emporgeschwungen , daß ich glaubte , wie aus den Wolken auf die kleine Erde niederblicken zu können , und schaute ich darauf rückwärts nach der Löwenburg hinüber , nach der Richtung , in welcher die traute Oberförsterei lag , o wie friedlich und doch auch wieder so stürmisch klopfte mir dann das Herz . Gefühle der mildesten und freundlichsten Art erfüllten meine Brust , und indem alle meine Gedanken sich um eine einzige Hoffnung vereinigten , sprach ich wie unbewußt vor mich hin : » Johanna ! « – Nach ziemlich mühevoller Wanderung auf dem noch schlüpfrigen Pfade erreichte ich endlich den Gipfel des Berges . Die Sonne neigte sich stark den Westlichen Höhen zu , als ich oben eintraf und vergeblich nach Denjenigen spähte , die mich dorthin gefordert hatten . Ich dachte schon daran , meine Anwesenheit durch einen lauten Ruf zu verkünden , in der Hoffnung , in gleicher Weise eine Antwort zu erhalten , als meine Blicke auf einen Stab fielen , welcher auf der Mitte des kleinen den Berggipfel bildenden Plateaus in die Erde gesteckt worden war und auf dem obern Ende einen Streifen Papier , wie ein Fähnchen , lustig in ein leisen Abendwinde flattern ließ . » Das Papier muß unstreitig erst nach dem Regenguß dort befestigt worden sein , « dachte ich , mich demselben nähernd und es von dem Stäbchen lösend , Ein Blick belehrte mich , daß ich mich nicht täuschte , denn ich enträthselte sogleich meinen in Chiffern geschriebenen Namen , dem noch mehrere Reihen mit Bleifeder geschriebener Zahlen beigefügt waren . » Sei uns willkommen als Bruder und Mitkämpfer . Die Vorsicht gebietet uns , nicht eher von Angesicht zu Angesicht bekannt mit Dir zu werden , als bis Du durch einen heiligen Eid bekräftigt , daß Du fest entschlossen bist , unserm Bunde beizutreten , und Deinen Entschluß nicht bereust . Noch ist es Zeit zum Umkehr ; wir wandeln auf gefährlichen Wegen ; prüfe Dich daher , und fühlst Du den leisesten Zweifel , so laß diesen Zweifel maßgebend für Dein ferneres Verhalten sein . Kehre um ; vergieß , was Du erfahren hast , bringe dieses Schreiben an dieselbe Stelle , von welcher Du es fortnahmst , und trachte nicht danach , Einen von uns kennen zu lernen ; es würde vergebliche Mühe sein . Bist Du indessen bereit , Dein Leben auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen , dann zerbrich , als Beweis , daß Du mit allen andern , Dich in Deinem Thun und Lassen möglichen Falls beeinflussenden Rücksichten gebrochen , den Stab vor Deinem Knie und hebe , Gott zum Zeugen Deines Willens und Deines Versprechens anrufend , Deine Hand empor . « So lautete das Schreiben . Aufmerksam las ich es zu Ende , als ich aber den Inhalt schon längst kannte , blickte ich noch immer , wie lesend , auf dasselbe hin . Ich ahnte , daß von allen Seiten prüfende Augen auf mich gerichtet seien , und schämte mich , die in meiner Seele wühlenden Zweifel vor diesen zu verrathen . Bei dem Satz , daß ich mit allen andern Rücksichten zu brechen habe , gedachte ich meines greisen , wohlwollenden Vormundes und ich zögerte mit meiner Entscheidung ; sobald ich mir aber Johanna ' s holdes Bild vergegenwärtigte , mir in ' s Gedächtniß zurückrief die traurige Geschickte , welche sich an ihre Kindheit knüpfte , und daß sie wohl verdiene , nicht nur der geliebte und gesegnete Mittelpunkt einer glücklichen Häuslichkeit , sondern auch ein hochgeachteter und verehrter , leuchtender Stern im höchsten , geselligen Verkehr zu werden , da fühlte ich alle Bedenken plötzlich von mir weichen . Um den unbekannten Beobachtern darzulegen , daß für den Muthigen Nichts zu gefährlich sei , zerriß ich das Papier schnell in kleine Stücke , und nachdem ich diese in die Luft geschleudert , daß sie , ähnlich einer kleinen Heerde verirrter Schneeflocken , um mich herumwirbelten und der Richtung der Luftströmung eine Strecke nachfolgten , legte ich meine Hand mit festem Griff an den Stab . Ein kurzes Rütteln und er befand sich in meinem Besitz , mit ebenso entschiedenen Bewegungen zerbrach ich ihn darauf in der mir vorgeschriebenen Weise , und meine Hand feierlich emporhebend rief ich aus : » ich schwöre ! « Alsbald begann es sich hinter den Stechpalmengruppen und den durch Brombeerranken fast undurchdringlich gemachten Wachholderbüschen zu regen . Farbige Mützen tauchten ringsum empor und treue Hände streckten sich mir von allen Seiten zum brüderlichen Gruß entgegen . Das Erscheinen von fünfzehn oder sechszehn Studenten hatte ich erwartet , es überraschte mich daher nicht . Aber einen Ausruf des Erstaunens vermochte ich nicht zu unterdrücken , als ich in die vertrauten Gesichter von Commilitonen schaute , mit denen ich so manches liebe Mal beim heitern Zechgelage vereinigt gewesen , so manches liebe Mal bei der ernsten Melodie des » Landesvater « die spitze Rappierklinge , zum Zeichen ewiger Treue , durch die hochgehaltene Corpsmütze gestoßen . » Also auch Du ! ? « rief ich erstaunt aus , als meine Blicke zuerst einen alten Schulfreund von mir trafen , » und auch Du ? « fuhr ich fort , einem flotten Burschen , dem ich einst im ernsten Duell gegenübergestanden , die Hand drückend , » und Du und Du ? « rief ich jedesmal , sobald ich in ein anderes befreundetes Antlitz sah und in demselben den Ausdruck ungeheuchelter Freude entdeckte . » Und vor allen Dingen Du selber , « hieß es von allen Seiten zurück , » Du , unser Bruder auf Leben und Tod , Du , unser treuer Gefährte bei dem ernsten Werke , welches wir vorbereiten . « Wäre ich über die von mir einzuschlagende Handlungsweise noch von Zweifeln befangen gewesen , in diesem Augenblick hätten sie gewiß ihr Ende erreicht . Denn fühlte ich mich schon gehoben durch den warmen Empfang , der mir zu Theil wurde , so empfand ich eine doppelte Befriedigung , mich nur von Freunden und Studiengenossen umgeben zu sehen , die ich , ihrer ehrenhaften Führung wegen , stets mit Achtung zu betrachten gewohnt war , und die , hochgestellten wie auch bescheidenen Familien entsprossen , nicht nur den Unterschied in ihrem Herkommen , sondern auch die oft maßgebende Dauer ihrer Studienzeit bis auf die letzte Spur vergessen hatten . Da zeigte sich nichts von finsterem Fanatismus oder überspannter Schwärmerei , dagegen sprach deutlich aus den enthusiastisch leuchtenden Augen die heilige Ueberzeugung , daß man sich ein edles , ein erhabenes Ziel gesteckt habe und mit Freuden bereit sei , zur Erreichung desselben , Alles , selbst Leben und Freiheit in die Wagschale zu werfen . Ich blickte im Kreise herum , überall gewahrte ich denselben Ausdruck , an welchem sich mein Herz erwärmte und meine leicht erregbare Phantasie sich entzündete , und nachdem die erste Begrüßung beendigt , da rief ich , von wildem Entzücken ergriffen , noch einmal laut aus , indem ich die Mütze von meinem Haupte zog : » Treue bis zum Tode ! Treue über das Grab hinaus , und mag Gottes Segen auf unserm Beginnenn ruhen ! « » Mag Gottes Segen auf unserm Beginnen ruhen ! « antwortete im Chor die Schaar der Brüder ; die Häupter entblößten sich , wie zum Gebet , und die Augen erhoben sich andächtig zum Himmel , an welchem eine Heerde rosig-glühender Wölkchen einherzog . Die Sonne , bereits ihres blendenden Strahlenkranzes beraubt , beleuchtete magisch die mittelalterlich geschmückten Gipfel der Berge , die Lerchen , zum letzten Mal für diesen Tag emporgestiegen , schmetterten ihr Abendlied , und tief unten , in der Mitte des Rheines auf der grünen Insel , da rief nach alter gewohnter Weise vom Thurm der Klosterkapelle das Vesperglöcklein zum gemeinsamen Ave Maria . Wie aus den Wogen des Rheines selbst tönten die feierlichen Klänge zu uns herauf ; mochten sie auch in den leeren , längst für andere Zwecke eingerichteten , gespenstischen Klosterräumen ungehört verhallen , so erweckten sie doch manches Gemüth zu frommen Betrachtungen . Mir war es wenigstens , als ob die Natur vor dem Entschlummern noch einmal das Hochamt abgehalten und der liebe Gott selber als Meßner das Glöcklein dazu geläutet habe . Aehnliche Gefühle mußten meine Kameraden bestürmen , denn alle erschienen von demselben Ernst , von demselben festen , heiligen Willen erfüllt , und lange dauerte es , eh ' Einer daran dachte , das Wort zu ergreifen und in einer begeisternden Rede des uns zu einem mächtigen Ganzen vereinigenden Zweckes zu gedenken . Zu weiteren Berathungen und Beschlüssen kam es an diesem Abend nicht . Es handelte sich vornehmlich darum , mich in die Geheimnisse der durch alle deutsche Gaue reichenden Verbindung einzuweihen und mir es zu ermöglichen , mich ohne Gefahr fremden Gesinnungsgenossen zu erkennen zu geben , aber auch solche zu erkennen . Ueber den Plan der Ausführung des Unternehmens , welches eine so vollständige , staatliche Umwälzung , die Vereinigung aller deutschen Lande zu einem einzigen , untheilbaren , unüberwindlich starken Ganzen im Gefolge haben sollte , ließ man mich im Dunkeln , doch bin ich geneigt anzunehmen , daß die wenigsten meiner Kameraden damals schon Kenntniß davon besaßen , die meisten aber , wie ich , vorläufig nur zu Werkzeugen in den leitenden Händen bestimmt waren , oder gewissermaßen eine Art von Prüfungszeit durchzumachen hatten . – Es dämmerte , als wir unsere geheime Versammlung aufhoben und uns zur Heimwanderung nach Bonn rüsteten , und jetzt erst fiel mir auf , daß Bernhard sich nicht unter den Anwesenden befand . Da ich keinen Grund mehr hatte , meinen Verkehr mit ihm als ein Geheimniß vor meinen Mitverschworenen – wie ich damals mit Stolz meine Commilitonen nannte – zu betrachten , so erkundigte ich mich offen nach ihm . Es befremdete mich , zu vernehmen , daß er sich nur in den seltensten Fällen an den Zusammenkünften betheilige , deshalb aber nicht minder thätig für den glücklichen Erfolg des großen Wertes sei . Da er keine Collegien mehr besuchte , so konnte , namentlich weil er Geistlicher war , sein zu häufiger Verkehr mit den Studenten leicht auffallen und zu Argwohn Veranlassung geben . Er hatte daher , seine Unabhängigkeit benutzend , die schwierigere Rolle eines Vermittlers zwischen den verschiedenen Universitäten übernommen , und ging bald hierhin , bald dorthin , um zu berichten und zu erfahren , was man , selbst in Chiffreschrift , dem Papier anzuvertrauen sich scheute . So hatte er auch an diesem Tage erst einen unten vorbeifahrenden Wagen dazu benutzt , um nach Heidelberg und Frankfurt zu gelangen , wo er die nächste Zeit zuzubringen beabsichtigte . » Ist er denn hier oben gewesen ? « fragte ich im Laufe des Gesprächs , während wir langsam in ' s Thal niederstiegen . » Er begleitete uns bis hinauf , « erhielt ich von mehreren Seiten zur Antwort , » dann lehrte er zurück , um den Wagen nicht warten zu lassen . Es hat sich nämlich ein Onkel von ihm , der , wie er selbst , ursprünglich aus Italien stammt , zu ihm gesellt , und um sich des ihm gleichgültigen , wahrscheinlich auch etwas zudringlichen Verwandten auf wenig auffällige Art zu entledigen , war er gewissermaßen gezwungen , bis Koblenz in dessen Gesellschaft zu reisen und seinen Wagen zu benutzen . « » Habt Ihr den Herrn Onkel gesehen ? « fragte ich gespannt , denn ich dachte in diesem Augenblick an Fräulein Brüsselbach und die versteckte Warnung , welche sie mir ertheilt hatte . » Ein echter Pfaffe mit feinem , glattem Wesen , « antwortete Einer aus der Gesellschaft , » und ich verdeute es Bernhard nicht , daß er sich so wenig zu ihm hingezogen fühlt . « » Hüten Sie sich vor dem Schwarzen , « summte , mir die Warnung der Wahnsinnigen in den Ohren , doch vergaß ich dieselbe schnell wieder , indem ich überlegte , daß sie wohl schwerlich den fremden Geistlichen jemals gesehen und daher gemeint haben könne , und die letzten Bedenken , welche ich über Bernhard ' s Charakter noch hätte hegen können , erstarben schnell , als ich vernahm , mit welcher Wärme man seine Opferwilligkeit und Umsicht pries , die er namentlich auf seinen Reisen an den Tag lege . » Wer hätte gedacht , daß sein verschlossenes , sogar abstoßendes Wesen nur eine klug gewählte Maske sei , « sagte ich sinnend zu dem an meiner Seite hinschreitenden Gefährten . » Und dennoch gehören gerade solche Leute , die , wie Bernhard , von geheimen , ehrgeizigen Plänen geleitet werden , mit zu den festesten Stützen unserer Verbindung . Ihr Ehrgeiz ist die sicherste Bürgschaft ebensowohl für ihre Treue , wie dafür , daß sie vor keinen Opfern und Anstrengungen zurückbeben , wenn es gilt , dem allgemeinen Besten zu dienen . « – In dem Gasthofe von Rolandseck verweilten wir nur lange genug , um uns durch einen Becher Wein zu erfrischen , und rüstig wanderten wir darauf dem in nächtliche Schatten gehüllten Bonn zu . Wie bei frühern Gelegenheiten heiterer Gesang dazu diente , uns die Zeit zu verkürzen , so gaben wir uns an diesem Abend , da nur Gleichgesinnte uns hörten , ausschließlich tief-ernsten Gesprächen und Berathungen hin . Dieselben wirkten förmlich berauschend auf mich ein , denn als ich gegen Morgen endlich mein Schlafgemach betrat , da war ich wie umgewandelt . Des Oberstlieutenants ehrwürdige Gestalt hatte nichts Drohendes , nichts Schreckenerregendes mehr für mich ; ich fühlte mich erhaben über alle Vorurtheile der bevorzugten Stände , und heiß ersehnte ich die Zeit herbei , in welcher ich stolzerfüllt vor meinen Vormund winde hintreten und ihm Rechenschaft über mein Thun und Lassen ablegen können , die Zeit , in welcher ich die goldigen Früchte meines kühnen Entschlusses , gewonnen unter Gefahren und im furchtbaren Kampfe um die höchsten Güter der Völker , Johanna zu Füßen legen durfte . 10. Capitel . Die Entscheidung Zehntes Capitel . Die Entscheidung . Der Sommer entschwand ; seine späten heißen Tage reiften die schwellenden Trauben auf den Abhängen der Berge und begünstigten den Ackerbauer beim Einbringen der letzten Getreidegarben ; herbstliche Nebel begleiteten den Aufgang und den Untergang der Sonne , und immer größer und immer umfangreicher wurden die gelben und braunen Schätzungen in den Laubmassen der Waldungen . Der Sommer entschwand , der Herbst trat an seine Stelle . Weißer Reif stahl sich unter dem Schutze der Dunkelheit auf die abgeernteten Felder und die grünen Herbstsaaten ; in den Scheunen klapperten im lustigsten Takt die Dreschflegel , in den dunkeln Kellern , eng eingeschlossen in schwere Fässer , gährte ungeduldig der Feuer bergende Most ; die Lieder der Lerchen wurden kürzer , und statt des melancholischen Gesanges der Nachtigallen ertönte das Zirpen , Schnarren und Zwitschern der Staare und Weinvögel durch die Wälder und über die Fluren . Der Rauch der zahllosen mit dürrem Kartoffelkraut genährten Feuer der Feldarbeiter stieg träge in den stillen Aether empor , träge , wie die weißen Spinnegewebe , die , zu formlosen Flocken und Bändern zusammengeballt , sich unbekümmert um das Wohin , den sanften Lüftströmungen zur Eintagsreise anvertraut hatten . Kürzer wurden die Tage , schärfer die tödtenden Nachtfröste , rauher die oftmals von Regen begleiteten Stürme , und in dichteren Massen schüttelten die Bäume ihre abgestorbenen Blätter auf den feuchten Boden nieder , während die Vögel in langen Reihen hoch oben , den Wolken nahe , jauchzend über sie hinzogen . Die befiederten Wanderer aber hatten im Gefolge ihre kräftig herangewachsenen Familien , und aus ihren Stimmen klang ein trautes » auf Wiedersehen « , während die Blätter sich niederlegten , um in Staub zu zerfallen , und ihr leises Rauschen und Lispeln einer letzten sanften Todtenklage glich . Alles erinnerte an den erstarrenden Winter , an die Vergänglichkeit des Irdischen . In meiner Brust dagegen herrschte der schönste Frühlingsonnenschein , ein Sonnenschein , den ich für so unvergänglich hielt , wie den ewigen Kreislauf der Gestirne , so unvergänglich , wie die treue Liebe , die in meinem Herzen wohnte . War es doch zur Zeit der rauhen Herbststürme , als der schöne Traum der letzten Monate , aus dem ich immer neue Lebenskraft trank , sich verwirklichte , als Johanna , die gute herzige Johanna , mir mit einem unbeschreiblich holden Erröthen gestand , daß meine Liebe sie beglücke , daß sie mir für das ganze , ganze Leben angehören , fortan Leid und Freude mit mir theilen wolle . Dann weinte sie an meiner Brust , aber nicht Thränen des Schmerzes waren es , die ihr über die zarten Wangen rollten , nein , gewiß nicht ; aus ihren großen , mildstrahlenden Augen , mit denen sie holdselig zu mir emporschaute , leuchtete es mir verständlich entgegen , daß nunmehr ihr ganzes Hoffen in mir allein liege , sie nur noch in mir ihr Lebensglück finde . Ich küßte ihr liebes gutes Antlitz , die rosigen Lippen , die treuen Augen und schwur , sie zu lieben , so lange mir der Athem vergönnt sei , sie zu lieben in alle Ewigkeit . Ich schwur , daß meine Liebe zu ihr mich zu übermenschlichen Anstrengungen antreiben , und die Erfolge meines redlichen Strebens nur ihr eigenstes Verdienst sein würden . Was ich dabei dachte und wie hoch meine ehrgeizigen Pläne hinausliefen , das ahnte sie nicht . Sie mochte sich aber wohl einzelner Neckereien ihres Onkels erinnern , der zeitweise wenigstens einen Regierungspräsidenten in mir zu entdecken vorgab , denn sie lächelte mir unschuldig zu , und sich fester an mich schmiegend , bat sie mich , keine zu vornehme Dame aus ihr machen zu wollen , woran sie die eifrige Versicherung schloß , daß das bescheidenste Loos an meiner Seite sie hinreichend beglücke , so sehr beglücke , daß Glanz und Reichthum sie nie glücklicher machen könnten . Doch je anspruchsloser das heißgeliebte engelgleiche Wesen sich zeigte , um so mehr empfand ich schon im Voraus den Triumph , dereinst , und zwar in nicht allzuferner Zeit , als sieggekrönter Vorkämpfer der Freiheit vor sie hinzutreten . Dann gedachten wir unseres ersten Zusammentreffens in Godesberg und des seltsamen Zufalls , der den Ausspruch der Irrsinnigen als eine Weissagung erscheinen ließ . Bernhard ' s , vor dem sie , obwohl sie ihn nicht wieder gesehen hatte , eine unerklärliche Scheu hegte , erwähnte ich mit keiner Silbe ; ebenso vermied ich zu gestehen , daß ich selbst seit jener Zeit kindischer Weise das festeste Vertrauen in die merkwürdige Prophezeiung gesetzt habe , aus Besorgniß , dadurch nachtheilig auf ihr leicht erregbares Gemüth einzuwirken . Aber immer und immer wieder erneuerte ich meine Versicherung , sie schon damals geliebt zu haben , als sie den ihr unbekannten Gustav Wandel so warm gegen meine Angriffe vertheidigte , welcher Versicherung stets das Geständniß folgte , daß sie zu derselben Zeit eine heimliche Freude über die vorgespiegelte Aehnlichkeit des abwesenden Gustav Wandel mit seinem besten Freunde empfunden habe . Und indem sie dies sagte , schaute sie mir so offen , so vertrauensvoll in die Augen , als wenn sie in meinem Innern hätte lesen wollen ; dabei spielte ein sinniger Ernst auf ihrem guten Antlitz , und jedes Wort , welches sie sprach , kam aus einem kindlich frommen , aus einem aufrichtigen Gemüth , ans einem Gemüth , welches keine Falschheit kannte . Rings um uns her fielen die gestorbenen und dürren Blätter geheimnisvoll lispelnd zur Erde , gleichsam warnend vor allzu zuversichtlichem Hoffen ; in unseren Herzen dagegen wohnte der Frühling , der ewige , frische Frühling mit seiner unvergänglichen Lebenswärme und den beseligenden , berauschenden Hoffnungen , ein Frühling , dessen mögliche Unterbrechung oder Abkürzung weit , weit außerhalb der Grenzen unseres Denkens lag . Daß es unfern jugendlich vermessenen Hoffnungen so ergehen könne , wie den Blättern , daß eine nach der andern erbleichen , absterben und demnächst unwiederbringlich dahinsinken könne , das kam uns kein einziges Mal in den Sinn . – Wie der Frühling in unfern Herzen wohnte , so schien dessen belebende Wärme auch auf diejenigen überzugehen , mit welchen wir im nächsten Verkehr standen . Mein Vormund äußerte wenigstens unverhohlen seine Zufriedenheit über unfern Entschluß , und es entging mir nicht , daß er uns nur anzuschauen brannte , um sogleich in seine etwas derbe geräuschvolle Fröhlichkeit zu verfallen , in welche einzustimmen er sogar seine gute fromme Lisette zwang . O , es waren schöne , glückliche Zeiten , wahrlich , zu schön , als daß sie von langer Dauer hätten sein können . Die Hand bebt mir , während ich dieses niederschreibe und mir dabei jene goldenen Zeiten so recht lebhaft vergegenwärtige ; das Blut , obgleich durch des Lebens bittere Täuschungen erkaltet , kreist mir rascher in den Adern , fast ebenso , wie damals , wenn Johanna mir verstohlen die Hand drückte , scheinbar aber darüber schmolle , daß ihr Onkel sie beständig zum Stichblatt seiner Scherzreden machte und Kanonendonner und eheliches Gluck , Rekruten und Traualtar , Schwärmattaquen und Brautjungfern , Trompetengeschmetter und Wiegenlieder und wer weiß , was sonst noch , in seinen Abhandlungen über die Zukunft bunt durcheinander mischte . Auch Trostesworte hatte der alte gütige Herr für mich , wenn er mich zuweilen in tiefernstes Nachdenken versunken sah und meine Stimmung für Ungeduld hielt , welche ich über die lange Zeit empfände , die mich noch von meinem holden Ziel trennte , während ich doch nur über die geheimen demagogischen Umtriebe nachdachte , in welche ich mich immer tiefer und tiefer verwickelt hatte . Wie munterte er mich dann auf , bei meinem Studium tapfer auszuharren , und wie kurz waren in seinen Augen die Jahre , die ich im rastlosen Ringen und Kämpfen um eine sichere Lebensstellung vergeuden sollte ! Fielen seine väterliche Güte und Fürsorge mir auch centnerschwer auf die Seele , und war ich in solchen Augenblicken nicht weit entfernt davon , Reue über mein Thun zu empfinden , so hatte sein Hinweisen auf die lange Reihe von Jahren , welche unumgänglich erforderlich , um in eine Carriere hineinzugelangen , eine ganz entgegengesetzte Wirkung . Ein an Trotz streifender Muth durchströmte mich bei seinen Worten , und über meine Zukunft sprach ich mich dann so vertrauensvoll und mit so felsenfester Zuversicht aus , daß selbst er , der doch Alles so gern im rosigsten Licht darstellte , zuweilen den Kopf über meine jugendliche , an Leichtsinn streifende Kühnheit schüttelte . – Die Herbststürme hatten die letzten Blätter von den Bäumen gestreift und der Winter deckte die Millionen von kleinen Leichen mit seinen kalten Flocken zu . Ueber Bäche und Quellen bildeten sich krystallene Ueberbrückungen und unermüdlich trug der Rhein seine schweren Eislasten dem Meere zu . Alles hatte sich in der freien Natur verändert ; in meiner Lebensweise dagegen war keine Veränderung eingetreten . Bald in Bonn , bald auf der Oberförsterei brachte ich meine Tage hin ; bald beschäftigt mit Studien , bald im Kreise von Mitverschworenen , bald an der Seite meiner holden Braut . Wohl beschlich mich zuweilen ein gewisses Bangen , wenn ich berechnete , über wie geringe Mittel die Umsturzpartei zu verfügen habe , mein frischer Lebensmuth gewann indessen stets sehr schnell wieder die Oberhand , und um leinen Preis hätte ich aus der Schaar derjenigen austreten mögen , die ich im Geiste bereits , nach glücklicher Beendigung unseres gewagten Unternehmens , lorbeergekrönt zu den Ihrigen heimkehren sah . Bernhard begegnete ich nur äußerst selten ; selbst wenn er sich in Bonn befand , beobachtete er die Vorsicht , sich nie an unsern heimlichen Zusammenkünften zu betheiligen . Er schien mir fast zu vorsichtig zu sein , doch erklärte ich mir sein Verfahren dadurch , daß die Aufmerksamkeit der Späher und Spione viel leichter auf ihn , der so anhaltend umherreiste , als auf Einen von uns gelenkt werden könne . Dagegen sah ich ihn mehrfach des Abends in meiner Wohnung , und verfehlte er dann nie , den in meiner Brust glühenden Funken durch seine charakteristischen Vergleiche und begeisternden Ermuthigungen zur hellen Flamme anzufachen . Wohl erinnerte ich mich zuweilen , wenn ich in seine düstern schwarzen Augen schaute , der Warnung der Irrsinnigen , deren erste Weissagung sich ja theilweise schon erfüllt hatte . Da ich Letztere indessen nicht wiedersah , mithin auch nicht fragen konnte , wen sie mit dem » Schwarzen « gemeint habe , so traten die unbestimmten Zweifel und Befürchtungen immer weiter in den Hintergrund zurück . War mein Geist nun auf der einen Seite mit schwer wiegenden und mich vielfach beunruhigenden Dingen beschäftigt , so genoß ich auf der andern Seite in vollen Zügen das Glück , welches mir an Johanna ' s Seite erblühte . Und ein Glück war es , wenn ich in ihre sanften freundlichen Augen schaute , den Ton ihrer lieben Stimme vernahm und immer und immer wieder die Betheuerungen gegenseitiger Liebe und Treue mit ihr austauschte . Die flammende Röthe kam , wie ich sorgfältig beobachtete , seltner auf ihren Wangen zum Durchbruch , und indem ihr sinniger Ernst sich allmälig in eine bezaubernde kindliche Heiterkeit verwandelte , wies ich den gespenstisch drohenden Ausspruch meines Vormundes , » daß die Sünden der Eltern an den Kindern und Kindeskindern heimgesucht würden , « so oft der Gedanke daran mich beschlich , fast mit Hohn von mir . – Zwischen Anton , seinem Raben und mir hatte sich eine Art freundschaftliches Verhältniß gebildet , welches sich vorzugsweise dadurch verrieth , daß der arme unglückliche Mensch sich jedesmal , wenn ich auf der Oberförsterei weilte , einstellte , um , wie er vorgab , » den feinen jungen Herrn , der mit ihm an einem und demselben Tisch gegessen und seinen Jakob gerettet habe , « zu begrüßen und Johanna durch den Raben zum Kaffeekochen auffordern zu lassen . Der arme Bursche entfernte sich dann nie , ohne daß er gesättigt und auch noch auf andere Weise beschenkt worden wäre , und wir Alle ergötzten uns an dem sprechenden Ausdruck rührender Dankbarkeit , der aus seinen trüben Augen hervorleuchtete . Seine Mutter , eine böse Frau mit hinterlistigem Blick , sah ich nur einige Male aus der Ferne ; dagegen begegnete ich seinem hartherzigen Bruder mehrfach , in der That so oft , daß es den Anschein gewann , als ob er mir absichtlich in den Weg trete . Er begrüßte mich jedesmal sehr höflich und keine Miene seines brutalen Gesichts verrieth , daß er sich erinnere , einst mit einer geheimen Botschaft an mich betraut gewesen zu sein . Ich betrachtete den Menschen stets mit einem unüberwindlichen Mißtrauen , welches darin neue Nahrung fand , daß Bernhard , von dem damals die Botschaft ausgegangen war , ihn nicht kennen wollte und mit allen Zeichen ernster Besorgniß behauptete , das Papier einem andern , ihm als zuverlässig empfohlenen Manne zur Besorgung übergeben zu haben . Schimmernd in Schnee und Eis , schimmernd im Lichterglanz der in der Sylvesternacht zum letzten Mal angezündeten Weihnachtsbäume rollte das Jahr 1832 von der Erde . » Was wird uns das neue Jahr bringen ? « fragte sich Mancher , gleichviel , ob erfüllt von frohen Hoffnungen oder hart bedrängt von Kummer und Betrübniß . » Was wird uns das neue Jahr bringen ? « fragten sich Eltern in der zwölften Stunde , indem sie ihre friedlich schlummernden Kleinen mit frommen Wünschen im Herzen zärtlich beobachteten . » Was wird uns das neue Jahr bringen ? « fragten sich theure Angehörige , die thränenschweren Blicke auf das kalte , todesstarre Antlitz eines im Sarge ruhenden Familienhauptes gerichtet , fragte die Braut den Bräutigam , der Gatte die Gattin , der Bruder die Schwester . Draußen aber ertönte von den Kirchthürmen feierliches Glockengeläute und auf den freien Plätzen lustiges Schießen , während in festlich erleuchteten Hallen fröhliche Paare sich in rauschendem Reigen drehten , geröthete Gesichter sich in dampfenden , berauschenden Fluchen spiegelten und dem neuen Jahr ein geräuschvolles Willkommen entgegen jubelten , als ob dergleichen Feierlichkeiten einen besondern Einfluß auf den Lauf der Zeiten auszuüben vermocht hätten . » Was wird das neue Jahr bringen ? « fragte auch ich mich nach einem heiter und glücklich verlebten Abende auf der Oberförsterei , » Glück , Ehre und Ruhm bringt es mir , « beantwortete ich meine Frage mit der Bestimmtheit einer Schicksalsgöttin , » den Völkern aber Freiheit ; Freiheit nach langem Schmachten in sklavischen Fesseln ; Freiheit des Geistes und des Körpers , und Erlösung aus einem schwer drückenden Joch ! « Mit dem Rufe der Freiheit auf den Lippen war ich aus dem alten Jahr in das neue hinübergetreten ; mit dem Rufe der Freiheit im Heizen begann ich im neuen Jahre meine Tage , und wenn ich wirklich auf Stunden die Sorgen , welche ein , nach meiner Ueberzeugung , Welt erschütterndes Unternehmen im Gefolge hatte , von mir abzustreifen suchte , dann trafen gewiß geheime Nachrichten bei mir ein , welche mir schnell wieder den ganzen Ernst meiner Lage vor Augen führten . Geheimnißvoll trafen sie bei mir ein und in gleicher Weise gingen sie von mir aus . Ich lebte in einer beständigen fieberhaften Aufregung , und je naher der so heiß ersehnte entscheidende Zeitpunkt heranrückte , in um so höherem Grade wurde ich von dem wilden Freiheitstaumel ergriffen , in welchen theils die Verhältnisse , theils meine eignen hochfliegenden Pläne mich hineingedrängt hatten . Die starren Fesseln des Winters waren gebrochen , der Schnee schmolz auf den Bergen und rieselte in Bächen dem Rheinstrom zu . In der feuchten , jetzt wieder geöffneten Erde regte sich nach langem Scheintod wieder organisches Leben und ungeduldig harrten die noch verborgenen Keime darauf , durch einige warme Tage an ' s Licht gerufen zu werden , als ich eines Morgens ernster , wie ich gewöhnlich zu thun Pflegte , auf der Oberförsterei Abschied nahm . Meine Stimmung blieb nicht unbemerkt ,