im täglichen Verkehr mit ihm . Du würdest es wie eine Schuld empfinden , hättest Du auch nur in Gedanken Antheil an irgend Etwas – “ „ Das ihn bedroht ? “ fiel Gabriele mit so eigenthümlich vibrirender Stimme ein , daß Georg stutzte . „ Den Freiherrn von Raven meinst Du ? “ sagte er langsam . „ Traust Du mir irgend etwas Ehrloses zu ? “ „ Nein , nein – aber ich fürchte – für Dich , für uns Alle . “ „ Sei ruhig , ich kämpfe mit offenem Visir und spreche im Namen von Hunderten , die nicht zu sprechen wagen . Der Gouverneur von R. mag antworten , wie es ihm gut dünkt . Er ist der Mächtige , dessen Stimme vor allem gehört wird ; die Gefahr ist allein auf meiner Seite , aber auch das Recht . – Und nun laß uns scheiden ! Wenn es irgend möglich ist , so erhältst Du Nachricht von mir aus der Residenz , aber wenn auch keine einzige Zeile bis zu Dir gelangen sollte , Du weißt es ja , daß Du allein mein ganzes Denken und Streben ausfüllst und daß ich mein Recht auf Deine Hand nicht fahren lasse , ich müßte denn aus Deinem eigenen Munde hören , daß Du mich aufgiebst . “ Er zog sie in seine Arme , zum ersten Male wieder seit jenem Tage , wo er ihr seine Liebe gestanden hatte . Der Abschied war kurz und schmerzvoll ; noch ein paar innig und leidenschaftlich geflüsterte Worte , ein letzter Händedruck – dann riß sich Georg los und ging . Gabriele war auf einen Sessel niedergesunken und hatte das Gesicht in den Händen verborgen . Thräne auf Thräne tropfte zwischen den Fingern nieder , und doch galt dieses leise , halb unterdrückte Weinen nicht der Trennung allein . Es war noch ein anderes , unnennbares Weh , das durch die Seele des jungen Mädchens zog und mit geheimnißvoller , aber furchtbarer Gewalt die ganze Vergangenheit auszulöschen drohte . Georg hatte Recht ; er kannte Gabrielens eigentliche Natur bisher wirklich noch nicht , wenn diese Natur sich aber auch jetzt entschleierte – er war es nicht , der sie geweckt hatte . Die letzten Wochen im Raven ’ schen Hause waren allerdings nichts weniger als angenehm gewesen . Zwar hatte sich dort im äußeren Leben nichts geändert ; man sah und sprach sich nach wie vor bei Tische und bei gesellschaftlichen Veranlassungen , aber die frühere Unbefangenheit des Verkehrs hatte einer Gezwungenheit Platz gemacht , die wie ein schwerer Druck auf jedem Einzelnen lastete . Die Baronin fand sich in ihrer gewohnten Oberflächlichkeit noch am leichtesten damit ab . Sie begriff gar nicht , wie ein unbedeutender und flüchtiger Liebesroman , der ja nicht viel mehr als eine Kinderei war , den Freiherrn so tief und nachhaltig verstimmen konnte . In ihren Augen war die Sache mit dem energischen Verbot ihres Schwagers und der Entfernung des Assessor Winterfeld aus R. vollständig zu Ende und Gabriele mußte jetzt zweifellos zur Besinnung kommen . Die Mutter hatte ein , wie sie meinte , unfehlbares [ 325 ] Mittel in Bereitschaft , um jenen romantischen Jugendtraum bei ihrer Tochter in den Hintergrund zu drängen – die Bewerbung des jungen Lieutenant Wilten , der mit seinen Absichten jetzt deutlicher hervortrat . Oberst Wilten hatte seit jenem Festabende , wo er bemerkte , wie sehr sein ältester Sohn von dem Anblicke und den Reizen der jungen Baroneß Harder gefesselt war , den Plan einer Verbindung festgehalten . Da der Freiherr sich den ersten Andeutungen gegenüber sehr unzugänglich zeigte , so wandte der Oberst sich an die Baronin , die er denn auch seinen Wünschen geneigter fand . In der That ließ sich nicht viel gegen die Partie einwenden , die selbst einer anspruchsvollen Mutter genügen konnte . Die Wilten gehörten einem altaristokratischen Geschlechte an und waren mit den vornehmsten Familien des Landes verwandt oder verschwägert . Sie waren allerdings nicht reich , aber dieser Mangel wurde durch Gabrielens Mitgift und dereinstiges Vermögen abgeglichen , wenn , wie es zu erwarten stand , der Freiherr die Verbindung genehmigte . Albrecht von Wilten war ein junger , hübscher Officier , dem die Uniform vorzüglich stand und der ebenso vorzüglich ritt und tanzte . Er war ein liebenswürdiger Cavalier , wußte angenehm zu unterhalten und schien Gabriele wirklich tief und aufrichtig zu lieben . Kurz , er besaß alle Eigenschaften , welche Frau von Harder von ihrem künftigen Schwiegersohne verlangte , und der Oberst und dessen Gemahlin , denen die präsumtive Erbin des Freiherrn von Raven als Schwiegertochter sehr erwünscht war , überhäuften Mutter und Tochter mit Aufmerksamkeiten . Die Baronin sondirte zuvörderst bei ihrem Schwager . Sie machte freilich die unangenehme Entdeckung , daß Gabriele durch ihren Trotz und Eigensinn das frühere Wohlwollen des Vormundes vollständig verscherzt hatte , denn er nahm den ganzen Plan mit eisiger Gleichgültigkeit auf . Er erklärte zwar , daß er nichts dagegen einzuwenden habe , verweigerte aber jedes Eingreifen seinerseits und überließ Alles der Mutter allein . Diese gewann indeß die tröstliche Ueberzeugung , daß ihre Tochter als Baronin Wilten im ungeschmälerten Besitz all ’ der Rechte bleiben werde , die das Testameut des Freiherrn ihr verhieß , und damit fiel auch das letzte Bedenken . Gabriele durfte allerdings von dem Plane noch nichts wissen ; sie schien den jungen Officier nicht ungern zu sehen , verhielt sich aber ihm gegenüber ziemlich kühl und zurückhaltend und legte seinen Huldigungen offenbar keine tiefere Bedeutung bei . Sie weigerte sich deshalb auch nicht , die Mutter zu begleiten , als diese eine Einladung nach dem Wilten ’ schen Landsitze annahm , der einige Meilen von der Stadt entfernt am Fuße des Gebirges lag . Die kränkliche Gattin des Obersten pflegte dort den Sommer zuzubringen ; sie war noch nicht wieder nach R. zurückgekehrt , und da der Herbst noch schöne , sonnige Tage versprach , so ruhte Lieutenant Wilten nicht , bis er die Zusage eines Besuches erhielt . Er nahm natürlich sofort Urlaub , um den Damen bei diesem Herbstaufenthalt Gesellschaft zu leisten , und auch der Oberst machte sich auf kurze Zeit von den Pflichten seines Dienstes frei . Die Sache war also angeknüpft , und man beschloß , das Weitere den jungen Leuten selbst zu überlassen . Der Freiherr , dem die Einladung gleichfalls galt , hatte sich mit der Ueberhäufung von Geschäften und der Nothwendigkeit entschuldigt , bei der fortgesetzt unruhigen Stimmung , die in der Stadt herrschte , auf seinem Posten zu bleiben . Die Damen reisten also allein ab , und Gabriele athmete auf , als der Wagen aus dem Portal des Regierungsgebäudes rollte . Sie hatte unter den Erlebnissen der letzten Wochen am schwersten gelitten , und doch hatte Raven Wort gehalten ; kein Blick , kein Laut erinnerte sie mehr an jenen „ unbewachten Augenblick “ , den sie vergessen sollte , wie er ihn vergessen zu haben schien . Er nannte den Namen Georg Winterfeld ’ s nicht wieder seit dem Tage , wo er dem jungen Mädchen ankündigte , daß der Assessor R. verlassen habe , um seine Stellung in der Residenz anzutreten , doch der Freiherr selbst war seitdem noch verschlossener und unzugänglicher , als sonst . Er beherrschte und leitete Alles mit gewohnter Energie , aber zwischen ihm und Gabriele schien sich eine endlose Kluft aufgethan zu haben , die jede Möglichkeit der Annäherung oder Versöhnung ausschloß . Es lag eine Eiseskälte in seinem Benehmen gegen sie , und sie griff mit einer förmlichen Hast nach dem Vorschlage der Mutter , nur um auf kurze Zeit einem Zusammenleben zu entgehen , das mit jedem Tage unerträglicher wurde . Auch Raven schien die Trennung zu wünschen , denn er hatte nichts gegen den Ausflug einzuwenden und gab sofort seine Einwilligung , als die Baronin ihn auf volle vierzehn Tage ausdehnte . Es war am letzten Tage dieses Aufenthaltes , als der Gouverneur nach dem Wilten ’ schen Landsitze hinausfuhr , um die Damen abzuholen . Die Baronin hatte sich eine Erkältung zugezogen und wagte es nicht , bei der ziemlich rauhen Witterung eine Fahrt von mehreren Stunden zu unternehmen . Sie wollte erst am nächsten Tage in Begleitung des Obersten und seiner Gattin nach der Stadt zurückkehren während Gabriele den Vormund schon heute zurückbegleiten sollte . Raven , der in den Vormittagsstunden gekommen war , wollte gleich nach Tische wieder fort , und Oberst Wilten bemühte sich vergeblich , ihn gleichfalls zum Bleiben zu bewegen . „ Ich kann nicht , “ sagte der Freiherr , während Beide , im Gespräch begriffen , im Gartensalon auf und nieder schritten . „ Ich darf unter den jetzigen Umständen die Stadt nicht auf länger als höchstens einige Stunden verlassen und habe selbst für diese kurze Abwesenheit Anordnungen getroffen , um sofort erreichbar zu sein , wenn irgend etwas vorfällt . “ „ Ist die Lage so bedrohlich ? “ fragte der Oberst , der seit acht Tagen auf seinem Gute war . „ Bedrohlich ? “ Raven zuckte die Achseln . „ Man schreit und lärmt noch ärger als sonst und giebt mir durch gelegentliche Krawalle das Mißfallen der guten Stadt R. an meiner Person und meinem Regiment hinreichend zu erkennen . Ich habe einige der ärgsten Schreier , die in offener Versammlung die Nothwendigkeit meiner Absetzung decretirten , ergreifen und dingfest machen lassen , und darüber giebt es nun Empörung an allen Ecken und Enden . Der Bürgermeister war selbst bei mir , um im Namen der Gerechtigkeit die Freilassung der Verhafteten zu verlangen . Ich war genötigt , dem Herrn bemerklich zu machen , daß meine Geduld jetzt erschöpft sei , und daß ich in anderer Weise eingreifen werde , als es bisher geschehen ist . “ Die Worte verrieten trotz ihres sarkastischen Anfluges doch eine tiefe Gereiztheit , auch Wilten war ernst geworden . „ Es gährt schon seit Monaten , “ bemerkte er . „ Wenn der drohende Ausbruch bisher vermieden wurde , so danken wir das nur dem äußerst taktvollen Benehmen des Polizeidirectors . “ „ Er und seine Beamten werden aber der wachsenden Aufregung nachgerade machtlos gegenüber stehen ; der Polizeidirector liebt viel zu sehr die halben Maßregeln , als daß ich mich ernstlich auf ihn verlassen könnte . Was ich auch befehlen und anordnen mag , ich finde stets ein gefügiges Entgegenkommen , aber sobald es sich um die Ausführung handelt , giebt es Hindernisse und Zögerungen ohne Ende , und wir kommen nicht von der Stelle . – Es ist mir lieb , daß Sie morgen ohnehin nach der Stadt zurückkehren ; ich hätte Sie sonst ersucht , Ihren Urlaub abzukürzen . Sie sind Commandant der Garnison , und ich weiß nicht , ob und wie bald ich das Militär brauchen werde . “ „ Excellenz , das sollten Sie lieber vermeiden , “ sagte der Oberst eindringlich . „ Das sind Gewaltschritte , die nicht mehr zurück gethan werden können , und Sie wissen , meine Instructionen – “ „ Weisen Sie an , die Garnison zu meiner Verfügung zu stellen ! “ fiel der Freiherr ein . „ Nein , sie weisen mich nur an , Ihnen im äußersten Nothfalle meine Unterstützung zu leihen , “ entgegnete der Oberst , gereizt durch den herrischen Ton , „ und man wünscht beim Armeecommando ernstlich , daß dieser Fall vermieden werde . Es läßt sich da wirklich kaum eine Grenze ziehen , wo Ihre Verantwortung aufhört und wo die meinige beginnt . Ich würde Bedenken tragen , jetzt schon das Militär eingreifen zu lassen . “ „ Das ist natürlich , “ sagte Raven kurz . „ Sie sind Soldat und gewohnt , sich der Disciplin zu beugen ; ich habe mir von jeher in meiner Stellung die Freiheit und Unabhängigkeit des Handelns gewahrt . Seien Sie indeß überzeugt , daß ich thun werde , was in meinen Kräften steht , um Ihnen das Bedenken zu ersparen ! “ „ Wir wollen hoffen , daß es nicht zum Aeußersten kommt , “ lenkte der Oberst ein , der nichts weniger wünschte , als den Freiherrn zu erzürnen . Er rechnete gerade jetzt sehr auf dessen Freundschaft , und da er voraussah , daß das bisherige Gesprächsthema [ 326 ] nur Gelegenheit zu neuer Reizung geben werde , ließ er es fallen und ging zu einem anderen über , das ihm nahe am Herzen lag . „ Ich kehre jedenfalls morgen auf meinen Posten zurück , “ begann er wieder . „ Mein Albrecht ist schon seit einigen Tagen wieder in der Stadt ; es ist ihm freilich schwer genug geworden , sich loszureißen und den Pflichten seines Dienstes zu folgen . Er liegt ganz und gar in den Fesseln einer gewissen jungen Dame . “ Raven schwieg ; er blieb wie zufällig an der Balconthür stehen und blickte halb abgewendet in den Garten hinaus . „ Ich darf wohl annehmen , daß Ihnen die Wünsche und Hoffnungen meines Sohnes nicht mehr unbekannt sind , “ fuhr Wilten fort , „ Wünsche , die meine Frau und ich im vollsten Maße theilen . Wenn wir dabei auch auf Ihre Unterstützung rechnen dürften – “ „ Hat sich Lieutenant Wilten bereits erklärt ? “ unterbrach ihn der Freiherr , noch immer in seiner Stellung verharrend . < „ Noch nicht ! Fräulein von Harder nahm eine etwas zurückweisende Haltung an , und Albrecht wagte es daher nicht , sogleich mit seiner Bitte hervorzutreten . Ihnen gegenüber wird er das aber schon in den nächsten Tagen thun . Er darf doch wohl auf Ihre Fürsprache rechnen , das Wort eines Vaters ist ein mächtiger Beistand . “ „ Eines Vaters ! “ wiederholte Raven ; es klang wie die herbste Ironie . „ Nun , oder dessen , der die Stelle des Vaters vertritt . Auch die Frau Baronin meint , daß Ihre Autorität bei ihrer Tochter schwer in ’ s Gewicht fallen werde . “ Raven fuhr mit der Hand über die Stirn und wandte sich langsam um . „ Sobald Lieutenant Wilten sich mir erklärt hat , werde ich Gabrielen seinen Antrag mittheilen und ihre Antwort fordern . Beeinflussen kann und will ich mein Mündel nicht . “ „ Davon ist ja auch keine Rede , “ fiel der Oberst ein . „ Wenn die junge Baroneß aber einwilligt , so handelt es sich doch vor allen Dingen um die Zustimmung des Vormundes . Die Frau Baronin hat meinem Sohne Hoffnung darauf gemacht . “ „ Ich habe meiner Schwägerin bereits erklärt , daß ich nichts einzuwenden habe , “ sagte der Freiherr , dessen Lippen zuckten , als erduldete er eine innere Marter , während seine Stimme die gewohnte Ruhe behielt . „ Die Entscheidung aber hängt einzig und allein von Gabriele ab . Will die Mutter sie beeinflussen , so mag sie es thun – ich enthalte mich jedes persönlichen Eingreifens . “ Der Oberst schien betroffen und ein wenig beleidigt durch diese kühle Aufnahme seiner Pläne , aber er schrieb sie der Verstimmung zu , in welche die Ereignisse in der Stadt den Gouverneur versetzt hatten . „ Ich begreife , daß Sie jetzt den Kopf voll von ganz anderen Dingen haben , “ erwiderte er . „ Aber wenn solch ein junger Hitzkopf , wie mein Albrecht , verliebt ist , so fragt er nicht viel darnach , ob Zeit und Umstände seiner Werbung auch günstig sind , und will sich durchaus nicht zum Warten bequemen . – Um aber wieder auf die Abreise zu kommen ; wäre es nicht besser , Sie ließen die Damen noch eine Zeitlang hier ? Der Aufenthalt in R. ist jetzt nicht angenehm , und meine Frau würde sich mit Freuden entschließen , um ihrer lieben Gäste willen den Landaufenthalt zu verlängern . “ „ Ich danke , “ lehnte Raven ab . „ Es soll nicht heißen , daß meine Verwandten der Stadt fern bleiben , weil ich die Lage für bedrohlich erachte . Dergleichen Gerüchte sind bereits aufgetaucht , und es ist die höchste Zeit , daß sie widerlegt werden . “ Oberst Wilten sah ein , daß er diesem Grunde weichen müsse , und fügte sich . Es blieb also bei der beschlossenen Abreise , und einige Stunden später kehrte der Freiherr mit Gabriele nach der Stadt zurück , wo der Oberst mit den beiden anderen Damen am nächsten Mittag eintreffen wollte . Es war ein kühler , etwas stürmischer Herbsttag , wo Regenschauer und Sonnenblicke beständig abwechselten . Die ersteren hatten zwar gegen Mittag aufgehört , aber die jetzt schon sinkende Sonne kämpfte noch immer mit dem Gewölk , das den ganzen Himmel umzogen hielt . Raven war trotz der wenig einladenden Witterung , seiner Gewohnheit gemäß , im offenen Wagen gekommen , und die schönen , in ganz R. wegen ihrer Schnelligkeit berühmten Pferde trugen das leichte Gefährt wie im Fluge dahin . Von Seiten der beiden Insassen wurde die Fahrt größtenteils schweigend zurückgelegt . Der Freiherr schien ganz mit seinen Gedanken beschäftigt , und Gabriele sah gleichfalls stumm in die Gegend hinaus . Der Wind blies schärfer von den Bergen her , und das junge Mädchen zog den Mantel fester um die Schulter . Raven bemerkte es . „ Dich friert , “ sagte er . „ Ich hätte bedenken sollen , daß Du bei solcher Witterung nicht an die Fahrt im offenen Wagen gewöhnt bist . Ich werde das Verdeck schließen lassen . “ Er wollte dem Kutscher einen Befehl geben , aber Gabriele hielt ihn zurück . „ Ich danke . Ich ziehe selbst diese rauhe Luft dem geschlossenen Wagen vor , und der Mantel schützt mich ja vollkommen . “ „ Wie Du willst . “ Der Freiherr beugte sich nieder ; er hob die Wagendecke empor , die herabgeglitten war , und legte sie um die schlanke Gestalt seiner jungen Begleiterin , die jetzt leise und beinahe scheu sagte : „ Onkel Arno , ich habe eine Bitte an Dich . “ „ Ich höre , “ versetzte er einsilbig . „ Wenn dieser enge Verkehr mit der Familie des Oberst Wilten auch in der Stadt fortgesetzt werden soll , so erlaß wenigstens mir die Betheiligung daran ! “ „ Weshalb ? “ „ Weil ich während unseres Landaufenthaltes entdeckt habe , daß die Mama einen ganz bestimmten Plan verfolgte , als sie die Einladung annahm , einen Plan , den auch Du begünstigt . “ „ Ich begünstige nichts ! “ sagte Raven kalt . „ Deine Mutter handelt ganz nach eigenem Wunsche und auf eigene Verantwortung . Ich stehe der Sache vollständig fern . “ „ Man wird aber Deine Entscheidung fordern , “ erwiderte Gabriele . „ Wenigstens hat mir die Mama angedeutet , daß Albrecht von Wilten nächstens eine Bitte an Dich richten wird , die – “ „ Dich betrifft , “ ergänzte Raven , als sie inne hielt . „ Das ist allerdings wahrscheinlich , aber darüber hast Du allein zu entscheiden , und ich werde den jungen Baron auf Deine Antwort verweisen . “ „ Erspare ihm und mir das ! “ fiel das junge Mädchen hastig ein . „ Es würde für ihn ebenso kränkend sein , ein Nein aus meinem Munde zu hören , wie es mir peinlich wäre , es auszusprechen . “ „ Du bist also entschlossen , seinen Antrag zurückzuweisen ? “ Sie schlug das Auge groß und vorwurfsvoll auf . „ Das fragst Du noch ? Du weißt ja , daß ich einem Anderen mein Wort gegeben habe . “ „ Und Du weißt , daß ich jenes übereilte Versprechen nicht als eine Fessel anerkenne , die Dich binden könnte . Weil ich einem Anderen mein Wort gegeben habe ! – das klingt sehr pflichtgemäß . Früher sagtest Du : ‚ Weil ich einen Anderen liebe ! ‘ “ Die Bemerkung mußte wohl treffen , denn in dem Antlitz Gabrielens stieg eine dunkle Röthe auf und sie umging die Antwort . „ Albrecht von Wilten war mir bisher gleichgültig , “ entgegnete sie . „ Seit ich weiß , daß seine Hand mir aufgedrungen werden soll , habe ich einen Widerwillen gegen ihn gefaßt . Ich werde nie seine Gattin werden . “ Die Brust des Freiherrn schien sich unter einem tiefen Athemzuge zu erweitern , aber er versetzte in dem eisigen Tone , den er während des ganzen Gespräches festgehalten hatte : „ Ich will Dich zu einer Wahl weder zwingen noch überreden . Wenn Du wirklich fest entschlossen bist , dem jungen Wilten ein Nein zu geben , so ist es allerdings besser , sein Antrag unterbleibt überhaupt . Ich werde dem Oberst mittheilen , daß er sich keine Hoffnung machen darf ; es soll schon morgen geschehen . “ Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 21 , S. 339 – 342 Fortsetzungsroman – Teil 13 [ 339 ] Raven lehnte sich in den Sitz zurück , und das frühere Schweigen trat wieder ein . Auch Gabriele schmiegte sich fester in die Wagenecke ; sie , die es sonst nicht vermocht hatte , auch nur eine Viertelstunde zu fahren , ohne sich in allen möglichen Plaudereien zu ergehen , zeigte jetzt nicht die mindeste Neigung , das Gespräch wieder anzuknüpfen . Es war eine mächtige und tiefgreifende Veränderung mit ihr vorgegangen , die nicht erst von der Entfernung Georg ’ s datirte ; schon früher , viel früher war jenes räthselhafte Etwas aufgewacht , gegen das sie vom ersten Augenblicke an gekämpft und das sie so lange für Furcht und Scheu gehalten hatte . Es hatte ja so gar nichts gemein mit jener frohen , beglückenden Empfindung , die wie Sonnenschein durch die Seele des jungen Mädchens floß , als Georg ihr seine Liebe gestand , als er mit der ganzen Innigkeit seines Wesens um ihre Gegenliebe bat und sie lächelnd und erröthend das ersehnte Ja aussprach . Sie rief oft genug das Andenken an jene Stunde zurück , wie man eine schützende Macht anruft , aber oft vergeblich . Es wich in solchen Momenten das Bild Georg ’ s , das sie festzuhalten strebte , in weite Ferne zurück , und bisweilen verblaßte es ganz . Wenn es nur die Trennung war , die das verschuldete , warum erwies sich diese Trennung denn machtlos jenem anderen Bilde gegenüber , das sich so ernst und düster erhob und immer deutlicher hervortrat , je mehr das erste sich verschleierte ? Es hatte Gabriele nicht verlassen in diesen ganzen vierzehn Tagen ; weder die schmeichelnden Huldigungen des jungen Officiers noch der Gedanke an den fernen Geliebten hatten die Erinnerung verscheuchen können , die alles Denken und Fühlen gewaltsam an sich riß . Es war , als habe eine dämonische Macht die ganze Natur des jungen Mädchens in Fesseln geschlagen ; Frohsinn , Uebermuth , Kinderlaunen , das Alles war dahin , und was an dessen Stelle trat , diese dunklen und räthselhaften , mehr dem Schmerze als der Freude verwandten Regungen , dieses Auf- und Abwogen von Empfindungen , die sie nicht verstand , beängstigte und peinigte Gabriele unendlich . Noch kämpfte sie halb unbewußt dagegen , noch ahnte sie nicht , wollte nicht ahnen , welche Gefahr es war , die ihrer Liebe und dem Glücke Georg ’ s drohte ; sie fühlte nur , daß Beides bedroht war , und daß die Gefahr nicht von außen kam . Die Fahrt ging ununterbrochen in der gleichen Eile vorwärts , der Stadt zu , die nebelumflort noch in ziemlicher Entfernung lag . Das weite Thal mit seinem Bergeskranze trug schon das Gewand des Herbstes , der hier in der Nähe des Hochgebirges seine Herrschaft früher antrat , als drunten in der Ebene . Noch standen die Bäume und Gebüsche ringsum im vollen Blätterschmucke , aber sein frisches Grün war längst geschwunden . Ueberall entfaltete sich das herbstlich bunte Farbenspiel , vom dunkelsten Braun bis zum hellsten Gelb , und dazwischen flammte es oft mit hellem Roth oder dunklem Purpur und täuschte das Auge , als seien es Blumen , die dort blühten – und es war doch nur sterbendes Laub mit seinem letzten trügerischen Schimmer , eine Beute des Windes , der in den Wäldern rauschte und mit scharfem Hauche über die kahlen Wiesen und Felder strich . Der Fluß tobte , vom Regen geschwellt , und wälzte seine trüben Fluthen in rasender Eile vorwärts . Das Gebirge hatte sich in seinen Nebelschleier gehüllt , der , flatternd und zerrissen , die zackigen Gipfel bald auftauchen , bald verschwinden ließ . Tiefer unten an den niederen Waldbergen trieben die Wolken ihr phantastisches Spiel , in endlosem Wechsel aus den gährenden Schluchten emporsteigend und wieder darin versinkend , und im Westen ging die Sonne nieder , von düsterem Stürmgewölke umlagert , das sie wohl glühend zu durchleuchten , aber nicht zu durchbrechen vermochte . Dieselbe Landschaft , hatte einst in ganz anderem Lichte vor den Beiden gelegen , die jetzt so fremd und stumm neben einander saßen . Damals breitete sich das Thal vor ihnen aus , von Sonnenglanz überfluthet , von Sonnenduft erfüllt , mit seinen blauen Bergen und seiner schimmernden Ferne , die „ ein ganzes Eden von Glückseligkeit “ zu bergen schien , und in dem tiefen , kühlen Schatten der alten Linden sprühte der helle Strahl des Nixenbrunnens und spann mit seinem Rieseln und Rauschen die süßen , gefährlichen Traumgebilde – heute tönte nur das Brausen des Flusses , an dessen Ufer die Fahrt entlang ging ; die Ferne verschleierte sich in dichtem Nebel ; die Berge blickten wolkenumhüllt , sturmdrohend herüber , und die Sonne hatte weder Strahlen nach Wärme mehr , nur das flammende blutige Abendroth , das sie als Abschiedsgruß über die Erde sandte . – Das Auge des Freiherrn haftete düster und unverwandt auf der sinkenden Sonne und den kämpfenden Wolkenmassen ; endlich schien er sich fast gewaltsam seinen Gedanken zu entreißen und brach das lange Schweigen . „ Der Himmel deutet auf Sturm , “ sagte er , sich zu seiner jungen Begleiterin wendend . „ Es bricht aber jedenfalls erst in der Nacht los , und ich hoffe , wir sind noch vor Anbruch der Dunkelheit in R. “ [ 340 ] „ Es soll ja jetzt sehr unruhig in der Stadt sein , “ bemerkte Gabriele , indem sie selbst einen ängstlich fragenden Blick auf ihren Vormund richtete , welchen dieser jedoch nicht zu bemerken schien . „ Es hat allerdings einige lärmende Demonstrationen gegeben , “ erwiderte er . „ Die Sache ist aber ohne ernstere Bedeutung und wird bald zu Ende sein . Du brauchst Dich in keiner Weise zu ängstigen . “ „ Man behauptet aber , daß die ganze Bewegung sich gegen Dich allein richtet , “ sagte Gabriele mit stockender Stimme . Raven runzelte die Stirn . „ Wer behauptet das ? “ „ Oberst Wilten ließ öfter Andeutungen darüber fallen . Ist es wahr , daß man Dir in der Stadt so feindlich gesinnt ist ? “ „ Ich bin in R. niemals populär gewesen , “ erklärte der Freiherr mit vollkommener Gelassenheit . „ Gleich in der ersten Zeit , als ich hierher berufen wurde , galt es , der drohenden Rebellion den Zügel anzulegen . Das ist mir allerdings gelungen , aber man liebt gewöhnlich nicht Den , dem so etwas gelingt . Ich weiß am besten , wie viel Haß und Feindschaft mir mein damaliges Vorgehen geschaffen hat und wie hartnäckig man daran festhält , in mir den Unterdrücker zu sehen , trotz Allem , was ich für die Stadt und die Provinz gethan habe . Wir sind stets im Kriegszustande mit einander gewesen , aber ich habe noch immer die Oberhand behalten , und das wird auch diesmal geschehen . “ Gabriele dachte an die räthselhaften Worte Georg ’ s , für die ihr noch immer keine Erklärung geworden war . Er wich damals ihrem Andringen so entschieden aus , und der Abschied kam so plötzlich und unerwartet . Es waren ihnen ja nur Minuten zum Lebewohl vergönnt , dann mußte der junge Mann sich losreißen , aber er ließ Gabriele in marternder Angst zurück . Sie wußte doch jetzt , daß irgend etwas dem Freiherrn drohte , und sie beschloß auf alle Gefahr hin , ihn wenigstens zu warnen . „ Du stehst aber ganz allein gegen eine Menge von Feinden , “ sagte sie . „ Du kannst nicht wissen , nicht einmal ahnen , was sie im Geheimen gegen Dich unternehmen . Wenn es nun etwas Gefährliches ist ! “ Raven sah sie mit dem Ausdrucke unverhehlten Erstaunens an . „ Seit wann kümmerst Du Dich denn um solche Dinge ? Dergleichen lag Dir doch früher unendlich fern . “ Das junge Mädchen versuchte zu lächeln . „ Ich habe in der letzten Zeit so Manches gelernt , was mir früher fern lag . Hier handelt es sich aber um ganz bestimmte Andeutungen – “ „ Die Dir zugekommen sind ? “ „ Ja . “ Der Freiherr stutzte ; sein Blick gewann wieder die durchbohrende Schärfe , die ihm bisweilen eigen war , als er rasch und hastig fragte : „ Du stehst in Verbindung mit der Residenz ? “ „ Ich habe keine einzige Zeile , überhaupt kein Lebenszeichen von dort erhalten . “ „ Nicht ? “ sagte Raven milder . „ Ich vermuthete es , weil Assessor Winterfeld sich gegenwärtig im Ministerium befindet , wo er mit seiner Ansicht , daß ich ein Tyrann ohne Gleichen sei , wohl Gesinnungsgenossen finden dürfte . Ihm persönlich nehme ich diese Meinung durchaus nicht übel , denn ich war genöthigt , ihm und seinen Wünschen in einer Weise entgegenzutreten , die ihn immerhin berechtigt