Treiben der verhaßten Dachstubenbewohnerin , ehe er ihr entgegentrat . – Sie mußte aus einer Seitentür , wohl aus der Küche , gekommen sein und mochte noch einen Augenblick an einem Tische hantieren ; ein leises , sofort wieder verstummendes Aneinanderklingen von Glasgeschirr wurde hörbar , dann huschte die Schleppe weiter , und die Dame trat in den Gesichtskreis des Lauschers . Die schlanke , vornehme Gestalt kehrte ihm den Rücken zu . Er sah den feinfrisierten Hinterkopf , reiche , dunkle Flechten , aus denen sich hinter dem Ohr ein paar kurze Locken stahlen , sah , wie die eine Hand nach der Schleppe des dunklen Kleides zurückgriff , um sie zierlich aufzunehmen – wunderlich ! – er hatte diese junge Dame neulich in der Abenddämmerung nur flüchtig wie einen Schatten neben ihrem Onkel gesehen , er hatte nie in seinem Leben mit ihr gesprochen , und doch war es ihm , als kenne er sie seit lange , lange . Sie beugte sich tief über den Schlafenden und horchte auf seine Atemzüge ; eine Fliege , die um das Kopfkissen summte , wurde mit sanfter Hand weggescheucht ; dann wandte sich die Dame um , und – der Mann in dem Hausflur stand wie vom Donner gerührt ! ... Und wenn sie auch eine vollendete Dame schien , wenn auch eine Fülle krauser Löckchen tief in ihre Stirn fiel , ein modern eleganter Anzug eng die Formen umschmiegte , die der Arbeitskittel und die dicken , steifen Schürzenfalten bisher erfolgreich verpuppt hatten – es war doch Amtmanns Magd , die da , in sich gekehrt , mit gesenkten Lidern lautlos nach dem Tisch an der Tür zurückkehrte ! ... Wie Schuppen fiel es von den Augen des Mannes , dem vor Bestürzung der Atem stockte – Teufel ! – er hatte sich schmählich täuschen lassen ! Er war dieser Feinen gegenüber der ehrliche , dummgläubige deutsche Michel gewesen , der , ohne allen Spürsinn , weder ein Rechts noch Links erwogen und gerade nur das festgehalten hatte , auf was er mit der Nase gestoßen worden war ... Ein ganz klein wenig mehr Schlauheit , als Stiefmutter Natur ihm gegeben , hätte leicht das Rätsel der Sphinx zu lösen vermocht , denn es war nicht schwer gewesen , und neben dem bitteren Ernst hatte leise und lieblich mädchenhafte Schelmerei hineingespielt , wie er nun wußte – das » Bild von Sais « hatte freilich hinter seinem Schleier in der Dachstube sitzen müssen , während Fräulein Agnes Franz in den Arbeitskittel geschlüpft war , um Brot für die beiden unglücklichen alten Menschen zu schaffen . » Unzertrennlich , ein Herz und eine Seele « seien Fräulein Erzieherin und Amtmanns Magd , war ihm der strikten Wahrheit gemäß gesagt worden , und wenn er dabei nicht auf den gescheiten Gedanken gekommen war , daß das Doppelwesen auch ein und denselben Kopf haben könne – den schönen , ausdrucksvollen , den er von seinem Versteck aus so lockend nahe vor sich sah – so hatte das eben nur so einem unbeholfenen , blödsichtigen alten Knaben wie ihm passieren können ... Ein Gemisch von Zürnen und Bewunderung , von Verlangen nach Vergeltung und mitleidsvoller Zärtlichkeit wogte in ihm auf , und er dankte seinem guten Stern , der ihn im Dunkel der Hausflur festgehalten – da blieb ihm Zeit , sich zu sammeln . Den Triumph , ihn in seiner grenzenlosen Bestürzung zu sehen , sollte » Fräulein Erzieherin « doch nicht erleben , nicht einmal Erstaunen durfte sie in seinen Zügen finden ! Ohne ihn zu bemerken , ging sie quer an der offenen Tür vorüber , und er bog sich weit vor , um sie am Tische beobachten zu können . Sie zerschnitt eine Zitrone und warf die Scheiben in ein Glasgefäß voll Brotwasser – und nun wußte er auch , weshalb die schöne Nichte nicht ohne Handschuhe ausgehen sollte ; der » alte Prahlhans « auf dem Vorwerk suchte es nunmehr nach Kräften zu vertuschen , daß » eine Franz , die Tochter eines höheren Offiziers « , Magddienste hatte verrichten müssen – und die schlimmsten Verräter waren allerdings die braunen Hände da , an denen sich die Spuren harter Arbeit nicht so bald verwischen ließen ... In diesem Augenblick stob draußen der Gewittersturm vorbei . Wie ein alarmierender Trompetenstoß schrillte er durch die Lüfte und weckte ein majestätisches Sausen und Brausen in den geschüttelten Waldwipfeln ; aber er machte auch die Fenster des Hauses klirren und rüttelte an der Flurtür , als wolle er sie aufstoßen . Die Dame am Tische horchte auf und sah besorgt nach dem Kranken im Bett zurück , der indes nicht einmal einen Finger der auf der Decke liegenden Hand bewegte ; er schlief offenbar den Schlaf tiefster Erschöpfung . Unterdes trat Herr Markus geräuschlos näher , er war nunmehr vollkommen Herr seiner selbst geworden , und als sie beruhigt den Kopf wandte , um ihre Beschäftigung fortzusetzen , da fiel ihr Blick auf ihn , der in verbindlicher Haltung , den Hut in der Hand , an der Türschwelle stand . Ein sichtbarer Schrecken durchfuhr sie , Zitrone und Messer entfielen ihren Händen ; aber sie gewann unglaublich rasch ihre Fassung wieder , es war , als wüchse ihre Erscheinung vor seinen Augen ... So hochaufgerichtet trat sie vom Tische weg , ging über die Schwelle an dem Zurückweichenden vorüber und öffnete die gegenüberliegende Tür , die in die Wohnstube des Forstwärters führte . » Bitte , mein Herr , treten Sie ein ! « sagte sie , unter einer einladenden Handbewegung , höflich , fremd , mit schwacher und doch so wohlbekannter Stimme . » Sie suchen jedenfalls Zuflucht vor dem herankommenden Gewitter – « Er unterdrückte ein Lächeln . » Fräulein Franz ? « fragte er unterbrechend mit einer Verbeugung , so kühl und zurückhaltend , als sähe er diese Dame zum erstenmal in seinem Leben . » Ja , mein Herr , ich bin die Nichte des Amtmanns , Agnes Franz – « bestätigte sie – ihr Blick suchte den Boden , und das Blut wallte ihr nach dem Gesicht – , » die Erzieherin , « setzte sie mit festem , geschärftem Ton hinzu ; sie sah auf , und ihre Augen flimmerten in einem sichtbaren Kampf zwischen Befangenheit und feindseligem Trotz . Er bemerkte das nicht , er war sehr unbefangen . An der Tür stehen bleibend , sagte er wie zu seiner Entschuldigung : » Es ist nicht meine Absicht , den Ausbruch des Gewitters hier abzuwarten – das Naßwerden darf mich nicht schrecken , denn es ist sehr möglich , daß ich , wie ich da bin , schon im nächsten Augenblick hinaus muß , um stundenweit zu gehen ... Ich suche ein junges Mädchen , eine barmherzige Schwester , die mir gestern den Verband da angelegt hat « – er zeigte nach seiner Rechten . – » Der Herr Amtmann sagt , das Mädchen sei fort , fort auf Nimmerwiederkehr – ist das wahr , Fräulein Franz ? Ist sie fort ? « Sie wich seinem ernsthaften , durchdringenden Blick aus und antwortete unsicher : » Ihre Hilfe und Tätigkeit wurde nicht mehr gebraucht – Sie selbst haben ja einen Ersatz für sie beschafft – « » Und da ist sie gegangen , ohne sich zu erinnern , daß sie ein gegebenes Wort einzulösen hat ? ... Sie sagte gestern : › Ich komme morgen wieder , um nachzusehen ‹ – Sie müssen wissen , daß das für mich so gut wie Manneswort war , so unantastbar wie ein Evangelium . – Nun wohl , ich habe geduldig gewartet . Ich habe stundenlang in die zitternde Nachmittagsglut hinausgestarrt , immer hoffend , einmal müsse doch das Mädchen im Arbeitsrock , mit dem weißen Tuch über dem Kopf , um die Waldecke kommen . Ich habe den Verband da nicht berührt , aus Besorgnis , er könne sich lockern und mir den Tadel der barmherzigen Samariterin zuziehen . Nun ist sie fort , in die weite Welt , als habe sie der Wind für immer weggeweht , sagt der Herr Amtmann – was fange ich an ? – « » Erlauben Sie , daß ich das gegebene Wort einlöse , « sagte sie , die Hand nach seiner Rechten ausstreckend , und ein scheuer , fast lächelnder Blick streifte sein Gesicht – er verzog keine Miene . » Ich danke , « versetzte er zurückweichend . » Das kann ich nicht annehmen . Der Verband bleibt wie er ist , bis ich meinen lieben Heilgehilfen gefunden habe . Ich sagte Ihnen schon , daß ich ihm nachgehen würde , und hoffe zuversichtlich , Sie werden menschenfreundlich genug sein , mir einen Fingerzeig zu geben , wie ich seiner habhaft werden kann – « » Nein – das werde ich niemals ! « unterbrach sie ihn schroff und wandte sich ab . » Aber das ist hart und unchristlich und häßlich parteiisch ! ... Was hat denn der fremde Bettler drüben auf dem Krankenlager mir voraus , daß er sorgsam gepflegt wird , während Sie mir die Auskunft verweigern , die mir Heilung bringen soll ? « Sie wurde ganz blaß und drückte unhörbar die Tür zu , die bisher nur angelehnt gewesen war . » Jawohl , ein Bettler , « sagte sie mit umflortem Blick , » ein Mensch , dem nicht einmal das Kopfkissen gehört , auf welchem er seine Todeskrankheit durchgemacht hat . – Es ist bitter , über das weite Meer , durch tausend Gefahren und Strapazen dem Golde nachgegangen zu sein , um schließlich , zum Sterben erschöpft , arm wie Hiob , an der heimischen Schwelle zusammenzubrechen ... Für sein Mütterchen hat er draußen arbeiten und einheimsen wollen . Er hat gewußt , daß ein Tag kommen mußte , wo sie aus Glanz und Wohlleben in die bitterste Not hinabgestoßen werden würde , und da hat er sich losgerissen , als er glaubte , es sei noch Zeit , vorzubeugen ... Ein anderer wäre vielleicht mit dem Scheitern seiner Pläne für die Seinen verschollen – das hat er nicht gekonnt – die Sehnsucht nach der alten Frau hat ihn gleichsam mit dem Zwangspaß nach Hause gejagt . Und nun muß er hier , keine tausend Schritt von ihrem Siechbett entfernt , unfreiwillig Halt machen – « » Ist es der , auf dessen Zurückkunft der Amtmann hofft , wie die Juden auf den Messias ? « unterbrach sie der Gutsherr ahnungsvoll , mit zurückgehaltenem Atem . Sie neigte schweigend und bejahend den Kopf . Er fühlte sich tief erschüttert . – Das war also der » Nabob « ? – Eben noch hatte der alte Mann in seinen vermessenen Einbildungen sich und seinen Sohn » Regierende von Goldes Gnaden « genannt ; er war stolz auf sein » großartiges Programm « gewesen , das mit dem kalifornischen Golde urplötzlich eine Wüstenei in eine Art Schlaraffenreich verwandeln sollte ... Und durfte man sich auch sagen , daß der eingefleischte Renommist an seine kühnen Hoffnungsbilder selbst nicht allzufest glaube , so blieb es doch herzbewegend genug , zu wissen , daß » der Strolch mit dem polizeiwidrigen Bart « , dem er einen Zehrpfennig und ein Stück Bettelbrot vor das Hoftor geschickt hatte , sein eigen Fleisch und Blut , sein » Goldjunge « gewesen war ... Und inmitten dieses Familiendramas stand ein Mädchen , mutig und klug , und in Kindestreue gleichsam die feindlichen Speere mit starken Armen zusammenfassend und in die eigene Brust drückend ... Sie hatte alles auf sich genommen , den furchtbaren Druck harter Arbeit , die Sorge um das tägliche Brot , die Pflege der zwei hilflosen Alten – und nun lag hier noch einer , dessen Heimkehr sie verbergen mußte ; nur verstohlen hatte sie zu ihm schleichen dürfen . Mit welch herzklopfender Angst mochte sie wohl des Nachts das Vorwerk verlassen haben , um hier zu wachen ! Und bei diesem Liebeswerk war sie von Frau Griebel gesehen und grausam verurteilt worden . Er sah sie mit gesenktem Kopf da an der Tür stehen und hätte ihre Knie umfassen mögen . Aber in diesem Augenblick galt es , streng den Sturm im Innern niederzuhalten ; sie war mit Recht erbittert und beleidigt , die vielgeschmähte Erzieherin – eine einzige leidenschaftliche Gebärde der Tiefverletzten gegenüber schleuderte ihn weit von dem ersehnten Ziel zurück , das sagte ihm ihre ganze Haltung . » Wird Ihr Vetter dem Leben erhalten bleiben ? « fragte er , Stimme und Gesichtsausdruck mit aller Kraft beherrschend . » Gott sei Dank – ja ! Der Arzt , der vor wenigen Minuten fortgeritten ist , erklärt ihn für genesend . Gestern abend zeigte er große Besorgnis – das Delirium hatte einen kritischen Charakter angenommen – « Das war das unheimliche Gemurmel in der Ecke gewesen , und aus dem biederen Thüringer Landarzt hatte die tolle Eifersucht einen Zigeunerhäuptling gemacht ! » Da trat an uns Pfleger einen Augenblick die schwere Frage der Verantwortung heran , « fuhr sie bewegt fort . » Ottos Heimkehr unter so unglücklichen Verhältnissen hatten wir vorläufig den Eltern verheimlichen müssen , aber wenn es ans Sterben ging – « sie verstummte in der Erinnerung an den furchtbaren Zwiespalt , in den sie gekommen war , und in die plötzliche Stille hinein grollte fern der Donner und ein Schauer großer Regentropfen schlug hart gegen die Scheiben . » Das Wetter kommt und der Forstwärter ist unterwegs nach der Tillröder Apotheke ! « rief sie besorgt . » Und auf dem Vorwerk ängstigen sich zwei alte Leute um eine junge Dame , die im Walde Blumen sucht , « sagte Herr Markus . Sie sah ihn fest , mit brennenden Augen an und zuckte bitter lächelnd die Schultern . » Was kann es schaden , wenn die verwöhnten , faulen Damenhände , die sich mit ihren gemalten Feldblumensträußen und Fingerübungen aufdringlich machen , auch einmal vom Gewitterregen gewaschen werden ? « fragte sie leichthin . Der Gutsherr biß sich auf die Lippen und blickte hinaus in die niederstürzende Regenflut . » Der Meinung bin ich auch , « versetzte er , sich nach einem augenblicklichen Schweigen gelassen umwendend ; » aber ich sehe nicht ein , mit welchem Recht Sie Ihre Bemerkung auf die sonnverbrannten Hände da beziehen mögen « – er zeigte nach ihren Händen , die noch den Türgriff umschlossen hielten . » Ja , schön sind sie nicht , « sagte sie mit Humor und ließ die Finger der Rechten vor ihren Augen spielen . » Der Onkel sieht auch seit heute mittag streng darauf , daß ich mich dem lieben alten Walde nicht mehr ohne Handschuhe zeige . « » Er hält auf das Äußere , der alte Herr , auf seinen Namen – « Sie lachte hart auf . » Er weiß und bedenkt nicht , wie schlimm es um diesen Namen steht ! Die Franzens haben ja einen mit all seinen Hoffnungen Gescheiterten – und eine Erzieherin in der Familie – « » Und – was ich für viel , viel schlimmer halte – ein häßlich rachsüchtiges , unversöhnliches Element in ihrem Blute , « ergänzte er mit hervorbrechendem Unwillen . – Er griff nach seinem Hut , den er auf den nächsten Tisch gelegt hatte . » Sie wollen doch nicht in das Unwetter hinausgehen ? « fragte sie verschüchtert . » Ei warum denn nicht ? – Es kann auch › dem Reichen , wie er in der Bibel steht ‹ , nicht schaden , wenn ihm der Regen auf den Hut fällt . – Die Luft hier im Hause regt mir das Blut auf . Ich will doch tausendmal lieber den Kampf mit Sturm und Gewitter aufnehmen , als hier der Engherzigkeit und Verbitterung standhalten ! ... Und haben Sie denn vergessen , daß ich einzig und allein hierhergekommen bin , mein Mädchen – Verzeihung , meinen lieben Heilgehilfen wollte ich sagen – zu suchen ? – Nun , hier ist sie nicht , die Tapfere , Großherzige , die Edle , die es nicht ertragen konnte , mir einen Schmerz verursacht zu haben , und , sich selbst verleugnend , zu mir gekommen ist – « » Sie tat nur ihre Pflicht , « unterbrach sie ihn mit zuckenden Lippen schroff und trotzig und dabei hocherrötend . » Sie haben recht , das Mädchen in Kopftuch und Arbeitsrock finden Sie hier nicht – sie wird sich überhaupt nicht wiederfinden lassen . Hat sie Ihnen nicht gesagt , daß sie mit mir ein Herz und eine Seele sei ? Muß sie dann nicht zürnen wie ich , nicht mit mir fühlen , daß eine Mädchenseele , die auf ihre Selbstachtung hält , es nicht verwinden kann , wenn ihr das Häßlichste nachgesagt wird : das Angeln nach Männerherzen ? ... Ich weiß am besten , wie sie am Fuß der Treppe , die zu Ihnen führt , mit sich gekämpft hat – « » Aber sie ist trotz alledem hinaufgegangen und hat gehandelt , wie das echte Weib handeln soll , mit dem mitleidigen Herzen , und nicht mit dem egoistischen Verstand , mit dem starren Prinzip , das da sagt : › Zahn um Zahn ‹ ! ... An diesem Herzen zweifeln , wäre eine Sünde , die ich mir selbst nicht verzeihen könnte , und deshalb sage ich – mögen Sie die Gütevolle , Selbstlose auch hier in diesen fremden vier Wänden vor mir verleugnen – ich sage : sie wird wiederkommen , weil ihre Samariterpflicht sie noch einmal mit mir zusammenführen muß « – er zeigte auf die verbundene Hand . » Sie werden sich erinnern , daß ich mich erboten habe – « » Und Sie wissen , daß ich diese Hilfe entschieden zurückweise ... Ich werde warten , geduldig warten , bis mein lieber Heilgehilfe sich seines Kranken erinnert ... Und nun will ich in Gottes Namen hinausgehen – vielleicht finde ich draußen im Walde seine Spur eher wieder ! « » Sie können jetzt das Haus unmöglich verlassen ! « » Bah , des Gewitters wegen ? Sehen Sie doch hinaus – im Augenblick fällt kein Tropfen mehr ! « Das Getöse des niederrauschenden Regens war in der Tat jäh abgerissen ; aber es war ein Innehalten , wie wenn ein Ringender mit einem tiefen , langsamen Atemholen neue Kraft schöpft . Als bräche die Nacht herein , so dunkel wurde es plötzlich im Zimmer – die schwarze Wolkenwucht senkte sich so tief , als wolle sie das Dach des Hauses und die Waldwipfel zusammendrücken . Der Gutsherr verbeugte sich leicht mit einem sprechenden Blick nach den Händen auf dem Türschloß ; aber sie gaben dasselbe nicht frei . » Gehen Sie nicht ! « sprach die junge Dame . Das klang so sanft und beweglich , wie gestern die Mahnung : » Seien Sie gut ! « Seine Augen strahlten feurig auf . » Ich bleibe , wenn Sie befehlen , « versetzte er nichtsdestoweniger kühl und förmlich . » Ich begreife , daß Sie sich , so allein hier , vor dem Gewitter fürchten . « » So geistesschwach bin ich nicht ! « entgegnete sie gereizt . » Von Kindheit an habe ich das Gewitter weit eher geliebt als gefürchtet . « » Nun , dann ist mir Ihr Wunsch ein Rätsel . Hätte die barmherzige Schwester ihn ausgesprochen , dann wüßte ich , daß es aus Besorgnis für mich geschehen wäre , wie sie ja gestern auch um meinetwillen zu mir gekommen ist – « » Sie irren sich ! Sie hat Ihnen ausdrücklich erklärt , daß sie den unerhörten Schritt aus Gewissensnot , im Hinblick auf die Menschenpflicht getan habe , « sagte sie fast heftig und warf mit einer unbeschreiblich stolzen , trotzigen Gebärde den Kopf auf . » Ach , so bitterernst ist das gemeint ? ... Und Sie haben wirklich das Herz , mir – weil ich leichtsinnig und oberflächlich über einen Beruf und seine Vertreterinnen geurteilt habe – meine süße Hoffnung zu rauben ? « Sie sah auf den Boden und ihre Hände sanken vom Türschloß herab . » Finden Sie nicht ein milderndes Wort , an welchem ich mich aufrichten könnte ? « Man sah , daß ein heftiger Widerstreit der Gefühle in ihr kämpfte ; allein ihre Lippen blieben geschlossen , und das blasse Gesicht wurde starr im Ausdruck unbeugsamen Widerstandes , während sie von der Tür wegtrat . » Nun wohl , dann nehme ich die grausamste Enttäuschung meines Lebens hin und gehe ! « rief er , indem er die Tür öffnete und durch den Hausflur nach dem Ausgang schritt . Er hatte völlig vergessen , daß ein Kranker im Hause liege , und deshalb seine kräftigen , raschen Bewegungen in keiner Weise gemäßigt – so mochte das Geräusch des kreischenden Türgriffes und der festen Schritte auf dem Backsteinfußboden den Schlafenden aufgeschreckt haben . » Agnes ! « rief eine matte , verlangende Stimme von der Zimmerecke her . Herr Markus sah noch , wie die junge Dame über die Schwelle der anderen Stube geflogen kam ; er sah auch , wie sie , im heftigsten Zwiespalt mit sich selbst , in der Hausflur ihre Schritte hemmte und mit angstvollen Augen ihn verfolgte , bis es ihm gelang , dem eindringenden Sturm die Haustür zu entreißen und sie zu schließen . 18. Er hatte seine ganze bedeutende Körperstärke nötig , um sich gegen den Gewittersturm zu halten , der ihn beim Verlassen der Türstufen wütend anfiel . Es sah schlimm aus über ihm und um ihn her . Das schwarze , kochende Wolkengemenge da oben hatte der Blitze genug und wohl auch Hagel in seinem Schoße , und der fauchende Wüterich , der ihn schüttelte und wie einen Wall vor sich herstieß , konnte sich jeden Augenblick den Spaß machen , einen der ächzenden Waldriesen wie einen Blumenstengel zu entwurzeln und über den dahintaumelnden , machtlosen Erdenwurm her zu schleudern ... Zwischen den vier roten Wänden war es freilich sicherer gewesen , und ein anderer mit kühlem Kopfe und normalem Pulsschlag wäre jedenfalls zurückgekehrt – ah , um keinen Preis tat er das ! Er hatte jetzt das Heft in der Hand ! Einen besseren Bundesgenossen , als dieses erschreckende Wüten und Toben in den Lüften , konnte er sich nicht wünschen . Ein Lächeln lag auf seinen Lippen , ein ganz verstohlenes , leises , das ihm gleichsam ohne seinen Willen aus der Seele heraus glänzte . So kämpfte er ein tüchtiges Stück auf der Fahrstraße weiter , bis plötzlich ein Blitz niederzischte , dem sofort ein anhaltender , so entsetzlich krachender , erderschütternder Donnerschlag folgte , wie er nur im engen Talgrund , zwischen hohen , versperrenden Bergen dröhnen kann . – Einen Augenblick stand Herr Markus betäubt , als habe der Blitz zu seinen Füßen eingeschlagen und ihn gestreift ; der Sturm schwieg wie im jähen Schrecken und machte einer sekundenlangen Stille Platz , in welcher noch das schwefelgelbe Licht des Blitzes auszuzittern schien ... Aber nun stürzten aufs neue wie erlöst die Wassermassen nieder , in klatschender Wucht und einen ganzen Hagel kleiner , rasselnder Eiskörner mit sich schleppend . Herr Markus sprang quer über die Wiese , den Abhang hinauf . Da oben stand , wie er wußte , ein kleiner Schuppen , ein Unterschlupf für die Waldarbeiter , halb verdeckt vom Dickicht , unter den Tannen . In wenig Augenblicken hatte er das einfache Obdach erreicht ... Es hatte drei aus groben Bruchsteinen mühelos hergestellte Wände und ein Dach aus dünnen Fichtenstämmen , und wenn der Regenguß nicht das festgestopfte Moos aus den Fugen riß , dann war der Schutzsuchende wenigstens notdürftig vor Sturm und Nässe geborgen . Er zog sich in die Tiefe des Schuppens zurück und sah , halb gepackt von Grauen , in das Unwetter hinaus ... Da war es nun , was am Sonntag Pfarrer und Gemeinden der Walddörfer inbrünstig vom Himmel erfleht hatten , das köstliche , strömende Naß , das die halbvertrockneten Adern der Pflanzenwelt füllen und die Hoffnung auf den Erntesegen , auf das nötige Stück Brot neu beleben sollte ! Aber unter welchen furchtbaren Kämpfen gab es die Natur heraus ! ... So grauenvoll lebendig zuckte und zischte die Feuerschlange aus allen Richtungen , so ohne allen Unterlaß krachten die folgenden Donnerschläge , daß man meinen konnte , dem alten Griechengott sei das Bündel seiner Blitze entfallen – es war , als wollten diese erschütternden Entladungen die seit Jahrtausenden eng zusammengerückten Bergwände auseinandertreiben ... Und die hereinbrechenden Wasserfluten wandelten im Nu die flache Wiese zum Seespiegel , sie füllten das ausgetrocknete Bett des kleinen Baches und schossen lehmfarben durch den Grund , Steingeröll und entwurzelte Pflanzen und schließlich auch den lose hingelegten Steg mit sich reißend ... Ob wohl der braven Griebel diese » Pelzwäsche « gründlich genug war ? ... Übrigens blieb das Stückchen Waldboden , das die drei Wände umschlossen , vollkommen trocken ; das Wasser floß zu beiden Seiten den Abhang hinab . Auch das Dach hielt wacker stand ; die unteren Äste der sausenden Tannenwipfel peitschten freilich das schwanke Gefüge , aber sie wehrten auch den ersten Aufprall des Regengusses , und nur wenn es dem Sturm gelang , sich einzuwühlen und die mächtigen Stämme wie Gerten auseinanderzureißen , da kam ein direktes Sturzbad so prasselnd hernieder , daß dem Geflüchteten in seinem Schlupfwinkel Hören und Sehen verging . Das war nur ein Gewitter im Walde ! Ein zornschnaubendes , versprengtes Ungetüm in einer Sackgasse ! Es konnte nicht über die Berge und tobte , bis ihm der Atem ausging ... Das dauerte lange , unerträglich lange – Herr Markus lief schließlich , glühend vor Unruhe und Ungeduld , in dem engen Raum auf und ab . – Aber nun wurde es auch allgemach heller , der Donner verrollte und die Regengüsse ließen nach . Allmählich wagten sich andere Laute hervor , das Piepen und Locken der Vögel , raschelndes Schlüpfen kleinen Getiers durch das tropfende Geäst und schwaches Lebensgeräusch von menschlichen Wohnstätten herüber . Auch fernes Wagenrollen auf quiekenden Rädern wurde hörbar ; es kam auf der Fahrstraße näher und näher und hielt einen kurzen Augenblick an – jedenfalls vor dem einsamen roten Hause . Dann schwankte der Wagen in dem zerweichten Boden schwerfällig weiter und erschien endlich auf dem Stück Wegbiegung , das Herr Markus übersehen konnte . Es war ein Leiterwagen mit übergelegter Plane , der wahrscheinlicherweise den heimkehrenden Forstwärter aufgenommen und nun vor seiner Wohnung abgesetzt hatte . Ah , der Grünrock war nunmehr zu Hause ! Nun löste der Pfleger die Pflegerin ab , und wenn Angst und Besorgnis um andere , von dem grausen Unwetter überraschte Menschenwesen in ihr lebten , so frug sie nicht nach dem immer noch fallenden Regen , nach dem schwimmenden Boden – sie benutzte ihre Freiheit , ihre Erlösung von den gebieterischen Wärterpflichten und kam ! ... Ja , sie kam ! Sie kam daher wie eine dem Gefängnis Entsprungene – Schleierhut und Handschuhe und Schirm waren im Forstwärterhause liegen geblieben . Sie hatte die Schleppe über den Arm geschlagen ; die schlanken , behenden Füße flogen den Weg daher , und mit wilden Bewegungen wandte sich der Kopf suchend nach allen Richtungen – meinte sie , ein vom Blitz Erschlagener müsse am Wege liegen ? – Herr Markus verließ den Schuppen und duckte sich hinter das nahe Tannendicht . Sie konnte von unten aus den offenen Raum zwischen den drei Wänden übersehen und sollte und mußte ihn leer finden . Mit einem den Schuppen überfliegenden Blick eilte sie denn auch vorüber und schlug den schmalen , durch den Wald nach dem Hirschwinkel führenden Gehweg ein . Daß dieser Pfad heute nicht mehr gangbar war , hatte sie freilich nicht wissen können – nun machte sie halt und prallte zurück vor dem breiten schäumenden Gewässer , zu welchem das halbversiegte , friedfertige , den Weg quer durchschneidende Büchlein angeschwollen war ... Kein Steg weit und breit ! – Sie lief wie verzweifelt am Ufer hin und suchte nach einer eingeengten Stelle , die sie überspringen könne . Währenddem war der Gutsherr unhörbar den Abhang herunter , über den weichen , schwimmenden Wiesenboden her gekommen . Er stand hinter ihr in dem Augenblick , wo sie hastig ihre Kleider zusammennahm , um das Wasser zu durchschreiten . – Blitzschnell schwang er die Arme um sie und hob sie hoch vom Boden auf . Sie stieß einen Schrei aus – ihr Antlitz , das wie in halber Ohnmacht auf seine Schulter sank , war furchtbar verweint und noch angstentstellt , aber jetzt verklärte es sich unter einem tiefen , erlösenden Aufatmen . » Ich tue es nicht aus allgemeiner Menschenpflicht – « flüsterte er ihr lächelnd ins Ohr , während er sie durch das Wasser trug – » ach nein , solch ein Allerweltshelfer bin ich nicht ! – ich tue es einzig um Ihretwillen ! « Drüben ließ er sie sanft auf den Boden niedergleiten . » Sie haben sich wehe getan ! « fuhr sie empor und faßte nach seiner verbundenen Hand , weil er mit einer raschen Bewegung von ihr weggetreten war . » Ich habe mir nicht sehr wehe getan , « sagte er doppelsinnig . Jeder Unbefangene hätte den versteckten Schalk in seinen Augen sehen müssen – sie in ihrer großen Aufregung nicht . » Möglich , daß unter dem Verbande da etwas nicht in Ordnung ist , « meinte er achselzuckend ; » aber was tut das ? Meine kräftige Natur wird sich schon selbst zu helfen wissen ... Und nun gehen Sie schleunigst heim ! Ich weiß , die alten Leute verzehren sich in Angst um die Blumensucherin ... Aber der Onkel wird schön zanken , daß Sie ohne Handschuhe ankommen – soll ich sie holen ? « Er machte Miene , nach dem Forstwärterhaus zurückzulaufen . Sie schüttelte abwehrend den Kopf , und jetzt dämmerte