schweigend an ihr vorüber , nahm die Medicin vom Tische und trat an das Bett . Die Kranke mußte wieder einnehmen , aber sie war eingeschlummert und hielt mit beiden Händen Käthe ’ s Rechte fest . Es war dem jungen Mädchen , als bewege er sich automatenhaft , als sei der innere Kampf so gewaltig , daß er ihn der Herrschaft über Hand und Fuß und Auge beraube . Sie sah er nicht an ; es mochte ihn wohl tief demüthigen , daß diese empörende Szene einen Zeugen hatte , aber litt sie nicht selbst qualvoll durch ihr Bleiben ? Sie hatte mehrmals versucht , ihre Hand vorsichtig zurückzuziehen , um zu entfliehen , so weit sie ihre Füße tragen mochten , allein bei der geringsten Bewegung fuhr die Kranke in erschütterndem Schrecken empor . Er versuchte , der Schlummernden den Puls zu fühlen . Käthe bemühte sich , ihm zu helfen , indem sie die Linke unter Henriettens Armgelenk schob ; dabei ruhete ihre innere Handfläche einen Augenblick auf seinen Fingern . Er zuckte zusammen und wechselte so jäh die Farbe , daß sie erschrocken die Hand zurückzog . Was war das gewesen ? Machte ihn der innere Aufruhr so nervös , daß ihn jede äußere Berührung entsetzte und mit zornigem Schrecken erfüllte ? Sie sah seitwärts scheu zu ihm auf . Ein tiefer Athemzug hob seine Brust , während er sich wegdrehte , um die Medicin auf den Tisch zurückzustellen . Flora hatte inzwischen unbeschreiblich erregt und ungeduldig einige Male das Zimmer durchmessen . Jetzt trat sie wieder neben den Doktor an den Tisch . „ Es war unklug von mir , meine Gefühle so freimüthig zu bekennen , “ sagte sie mit zornfunkelnden Augen . Sein Schweigen und die Erfüllung seiner Berufspflicht , mit welcher er unbeirrt einen solchen Entscheidungskampf unterbrach , hatten sie furchtbar gereizt . „ Du bist ein Verächter des Frauengeistes und gehörst zu den Tausenden von unverbesserlichen Egoisten , welche die Frau um keinen Preis auf eigenen Füßen sehen wollen – “ „ Wenn sie nicht stehen kann , allerdings . “ Sie legte die kleine , krampfhaft zu einer Faust geballte Hand auf den Tisch und sah dem Sprechenden einen Augenblick mit festgeschlossenen , fast weißgewordenen Lippen in das Gesicht . „ Was willst Du damit sagen , Bruck ? “ stieß sie scharf heraus . Ein Hauch von Röthe ging ihm über Stirn und Wangen hin , und seine Brauen zogen sich leicht zusammen ; er war offenbar eine jener sensitiven Naturen , die ein scharfzugespitzter , auf gegenseitige Verletzung ausgehender Wortwechsel geradezu auf die Folter legt . „ Ich will damit sagen , “ entgegnete er gleichwohl fest und mit anscheinender Gelassenheit , „ daß zu diesem ‚ Auf-eigenen-Füßen-stehen ‘ , zu welchem die strebende Frau vollkommen berechtigt ist , wenn sie damit nicht bereits übernommene ältere Pflichten und das edle deutsche Familienleben schädigt , daß zu diesem ‚ Auf-eigenen-Füßen-stehen ‘ ein starker , zäher Wille , ein konsequentes Ausschließen der reizbaren weiblichen Eitelkeit und vor Allem wirkliche Begabung , wirkliches Talent erforderlich sind . “ „ Und die letzteren Eigenschaften bestreitest Du mir ? “ „ Ich habe Deine Artikel über die Arbeiterbewegung und die Frauenemancipation gelesen . “ – Jetzt allerdings hatte die sonst so sanft moderierte Stimme des Arztes etwas durchdringend Schneidendes . Flora fuhr zurück , als sei ein blitzendes Messer auf sie gezückt worden . „ Wie willst Du wissen , daß ich die Verfasserin derjenigen Artikel bin , die Du gelesen ? “ fragte sie unsicher , schwankend , dabei aber seine Züge in fieberhafter Spannung fixierend . „ Ich schreibe unter Chiffern . “ „ Aber die Chiffern cirkulierten bereits in Deinem großen Bekanntenkreise lange vorher , ehe die Aufsätze das Licht der Oeffentlichkeit erblickten . “ Sie wandte einen Augenblick beschämt und verlegen die Augen weg . „ Gut , Du hast sie gelesen , “ sagte sie gleich darauf . „ Was soll ich aber von Dir denken , daß Du dieses Streben nie mit einer Silbe berührt , daß Du nicht einmal Dein ungnädiges Mißfallen darüber ausgesprochen hast ? “ „ Würdest Du darauf hin Deine Feder niedergelegt haben ? “ „ Nein , und abermals nein . “ „ Das wußte ich ; deshalb ließ ich Dich gewähren bis zu unserer Vereinigung . Es versteht sich ja von selbst , daß die verständige Frau mit dem Manne geht und sich nicht isoliert in Sonderbestrebungen , es sei denn , daß sie bei starkem Pflichtbewußtsein , hochbegabt , ein hervorragendes Talent – “ „ Was ich selbstverständlich nicht bin , “ unterbrach sie ihn mit nicht zu beschreibender Erbitterung . „ Nein , Flora , Du hast Geist , Esprit , aber schöpferisch bist Du nicht , “ versetzte er ernst den Kopf schüttelnd und in seine gewohnte milde Sprechweise einlenkend . Sekundenlang stand sie wie erstarrt vor diesem unumwundenen Urtheile , das sich unverkennbar auf die festeste Ueberzeugung stützte , dann aber hob sie in einem halbwahnwitzigen Gemisch von gemachtem Jubel und ausbrechendem Grimme die Arme hoch empor . „ Gott sei Dank , nun fällt auch die letzte Rücksicht , das letzte Bedenken . Eine Sclavin wäre ich geworden , ein armes , niedergetretenes Weib , dem man den göttlichen Funken der Poesie aus der Seele gerissen hätte , um – das Küchenfeuer damit anzuzünden . “ Sie hatte überlaut gesprochen . Die Kranke , die vorhin der gleichmäßige Wechsel der zwei Stimmen allmählich eingeschläfert hatte , fuhr empor und blickte mit weit aufgerissenen Augen um sich . Besorgt eilte der Doktor an das Bett ; er reichte ihr die Medicin und legte sanft die Hand auf ihre Stirn . Unter dieser Berührung sanken die erschreckten Augen wieder zu . Hätte sie ahnen können , die arme Leidende , welchen Sturm sie über den unglücklichen Mann heraufbeschworen , sie , die bis dahin Alles aufgeboten hatte , um den unheilvollen Bruch zu verhindern ! „ Ich muß Dich ernstlich bitten , die Kranke nicht mehr zu stören , “ sagte der Doktor , den Kopf in das Zimmer zurückwendend ; noch beugte er sich über das Bett und seine Hand lag auf Henriettens Stirn . „ Ich wüßte auch nichts mehr zu sagen , “ versetzte Flora mit einem mißlungenen Spottlächeln und zog die Handschuhe aus der Tasche . „ Wir sind zu Ende , wie Du nach Deinen verletzenden Aussprüchen selbst wissen wirst – ich bin frei – “ „ Weil ich Dir ein Talent abspreche , auf welches Du Dich kaprizierst ? “ fragte er , mit äußerster Ueberwindung die Stimme dämpfend . Jetzt gewann die Entrüstung die Oberhand in ihm ; er stand plötzlich in seiner ganzen imposanten Größe da . Alles , was ihn zuweilen so jünglingshaft erscheinen ließ , der sanfte , treue Blick , die von edler Bescheidenheit und Geduld zeugenden Geberden – Alles war verschwunden ; er war ein zürnender , empörter Mann . „ Ich frage Dich , um wen ich geworben habe , um die Schriftstellerin , oder um Flora Mangold ? Als diese Letztere , und nur als diese hast Du damals Deine Hand in die meine gelegt , recht wohl wissend , daß ich zu denen gehöre , die ihre Frau einzig und allein für sich und ein stillbeglücktes Familienleben , nicht aber als ein in der Welt herumflackerndes Irrlicht haben wollen . Du hast das gewußt ; Du hast Dich damals befleißigt , mir das zu werden ; Du bist in Deiner sanguinischen Art weit darüber hinausgegangen – denn daß Du selbst die rußigen Töpfe in die Hand nehmen solltest , wie Du in übertriebenem Eifer gethan , würde ich ja nie von Derjenigen verlangen , die das geistig belebende Element , mein Stolz , meine mitfühlende , mitringende Gefährtin in meinem Daheim werden soll . “ Er schöpfte tief Athem ; nicht ein einziges Mal wichen die strafenden Augen von dem schönen Mädchen , das jetzt so klein und erbärmlich , so unscheinbar vor ihm stand und sich vergebens abmühte , die kühne , trotzig herausfordernde Haltung standhaft zu behaupten . „ Ich habe die Wandlung in Dir vom ersten mißmutigen Zuge auf Deiner Stirn an bis zu Deiner eben erfolgten Erklärung Schritt für Schritt verfolgt , “ hub er von Neuem an . „ Du bist so unsäglich schwach Deinen eigenen weiblichen Schwächen gegenüber , als da sind Hochmut , Eitelkeit , Launenhaftigkeit – und doch willst Du die Starkgeistige spielen , willst in Sachen der Frauenemancipation das große Wort reden und für Dein Geschlecht die Urtheilskraft , die Konsequenz , das feste Wollen und deshalb auch die Vorrechte des Mannes in Anspruch nehmen ? … Wie ich über Dein ganzes Verhalten denke , was meine eigene Seele dabei durchmacht , ob ich glücklich oder namenlos unglücklich werde , darauf kommt es hier nicht an . Wir haben uns feierlich für das ganze Leben verlobt , und dabei bleibt es . – Man sagt Dir nach , daß Du oft genug grausam mit Männerherzen gespielt und die Betrogenen schließlich dem öffentlichen Spott und Mitleid preisgegeben hast – mich stellst Du nicht an diesen Pranger – darauf verlasse Dich ! Du bist nicht frei – ich gebe Dich nicht los . Ob Du eidbrüchig werden willst oder nicht – gleichviel . Ich will mein Wort halten . “ „ Schande über Dich ! “ rief sie außer sich . „ Wirst Du mich auch zum Altar schleppen , wenn ich Dir versichere , daß ich längst aufgehört habe , Dich zu lieben ? Daß ich in diesem Augenblicke , wie ich hier vor Dir stehe , nur mit Mühe den bittersten Haß gegen Dich niederkämpfe ? “ Bei diesem furchtbaren Ausbruche erhob sich Käthe ; es war ihr allmählich gelungen , ihre Hand zu befreien . Sie eilte mit weggewandten Augen hinaus ; sie konnte unmöglich in das Antlitz dessen sehen , der eben eine Art Todesstreich empfangen hatte . 13. Im Flur , dessen Fenster nach Norden gingen , herrschte schon leichte Dämmerung ; nur von der Küche her , in welcher noch der letzte röthliche Abendschein an den Wänden hinspielte , fiel es hell über den roten Ziegelfußboden . Die Tante Diakonus stand drinnen am Fenster und wusch das gebrauchte Theegeschirr . Die zurückberufene Köchin sollte erst morgen eintreffen ; sie war krank geworden – deshalb lagen die kleinen Hausgeschäfte noch auf den Schultern der alten Frau . Sie nickte Käthe vertraulich mit freundlichem Lächeln zu ; nicht die leiseste Ahnung von dem , was sich dort hinter der breiten Flügelthür zutrug , beunruhigte das stillfriedliche , sanfte Frauengemüth . Das junge Mädchen schauerte in sich zusammen und eilte vorüber , hinaus in den Garten . Es war sehr kühl geworden . Ein starker Zugwind blies scharf und kältend vom Flusse her über ihr Gesicht und die nur von dem Seidenkleide bedeckten Schultern . Mit tiefatmender Brust stürmte sie ihm entgegen . Sie war ein Mädchen mit starkem Empfinden , mit heißem , kräftig kreisendem Jugendblute in den Adern ; die Flammen der inneren Empörung brannten auch auf ihren Wangen , in den trockenheißen Augen und züngelten bis in die nervös klopfenden Fingerspitzen . Sie hatte eben Schreckliches erlebt – welch ein entsetzliches Ringen zwischen zwei Menschenseelen ! Und die Schuldige , die es heraufbeschworen , war ihre Schwester – dieser treulose , frivole Frauencharakter , der spielend das ernste Band zwischen Mann und Weib knüpfte , um es bei dem ersten Mißfallen , wie das Gespinnst haltloser Sommerfäden , zu zerreißen und in alle Lüfte hinausflattern zu lassen ! Wohl hatte Flora sich diesmal in ihrem Opfer gründlich verrechnet ; sie traf auf Stahl , wo sie ein durch die Verurtheilung des Publikums und ihr eigenes systematisch durchgeführtes , allmähliches Erkalten bereits tiefgedemüthigtes Herz leichten Spieles niederzutreten meinte , aber was halfen ihm die Festigkeit und Energie , mit denen er ihr die Stirn bot ? Er war doch der Unterliegende . … Käthe trat auf die Brücke , und die Hände auf das leicht erzitternde , schwanke Holzgeländer stützend , sah sie hinab . Die Wasser stürzten und rauschten unter ihren Füßen hin ; mit jedem Steinblock , der seinen Platz im Flußbette behauptete , mit jeder starken Baumwurzel , die sich aus der Ufererde zwängte , rangen und stritten sie , daß der Gischt hochauf spritzte , und doch schwebte dort , fern , die bleiche Mondsichel inmitten der spiegelnden Flut , und es war , als stehe sie unverrückbar still für alle Zeiten . Stand so die Liebe im Menschenherzen ? Umstürmten sie vergebens die wildesten Kämpfe , und erblich sie nicht , wo sie verachten mußte , wo ihr Ideal in Trümmer ging ? Nein , sie hatte das eben mit angesehen . Wunderbare Leidenschaft ! Schon einmal hatte sie unter dem Dache dort eine Menschenseele durch alle Stadien des Jammers , der Verzweiflung gehetzt . Wie die Tante dem jungen Mädchen neulich auf dem Heimgange erzählte , hatte in dem Hause am Flusse die schöne , junge Witwe eines Herrn von Baumgarten gelebt . Der Nachfolger ihres Gemahls , der Sproß einer Seitenlinie und ein wunderschöner Kavalier , war täglich vom alten Herrenhause herübergekommen , um in das liebliche Frauenantlitz zu sehen , das sich , von Witwenschleier und Schneppenhaube umrahmt , aus dem Fenster bog . In das Haus durfte er nicht , denn sie war sehr sittsam . Er war auch oft hoch auf seinem schwarzen Roß über die schmale Holzbrücke geritten und hatte das schnaubende , ungeberdige Thier dicht an die Hauswand gedrängt , um den Athem des schönen Frauenmundes zu spüren und ihre weiße Hand mit heißer Inbrunst zu küssen , und die das mit angesehen , hatten geschworen , daß er nach Ablauf der Trauerzeit die junge Witwe wiederum als Herrin in das Schloß Baumgarten zurückführen werde . Aber da war er einmal auf längere Zeit fortgewesen , an einem fremden Hofe , und die Leute hatten der Edelfrau im Hause am Flusse hinterbracht , daß er sich ein junges Ehegemahl aus hochgräflichem Geschlechte mit heimbringen werde . Die schöne Witwe hatte nur gelächelt und desto emsiger an ihrem Fenster mach ihm ausgeschaut – sie hat an so viel Falschheit nicht geglaubt , bis das Zinken- und Trompetengeschmetter vom Schlosse herüber verkündigt hat , daß der eben zurückgekehrte Herr den Einzug seines jungen , stolzen Weibes mit einem üppigen Banket feiere . Und Tags darauf war er mit der neuen Schloßherrin über die Holzbrücke geschritten , um sie im Hause am Flusse vorzustellen – die bunten Tulipanen auf ihrem schweren Brokatrock , den sie über den Boden hinschleppte , hatten weithin geleuchtet , und auf dem breiten Fächer in ihrer Hand hatte das hochgräfliche Wappen in Edelsteinen gefunkelt , und das rehfarbene Windspiel , das früher immer vor dem Rosse hergelaufen , war auch mitgekommen , aber diesmal lief es nicht nach dem Fenster , von wo ihm einst die weißen Hände Zucker und Kuchenbrocken herabgeworfen ; es rannte ein Stückchen am Flußufer hin und deckte und winselte kläglich – und da schwamm ein schneeweißes Gewand , an dem die Wellen rissen und zerrten , um es mitzunehmen , aber die langen , blonden Flechten an dem blassen Frauenkopfe hatten sich im Wurzelgeflechte der Uferbäume verschlungen und hielten die Tote fest , für ihn , auf daß er noch einmal in die starren , weitoffenen Augen blicken sollte . Das Fenster , an welchem sie mit der ganzen Zuversicht treuer Liebe gehofft , daß er wieder zu Roß über die Brücke kommen werde , war wohl das dort gewesen , wo Abends die Lampe des Doktors brannte . Dort hatte sie wohl auch gestanden und in bitterer Verzweiflung die Wellen vorbeirauschen sehen , die von dem lustigen Hochzeitshause daher kamen , und das heiße Verlangen hatte sie überwältigt , den schönen Leib in das brausende Gewässer zu stürzen , daß es ihn forttrage weit , weit weg von der Stätte ihres ehemaligen Glückes . Und nun , nach langen , langen Jahren wurde an derselben Stelle der gleiche Herzenskampf durchlitten – nein , nicht der gleiche ! War er nicht ein Mann mit starkem Geiste ? Ein Mann , den schon sein hoher Beruf auf Erden festhalten und allmählich über das nagende Leid hinwegheben mußte ? Und wenn auch das unglückliche Weib , das sich durch einen raschen Sprung aus all dem Jammer in die Grabestiefe rettete , die weißen Arme aus dem Wasser hob , um ihn zu locken – er folgte ihr nicht . … Ein Schrecken durchfuhr sie . Hatte Henriette nicht gesagt : „ Wer Flora einmal Liebe gebend gesehen , der begreift , daß ein Mann eher den Tod sucht , als daß er sie aufgiebt “ ? Und mußte er sie nicht aufgeben , nachdem sie ihm erklärt , daß sie ihn hasse ? Käthe lief angstvoll in den Garten zurück , als tauche dort am dunkelnden Ufer die ertrunkene Edelfrau mit den blonden Flechten empor und greife mit den Händen auch nach ihr . Es dunkelte . Der Wald , der heute Zeuge eines beispiellos rohen Auftrittes gewesen , breitete sich einförmig schwarz wie ein Sargtuch über den niedrig gewölbten Hügelrücken , und das durchfurchte Ackerland lag glatt und verschlossen da und ließ nicht ahnen , daß Milliarden lebendiger Keime mit kleinen kräftigen Armen unter der Kruste wühlten und drängten , um eine wogende Halmenwelt an das goldene Licht der Sonne zu heben . Droben auf dem Dache knarrten die Wetterfahnen in dem fauchenden Abendwinde , der sich allmählich aufblies , um in der Nacht als brausender Frühlingssturm über die Erde hinzufahren . Das Gezweig der Silberpappeln am Staket schwankte , und die noch losen Fichtenäste der halbfertigen Laube knisterten unter seinem wilden Odem . Durchsichtig wie ein Schemen stieg ihr Astgeflecht empor – wenn einst das schattige Grün voll und dicht über dem Holzgerippe hing , wie stand es dann wohl um Alles , was in diesem Augenblick unentwirrt unter der gestaltenden Hand des Schicksals lag ? Saß die Tante je dort in dem heißgewünschten grünen Sommerasyl , stillbeglückt , frohen Gemüthes , wie einst im kleinen Pfarrgarten ? Wenn ihr Liebling unglücklich wurde , wenn sie ihn verlor , niemals ! Mit scheuem Blick bog Käthe um die westliche Hausecke . Der gedämpfte Schein einer Nachtlampe fiel aus den Fenstern des Krankenzimmers . Noch war der Kampf nicht zu Ende . In der einen Fensternische stand der Doktor , den Rücken dem jungen Mädchen zugewandt , ungebeugt , aber den rechten Arm gehoben , als fordere er Schweigen . Was mochte sie eben gesagt haben , die im dunklen Hintergrund stand , nicht so hoch von Gestalt , daß man mehr hätte sehen können , als die trotzig schüttelnde Bewegung der weißen Spitzenkante über dem goldblonden Schein der Stirnlöckchen – hatte sie wieder mit Impertinenz an seinen Beruf gerührt ? Käthe fühlte in nervöser Aufregung ihre Zähne zusammenschlagen , aber es kam auch ein Zorn , eine Erbitterung über sie , als müsse sie dazwischen springen und die Treulose mit Gewalt auf ihre Pflicht zurückführen . Sollte sie nicht doch hineingehen , an seine Seite treten und der wortbrüchigen Schwester die ganze Empörung , die ganze Verachtung ihres Mädchenherzens in das Gesicht schleudern ? Welch ein Gedanke ! Was würde er zu dieser Einmischung einer Dritten sagen ? Und wenn er diese Dritte nur mit einem kühlen , befremdeten Blicke maß , wenn er sie schweigend bei Seite schob , wie er neulich mit den „ aufdringlichen “ kleinen blauen Blumen gethan – in die Erde müßte sie sinken vor Beschämung . Käthe ging schleunigst weiter . Jetzt durchschüttelte Eiseskälte ihren Körper , und das starke Mädchen mit dem sonnenhellen Geiste und den kerngesunden Nerven überschlich ein wunderliches Grauen vor der Einsamkeit , in der sie wandelte , vor dem kraftlosen Licht der bleichgoldenen Sichel am Himmel und dem monoton gurgelnden Gemurmel der vorbeischießenden Flußwellen . Hinter dem Küchenfenster sah sie die Tante neben der blanken zinnernen Küchenlampe sitzen und Gemüse für den morgenden Mittagstisch putzen – ein milder Gegensatz zu der bewegten Szene im Krankenzimmer . So friedlich und beschwichtigend das Bild auch war , dahinein durfte sie sich mit der fieberhaften Spannung in Seele und Körper , mit ihrer Angst vor dem Kommenden nicht wagen ; sie hätte ihren erregten Zustand nicht verbergen können vor den klaren Augen der alten Frau . Die Hausthür stand noch offen , die der Küche aber war geschlossen . Käthe schlüpfte auf den Zehen durch den dunklen Flur und trat in das Zimmer der Tante Diakonus . Hier wollte sie versuchen , ruhiger zu werden , in diesem dunkelnden , köstlich stillen , anheimelnden Stübchen voll Blumenathem und sonst durchwärmter , reiner Luft . Sie setzte sich in den Lehnstuhl hinter dem Nähtisch . Die Lorbeerbäume wölbten sich zur Laube über und neben ihr ; die Narzissen , Veilchen und Maiblumen auf den Fenstersimsen dufteten betäubend süß , und der Kanarienvogel , der sich ’ s eben im Dämmerdunkel zur Nachtruhe bequem gemacht , hüpfte piepend und erregt in seinem Käfig von einem Stengel zum andern – es war doch Leben neben ihr , wenn auch nur das einer erschreckten Vogelseele . Aber ruhiger wurde sie nicht . Durch diese Räume war die schöne Verlassene im Witwenschleier gewandelt , und die lächelnden Genien , die noch an der Stuckdecke schwebten , hatten auf ihre Schmerzensausbrüche , ihre Todesnoth niedergesehen . Käthe wehrte sich vergebens gegen die Spukgestalt und den Gedanken , daß auch Bruck den Trennungsschmerz nicht überleben werde . Henriette hatte das gesagt ; sie hatte seine tiefe , heiße Liebe in der ersten Verlobungszeit gesehen – sie mußte es wissen . Die Tante kam herein , um , wie jeden Abend , die brennende Lampe auf den Arbeitstisch des Doktors zu stellen . Sie schloß die Läden , ließ die Rouleaux herab und schürte das Feuer im Ofen ; dann ging sie wieder hinaus , ohne das junge Mädchen in ihrer kleinen Fensterlaube bemerkt zu haben . Ihr leiser , schwebender Tritt erlosch schon hinter der Thür , gleich darauf aber hallten feste Männerschritte durch den Flur , und der Doktor trat in das Zimmer . Er blieb einen Moment an der Schwelle stehen und strich sich tief aufseufzend mit der Hand über die Stirn ; er ahnte so wenig wie die alte Frau , daß dort hinter dem dunklen Laub ein Menschenherz in tödtlicher Angst klopfe – drückte sich doch die Mädchengestalt , athemlos , wie zu Stein erstarrt , an die Fensterwand . War Alles vorüber ? Kam er verarmt , verzweifelnd , ein einsamer Mann für immer ? Rasch durchschritt er die beiden Zimmer und trat an seinen Schreibtisch . Käthe erhob sich lautlos . Mitten im Stübchen der Tante stehend , konnte sie ihn sehen . Der Lampenschein beleuchtete grell und voll sein Profil , das noch alle Symptome aufgestürmter Leidenschaft zeigte . Er war erhitzt , dunkelrot auf Stirn und Wangen , als habe er einen weiten Weg in brennender Mittagsglut gemacht ; selbst die Augenlider erschienen geröthet . Es war auch ein heißer Weg gewesen , ein Weg über Trümmer , zerstörte Illusionen und Hoffnungen – war er am Ende , am öden Ziel , wo die schöne Fata Morgana entschwebte und die ganze schreckhafte Einsamkeit kommender Zeiten ihn anstierte ? Im Stehen schrieb er ein paar Zeilen auf einen Briefbogen und steckte das Blatt in ein Kouvert . Das geschah mit hastigen Händen , in fiebernder Erregung . Auch die Adresse wurde in flüchtigen Zügen hingeworfen – wessen Name war es , den er schrieb ? Gab es in dieser Stunde , außer der furchtbaren Entscheidung , noch Etwas auf Erden , an das er denken mochte ? Der Brief konnte nur für Flora bestimmt sein – ein letztes Lebewohl , oder der zermalmende Richterspruch eines sterbenden Mannes ? Und nun goß er aus einer Karaffe Wasser in das milchweiße Kelchglas , in welches sie neulich ihren Frühlingsstrauß gesteckt hatte , dann schloß er einen kleinen Schrank im Schreibtisch auf und nahm ein winziges Medicinfläschchen heraus ; er hielt es gegen das Licht – fünf silberhelle , farblose Tropfen fielen in das Glas . Bis dahin hatte Käthe mit dem unheimlichen Gefühl , als stehe ihr das Herz still , wie gelähmt an ihrem Platze verharrt , aber nun kam die ganze , allmählich bis ins Maßlose gesteigerte Aufregung ihres Inneren stürmisch zum Ausbruch . Mit einigen raschen Schritten stand sie an seiner Seite und legte die Linke auf seine Schulter ; mit der Rechten umfaßte sie krampfhaft seine Hand , die das Glas eben zum Munde führen wollte , und zog sie langsam nieder . Sie war keines Lautes fähig ; ihre ganze Seelenangst , der innere Jammer , das unsägliche Mitleiden , das ihr gleichsam das Herz umwendete , malten sich in den braunen Augen , die in flehender Beredsamkeit die seinen suchten . Sie fuhr zurück . Gott im Himmel , was hatte sie gethan ! Unter dem großen , erstaunt fragenden Blicke , der sie traf , sank sie vor Scham fast in die Kniee . Einige unartikulierte Worte stammelnd , bedeckte sie das Gesicht mit den Händen und brach in ein bitterliches Weinen aus . Er begriff augenblicklich Alles . Das verhängnißvolle Glas auf den Tisch stellend , nahm er bestürzt ihre Hände und zog sie an sich . „ Käthe , liebe Käthe ! “ sagte er mit bebender Stimme und sah in das thränenüberströmte Antlitz , das sie mit einem sanften Neigen des Kopfes wegzuwenden suchte . In diesem Augenblicke erschien das prächtige , imponierende Mädchen vollkommen als das , was sie an Jahren , an Erfahrung , an fleckenloser Seele in Wirklichkeit war – als die Jugend in ihrem unangetasteten Glanze warmen rückhaltslosen Empfindens , aber auch in dem hülflosen Schrecken über eine ungeahnte Wendung . Sie entzog ihm leise die Hände und trocknete in Hast ihre Augen mit dem Taschentuche . „ Ich habe Sie schwer gekränkt , Herr Doktor , “ sagte sie , immer noch mit den Thränen kämpfend . „ Ich habe eine Tactlosigkeit begangen , die Sie mir ganz gewiß nie vergessen werden . Ach Gott , wie konnte ich mich nur in diese wahnwitzige Vorstellung so verrennen , daß “ – sie biß sich auf die Unterlippe , um das krampfhafte Zucken ihres Mundes zu unterdrücken . „ Gehen Sie nicht zu streng mit mir ins Gericht ! “ setzte sie mit sinkender Stimme hinzu . „ Das , was ich heute schon durchleben mußte , genügt wohl , um auch einen stärkeren , als meinen Mädchenverstand , zu verwirren . “ Er sah sie kaum an ; nur von der Seite streifte sein Blick den schönen , jugendlichen Mund , als wolle er nicht zeigen , wie leid ihm diese bittere Selbstanklage tue , und wie fassungslos er selbst sei . Nun aber glitt das seelenvolle Lächeln , das sie schon kannte , leise durch seine Züge . „ Sie haben mich nicht gekränkt , “ sagte er tröstend , „ und wie sollte ich es wohl anfangen , mit Ihrem lauteren Gemüthe ins Gericht zu gehen ? Was Sie sich für eine Vorstellung von meinem Charakter , meiner Denkart , meinem Temperament gemacht haben mögen , um zu einem solchen Schlusse zu kommen – ich weiß es nicht ; ich will darüber auch gar nicht grübeln , noch weniger aber widerlegen . Mir hat dieser Irrtum einen Lebensmoment gebracht , den ich allerdings nicht vergessen werde . Und nun beruhigen Sie sich , oder vielmehr , erlauben Sie mir , daß ich als Arzt meine Pflicht tue ! “ Er ergriff das Glas und hielt es ihr hin . „ Nicht die Ruhe , die Sie fürchteten , wollte ich in diesem Tranke suchen “ – er brach ab und hielt einen Augenblick inne . „ Ich habe mich hinreißen lassen , heftig und leidenschaftlich zu werden , noch dazu am Krankenbette , “ hob er von Neuem an ; „ das könnte ich mir nie verzeihen , wenn ich nicht bedächte , daß ich doch auch , wie jeder Andere , Blut und Nerven habe , die mit dem guten Willen um die Herrschaft streiten . Ein paar Tropfen davon , “ er zeigte auf das Medicinfläschchen , „ genügen , um die nervöse Aufregung zu dämpfen . “ Sie nahm das Kelchglas , das er ihr bei diesen Worten nochmals bot , aus seiner Hand und trank es folgsam bis zur Neige leer . „ Nun aber möchte ich Sie um Verzeihung bitten , daß Sie eine so häßliche , aufregende Szene , wie die da drüben , mit ansehen mußten , “ sagte er ernst und nachdrücklich . „ Ich bin dafür verantwortlich ; denn es hätte in meiner Macht gelegen , sie mit einigen zur rechten Zeit gesprochenen Worten zu verhindern . “ Er lächelte so bitter , so schneidend , daß es dem jungen Mädchen durch die Seele ging . „ Mich plage der leidige Bettelstolz , sagen einige meiner Herren Kollegen – die wenigen , die mich aus purer Gutmüthigkeit noch nicht ganz haben fallen lassen – sie behaupten das , weil ich nicht zu den ‚ lauten ‘ Leuten gehöre . Dieser ‚ Bettelstolz ‘ ist zu einer Art von Kassandrafluch für mich geworden . Die Welt nimmt das Schweigen für Unfähigkeit , für Mangel an Urtheil , und so hält man es gar nicht für nöthig , sich mir gegenüber einen moralischen Zwang anzutun . Ich sehe Menschen , die sich als geniale , geistreiche Naturen äußerlich gerieren , plump und täppisch vorgehen und kann ihr Handeln und die damit verknüpften Ereignisse mathematisch genau voraussagen – o , dieser Ekel ! “ Er stieß leicht mit dem Fuße auf den Boden und schüttelte sich , als gelte es , ein verabscheutes