ruhen muß bis zur Beendigung des Krieges . “ Atkins schüttelte in wachsender Unruhe das Haupt . „ Sie kennen Henry schlecht , wenn Sie meinen , er weiche solchen Gründen . Einer vernünftigen Ueberlegung ist er überhaupt nicht mehr fähig , sonst würde er sein eigenes Leben nicht so auf ’ s Spiel setzen , und eine bis zum Wahnsinn erhitzte Leidenschaft wartet nicht geduldig monatelang auf ihre Rache . Sein Auge gefiel mir nicht , ich fürchte , es ist nicht gut , wenn Sie die Nacht unter einem Dache schlafen . “ „ Das wird auch nicht der Fall sein , “ sagte Walther ruhig . „ Ich wenigstens werde nicht unter diesem Dache schlafen , ich muß heut ’ Nacht noch in ’ s Gebirge . “ „ Wohin müssen Sie ? “ rief Atkins erschrocken . „ In die Berge ! Das Wohin und Weshalb ist Dienstgeheimniß . “ „ Glauben Sie vielleicht , daß ich Sie ausforschen will ? “ fragte der Amerikaner heftig . „ Hoffentlich gehen Sie unter Bedeckung ? “ “ Allein ! “ Atkins trat einen Schritt zurück und sah ihn vom Kopf bis zu den Füßen an . „ Mr. Fernow , es ist grenzenlos unvorsichtig von Ihnen , das so offen auszusprechen ! “ sagte er halblaut . In Walther ’ s Antlitz zeigte sich ein flüchtiges lächeln . „ Ich würde mich allerdings hüten , es der Schloßdienerschaft oder den Dorfbewohnern gegenüber auszusprechen ; Sie , Mr. Atkins , kenne ich denn doch hinreichend , um von Ihnen keinen Verrath zu besorgen ; übrigens dürfte das auch kaum möglich sein , denn weder Sie noch Mr. Alison kommen durch unsere Posten . “ Atkins zuckte zusammen . „ Henry ! Haben Sie ihm etwas davon gesagt ? “ „ So viel wie Ihnen , mehr nicht ! “ Der Amerikaner sah ihn mit einem halb mitleidigen Blicke an . „ Unbegreifliche deutsche Harmlosigkeit ! “ murmelte er vor sich hin , dann aber trat er zu dem jungen Manne und legte die Hand auf dessen Arm , in seinen Zügen stand ein furchtbarer Ernst . „ Mr. Fernow , folgen Sie dem Rath eines Mannes , dem es schwer genug wird , so etwas wie eine Anklage gegen seinen Landsmann und Gefährten auszusprechen , aber es gilt , ein Unglück zu verhüten . Gehen Sie heute Nacht nicht in ’ s Gebirge ; Sie sind gefährdet , verstehen Sie mich ? Sie allein ! Uebertragen Sie die Sache einem Ihrer Cameraden . “ „ Ich kann nicht ! “ „ So nehmen Sie wenigstens Bedeckung mit sich . “ „ Ich kann nicht , Mr. Atkins ! “ „ Nun denn , so rennen Sie in Ihr Verderben ! “ rief Atkins heftig , „ ich habe das Meinige gethan , jetzt tragen Sie selbst die Folgen ! “ Walther machte eine ungeduldige Bewegung . „ Beruhigen Sie sich , Ihre Besorgnisse sind ganz unbegründet ! Ich sage es Ihnen noch einmal , es ist eine Unmöglichkeit für Jeden , der die Losung nicht kennt , von hier in ’ s Gebirge zu kommen , wir haben eine dreifache Postenkette gezogen . “ Atkins sah trotz dieser Worte sehr wenig beruhigt aus . „ Sie wissen nicht , was Henry möglich macht ! Er brütet jetzt über einem Unglück , ich kenne ihn ! Es ist eine im Grunde unbändige Natur , die Erziehung und Verhältnisse nur scheinbar gezähmt , der sie den nüchternen Geschäftsmann nur aufgezwungen haben ; bricht eine solche Natur erst einmal die langgewohnten Schranken , so kennt sie auch keine Schranke mehr . Er ist in seiner jetzigen Stimmung zu Allem fähig ! “ „ Doch wohl nicht zum Meuchelmorde ! “ sagte Walther ruhig . Es zuckte wieder etwas von dem alten bisher verschwunden gewesenen Sarkasmus um Atkins ’ Lippen . „ Ihr Deutschen tragt Eure subtilen Ehrbegriffe bis in ’ s Toben der entfesselten Leidenschaft ! Henry ist Amerikaner , vergessen Sie das nicht . Sie haben ihm den einzig legitimen Weg zur Rache versagt , und er wird sich jetzt schwerlich mit idealen Ansichten von Recht und Unrecht abgeben . Wahren Sie sich , Mr. Fernow , ich stehe für nichts mehr ein ! “ Walther schüttelte leise , aber entschieden das Haupt . „ Ich habe ein besseres Vertrauen zu Mr. Alison , als Sie . Er mag mich hassen bis auf den Tod , dessen , was Sie andeuten , halte ich ihn dennoch nicht fähig . Sagen Sie ihm , “ hier überflog ein eigenthümliches fast geisterhaftes Lächeln das schöne schwermüthige Antlitz des jungen Officiers , „ sagen Sie ihn , er brauche mein Leben nicht zu nehmen , sein Wunsch würde auch ohne das erfüllt werden . – Ich muß fort , Mr. Atkins , grüßen Sie Miß Forest von mir und – leben Sie wohl ! “ Er wandte sich rasch um und , das Gemach verlassend , schlug er den Weg nach seinem eigenen Zimmer ein . – Henry war Atkins allerdings am Fuße der Treppe begegnet , die zu ihrer Wohnung führte , aber er hatte sie nicht erstiegen . Er lenkte , nachdem er die Fragen seines Gefährten in einer Weise zurückgewiesen , die die halb entschlummerte Besorgniß desselben wieder hell aufflammen ließ und ihn zu jener Unterredung mit Fernow trieb , seine Schritte nach dem Zimmer des französischen Hausmeisters , das ihm einer der Soldaten bezeichnete . Der Hausmeister , ein alter Mann mit einem scharfen , klugen Gesicht und blitzenden dunkeln Augen , saß am Tische bei der brennenden Lampe und blätterte in seinen Büchern . Er sah finster aus , als die Thür geöffnet ward , aber der verbissene Ingrimm , der in seinen Zügen stand , und mit dem er Jedem begegnete , der zu der feindlichen Einquartierung gehörte , milderte sich in etwas , als er den Fremden erkannte . Er wußte bereits , daß die Reisenden Amerikaner seien , denen nur die Unmöglichkeit , im Dorfe ein Unterkommen zu finden , das Nachtlager im Schlosse verschafft hatte ; waren sie auch Gäste des Feindes , sie gehörten doch wenigstens nicht der verhaßten Nation an , und die finstere Zurückhaltung , die Alison heute Nachmittag im Kreise der Officiere gezeigt , und die der Franzose zu beobachten . Gelegenheit gehabt , gereichte ihm bei diesem noch besonders zum Vortheil . Er stand auf und ging ihm höflich , aber dennoch mit einer gewissen kalten Zurückhaltung entgegen . „ Womit kann ich dienen , Monsieur ? “ Henry schloß vorsichtig die Thür hinter sich und warf einen Blick durch das Zimmer . Hätte Walther jetzt dies Gesicht beobachten können , wo jede Muskel sich spannte in eiserner Willenskraft , vielleicht hätte er die Warnungen Atkins ’ doch mehr beachtet . „ Ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen . Sind wir hier unbelauscht ? “ Der Franzose wurde aufmerksam . „ Vollkommen ! Das Zimmer hat , wie Sie sehen , nur diesen einen Ausgang . “ Henry trat näher zum Tische und winkte dem Alten , ihm zu folgen , er dämpfte seine Stimme bis zum Flüstern . „ Sie wissen vermuthlich , daß man uns die Weiterreise versagt . Meine Gefährten haben sich darein ergeben , die Nacht hier zu bleiben , ich aber muß jedenfalls heut ’ Abend noch in ’ s Gebirge . “ „ Das ist unmöglich , Monsieur ! “ sagte der Franzose artig , aber kalt . „ Die Preußen hatten die sämtlichen Eingänge besetzt , ohne ihre Erlaubniß gelangt Niemand auf die Bergstraße . “ Henry fixirte ihn scharf und prüfend . „ Und wüßten Sie nicht dorthin zu gelangen , trotz der Posten , wenn Ihnen daran läge , wenn es etwa irgend eine Nachricht an die Franctireurs im Gebirge gälte ? “ Der Franzose streifte ihn mit einem scheuen forschenden Seitenblick . „ Ich sage Ihnen ja , Monsieur , daß alle Eingänge besetzt sind ! “ „ Es giebt immer Schleichwege in ’ s Gebirge , “ sagte Henry mit Bestimmtheit , „ die dem Feinde nicht bekannt sind , und die die Einwohner um so besser kennen und benutzen . Erst am Nachmittage hörte ich von den Officieren die Vermuthung aussprechen , daß trotz der schärfsten Bewachung doch eine geheime Verbindung zwischen dem Dorfe und den Bergen bestände , es wird also auch hier einen solchen Weg geben . “ „ Möglich ! Ich kenne keinen . “ Statt aller Antwort zog Henry seine Brieftasche hervor , nahm eine Banknote heraus und hielt sie schweigend dem Alten hin . Dieser mußte den Werth des Papiers kennen , und es mußte ein ungeheurer sein , denn er blickte erschrocken zu dem Amerikaner empor . „ Der Preis des Weges ! “ sagte dieser kurz . Der Franzose trat mit vollster Entschiedenheit zurück . „ Ich lasse mich nicht erkaufen , Monsieur . “ Henry legte ruhig die Banknote auf den Tisch . „ Von den Deutschen nicht ! das nehme ich von vornherein an ! Sie könnten Ihnen das Zehnfache dieser Summe bieten , es wäre vergebens . Ich gehöre aber nicht zu ihnen und bin auch ihr Freund nicht . Wäre das , was ich vorhabe , für sie , ich würde Erlaubnis haben , durch ihre Posten zu gehen . Daß ich gezwungen bin , Ihre Hülfe zu suchen , mag Ihnen beweisen , daß Sie als Franzose diesen Verrath auf sich nehmen können . Mir dürfen Sie den Weg nennen . “ Das Argument war richtig , und die herrische Bestimmtheit , mit der der Amerikaner auftrat , verfehlte ihren Eindruck nicht auf den Alten , dennoch gab er seine vorsichtige Zurückhaltung noch nicht auf . „ Monsieur wollen allein in ’ s Gebirge ? “ „ Gewiß . “ „ Und gerade heute Nacht ? So wissen Sie vielleicht auch , was – Sie dort finden werden . “ ( Fortsetzung folgt . ) Heft 24 „ Allerdings ! “ erklärte Henry , der es für gut fand , seine völlige Unkenntnis der Sache zu verbergen und den Eingeweihten zu spielen , er erreichte auch in der That seinen Zweck . Es war ihm gelungen , in dem Alten den Franzosen aufzustacheln , sich seinen Haß gegen den Feind dienstbar zu machen . Der Hausmeister wußte am besten , was heute Nacht im Gebirge drohte , und der Umstand , daß der Fremde ohne Wissen der Deutschen und allein dorthin wollte , überzeugte ihn , daß er es mit einem Verbündeten zu thun habe . Ein Anderer war verloren bei diesem Gange , also – der Hausmeister ließ seinen Widerstand fahren . „ Es giebt einen solchen Weg , " sagte er , die ohnehin schon leise geführte Unterhaltung noch mehr dämpfend . „ Er führt über die Berge nach L. Die Deutschen kennen ihn nicht , hätten sie ihn aber auch durch Zufall entdeckt , für sie endigt er in der ersten Schlucht zur Rechten . Daß er sich jenseits derselben fortsetzt und durch den Wald mit unserem Park zusammenhängt , können sie unmöglich wissen . Aus- und Eingang sind zu sehr in Felsspalten und Gebüsch verborgen , es ist die Verbindung mit den Unsrigen . ” In Henry ' s Augen blitzte eine wilde Befriedigung auf . „ Gut ! Und wie finde ich den Weg ? “ „ Sie gehen in den Park , die große Hauptallee hinauf — er ist nicht besetzt , die Posten stehen in weiterem Umkreise — zur Linken werden Sie eine Statue der Flora erblichen . An ihr vorüber und in die dicht dabei befindliche Grotte ! Sie schließt sich nicht so eng an die Felswand , als es scheint , es ist ein Ausgang da nach dem Walde hinaus , dort folgen Sie dem engen Pfad durchs Gebüsch , es ist nur einer , Sie können nicht irren , und in zehn Minuten haben Sie die Schlucht erreicht ; sie mündet links in die Bergstraße , an dem Felsplateau , wo eine einzelne Tanne steht . Dort sind Sie bereits jenseits der Posten und weit genug von ihnen entfernt , um nicht mehr bemerkt zu werden . “ Henry war in athemloser Spannung gefolgt , als wolle er jedes Wort in seinem Gedächtniß festhalten , jetzt athmete er tief auf , ein Ausdruck düsteren Triumphes lag in seinen Augen , er nahm die Banknote vom Tische und reichte sie dem Franzosen . „ Ich danke Ihnen ! Hier nehmen Sie ! “ Der Alte zögerte . „ Ich that es nicht für Geld , Monsieur ! “ sagte er ernst . „ Ich weiß es ! Aus Haß gegen den Feind ! Seien Sie ruhig , “ um Henry ' s Lippen zuckte wieder der eiskalte Hohn , „ ich beschütze ihn heute Nacht sicher nicht ! Aber die Auskunft ist mir mehr werth , als dies Papier , nehmen Sie es , es wird Ihr Gewissen nicht beschweren . ” Der Hausmeister warf noch einen Blick auf die Banknote , man wagte schwerlich eine solche Summe , blos um ihn zu compromittiren , und von so hohem Werthe wie dem finsteren Fremden war den Preußen der Weg sicher nicht . Er nahm das Dargebotene und murmelte einige Worte des Dankes . Henry war im Begriff zu gehen , aber er wendete sich noch einmal um und blickte den Alten fest und drohend an . „ Ihre Mitschuld sichert mir das Schweigen , ich brauche es Ihnen wohl nicht erst anzuempfehlen . Die Deutschen würden Sie füsiliren , wüßten sie , wer mir durch ihre Posten geholfen . " „ Ich weiß es , Monsieur ! “ „ Wenn ich also gegen Morgen zurückkehren sollte , so war der Eintritt in ' s Gebirge unmöglich und ich habe die Nacht im Schlosse zugebracht . Sie wissen es nicht anders , Adieu ! “ – Auch in dem Zimmer Walther ' s brannte helles Licht , er fand aber bei seinem Eintritt Niemand dort als Friedrich . „ Herr Doctor Behrend war die ganze Zeit hier , “ berichtete dieser , „ und hat lange auf den Herrn Lieutenant gewartet , aber er wurde schnell in ' s Dorf gerufen . Ich glaube , es steht sehr schlecht mit unserem Gefreiten Braun . “ Walther schien unangenehm durch die Nachricht überrascht zu werden . „ Doctor Behrend ist schon fort ? Ah , ich hätte ihn gern noch gesprochen ! “ „ Das wollte der Herr Doctor auch . Er sagte , ich sollte immer den Mantel und die Pistolen bereitlegen , Sie müßten heute Abend noch fort , Herr Lieutenant , und , “ – es lag eine Art von Aengstlichkeit in der Stimme des Burschen , „ und Sie würden mich diesmal nicht mitnehmen , wie sonst immer , wenn Sie eine Patrouille führen . “ „ Nein , Friedrich , diesmal nicht ! “ sagte Walther zerstreut . Er ging einige Mal auf und nieder , und blieb dann plötzlich stehen . „ Es ist ja jetzt Alles eins ! “ murmelte er vor sich hin . „ Warum ihm nicht sagen , was ich Robert verrathen wollte ! Friedrich ! “ „ Herr Lieutenant ! “ „ Es ist möglich , daß heut ’ Nacht ein Ueberfall versucht wird , Ihr habt Befehl erhalten , auf einen Alarm gefaßt zu sein ? “ „ Ja . Ich soll von zehn Uhr ab mit noch zwei Mann im Park patrouilliren , Es wäre der Sicherheit wegen , meint der Herr Hauptmann , weil er nicht besetzt ist . “ „ Gut ! Du siehst jedenfalls vorher noch den Doctor , es lag mir sehr viel daran , ihn noch zu sprechen , aber ich muß fort und kann nicht erst in ' s Dorf hinunter . Du wirst ihm meinen Auftrag mittheilen , Wort für Wort , so wie ich ihn Dir sage , aber nur ihm allein , keinem Anderen , hörst Du ? “ „ Keinem Anderen ! “ Die nächsten Worte schienen Walther unendlich schwer zu werden , er kämpfte erst noch einige Sekunden mit sich selber . „ Wenn es zum Kampfe kommen sollte , er ist der Einzige , der nicht daran theilzunehmen hat , und die Franctireurs hier herum sind aus dem schlimmsten Gesindel zusammengesetzt , dem nichts heilig ist – er soll Miß Forest schützen , so viel in seiner Macht steht . “ „ Die amerikanische Miß ? “ wiederholte Friedrich langsam . „ Ja ! “ Walther zögerte wieder , dann aber brach es auf einmal voll und heiß von seinen Lippen , „ Sage ihm , ich fordere es von ihm als eine letzte Freundespflicht , Miß Forest sei mir das Liebste gewesen auf der ganzen weiten Welt ! Er soll sie schützen – wenn es sein muß , mit seinem Leben ! “ Friedrich stand stumm in vollem Entsetzen da . Das also war die Auflösung jener räthselhaften Feindschaft zwischen seinem Herrn und der amerikanischen Miß ! Der Kopf des Burschen begann zu wirbeln , er war völlig unfähig , den Zusammenhang zu begreifen . „ Du wirst das bestellen Wort für Wort ? “ „ Zu Befehl , Herr Lieutenant ! “ antwortete Friedrich mechanisch . Er stand noch immer wie festgewurzelt an seinem Platze und sah zu , wie sein Herr die Pistolen untersuchte und den Mantel umwarf , erst als dieser schon an der Thür war , stürzte er ihm auf einmal nach . „ Herr Professor ! “ Walther blieb betroffen stehen und blickte sich um . Friedrich hatte ihn während des ganzen Krieges nicht so genannt , er vergaß nie den militärischen Titel seines Herrn , den mit großer Ostentation zu betonen stets seine höchste Wonne war . Wie kam er jetzt auf einmal mit dieser Erinnerung an B. ? Befremdet von dem altgewohnten und doch so lange nicht gehörten Klange blickte Fernow in das Gesicht seines früheren Dieners , es war auffallend blaß , und es lag eine seltsame Ruhe in den sonst ausdruckslosen Zügen . „ Herr Professor , “ es war ein Ton flehender Angst in der Frage , „ Müssen Sie denn wirklich ganz allein gehen ? Können Sie mich nicht mitnehmen ? Durchaus nicht ? " „ Nein , ich kann nicht ! “ sagte Walther ernst . „ Was fällt Dir denn auf einmal ein , Friedrich ? Du hast ja Dienst heute Nacht , und ich sollte meinen , die Aengstlichkeit hätten wir uns während des Krieges nachgerade abgewöhnt . “ Friedrich athmete schwer auf . „ Ich weiß nicht , mir ist aber auch während des ganzen Krieges nicht zu Muthe gewesen , wie gerade jetzt . Vorhin spürte ich noch nichts davon , aber jetzt , wo Sie gehen wollen , überläuft es mich auf einmal eiskalt . Herr Professor ! “ brach er plötzlich verzweiflungsvoll aus , „ ich sehe Sie ganz gewiß nicht wieder ! “ Walther blickte schweigend auf ihn hin . Seltsam ! Auch diese robuste urgesunde Natur , die sonst geistigen Einsfüssen wenig oder gar nicht zugänglich war , unterlag in diesem Moment einer Ahnung . War es die Liebe zu seinem Herrn , die ihm diesen Instinkt gab ? Dieser hütete sich wohl , irgend eine Weichheit zu zeigen , er wußte , daß das geringste Zeichen davon den riesenhaften Soldaten vor ihm um alle Fassung bringen und ihn zum schluchzenden Kinde machen würde . „ Du bist nicht gescheidt ! " sagte er halb unwillig und halb mit einem Versuche zu lachen . „ Ist es denn das erste Mal , daß ich einer Gefahr entgegengehe ? Schäme Dich , Friedrich , ich glaube gar , Du weinst ! “ Friedrich antwortete nicht , aber er hielt die hellblauen Augen fest und unverwandt auf das Antlitz seines Herrn gerichtet , er sah mit einer in diesem Augenblick wunderbar geschärften Beobachtungsgabe , daß dessen Blick nicht mit seinen Worten übereinstimmte , er sah den Abschied darin , und fort war auf einmal alle Subordination , all die militärische Gewohnheit , die er monatelang so gewissenhaft beobachtet , er sah nur noch seinen Professor vor sich , den er so oft in all den Krankheiten gepflegt , den er behütet und bewahrt , wie eine Mutter ihr Kind , der ihm Zweck und Inhalt seines ganzen Lebens war . Er schluchzte laut auf , und ein Thränenstrom stürzte aus seinen Augen . „ Herr Professor , “ rief er schmerzlich , „ wollte Gott , ich würde statt Ihrer niedergeschossen ! Es giebt ein Unglück heute Nacht , ich weiß es ! Einer von uns fällt gewiß ! “ Walther lächelte traurig und sanft , er wußte , wer dieser Eine war , aber die rührende Anhänglichkeit des Burschen erzwang sich in der Abschiedsstunde ihr Recht , Er vergaß jetzt auch alles Andere , nur die langen Nächte der Krankheit nicht , in denen Friedrich an seinem Bette gesessen , mit einer Treue und Hingebung , die sich nicht bezahlen und nicht vergelten ließ , und — in solchem Augenblick fallen wohl auch höhere Schranken und füllt sich eine weitere Kluft aus – der Offizier legte einen Moment lang leise seinen Arm um die Schulter des Dieners und drückte warm und innig dessen Hand . „ Gute Nacht , Friedrich ! “ sagte er weich . „ Was auch kommen mag , für Dich ist gesorgt , Doctor Stephan hat die betreffenden Papiere in Händen . – Und nun “ – er richtete sich schnell empor , „ laß mich gehen , ich muß fort ! “ Friedrich gehorchte , er ließ zögernd die Hand los , die er mit seinen beiden fest umschlossen hielt , und trat zurück . Walther winkte ihm noch einmal zum Abschiede und verließ dann rasch das Zimmer . Mit gesenktem Haupte schlich der arme Bursche zum Fenster , er sah die in den Mantel gehüllte Gestalt über die vom Monde hell beschienene Terrasse schreiten , er hörte den Schritt sich weiter und weiter entfernen , endlich ganz verhallen , und die bitteren Thränen stürzten ihm auf ' s Neue aus den Augen , er fühlte es mit unumstößlicher Gewißheit , er hatte seinen Herrn zum letzten Male gesehen . „ Machen Sie auf , Jane ! Weisen Sie mich nicht wieder unter irgend einem Vorwande zurück , es handelt sich um eine Angelegenheit von der äußerstem Wichtigkeit , ich muß Sie jetzt sprechen ! “ Mit diesen Worten klopfte Atkins energisch an Jane ' s Zimmer und erzwang sich damit in der That den Eintritt . Der Riegel wurde zurückgeschoben und die Thür geöffnet , Es brannte auch hier Licht , und Jane war noch völlig angekleidet , ein Blick auf das Bett zeigte es noch unberührt , sie hatte wohl nicht an Schlafen gedacht . Sie trat ihm entgegen , mit einer düsterem Frage im Antlitz , die Augen waren wach und geröthet vor innerer Aufregung , aber Spuren vergossener Thränen zeigten sie nicht , Jane kannte nicht das Weinen , den so oft einzigen und unersetzlichen Trost des Weibes , sie hatte es verlernt seit ihren Kinderjahren . Das Schluchzen , mit dem sie einst am Sterbebette ihres Vaters zusammenbrach , mit dem vorhin ihre Kraft erlag , es kam über sie wild und heftig wie ein Krampf , aber thränenlos , ihre starre eiserne Natur kannte nicht einmal dies Zeichen von Weichheit , sie trug Alles , wie sie es den Vater hatte tragen sehen , wie ein Mann . Atkins ließ ihr keine Zeit , die Frage auszusprechen die aus ihren Lippen schwebte . „ Es gilt eine Gefahr ! “ sagte er hastig , „ Ich dachte sie hinauszuschieben , abzuwenden , aber sie erweist sich stärker , als ich geglaubt . Meine Macht ist zu Ende , jetzt müssen Sie dazwischentreten . “ „ Welche Gefahr ? “ fragte Jane ahnend und athemlos , „ Wovon reden Sie ? “ „ Von Alison und Mr. Fernow ! Sie sind aneinandergerathen , Henry hat den Deutschen gefordert und dieser ihm die Genugthuung verweigert , weil er sich während des Krieges nicht schlagen kann oder darf . Henry brütet Rache – sie dürfen sich nicht zum zweiten Male treffen ! “ Jane war zusammengeschreckt bei der Nachricht , aber sie faßte sich sofort wieder , eine überströmende Bitterkeit klang aus ihrer Stimme . „ Sie haben Recht ! Die Beiden dürfen sich nicht zum zweiten Male gegenüberstehen , ein Kampf zwischen ihnen und um mich , das wäre mehr als Mord ! Henry ist im Irrthum , es bedarf nur eines einzigen Wortes , ihn aus seiner Täuschung zu reißen ich wollte es erst morgen thun , jetzt ist kein Augenblick mehr zu verlieren . Rufen Sie ihn sofort zu mir ! " Atkins schüttelte bedenklich den Kopf . „ Das ist es eben ! – Henry ist nirgends zu finden , ich habe bereits das ganze Schloß vergebens nach ihm durchsucht . " „ Und Walther ? Um Gotteswillen , wo ist Walther ? ” Atkins zog die Augenbrauen in die Höhe . Walther ! Also so weit waren die Beiden doch bereits miteinander , und Henry sollte dennoch im Irrthum sein ! „ Mr. Fernow ist im Gebirge , “ sagte er ernst . „ In einer Dienstangelegenheit , wie er behauptet , und allein . Henry weiß das , Wenn er ihm folgte – Jane , ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen , was dann zu fürchten steht . “ Jane stand einen Moment lang wie eine Bildsäule , dann aber riß sie sich gewaltsam aus der Erstarrung empor , ihre ganze Entschlossenheit kehrte zurück . „ Ich kenne Henry ! Er darf nicht fort , ehe ich ihn gesprochen , wir müssen ihn zurück haben um jeden Preis . Ich glaube , “ sie legte die Hand an die Stirn , bemüht , trotz der betäubenden Angst , ihre Gedanken zu sammeln , „ ich glaube , es führt nur ein einziger Paß von hier in ' s Gebirge . Sagte man uns nicht so heute Morgen in P. ? “ „ Nur einer , und den hatten die Deutschen besetzt , aber den Weg wird Henry schwerlich versuchen , er weiß , daß die Posten ihn unter allen Umständen zurückweisen würden . “ „ So kann er nur im Parke sein , er ist sicher dort ! Ich werde ihn aussuchen . " Atkins bemühte sich unruhig , sie zurückzuhalten . „ Um Gottes willen , " rief er , „ bedenken Sie , wir sind im fremden Lande , mitten im Toben des Krieges , es ist Nacht , Sie können doch unmöglich allein – “ Jane hörte nicht auf ihn , sie hatte bereits ihren Reisemantel vom Tische gerissen und um die Schultern geworfen . „ Bleiben Sie hier , Mr. Atkins ! Es könnte auffallen , wenn wir alle Drei das Schloß verlassen , man könnte uns zurückweisen . Sie vermögen doch nichts über Henry , Ihnen folgt er schwerlich hierher , ich muß ihn selbst sprechen . " Sie war aus der Thür und die Treppe hinunter , noch ehe Atkins seine Einwendungen zu Ende brachte . Er ballte unwillkürlich die Hand . „ Das ist ja eine wahre Höllennacht ! Dieser blauäugige Deutsche bringt uns noch alle Drei in Lebensgefahr ! Aber Jane hat Recht , ich darf nicht auch noch hinaus , und überdies — es ist besser , sie machen das allein unter sich aus . Im Park muß sie ihn finden ! Er kann nirgend anders sein ! “ Der weitläufige , waldartige Park des Schlosses S. lag im hellsten Mondlicht und im tiefsten Schweigen , das nur von Zeit zu Zeit unterbrochen ward durch den schweren Schritt der Patrouille , die ihn auf Anordnung des Hauptmanns heute Nacht durchstreifte . Sie hatte ihre Runde durch die Hauptalleen beendigt , ohne auf irgend etwas Verdächtiges zu stoßen , und theilte sich jetzt , am Ende der Anlagen angelangt , dem erhaltenen Befehle gemäß , um einzeln den Rückweg anzutreten und auf diese Weise auch die entlegenen Gänge und Bosquets zu sondiren ; Friedrich fiel der zur Linken befindliche Theil des Parkes zu , die anderen Beiden nahmen den zur Rechten und die Mitte auf sich , an der Terrasse wollten sie wieder zusammentreffen . Langsam , sein Gewehr im Arm , schritt Friedrich auf dem ihm zugewiesenen Terrain vorwärts , er brauchte sich nicht gerade zu beeilen , es kam nicht auf die Zeit an , und besonders leise aufzutreten , was ihm jedesmal zur besondern Pein gereichte , brauchte er auch nicht ; es hatte sich , wie schon erwähnt , bei der Runde nichts Verdächtiges ergeben . Der Bursche war einem Auftrage , dessen Ausführung besondere Intelligenz erforderte , nicht gewachsen ; aber den einfachen Befehl , Augen und Ohren offen zu halten , die Umgebung möglichst genau zu beobachten und sich bei der geringsten Entdeckung , dem geringsten Unfall , sofort mit der Meldung davon in ' s Schloß zurückzuziehen , den verstand er und erfüllte ihn pünktlich und gewissenhaft . Dieser Befehl hatte nebenbei noch das Gute , ihn von dem nutzlosen und trostlosen Grübeln über den Abschied seines Herrn abzuziehen , der Dienst erheischte die gespannteste Aufmerksamkeit und ließ ihm nicht Zeit zu trüben Ahnungen oder dergleichen . Er hatte bereits einen Theil seines Terrains hinter sich und befand sich jetzt gerade an der Flora , deren weiße , vom Monde hell beschienene Statue sich inmitten einer weiten Rasenfläche erhob . Es war ihm noch besonders eingeschärft , an der dabei befindlichen Muschelgrotte nicht vorüberzugehen , ohne einen Blick hineinzuwerfen . er schritt also nach jener Richtung hin und hatte soeben die Statue erreicht , als er auf einmal stehen blieb und das