war nicht das erste Mal , daß sie ihm an dieser Stelle nahte , er hatte sie bisher noch immer überwunden , aber heute , nach jenem Gespräch mit dem Grafen , das ihm deutlich verrieth , was er bisher doch nur dunkel geahnt , welches Schicksal seiner wartete , heute setzte er ihr nicht den alten Widerstand entgegen . Wie festgebannt hing sein Auge an dem finstern Schlunde , an dem Gewässer , das sich zischend und schillernd wie eine Schlange dahinwand , und leise wie mit Schlangenlauten tönte dies dumpfe Zischen zu ihm herauf , es gewann eine Sprache , die immer deutlicher , immer vernehmlicher an sein Ohr schlug , war sie doch nur das Echo seiner eigenen wühlenden Gedanken . „ Wozu dich in die Hand der Menschen geben , wenn die eigene das Geschick vollenden kann , dem du nun einmal unwiderruflich verfallen bist ? Ein Sturz , ein letzter Aufschrei vielleicht – und die kalten Wellen schäumen hinweg auch über die heiße Stirn , die das Denken nun einmal nicht verlernen will , über das wilde glühende Herz , das nicht kühl und still schlagen kann unter dem heiligen Gewande . Und es ist doch Alles , Alles umsonst durch das eine unselige Wort , mit dem du dich der Kirche gelobtest , das dich bindet für Zeit und Ewigkeit ! Es reißt dich los von dem Leben , das mit all ’ seinen reichen Schätzen , mit all ’ seinem sonnigen Glanze wie ein fernes erträumtes Wunderland einst vor dir auftauchte , um auf immer wieder zu versinken , es zieht dich wieder zurück in die alte Knechtschaft , in die dumpfen Hallen des Klosters . Gehorsam heißt ja das erste , das oberste Gelübde des Ordens , und der Mönch muß ihm folgen , wüßte er auch , daß der Weg , den man ihn gehen heißt , am Abgrunde endigt ! Wozu den endlosen nutzlosen Kampf erneuern , dem doch nie der Sieg beschieden ist ? Ein entschlossener Schritt , und die Kette ist gesprengt , die Last sinkt von deinen Schultern für ewig ! Hinab ! “ Benedict starrte noch immer unbeweglich hinunter in die Tiefe , aber schwer und schwerer stützte er sich auf das Geländer , das schon wankte und zitterte unter seiner Hand , es legte sich feucht und eiskalt auf seine Schläfe , tief und tiefer senkte er das Haupt – noch eine Secunde , und die weißen Wellenarme drunten , die sich so gierig nach ihm ausstreckten empfingen ihr Opfer . Da auf einmal klang ein fremder Ton herüber , ferne , leise , halb verweht , aber er drang dennoch zu seinem Ohr , unwillkürlich hob er das Haupt und lauschte . Jetzt trug der Wind die Töne voller , mächtiger herüber , drüben in der Wallfahrtskirche hallten die Glocken und riefen zur Vesper , [ WS 1 ] die Kirche rief ihren Priester . Dort harrten die Andächtigen seines Erscheinens , und die geweihte Hand , die ihnen den Segen spenden sollte , hob sich in diesem Augenblick zum Selbstmorde ! Langsam zog Benedict den Arm zurück von dem Geländer , das in der nächsten Minute gebrochen wäre unter der Wucht seines Körpers , langsam richtete er sich empor und wandte das Auge weg von der verlockenden Tiefe . Die eherne Stimme der Pflicht suchte und fand ihn auf dem gefährlichsten Wege ; diese längst ihres Zaubers entkleidete , so tief gehaßte und doch beschworene Pflicht , sie ward jetzt seine Retterin . Vergebens streckten die Wellen ihre Arme auf ’ s Neue nach ihm aus , vergebens lockten und winkten sie ihn zu sich nieder , der helle Glockenklang übertönte die dunklen Stimmen aus der Tiefe , mit einem schweren tiefen Aufathmen rang sich der junge Priester los von der Versuchung und schritt entschlossen weiter , die verhängnißvolle Brücke blieb hinter ihm , hinter ihm verhallte das unheimliche Brausen und Zischen , nur die Glockentöne zogen weithin durch die Luft , weithin über das Gebirge , und hochaufgerichtet festen Schrittes ging er den Weg , den sie ihm zeigten – zum Altar . „ Nehmen Sie es mir nicht übel , Herr Pfarrer , aber das ist ja ein ganz schändliches Wehen hier oben auf Ihren Bergen ! Man möchte zehn Hände haben , um Hut und Shawl und Schirm , und noch zehn andere Dinge fest zu halten , sonst tanzen sie in der nächsten Minute um die Schneegipfel droben . Und seine eigene Person auf den Füßen zu erhalten hat man auch Mühe genug , sonst nimmt sie der Wind und setzt sie ohne Weiteres in eine von den verhexten Schluchten nieder , wohin nicht Sonne noch Mond scheint , und wo man sich , wie Ihre frommen Kalenderheiligen , von Eidechsen und Tannenzapfen ernähren muß , bis einen endlich irgend ein mitleidiger Bauer findet und wieder zur Menschheit zurückbringt . Die abscheulichen Wege hier haben uns schon unseren Wagen gekostet , die Räder waren vernünftiger als wir , sie wollten nicht weiter und zogen es vor , entzwei zu brechen , wir selbst sind halbtodt von dem Heraufklettern auf diesem Dinge , das sich ein Fahrweg nennt , und dabei Löcher und Untiefen hat , groß genug , um eine vierspännige Extrapost mit Mann und Maus zu verschlingen . Geh mir einer mit der Schönheit der Gebirge ! Ich bleibe dabei , sie sind vom lieben Herrgott eigens erschaffen , um seinen Creaturen das Leben schwer zu machen , was nun einmal hier auf Erden nothwendig zu sein scheint . “ Pfarrer Clemens , der , im Begriff wieder in sein Haus zu treten , sich plötzlich vom Rücken her in dieser Weise anreden hörte , wendete sich hastig um und blickte erschrocken die Dame an , welche ihm im Tone einer nachdrücklichen Strafpredigt diese Rede hielt . Ihr Gesichtsausdruck war dabei so zornig , ihre Bewegungen so energisch , als sei der arme Geistliche allein verantwortlich für alle die eben geschilderten Unannehmlichkeiten , und dieser fühlte sich wirklich in der ersten Ueberraschung und Bestürzung als der schuldige Theil . „ Ich bedauere sehr – “ sagte er verlegen und ängstlich , „ es thut mir leid , aber ich – ich kann wirklich nicht dafür , daß das Klima auf unseren Bergen so rauh ist . “ Die Dame lachte laut auf bei dieser Entschuldigung und trat ihm vertraulich einen Schritt näher . „ Nein , Hochwürden , dafür können Sie in der That nicht ! “ sagte sie gutmüthig . „ Ich meinte auch nicht Sie , Gott behüte ! Nichts für ungut , daß ich Sie so anfuhr . Wir kommen als zwei hülflose Frauen zu Ihnen und bitten um Schutz und Obdach für einige Stunden . Sie brauchen sich nicht zu ängstigen . “ Trotz dieser Versicherung retirirte der Pfarrer doch etwas näher nach der Thür hin , während er schüchtern zu der Erscheinung emporblickte , die allerdings dem Bilde , das man sich von einer „ hülflosen Frau “ zu machen pflegt , so wenig entsprach , als der Ton , mit dem sie sich eingeführt , der Bitte . Es war eine große , kräftige Gestalt , sie trug einen eleganten dicken Reiseshawl , der in allerdings mehr stürmischer als malerischer Drapirung um die Schultern geworfen war . Mit der Linken hielt sie ihren Hut , der , seiner schiefen Stellung und den bedenklichen Wellenlinien seines Schirmes nach zu urtheilen , schon mehrmals den Versuch gemacht hatte , dem Orte , an den er von Rechtswegen gehörte , zu entfliehen , an beiden Bändern auf dem Kopfe fest , mit der Rechten stützte sie sich auf einen großen Regenschirm , der auch schon vom Sturme arg mitgenommen war , und überdies die Spuren des lehmigen Felsbodens zeigte , auf dem er als Alpenstock gedient hatte . Hinter ihr ward jetzt eine kleinere , zartere Figur sichtbar , ganz in einen grauen Regenmantel gehüllt , der die feine Gestalt vom Halse an bis herab zu den Füßen umschloß . Sie hatte es vorgezogen , ihren Hut ganz abzunehmen , statt ihn fortwährend festhalten zu müssen , und während sie ihn in der Hand trug , flatterten die Locken , dem Winde preisgegeben , nach allen Richtungen . Das „ schändliche Wehen “ , das ihre Gefährtin so aufbrachte , schien ihr weit weniger Kummer zu verursachen , das frische , von der scharfen Bergluft angehauchte Gesichtchen drückte eher Vergnügen aus über die ganze abenteuerliche Fahrt , und es zuckte wie mühsam unterdrücktes Lachen um den kleinen Mund bei den komischen Vorwürfen , mit denen ihre Begleiterin auf den armen Pfarrer einstürmte , und bei der sichtbaren Angst des hochwürdigen Herrn vor der resoluten Dame . Er lud sie nichtsdestoweniger ein , in ’ s Haus zu treten , und [ 152 ] sie folgte auch dieser Aufforderung , blieb aber plötzlich auf der Schwelle stehen und sagte in scharfem Tone : „ Ehe wir aber eintreten , möchte ich Ihnen doch mittheilen , daß wir Protestanten sind . Verstehen Sie ? Ketzer von der echtesten Sorte , da oben aus Norddeutschland ! Täuschen wollen wir Sie nicht und bekehren lassen wir uns auf keinen Fall . Wenn Sie uns also darauf hin hinauswerfen wollen , so sagen Sie es lieber gleich , wir müssen dann zusehen , ob wir in dem sogenannten Wirthshause ein Unterkommen finden , obgleich ein anständiger Mensch es nicht ansehen , geschweige denn betreten kann , ohne daß sich sein ganzes Reinlichkeitsgefühl dagegen empört . “ Der Pfarrer mußte doch lächeln über dies seltsame Glaubensbekenntniß zwischen Thür und Angel . „ Ich pflege meine Gäste nicht nach ihrer Religion zu fragen , “ entgegnete er freundlich , „ und stelle mein einfaches Haus gern jedem Fremden zur Verfügung , weß Glaubens er auch sei . “ „ So ? Nun da sind Sie eine Ausnahme von Ihren Collegen ! “ meinte die Dame trocken . „ Entschuldigen Sie , daß es mir so herausfuhr , aber wie gesagt , bekehren lassen wir uns nicht , und man muß sich vorsehen hier zu Lande , ich traue den Katholischen nun einmal nicht . – Wenn ich nur wüßte , was es wieder dabei zu lachen giebt , Lucie ! Ich glaube , Sie sind unvernünftig genug , an der ganzen abscheulichen Partie noch Vergnügen zu finden . Wie eine Gemse sind Sie vor mir her den Berg heraufgesprungen , während ich – “ sie sah wehmüthig herab auf die Trümmer ihres Regenschirms – „ ohne den da wäre ich verloren gewesen ! “ Man war inzwischen in ’ s Haus getreten und Franziska begann sogleich Shawl und Hut abzulegen , wobei sie ihrem Wirthe ausführlicher erzählte , daß sie von einer kleinen Reise nach A. zurückkäme , daß sie der Kürze wegen den Weg über das Gebirge gewählt hätten , und daß ihr Begleiter , der sich noch unten bei dem übel zugerichteten Wagen befinde , seine Schwester und sie einstweilen vorausgesandt habe , um im nächsten Dorfe auf ihn zu warten , wo sie ein Fuhrwerk zu erhalten hofften , das , da die Pferde zum Glück unverletzt seien , sie noch heute bis Dobra bringen könne . „ Das Fuhrwerk wird wohl zu erhalten sein , “ erklärte der Pfarrer bereitwillig , „ vorausgesetzt , daß Ihr Begleiter bald eintrifft , sonst möchte es nicht rathsam sein , noch heute den Rückweg anzutreten , da die Nacht Sie noch im Gebirge überfallen würde . Sie müßten in diesem Falle mit meiner Gastfreundschaft fürlieb nehmen . Das Gastzimmer ist zwar schon seit einigen Monaten von meinem jungen Caplan eingenommen , indeß er wird gern den Damen weichen , und auch für den fremden Herrn wird Unterkommen geschafft werden . “ Lucie hatte bisher ihren Mantel noch nicht abgelegt , sondern sich mit großen Augen in der Studirstube umgesehen , die zugleich das Staats- und Empfangszimmer des hochwürdigen Herrn bildeten . Sie musterte unbefangen die alten einfachen Möbel , die nicht allzu zahlreichen Bücher und die vergilbten Stahlstiche an den Wänden , welche Heiligenbilder oder Scenen aus Legenden darstellten , bei den letzten Worten aber wurde sie plötzlich aufmerksam . „ Wo befinden wir uns denn eigentlich , Hochwürden ? “ fragte sie schnell , und der Pfarrer wunderte sich , weshalb das junge Mädchen bei der so einfachen Frage bis an die Schläfe erröthete . „ Ja wohl , wie heißt denn das Nest ? – ich bitte um Entschuldigung , ich meine Ihren Pfarrbezirk , “ fiel auch Franziska jetzt ein . „ Man hat uns nur nach dem nächsten Dorfe gewiesen , ohne uns den Namen zu nennen . “ „ Sie befinden sich in N. “ Es war gut , daß der Pfarrer sich dabei an Franziska wandte , und diese ihn wieder ansah , so entging Beiden die Purpurgluth , welche jetzt das Antlitz Luciens noch dunkler färbte . Sie gab auf einmal all ’ ihre kleinen Beobachtungen im Zimmer auf und flüchtete an ’ s Fenster , wo sie verharrte , den Blick fortwährend auf die Thür gerichtet , als erwarte sie jeden Augenblick dort etwas eintreten zu sehen , das ihr Angst mache . Fräulein Reich hatte sich indessen bequem im Lehnstuhl zurechtgesetzt und begann nun mit ihrem Wirthe eine Art von Verhör anzustellen , wie lange er schon hier wohne , welches Einkommen er habe , wie er mit seiner Gemeinde stehe und dergleichen . Der alte Pfarrer , völlig eingeschüchtert durch den inquisitorischen Ton der Dame , stand demüthig und ängstlich vor ihr , und bemühte sich , auf all ihre Fragen so genau und pünktlich zu antworten , als stehe er vor seinem Decan , von dessen Wohlwollen seine ganze Stellung abhinge . Das Resultat des Examens war endlich ein halb ärgerliches , halb mitleidiges Kopfschütteln von Seiten Franziska ’ s. „ Ich möchte nicht an Ihrer Stelle sein , Hochwürden ! “ erklärte sie sehr entschieden . „ Im Sommer mag das noch zu ertragen sein , aber wie halten Sie nur den ganzen langen Winter hier oben aus , so mutterseelenallein , ohne Weib und Kind ? “ Der alte Priester lächelte , aber diesmal war es ein trauriges Lächeln und es lag etwas wie schmerzliche Resignation in dem Blicke , der über die kräftige lebensvolle Gestalt der vor ihm Sitzenden hinglitt und dann auf dem lieblichen Antlitz des jungen Mädchens haften blieb , das in diesem Augenblick zu ihnen herüberschaute . „ Das bringt unser Stand so mit sich , “ entgegnete er sanft . „ Das ist aber , nehmen Sie mir ’ s nicht übel , eine höchst langweilige Einrichtung Ihrer Kirche , “ fuhr Franziska mit ihrer entsetzlichen Aufrichtigkeit ganz ungenirt fort . „ Bei uns daheim hat jeder rechtschaffene Pfarrer Frau und Kinder , ein halbes Dutzend von den letzteren gewöhnlich ! Wir haben es noch weiter gebracht : wir waren unser Zwölf im Pfarrhause , und wenn die heilige Apostelzahl meinem Vater auch oft genug Kopfzerbrechen machte – ein Landpfarrer hat bei uns gerade auch kein Ministereinkommen – , ich versichere Sie , es lebt und predigt sich so doch besser , wenn auch die ganze geistliche Nachkommenschaft neben dem Studirzimmer lärmt , als in solchem öden todtenstillen Hause , wo keine Maus sich regt . Mein Vater hätte kein einziges von uns missen mögen ; wir sind ja auch Gott sei Dank Alle gerathen und wie gerathen ! “ Bei den letzten Worten richtete sie sich zu ihrer ganzen stattlichen Höhe empor und blickte den vor ihr stehenden hochwürdigen Herrn so herausfordernd an , als wolle sie fragen , ob er nicht meine , sie ihrerseits sei außerordentlich gut gerathen , und ob er sich etwa erlaube , nach diesem Beispiele noch an dem exemplarischen Gedeihen der übrigen elf Pfarrerssprößlinge zu zweifeln . Zum Glück fiel dem guten Geistlichen Dergleichen nicht entfernt ein . Er machte eine tiefe höfliche Verbeugung , welche mehr als Worte seinen großen Respect vor der Dame und ihrer ganzen Familie auszudrücken bestimmt war , und dadurch zufriedengestellt , setzte sich diese wieder nieder . „ Ich begreife nicht , weshalb Bernhard noch immer nicht kommt ! “ mischte sich jetzt Lucie in ’ s Gespräch . „ Er müßte längst hier sein ; ich möchte ihm lieber entgegengehen . “ Die Erzieherin schüttelte mißbilligend den Kopf . „ Warum nicht gar ! Haben Sie etwa noch nicht genug an unserer Kletterpartie , Lucie ? Wollen Sie sich durchaus fortwehen lassen ? “ „ Ich gehe ja nicht weit , “ versicherte das junge Mädchen , „ und verfehlen kann ich ihn nicht , wenn ich dem Wege folge , den wir heraufgekommen sind . “ Franziska blieb bei ihrem Kopfschütteln . Der Pfarrer aber , dem die geheime Unruhe der Dame nicht entging und der sie natürlich der Sorge um den abwesenden Bruder zuschrieb , legte sich jetzt in ’ s Mittel . „ Lassen Sie das Fräulein immerhin gehen , “ sagte er freundlich . „ Es geschieht ihr nichts hier oben auf unseren Bergen , und Schluchten und Abgründe , in die sie stürzen könnte , giebt es auch nicht in unmittelbarer Nähe von N. , vorausgesetzt , daß die Dame den Fahrweg nicht verläßt . “ Franziska zuckte die Achseln . „ Da sehen Sie das sechszehnjährige Blut , Hochwürden ! Nicht eine Viertelstunde lang kann es im Zimmer aushalten , das muß durchaus wieder hinaus in Wind und Wetter ! Meinetwegen denn , aber gehen Sie ja nicht zu weit . Herr Günther wird Sie auslachen bei seiner Ankunft ; er ist auch gerade der Mann , um den man sich ängstigen müßte ! “ Lucie hörte die letzten Worte gar nicht mehr , sie war schon aus der Thür , auf der Schwelle hielt sie noch einmal zögernd inne ; aber ein Schritt , der die Treppe herunterkam und von dem sie freilich nicht wissen konnte , daß es nur der der alten Magd war , scheuchte sie rasch in ’ s Freie an den wenigen Häusern vorüber , bis zum Ausgange des Dorfes . [ 169 ] Erst am Ausgange des Dorfes hielt Lucie in der halb unwillkürlichen Flucht inne , wußte sie doch selbst kaum , wovor sie eigentlich floh , oder wollte es sich vielmehr nicht eingestehen ; aber die bloße Vorstellung schon , daß die scharfen Augen Franziska ’ s und die des Pfarrers auf ihr ruhen würden , wenn die Thür sich öffnete und jene hohe finstere Gestalt eintrat , drohte sie um alle Fassung zu bringen . Der bloße Gedanke an die Nähe dieses Mannes weckte Alles wieder auf , was im Laufe der letzten Monate eingeschlummert war , so daß sie nur noch bisweilen , wie an einen schweren , ängstlichen Traum daran zurückdachte , die räthselhafte Angst , das quälende Weh , den ganzen finsteren Bann , der sie bereits wieder magnetisch umfing . Sie wollte diesem Banne entfliehen und ahnte nicht , daß sie eben dadurch erst in den gefürchteten Zauberkreis eintrat , daß die Gefahr , die sie hinter sich wähnte , vor ihr lag . Am Fahrwege angelangt überblickte Lucie vergeblich die ihr sichtbaren Windungen desselben , weder Bernhard , noch der Kutscher mit den Pferden war zu entdecken . Sie beschloß , dem Bruder ein Stück entgegenzugehen , verfehlen konnte sie ihn ja hier nicht und es lag ihr vor allen Dingen daran , dem Pfarrhause so lange als möglich fern zu bleiben . Das junge Mädchen war schon einige Minuten lang bergabwärts gestiegen ; der Weg , der Fräulein Reich so viele Mühe gekostet , machte ihren leichten Füßen nicht die geringste Beschwerde , als sie auf einmal Schritte hinter sich vernahm . Sie wandte sich um und blieb einen Moment lang in zitterndem Schreck stehen , aber auch nur einen Moment , da entdeckte sie bereits , daß es blonde Haare seien , die auf den dunklen Mantelkragen des Fremden herabfielen , der in diesem Augenblick , schon aus der Ferne grüßend , den Hut zog . Lucie athmete tief auf . Graf Rhaneck ! Sie hatte ihn , durch Gang und Haltung getäuscht , für einen – Anderen gehalten , es war seltsam , wie er in Beidem diesem Anderen glich . Mit wenigen raschen Schritten war Ottfried an ihrer Seite . „ Das sind in der That halsbrechende Bergpartien hier oben ! Wer doch auch Ihren Elfenfuß hätte , mein Fräulein , der so leicht über diese Steine hinweggleitet , wie über eine bethaute Wiese . Wir armen Sterblichen haben es nicht so gut wie die Elfen , uns hält die nasse Erde unerbittlich fest , und wahrlich , nur die Hoffnung , ein solches Feenkind zu erreichen , konnte mich veranlassen , Ihnen auf diesem entsetzlichen Wege zu folgen . “ Mit dieser kecken Galanterie schloß er sich ihr ohne Weiteres an und blieb , als habe er ein Recht dazu , dicht neben ihr . Lucie wich unwillkürlich etwas seitwärts , so daß der Raum zwischen ihnen weiter ward . „ Mich erreichen ? “ fragte sie ziemlich kühl . „ Wußten Sie denn überhaupt , daß ich hier sei ? “ Der Graf lächelte . „ Ich sah Sie bereits vor einer halben Stunde , Sie traten soeben mit ihrer Begleiterin in ’ s Pfarrhaus , als wir nach dem Dorfe zurückkehrten . Schon hatte ich alle Hoffnung aufgegeben , Sie zu sprechen , als mir der Zufall unerwartet sich so hold erwies . “ Er hätte hinzufügen können , daß er sich in der Nähe Franziska ’ s , die er in gleicher Weise wie Bernhard , aber mit größerem Rechte den „ Cerberus “ nannte , nicht an sie gewagt , dagegen den ersten besten Vorwand erfunden hatte , seinen Vater zu bestimmen , allein vorauszufahren , und ihn noch einige Stunden in N. zu lassen , aber er unterließ wohlweislich diese Auseinandersetzungen und begehrte statt dessen , zu wissen , welchem Zufall er das Glück verdanke , Fräulein Günther hier zu sehen . Lucie erzählte , etwas einsilbig und zurückgehalten , daß sie von A. kämen , welcher Unfall sie betroffen und daß sie im Begriff stehe , ihren Bruder aufzusuchen , der wahrscheinlich noch drunten im Thale sei . Bei der Erwähnung Bernhard ’ s verfinsterten sich die Züge des Grafen auffallend , und er warf höhnisch die Lippen auf . „ In Bezug auf Herrn Günther erlauben Sie mir wohl eine Frage , mein Fräulein . Ihr Herr Bruder hat mich vor einiger Zeit mit einem Briefe beehrt , der – darf ich fragen , ob Sie überhaupt davon unterrichtet sind ? “ „ Ich ? Nein ! “ Lucie sah ihn verwundert an ; sie begriff nicht , wie Bernhard , der sich bei jeder Gelegenheit so eingenommen gegen den Grafen zeigte , dazu kam , an ihn zu schreiben . Ottfried lächelte wieder , diesmal aber mit dem Ausdrucke tiefster Befriedigung . „ Ich ahnte es ! Dann fällt die Sache natürlich nicht auf Sie , und ich will Sie nicht weiter damit behelligen , obgleich ich allen Grund hätte , die Grausamkeit anzuklagen , die mir Ihren Anblick Monate lang entzog ! O mein Fräulein – “ Er war jetzt völlig wieder in dem alten Fahrwasser und ließ auf ’ s Neue alle jene Künste der Schmeichelei und Galanterie spielen , mit denen er einst auf dem Balle das sechszehnjährige [ 170 ] Mädchen bezaubert hatte . Aber seltsam , das einst so bewährte Mittel wollte nicht mehr wirken , seit damals im Walde eine fremde Hand das Netz zerrissen , das er mit seinen Schmeichelworten um das Herz des unerfahrenen Kindes gewoben , seit diese Hand sich so ernst gebietend auf ihren Arm gelegt und sie weggerissen hatte aus der gefährlichen Nähe . Vielleicht war es auch eine unbewußte Vergleichung , bei der Ottfried verlor , denn wenn er auch jetzt das ganze Feuer verschwendete , das seinen matten Augen noch zu Gebote stand , sie kamen doch nicht auf gegen jenen dunkelglühenden Blick , der sich strafend , und doch mit so räthselhaft zwingender Gewalt in das Innere des jungen Mädchens gesenkt . Franziska hatte Recht . Lucie war eine Andere geworden seit jenem Tage ; mit Gleichgültigkeit , ja mit Widerwillen wendete sie sich von einer Sprache ab , die sie einst mit so vielem Vergnügen angehört . Dem Grafen entging es nicht , daß die junge Dame heute auffallend kühl und ernst aus den blauen Augen schaute , daß sie ihren Schritt auffallend beschleunigte und nur sehr einsilbige Antworten gab ; aber an dem Eindrucke seiner Persönlichkeit zu zweifeln , fiel ihm natürlich nicht ein . Er schob dies veränderte Wesen gänzlich auf Einschüchterung von Seiten des Bruders und der Erzieherin und wurde allmählich kecker in Ton und Worten . Er klagte leidenschaftlich über die lange Trennung , verschwur sich hoch und theuer , daß keine Macht der Erde ihn zwingen werde , Rhaneck zu verlassen und nach der Residenz zurückzukehren , wenn er nur die Hoffnung habe , sie öfter sehen und sprechen zu dürfen , und war eben im Begriff , seine frühere Liebeserklärung , wenn auch mit Rücksicht auf den feuchten Lehmboden diesmal ohne Fußfall , zu wiederholen , als Lucie ihn auf einmal unterbrach . „ Ich bitte , schweigen Sie davon , Herr Graf ! Ich will das nicht hören ! “ Ottfried stutzte , er hatte diesen entschiedenen Ton gar nicht in dem jungen Mädchen gesucht . „ Sie wollen es nicht hören ? “ wiederholte er langsam , während sich ein leiser Hohn in seine Stimme mischte . „ O mein Fräulein , könnten Sie wirklich so hart sein , mir jetzt ein Gehör zu verweigern , das ich doch einst bei Ihnen fand ? “ Lucie erröthete , aber es war die Röthe der Scham und des Unwillens , die ihr das Blut in die Wangen trieb ; zum ersten Male empfand sie jetzt das Beleidigende in dieser Art von Annäherung , das bisher ihrer Unerfahrenheit völlig entgangen war ; aber mit dem Bewußtsein der Beleidigung kam auch der Stolz . „ Ich werde doch wohl die Freiheit haben , zu thun , was mir beliebt ! “ entgegnete sie mit vollster Heftigkeit , „ und ich erkläre Ihnen jetzt , Herr Graf , daß ich Sie nicht länger anhören mag . Verlassen Sie mich ! “ Lucie irrte sehr , wenn sie glaubte , den Grafen dadurch zurückzuscheuchen ; er war nicht der Mann , sich durch eine wenn auch noch so entschiedene Abweisung schrecken zu lassen , und der unerwartete Widerstand , der plötzlich hervorbrechende Trotz des jungen Mädchens , das er schon ganz in seinen Banden wähnte , gab ihr nur einen Reiz mehr in seinen Augen . „ Wie allerliebst Ihnen der Trotz zu Gesichte steht ! “ sagte er mit malitiösem Lächeln . „ Sie vergessen nur , daß wir allein sind und daß ich nicht der Thor sein werde , Ihnen zu gehorchen , wenigstens nicht , ohne vorher diesen reizenden kleinen Mund geküßt zu haben , der auf einmal so harte Worte spricht . “ Er beugte sich zu ihr nieder ; aber in demselben Moment war Lucie auch schon drüben auf der andern Seite der Straße ; glühend vor Zorn und Entrüstung blieb sie hier einen Augenblick stehen . Sie befanden sich gerade in jenem Punkte , wo der kürzere und freilich auch gefährlichere Weg , der von N. herab über die „ Wilde Klamm “ führte , in die Fahrstraße mündete ; seitwärts durch die Tannen schimmerten die weißen Mauern eines Gebäudes , der Wallfahrtskirche , die sie schon beim Heraufsteigen bemerkt hatten und die kaum hundert Schritte abseits vom Wege lag . Der Blick des jungen Mädchens überflog den letztern , ob der Bruder noch nicht nahe , und als nichts dort zu erblicken war , faßte sie rasch ihren Entschluß . Ohne ein Wort , ohne einen Blick weiter kehrte sie plötzlich dem Grafen den Rücken und schlug den Seitenpfad ein . Ottfried stand anfangs betroffen von dieser Bewegung , die er sich nicht zu erklären wußte ; gereizt folgte er ihr nach Verlauf von einigen Secunden , aber es war bereits zu spät . Aus den Tannen heraustretend , gewahrte auch er die vor ihm liegende Kirche und sah gerade noch , wie Lucie die Stufen hinaufschritt und in das offene kleine Gotteshaus eintrat . Der junge Graf biß sich auf die Lippen . Er war doch zu sehr Katholik , zu sehr von Vater und Oheim in den Formen seiner Religion geschult , um nicht , wenn auch nur äußerlich , den Ort zu respectiren , wohin sich das junge Mädchen vor ihm geflüchtet . Mußte diese – unbequeme Kirche auch gerade hier am Wege liegen ! Aber das Zurückbleiben hätte der Niederlage auf ein Haar gleich gesehen , und diesen Gedanken ertrug Ottfried nicht . Seine Weltgewandtheit kam ihm dabei zu Hülfe ; er trat gleichfalls ein , bekreuzigte sich in vorgeschriebener Weise , machte dem Hochaltar eine ehrfurchtsvolle Verbeugung und gesellte sich dann zu Lucie , indem er ruhig und artig , als sei nicht das Geringste vorgefallen , als sei ihr Gespräch nur eine harmlose Plauderei und das Benehmen , das er sich erlaubt , nur ein flüchtiger Scherz gewesen , fragte , ob Fräulein Günther nicht auch finde , daß die Kirchen hier zu Lande sehr schön seien . Sie sah ihn im ersten Augenblick ganz fassungslos an . Wenn sie auch fühlte , daß er sofort den Ton geändert und daß sie hier wohl vor weiteren Zudringlichkeiten sicher war , diese Art , das Vorgefallene gänzlich zu ignoriren , verletzte sie fast noch mehr , als eine Erneuerung seiner Unverschämtheit es gethan hätte ; ohne ihn einer Antwort zu würdigen , wendete sie ihm den