stille schöne Tage vergangen . Die Neuhäuser hatten diesen Frieden nicht gestört , wie die Herzogin anfänglich befürchtet hatte . Prinzeß Helene war einigemale wie ein Wirbelwind in den Zimmern der Herzogin erschienen , hatte aber deutlich zu erkennen gegeben , daß sie die größtmögliche Eile habe , zu dem süßen Baby ihrer verstorbenen Schwester zurückzukehren . Die alte Prinzeß lag derweilen in Neuhaus mit verletztem Fuß auf einem Ruhebett . Klaudine sah Beate nur einmal flüchtig , als diese in aller Morgenfrühe nach dem Eulenhaus gewandert war , um sich nach einigen kleinen Prinzessinnenangewohnheiten zu erkundigen und eine Menge köstlicher Kuchenstückchen und sonstiger Süßigkeiten abzuladen . Sie sprach sich anerkennend aus über die neue Einrichtung im Eulenhaus , den Besuch des Fräulein Lindenmeyer betreffende Im übrigen war sie still und gedrückt und hatte auf Klaudines Frage nur gesagt , sie wünsche weiter nichts , als vier Wochen älter zu sein . Es sei fürchterlicher , als sie sich gedacht , kein Winkelchen sei im ganzen Hause , wo man seines Lebens sicher wäre vor der Prinzeß , diesem Irrwisch , und Lothar erwidere ihre Klagen mit Achselzucken . Klaudine hatte das Haupt gesenkt , als käme jetzt ein Blitzstrahl , der die letzte Hoffnung vernichten müßte , aber Beate war still geworden und hatte dann von etwas anderem gesprochen . Heute , an einem echten köstlichen Sommertage , hatte die Herzogin den Tee im Parke befohlen , dort , wo die Waldbäume an den Garten stoßen , an jenem Platze , wo Joachims Weib für immer eingeschlafen war . Unter den alten Eichen schaukelte die Hängematte der Herzogin , und Klaudine , im leichten weißen Kleide , saß neben ihr auf einem bequemen , mit Leinen überspannten Sessel aus Bambusstäben und las . Vor ihr auf dem Tischchen aus kunstvoller Flechtarbeit lag die unvermeidliche Wollstickerei der Frau von Katzenstein . Diese selbst stand etwas seitwärts und bereitete den Tee . Im Schatten einer mächtigen Kastaniengruppe , von den Damen um die Breite des Kiesplatzes getrennt , spielte der Herzog Luftkegel mit den zwei ältesten Prinzen , dem Rittmeister von Rinkleben und Herrn von Palmer . Das Jubeln der Kinder , das Lachen und das Klappen der umfallenden Kegel tönte herüber und die Augen der Herzogin sahen mit glückseligem Ausdruck dorthin . » Halten Sie ein , Klaudine « , bat sie jetzt . » Der Tag ist so schön , die Sonne so golden und diese Erzählung so düster . Heute erscheint mir das so unnatürlich . Was glauben Sie , was noch geschehen wird ? Mit jenen beiden in dem Buche , meine ich . « » Hoheit , ich fürchte , es endet entsetzlich « , sagte die junge Dame und legte gehorsam das Buch auf den Tisch . » Er hat sich ja bereits Gift verschafft « , gab die Herzogin zu . » Ja « , erwiderte Klaudine , » sie wird sterben müssen . « » Sie ? « fuhr die Herzogin erstaunt auf , » aber , beste Klaudine , welch entsetzliche Phantasie ! Er selbst will sich vergiften , weil er fühlt , er kann mit ihr nicht leben , und ebensowenig ohne die andere . « » Ich weiß nicht , Hoheit « , stotterte das Mädchen , » dem Gange der Geschichte nach vermutete ich – « » Bitte , geschwind das Buch ! « rief die Herzogin . Sie schlug es auf und las das Ende . » Mein Gott , Klaudine , Sie haben recht « , sagte sie dann . » Es ist psychologisch auch nicht anders möglich , wenn Hoheit der Charakterschilderung des Mannes , gefolgt sind – « » Es ist mir nichts besonderes an ihm aufgefallen « , unterbrach die Herzogin . » Nein , Klaudine , das ist unwahr ! Wir wollen das Buch nicht weiterlesen , die Welt ist so schön und ich bin so froh , so leicht heute . « Sie warf die seidene Decke zurück , die über ihr mattrotes Foulardkleid gebreitet war , und winkte mit der Hand hinüber zu den Kastanien . » Sehen Sie , Klaudine , da kommt eben der Herzog . Er scheint müde vom Spiel . Mein lieber Freund , ich bin etwas zu faul heute für unsere Dominopartie , aber vielleicht übernimmt Fräulein von Gerald meine Stelle ? Bitte , das Tischchen hierher « , befahl sie und wandte sich in der Hängematte herum , stützte das Haupt auf die Hand und sah zu , wie der Herzog Klaudine gegenüber Platz nahm , die Steine verteilte und die seinigen aufbaute . Klaudines schlanke Finger begannen plötzlich zu zittern , sie neigte das schöne Gesicht tiefer über die schwarzweißen Steinchen und eine rosige Glut stieg ihr bis unter das wundervolle üppige Blondhaar . Dort drüben , jenseits des Rasenplatzes , war etwas blaues aufgetaucht , flatterte näher wie ein zierlicher Schmetterling und blieb dann mit einemmal regungslos stehen . Und hinter diesem Blauen ? » Ah , mein Kind « , sagte die Herzogin halblaut , » Sie scheinen zerstreut , der Herzog wird das Spiel gewinnen . « » O , das ist ja eine idyllische Gruppe , das ist , als habe Watteau sie gestellt ! Ich fürchte , Baron , wir stören « , rief die in hellblaues Leinen gekleidete Prinzessin und wandte sich mit einem halb spöttischen , halb ärgerlichen Ausdruck nach rückwärts , wo ihre Mutter am Arme des Schwiegersohnes ging , gefolgt von dem Kammerherrn und der Hofdame . Und sie blickte in Lothars Gesicht , das , wie aus Erz gegossen , keinen Zug veränderte . Die alte Prinzessin nahm die Lorgnette vor die Augen und sagte , ohne eine Miene zu verziehen : » Vorwärts , mein Kind , du wünschtest Elisabeth zu überraschen , übernimm also die Anmeldung , bitte ! « Prinzeß Helene bewegte sich vorwärts , aber sie flatterte nicht mehr und ihre schwarzen Augen sahen sehr unzufrieden drein . Sie klappte geräuschvoll ihr Sonnenschirmchen zu , als sie sich näherte , und blieb dann mit einer schmollenden Miene stehen . » Verzeihung , Hoheit , wenn ich störe – « Die Herzogin blickte auf und lachte . » Wo kommst du her , Wildfang ? « Und sie streckte ihr die Hand entgegen . » Bist du über die Mauer geflogen , oder – ? « » Mit dem Neuhäuser Wagen gekommen . Mama , Baron Gerold und die anderen sind dort hinten und bitten um den Vorzug , Hoheit begrüßen zu dürfen . « Sie verneigte sich anmutig vor dem Herzog und küßte die Hand der Herzogin . Klaudine , die neben dieser stand , schien Ihre Durchlaucht nicht zu bemerken . Der Herzog schritt der alten Prinzessin entgegen und führte sie seiner Gemahlin zu , Lothar kam bei der Begrüßungsszene neben Klaudine zu stehen , aber vergeblich wartete sie auf ein Wort , sie erhielt nur eine stumme Verbeugung . Man nahm Platz , ein lebhaftes Gespräch entspann sich zwischen den fürstlichen Damen . Prinzeß Thekla bat um Entschuldigung , daß sie sich so unverantwortlich spät nach dem Befinden Ihrer Hoheit erkundigt habe , aber sie habe einen Unfall auf der Neuhäuser Schloßtreppe erlitten und sechs Tage lang Arnikaumschläge auf dem Fuße gehabt , auch wären Prinzeß Helenes Besuche so flüchtig gewesen , sie sei aus der Kinderstube und aus dem Neuhäuser Schlosse gar nicht wegzubringen , sie habe sich sogar von Fräulein Beate eine leinene Schürze geborgt und sei mit ihr in allen Wirtschaftsräumen umhergelaufen , auf dem Boden und in Keller und Speisekammer . » Gestern ertappte ich sie in der Küche beim Himbeereinkochen ! Ja , ja , verstecke nur deine Arbeitsfingerchen ! « Die Herzogin wandte sich lächelnd an Prinzeß Thekla . » Wie befindet sich das Enkelkindchen ? « fragte sie . » Nun , es erholt sich ja « , antwortete die alte Dame widerwillig , » aber noch lange nicht genügend . Die gute Berg hat wohl die Vorschriften des Arztes etwas allzustreng befolgt – niemals Medizin , aber dafür kühle Abwaschungen und frische Luft von früh bis abends . Das Kind ist dafür viel zu zart . « » Mein Töchterchen läuft bereits ein wenig , wenn auch noch schwankend « , fügte der Baron gelassen hinzu , » und da sie die normale Größe einer zweijährigen jungen Dame hat , klettert sie auf Sofas und Stühlen umher . « » Noch lange nicht genug « , wiederholte Prinzeß Thekla . » Ich bin mit diesem wenigen schon sehr zufrieden « , erwiderte er . Klaudine hatte sich inzwischen freundlich zu Komtesse Moorsleben gewandt und fragte sie irgend etwas . Wenige Worte , wobei die lustigen braunen Augen der jungen Dame nach einer ganz anderen Richtung schauten , waren die Erwiderung . Befremdet schwieg Klaudine . Die kleine Prinzessin ihr gegenüber im Schaukelstuhl sah sie schon eine ganze Weile mit herausfordernden Blicken an . Klaudine richtete ihre schönen blauen Augen ruhig und wie fragend auf diese dreisten schwarzen Sterne , da wandte sich der dunkle Lockenkopf und ein verächtlicher Zug flog um den fast zu vollen kleinen Mund . » Die jungen Damen sollten eine Partie Krocket spielen « , schlug die Herzogin vor . » Die Herren dort drüben werden sich gern beteiligen . Meine liebe Klaudine , geleiten Sie die Prinzessin und Komtesse Moorsleben hinüber und geben Sie den Befehl die Reifen aufzustellen . « Klaudine erhob sich . » Verzeihung , Hoheit , – ich danke ! « sagte Prinzeß Helene , » ich bin etwas ermüdet . « Sie legte den Kopf an die Lehne des Schaukelstuhles und wiegte sich langsam . Komtesse Moorsleben setzte sich auf die abschlägige Antwort ihrer Gebieterin sofort wieder hin . Auch Klaudine nahm ruhig Platz . Es wurde Eis gereicht und Tee und Kaffee in kleinen Porzellantassen . Die Herren kamen jetzt vom Spielplatz herüber und gesellten sich zu den Herrschaften . Klaudine sah plötzlich zwei Herren hinter ihrem Stuhl , Herrn von Palmer und den Rittmeister von Rinkleben . Sie wandte sich zu letzterem und war bald mit ihm im Gespräch . Da sie seine jüngere Schwester aus der Pension kannte , fragte sie nach ihrem Ergehen . Er gab einen langen Bericht über ihre Heirat und das Glück , das sie gegen alle Erwartung darin gefunden . Enge Verhältnisse , schmales Auskommen , und doch sei sie heiter und zufrieden . » O ja « , stimmte die junge Dame bei , » es läßt sich mit ein wenig Zufriedenheit das engste kleine Heim ganz köstlich ausschmücken . « » Ein sprechendes Beispiel gibt gnädiges Fräulein selbst ; Eulenhaus ist ein Idyll , ein Traum , wo Sie walten wie eine Fee des Behagens « , fiel Palmer ein . » Das Bewußtsein freilich , daß dies nur eine Episode ist , hilft wohl diesen Zauber vollenden . Es ist leicht , zufrieden zu sein , schaut man in der Ferne einen Tempel des Glückes . « Klaudine sah ihn fragend an . » Etwas dunkel , Herr von Palmer , ich verstehe Sie nicht « , sagte Klaudine . » Wirklich nicht ? Ah , meine Gnädige , bei Ihrer glänzenden Fassungsgabe . Es muß Ihnen doch sehr heimisch hier vorkommen « , fuhr er ablenkend fort , » hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern , wo Sie endgültig den Sitz Ihrer Väter wieder beziehen . Die ewigen Fahrten von und nach dem Eulenhause sind doch lästig , meine ich , und noch dazu in nächster Zeit , wo die Festlichkeiten in Altenstein und Neuhaus sich jagen werden . « » Ich habe heute Unglück , Herr von Palmer , schon wieder will mir der Sinn Ihrer Rede nicht klar werden . « » So betrachten Sie doch die Worte prophetisch , Fräulein von Gerold ! « sagte eine helle Stimme , und der Erbprinz , ein bildschöner Junge von zwölf Jahren mit den großen schwärmerischen Augen seiner Mutter , rückte mit seinem Sessel zu Klaudine hinüber , » Propheten reden ja immer dunkel « , setzte er hinzu . » Bravo , Hoheit ! « rief Herr von Palmer lachend . » Ich wollte , Herr von Palmer hätte wahr geweissagt « , fuhr der Erbprinz fort und sah mit der knabenhaft kecken Bewunderung seines Alters auf das schöne Mädchen . » Sie könnten wohl ganz zur Mama kommen , gnädiges Fräulein . Mama sagte erst gestern zu Papa , es würde nett sein , wenn Sie nicht immer wieder fortführen . « Herr von Palmer lächelte noch immer . » Das kann ich leider nicht , Hoheit , ich habe daheim meine Pflichten « , erwiderte Klaudine ruhig . » Wie gern käme ich sonst nach meinem lieben Altenstein ! « » Es ist eine köstliche Besitzung « , lenkte der Rittmeister ab , » welch wundervoller Garten ! « » Er war Großpapas Steckenpferd « , bemerkte Klaudine traurig . » Sie haben hier immer mit Ihrem Bruder und anderen Kindern > Räuber und Prinzessin < gespielt , als Sie noch klein waren ? « fragte der Erbprinz , ohne einen Blick von dem Gesicht der jungen Dame zu wenden . » Dort unten « , nickte sie und wies nach links , » an der Mauer , wo die kleine Pfortentür ist , die wurde dann zu Ausfällen benutzt . « » Herr Rittmeister « , rief Prinzeß Helene jetzt laut , » ich möchte nun doch eine Partie Krocket machen ! Kommen Sie , Isidore ! « Die Komtesse und der Rittmeister erhoben sich und eilten nach dem Rasenplatz . Prinzeß Helene zögerte noch , » Baron « , sagte sie dann zu Lothar von Gerold , » sind Sie nicht auch dabei ? « Er erhob sich und schaute sie an , während er sich zustimmend verneigte . » Haben Durchlaucht schon alle Personen befohlen , die am Spiel teilnehmen sollen ? « fragte er dann . » Warum ? Sie sehen ja , wir sind zwei zu zwei . « » Nicht mehr als vier ? Ah so ! Hoheit ! « wandte er sich an den Erbprinzen , » Prinzeß Helene wünscht Krocket zu spielen – ich weiß , wie Sie das Spiel lieben . « Der Fuß der kleinen Durchlaucht trat ungeduldig den Rasen . » Ich muß bedauern « , erwiderte der Prinz ernsthaft , » Fräulein von Gerold hat soeben versprochen , mir den Platz zu zeigen , wo ich mit meinem Bruder am besten eine Festung bauen kann . Das ist mir interessanter . « Baron Lothar lächelte . Er blieb einen Augenblick stehen und sah , wie der junge Prinz Klaudine mit einer allerliebsten Wichtigtuerei den Arm bot . Die Herzogin folgte dem schönen Mädchen am Arm des Knaben mit erstaunter Miene . » Warum spielt Fräulein von Gerold nicht mit ? « fragte sie den Baron . » Hoheit , Prinzeß Helene wählte soeben selbst ihre Mitspieler « , erwiderte er . » Bitte , Baron « , sagte die Herzogin liebenswürdig , aber bestimmt , » gehen Sie Ihrer Cousine nach und sagen Sie ihr , wie sehr ich bedaure , daß man sie aufzufordern vergaß , und bringen Sie sie womöglich zurück . Der Hofmeister des Erbprinzen , der dort eben kommt , wird so lange Ihre Stelle übernehmen . « Der Baron verbeugte sich und ging , sich bei der Prinzeß zu entschuldigen und dem Hofmeister den Hammer in die Hand zu drängen . Dann schlug er langsam und auf Umwegen die Richtung ein , die seine Cousine genommen hatte . Die Nase der alten Prinzeß war während dieses Vorganges plötzlich spitz und weiß geworden . » Verzeihung , Hoheit « , sagte sie und setzte die zierliche Tasse klirrend auf das Tischchen , » Helene hatte sicher nicht die Absicht , zu kränken , sie meint es nur gut und sie liebt Eure Hoheit schwärmerisch . Ihr ehrliches Herz geht eben immer mit ihr durch , und – « » Ich sehe nicht ein , was die Ehrlichkeit damit zu tun hat , liebste Tante « , erwiderte die Herzogin und ihre Wangen färbten sich purpurn vor Erregung . Herr von Palmer sah zu dem Herzog hinüber , der von diesem kleinen Wortwechsel nicht die geringste Notiz nahm . Hoheit spielte mit seinem Augenglas , indem er ernsthaft der weißen schwebenden Mädchengestalt nachschaute , an deren Arm zutraulich der Erbprinz hing und sie nach allem möglichen befragte . Sie war schon eine ganze Weile in dem dichten Gewirre eines Jasmingebüsches verschwunden . Da wandte der Herzog langsam den Kopf zurück und begegnete den Augen der Prinzeß Thekla , die noch funkelnder aussahen als sonst , es lag ein verbissener , schadenfroher Ausdruck über ihrem mageren Gesicht . » Er macht zeitig den Hof « , sagte der Herzog unbefangen , » der Junge ist ja Feuer und Flamme ! « » Und guten Geschmack hat er auch « , ging die Herzogin fröhlich auf den Scherz ein . » Das hat er von seinem Papa « , schrillte die Stimme der alten Prinzessin , und das liebenswürdigste , harmloseste Lächeln der Welt verdrängte für einen Augenblick die Verbissenheit . Sie sah aus , als hätte sie nie ein Wässerchen getrübt , und setzte sich noch einmal so aufrecht in ihren Stuhl zurück . Der Herzog nahm verbindlich den Hut ab und verneigte sich vor ihr . » Ja , meine allergnädigste Tante , ich sah stets lieber eine schöne Frau , als eine häßliche , und wenn Sie meinen , der Erbprinz habe diese Eigenschaft von mir , so machen Sie mich glücklich . Ich danke Ihnen . « In Herrn von Palmers scharfgeschnittenem Gesicht wetterleuchtete es vor unterdrückter Heiterkeit . Es war ja unbezahlbar . Wenn die Berg das hören könnte ! Prinzeß Thekla zupfte nervös an den Spitzen ihres Taschentuches , die Herzogin aber warf dem Gemahl einen bittenden Blick zu , sie kannte vollauf seine Abneigung gegen Tante Thekla . – Jetzt würdigte sie Seine Hoheit keines Wortes mehr , sie wandte sich zu der Herzogin und überschüttete sie mit wahrhaft unheimlichen Freundlichkeiten , die eine mitleidige Färbung hatten , wie man zu Leuten zu sprechen pflegt , die unverschuldet einen großen , großen Kummer tragen , eine Freundlichkeit , die nervöse stolze Naturen bis aufs Blut peinigen kann . Die Herzogin verstand sie nicht , aber sie litt unter all den Fragen und Ratschlägen und Erkundigungen , und als endlich Prinzeß Thekla seufzte : » Wenn ich nur ganz gewiß wüßte , ob Eurer Hoheit dieses Altenstein gut tun kann ? « ward sie ungeduldig und bat , man möge sie hinaufführen , sie fühle sich ermüdet . Das galt als Zeichen zum Aufbruch . In kurzer Zeit war der Platz unter den Eichen leer , lagen die bunten Kugeln verlassen auf den Wegen , und auf der Straße rollten die beiden Prinzessinnen nebst ihrer Begleitung Neuhaus zu . 15. Klaudine war mit dem jungen Erbprinzen dem letzten Teile des weiten Parkes zugeschritten . Sie war innerlich froh , fortzukommen aus dem Bereiche von Lothars Augen , die ihr weh taten . Die absichtliche Kränkung der kleinen Prinzeß hatte sie kaum verletzt , es erschien ihr so überaus kindisch , daß sie sich nicht die Mühe nahm , weiter darüber nachzudenken . Es hatten ja stets kleine Plänkeleien von jener Seite gegen ihre Person stattgefunden , warum die Prinzessin es aber heute , sogar unter den Augen des Herzogs und der Herzogin , wagte , ihre Abneigung in so herausfordernder Weise zu zeigen , begriff sie allerdings nicht . Die kleine Durchlaucht mußte sehr schlechter Laune gewesen sein , oder – sollte sie mit dem hellsehenden , ahnenden Geist der Liebe Klaudines Gefühle für den Mann , den sie begehrte , erkannt haben ? Aber doch nicht ! Die Prinzessin war ja ihrer Sache sicher , so sicher , daß sie sogar Beates Wirtschaftsschürze lieh und ein wenig Hausfrau spielte im künftigen Heim . Und auch Lothar mußte dieses wetterwendischen koketten kleinen Herzens gewiß sein ; sonst würde er sich kaum erlaubt haben , sie in so ironischer Weise auf ihre Unart aufmerksam zu machen . Klaudine runzelte plötzlich die Stirn und biß sich auf die Lippen . Was ging ihn das an , wenn ihr weh geschah ? Sie wußte doch wahrlich selbst , wie weit man ihr gegenüber gehen dürfte , sie wußte sich allein zu verteidigen , sie wollte keine Bevormundung , kein Mitleid , am allerwenigsten von ihm ! Sie war mit ihrem jugendlichen Begleiter in den einsamsten Teilen des Parkes angelangt , wo schon zu ihrer Kinderzeit die Büsche und Bäume wuchsen und wachsen durften , wie sie wollten . Es war eine feuchte , moosdurchduftete Wildnis , von einem kleinen Bach durchrieselt , an dem die Farnkräuter in üppigster Pracht ihre grünen Wedel enfalteten . Unter der kleinen Brücke , aus Birkenstämmchen gezimmert , gluckste und schluchzte das Wasser noch ebenso eigentümlich wie damals , als sie , ein Kind , hier umhergestreift . Dort war das halbzerfallene Mooshüttchen , das bei ihren Spielen bald als Gefängnis , bald als Ritterburg diente . Wie oft hatte sie darinnen gesessen als gefangenes Burgfräulein ! Ein wehmütiges Gefühl beschlich sie , als sie dem Prinzen davon erzählte und ihm alles zeigte . Da war auch der Grabstein , unter dem Joachims Lieblingshund lag , die kleine gelbe Dachshündin , die Lola hieß und so klug war , daß sie ihn niemals verriet , wenn die Kinder Verstecken spielten . » Wo geht es dort hinaus ? « fragte der Prinz , auf eine schmale , niedere Pforte in der Mauer deutend . » In das Dorf , Hoheit « , erwiderte Klaudine . » Die Pforte wird benutzt zum sonntäglichen Kirchgang . « Der wißbegierige Prinz zog das schöne Mädchen immer weiter an der Mauer entlang , sie mit allerhand Fragen bestürmend . Plötzlich erblickte er einen Häher in einem der hohen Bäume und vergaß seine Dame und seine Ritterpflicht , in dem er dem Vogel nachlief , der durch die Äste streifte , als wollte er den Knaben necken , bald hier , bald dort auftauchte und verschwand , immer weiter und weiter . Klaudine , die , in ihren wehmütigen Erinnerungen versunken , achtlos dahingegangen war , kam erst nach einer ganzen Weile zum Bewußtsein , daß sie allein sei . Sie holte tief Atem und wischte mit dem Tuch über die Augen . Was wollte sie denn eigentlich ? Es war doch nicht anders , als es eben war ! Mit Kopfhängen und Tränen zwingt man doch nichts verlorenes zurück , mit Weinen und Sehnen kann man nichts erringen , was einem versagt sein soll nach Gottes Ratschluß . » Es wird die Zeit kommen , wo es nicht mehr schmerzt « , tröstete sie sich , » sie muß kommen , rs wäre ja nicht möglich , zu leben mit der brennenden Wunde im Herzen ! « Sie war stehen geblieben , es hatten sich doch ein paar große Tropfen an den Wimpern gesammelt . Jetzt , wo sie allein , wollte all das Weh hervorbrechen , das sie empfand . Sie meinte in diesem Augenblick , sie würde es nicht ertragen , ihn mit lächelnder Ruhe neben jener anderen zu sehen , als das erklärte Eigentum einer oberflächlichen unartigen kleinen Frau . » Verzeihen Sie , Cousine « , klang plötzlich seine Stimme in ihr Ohr . Sie wandte sich mit jähem Erschrecken , und blitzgeschwind fiel ein funkelnder Tropfen aus dem Auge auf ihre Hand , die sie hastig mit der anderen verdeckte . » Ich würde nicht gewagt haben zu stören « , fuhr er fort . » Ihre Hoheit beauftragte mich aber , Ihnen zu sagen , wie leid es Hochderselben tue , Sie verletzt zu wissen . « » Hoheit ist wie immer gütig « , scholl es kühl zurück . » Ich bin nicht verletzt , derartiges lernt man übersehen und beurteilen nach Verdienst . « » Es scheint , Sie haben viel gelernt in der letzten Zeit , Cousine « , sagte er bitter und ging neben ihr weiter . » Ich erinnere mich der Zeit , wo Sie noch scheu vor jedem Blick flohen , und ich dächte , das ist noch gar nicht so lange her . « » Gewiß ! « erwiderte sie . » Urplötzlich erstarkt ein schwaches Herz , sobald es fühlt , es muß allein für sich einstehen . Ich bin übrigens dreiundzwanzig Jahre alt , Vetter , und in der letzten Zeit gewaltsam aufgerüttelt aus dem sorglosen Mädchenleben . « » Es ist etwas großes um eine stolze Frauenseele « , antwortete er ironisch , » nur schade , daß dieser Stolz beim ersten Anprall des Lebens so leicht brechen kann . Mich rührt es stets « , fuhr er fort , » wenn ich sehe , wie ein Weib , das die Welt nicht kennt , mit einem Mut sondergleichen sich auf einen unmöglichen Posten stellt . Man möchte sie zurückreißen von dem schwindelnden Abgrund und wird doch nur kalt lächelnde Zurückweisung dafür ernten . « » Vielleicht besitzt dennoch die eine oder die andere neben dem Mut auch die nötige Stärke , auf dem Posten auszuhalten « , sagte Klaudine , bebend vor innerer Erregung . » Möglich ! « erwiderte er achselzuckend . » Es gibt Naturen , die da von sich als von einer Ausnahme denken : › Seht , das kann ich wagen , ungestraft wagen ! ‹ Sie sind dann plötzlich am tiefsten zu Boden geschmettert . « » Meinen Sie ? « fragte sie ruhig . » Nun , es gibt auch Naturen , die hoch genug von sich denken , um den Weg zu gehen , den ihr Gewissen und die Pflicht sie wandern heißt , ohne nach rechts oder nach links zu sehen und ohne auf unberufene Wegweiser zu achten . « » Unberufene ? « » Ja ! « rief sie , und ihre schönen Augen blitzten in leidenschaftlicher Erregung . » Wie kommen Sie dazu , Baron Gerold , mir Ihre dunklen Weisheitssprüche , Ihre rätselhaften Sarkasmen aufzutischen , sobald Sie mich erblicken ? Haben wir je miteinander so gestanden , daß Sie diese Bevormundung wagen dürfen ? « » Niemals ! « antwortete er tonlos . » Und wir werden auch niemals so stehen « , fuhr sie bitter fort . » Ich kann Ihnen aber , falls es Sie beruhigt , die Versicherung geben , daß der Name › Gerold ‹ durch mich nicht leiden wird , denn – und das ist doch wohl Ihre alleinige Sorge – ich kenne meine Pflicht . « Er war blaß geworden . Sie eilte jetzt schneller vorwärts , er blieb etwas zurück und holte sie dann an der schmucken Gärtnerei , in der Heinemanns Tochter mit ihrem Manne wohnte , wieder ein . » Der Platz ist verlassen « , bemerkte er jetzt , nach vorwärts deutend , » die Herrschaften scheinen im Schlosse zu sein . « In der Tat , unter den Eichen war es einsam , ein Diener , der dort aufräumte , berichtete , die Durchlauchten seien nach Neuhaus gefahren und Ihre Hoheit erwarte Fräulein von Gerold in ihrem Zimmer . Der Wagen von Neuhaus werde zurückkommen . Sie wandte sich dem Schlosse zu . Die Abendsonne übergoldete die Wipfel der Bäume und ließ die zahllosen Fenster in dem altersgrauen Sandsteingemäuer in Feuergarben aufsprühen . Ein rosiger Schimmer färbte die Luft , aus dem Dorfe klang die Abendglocke des Kirchleins . » Leben Sie wohl « , sagte Lothar stehen bleibend , » ich möchte versuchen , Seine Hoheit aufzufinden , um mich bei ihm zu verabschieden . Sie wissen ja Bescheid in diesen Gängen , können ja überhaupt des Wegweisers entbehren . « Er verbeugte sich tief vor ihr . Stolz neigte sie den Kopf . Sie wußte ja , daß jene schwachen Fäden der verwandtschaftlichen Rücksichten , die sie in der Abgeschiedenheit des Landlebens oberflächlich aneinander gefesselt hatten , gewaltsam zerrissen waren , eben zerrissen , als sie sich unberufene Ratschläge verbat . War sie zu schroff gewesen ? Ihr Fuß zögerte einen Augenblick , bevor sie weiterschritt , dann ging sie doppelt rasch in dem überschatteten Wege dahin , der zur Hauptallee führte . Um eine Biegung trat plötzlich der Herzog . Er nahm den Hut ab und schritt , ihn in der Hand behaltend , neben ihr . Er sprach über die Parkanlage und wies auf eine Gruppe prächtiger Blutbuchen , die sich wirkungsvoll von dem lichten Grün der dahinter stehenden Lärchen abhob . » Wo haben Sie den Baron gelassen , gnädiges Fräulein ? « fragte er dann . » Eben verließ mich mein Vetter « , antwortete sie , » wenn ich nicht irre , wollte er Eure Hoheit aufsuchen , um sich zu verabschieden . « » Ah ! Nun , er wird mich zu finden wissen . Ich habe überdies ein Attentat auf ihn vor , ich will ihn festhalten heute abend ; er soll eine Partie Billard mit mir spielen . Meine launische kleine Cousine muß eine Strafe haben . « Er lächelte dabei und sah Klaudine forschend an . » Sie waren hoffentlich nicht verletzt von diesem Kinderstreich ? « fragte er und trat neben ihr in die große Allee , die zum Schlosse führte . » Nein , Hoheit ! « erwiderte Klaudine , indem sie mit verdüsterten Blicken dem Schlosse entgegensah . Vor der Freitreppe standen zwei Herren im Gespräch , eben wandte sich der eine . » Bei Gott , Rittmeister « , sagte er leise , » sehen Sie – wie weiland Ludwig der Vierzehnte , wenn er der Lavalliere seine Ehrfurcht bezeigen wollte . « Der Angeredete schwieg , aber er sah mit einem