie mit den großen , geschnörkelten Schlüsseln auf , legte Stöße von Leinenzeug hinein und Säckchen und Büchsen mit Kaffee und Zucker . Die vielen leeren Zimmer in dem schönen alten Hause mußten möbliert werden . Der Salon mit seiner dunklen Holztäfelung — dazu würden weinrote Tuchportièren einen herrlichen Eindruck machen — in der tiefen Fensternische einen Sessel mit Greifenköpfen und weichen braunen Lederkissen , wie im Atelier von Woszenski . Ob sie Raikendorf von Lutz sagen mußte ? Verglich sie beide , dann wurde ihr sehr bange . Als sie Lutz liebte , hatte sie niemals an Einrichtung und an das Mieten einer Köchin gedacht . Nachdem sie Raikendorf noch zweimal wiedergesehen hatte und erkannte , daß er ernsthaft um sie warb , verglich sie nicht mehr . Ihre exaltierten Schmerzen legten sich zur Ruhe . Wie gut es that , so friedlich und vertrauensvoll zu fühlen . Daß ein wenig Resignation dabei war , versöhnte vielleicht den Neid der Götter . Übrigens glaubte sie ja auch nicht an Götter , sondern an einen lieben Vater im Himmel . Ein verständiges Glück würde er ihr am Ende eher gönnen , als die ausschweifende , wilde , unsinnige Seligkeit , die sie einmal von ihm verlangte . Den kahlen Kopf , die müden farblosen Augen des Landrats , seinen goldenen Kneifer und das beginnende Bäuchlein — den Wert , den er aufs Essen legte — an alles dies gewöhnte Agathe sich mit sanfter Freude . Jede Unvollkommenheit kam ihr fast wie eine neue Garantie für ihre Zukunft vor . Die Mädchen müssen nehmen , was ihnen geboten wird . Ihr Los wird ähnlich sein , wie das ihrer Mutter , ihrer Freundinnen . Sie wird eben in ihrem Kreise bleiben . Eine Beamtenfrau — sie kennt das ganz genau . Sie kennt eine Menge von Beamtenfrauen , und alle denken und thun und reden und erleben so ziemlich dasselbe . Was sie in der Seele trug von Keimen zu köstlichen seltenen Blüten , das würde da wohl verborgen bleiben . — Aber wer sagt ihr denn , daß die edlen Kräfte , das Streben nach freier Größe nicht eine vermessene , thörichte Selbsttäuschung gewesen ? War sie ihrer ersten unglückseligen Liebe treu geblieben ? — Nein . War sie ihrem Heiland eine treue Magd geworden ? — Nein . Schließlich war sie doch nichts Besseres , als all die anderen Mädchen auch . Nur nicht mehr ausgeschlossen daneben stehen , neben den tiefen , heiligen , reifenden Erfahrungen des Lebens . Im Wilhelmsgarten , beim Gartenkonzert wollten sie sich treffen . Der Landrat hatte versprochen , von Evershagen hereinzukommen . Mama wurde von ihrer Migräne befallen . Und weil Papa bei der Sonnenglut auch lieber zu Haus blieb , schickte Frau Heidling zu Eugenie . Aber Eugenie schlug die Bitte , Agathe zu begleiten , übellaunig ab . Warum hatte man sie nicht zu dem Ausflug nach Evershagen aufgefordert ? Als ob sie sich den ganzen Tag zu ihrer Schneiderin stellte ! Es schien , daß Agathe es auf den Landrat abgesehen hatte — Mama Heidling entschuldigte sich so wunderlich konfuse wegen der Evershagener Geschichte . Wenn sie sich da nur nicht wieder Dummheiten in den Kopf setzte ! Solche Leute , wie der Landrat Raikendorf , die Carrière machen wollen , nehmen eine Siebzehnjährige — wenn ' s geht , adlig — mit Vermögen — oder eine junge Witwe . Lieber Gott , die arme Agathe war doch eigentlich über das Heiratsalter hinaus . Gelegentlich mußte sie dem Landrat mal auf den Zahn fühlen , damit das gute Kind sich nicht blamierte . Vielleicht konnte man ihm vorschlagen , auch nach Heringsdorf zu kommen . Das wäre eigentlich ziemlich amüsant . . Aber heute ? — Bildet Euch doch nur nicht ein , daß der Landrat bei der Hitze kommt ! Gebt die Idee auf ! Agathe gab die Idee nicht auf . Sie war seelensfroh , daß Eugenie sie nicht begleiten wollte . Tapfer versuchte sie ihr Heil bei Wendhagens — die waren auch bei zwanzig Grad zu jedem Vergnügen bereit . Mit Lisbeth fühlte sie sich viel sicherer und munterer als unter Eugeniens scharfen Beobachteraugen . Und einmal der liebevollen Fürsorge ihrer Mutter entflohen zu sein — ja — schrecklich ! — aber es war ihr jedesmal ein kleines Fest . Raikendorf würde sie nach Haus bringen , denn Wendhagens wohnten in der Vorstadt . Da hatten sie noch einen weiten Weg allein miteinander . Ob er ihr wieder den Arm bieten würde ? Er that es und nahm den ihren , ohne zu fragen , mit einer heiteren Besitzermiene . Sie wußte , daß er nun sprechen würde . Sie hatte ihn doch sehr , sehr gern . Es kam ganz natürlich und war nicht so aufregend , wie sie sich vorgestellt hatte . Er sagte ihr einfach , daß er sie zu seiner kleinen Frau haben möchte , er brauchte gar keine romantischen Worte . Wie zwei gute Kameraden redeten sie davon . Die Hausthür war schon verschlossen . Er half ihr beim Öffnen , und als sie ihm entschlüpfen wollte , heilt er sie im Schatten des Eingangs fest und zog sie an sich . “ Agathe . . . . ! ” bat er leise . Ein Kuß — der erste Kuß auf ihre Lippen . . . Bebende Freude flog durch ihre Sinne . . . Doch ein Licht erhellte plötzlich den Flur , aus der Parterrewohnung drangen Stimmen und Tritte ihnen entgegen — Agathe fuhr zurück . Raikendorf gab sie frei und zuckte ungeduldig die Achseln . Er preßte ihre Hand . “ Auf morgen , Agathe ! ” “ Auf morgen ! Gute Nacht ! ” Agathe lief die Treppen hinauf . Wie lieb sie den Mann jetzt hatte ! Morgen — Morgen wird er sie wieder so weich und fest in den Arm nehmen , und sie wird die Augen schließen . . . . “ Mama — meine liebe , liebe Mama ! Er kommt — morgen früh — zu Papa . . . . Ach — mein Herzensmütterchen . . . . Ich bin ja so froh ! So froh ! — Ich dachte ja gar nicht . . . Ach freust Du Dich auch ? — Er ist lieb — nicht wahr ? Weißt Du — er . . . Ich kann ' s Dir nicht sagen . . . . wie er zu mir ist — so gut ! — — Mama — er sprach von seinem Einkommen — ob es reichen würde für uns beide . Ich habe ihm gesagt Du hättest Vermögen . . . Das dürfte ich doch ? Du giebst mir doch davon , nicht wahr ? ” “ Mein Herzchen — was mein ist , ist doch auch Dein ! ” “ Ich will ja auch sparsam sein ! Aber so sparsam ! Ach Mama — glaubst Du . . . ” “ Was denn , mein Kind ? ” Agathe lachte leise . “ Nichts ! Ich dachte nur . . . Nein — so weit will ich gar nicht denken , sonst werd ' ich noch närrisch vor Freude . Sag ' Du ' s Papa . Er wird nichts dagegen haben ? Nein — nicht wahr ? ” “ Was sollte er ! Papa schätzt Raikendorf . Er soll höheren Ortes sehr gut angeschrieben sein . — Geh nun , schlaf , mein Liebchen , damit Du morgen hübsch frisch aussiehst ! Ach , mein Kind , daß ich Dich hergeben soll ! ” Dankbarkeit — tiefe , immer neu in ihrem Herzen quellende Dankbarheit überflutete gleich einem breiten , stillen , sonnenglänzenden Strom die ganze Empfindungswelt des Mädchens . Dankbarkeit war nun ihre Liebe . Retter , Erlöser nannte sie den Mann in ihrer heimlichen Seele . Nicht jauchzendes Hinwerfen ihres Selbst in allgewaltige Flammen — kein Aufglühen zu höchster erhabener Schönheit in trunkener Leidenschaft . . . . . Nein — demütiges Empfangen , bescheiden-emsiges Hegen und Pflegen des Glücksgeschenkes — das war , was sie nun einzig begehrte . Nie — nie wollte sie Raikendorf vergessen , daß er ihr den Abend — die Fülle von freundlichen Hoffnungen gegeben . Ihr ganzes Leben sollte ein Dienen dafür sein . Nicht genug konnte sie sich darin thun , ihn als ihren Herrn zu erhöhen und sich zu erniedrigen . War es möglich , daß es Augenblicke gegeben , in denen sie ihn verachtet — über ihn gehöhnt hatte ? Ihn ? Dem sie heut die Füße hätte küssen wollen , sie mit ihren Thränen baden und mit ihren duftenden Haaren trocknen ? — — In der Frühe , als sie das Wohnzimmer betrat , erinnerte sie sich plötzlich an den Abend , an dem ihr Martin Greffinger die sozialistischen Schriften gegeben hatte , um ihr zu helfen . Du lieber Gott ! Sie mußte wahrhaftig darüber lachen . Was ging das Volk sie wohl an ! Es war ihr ganz gleichgültig ! Eben so gleichgültig , wie es sie gelassen hätte , wenn sämtlichen Fürsten der Erde auf einmal die Köpfe abgeschlagen worden wären . Und wonach sie verlangte — was sie brauchte — was ihr einzig die Welt bedeutete , das sollte sie auf dem Schoße halten dürfen in seiner hilflosen , weichen , entzückenden Kleinheit — ein Kind ! Ein Kind ! — Mein Gott — wenn man ihr gesagt hätte , sie müsse sich von Raikendorf schlagen — mißhandeln lassen , mit diesen Hoffnungen beschäftigt , würde sie lächelnd und zerstreut geantwortet haben : “ Ja — gerne ! ” Ihr Vater saß hinter der Zeitung . Sein Gesicht , als er es flüchtig bei ihrem Morgengruß erhob , war ernst und sorgenvoll . Er antwortete ihr nicht . Agathe ging ihrer Mutter nach . “ Was ist mit Papa ? Freut er sich nicht ? ” Ihre Mutter hatte geweint . “ Liebes Kind , Du kannst nicht von ihm verlangen , daß er Dich gern hergiebt . Du bist doch unser Sonnenschein . Er ist . . . . ich dachte . . . er äußerte sich immer so günstig über Herrn Raikendorf . Nun mit einem Mal . . . aber das wird sich schon geben ! — Weißt Du , Agathe , es ist ihm sehr unangenehm , daß Du die Äußerung über mein Vermögen gethan hast . ” “ Ja aber — ich mußte doch . . . ” “ Ich habe mich nie um die Verwaltung bekümmert . Das versteht Papa ja viel besser . Aber Papa sagt , wir hätten Verluste gehabt . — Laß nur gut sein ! Wir richten uns schon ein . Wir nehmen eine kleinere Wohnung , und wenn Du fort bist , brauchen wir auch nur ein Mädchen . Ich habe es Papa schon vorgerechnet . Dein Glück steht uns doch am höchsten . ” Die Unterredung zwischem dem Regierungsrat und Raikendorf dauerte sehr lange . Agathe konnte einen gereizten Ton in der Stimme ihres Vaters vernehmen . Worte verstand sie nicht . Wieder wurde hinter verschlossenen Thüren über ihr Schicksal verhandelt — wie damals , als die Ärzte berieten , ob sie an einer langwierigen Krankheit zu Grunde gehen oder gesund werden würde . Und man erlaubte ihr nicht , mitzusprechen , zu fragen , das Für und Wieder zu hören . Geduldig mußte sie sitzen , die Hände im Schoß , und warten , was über sie beschlossen wurde . Mein Gott , mein Gott , erbarme Dich doch ! Sie wendete sich nicht an den Heiland — sie fürchtete ihn — er forderte Entsagung und Kreuztragen . Instinktiv drängte es sie zu Gott dem Vater , dem Schöpfer und Erhalter alles Lebens . Immer war ihr , als müsse sie jetzt , wie in jener anderen fürchterlichen Stunde , das befreiende Lachen hören . . . . — Eine Thür wurde geöffnet . Leise , vorsichtig sprachen Papa und Raikendorf miteinander — so dumpf . . . als wäre etwas gestorben . — Ging er . . . ohne zu ihr zu kommen ? Sie hielt sich am Fensterkreuz und starrte auf die Straße . Raikendorf trat aus der Thür , und ohne emporzublicken , ging er langsam fort . “ Mama ! ” schrie Agathe heiser auf , “ geh doch , sieh doch ! ” Ihr Vater kam herein . Als er Agathe ansah , das angstverzerrte kleine Gesicht , winkte er seiner Frau . Er konnte es ihr nicht sagen . Die Mutter fand wohl bessere Worte . Sie mußte ihr ja auch schon früher einmal den ersten Schlag beibringen . “ . . . Du bist ein verständiges Mädchen . . . . Papa hat es uns bisher verschwiegen . . . er meinte , wir würden die Diskretion nicht gewahrt haben — wegen Eugenie . Walter hatte Schulden — gespielt — ehe er sich verlobte . Papa mußte sie bezahlen , sonst . . . . . wegen seiner Stellung . . . . Er hat auch so strenge Ehrbegriffe . Wir haben viel verbraucht — von meinem Vermögen ist nichts mehr da . Er hat mir den Kummer ersparen wollen . . . Mein gutes , verständiges Mädchen . . . . ” Frau Heidling hielt Agathes Hand und streichelte sie immerfort , als könne sie ihr damit das zuckende Herz in magnetischen Schlaf streicheln . Sie hatte eine Angst um Agathes Gesundheit . . . . Und beinahe feige , hinterlistig , die Schuld von ihrem Manne abzuwälzen , begann sie : “ Wenn Dich Raikendorf wirklich lieb gehabt hätte . . . . ” “ Mama ! ” schrie Agathe empört heraus , “ er kann doch nicht ! Er hat auch Schulden zu bezahlen ! Er ist ehrlich gegen mich gewesen ! ” Sie riß ihre Hand aus der ihrer Mutter und ging auf ihr Zimmer . Am Abend aßen Walter und Eugenie bei den Eltern . Sie wollten in den nächsten Tagen nach Heringsdorf reisen . Es sollte das letzte Beisammensein werden . Der Regierungsrat wünschte nicht , daß seine Frau ihnen absagte . “ Dadurch wird die Sache nur herumgesprochen . Es schadet dem Mädchen nicht , wenn sie sich zusammennimmt . ” “ — — Höre mal . Agathe , was ist Dir denn in die Milch gefallen ? ” fragte Walter bei Tisch . “ Du machst ja eine höchst sentimentale Jammermiene ! Hat Dich Dein Landrat geärgert ? ” “ Laß Deine Schwester in Ruhe , sie hat Kopfweh , ” befahl sein Vater ärgerlich . Agathe überfiel ein Zittern , ihr ganzes Gesicht verzog sich zu einer erschreckenden Grimasse . Sie stand auf und ging eilig hinaus : wäre sie geblieben , so hätte sie sich auf ihren Bruder gestürzt — sie fühlte plötzlich etwas wie eine innere wilde , schreckliche Kraft , die sich aus Fesseln losrang und nicht mehr zu halten war . “ Da hört doch aber manches auf ! ” rief Walter . “ Nicht mal einen harmlosen Spaß kann man noch mit ihr machen ! So ein albernes , empfindliches Frauenzimmer ! ” “ Du drückst Dich recht hart aus , ” sagte seine Mutter beklommen . “ Agathe hat auch ihr Teil zu tragen . ” “ Aber Mama , unausstehlich reizbar ist sie wirklich , ” sagte Eugenie . “ Was hat sie denn zu tragen , ” fiel Walter ein . “ Sie sollte Gott danken , daß es ihr so gut geht . Was denn ? Unsereins hat seinen Dienstärger , die Plage mit den Rekruten und die Schinderei von den Vorgesetzten . Dagegen so ein junges Mädchen . . . . Nichts auf der ganzen weiten Welt zu thun , als sich zu putzen und vergnügt auszusehen . . . Alte Jungfernschrullen , sage ich . ” “ Schließen wir mal die Augen , ist doch niemand da , um für sie zu sorgen , ” klagte Frau Heidling in einem dürftigen , jämmerlichen Ton . Ihr Mann warf ihr einen strengen Blick zu . Es verletzte seinen Stolz , mit Walter und seiner reichen Frau von dieser Geschichte zu reden . “ Erstens hat es mit dem Sterben noch lange Zeit , ” begann der junge Offizier , “ und dann hat sie doch uns . ” “ Ja — nicht wahr , Walter , Du versprichst mir , daß Du Deine Schwester nie verläßt ! ” “ Aber selbstverständlich , Mama ! ” Diese unnötige Feierlichkeit jetzt plötzlich zwischen Salat und Rührei — was die Frauen doch alles schwer nehmen . Na , Eugenie hatte Gott sei Dank keine Nerven . “ Agathe kommt natürlich zu uns . Nicht wahr , Frauchen ? ” “ Sie kann ja mit den Kindern spazieren gehen , wenn sie sich nützlich machen will — da sparen wir ein Fräulein , ” sagte Eugenie leichthin . „ Siehst Du , Mama ” ” schloß Walter befriedigt das Gespräch , „ sie findet schon Arbeit bei uns . Wenn wir erst das kleine Mädchen zum Jungen haben . . . Na , gieb mir noch ein Stück Braten . ” Es schien doch , als ob Agathe mit der Zeit vernünftiger geworden war . Sie bekam keinen Blutsturz . Sie meinte nicht einmal , daß nun jede Hoffnung für ihre Zukunft am Ende wäre , sondern biß die Zähne aufeinander und dachte : “ Dann also Dürnheim ! ” Mehr denn je verwandte sie Zeit und Interesse auf die Pflege ihres Körpers und auf ihren Anzug . Wie hatte Onkel Gustavs geschiedene Frau es möglich gemacht , daß der Majoratsherr sie geheiratet ? Jung war sie doch nicht mehr gewesen — gewiß älter als Agathe und von schlechtem Ruf noch dazu . Die Tochter eines Gesindevermieters . Was zog die Männer zu ihr ? Nicht etwa Abenteurer , sondern gute , anständige Männer wie Onkel Gustav , und vornehme Konservative wie den Majoratsherrn , ihren zweiten Gatten ? Agathe begann zu entdecken , daß in diesen Dingen andere Kräfte im Spiel waren , als ihre Erzieher ihr gelehrt hatten . Sie wäre sich gern darüber klar geworden , um ihren Entschluß zu treffen , ob sie sie anwenden wollte und konnte oder nicht . Immer war sie stolz darauf gewesen , zu sein , was sie schien : ein unschuldiges , unwissendes junges Mädchen . In den letzten Jahren hatte das Christentum noch eine festere , strengere Mauer um sie gezogen , als um ihre Freundinnen . Sie hatte nichts hören wollen von den Dingen dieser Welt , sondern den Himmel gewinnen , eindringen in die dornenumzäunte Pforte zu der unaussprechlichen Ruhe der Kinder Gottes . Seit Raikendorf sie beinahe geküßt hatte , träumte sie nur noch von diesem Kuß — nicht mehr von ihm , von seiner Persönlichkeit , sondern einzig von dem Kuß , den sie schon zu fühlen meinte und der ihr dann in Luft verhauchte . Er war ihr letzter Gedanke beim Einschlafen , ihr erster beim Erwachen . Dabei verschwand ihr der Glaube an Gott fast vollständig . Der Heiland , den sie so innig zu lieben sich bestrebt hatte , war ihr fremd und gleichgültig geworden . Sie zweifelte nicht —