. Reizen ! Dieser Nordeck läßt sich überhaupt nicht reizen , am wenigsten durch mich . « » Nun , weshalb versuchst du es denn immer wieder von neuem ? « Wanda blieb die Antwort schuldig , aber der Vater hatte recht – sie konnte keine Gelegenheit vorübergehen lassen , den zu reizen , der einst bei jedem unbesonnenen Worte in leidenschaftlicher Empfindlichkeit aufloderte und der ihr jetzt mit dieser unverwüstlichen Gelassenheit gegenüberstand . Die übrigen Herren waren inzwischen auch aufmerksam geworden . Sie kannten Nordeck bereits als tüchtigen , wenn auch besonnenen Reiter , aber es galt ihnen als ausgemacht , daß er es darin mit dem Fürsten Baratowski nicht aufnehmen könne , und weniger rücksichtsvoll als Graf Morynski gönnten sie dem » Fremden « die voraussichtliche Niederlage von Herzen . Die beiden Brüder standen bereits bei dem Goldfuchs , Das schlanke , feurige Tier schlug ungeduldig mit seinen Hufen die Erde und machte mit seiner Unruhe dem Reitknecht viel zu schaffen . Leo nahm dem letzteren den Zügel aus der Hand und hielt das Pferd selbst , während sein Bruder aufstieg ; die tiefste innerste Genugthuung leuchtete dabei aus seinen Augen ; er kannte seinen Vaillant . Jetzt ließ er ihn los und trat zurück . Der Goldfuchs spürte in der That kaum die fremde Hand am Zügel , als er seinen ganzen Eigensinn zu zeigen begann . Er bäumte , schlug und machte die heftigsten Versuche , den Reiter abzuschütteln , aber dieser saß wie festgewachsen , und setzte dem leidenschaftlichen Ungestüm des Pferdes einen ruhigen , aber so energischen Widerstand entgegen , daß es sich endlich in sein Schicksal ergab und ihn duldete . Damit war aber auch die Fügsamkeit zu Ende , denn als Waldemar das Tier jetzt antreiben wollte , weigerte es sich entschieden zu gehorchen und war nicht vom Flecke zu bringen . Es erschöpfte sich in allerlei Tücken und Launen . Alle Geschicklichkeit , alle Energie brachte es auch nicht einen Schritt vorwärts . Dabei geriet es aber in eine immer größere Aufregung und nahm zuletzt eine entschieden drohende Haltung an . Bisher war Waldemar noch ziemlich ruhig geblieben , jetzt aber begann sich seine Stirn dunkel zu röten : seine Geduld war zu Ende . Er hob die Reitpeitsche , und ein schonungslos geführter Hieb sauste auf das widerspenstige Roß nieder . Doch diese ungewohnte Strenge brachte das eigenwillige und verwöhnte Tier zum Aeußersten . Es machte einen Satz , daß die umstehenden Herren rechts und links auseinanderstoben , und schoß dann wie ein Pfeil über den Rasenplatz hin , in die große Allee hinein , die nach dem Schlosse führte . Dort artete der Ritt in einen wilden Kampf zwischen Roß und Reiter aus ; das erstere gebärdete sich wie unsinnig . Es tobte förmlich und setzte augenscheinlich alles daran , den Reiter aus dem Sattel zu schleudern . Wenn Waldemar trotzdem seinen Platz behauptete , so konnte es nur mit äußerster Lebensgefahr geschehen . » Leo , mache der Sache ein Ende ! « sagte Morynski unruhig zu seinem Neffen . » Vaillant wird sich beruhigen , wenn du dazwischen trittst . Bestimme deinen Bruder , abzusteigen , oder wir haben ein Unglück . « Leo stand mit übereinandergeschlagenen Armen da und sah dem Kampfe zu , machte aber keine Miene , einzuschreiten . » Ich habe Waldemar die Gefahr nicht verhehlt , die das Pferd einem Fremden bringt , « erwiderte er kalt . » Wenn er es absichtlich wütend macht , so mag er auch die Folgen tragen ! Er weiß es ja , daß Vaillant keine Strenge verträgt . « In diesem Augenblicke kam Waldemar zurück ; er war des Zügels Herr geblieben und zwang das Pferd sogar , eine bestimmte Richtung einzuhalten , denn er jagte in einem Bogen um den Rasenplatz , von einer Fügsamkeit war aber noch lange nicht die Rede . Der Goldfuchs sträubte sich immer wieder von neuem gegen die Hand , die ihn mit so eisernem Griff regierte , und suchte mit seinen blitzschnellen , unberechenbaren Bewegungen den Reiter zum Sturze zu bringen , doch Nordecks Aussehen zeigte , daß das alte Ungestüm wieder in ihm wach geworden war . Flammendrot im ganzen Gesicht , mit sprühenden Augen und fest zusammengebissenen Zähnen gebrauchte er Peitsche und Sporen in seiner erbarmungslosen Weise , daß Leo außer sich geriet . Der Gefahr seines Bruders hatte er ruhig zugesehen , diese Mißhandlung seines Lieblings ertrug er nicht . » Waldemar , hör auf ! « rief er zornig hinüber . » Du ruinierst mir ja das Pferd . Wir haben es jetzt alle gesehen , daß Vaillant dich trägt . Laß ihn endlich in Ruhe ! « » Erst werde ich ihm Gehorsam beibringen . « In Waldemars Stimme klang die wildeste Gereiztheit ; er kannte jetzt keine Rücksicht mehr , und Leos Einspruch hatte keine andre Wirkung , als daß das Pferd bei dem zweiten Ritt um den Rasenplatz noch schonungsloser behandelt wurde , als vorhin . Als es zum drittenmal mit seinem Reiter die Runde machte , hatte es sich ihm endlich gefügt . Es widerstrebte nicht mehr , hielt die vorgeschriebene Gangart inne und stand auf einen einzigen Druck des Zügels am Schlosse still , freilich in einem Zustande , als müsse es jeden Augenblick zusammenbrechen . Nordeck stieg ab . Die Herren umringten ihn , und es fehlte nicht an Komplimenten für seine Reitkunst , wenn auch unleugbar eine Verstimmung auf der ganzen Gesellschaft lag . Leo allein sprach kein Wort ; er streichelte stumm das zitternde , schweißtriefende Roß , an dessen glänzend braunem Fell sich Blutspuren zeigten . So furchtbar hatten ihm die Sporen Waldemars zugesetzt . » Das war ja eine Kraftprobe ohnegleichen , « sagte Graf Morynski ; man horte den Worten das Gezwungene an . » Vaillant wird den Ritt so bald nicht vergessen . « Waldemar war seiner Erregung bereits wieder Herr geworden , nur die Röte auf seiner Stirn und die hochangeschwollene blaue Ader an den Schläfen gaben noch Zeugnis davon , als er erwiderte : » Ich mußte das Lob der Gräfin Morynska , daß ich beinahe so gut reite als mein Bruder , doch einigermaßen zu verdienen suchen . « Wanda stand neben Leo mit einem Ausdruck , als habe sie selbst eine Niederlage erlitten , die sie nun auf Tod und Leben rächen müsse ; so drohend flammte es aus ihren dunkeln Augen . » Ich bedaure , daß mein unvorsichtiges Wort dem armen Vaillant diese Mißhandlung zugezogen hat , « entgegnete sie mit fliegendem Atem . » An eine solche Behandlung ist das edle Tier allerdings nicht gewöhnt . « » Und ich nicht an einen solchen Widerstand , « versetzte Waldemar scharf . » Es ist nicht meine Schuld , daß Vaillant sich nur den Sporen und der Peitsche fügen wollte – fügen mußte er sich nun einmal . « Leo machte dem Gespräch ein Ende , indem er sehr laut und demonstrativ seinem Reitknecht befahl , den Goldfuchs , der » dem Zusammenbrechen nahe sei « , in den Stall zu führen und alle mögliche Sorgfalt für ihn zu tragen , dann aber rasch ein andres Pferd zu satteln und zur Stelle zu bringen . Graf Morynski , der einen Ausbruch fürchtete , trat zu seinem Neffen und zog ihn beiseite . » Beherrsche dich , Leo ! « sagte er leise und eindringlich . » Zeige den Gästen nicht diese finstere Stirn ! Willst du etwa Streit mit deinem Bruder suchen ? « » Und wenn ich es thäte ! « stieß der junge Fürst halblaut hervor . » Hat er mich nicht vor der ganzen Jagdgesellschaft preisgegeben mit seiner taktlosen Erzählung von dem Normann ? Hat er mir meinen Vaillant nicht fast zu Tode geritten ? Und das alles um einer elenden Prahlerei willen ! « » Prahlerei ? Besinne dich ! Du warst es , der ihm die Probe antrug . Er weigerte sich ja anfangs , darauf einzugehen . « » Er hat mir und uns allen zeigen wollen , daß er Meister ist , wo es sich um die bloße rohe Kraftäußerung handelt . Als ob ihm jemand das schon bestritten hätte ! Das ist ja überhaupt das einzige , was er kann . Aber ich sage es dir , Onkel , wenn er mich noch einmal in dieser Weise herausfordert , so ist es zu Ende mit meiner Geduld , und wäre er zehnmal der Herr von Wilicza . « » Keine Unvorsichtigkeiten ! « warnte der Graf . » Du und Wanda , ihr seid es leider gewohnt , eurem persönlichen Empfinden alles andre unterzuordnen . Ich kann von ihr nie die mindeste Rücksicht erlangen , sobald es sich um diesen Waldemar handelt . « » Wanda darf doch wenigstens ihre Abneigung offen zeigen , « grollte Leo . » Ich dagegen – da steht er bei seinem Normann , als wären sie beide die Ruhe und Gelassenheit selber , aber man sollte es nur einmal versuchen , ihnen nahe zu kommen ! « Das verlangte Pferd wurde jetzt gebracht , und in dem nun erfolgenden allgemeinen Aufbruch verlor sich der Mißton einigermaßen . Es war aber doch ein Glück , daß der heutige Jagdtag die Brüder voneinander fernhielt und ihnen jedes längere Beisammensein unmöglich machte , sonst wäre es bei der fortdauernden Gereiztheit Leos doch wohl noch zu einem Ausbruch gekommen . Als man erst einmal das Jagdrevier erreicht hatte , trat , für einige Stunden wenigstens , alles andre vor der Lust des Jagens in den Hintergrund . Waldemar hatte unrecht , wenn er die » großen Staats- und Gesellschaftsjagden « so entschieden verabscheute ; sie boten doch immerhin ein prächtiges , glänzendes Bild , zumal hier in Wilicza , wo man dergleichen sehr großartig und echt fürstlich in Scene zu setzen verstand . Die sämtlichen Förstereien waren aufgeboten , um mit ihren Leuten in vollster Gala Staat zu machen . Die ganzen Waldungen waren lebendig geworden ; es schwärmte förmlich darin von Forstleuten und Treibern , das Imposanteste aber war unstreitig der heransprengende Jagdzug selbst . Die Herren , meist prachtvolle Gestalten in elegantem Jagdkostüm , auf ihren schlanken feurigen Pferden , die Damen in Amazonentracht an der Seite ihrer Kavaliere , die Dienerschaft hinter ihnen , und dazu das Schmettern der Hörner , das Gekläff der Hunde – es war eine Scene voll Feuer und Leben , und bald verkündeten auch das vorüberfliehende Wild und die Schüsse , die ringsum das Echo des Waldes weckten , daß die Jagd ihren Anfang genommen habe . Das Wetter ließ jetzt , wo der Nebel gefallen war , nichts mehr zu wünschen übrig ; es war ein kühler , etwas verschleierter , aber im ganzen doch schöner Novembertag . Der Wildstand des Forstreviers von Wilicza galt für unvergleichlich ; die Anordnungen waren vorzüglich getroffen , die Jagdbeute äußerst ergiebig . Da verstand es sich wohl von selbst , daß man sich bemühte , die unfreiwillige Verspätung von heute morgen wieder einzubringen . Der kurze Nachmittag des Spätherbstes neigte sich schon seinem Ende zu , aber man dachte nicht daran , die Jagd vor der Dämmerung abzubrechen . Einige tausend Schritt von der Försterei entfernt , die für heute als Rendezvous diente , lag eine Waldwiese , einsam und wie verloren mitten im Dickicht . Das dichte Unterholz und die mächtigen Bäume machten den Platz unsichtbar für jeden , der ihn nicht bereits kannte oder ihn durch Zufall entdeckte ; jetzt freilich , wo die Umgebung sich schon herbstlich zu lichten begann , konnte man den Zugang eher finden . Inmitten des Wiesengrundes ruhte eines jener stillen kleinen Gewässer , wie sie der Wald oft in seinem Schoße birgt , ein See oder Teich . Im Sommer mochte er mit seinem wehenden Schilfgrase , seinen träumerischen Wasserlilien dem Orte wohl einen eigenen poetischen Reiz leihen , jetzt aber lag er dunkel und schmucklos da , bedeckt von welken Blättern und umgeben von braunem Rasen , herbstlich öde , wie die ganze Umgebung ringsum . An den Stamm des Baumes gelehnt , blickte sie unverwandt in das Gewässer . Unter einem der Bäume , die ihre Aeste weithin über diese Wiese streckten , stand Gräfin Morynska , ganz allein und ohne jede Begleitung . Ihre Zurückgezogenheit mußte wohl eine freiwillige sein . Verloren konnte sie die Jagd nicht haben , denn man hörte den Lärm derselben , wenn auch in einiger Entfernung , doch deutlich genug , auch lag ja die Försterei nahe , wo die junge Dame jedenfalls ihr Pferd zurückgelassen hatte , denn sie war zu Fuß . Sie schien absichtlich die Einsamkeit gesucht zu haben und auch festhalten zu wollen ; an den Stamm des Baumes gelehnt , blickte sie unverwandt in das Gewässer und sah doch offenbar nichts von ihm oder von der Umgebung . Ihre Gedanken waren ganz wo anders . Die schönen Augen Wandas konnten sehr finster blicken – das sah man jetzt , wo sie augenscheinlich mit irgend einer grollenden Empfindung kämpfte , aber die tiefe Falte auf der weißen Stirn , die trotzig aufgeworfenen Lippen zeigten , daß diese Empfindung sich nicht so leicht niederkämpfen ließ , sondern ihren Platz behauptete . Die Jagd mit ihrem Lärm entfernte sich mehr und mehr . Sie schien sich nach der Richtung des Flusses hinzuziehen und diesen Teil des Forstes völlig frei zu lassen , all die wirren Töne verklangen in immer weiterer Ferne , nur die Schüsse hallten noch dumpf herüber ; jetzt trat auch darin eine Pause ein , und es wurde still , totenstill im Walde . Eine ganze Weile mochte Wanda so regungslos gestanden haben , als ein Schritt und ein Rauschen in ihrer unmittelbaren Nähe sie aufschreckte . Unwillig richtete sie sich empor und wollte eben der Störung weiter nachforschen , als die Gebüsche sich teilten und Waldemar Nordeck daraus hervortrat . Auch er stutzte bei dem Anblick der Gräfin – die unerwartete Begegnung schien ihm ebenso unangenehm zu sein wie ihr , aber ein Zurücktreten war nicht mehr möglich ; dazu standen sie sich zu nahe gegenüber . Waldemar grüßte leicht und sagte : » Ich wußte nicht , daß Sie die Jagd bereits verlassen hatten . Gräfin Morynska ist doch sonst als unermüdliche Jägerin bekannt – und sie fehlt bei dem Schlusse des heutigen Tages ? « » Die Frage möchte ich Ihnen zurückgeben , « versetzte Wanda . » Sie , gerade Sie fehlen bei dem letzten Treiben ? « Er zuckte die Achseln . » Ich habe vollständig genug davon . Mir stört der Lärm und das Durcheinander eines solchen Tages die ganze rechte Jagdlust . Mir fehlt die Mühe , die Aufregung der Jagd und vor allem die Waldesstille und Waldeseinsamkeit . « Das war es nun gerade , was Wanda vorhin vermißt , was sie hier gesucht hatte , sie wollte das aber natürlich um keinen Preis zugeben , sondern fragte nur : » Sie kommen von der Försterei ? « » Nein ! Ich habe nur meinen Normann dorthin vorausgesendet . Die Jagd geht nach dem Flusse zu , sie muß aber bald zu Ende sein und kommt jedenfalls auf dem Rückwege hier vorüber . Das Rendezvous ist ja in unmittelbarer Nähe . « » Und was thun wir inzwischen ? « fragte Wanda ungeduldig . » Wir warten , « entgegnete Waldemar lakonisch , indem er seine Flinte abnahm und den Hahn in Ruhe setzte . Die Falte auf der Stirn der jungen Gräfin vertiefte sich . » Wir warten . « Das klang so selbstverständlich , als setze er auch ihr Bleiben voraus . Sie hatte große Lust , sofort nach der Försterei zurückzukehren , aber nein ! Es war seine Sache , den Platz zu räumen , auf dem er sie so ohne weiteres in ihrer Einsamkeit gestört hatte . Sie beschloß zu bleiben , selbst auf die Gefahr hin , ein längeres Zusammensein mit diesem Nordeck aushalten zu müssen . Er machte indessen gar keine Anstalten zum Gehen ; er hatte seine Flinte an einen Baum gelehnt und stand nun mit verschränkten Armen , die Umgegend betrachtend . Die Sonne hatte es heute nicht ein einziges Mal vermocht , den Wolkenschleier zu durchdringen , nur jetzt im Niedergehen färbte sie ihn mit hellerem Lichte . Am westlichen Horizont flammte ein gelber Schein , der fahl und ungewiß durch die Baume schimmerte , und auf der Wiese begannen die Nebel aufzusteigen , die ersten Vorboten des herannahenden Abends . Der Wald sah schon recht herbstlich aus mit seinen halb entlaubten Bäumen und den dürren Blättern , die den Boden bedeckten . Da war auch nicht ein Hauch mehr von jenem frischen Lebensodem , der ihn im Frühling und Sommer durchweht , von jener mächtigen Lebenskraft , die dann in allen Adern und Pulsen der Natur zu pochen scheint – überall nur schwindendes Dasein , langsames , aber unaufhaltsames Vergehen . Die Augen der jungen Gräfin hafteten wie in düsterem Nachsinnen auf dem Gesicht ihres Gefährten , als wolle und müsse sie dort irgend etwas enträtseln . Er schien die Beobachtung zu spüren , obgleich er abgewandt stand , denn er wendete sich plötzlich nach ihr um und sagte gleichgültig , wie man eine allgemeine Bemerkung hinwirft : » Es ist doch etwas Trostloses um solch eine abendliche Herbstlandschaft . « » Und doch hat sie ihre eigene schwermütige Poesie , « meinte Wanda , » Finden Sie das nicht auch ? « » Ich ? « fragte er herb . » Ich habe mit der Poesie von jeher nichts zu thun gehabt – das wissen Sie ja , Gräfin Morynska . « » Ja , das weiß ich , « versetzte sie in dem gleichen Ton . » Aber es gibt doch Augenblicke , wo sie sich unwillkürlich jedem aufdrängt . « » Romantischen Naturen vielleicht . Unsereiner muß schon zusehen , wie er ohne diese Romantik und Poesie mit dem Leben fertig wird . Ausgehalten muß es ja doch einmal werden , so oder so . « » Wie gelassen Sie das sagen ! Das geduldige Aushalten war doch sonst gerade Ihre Sache am wenigsten . Ich finde , Sie haben sich in diesem Punkt merkwürdig verändert . « » Nun , man bleibt doch nicht sein Leben lang ein leidenschaftlicher ungestümer Knabe , oder trauen Sie es mir nicht zu , daß ich über Knabenthorheiten hinauskommen kann ? « Wanda biß sich auf die Lippen ; er hatte es ihr gezeigt , daß er darüber hinauskommen konnte . » Ich zweifle nicht daran , « erwiderte sie kalt . » Ich traue Ihnen sogar noch manches andre zu , was Sie freilich nicht zu zeigen für gut finden . « Waldemar wurde aufmerksam . Sein Blick streifte einen Moment lang scharf und prüfend die junge Dame , dann aber entgegnete er ruhig : » Dann setzen Sie sich in Widerspruch mit ganz Wilicza . Man ist hier wohl so ziemlich einig darüber , daß ich eine gänzlich ungefährliche Persönlichkeit bin . « » Weil Sie durchaus dafür gelten wollen . Ich glaube nicht daran . « » Sie sind sehr gütig , mir ganz unverdientermaßen eine Bedeutung beizulegen , « sagte Waldemar mit unverhehlter Ironie , » Aber es ist doch grausam von Ihnen , mir das einzige Verdienst nehmen zu wollen , das ich in den Augen meiner Mutter und meines Bruders überhaupt besitze – harmlos und unbedeutend zu sein . « » Wenn meine Tante den Ton hören könnte , mit welchem Sie das sagen , so würde sie ihre Ansicht wohl ändern , « erklärte Wanda , gereizt durch seinen Spott . » Für jetzt stehe ich mit der meinigen allerdings noch allein . « » Und so wird es auch bleiben , « ergänzte Nordeck . » Man läßt in mir den unermüdlichen Jäger , nach der heutigen Probe vielleicht auch den geschickten Reiter gelten , weiter nichts . « » Jagen Sie denn wirklich , Herr Nordeck , wenn Sie so den ganzen Tag lang mit Flinte und Jagdtasche umherstreifen ? « fragte die junge Gräfin , ihn scharf ansehend . » Und was sollte ich Ihrer Meinung nach denn sonst thun ? « » Ich weiß es nicht , aber ich vermute , daß Sie Ihr Wilicza inspizieren , sehr gründlich inspizieren . Es gibt nun wohl keine Försterei , kein Dorf , keinen noch so abgelegenen Hof in Ihrem Gebiet , wo Sie nicht bereits gewesen sind . Sogar den Pachtgütern haben Sie Besuche abgestattet , und Sie werden sich wohl überall dort ebenso schnell zurechtfinden , wie in den Salons Ihrer Mutter , wo Sie auch nur sehr selten erscheinen und eine sehr gleichgültige Rolle spielen . Aber es entgeht Ihnen kein Wort , kein Blick , überhaupt nichts , was geschieht . Sie scheinen unsrer Gesellschaft gar keine Beachtung zu schenken , und doch gibt es nicht einen einzigen darunter , der nicht bereits vor Ihnen die Musterung hätte passieren müssen und Ihrer Beurteilung anheimgefallen wäre , « Sie hatte ihm das alles Schlag auf Schlag mit einer Sicherheit und Bestimmtheit entgegengeworfen , die darauf berechnet war , ihn in Verwirrung zu bringen , und für den Augenblick fehlte ihm auch wirklich jede Antwort . Er stand mit tief verfinstertem Gesicht , mit fest zusammengepreßten Lippen da und rang augenscheinlich mit seinem Aerger . Aber so leicht war diesem Nordeck nicht beizukommen . Als er wieder aufsah , stand die Wolke zwar noch drohend auf seiner Stirn , aber aus seiner Stimme klang nur der schärfste Spott . » Sie beschämen mich wirklich , gnädige Gräfin ! Sie zeigen mir soeben , daß ich vom ersten Tage meines Hierseins an der Gegenstand Ihrer eingehendsten und ausschließlichsten Beobachtung gewesen bin – das ist in der That mehr , als ich verdiene . « Wanda fuhr auf . Ein Blick sprühendsten Zornes traf den Verwegenen , der es wagte , den Pfeil mit solcher Sicherheit auf sie zurückzuschleudern . » Ich leugne diese Beobachtung keineswegs , « entgegnete sie stolz , » aber Sie werden sich wohl selbst sagen , Herr Nordeck , daß jedes persönliche Interesse dabei von vornherein ausgeschlossen blieb . « Er lächelte mit unverstellter Bitterkeit . » Sie haben vollkommen recht . Bei Ihnen setze ich kein Interesse für meine Person voraus . Vor dem Verdachte sind Sie von meiner Seite sicher . « Wanda wollte die Hindeutung nicht verstehen , aber sie vermied es doch , seinem Blick zu begegnen . » Sie werden mir wenigstens das Zeugnis geben , daß ich offen gewesen bin , « fuhr sie fort . » An Ihnen ist es jetzt , mir meine Beobachtungen zuzugeben oder abzuleugnen . « » Und wenn ich Ihnen nun nicht Rede stehen will ? « » So habe ich eben recht gesehen , und werde es ernstlich versuchen , meine Tante zu überzeugen , daß ihr Sohn nicht so ungefährlich ist , wie sie denkt . « Der sarkastische Ausdruck von vorhin spielte wieder um Waldemars Lippen , als er antwortete : » Ihr Urteil mag sehr hoch stehen , Gräfin Morynska , eine Diplomatin aber sind Sie nicht , sonst würden Sie Ihre Ausdrücke vorsichtiger wählen . Ungefährlich ! Das Wort gibt zu denken . « Die junge Dame schrak unwillkürlich zusammen , » Ich wiederholte nur Ihren eigenen Ausdruck von vorhin , « sagte sie , sich rasch fassend . » Ah so , das ist etwas andres . Ich glaubte schon , es ginge irgend etwas in Wilicza vor , bei dem meine Anwesenheit als eine Gefahr betrachtet wird . « Wanda gab keine Antwort , sie sah jetzt erst ein , wie grenzenlos unvorsichtig es gewesen war , den Kampf gerade auf dieses Gebiet hinüberzuspielen , wo der Gegner sich ihr so vollständig gewachsen zeigte . Er parierte jeden Streich , gab jeden Schlag zurück und verstrickte sie zuletzt rettungslos in ihre eigenen Worte , und dabei hatte er den Vorteil der Kälte und Besonnenheit für sich , während sie nahe daran war , ihre ganze Fassung einzubüßen . Auf diesem Wege ging es nicht weiter , das sah sie , und so faßte sie denn einen raschen Entschluß und zerriß energisch das Netz , das ihre eigene Unvorsichtigkeit ihr um das Haupt gewoben hatte . » Lassen Sie doch den Hohn ! « sagte sie , ihr großes Auge finster und voll auf ihn richtend . » Ich weiß ja , daß er nicht der erwähnten Sache , sondern einzig und allein mir gilt . Sie zwingen mich endlich doch , einen Punkt zu berühren , den ich sicher nie der Vergessenheit entrissen hätte , wenn Sie mich nicht immer wieder darauf zurückführten . Ob ein solches Benehmen ritterlich ist , will ich dahingestellt sein lassen , aber Sie fühlen wohl so gut wie ich , daß es uns in eine Stellung gebracht hat , die anfängt unerträglich zu werden . Ich habe Sie einst beleidigt , und Sie haben mir das bis auf den heutigen Tag noch nicht verziehen . Nun denn , « – sie hielt einen Moment lang inne und atmete tief auf – » ich war damals im Unrecht gegen Sie ; ich gestehe es ein . Ist Ihnen das genug ? « Es war eine eigentümliche Abbitte und noch eigentümlicher die Art , in welcher sie ausgesprochen wurde . Es lag darin der ganze Stolz einer Frau , die recht gut fühlt , daß es für sie keine Demütigung ist , wenn sie sich herabläßt , einen Mann dafür um Verzeihung zu bitten , daß sie ihn zum Spielball ihrer Laune gemacht hat . Gräfin Morynska besaß offenbar das volle Bewußtsein davon , sonst hätte sie sich auch schwerlich zu diesen Worten verstanden , aber die Wirkung derselben war eine ganz andre , als sie erwartete . Waldemar war einen Schritt zurückgetreten , und sein Auge richtete sich mit einem durchbohrenden Ausdruck auf ihr Antlitz . » Wirklich ? « sagte er langsam und jedes Wort schwer betonend . » Ich wußte nicht , daß Wilicza Ihrer Partei so viel wert sei . « » Sie glauben – ? « rief Wanda heftig . » Ich glaube , daß ich es schon einmal teuer habe bezahlen müssen , Herr dieser Güter zu sein , « unterbrach er sie , und man hörte , daß es jetzt auch mit seiner Ruhe zu Ende ging ; es lag in seinen Worten etwas wie wühlende Gereiztheit . » Damals galt es , Wilicza meiner Mutter und ihren Interessen zu öffnen ; jetzt soll es diesen Interessen erhalten werden , um jeden Preis , aber man vergißt , daß ich nicht der unerfahrene Knabe mehr bin . Sie haben mir selbst die Augen geöffnet , Gräfin , und jetzt werde ich sie offen halten , auf die Gefahr hin , von Ihnen der › Unritterlichkeit ‹ geziehen zu werden . « Wanda war totenbleich geworden . Ihre herabhängende Rechte ballte sich krampfhaft in den Sammetfalten des Kleides . » Genug ! « sagte sie , sich gewaltsam beherrschend . » Ich sehe , Sie wollen keine Versöhnung und nehmen Ihre Zuflucht zur Beleidigung , um jede Verständigung unmöglich zu machen , nun gut , ich nehme die gebotene Feindschaft an . « » Sie irren , « versetzte Waldemar ruhiger . » Ich biete Ihnen keine Feindschaft ; das wäre in der That eine Unritterlichkeit gegen – « » Gegen wen ? « rief die junge Gräfin mit flammenden Augen , als er innehielt . » Gegen die Braut meines Bruders . « Wanda zuckte zusammen – seltsam , das Wort traf sie wie ein jäher schmerzlicher Stich ; ihr Blick heftete sich unwillkürlich auf den Boden . » Ich habe es bisher versäumt , Ihnen meinen Glückwunsch abzustatten , « fuhr Waldemar fort . » Wollen Sie ihn heute annehmen ? « Sie neigte mit stummem Dank das Haupt ; sie wußte selbst nicht , was ihr die Lippen schloß , aber es war ihr unmöglich , in diesem Augenblick eine Antwort zu geben . Es war das erste Mal , daß dieser Gegenstand zwischen ihnen berührt wurde , und mit der bloßen Erwähnung schien es auch genug zu sein , denn Waldemar fügte seinem Glückwunsch nicht eine einzige Silbe hinzu . Der gelbe Schein am Himmel war längst verblaßt und ein ödes , trübes Grau an seine Stelle getreten ; der Abendwind strich durch die halbentlaubten Gebüsche und rauschte in den Kronen der Bäume , die zum Teil noch den bunten Blätterschmuck trugen , aber er hing welk und matt an den Zweigen , und jetzt sank Blatt auf Blatt hernieder und deckte den Rasen und die stille , dunkle Fläche des kleinen Sees . Es rauschte und flüsterte in dem dürren Laub wie eine leise Herbstesklage um all das Leben , das gegrünt und geblüht hatte im Sonnenglanz und nun zu Grabe ging . Düster stand der Wald mit seinen unheimlich dämmernden Schatten , hier auf der nebelatmenden Wiese aber wallten die feuchten Schleier immer dichter empor , schwebten hierhin und dorthin und ballten sich über dem Gewässer zusammen . Dort stand es jetzt wie ein weißes gespenstisches Luftgebilde , unruhig wogend und wallend , und griff mit seinen feuchten Nebelarmen nach den beiden am Rande des Sees , als wollte es sie zu sich hinüberziehen , und zeigte ihnen tausend Bilder und Gestalten , eins das andre verdrängend , eins in das andre fließend , in endlosem Wechsel . Man hörte nichts als das einförmige Rauschen des Windes , das leise fallende Laub , und doch klang es daraus hervor wie fernes , fernes Meeresbrausen , und aus dem wogenden Nebel tauchte es empor wie eine Fata Morgana , die grünen Zweige uralter mächtiger Buchen , umleuchtet von dem letzten Abendgolde , die blaue wogende See in ihrer unermeßlichen Weite . Langsam sank