vergriffen und bei der Entdeckung sich aus Scham und Verzweiflung den Tod gegeben hatte , selbst meine Mutter hat das geglaubt . « » Und Sie – Sie glaubten das nicht ? « » Ich wußte es , daß er schuldlos war . Ich fand in seinem Schreibtische einen Brief , nur wenige Zeilen , in seiner Todesstunde geschrieben und an mich , seinen Aeltesten , gerichtet , er wollte wenigstens vor seinem Sohne rein dastehen . Glauben Sie , Edith , daß ein Mann , dessen ganzes Leben rein und ehrenvoll gewesen ist , lügen kann , wenn er vor der Pforte der Ewigkeit steht , wenn er im Begriff steht , diese Pforte mit eigener Hand zu öffnen ? « » Nein ! « sagte Edith mit einem tiefen Atemzuge , » Also der Schuldige war ein anderer ? « » Ja , ein anderer ! « Raimar hielt einen Augenblick inne , dann sprach er halblaut , aber mit furchtbarer Bedeutsamkeit : » Die Depots waren nur einem zugänglich , außer dem Chef , seinem Prokuristen , und der hieß – Felix Ronald ! « Ein Ausruf des Entsetzens entrang sich Ediths Lippen . » Allmächtiger Gott ! Was wagen Sie da anzudeuten ? « » Was ich nicht beweisen kann , « entgegnete Ernst mit herber Aufrichtigkeit , » was wohl überhaupt nicht zu beweisen ist . Mein Vater scheint keinen Verdacht gehegt zu haben , wenigstens machte er keine Andeutungen in jenem Briefe , aber in mir erwachte der Argwohn in der ersten Stunde , wo ich wieder klar denken und urteilen konnte , und ließ mich nicht wieder los . Ich habe nach den Beweisen wochenlang , monatelang gesucht mit dem ganzen Scharfsinn eines Juristen , mit der fieberhaften Angst eines Menschen , der seine und seines toten Vaters Ehre retten will – es fand sich nichts , jede Spur war vernichtet . Ich war ja fern gewesen bei der Katastrophe , Ronald behauptete , er habe sofort nach dem Selbstmord seines Chefs das Fehlen der Depots entdeckt , er warf alle Schuld und Verantwortung auf den Toten . « Edith war totenbleich geworden , sie umklammerte mit beiden Händen die Lehne des vor ihr stehenden Sessels , endlich stieß sie abgebrochen hervor : » Das ist nur ein Argwohn – die Beweise fehlen – Sie sagen es ja selbst ! « » Ja , aber ich habe mir die Gewißheit verschafft , auf anderem Wege . – Es war zu Ende , der Sturz unseres Hauses entschieden , ich hatte mit Ronald geordnet , was noch zu ordnen möglich war , und er kam nun , um sich von mir zu verabschieden . Bis dahin hatte ich mit keinem Worte , keinem Blicke meinen Verdacht verraten , jetzt waren wir beide allein im Arbeitszimmer meines Vaters , da überstürzte ich ihn plötzlich mit der Anklage und schleuderte es ihm in das Gesicht : der Schuldige sind Sie ! « » Und da ? « Die Frage klang halb erstickt . » Nun , da sah ich es – das jähe Erbleichen , das Zusammenzucken , sah in seinen Augen die Angst vor der Entdeckung . Das dauerte freilich nur eine Minute , dann hatte er seine volle Fassung wieder und trat mir mit eherner Stirn entgegen . Er wies meine Anklage mit kaltem Hohne zurück , forderte die Beweise für meine › wahnsinnige Einbildung ‹ und fragte achselzuckend , ob ich es denn durchaus der Welt zeigen wolle , daß die Verzweiflung mich unzurechnungsfähig gemacht habe . « Er hielt inne und schien eine Antwort zu erwarten , als sie nicht erfolgte , schloß er ruhiger , aber mit tiefer Bitterkeit : » Ich habe das in der That nicht versucht . Der Tod meines Vaters galt als Schuldbekenntnis , und wäre ich mit einer Anklage aufgetreten , der auch nicht der Schatten eines Beweises zur Seite stand , man hätte mich wirklich für unzurechnungsfähig gehalten . Meine Ueberzeugung stand fest seit jener Stunde – und seit jener Stunde ist Ronald mein Todfeind gewesen ! « Edith stand noch immer regungslos da , aber ihre Augen hatten einen Ausdruck , als blicke sie in einen Abgrund . Das erste Zusammentreffen ihres Verlobten mit Raimar , dessen Zeuge sie gewesen war , sein wildes Auffahren , als er wissen wollte , was jener mit seiner Braut gesprochen , sein glühender Haß gegen den Mann , den er » zertreten « wollte , und den er doch offenbar fürchtete – das alles erhob sich jetzt in ihrer Erinnerung und zeugte wider Ronald . Es ging ein krampfhaftes Beben durch ihren Körper , als sie fragte : » Und das sagen Sie mir – jetzt ! « » Weil ich muß ! « erwiderte er tiefernst . » Sie trauen mir doch wohl keine niedrige Rache zu ? Sie wissen es , Edith , ich habe auch damals in Gernsbach noch geschwiegen , als ich aus Ihrem eigenen Munde vernahm , daß Sie Ronalds Braut seien . Ich glaubte , die Enthüllungen meiner Schrift , der Prozeß , der ja vorherzusehen war , würden Sie frei machen von dem unheilvollen Manne . Ich rechnete auf das Eingreifen Ihres Vaters , der jenes Band zerreißen würde . Ich hielt es für längst zerrissen und höre nun von Ihnen , daß es noch besteht , daß Sie sich einer vermeinten Pflicht opfern wollen – nun denn , so sollen Sie wissen , wem dies Opfer gilt ! « Edith richtete sich empor , das lähmende Entsetzen wich jetzt einem plötzlichen Entschlusse . » Ich werde es erfahren ! « sagte sie fest . » Er soll mir Rede stehen . « » Ihnen , die er liebt ? Glauben Sie , daß er sich selbst vernichten wird in Ihren Augen ? « » Ich glaube , daß ich allein die Macht habe , ihn zu zwingen , vielleicht ich allein auf der ganzen Welt . Er wird ja nichts bekennen , aber was sein Mund verschweigt , das wird mir sein Auge sagen . « Raimar blickte sie mit unverhehlter Besorgnis an . » Sie haben recht , ich kann nicht erwarten , daß Sie mir blindlings glauben , aber – das wird eine furchtbare Stunde für Sie ! « » Ja , « sagte Edith mit zuckenden Lippen . » Leben Sie wohl ! « Sie ging , und Ernst versuchte nicht , sie zurückzuhalten . Er trat nur an das Fenster und sah , wie sie in ihren draußen harrenden Wagen stieg und fortfuhr . Da schlug es vier Uhr vom Turme der gegenüberliegenden Kirche . Arnold mußte gleich zurückkommen , aber Raimar fühlte , daß er in seiner jetzigen Stimmung dem Uebermut des glücklichen Bräutigams , dem frohen Lachen Wilmas nicht werde standhalten können . Nur jetzt allein sein ! Er ging hinunter , ließ dem Portier eine Bestellung zurück und verließ das Hotel . Fünf Minuten später kam der Major mit Frau von Maiendorf angefahren und hörte zu seinem Aerger , daß sein Freund allerdings dagewesen , aber wieder fortgegangen sei . Der etwas unklare Bericht des Portiers ließ ihn an ein Mißverständnis glauben , aber vielleicht war Ernst bei seinem Onkel gewesen und hatte dort eine Nachricht zurückgelassen . Hartmut stieg die Treppe zum zweiten Stock hinauf , wo der Notar wohnte . Auf sein Anklopfen ertönte ein merkwürdig düster klingendes Herein . Treumann saß am Tische und schrieb so eifrig , daß er sich kaum Zeit nahm , den Gruß zu erwidern . » Ich wollte nur fragen , ob Ernst bei Ihnen gewesen ist , « sagte der Major . » Bitte um Entschuldigung , wenn ich störe . « » Nein , Ernst war nicht hier , « versetzte der Notar aufblickend . » Sie stören mich durchaus nicht , ich bin sogleich fertig , nur noch zwei Minuten . « » Vermutlich der gestrige Bericht für die › Burgwarte ‹ , « bemerkte Arnold , aber der alte Herr schüttelte den Kopf und antwortete in einem wahren Grabestone : » Nein – mein Testament ! « » Was ? Ich denke , das ist längst gemacht , und wenn Sie wirklich ein Kodizill beabsichtigen , so hat das doch Zeit , bis Sie wieder in Heilsberg sind . « » Nein , das hat nicht Zeit . Ich kann heut oder morgen sterben , ich habe gestern abend schon geglaubt , daß mich der Schlag treffen wird , und ich will wenigstens meine Ruhe im Grabe haben ! « Treumann schaute den Major dabei so grimmig an , daß dieser das Bedürfnis fühlte , sich zu verteidigen . » Nun , ich störe Sie doch gewiß nicht darin , « sagte er . » Aber was ist denn eigentlich passiert ? Gestern waren Sie in einem fortwährenden Zustande der Verklärung über Ernsts Sieg und seine Erfolge , und heut haben Sie Todesgedanken und machen ein Testament ! « » Franz Philipp Treumann – Punktum ! « Der Notar setzte einen dicken Punkt hinter die eben vollzogene Unterschrift und betrachtete dann mit höchster Befriedigung sein Werk . » Warum ich testiere , wollen Sie wissen ? Weil ich einen anständigen Erben haben will , und das ist der Maxl nicht . Der Maxl ist ein Lump ! Ein ausgemachter Lump ! « » Das stimmt , « versetzte Hartmut mit Seelenruhe . » Ernst und ich haben diese betrübende Entdeckung schon längst gemacht , aber wie sind Sie denn dahinter gekommen ? « Der alte Herr schluckte ein paarmal heftig , wie das seine Gewohnheit war , wenn er sich in äußerster Erregung befand , dann aber brach er los . » Ich bin schon hinter manches gekommen , denn ich habe Maxls Wirtin ausgefragt , und da bekam ich erbauliche Dinge zu hören . Aber ich glaubte , er sei nur leichtsinnig geworden hier in der großen Stadt , und wenn er auf einige Zeit nach Hause käme , würde er wieder solid und vernünftig werden . Ich wollte ihn mitnehmen in die historische Rumpelkammer , wo die Menschen verschimmeln – das ist nämlich Heilsberg ! Und zu dem alten Fossil – das bin ich ! « Jetzt wurde dem Major doch bange um den Verstand des Testators , er wollte ihm eben nach dem Puls greifen , als ihn die nächsten Worte glücklicherweise beruhigten . » So sagt nämlich der Maxl ! So spricht er von seiner Heimat und seinem Onkel ! Ich wollte ihn gestern abend noch sprechen und traf ihn nicht zu Hause ; aber ich kenne das Lokal , wo er gewöhnlich verkehrt , und da fand ich ihn denn auch mit seinem Busenfreunde , dem Neustädter Redakteur . In einem Separatzimmer saßen sie , und Champagner tranken sie . « » Dieser Redakteur scheint doch ein sehr leichtsinniger Mensch zu sein , « meinte Hartmut . » Gestern , am Tage der schmählichen Niederlage seines Chefs , durfte er doch höchstens Selterwasser trinken , und nun feiert er das mit Champagner ! « » Der Maxi bezahlt ja alles – von meinem Gelde ! « rief Treumann mit einem krampfhaften Auflachen . » › Trinke nur , mein Junge ! ‹ sagte er . › Das geht schon auf die Erbschaft vom alten Fossil , darauf habe ich mir einen Wechsel verschafft , hoffentlich fährt er bald ab , der Alte ‹ – und darauf haben sie angestoßen ! « » Schändlich ! « fuhr Arnold diesmal mit wirklicher Entrüstung auf , während der alte Herr weiter berichtete : » Sie waren beide schon so bekneipt , daß sie es gar nicht merkten , wie ich an der Thür stand und zuhörte . Maxl wußte überhaupt nicht mehr , was er sprach , aber im Wein ist Wahrheit ! Das alte Sprichwort bewährte sich wieder einmal . › Dann ziehst du am Ende ganz nach Heilsberg ? ‹ sagte der Busenfreund . Das sollte ein Witz sein , und Maxl wollte sich darüber ausschütten vor Lachen . › Denkst du , ich werde verschimmeln in der historischen Rumpelkammer ? ‹ rief er . › Der Alte wohnt natürlich auch in solch einem windschiefen , mittelalterlichen Bau , wie der Fuchs im Loche , aber ein Gutes hat er darin , einen ganz erträglichen Weinkeller . Den trinken wir erst zusammen aus , Bruderherz , und dann wird der ganze historische Kram verkauft , ich bin ja Universalerbe ! Kannst dich immer unter der Hand in Neustadt umsehen , ob du einen Käufer findest . ‹ – Ein Neustädter in meinem Hause ! Da hielt ich nicht mehr an mich – nun kam ich ! « » Wie ein Racheengel , ich kann es mir denken ! « warf Hartmut ein , der mit dem größten Behagen zuhörte . » O nein , ich war ganz ruhig , aber vernichtend . Den Maxl habe ich überhaupt keines Wortes gewürdigt , ich wandte mich an den Redakteur und sagte : › Mein Herr ! Dieser Mensch da war bisher mein Neffe – er ist es fortan nicht mehr ! Um einen Käufer für den › historischen Kram ‹ brauchen Sie sich nicht zu bemühen , denn ich mache morgen ein neues Testament und setze meinen nunmehr alleinigen Neffen Ernst auch zum alleinigen Erben ein . Und um meinen Weinkeller brauchen Sie sich auch nicht zu bemühen , den wird Ernst in Gemeinschaft mit seinem Freunde Major Hartmut austrinken , ich werde ihnen das testamentarisch zur Pflicht machen . – Und nun bringen Sie diesen Menschen da nach Hause , er hat zuviel getrunken ! ‹ « » Bravo ! « rief der Major , » Das war großartig ! Es ist wirklich rührend , daß Sie dabei auch meiner gedacht und mir testamentarisch eine so höchst angenehme Pflicht auferlegt haben . Der Maxl wird allerdings de- und wehmütig Abbitte leisten , wenn er wieder nüchterner geworden ist . « » Das soll er sich unterstehen ! « Treumann richtete sich kampflustig auf . » Ich werfe ihn zur Thür hinaus ! Heute habe ich das Testament niedergeschrieben für alle Fälle , und in Heilsberg werde ich es feierlich niederlegen , vor zeugen . Niet- und nagelfest soll werden , damit dieser Mensch nicht daran rütteln kann . Wofür bin ich denn Jurist ! « Er faltete das Testament zusammen und verschloß es , dann aber schlug seine Stimmung plötzlich in das Elegische um . » Und ich habe den Jungen so lieb gehabt ! « sagte er wehmütig . » Von Kindheit an habe ich ihn verwöhnt und verzogen und die größten Hoffnungen auf ihn und sein Talent gesetzt . Ich hatte immer eine offene Hand für ihn , und nun lohnt er es mir so ! « Ein paar Thränen rollten langsam über die Wangen des alten Mannes , aber der Major legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter . » Lassen Sie den dummen Jungen laufen , « sagte er . » Gut , daß Sie ihn jetzt kennen in seiner ganzen Erbärmlichkeit ! Eigentlich hat das Familiengenie doch nur gewechselt , jetzt ist es auf Ernst übergegangen , und der bringt auch seinen Onkel zu Ehren . Sie waren ja gestern der eigentliche Mittelpunkt auf der Journalistentribüne . Was an Ernst nicht herankommen konnte , das drängte sich um Sie und gratulierte Ihnen . « Er hatte das rechte Trostmittel ergriffen , die Augen Treumanns strahlten auf bei der Erinnerung . » Ja , sie haben mir alle gratuliert ! « rief er . » Der Vertreter der › Times ‹ hat mir die Hand geschüttelt und gesagt : › Mr. Treumann , Sie werden einmal einen großen Neffen haben ! Er ist ja ein Rednergenie ersten Ranges ! ‹ Ich lehnte natürlich bescheiden ab und antwortete : › O , das liegt bei uns so in der Familie ! ‹ Es war der schönste Tag meines Lebens ! « » Ja , das liegt in der Familie ! « stimmte Hartmut bei , » Aber nun kommen Sie mit hinunter zu meiner Wilma und unserem kleinen Wildfang , der Lisbeth . Kommen Sie , Onkel Treumann , Sie müssen schon erlauben , daß ich Sie in Zukunft auch so nenne , Sie haben mich ja doch zum Miterben eingesetzt , bei dem Weinkeller « – damit ergriff er den Arm des alten Herrn , dem diese neue Onkelschaft höchst schmeichelhaft war . Nun hatte er vollen Ersatz für » diesen Menschen « da , der nicht mehr sein Neffe war , und den er nunmehr in aller Form enterbt hatte . In seinem Arbeitszimmer saß Bankier Marlow mit finsterer Stirn und sorgenvoller Miene . Der gestrige Tag hatte seine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen . Das hatte er nicht erwartet ! Diese unbedingte Freisprechung seines , Gegners war die moralische Vernichtung Ronalds . Freilich verdankte Raimar den Sieg nur seiner glänzenden Selbstverteidigung , und Marlow gehörte auch zu den widerwillig Gezwungenen . Auch ihm war gestern ein Spiegel vorgehalten worden , wie so manchem seiner Kollegen von der hohen Finanz , die jahrelang gewußt und geduldet hatten , was sie , zur Ehre ihres Standes bekämpfen mußten . Auf den Namen und Ruf des Hauses Marlow fiel allerdings kein Schatten . Der Bankier hatte schon damals , als Raimars Schrift erschien , die Gefahr erkannt und seine Maßregeln getroffen . Er konnte sich darauf berufen , daß er sich sofort zurückgezogen hatte , als ihm das Unlautere jenes Unternehmens klar wurde , aber sein Kind , seine Tochter ! Bis jetzt war das Geheimnis der Verlobung ja gewahrt worden , aber wenn es nun zum Bruche kam und Ronald sich rächte mit der öffentlichen Erklärung , daß Edith Marlow seine Braut gewesen war , und daß man ihn jetzt , wo sein Sturz drohte , schmählich im Stiche ließ ? Das wäre mehr als peinlich gewesen der Welt gegenüber , und Marlow war gewohnt , deren Urteil in die erste Reihe zu stellen . Das schlimmste war , daß Edith selbst widerstrebte , daß sie mit voller Entschiedenheit erklärte , sie halte sich noch für gebunden , nur Felix selbst könne sie freigeben . Ihr Vater kannte den Charakter Ronalds doch hinreichend , um zu wissen , daß dieser einer solchen Großmut nicht fähig war , aber zu jedem Gewaltschritt , wenn man ihn reizte . Eine heiße Angst wallte plötzlich in Marlow auf , denn hier empfand er doch nur als Vater , alles andere trat davor zurück . Er wollte seine Tochter wieder haben , wollte sie frei machen von der Gewalt des Mannes , dem er sie selbst ausgeliefert . Einmal hatte er sich verleiten lassen , den alten Grundsätzen seines Hauses untreu zu werden , er hatte auch die Hand ausgestreckt nach dem » Hexengolde « , – das rächte sich jetzt an seinem einzigen Kinde ! Edith war heute nachmittag bei ihrer Rückkehr von Wilma so seltsam verstört und aufgeregt gewesen , hatte aber dem Vater nicht Rede gestanden , sondern nur verlangt , er solle sie mit Ronald , der heute abend kommen wollte , allein lassen und die Unterredung unter keiner Bedingung stören . Widerstrebend hatte er nachgegeben , Gott weiß , was zwischen den beiden da entschieden wurde ! Edith befand sich allein in ihrem Zimmer , die Dunkelheit war längst eingebrochen , aber hier in dem großen , reich und behaglich ausgestatteten Gemach herrschte blendende Helle . Das elektrische Licht , das aus gläsernen Blumenkelchen sprühte , wurde sonst durch einen rosigen Schleier gedämpft , heute war er entfernt worden . Grell und scharf floß das Licht nieder und beleuchtete jeden Gegenstand im Zimmer , jeden Zug in dem Gesicht des Mädchens , das bleich , aber in entschlossener Haltung am Kamin stand . Die » furchtbare Stunde « war da ! Ronald war gestern fern geblieben , erst heute morgen , hatte er einige Zeilen gesandt , um sich für den Abend anzumelden . Jetzt trat er ein , die Thür schloß sich hinter ihm , die beiden waren allein . Edith ging ihm anscheinend ruhig entgegen , aber als er sich zu ihr niederbeugte , um sie nach gewohnter Art in die Arme zu schließen , zuckte sie leicht zusammen , und das entging ihm nicht . Er streifte sie mit einem raschen , funkelnden Blick , dann berührten seine Lippen nur ihre Stirn und er richtete sich wieder empor . » Hast du mich gestern erwartet ? « fragte er . » Meine Stimmung war begreiflicherweise nicht die beste . Ich taugte schlecht zur Gesellschaft , deshalb blieb ich dir fern . « » Zur Unterhaltung habe ich dich auch nicht erwartet , « entgegnete Edith leise . » Vielleicht zur Aussprache ? Ich gehöre nicht zu den Menschen , die Trost brauchen , ich pflege das mit mir allein abzumachen . « Er stand ungebeugt vor ihr und sprach in einem völlig beherrschten Tone , nur die fahle Blässe in seinem Gesichte und das nervöse Zucken darin verrieten , wie ihn die gestrige Niederlage getroffen hatte , Edith war an den Kamin getreten , wo zwei niedrige Sessel standen , ihr gewöhnlicher Platz bei den Besuchen Ronalds . Sie ließ sich auch jetzt dort nieder , er folgte ihrem Beispiel . » Ich fürchte dich auch heute noch mit jedem Worte zu verletzen , « entgegnete sie , » Ich war ja gestern bei der Verhandlung , da brauchen wir es uns nicht erst zu sagen , wie der Ausgang uns beide getroffen hat . « » Uns beide ? « wiederholte er . » Rechnest du dich wirklich noch , zu mir ? Dein Vater thut das nicht mehr ! « » Du kommst von Papa ? « fragte Edith rasch . » Nein , ich kam direkt zu dir , aber es ist mir längst kein Geheimnis mehr , daß er dringend eine – Aenderung unseres Verhältnisses wünscht . Ich nehme ihm das nicht besonders übel , denn wir beide haben uns von jeher auf den geschäftlichen Standpunkt gestellt . Seine etwaige Abneigung kümmert mich sehr wenig . Ich habe mit dir zu thun , Edith , mit dir allein ! « Seine brennenden Augen ruhten in fieberhafter Unruhe auf ihren Zügen , aber es vergingen einige Sekunden , ehe Edith antwortete . Die entscheidende Frage drängte sich auf ihre Lippen und wurde doch nicht ausgesprochen . Das wilde , stürmische Klopfen ihres Herzens erstickte ihr fast die Stimme . » Ich lasse mich nicht von äußeren Ereignissen beeinflussen , das weißt du , Felix , « erwiderte sie endlich . » Und eben deshalb verlange ich Offenheit von dir . Mein Vater hält deine Stellung für schwer erschüttert , er meint , der gestrige Tag – « » Sei der Anfang vom Ende ! « unterbrach er sie mit bitterem Hohne . » Das glauben sie so ziemlich alle , man denkt sehr schnell mit mir fertig zu werden . Das › Götzenbild des Mammons ‹ wie mein genialer Gegner es nannte , ist ja nun gestürzt ! Ich glaube , er hat nicht übel Lust , sich selbst an diese Stelle zu setzen , und Aussicht hat er auch dazu . Man warf sich ihm ja gestern schon beinahe zu Füßen , dem großen Redner ! dem Anwalt des Rechtes ! Hat er dich nicht auch hingerissen mit seinen flammenden Tiraden ? Du bist ja sehr empfänglich dafür ! « In den Worten verriet sich seine ganze furchtbare Gereiztheit , die er nicht länger zurückhalten konnte . Edith schwieg , sie wußte , daß sie an diesen Punkt nicht rühren durfte , ohne seine volle Leidenschaftlichkeit zu entfesseln , und hier galt es doch , ruhig zu sein . Felix fuhr mit steigender Heftigkeit fort . » Sie könnten sich doch irren , all die weisen Propheten . Noch bin ich Felix Ronald , das sollen sie erfahren ! Steinfeld werde ich ja aufgeben müssen , und auch um meine anderen Schöpfungen werde ich kämpfen müssen . Wenn dies liebe Publikum einmal aufgerüttelt ist , dann läßt es sich gar nicht mehr regieren , und man braucht sie doch nun einmal , diese blinde , urteilslose Herde , die nur einen Gott kennt , den Erfolg ! Wenn ich den behaupte , dann bin ich auch wieder gerechtfertigt in ihren Augen , und die ganze Moralkomödie , die sich da gestern abspielte , verpufft unschädlich in die Luft . Ich habe schon einmal am Abgrunde gestanden und habe das Unheil bezwungen – ich will nicht unterliegen ! « Es war ein Ausbruch der herbsten Menschenverachtung , doch die wilde Energie dieses Mannes schien nur zu wachsen mit der Gefahr ; wo andere sich verloren gegeben hätten , da bäumte er sich auf mit der alten Kraft . Aber jetzt schlug sein Ton plötzlich in volle , heiße Empfindung um . » Ich scheue den Kampf nicht , aber eine Gewißheit muß ich haben – daß du mir bleibst , Edith , daß ich dich nicht verliere ! Ich verlange ja jetzt kein Opfer , kein Zugeständnis , du sollst nur warten , bis ich wieder Herr der Verhältnisse geworden bin . Sage es mir , daß du mein bleiben willst , und ich zwinge es zurück , das fliehende Glück , ich zwinge alles , um deinetwillen ! « Er war aufgesprungen , all die Bitterkeit , der Haß , die eben noch so drohend aufflammten , gingen unter in der stürmischen Bitte . Edith hatte sich gleichfalls erhoben und trat jetzt an den Tisch , der in der Mitte des Zimmers stand . Sie rang nach Atem , aber die Stimme gehorchte ihr doch wieder . » Ich habe noch eine Frage an dich , Felix , die du mir beantworten mußt . Ich bitte dich darum . « Felix war ihr gefolgt und stand ihr jetzt gegenüber , im vollen grellen Lichte , das jeden Zug seines Gesichtes deutlich hervortreten ließ . Er legte offenbar gar kein besonderes Gewicht auf die letzten Worte , sondern versetzte nur mit verhaltener Ungeduld : » Nun , so frage doch ! « Noch ein sekundenlanges Zögern , dann sagte Edith , den Blick fest und unverwandt auf ihn , gerichtet : » Wer war es , der damals die Depots nahm im Raimarschen Hause ? « Ronald zuckte zusammen , wie von einer Kugel getroffen , ein dumpfer , halb erstickter Laut rang sich von seinen Lippen , und in seinen Augen flammte wieder jener entsetzliche , dämonische Blick . Die Frage aus diesem Munde wirkte mit der Gewalt eines jäh niederfahrenden Blitzes , und der Blitz hatte getroffen . Das dauerte freilich nur einen Moment , dann war er wieder Herr seiner selbst und stand da in der gewohnten Haltung , nur die Stimme klang rauh und heiser , als er erwiderte : » Seltsame Frage ! Was soll das ? « » Ich frage nichts mehr – ich habe die Antwort ! « sagte Edith tonlos . Es folgte ein langes , furchtbares Schweigen , das keiner zu brechen wagte . Ronald fühlte es , daß er den Selbstverrat nicht ungeschehen machen konnte , und machte auch nicht den Versuch dazu . Als er wieder sprach nach Minuten , lag ein fremder Klang in seiner Stimme . » Wer hat dir das eingegeben ? « Edith gab keine Antwort , sie kämpfte noch mit ihrem Entsetzen , ihrem Grauen vor dem Manne , dessen Weib sie hatte werden sollen und der sich ihr nun so enthüllte . Er lachte bitter auf . » Was frage ich denn noch ? Das hast du von ihm gelernt , das ist seine Taktik , ich kenne sie ja . Den Gegner sicher machen , mit der scheinbaren Arglosigkeit und dann plötzlich auf ihn niederstürzen , wie der Falk auf die Beute . Du bist eine gelehrige Schülerin ! « Er wollte sich ihr nähern , aber sie wich mit dem Ausdruck des Abscheues zurück . » Komm mir nicht nahe ! Rühre mich nicht an – du hast kein Recht mehr dazu ! « » Warum nicht ? « fragte er eisig . » Weil ich mich fangen ließ in der Schlinge , die du mir legtest ? Ich habe nichts zugestanden , werde nichts zugestehen . Er hat es trotz alledem nicht gewagt , mich anzuklagen . Wenn du es versuchen wolltest – hüte dich ! « » Ja , du hast aller Welt gelogen , « sagte Edith mit herber Verachtung , » willst du auch mir lügen ? Sieh mir ins Auge und wage es zu sagen : Ich bin schuldlos ! « » Wozu ? Du würdest mir ja doch nicht glauben ! « » Nein ! « » Also ersparen wir uns die Auseinandersetzungen . Was ich that oder nicht that , das kannst du nicht begreifen , das begreift überhaupt keiner , der nicht selbst einmal gescheitert ist , und nun die rettende Planke erreicht , die schon einen trägt . Zwei trägt sie nicht , da heißt es : Er oder ich ! Es ist Notwehr in dem Kampfe um das Dasein . « Edith begriff ihn in der That nicht . » Notwehr ? « wiederholte sie völlig verständnislos . » Nun ja ! Ich stand damals auch vor dem Revolver , und wenn sich nicht jene Rettung fand , dann hätte ich losgedrückt . Er , mein Chef , hatte eine gewagte Börsenspekulation unternommen , auf mein Drängen , denn ich war selbst beteiligt daran , und einem Prokuristen mit ein paar tausend Mark Gehalt gestattet man kein Geschäft mit Hunderttausenden , ohne ihn zu beargwöhnen . Ich brauchte Raimars Namen und Eintreten , um das meinige zu decken ; wenn die Sache glückte , dann hatte ich ein Vermögen , und das seinige verdoppelte sich , «