ich hab ' nichts weiter ... Geschlagen haben Sie mich schon einmal mit der Hetzpeitsche , « sagte er mit fliegendem Atem zu dem Hofmarschall – die Worte stürzten ihm förmlich von den Lippen – » ich bin still gewesen , denn ich muß meinen alten Vater ernähren – aber vergessen hab ' ich ' s nicht . Von Ihrer unerschöpflichen Güte sprechen Sie ? – Wo Sie können , beschneiden Sie uns den Lohn – Sie schämen sich nicht , uns groschenweise das Geld abzupressen – die ganze Welt weiß , wie geizig und hart Sie sind ! ... So , nun ist ' s gesagt , nun gehe ich fort aus Schönwerth ; aber hüten Sie sich vor mir ! « Er ergriff mit seinen kräftigen Fäusten den Fahrstuhl , schüttelte ihn heftig und stieß ihn dann von sich , daß er tief in das Gebüsch hineinfuhr . Die Hofdame und die Kinder schrieen auf , und die Herzogin flüchtete nach dem indischen Hause zurück ; Mainau aber riß in sprachloser Empörung einen Pfahl aus der Erde und holte weit aus – ein weicher Schmerzensschrei zitterte durch die Luft . » Nicht schlagen , Mainau ! « rief Liane unmittelbar darauf mit zuckenden Lippen und ließ die rechte Hand an der Seite niedersinken – sie war lautlos herbeigeflogen , um den Schlag abzuwehren , und während der Jägerbursche gewandt auswich und hohnlachend fortstürmte , war sie getroffen worden . Einen Augenblick stand Mainau wie versteinert vor dem Geschehenen – dann schleuderte er unter einer Verwünschung den Pfahl weit von sich und wollte mit beiden Händen die verletzte Rechte erfassen ; aber er fuhr unwillkürlich zurück vor dem Hofprediger . Dieser Priester hätte sich nicht fanatischer vor das Tabernakel stürzen können , um es gegen Barbarenhorden zu schützen , als er plötzlich zwischen Mainau und der jungen Frau stand – er handelte sichtliche unter der zwingenden Gewalt einer jäh auflodernden Leidenschaft , wie hätte er sonst Miene machen können , den schlanken Leib der geschlagenen Frau an sich zu ziehen , während er mit einer heftigen Gebärde die Rechte gegen den Thäter erhob ! » Nun , Herr Hofprediger , wollen Sie mich ermorden ? « fragte Mainau , unbeweglich stehen bleibend , mit langsamen Nachdrucke – er maß den Mann im langen Rocke mit tödlicher Kälte vom Kopf bis zu den Füßen ; das schmerzliche Entsetzen , das eben noch sein Gesicht geisterhaft gefärbt hatte , war einem verletzenden Ausdrucke von lächelndem Hohne gewichen – diese Ruhe brachte den Geistlichen sofort zur Besinnung . Er trat zurück und ließ beide Arme sinken . » Der Schlag war zu entsetzlich , « murmelte er wie entschuldigend . Mainau wandte ihm den Rücken . Dicht vor Liane stehend , versuchte er , in ihre Augen zu sehen – sie blieben tief gesenkt . Mit einer sanften Bewegung griff er nach der geschlagenen Hand ; sie wurde tiefer in die Falten des Kleides gedrückt . » Es hat nichts zu bedeuten – ich kann die einzelnen Finger leicht bewegen , « versicherte die junge Frau sanft unter einem schattenhaften Lächeln . Jetzt sah sie auf – ihre Augen glitten teilnahmslos , fast müde an dem sprechenden Blicke hin , der auf ihr ruhte , und sahen mit einem schwer zu beschreibenden Ausdrucke von Sehnsucht in die blaue Luft hinaus . » Sie hören , es hat nichts zu sagen , Sie könne sich beruhigen , Herr Hofprediger , « sagte Mainau , sich umwendend . » Mir wird es schon schwerer – die schöne Hand dort wird morgen schon wieder mit gewohnter Meisterschaft den Stift führen ; ich dagegen muß zeitlebens den Makel , eine Dame körperlich verletzt zu haben , auf meinem Rufe als Kavalier herumschleppen . « – Welche schneidende Schärfe stand dieser Stimme zu Gebote ! » Nur an eines möchte ich auch Sie erinnern , Herr Hofprediger – wie mag der unversöhnliche Orden , dem Sie angehören , über Ihre ungewöhnliche Teilnahme denken ? ... Es ist die Hand einer Ketzerin – verzeihe , Juliane ! – die Sie bemitleiden . « Der Hofprediger hatte sich bereits vollkommen gefaßt . » Sie sprechen gegen Ihr besseres Wissen , Herr Baron , indem Sie uns einer solchen Härte zeihen , « versetzte er kalt . » Wir werden im Gegenteile nie vergessen , daß auch jene Verirrten uns angehören durch die Taufe – « » Diese Auffassung dürfte wohl auf einigen Widerspruch bei Luthers Bekennern stoßen , « unterbrach ihn Mainau kurz auflachend – er schien Lianes energisch protestierende Gebärde nicht zu bemerken und ging der Herzogin entgegen , die sich eben wieder näherte . » Was für haarsträubende Dinge müssen Hoheit in Schönwerth erleben ! « sagte er , unbefangen und leicht in den oberflächlichen Hofjargon übergehend . Die fürstliche Frau sah ihn ungläubig prüfend an – er hatte wirklich ein eiskaltes Gesicht ... Bei aller Todfeindschaft , die sie im tiefsten Herzen der jungen Frau entgegentrug , erweckte ihr doch der Schmerz , der dort auf dem erblaßten Antlitze nachzuckte , eine mitleidige Regung – und er blieb ungerührt , er hatte nicht ein bittendes Wort um Verzeihung über die Lippen gebracht – diese zwei Menschen kamen sich nicht näher bis in alle Ewigkeit . » Ach , Mama , wie sieht deine Hand aus ! « schrie Leo auf ; er hatte , sich an die Mutter anschmiegend , die verhüllenden Rockfalten weggeschoben , und da war die wie mit Scharlach bedeckte niederhängende Hand sichtbar geworden . » Papa , so schlimm hab ' ich ' s mit Gabriel doch nie gemacht . « So unverdient der Vorwurf auch war , aus dem Munde des Knaben klang er erschütternd . Liane selbst beeilte sich , den Eindruck zu verwischen . Sie wehrte Mainau ab , der , wenn auch mit finsterer Stirn , abermals auf sie zutrat , und versicherte auf den Vorschlag der Herzogin , heimfahren und den Arzt herausschicken zu wollen , daß sich mit frischem Wasser das Brennen in der Haut am schnellsten werde beseitigen lassen ; man möge ihr gestatten , sich auf eine Viertelstunde an den Brunnen neben dem indischen Hause zurückzuziehen . » Das haben Sie von Ihrer Komödie , meine Gnädigste ! « sagte der Hofmarschall impertinent , während der Prinzenerzieher langsam den Rollstuhl wendete , um ihn fortzufahren . » Sie haben vielleicht auf der Bühne gesehen , wie sich eine Dame zwischen zwei Duellanten wirft – da macht sich ' s ganz nett – aber die wohlverdiente Züchtigung eines frechen Burschen mit aristokratischen Händen abzuwehren , fi donc – ich halte das für sehr unanständig ! Die geborene Prinzessin von Thurgau , Ihre erlauchte Großmama , auf die Sie sich mit so großem Nachdrucke berufen , müßte sich in der Erde umdrehen – « er verstummte und fuhr erstaunt herum . Mainau hatte schweigend die Lippen fest aufeinandergepreßt , den Erzieher ohne weiteres beiseitegeschoben und rollte nun den Stuhl in förmlichem Sturmschritte vorwärts . Die anderen folgten , während der Hofprediger den indischen Garten bereits verlassen hatte . 15. Eben noch der Schauplatz der aufregendsten Szenen , lag das » Thal von Kaschmir « jetzt wieder unter jener traumhaften , leise durchsummten Stille , wie sie dem heißen Sommernachmittage auf dem Lande eigen ist . Von dort , wo der steinerne Schwan einen Wasserstrahl in das Brunnenbecken goß , scholl schwaches Plätschern , und aus dem Gebüsche stecke ein metallisch schimmernder Glanzfasan seinen grünen Federbusch , um über die Kiesfläche vor dem Hause unter leisem , geisterhaftem Geräusche hinzuhuschen . Nach dem letzten Verrollen des Fahrstuhles weit drüben hätte man meinen mögen , häßliche , aufregende Schattenbilder einer Laterna magika seien für einen Augenblick an dem Hause mit dem Bambusdache vorbeigeflogen , ein solch unberührter Friede breitete sich wieder darüber hin – aber dort quer über dem Wege lag noch der weithin geschleuderte Pfahl , und auf der Veranda dräute der verhängnisvolle Pulverhaufen , den der in lautloser Majestät hinter dem Hause vorkommende Pfau erstaunt beguckte . Auf der kühlen Brunnenflut des Beckens schwammen weiße Rosenblätter , flockig und so massenhaft , als habe der von Rosengesträuch halb verstrickte , wasserspeiende Schwan sein Gefieder abgeschüttelt . Die junge Frau tauchte ihre schmerzende Hand hinein , und jetzt erschrak sie selber , so unförmlich und rotflammend erschien das verletzte Glied zwischen den schwimmenden Blättern . » Gnädige Frau , da müssen wir Kompressen auflegen , « sagte Frau Löhn – sie kam aus dem indischen Hause , und über dem Arme hingen ihr weiße Leinwandstreifen ... Sie bekreuzte sich nicht und schlug auch nicht die Hände zusammen bei dem Anblicke ; das war nicht ihre Art – dennoch hatte diese barsche Frau , die ihren unzerstörbaren Gleichmut , ihre innere Kälte und Herzlosigkeit stets selbst mit einer förmlichen Genugthuung hervorhob , etwas an sich , was Liane auffiel – ihre kräftigen Hände schlugen vor innerer Aufregung , als sie ein Stück Leinwand in das Wasser tauchte . » Ja , ja – das ist schon so die Mode in Schönwerth , « sagte sie mit einem Seitenblicke auf das feurige Mal , » ein Schlag auf die Hand , daß man meint , es bleibt kein Knochen heil , oder ein wütiger Griff an so eine arme kleine Kehle – « Die junge Frau sah ihr erstaunt in das Gesicht ; aber Frau Löhn rang eben den Leinwandfleck aus und schleuderte einen sprühenden Tropfenregen auf den Kies . » Die da drin liegt , könnte etwas erzählen , « setzte sie dumpf hinzu und zeigte mit der triefenden Hand hinter die Glasthür des indischen Hauses . » Ich sage immer , für die Frauenzimmer ist das Schloß dort ein schlimmer Boden « – sie sprach dasselbe aus wie der Hofprediger – » und wie Sie angekommen sind , gnädige Frau , so fein , so › zärtlich ‹ – da haben Sie mir in der Seele leid gethan . « Ihr geschärfter Blick fuhr über das Gebüsch hin und den Weg entlang , aber kein unberufener Zeuge war zu entdecken – nur ein kleiner Affe glitt von einem Baumwipfel auf das benachbarte Bambusdach und hockte auf dem First nieder ... Frau Löhn nahm behutsam die verletzte Hand aus dem Wasser und legte die Kompresse darauf – tief darüber hin gebückt , sagte sie mehr vor sich hin : » Ja , da liefen sie dazumal alle im Schlosse zusammen – ich meine vor dreizehn Jahren – und in der Küche hieß es , vor der roten Stube – da lag der gnädige Herr schon halb und halb im Sterben – hätten sie › Die aus dem indischen Hause ‹ tot gefunden , der Schlag hätte sie gerührt ; hm ja , so jung und so schmächtig und so schneeweiß – solche Leute rührt der Schlag nicht , gnädige Frau ... und nachher wurde sie auch gebracht , und dem Manne , der sie trug , hing sie über dem Arme wie ein armes weißes Lämmchen , das sie erschlagen haben – er hat sie für tot da hineingetragen und auf die Stelle gelegt , wo sie noch liegt – nach dreizehn Jahren ... Ich bin neben ihm her gegangen ; ich bin zwar hart – nein , gnädige Frau , in der Stunde will ich einmal die Wahrheit sagen – ich bin nicht hart ; ich hab ' gar ein dummes , weichmütiges Herz in der Brust , und dazumal gar , da hab ' ich gemeint , es würde mir in Stücke zerrissen , als die arme Frau unter meinen Händen die Augen wieder aufschlug und sich sogar vor der alten Löhn fürchtete und meinte , sie sollte wieder – gewürgt werden – « Liane stieß einen Laut des Entsetzens aus – Frau Löhn aber rannte ein Stück Weges entlang und sah über den Garten hinweg ; dann umkreiste sie das Haus und kehrte beruhigt zurück . » Wer › A ‹ sagt , muß auch › B ‹ sagen , « fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort , » und hab ' ich mir einmal das Herz über die Lippen laufen lassen , da kann ich nicht mitten drin aufhören . Der Doktor – auf gut Deutsch gesagt , ein Halunke – meinte , die blauen Flecken an dem schneeweißen Hälschen kämen von Blutstockungen – ja , Blutstockungen ! Zehn Finger sind ' s gewesen , die sich da festgekrallt hatten , zehn Finger , sage ich , gnädige Frau . « » Wer hat es gethan ? « fragte Liane mit stockendem Atem . Jedem anderen Menschen hätte sie vielleicht klug durch ein entschiedenes Verbot das schlimme Geheimnis in die Brust zurückgedrängt , um nicht Mitwisserin zu werden – aber diese ernsthafte Frau , die dreizehn Jahre lang mit Aufbietung aller Willenskraft und geistigen Stärke eine eiserne Maske vorgehalten , imponierte ihr und riß sie hin durch die Art und Weise , wie sie halb widerwillig , halb überwältigt von innerer Bewegung , für einen Moment die Riegel von ihrer Seele wegschob . » Wer es gethan hat ? « wiederholte Frau Löhn mit einem funkelnden Blicke . » Die Hände , die immer gleich nach der Hetzpeitsche greifen wollen , die Finger mit den Nägeln , die sich so einwärts biegen , als wollten sie nur immer zusammenscharren und als könnten sie nie genug kriegen ... Gnädige Frau , er ist ein Teufel ! « – » Er muß sie bitter gehaßt haben – « » Gehaßt ? « lachte die Beschließerin fast gellend auf . » Ist das Haß bei einem Manne , wenn er sich auf den Boden wirft und um Erbarmen heult und winselt ? ... Ja , ja – wer möchte es dem gelben , vertrockneten Gerippe noch ansehen , daß er wie von der Furie besessen hinter so einem armen Weibe her gewesen ist ! ... Da auf der Veranda habe ich gestanden und habe durchs Fenster mit angesehen , wie er vor ihr auf den Knieen gelegen hat . Mit den Händen hat sie nach ihm gestoßen und geschlagen und ist nachher an mir vorbeigeflogen in die Nacht hinaus . Dazumal war er noch flink auf den Beinen – er hat sie durch den ganzen Garten gehetzt ; aber sie war ja nur so eine Feder – wie ein Schneeflöckchen war sie . Sie war längst wieder drin und hat den Schlüssel umgedreht und lag vor der Wiege , wo der kleine Gabriel schlief – da kam er erst wieder an . Ich habe in meiner dunklen Ecke erst geflucht und dann gelacht – keine drei Schritte weit von mir hat er gestanden und wütend mit der Faust auf das Holzgitter geschlagen ; aber es half alles nichts – er mußte abziehen . « Liane erschien plötzlich die ganze Szenerie um sie her anders beseelt – die Frau erzählte so lebendig . Sie sah das junge Weib auf flüchtigen Füßen den Teich umkreisen , Angst und Abscheu in dem schönen , zurückgewendeten Gesichte – und hinter ihr ihn , den Mann der Formen , den kalten Höfling mit der impertinenten Zunge , als halb wahnwitzigen Verfolger – wie war das möglich ? ... Unwillkürlich trat sie einen Schritt vom Brunnen weg , um einen Einblick in das indische Haus zu gewinnen ; aber hinter den Fenstern und der Glasthür hingen unbeweglich die steifen , bunten Matten . » Ja , nicht wahr , Sie haben Mitleid mit ihr , gnädige Frau ? « fragte die Beschließerin , den Blick auffangend . » Es ist jetzt seit zwei Tagen immer gar still drin ; sie schläft viel – um ' s kurz zu sagen – sie schläft dem Tode entgegen ; keine vier Wochen mehr , da ist alles vorbei . « » War denn niemand da , der sie beschützte ? « fragte die junge Frau mit feuchtem Auge . » Wer denn ? ... Der sie übers Meer gebracht hatte , der selige gnädige Herr , der steckte viele Monate in der roten Stube ; da hingen die Rouleaus herunter und kein Fenster durfte aufgemacht werden , und wenn ihm die Angst kam , da ließ er auch noch die Läden vorschlagen und steckte Papierschnitzel in die Schlüssellöcher , daß – der Teufel ja nicht hereinkommen könnte ... Er ist ein grundgescheiter Herr gewesen ; aber mit der Krankheit hat er auf einmal alles schwarz gesehen , und daß das nicht besser wurde , dafür haben zwei gesorgt – der mit dem geschorenen Kopfe und der andere , den sie vorhin fortgefahren haben . Da hat ' s geheißen , er sei krank , weil er den Heidentempel im indischen Garten gebaut habe , und weil sein Herz an der › Straßentänzerin ‹ hing – und er hat ' s geglaubt ... Du lieber Gott , was alles kann man aus einem Menschen machen , wenn er krank ist und es ihm dunkel im Kopfe wird ! Hat er aber einmal nach der Frau gefragt , die ihm doch das Liebste auf der Welt gewesen ist , da haben sie gesagt , sie sei untreu geworden und fände Gefallen an einem anderen – pfui , wie ist dazumal gelogen und betrogen worden ! ... Und sie haben alle mitgespielt , wie sie waren im Schlosse – Gott verzeih ' s ihm – mein verstorbener Mann auch . Er war Kammerdiener beim seligen gnädigen Herrn , und wäre um Amt und Brot gekommen , wenn er nur gemuckst hätte . « Das auszusprechen mochte ihr sehr schwer werden und einen inneren Kampf kosten , denn zum erstenmal fuhr sie mit der Hand über die Augen , um eine Thräne wegzuwischen . » Und da habe ich mir auch ein bitterböses Gesicht einstudiert und alle Welt grob angeschnurrt , und die Frau im indischen Hause war mir ein Dorn im Auge , und ihr Kind erst recht ... So ist ' s gekommen , daß ich den Gabriel aus der Taufe heben mußte , und daß sie mich gewählt haben , die kranke Frau zu pflegen ... Nicht wahr , gnädige Frau , ich kann die Komödie gut spielen ? Es sieht ganz natürlich aus , wenn ich den Gabriel drüben im Schlosse anfahre und in den Ecken ' rumstoße ... Ach , und er ist mein Herzblatt , mein Augentrost – ich könnte mein Herzblut tropfenweise für ihn hingeben . Habe ich ihn doch auferzogen vom ersten Atemzuge an , und Thränen genug geweint über das arme Köpfchen , aus dem mich die Augen doch immer so geduldig und liebevoll ansahen , wenn ich auch noch so hart that ! « Ihre Stimme brach ; jetzt weinte sie in der That bitterlich in ihre Schürze . » Und er ist doch einer von ihrer Familie , « setzte sie nach einer kurzen Pause sich bezwingend hinzu und ließ mit einer trotzigen Gebärde die Schürze fallen . » Er ist doch ein Mainau , so wahr die Sonne da oben steht – und wenn der selige gnädige Herr ihn auch nie mit einem Auge hat sehen dürfen – sein Kind ist und bleibt der Gabriel . « » Das alles hätten Sie dem jungen Herrn sagen sollen , als er die Erbschaft antrat , « sagte Liane ernst . Die Beschließerin prallte förmlich zurück und hob die Hände heftig protestierend . » Gnädige Frau – dem ? « fragte sie , als höre sie nicht recht . » Ach , das ist nicht Ihr Ernst ! Wenn der junge gnädige Herr den Gabriel nur von der Seite ansieht , da zittre ich schon – hu , der Blick geht mir durch Mark und Bein ! ... Es ist ja wahr , der Herr Baron ist sonst sehr gut . Er thut viel für die Armen und leidet kein Unrecht , das auf der Hand liegt ; aber – er will vieles nicht sehen , er läßt sich nicht gern stören in seiner Lebensfreude , und da geht ' s – husch – über manches hinweg , was ganz anders untersucht werden müßte ... Er weiß ja doch auch , weshalb die Kranke immer so aufschreit , wenn die Frau Herzogin vorbeikommt . « – Sie verstummte . » Nun , weshalb ? « fragte Liane gespannt . Die Beschließerin sah sie verlegen von der Seite an . » Je nun – der junge Herr Baron sieht seinem Onkel so ähnlich , daß unsereins manchmal darauf schwören möchte , der verstorbene gnädige Herr sei leibhaftig wieder da ... Und da ist er einmal am indischen Hause vorbeigegangen und hat die Frau Herzogin am Arme gehabt « – sie sah sich scheu um – » und die sieht ihn ja immer mit Augen an , als wollte sie ihn verbrennen – ich bin ja nicht dabei gewesen , ich weiß es ja nicht – aber die kranke Frau hat in ihrem Kopfe gemeint , der da draußen sei ihr Liebster , und hat in heller Eifersucht aufgeschrieen – seitdem ist sie immer so unruhig , wenn die Hoheit vorbeireitet ... Das beweist doch , wie lieb sie den verstorbenen Herrn gehabt hat – aber der Herr Baron sagt immer nur : › die Frau ist wirr im Kopfe ‹ , und damit ist die Sache abgemacht ... Nein , er rührt keinen Finger , und wenn der liebe Gott nicht ein Einsehen hat , da muß mein armer Junge ohne Gnade in drei Wochen fort in die geistliche Dressur – und nachher wird er unter die Heiden geschickt ; da ist er ihnen freilich nicht mehr im Wege . « » Das geschieht aber doch nur , weil es der Verstorbene gewünscht hat . « Die Beschließerin sah der jungen Frau mit einem langen , sprechenden Blick in die Augen . » Ja , so sagen sie drüben im Schlosse , aber – wer ' s glaubt ! Haben Sie den bewußten Zettel gelesen ? « Liane verneinte . » Ich glaub ' s – wer weiß , wie er aussieht ! ... Sehen Sie , gnädige Frau , an dem Abende , wo Sie unversehens in das indische Haus kamen und so liebevoll mit dem Gabriel waren , da habe ich innerlich aufgejubelt und habe gedacht : endlich schickt unser Herrgott seinen guten Engel . Der Engel sind Sie auch geblieben – ich habe es vorhin erst wieder gesehen , wo Sie so mutig vor der ganzen schrecklichen Gesellschaft dem armen Jungen beistehen wollten ; aber durchdringen werden Sie in dem Hause nie . Dahinein paßt nur eine , wie die selige gnädige Frau , die gleich mit beiden Füßen stampfte und den Schloßleuten alles an den Kopf warf , was ihr eben in die Hände kam , und wenn es Stahl und Eisen und spitzige Messer und Scheren waren ... Und da will ich lieber still sein und von dem , was ich weiß , nichts weiter auf Ihr gutes , sanftes Herz legen , denn – Sie haben für sich selber zu kämpfen , wenn Sie nur ein ganz kleines Stückchen Heft in der Hand behalten wollen ... Er , der alte böse Mann , wühlt unter Ihren Füßen wie ein Maulwurf – er will Sie um jeden Preis wieder hinausbeißen – und der andere , der Sie nach Schönwerth gebracht hat – seien Sie mir nicht böse , gnädige Frau , aber es muß heraus – der wird Sie nicht schützen , nicht halten . Das wissen und sehen wir alle . Wenn ihm das Treiben des alten Herrn zu bunt wird , da kehrt er Schönwerth den Rücken , macht drei Kreuze und fährt in die weite Welt hinein – was hinter ihm bleibt , das ist ihm sehr einerlei und – die arme junge Frau dazu . « Eine flammende Röte ergoß sich über Lianes Gesicht – welche Rolle spielte sie in diesem Hause ! Die gerade , ungeschminkte Ausdrucksweise der Frau zeichnete ihre zweifelhafte , unwürdige Stellung in schreckhaft klaren Umrissen . » Das wissen und sehen wir alle , « hatte sie eben gesagt – sie war ein Gegenstand der mitleidigen Beobachtung . Der ganze Stolz der » Trachenbergerin « , aber auch die gekränkte Frauenwürde wurde in ihr lebendig . Aeußerlich wenigstens durfte sie die Demütigungen , die sie erleiden mußte , nicht zugestehen . » Das alles geschieht infolge eines Uebereinkommens zwischen dem Baron und mir , liebe Frau Löhn ; darüber haben andere kein Urteil , « sagte sie freundlich gelassen und hielt der Frau , die betroffen schwieg , die Hand hin , um über die Kompresse einen trockenen Leinwandstreifen binden zu lassen ... Am äußersten Ende des Weges erschien eben auch die abgesandte Hofdame mit Leo , » um sich im allerhöchsten Auftrag der Frau Herzogin nach der armen Patientin umzusehen « – wie sie sich beim Näherkommen ausdrückte . Die Beschließerin verschwand für einen Augenblick im indischen Hause , während Liane , in Begleitung der Hofdame und Leo an der linken Hand führend , nach den Ahornbäumen zurückkehrte . Sie schauerte in sich zusammen , als sie dort » dem gelben vertrockneten Gerippe « im Fracke mit jedem Schritte näher kam , als sie die bleichen Hände mit den nervös auf dem Tische spielenden Fingern sah , die mit einem wütenden Griff ein Menschenleben nahezu erdrückt hatten ... Ob diese Finger nicht auch mörderisch die Kehle der alten Frau gepackt hätten , die jetzt , rasch hinter ihr herkommend , in das Jägerhaus ging , wenn ihm die Ahnung gekommen wäre , daß sie um sein schwarzes Geheimnis wisse , ja daß sie es eben verraten ? Der Mann hatte einen dunklen Schatten , zwei unablässig nach dem Tage der Enthüllung , der Sühne ausspähende Augen neben sich , ohne es zu wissen . Wer hätte das hinter dem mürrischen Steingesicht , in der so ruhig und derb daherkommenden Gestalt gesucht , die jetzt , als sei kein einziges jener fürchterlichen Worte über ihre Lippen geschlüpft , den Anwesenden , und auch Liane , unbefangen eine Platte voll Erfrischungen präsentierte ! 16. Das Geräusch der wegfahrenden herzoglichen Equipagen war längst verrollt . Auf einen » bittenden Befehl « der Herzogin hatte Mainau sein Pferd vorführen lassen , um sie ein Stück Weges zu begleiten ; zugleich war dem Hofprediger die Auszeichnung zu teil geworden , im Fond neben die fürstliche Frau befohlen zu werden – die Prinzen mußten sich mit dem Rücksitz begnügen . Die Hoheit war offenbar in sehr glücklicher Stimmung – sie wußte ja nicht , daß sich bei diesem Anblick manche Faust in der Residenz insgeheim ballen würde – wer hätte ihr das sagen sollen ? Und wenn auch – bah , was lag ihr an der Meinung im Volke , wenn es galt , ihre Kirche zu verherrlichen ? Die regierende Linie des herzoglichen Hauses war nicht katholisch – der Erbprinz und sein Bruder wurden im protestantischen Glauben erzogen ; dagegen war die Seitenlinie , welcher die Herzogin entsprossen , im Schoß der alleinseligmachenden Kirche verblieben . Die zumeist protestantische Bevölkerung des Landes war deshalb nie sehr erbaut gewesen von der Wahl des Regierenden , welche die bigotteste der Durchlauchtigsten Kousinen auf den Thron gehoben hatte . Es währte auch damals nicht lange , da war der Kaplan des wenig begüterten Seitenzweiges Hofprediger geworden , und wenn nicht die Hand des Todes jäh dazwischen gegriffen hätte , dann wäre – so raunte man sich zu – ein Glaubenswechsel auf dem Throne unausbleiblich gewesen ; denn der Herzog hatte seine Gemahlin abgöttisch geliebt und sich ihrem Einfluß in allen Stücken blindlings unterworfen ... Wie das personifizierte Glück und Unheil saßen sie bei der Abfahrt von Schönwerth nebeneinander , die rosenfarbene , heiter lächelnde Fürstin und der schwarze Priester mit dem eigentümlich erblaßten Gesicht , der heute für alle verschwenderisch gespendete Huld und Gnade nur ein finsteres Lächeln hatte . Mit der Verbeugung gegen die Herzogin hatte sich Liane zugleich von Mainau verabschiedet und ihn gebeten , sich für heute ganz in ihre Appartements zurückziehen zu dürfen , was er ihr vom Pferd herab mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln ohne weiteres zugestanden ... Nun war sie allein – der Hofmarschall hatte Leo reklamiert , um nicht so einsam am Abendtisch zu sein , falls Mainau in der Stadt bleiben werde – allein , sich selbst überlassen , in ihrem blauen Boudoir . Sie hatte einen weißen Schlafrock übergeworfen und sich , weil ein stechender Kopfschmerz sie folterte , von der Kammerjungfer das schwere Haar vollständig lösen lassen – da brachte ihr stets Erleichterung . Trotz dem Kopfweh und mit der verbundenen , heftig schmerzenden Hand hatte sie sich doch einen kleinen Tisch vor die Chaiselongue getragen , um an Ulrike zu schreiben ; aber mitten in dem Erguß war sie gezwungen gewesen , die Feder hinzuwerfen und mit vor Schmerz zusammengebissenen Zähnen sich auf das Ruhebett hinzustrecken . Da lag sie , den Kopf auf der untergelegten linken Hand , in das blaue Polster geschmiegt , stundenlang unbeweglich und sah die glänzenden Atlasfalten der gegenüberliegenden Wand alle Tinten der Abendbeleuchtung , vom glühenden Purpur bis zum flimmernden Goldgelb widerspiegeln . Ueber den Busen herab fiel ihr ein breiter Strom des wogenden Haares und lag drunten auf den blauen Cyanen des Teppichs ; diese vollen , schweren Ringel konnte der letzte Abendstrahl noch erreichen – sie funkelten fast dämonisch , wie jenes rote Metall , das die Gnomen eifersüchtig hüten ... So still und gelassen sie sich auch äußerlich verhielt , so fieberhaft jagte ein Reigen von Gedanken durch ihr aufgeregtes Gehirn . Sie mußte an » die luftige , aus Spitzen zusammengewobene Seele « denken , die mit Messern und Scheren um sich geworfen hatte – diese jasminduftende Valerie war das Schoßkind bei Hofe gewesen , der böse alte Mann sprach nur in vergötternder Ekstase von ihr , und Mainau – nun , er hatte diese Frau nie geliebt ; er gedachte ihrer nur unter