und schlaue Vorsicht der Oberst zu gut kannte , um sich über das Gewicht und den Ernst dieser Mitteilung zu täuschen , deckte ihm in blitzartiger Beleuchtung die Windungen eines halsbrechenden Pfades auf . Vielleicht hatte in schlimmen entmutigten Stunden sein Blick schon früher sich zuweilen dahin verirrt , aber immer hatte er ihn mit einem Gefühle der Verachtung seiner selbst erschrocken und ekelnd wieder davon abgewandt . Dieser Weg der Gefahr und Schande war das Bündnis mit Spanien . Jene Macht , die er von Kindheit an mit der ganzen Kraft seines jungen Herzens gehaßt , die er dann in vermessenem Jugendmute mit fast wahnsinniger , vor keinem Greuel zurückbebender Leidenschaft bekämpf , welcher er sein ganzes Leben hindurch als Todfeind gegenüber gestanden und deren eigennützige und wortbrüchige Politik er auch heute noch tief verachtete – sie bot ihm die Hand . Er konnte diese Hand ergreifen – nicht in Treu und Glauben – wohl aber um von ihr die französische Schlinge lösen zu lassen und sie dann zurückzustoßen . Jetzt entschloß er sich dazu . Langsam wandelte er auf der dunkeln Heerstraße nach Thusis zurück . Es ward ihm schwer zu brechen mit der ganzen Vergangenheit . Er wußte , daß er sich selbst in seinen Lebenstiefen damit zerbrach . Dort jenseits des Rheines im Domleschg lag das Dörfchen Scharans , dessen armer Pfarrer , sein gottesfürchtiger Vater , in Geradheit und Einfalt ihn aufgezogen und ihn zur Treue im protestantischen Glauben und zum Hasse der spanischen Verführung ermahnt hatte . Dort unfern davon stand der Turm von Riedberg , wo er den Vater Lucretias , der seiner Kindheit wohlgewollt , als willkürlicher Blutrichter nächtlicherweise überfallen und grausam erschlagen hatte , das » Giorgio guardati « des treuen Mädchens schlecht vergeltend . Was dort schimmerte , waren die erhellten Fenster der einsamen Lucretia ... Und wieder stürzten seine Gedanken in eine neue Bahn . Er selbst konnte dem dringenden Rufe des mit Serbellonis Auftrag betrauten Pancraz jetzt unmöglich folgen . Er mußte als verderblicher Dämon unter der Maske der Treue neben dem Herzog bleiben , als argwöhnischer Wächter jede seiner Bewegungen beobachten und um jeden Preis verhindern , daß der ermattete Kranke seinen Feldherrnstab nicht am Ende doch in die Hände Richelieus niederlege . Wer aber konnte an seiner Stelle mit Serbelloni unterhandeln ? Allerdings nur einer , dem er traute wie sich selbst , aber dieser Mann war nicht vorhanden . – Noch einmal blickte er nach den Fenstern von Riedberg hinüber . Ein schneller Gedanke durchfuhr ihn und stand nach einem Augenblicke der Überlegung als klarer Entschluß in ihm fest . Mit raschen Schritten eilte er nach Thusis zurück . Vor der Herberge stand ein Haufen Marktleute , schweigsam und in gedrückter Stimmung , denn sie hatten auf ihn und einen günstigen Bescheid vom Herzoge lange gewartet . Der alte Lugnetzer trat ihm aus der im Dunkel zusammengedrängten Gruppe entgegen mit der Frage auf den Lippen , die ihrer aller Gemüt beunruhigte . Aber Jenatsch ließ ihn nicht zu Worte kommen . » Hört an , liebe Landsleute , und bewahrt es in einem feinen Herzen « , rief er mit eindringlicher aber gedämpfter Stimme : » Der Winter steht vor der Tür , bleibet ruhig daheim in euern Dörfern und erharret den Lenz . Kommt die Schneeschmelze zu Anfang des Märzen , dann machet euch und eure Ehrenwaffen bereit . Ich lade euch zu einem Tage nach Chur . Stunde und Losung wird euch noch gesagt werden . Dort richten wir im Namen Gottes den drei Bünden ihre alte Freiheit wieder auf ! « – Die Leute hatten in feierlichem Schweigen zugehört . Als Jenatsch geendigt , dauerte die Stille noch eine Weile fort . Dann begannen sie die Sache flüsternd sich auszulegen , bis sie tief in der Nacht auf ihre Heimwege sich zerstreuten . Aber er , der zu ihnen geredet , stand nicht mehr in ihrem Kreise . Der Oberst Guler hatte ihn weggeholt und streckte ihm jetzt in der Gaststube inmitten der Offiziere ein Papier und eine eingetunkte Feder entgegen . » Da ist der Pakt – nach Soldatenart kurz gefaßt « – sagte er , » hast du noch die edle Courage , deren du dich heute berühmtest , Ventrebleu , so unterschreib ihn . « Der Angesprochene stellte sich unter den Leuchter und las : » Wenn der rückständige Sold der bündnerischen Regimenter binnen Jahresfrist von Frankreich nicht ausgezahlt wird , haftet den Bündnerobersten für ihr Guthaben , sei es Ganzes oder Rest , der Endunterzeichnete mit seinem sämtlichen liegenden und fahrenden Gut . « Jenatsch ergriff die Feder , strich die zwei einzigen Worte : » von Frankreich « , und unterschrieb . Sechstes Kapitel Sechstes Kapitel Kurze Zeit nachdem Schwester Perpetua den ihrer Klugheit als sehr wichtig empfohlenen Brief des abwesenden Beichtigers glücklich bestellt hatte , trippelte sie , ein Arzneikörbchen am Arme und eine kleine Hornlaterne in der Hand , über die Rheinbrücke bei dem Dorfe Sils . Jenseits derselben besaß das Kloster einen Hof , dessen Pächter krank daniederlag . Die Heilkundige war heute für den vom Fieber geschwächten Mann durch eines seiner Kinder , das die Klosterschule besuchte , um Rat und Hilfe angerufen worden . Sie scheute den nächtlichen Gang nicht – so wenig , daß sie , nachdem der Sieche sich ihrer Tröstungen erfreut , statt das Angesicht wieder der Brücke und ihrem Kloster zuzuwenden , auf dunkeln , aber ihr wohlbekannten Straßen in der Richtung weitereilte , aus welcher ihr die Lichter des Schlosses Riedberg entgegenschimmerten . Schon klopfte sie ans Tor , das der alte Lucas ihr brummend aufschloß , und bald darauf saß sie neben der edeln Herrin in einem altertümlich schmucklosen , aber lieblich erleuchteten Gemache vor einem herbstlichen Kaminfeuer und trocknete die vom Nachttaue durchnäßten Ränder ihres Klostergewandes , die schweigsame Lucretia mit erbaulichen Gesprächen ergötzend . Das Schreiben des Paters , von dessen Überredungsgeist die Nonne eine hohe Meinung hatte , die flüchtige Erscheinung des Obersten vor der Klosterpforte , das glänzende Geldstück , das er der kleinen barfüßigen Botin gereicht , arbeiteten in ihrer frommen Einbildungskraft . Dies alles hatte sie , der Himmel weiß durch welche Gedankenverknüpfungen , bewogen , dem Fräulein unverzüglich einen nächtlichen Besuch abzustatten und diese Ereignisse haarklein zu erzählen . Der Oberst war , meinte sie , wie ein von Gewissensbissen gefolterter Kain um die Mauern der heiligen Zufluchtsstätte geirrt . Sie würde lobpreisen und anbeten , aber nicht erstaunen , wenn Gott hier ein großes Wunder vorbereitete , um diesen wütenden Feind des christkatholischen Glaubens , den Ketzern zum beschämenden Zeichen , in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche zurückzuführen . Da Lucretia nach ihrer stillen Weise nur mit einem traurigen Lächeln darauf antwortete , fuhr die fromme Schwester mit steigendem Eifer fort : » Bleibet , liebe Tochter , nicht kalt und ungläubig vor der glückseligen Aussicht auf die mögliche Bekehrung eines so gewaltigen Sünders ! Betet lieber , daß dies Unerhörte geschehe ! Denn Euer Gebet , Fräulein Lucretia , die Ihr den blutigen Mann nach dem natürlichen Menschen hassen und verabscheuen müßt , wäre allerdings bei den Heiligen besonders wirksam und ihnen als ein schmerzliches Opfer vorzüglich angenehm . Noch kräftiger wäre es freilich , wenn Ihr dieses Gebet als verlobte Braut Gottes mit einem durch das dreifache Gelübde von allen weltlichen Erinnerungen gelösten Herzen darbringen könntet . « Schwester Perpetua sagte dies mit einem tiefen Seufzer und machte sich in Erwartung einer Antwort , die ausblieb , mit dem Feuer zu schaffen . Ach , ihr war nicht entgangen , daß der klösterliche Beruf Lucretias , an den sie unentwegt glaubte , dieser noch immer nicht klargeworden , ja seit die Verwaiste in ihr väterliches Haus eingezogen , ihr wieder mehr in die Ferne gerückt war . Sie stand allein unter dem in diesen kriegerischen Zeitläuften verwilderten Schloßgesinde und den verarmten , über die französische Bedrückung tägliche Klagen vor ihr Ohr bringenden Dorfleuten . Und diese Einsamkeit tat ihr offenbar nicht wohl . Da war Lucas , der rachsüchtige Graubart , der das schwarze Kreuz an der Mordmauer nicht erblassen ließ , und der das immer scharf gehaltene Todesbeil wie eine Reliquie in einer wurmstichigen Eichentruhe sorgfältig verwahrt hielt . Das Fräulein mußte , fürchtete die Schwester , immer tiefer in sich selbst und die ihr Gemüt von allen Seiten umrankenden , jeden neuen Lebenskeim erstickenden Erinnerungen versinken . Sie konnte den Riß nicht überwinden , der Altes und Neues für sie trennte . Sie lebte wenig in der Wirklichkeit , sondern verkehrte im Geiste mit ihrem toten Vater , von dessen Gemütsart sie viel geerbt hatte , und dem sie mit jedem Jahre in auffallender Weise auch in ihrem Aussehen ähnlicher wurde . Es war dieselbe Pracht der Gestalt , dieselbe stolze Haltung . Ihr Ohm , der Freiherr Rudolf , war in der Verbannung gestorben und sie hatte außer seinem niedrig gesinnten und eigennützigen Sohne keine nähern Sippen . Eine Verwandte ihrer Mutter lebte noch in Chur , und sie pflegte sie zu besuchen ; aber diese Gräfin Travers war durch schwere Schicksale und ein überlanges Leben versteinert und wenn auch gut katholisch , kaum mehr als ein stumpfes Echo längst verschollener Tage . Daß Lucretia mit den Juvalta auf Fürstenau und dem auf den andern Nachbarschlössern sitzenden Adel keinen Umgang pflog , das freilich konnte ihr Perpetua unmöglich verdenken , denn jene alle waren Protestanten und gehörten zu der französischen Partei . So war Lucretia völlig allein , warum denn verließ sie ihren düstern einsamen Pfad nicht ? Warum trat sie nicht in die Gemeinschaft der demütigen Töchter des heiligen Dominikus ? Während die Schwester dergestalt diesen ihren Lieblingsgedankengang durcheilte , drehte Lucretia schweigend ihre Spindel und verfolgte einen andern . Sie fragte ihr Herz , wie es denn möglich sei , daß Jürg in seiner wildesten blutigsten Zeit ihrem Gefühle und Verständnisse weniger fremd gewesen , als jetzt , da er in den Räten des Landes und im Heergefolge des französischen Herzogs unter die Geachteten und Angesehenen zählte . Zweimal seit ihrer Heimkehr hatte sie Georg , wenn sie zu Besuch bei ihrer Muhme in Chur war , von ferne erblickt . Eines Abends stand sie neben dem Lehnstuhle der alten Dame und schaute durch das eiserne Laubwerk am Gitterkorbe des Fensters , während der Sonnenschein gradweise das Pflaster des Platzes verließ und nur noch auf dem sprudelnden Wasser des Marktbrunnens blitzte . Der Oberst schritt längs der gegenüberstehenden Häuserreihe auf und nieder an der Seite einer gravitätischen Magistratsperson , die jedes Wort , das von seinen Lippen fiel , mit begieriger Aufmerksamkeit anhörte und seine Aussprüche mit beistimmendem Kopfnicken begleitete . Es schien sich um einen schweren Rechtsfall zu handeln . Ein andermal umgab den Obersten ein Kreis französischer Edelleute , mit denen er nach der Mittagstafel in schneller , lustiger Scherzrede sich erging . – Immer aber klang es so hell von seinem Munde und leuchtete es so geistvoll von seiner Stirn , daß er als einer jener seltenen Günstlinge des Glückes erschien , die sich alle Wege des Erfolges zu öffnen und zu ebnen wissen und die das Vergangene und Unabänderliche wie eine lästige Fessel abwerfen . Ich weiß es jetzt – gestand sie sich – dieser Freund von jedermann ist nicht der Jürg mehr , den ich liebte – nicht der scheu verwegene Knabe mit den dunkeln verschwiegenen Augen , der mein Beschützer war – nicht der zornig Dahinbrausende , der mein Glück wie ein die Ufer zerreißender Wildbach in Trümmer warf – nicht der Mann , gegen den ich in meinen Racheträumen die Hand erhob – nicht der Traute , den ich nach Jahren des Jammers auf dem Bernhardin wiederzuerkennen glaubte und in die Arme schloß – nein ! es ist ein weltgewandter Höfling , ein berechnender Staatsmann aus ihm geworden ... Er will sich von mir scheiden und loskaufen , darum gab er mir mein Riedberg wieder . Er scheut mich wie einen Vorwurf , er flieht mein Antlitz wie das einer Toten ! – Und sie vergaß , daß sie selbst ihn drohend beschworen , die Schwelle ihres Hauses nimmermehr zu überschreiten . – » Heilige Mutter Gottes , was ist das für ein Lärm ! « fuhr jetzt Schwester Perpetua auf , denn im Schloßzwinger erscholl ein rasendes Gebell der Hofhunde . Man hörte das Schelten der sie beschwichtigenden Knechte , dazwischen wiederholte Schläge gegen das Tor und , als Lucretia das Fenster öffnete , eine mit langsamer Bedenklichkeit geführte Unterhandlung zwischen Lucas und der gebieterischen Stimme eines Einlaß Begehrenden . Nun erschien der Alte selber mit der bestürztesten Miene , deren seine felsenharten Züge fähig waren . » Es verlangt einer allein mit Euch zu reden , Fräulein « ... sagte er , » der Oberst Jenatsch , den Gott strafe ! « – setzte er leiser und mit innerer Empörung hinzu . Lucretia stand groß und bleich . Sie hatte die Stimme vor dem Hoftore am ersten Laute erkannt . » Laß ihn nicht warten ! Führe ihn hieher ! « befahl sie dem Alten , der sie fragend ansah und nur zögernd gehorchte . Die Nonne hatte sich erhoben und eine still beobachtende Stellung in der tiefen Fensternische eingenommen . Dort lag auf der Bank ihr Nachtmantel ; sie strich ihn zurecht , aber legte ihn nicht um . Rasche Schritte näherten sich und Georg Jenatsch stand vor Lucretia mit entschlossenem freudigen Antlitze und grüßte sie als Bekannte , doch mit großer Ehrerbietung . Schwester Perpetua betrachtete mit einem Ausdrucke frommer Einfalt , aber den schärfsten Blicken ihrer halbgeschlossenen Augen die beiden großen Gestalten – und sie wunderte sich . Kein Kainszeichen war auf der hohen offenen Stirn des Obersten zu entdecken , und – merkwürdig – die Planta stand neben ihm mit strahlenden Augen , kühn und trotzig , wie einst Herr Pompejus geblickt , und schien zur Höhe ihres gewaltigen Feindes emporzuwachsen . Das von Perpetua sehnlich erwartete Gespräch jedoch begann nicht . Die Schloßherrin richtete das Wort an Lucas , der mit drohender Miene an der Türe stehen geblieben war : » Die fromme Schwester begehrt nach Haus . Die Nacht ist dunkel und der Weg weit . Begleite sie mindestens bis jenseits der baufälligen Rheinbrücke . « Und damit nahm das Fräulein von Perpetua herzlichen Abschied . So stand die Schwester , ehe sie sich dessen versah , am Hoftore , Lucas aber entzündete eine Pechfackel und schritt mit der rauchenden Leuchte vor ihr her in die Nacht hinaus . » Jetzt schickt sie mich weg « , murrte er hörbar , als wollte er es der frommen Schwester klagen , » und es wäre gerade der rechte Ort und Augenblick ! « Als Jenatsch mit dem Fräulein allein war und ihm gegenüber am Feuer saß , begann er mit kurzen klaren Worten : » Ihr seid gerechtermaßen erstaunt , Lucretia , daß ich das Haus Eures Vaters betrete . Doch ich weiß , Ihr traut mir zu , daß ich nicht gekommen bin , Euch zu verwirren mit Wünschen , die ich in meinem geheimsten Herzen gefangenhalte – sonst hättet Ihr mich nicht in den wiederhergestellten Burgfrieden von Riedberg eingelassen . – Und doch komme ich , etwas von Euch zu verlangen – einen großen Dienst , den Ihr mir leisten werdet , wenn Ihr unser Land so liebhabt , wie ich von Euch glaube und wie ich selbst es liebe ; denn an meiner Statt müßt Ihr handeln . – Ich schließe ein Bündnis mit Spanien . Dies ist unsere einzige Rettung . Richelieu verrät uns und der gute Herzog ist sein Spielzeug – ein schönes Scheinbild , womit der Gewissenlose uns täuscht und blendet . Aber wer knüpft das rettende Tau ? – Ich selbst kann hier nicht fort , weil ich unser Volk zum Bewußtsein der über ihm schwebenden Gefahr aufwecken und den Herzog , den ich als Pfand behalte , mit Beweisen meiner Ergebenheit einschläfern muß ... Ihr staunt , daß ich , Spaniens Feind , zu diesem Gifte greife ! . . . Wundert Euch nicht . Wenn ich nicht meine Vergangenheit zerstöre und mein altes Ich von mir werfe , so kann ich nicht meines Landes Erlöser sein und Bünden ist verloren . Serbelloni erwartet mich selbst , oder einen , dem ich traue , wie mir selber – wenn ich , sagt er , einen solchen kenne . – Ich traue nur Euch . « Lucretia richtete den Blick mit zweifelnder Frage auf das von der Flamme beleuchtete , altbekannte Antlitz und las darin die höchste Spannung der Tatkraft und einen tödlichen Ernst . » Ihr wißt , Jenatsch « , sagte sie , » welcher Partei mein Vater angehörte , wie und warum er starb . Ihr wißt , wie ich ihm glaubte und ihn liebte . Ich konnte mich nie mit Gedanken befreunden die nicht die seinigen waren . So ist das französische Wesen – trotz der väterlichen Güte des Herzogs gegen mich Heimatlose – mir immer fern und fremd geblieben . Ich habe mich nie darin zurechtgefunden . Ihr aber seid von Spanien durch viele Blutschuld von alters her getrennt . Ihr , Jürg , verdankt dem guten Herzog das Leben und Euern Ruhm ! Er hat Euch mit Vertrauen überschüttet und Ihr kennt seinen herzlichen Willen gegen unsre Heimat – habt Ihr ihn denn nicht lieb ? . . . Könnet Ihr – ich will glauben der Heimat zum Besten – immer nach Neuem greifen und ohne daß Ihr daran untergehet das alte Wesen wie eine Schlangenhaut abstreifen ? « » Was ist dir der Herzog , Lucretia ! « rief er . » Wie magst du um einen Fremdling sorgen ! Bist du noch so weichlichen Herzens nach allem , was du gelitten , nach allem , was ich selbst an dir und deinem Hause gefrevelt habe ? . . . Schau um dich ... in allen unsern Tälern Trümmer und Brandstätten ! Soll hier nie Friede werden , nie Freiheit und Gesetz hieher zurückkehren ? Der Herzog kann uns nicht herausziehen . Er will sein frommhochzeitlich Kleid nicht beflecken . Doch auch ich habe eine Rede Gottes für mich . Ich wölbe mir die Himmel – spricht der Herr – den Spielraum der Erde aber überließ ich den Menschenkindern ... Siehst du nicht , Lucretia , wie wir alle in diesen Bürgerkriegen Gebornen ein freches , schuldiges Geschlecht sind ! . . . und ein unseliges . Dort hat der Bruder den Bruder erschlagen und hier liegt trennend eine Leiche zwischen zweien , die sich lieben und angehören . Darum laß uns nicht kleiner sein als unser Los ! Ich stehe am Steuer und lenke Bündens Schifflein durch die Klippen mit schon längst blutüberströmten Händen . – Nimm ein Ruder und hilf mir ! Zweifle nur jetzt nicht an mir , hilf mir Lucretia ! « drang er in sie . » Und was willst du , daß ich tun soll ? « sagte die Bündnerin und ihre Augen begannen unternehmend zu leuchten . » Gehe nach Mailand « , fiel er rasch und freudig ein , » dort findest du den Pancraz , der dich beim Gubernatore einführen wird . Serbelloni kennt dich von früher her als die , welche du bist . Unterhandle mit ihm über die Bedingungen , die ich dir niederschreiben will . Hast du mir etwas zu berichten , so tue es durch den Pater , dessen Beistand dir in allen Fällen gewiß ist . « » Ist es dein Ernst « , fragte sie erstaunt , » wenn du mich als deine Unterhändlerin nach Italien schickst ? Wie will ich mich im Labyrinthe der Politik zurechtfinden ? « » Ich verlange nichts von dir « , ermutigte er , » als was du kannst und ich dir auch sonst zutraue : daß du mein Geheimnis bewahrest , und müßtest du es mit dem Leben schützen , und daß du in der Unterhandlung von meinen Bedingungen nicht um eine Linie abweichest . Im übrigen wird dich der brave Pancraz vortrefflich beraten . Gib mir Tinte und Feder , ich will dir die Punkte aufzeichnen , die du festzuhalten hast . « Lucretia erhob sich und schritt zu der mit astreichem Nußbaumholze bekleideten Rückwand des Turmzimmers . Dort ließ sie die Platte ihres in das Getäfel kunstreich eingefügten Schreibtisches auf die gabelförmige Eisenstütze nieder und der Oberst schrieb , während ihm das Fräulein aufmerksam über die Schulter blickte : » Donna Lucretia Planta , meine Bevollmächtigte , wird mit der Exzellenz des Herzogs Serbelloni für mich auf Grund folgender Bedingungen unterhandeln : Der Gubernatore stellt einen Heerhaufen von über zehntausend Mann bei Fort Fuentes an den Eingang des Veltlins . Er trifft das Abkommen mit dem Hofe in Innsbruck , daß ein kaiserlicher Heerhaufe von derselben Stärke gegen die bündnerische Nordgrenze bei Finstermünz und am Luziensteig vorrücke . Die Führer beider Heere gehorchen dem Obersten Jenatsch und betreten den Bündnerboden nicht ohne dieses Obersten schriftlichen Befehl . Der Oberst Jenatsch verpflichtet sich gegenüber Spanien in weniger als Jahresfrist den Abzug aller in Bünden stehenden französischen Truppen bis auf den letzten Mann zu bewirken . Dafür verspricht die Krone Spanien , die völlige Unabhängigkeit der drei Bünde in ihren alten Grenzen anzuerkennen und zu gewährleisten . « Noch einmal überschaute Jenatsch die trocknenden Federzüge , dann setzte er seinen vollen Namen unter das Schriftstück . Während er vor der ihm entgegentretenden Gestalt einer ungeheuern Tat insgeheim erbebte , wie vor einem heraufbeschworenen Dämon , der ihm helfen oder ihn verderben konnte , war das Fräulein mit ihren Blicken den seinigen über das Blatt gefolgt und hatte sich mit einem Unternehmen , dessen praktische Seite ihr einleuchtete , schneller als zu erwarten war vertraut gemacht . Es schien ihr , daß es sich um einen raschen , klar geplanten , vielleicht unblutigen Handstreich handelte , und das war ihr lieber , als wenn ihrer einfachen Natur zugemutet worden wäre , die Fäden eines verwickelten Intrigennetzes in die Hand zu nehmen und zusammenzuknüpfen . In dem Augenblicke als Jenatsch die Vollmacht zusammenfaltete und dem Fräulein übergab , zeigte sich der alte Kastellan , der seine Rückkehr möglichst beschleunigt hatte , auf der Schwelle und der Oberst befahl ihm , seinen Rappen vorzuführen . » Diesen grauen Bären vergiß mir nicht auf die Fahrt mitzunehmen , Lucretia , seine Treue ist alt und seine Tatzen sind noch gefährlich « , sagte er freundlich , sprang auf und trat mit dem Fräulein ans Fenster . Er zögerte zu scheiden . » Die Nacht ist klar geworden « , sprach er hinausblickend , » wann gedenkst du zu reisen ? « » Morgen vor Tag « , erwiderte Lucretia . » Durch Pancraz wirst du zuerst von mir hören . Jürg , du bist ein gar großer Herr geworden – wie könnt es dir fehlen , wenn Kapuziner und Frauen für dich botenlaufen ! « Und die Tränen traten ihr in die Augen . Dieses halb mutwillige , halb traurige Wort gehörte wieder ganz der Lucretia seiner Jugendtage . Sie stand neben ihm , nur größer und herrlicher , neu erblüht zu bräunlicher Gesundheit im Hauche ihrer Berge . Der Nachtwind bewegte die Löckchen an ihren Schläfen , die sich aus der Krone der dicken dunkeln Flechten gelöst hatten , und ihre leuchtenden Augen blickten ihn an mit einer lautern Kraft , wie sie unter dem ermattenden Himmel des Südens nicht gedeiht . Alte liebe Erinnerungen erwachten in ihm , er widerstand nicht und umfing sie . » Mir ist , es sei noch nicht lange her , daß wir da unten miteinander spielten « , sagte er weich und zeigte auf die im Herbstwinde leise rauschenden Bäume des Riedberger Schloßgartens nieder . Sie fuhr schaudernd zusammen – ihr Vater war vor ihr aufgestiegen – und blickte , von Jürg sich abwendend , ins Dunkel hinaus . » Was ziehn dort für Lichter auf der Straße längs dem Heinzenberg , ist es ein Totengeleit ? « fragte sie auf das jenseitige Rheinufer deutend . Jenatsch warf einen scharfen Blick hinüber . » Es sind die Fackeln des Herzogs , der im Schutze der Nacht hinunter nach Chur fährt « , sagte er , blickte noch einmal in ihre nassen Augen , küßte ihr dann rasch die Hand und eilte von hinnen . Siebentes Kapitel Siebentes Kapitel Herzog Heinrich hatte sich in Chur das stattliche Haus des Ritters Doktor Fortunatus Sprecher zum Quartier erwählt . Der gelehrte Bündner stellte es ihm mit freudigem Diensteifer zur Verfügung , denn es war von jeher sein Ehrgeiz und sein Glück gewesen , sich edeln historischen Persönlichkeiten zu nähern und mit ihnen in einem seinem Geschichtswerke gedeihlichen Verkehr zu bleiben . Kaum hatte sich der herzogliche Haushalt so standesgemäß , wie es in dem republikanischen Berglande möglich war , in den besten Gemächern der raumreichen patrizischen Wohnung eingerichtet , als nach einer Reihe von düstern stürmischen Tagen der Schnee in schweren Flocken zu fallen begann . Der Winter brach früh herein und die weiße Decke blieb auf den steilen Dächern und ernsthaften Stufengiebeln der alten Bischofsstadt fast ohne Unterbruch liegen , bis am Ende des Hornungs die Föhnstürme das Land fegten und mit den ersten Märztagen die Sonne Krad gewann . Der Winter war dem guten Herzog in gezwungener Muße verflossen , denn er war von seinem Heere im Veltlin durch den unwegsamen Schnee der Berge getrennt und auch seine Verhandlungen mit dem französischen Hofe stockten und wollten zu keinem Ziele führen . Wäre die Sorge um den Abschluß des Vertrags neben andern Sorgen und Ungewißheiten und wäre die an dem tätigen Geiste des Feldherrn zehrende gezwungene Muße nicht gewesen , er hätte sich im Sprecherschen Hause nicht unwohl gefühlt und nicht ungern unter seinen schlichten protestantischen Glaubensgenossen verkehrt . Der Doktor Sprecher achtete sich durch die Gegenwart Rohans hochgeehrt . Erfüllte sich ihm doch der langgehegte Wunsch , den Lebenslauf seines erlauchten Gastes an der Quelle schöpfend aufzeichnen zu dürfen . Mit der liebenswürdigsten Herzensgüte bequemte sich dieser dazu , seinem Wirte täglich ein Bruchstück seiner Schicksale in italienischer Sprache zu erzählen und in dieser Sprache verfaßte der Doktor auch das Lebensbild , das ein Geschenk werden sollte , denn so hatte es der edle Gast ausdrücklich verlangt , für die Frau Herzogin , die sich noch immer in Venedig aufhielt , und für Rohans Tochter , die dem Herzog Bernhard von Weimar anverlobte Marguerite . Mit dieser erfreulichen , aber privaten Bestimmung seiner gewissenhaften und schönen Arbeit war der Doktor Sprecher nur halb einverstanden . Er hätte sie lieber zum Ruhme des Herzogs und nicht zur Unehre des Verfassers ohne falsche Bescheidenheit alsbald durch die Presse verewigen und in die Welt ausgehen lassen . Auf andere Weise betätigte sich des Herzogs Adjutant , der junge Wertmüller . Ruhelos trieb er sich in allen hohen und niedern Regionen der kleinen Stadt um . In kürzester Frist war er in Chur eine bekannte Persönlichkeit vom bischöflichen Palaste an , wo er seiner scharfen Augen und boshaften Zunge wegen gescheut , am Spieltische dagegen jederzeit willkommen war , bis hinunter in die dunkelsten Winkelschenken , wo man ihn , wie dort , an den gedehnten Winterabenden gerne kommen und nicht selten noch lieber wieder gehen sah . Es gelang ihm hier , die phlegmatischen Bündner durch seine Sticheleien , politischen Vexierreden und mancherlei andere Brennesseln so lange zu reizen , bis ihnen Dinge entfuhren , die sie nachher schwer bereuten über die Lippen gelassen zu haben . War das Publikum empfänglich und regte es ihn durch phantasievolle Beschränktheit an , so entfaltete er noch andere in den herzoglichen Gemächern nicht verwendbare , geheime Wissenschaften , die er seinen gründlich getriebenen mathematischen und physikalischen Studien verdankte . Es waren Kartenkünste und Zauberstücke , die dem Locotenenten in den untersten Schichten seines Wirkungskreises den ernstgemeinten Ruf eines Hexenmeisters eintrugen , eine Auszeichnung , die ihm behagte , die aber in Regionen , wo der Weg aus dem erschreckten Kopfe in die derbe Faust ein kurzer ist , mit mancher Lebensgefahr verbunden war . Diese nächtlichen Anfälle und Handgemenge reizten übrigens die kaltblütige Tapferkeit des Locotenenten mehr , als daß sie ihn von seiner tollen Kurzweil gebracht hätten . Auch wußte er sich immer glücklich daraus zu ziehen und so rasch , daß seine militärische Ehre nie Schaden litt und die Verwirrung der Geister und die Arbeit der Fäuste erst dann ihren Höhepunkt erreichte , wenn er schon in den stillen Räumen des Sprecherschen Hauses an den herzoglichen Gemächern vorüber auf den Zehen seiner Kammer zuschritt . Den Herzog , welchem Wertmüller mit unbedingter Treue und rastlosem Diensteifer ergeben war , und der ihm deshalb vieles nachsah , beunruhigte er ohne Unterlaß durch seine scharfsinnigen Entdeckungen und warnenden Berichte . Wahrlich , er schien es darauf anzulegen , den hohen Herrn zu keinem Behagen kommen zu lassen . Auf Jenatsch , dessen aufopfernde Treue mit den schweren Verhältnissen wuchs , der den Herzog täglich besuchte und es sich zur Aufgabe machte , seine Sorgen zu verscheuchen , seine leisesten Wünsche zu erraten , seine Befürchtungen ihm abzulauschen und sie entweder durch die eigene fröhliche Zuversicht zu entwurzeln , oder mit beredten , überzeugenden Worten zu widerlegen – auf Jenatsch , den nützlichsten Ratgeber des Herzogs und den Liebling des Volkes , hatte es der verhärtete Locotenente besonders abgesehen . Wertmüllers Gedanken spürten dem Obersten auf allen Schritten und Tritten nach und er wollte aus der Haut fahren , wenn der Herzog seine Warnungen lächelnd fallenließ , weil er sie maßloser Eifersucht auf seinen Günstling oder der Unverträglichkeit dieser zwei grundverschiedenen Temperamente zuschrieb . Was behauptete Wertmüller nicht alles ! Das Scheitern des Vertrags von Chiavenna , welches Rohan von dem einzigen in das Geheimnis gezogenen Bündner verschwiegen wußte , war , wenn man den Locotenenten hörte , schon längst allgemein bekannt , ja wie absichtlich bis in die fernsten Hütten verbreitet , eine Kunde