etwas tue Einem nicht weh und man solle keine Gewissens ­ bisse , keine Reue fühlen ? Du magst mich lehren , was Du willst — ich werde nie wieder meines Lebens froh . Was brauchtest Du mir zu sagen , es gäbe keine Geister , keine Engel , keinen Gott ? Ich hab ’ s ja nicht zu wissen verlangt ! Ich habe Gott lieb gehabt und wenn mir ’ s noch so schlecht ging , so konnte ich doch hoffen , er werde mich schützen und barmherzig sein — und wenn kein Mensch mir gut war , so konnte ich doch denken , er sei es . Und nun , nun muß ich alles hinnehmen , wie ’ s kommt , und kann nichts mehr hof ­ fen und nichts mehr lieben , nichts mehr — auch Dich nicht ! “ Leuthold streichelte lächelnd Ernestinens Locken . „ Ich sehe jetzt , daß ich einen Fehler beging , ein zehnjähriges Mädchen zu behandeln , wie einen zwan ­ zigjährigen Jüngling . Man kann einen Kranken und Schwachen nicht dadurch stärken , daß man ihm zu kräftige Kost reicht , er würde sie nicht ertragen ; das hätte ich bedenken und Deinem jungen Mädchengehirn nicht so viel zumuten sollen . Ich begreife Deinen Widerwillen gegen mich als den unschuldigen Urheber Deiner geistigen Verdauungsbeschwerden und vergebe ihn Dir . Vergib Du auch mir , daß ich Deinen Verstand überschätzte , denn das ist mein gan ­ zes Unrecht gegen Dich ! “ Ernestine stand schweigend und düster neben ihm er konnte nicht erraten , was in dem verschlossenen Geschöpf vorging . „ Ich will Dich hier lassen , mein liebes Kind , bete weiter , von mir sollst Du nicht mehr gestört werden . Gehe hin und küsse Deinem Herrn Jesus die Füße , das wird Dir Dein Herzchen erleichtern . Tue es doch , Ernestine — wie , oder genierst Du Dich vor mir ? Soll ich hinaustreten ? Gut ! “ Er machte eine Bewegung , sich zu entfernen , da hielt ihn Ernestine am Arm . „ Ich will mit Dir gehen , “ sagte sie finster , „ ich könnte jetzt doch nicht beten , wenn ich auch wollte . Und so dumm , wie Du denkst , bin ich auch nicht . Ich habe Alles begriffen , was Du mich lehrtest — und ich glaube ja gar nicht mehr an — an — das Andere . Was verlangst Du denn weiter ? Weinen wird man doch können , ohne daß man gleich für einfältig zu gelten braucht und ich sage Dir — weinen werde ich noch oft , öfter als lachen — weinen werde ich mein ganzes Leben lang . “ Und sie schlug beide Hände vor das Gesicht und brach in lautes Schluchzen aus . „ Du bist nervös , mein Kind . Deine jetzigen Tränen entspringen Deiner Körperschwäche und in wenigen Jahren wirst Du über das lächeln , was Du jetzt beklagst ! — Daß Du Niemanden mehr lieben kannst , auch mich nicht , laß Dich nicht verdrießen . Solche Gewohnheiten der Kinderstube legen sich mit dem zunehmenden Verstande ab . Wer frei sein will , muß damit beginnen , nichts zu lieben — denn jedes Band , was unser Herz an einen Andern bindet , ist , wie schön es auch sei , eine Fessel . Wer stark sein will , muß nicht das Bedürfnis haben , sich an Andere zu lehnen . Hänge Dich an nichts als an die Wissen ­ schaft ; alles Lebendige , das Du liebst , kann Dir ent ­ rissen werden , ist nicht Dein und wird Dir Schmer ­ zen bereiten , — die Wissenschaft ist Dein , ist treu , ist eine unversiegbare Quelle der Freude . Die Menschen sind ungerecht , sie messen Dich nicht nach Deinen innern , nur nach Deinen äußern Vorzügen und diese sind zu gering , um Dir Geltung zu verschaffen ; die Wissenschaft gibt Dir , was Du verdienst , nach Dei ­ nem Fleiße mißt sie ihre Gaben . Die Frauen wer ­ den Dich beneiden , denn Du wirst sie an Verstand überflügeln , die Männer werden Dich geringschätzen , denn Du bist und wirst nicht schön , sie aber fordern vor Allem Schönheit vom Weibe . Bei den Menschen wirst Du daher nichts als Enttäuschung finden , wenn Du Dir nicht abgewöhnst , auf sie zu hoffen . Willst Du Dir jedes Leid , daß sie Dir zufügen werden , ersparen , so lerne früh , ihrer nicht zu bedürfen und dazu ver ­ hilft Dir allein die Wissenschaft , die Pflege des Geistes , denn er tilgt alle Mängel und Leiden unserer Menschlichkeit , nur in ihm erheben wir uns zu unserer vollen Würde . Deshalb , mein Kind , gib Deinem Verstande die rechte Nahrung und bald werden die dum ­ pfen Instinkte des Herzens in Dir ersterben vor dem klaren Gedanken . Du sehnst Dich nach Frieden — glaube mir , im Geiste allein , nicht in der Liebe wirst Du ihn finden ! “ Ernestine ging stumm neben dem Oheim her , das Weiße in ihren Augen leuchtete seltsam durch die Dämmerung , als sie den Blick zu ihm erhob . Sie hatte nicht Alles verstanden , was er gesagt , dennoch teilte sich ihr die Eiseskälte , die seine Rede aus ­ hauchte , mit — und sie dankte es ihm , daß er ihrem heißerregten Gemüte Fassung und Ruhe gab . — Leise und sanft , wie Schneefall in der Nacht , waren seine Worte in ihre Brust niedergerieselt und hatten , ohne daß sie es ahnte , die letzten Blüten mit dichter , kal ­ ter Decke überzogen . Das junge Herz versank darunter in Winterschlaf und sie hielt dies stille , schmerz ­ lose Ersterben für Frieden . — Als sie an ihrem Hause ankamen , fanden sie den Wagen der Staatsrätin vor der Türe . „ Oheim , “ sagte Ernestine erschrocken und bestimmt . „ Geh hinein und sieh nach , ob es gar die Frau Staatsrätin selbst ist , — wenn das wäre , bliebe ich hier draußen . “ In diesem Augenblick wurde die kleine Angelika am Parterrefenster sichtbar und rief vergnügt ihren Namen . Nun konnte Ernestine nicht anders , sie mußte hinein und da stand zu ihrem größten Schreck die ma ­ jestätische Gestalt der Staatsrätin vor ihr . — Sie begrüßte den sich tief verbeugenden Leuthold mit einem leichten Neigen des Kopfes und reichte Ernestinen die Hand . „ Du wolltest mich bisher nicht sehen , mein Kind , ich habe Dir wohl ohne Wissen und Wollen etwas zu Leide getan ? “ Ernestine schwieg in peinlichster Verlegenheit . Wenn sie auch hätte sagen wollen , was ihr die freund ­ liche Frau getan — sie hätte es nicht gekonnt , denn sie wußte es ja selbst nicht ; das unerfahrene Kind konnte nicht ahnen , daß es das Gefühl der Beschämung über die eigene Unzulänglichkeit einer solchen Frau gegenüber war , das ihm diese Scheu vor ihr einflößte . Das Auge der Staatsrätin ruhte mit mitleidi ­ gem Ernst auf der schattenhaften Erscheinung , sie strich mit der Hand über die neugewachsenen schwar ­ zen Locken der Kleinen und wandte sich dann an Leuthold , während Angelika , eine große Puppe auf dem Arm , Ernestine in eine Fensternische zog . „ Ich habe Sie aufgesucht , Herr Doktor , um so schnell als möglich ein dringendes Geschäft mit Ihnen zu besprechen ! “ „ Gnädige Frau , “ sagte Leuthold , sich verneigend , „ ich fühle mich unendlich geehrt ! Darf ich Ihnen einen dieser schlechten Stühle anbieten oder würden Sie geruhen , sich mit mir in meine Gemächer hinauf zu bemühen , wo ich Sie , wenn auch nicht Ihrer wür ­ dig , doch würdiger , als hier , empfangen könnte ? “ Die Staatsrätin blickte nach den Kindern . „ Ich wünschte Sie einige Augenblicke allein zu sprechen , Herr Doktor . “ „ Nun dann bitte ich die gnädige Frau , mir gü ­ tigst vorauszugehen . “ Damit öffnete Leuthold die Tür , um die Staatsrätin hinaufzugeleiten . „ Angelika , “ rief sie der Kleinen zu , „ bleibe bei Ernestinen , bis ich wiederkomme . “ Sie stieg nun mit Leuthold die Treppen hinan und als sie , oben angekommen , sich auf das Sofa niederließ und die behagliche hübsche Einrichtung des Zimmers überblickte , die musterhafte Ordnung und Reinlichkeit , als sie auf dem Tisch vor sich eine Menge Schulhefte mit der Aufschrift : Ernestine v. Hartwich liegen sah , — da überkam sie unwillkürlich eine Art von Zutrauen zu dem feinen ernsten Mann , der sie mit so viel Anstand empfangen hatte . Sie musterte ihn mit dem Kennerblick einer erfahrenen Frau von Stand . Sein Benehmen war in der Form tadellos und seine regelmäßigen Züge trugen das Gepräge eines ungewöhnlichen Verstandes . Die Staatsrätin , wie erfahren und vorsichtig sie auch sein mochte , war doch zu sehr Weib , als daß das Ästhetische in Leutholds Erscheinung sie nicht hätte bestechen und geneigt machen sollen , Heims Urteil über ihn für zu hart zu halten . Die Staatsrätin gehörte nicht zu den Frauen , denen eine schmale Hand mit wohlgepflegten Nägeln Achtung einflößen kann , aber die sorgfältige Ordnung , die sich an Leutholds Person wie in seiner Einrichtung zeigte , tat ihrem weiblichen Auge wohl . „ Ich wundere mich über die Pünktlichkeit , welche ich hier sehe , Herr Doktor , “ begann sie , als Leuthold sich ihr gegenüber gesetzt hatte , — „ da Sie doch , wie ich hörte , jetzt der ordnenden Hand einer Gattin ent ­ behren . “ „ Ja , gnädigste Frau , ich bin leider allein , doch ist mir ein gewisser Sinn für derlei Äußerlichkeiten nur vielleicht in zu hohem Grade eigen und ich verwende deshalb mehr Sorgfalt darauf , als sich wohl für einen Mann schickt . “ „ Bleibt Ihre Frau Gemahlin lange fort ? “ fragte die Staatsrätin prüfend . Über Leutholds Miene verbreitete sich ein Schat ­ ten . „ Ich fürchte : Ja , gnädigste Frau ! Die Unglück ­ liche besaß nicht Liebe für mich und unser Kind ge ­ nug , um sich den Entbehrungen zu unterwerfen , welche die Zerstörung meiner Erbansprüche an den Bruder uns auferlegte . Sie ging auf unbestimmte Zeit zu ihrem Vater zurück und da sie es über sich gewann , nun schon zwei Monate fern von unserem Töchterchen zu bleiben , so zweifle ich an ihrer Wiederkehr . “ „ Das ist aber sehr traurig für Sie , Herr Docktor , “ bemerkte die Staatsrätin . Leuthold fuhr sich mit der Hand über die Augen . „ Es ist traurig , gnädige Frau , daß ich eine so falsche Wahl treffen konnte , daß ich Jahre der Mühe und Liebe darauf verwandte , ein Wesen zu veredeln und zu bilden , das nicht bildungsfähig war . Es ist der ­ selbe Schmerz , der den Künstler erfaßt , wenn er zu spät sieht , daß er sich in dem Marmor vergriff , den er gestalten wollte . Er hat im Schweiße seines An ­ gesichts mit aller Hingebung und unsäglicher Mühe ein Gebild geschaffen und wenn er es endlich der Vollendung nahe glaubt — da legt sich unter dem Meißel plötzlich eine schwarze Ader bloß , verunstaltet das ganze Werk und er hat vergebens gearbeitet und gehofft ! “ Die Staatsrätin sah ihn mit Interesse an . „ Das ist ein wenig kalt — aber sehr poetisch gedacht ! “ „ Ein Künstler würde es nicht kalt nennen , gnä ­ dige Frau , denn er würde den Schmerz kennen , dem ich den meinen zu vergleichen wage . “ Die Staatsrätin nickte beifällig mit dem Kopfe . Leutholds Sprechweise gefiel ihr immer besser . Da trat Lene ein , an der einen Hand Gretchen und in der andern eine spiegelblanke hellbrennende Lampe , die sie auf den Tisch stellte . „ Ach , welch reizendes Kind ! “ rief die Staatsrätin mit aufrichtiger Überraschung . In Leutholds Gesicht ging wieder die Sonne auf , was die scharf beobachtende Frau mit Wohl ­ gefallen bemerkte . „ Nicht wahr , meine Gnädigste — es ist ein liebes Ding ? “ sagte er , förmlich triefend von geschmeichelter Eitelkeit . „ Sie tun einem Vaterherzen , welches eben erst die eigene Mutter das Kind verlassen sah — gar zu wohl ! Ja — es ist ein wah ­ res Gnadengeschenk für mich . Es hat die äußere Schönheit , welche mich einst an seiner Mutter so be ­ stach , aber ich hoffe , ihm auch die Schönheit der Seele anerziehen zu können , welche mich jene vermissen ließ . So wird sie mir in der Zukunft alles ersetzen , was ich verlor ; so lange ich diese Tochter habe , for ­ dere ich nichts weiter vom Leben ! “ Das edle große Herz der Staatsrätin ward durch diese Kundgebung eines schönen Gefühls voll ­ ständig gewonnen . „ Wer so an seinem Kinde hängt , ist kein schlechter Mensch ! “ dachte sie . — Leuthold winkte Lenen , sich mit Gretchen wieder zu entfernen , und als dies geschehen war , warf die Staatsrätin wie zufällig hin : „ Neben der Liebe für solch einen Engel wird aber wohl wenig Raum für die arme blasse Ernestine in Ihrem Herzen geblieben sein ? “ — Leuthold sah sie fest an . „ Gnädige Frau , das kann mich eine Dame wie Sie , deren liebreiches Gemüt sich an so Vielen betätigt , nicht im Ernste fragen . “ „ Sie , haben Recht , “ sagte die Staatsrätin , „ ich sollte es von mir wissen , wie viele Wesen man zu ­ gleich im Herzen tragen kann , ohne einem um des andern willen etwas zu entziehen . Aber ich bin eine Frau , deren Beruf es ist , zu lieben ; ein Mann , und noch dazu ein Denker , als welcher Sie mir geschildert wurden , beschränkt seine Neigungen auf das , was ihm zunächst steht . “ „ Es ist natürlich und ich leugne es nicht , daß meine Tochter mir teurer ist , als meine Nichte , — dennoch glaube ich so viel Neigung für die letztere zu haben , als solch ein junges Wesen bedarf und als notwendig ist , um meine Pflichten als Vormund nach allen Richtungen zu erfüllen . Sie ahnen nicht , gnädige Frau , welch ’ sorgsame Pflege der merkwürdige , frühreife Geist dieses Kindes braucht und welch ’ schwere Verantwortung es mit sich bringt , solch ein ungewöhn ­ liches Naturell zu erziehen . “ „ Ich glaube das und bin überzeugt , daß sie nir ­ gend besser aufgehoben wäre , als bei Ihnen . Aber die körperliche Pflege Ernestinens muß doch gerade jetzt , wo Sie weibliche Hilfe entbehren , eine rechte Last für Sie sein . Ich möchte Ihnen deshalb an ­ bieten . Ihnen späterhin Ihr Amt ein wenig zu er ­ leichtern . Sie wollen morgen nach dem Süden reisen und ich kann diesen Vorsatz um Ernestinchens Ge ­ sundheit willen nur loben . Wie ich höre , beabsichtigen Sie , in einem halben Jahre wieder zurückzukehren , um eine Anstellung hier zu suchen . Für diesen Fall wollte ich Sie bitten , mir Ihren Pflegling alljährlich auf meh ­ rere Wochen oder Monate zum Besuch zu überlassen , denn Sie werden auch mitunter der Ruhe bedürfen , und wünschen , einige Zeit ganz sich selbst und Ihrem Töchterchen leben zu können . Würden Sie mir diesen Anteil an Ihrem und Ernestinchens Geschick wohl gestatten ? “ Leuthold verneigte sich . „ Eine Frau , wie Sie , bringt jeder Zeit Segen und Freude , wohin sie kommt . Ich , meine Gnädigste , fühle mich Ihrer Teilnahme zu unwürdig , um sie auf mich zu beziehen . Deshalb darf ich Ihnen nicht in meinem Namen , sondern nur in dem meiner Nichte danken . Ich danke Ihnen aber noch in einem andern Namen , in dem der unglück ­ lichen , früh verblichenen Mutter des Kindes . Könnte sie aus jener Welt herübersehen und sich uns mitteilen , sie würde Ihnen besser lohnen , als meine schwachen Worte es vermögen . “ Der Staatsrätin traten die Tränen in die Augen , sie dachte an ihre kleine Angelika , wie es wäre , wenn sie die Mutter entbehren müßte , und in dieser weichen Stimmung versöhnte sie sich immer mehr und mehr mit dem rätselhaften Manne , dessen Benehmen und Erscheinung dem so sehr widersprach , was sie von ihm gehört . „ Also Sie billigen meinen Plan ? “ fragte sie . „ Mein Wort darauf , gnädige Frau , sowie ich mit Ernestinen zurückkehre , soll sie die Ihrige sein , so lange Sie es wollen ! “ „ Ich danke Ihnen ! “ sagte die Staatsrätin , fast erstaunt über diese schnelle Nachgiebigkeit . Es stand ihr nun fest , Heim habe , dem sonderbaren Mann Un ­ recht getan . „ Nachdem wir über diese Sache so schnell einig wurden , “ begann die Staatsrätin wieder , „ darf ich hoffen , daß wir es auch über eine andere Angelegen ­ heit werden , die mich zu Ihnen führt . — Ich komme nämlich zu Ihnen , um die Hartwich ’ schen Besitzungen von Ihnen zu kaufen . “ Über Leutholds Gesicht flog eine leichte Röte . „ In der Tat , gnädige Frau , Sie sehen mich höchst erstaunt ! “ „ Sie wissen , daß mein Bruder Neuenstein schon lange wünschte , die Fabrik an sich zu bringen , aber schwere Verluste in einein andern Unternehmen mach ­ ten es ihm für den Augenblick unmöglich , den Preis bar zu bezahlen , wie Sie es bedingten . — Da ich sah , wie viel ihm daran lag , seinem Sohne , meinem Neffen , eine feste Lebensstellung durch den Besitz und die Leitung der Fabrik zu gründen , beschloß ich mit Zustimmung meines Johannes und seiner Vormünder das Kapital für ihn zu erlegen . So eben traf aus Paris Johannes ’ Antwort auf meine Anfrage ein . Er ist vollkommen mit meinem Plane einverstanden , denn er liebt seinen Onkel und würde , wenn selbst die Ge ­ fahr eines Verlustes damit verknüpft wäre , denselben für ihn gerne tragen . “ „ Man weiß in der Tat nicht , was man mehr bewundern soll , gnädige Frau , Ihre Entschlossenheit und Energie , oder Ihr großmütiges Herz ! Wohl dem der eine solche Schwester hat ! “ „ Ach , bitte , schmeicheln Sie nicht , “ sagte die Staatsrätin und eine Wolke des Mißfallens zog über ihre hohe , kräftige Stirn . „ Solche Dinge sind ja gar nicht der Rede wert . Ich wünsche Bruder und Neffen in meine Nähe zu fesseln , was ich nicht könnte , wenn sie genötigt würden , sich in einer andern Gegend anzukaufen ; es trifft sich gerade so schön , daß ich hier meinen Landsitz habe . Was ich also tue , ist reiner Eigennutz . — Da Sie morgen früh ab ­ reisen , wäre es wohl das Beste , wenn wir jetzt gleich die Sache in Ordnung brächten . Ich würde meinem Bruder dann heute Abend den Verkaufskontrakt unter die Teetasse legen ! “ „ Eine fürstliche Art zu überraschen , “ versetzte Leuthold und eilte dienstfertig zum Schreibtisch , um das Dokument aufzusetzen . Dieser Verkauf kam ihm eben recht , denn es lag ihm alles daran , mit Ernesti ­ nen im Süden zu bleiben , um seine Erziehungs ­ methode den Blicken ihrer jetzigen Gönner zu entziehen , und durch die Entäußerung des Gutes fiel der letzte Grund weg , der ihn zwingen konnte , wieder auf den Schauplatz von Ernestinens Kindheit zurückzukehren . Mittlerweile saßen Angelika und Ernestine unten in der ehemaligen Plättstube am Fenster und führten ein gar ernstes Gespräch . Angelika hatte von ihrem Bruder die Schreipuppe , von der sie geglaubt , er werde sie ihr mitbringen , heute geschickt erhalten . Sie war außer sich vor Entzücken und konnte nicht begrei ­ fen , daß Ernestine so gleichgültig bei dem Anblicke des Wunderwerkes war . Sie hatte sie mehrmals Papa und Mama sagen und die Augen öffnen und schließen lassen — Ernestine blieb kalt . Sie fand die Aus ­ sprache der Worte Papa und Mama undeutlich und behauptete , die Augendeckel klappten mit zu vielem Geräusch auf und zu . Daß sie schon eine angehende Menschenfeindin war , schmerzte Angelika nicht , denn sie bemerkte es nicht , aber sie als eine Puppenfeindin kennen zu ler ­ nen , das tat dem kleinen Mädchen bitter weh . „ Du wirst nie Freude an einer Puppe erleben , “ schalt es , „ wenn Du sie so wenig leiden kannst ! “ „ Was sollte ich auch wohl daran für Freude er ­ leben ? “ spottete Ernestine bitter . „ So ? Das kannst Du nicht wissen ! Du denkst wohl , die armen Dinger fühlen es nicht , wenn man häßlich mit ihnen ist ? Mama sagt , sie wüßten es wohl und trügen es nach , wenn sie es auch nicht zeigten ! “ „ Glaubst denn Du Alles , was Deine Mutter sagt ? “ frug Ernestine kopfschüttelnd . „ Ei gewiß , das versteht sich . Mama spricht immer die Wahrheit . “ „ Woher weißt Du das ? “ Angelika sah Ernestine groß an . „ Woher ? Ei ich weiß es eben . “ „ Ja , aber wer sagte Dir ’ s ? “ „ Niemand — ich weiß es von mir selbst . “ Ernestine blickte schweigend vor sich nieder . „ Ich weiß es von mir selbst — “ wiederholte sie in Gedanken und konnte nicht begreifen , warum das Wort sie so seltsam traf . „ Wenn sie nun aber doch einmal etwas behauptet , was man nicht glauben kann ? “ „ Ach , was eine Mutter sagt , muß ein Kind im ­ mer glauben . “ „ Wenn man ’ s nun aber nicht kann ? “ „ Man muß es aber können ! “ schrie Angelika ganz böse . „ Man muß es können , — wie ist es möglich etwas zu glauben , weil man muß ? Das steht ja doch nicht in unserm Willen , “ sagte Ernestine und dachte bei sich , Angelika sei sehr töricht ; da fiel ihr aber plötzlich ein , daß der alte Pfarrer ja nicht einmal klüger sei , denn er hatte auch gesagt : man müsse glauben und wenn man ’ s nicht tue , so begehe man eine Sünde — und dennoch konnte sie ’ s nicht — wie war ’ s denn nun mit dem Muß ? „ Ernestine , starre doch nicht so vor Dich hin , “ unterbrach Angelika ihr Brüten , „ sieh nur , wie mein Püppchen sitzen kann — ganz allein , ohne Lehne ! Ach , gib ihm nur einen einzigen Kuß , es ist ja Deine Namensschwester , ich taufte es Ernestine . “ „ Nein , ich mag nicht , solch ein lederner Balg fühlt es nicht und ich küsse nichts , was nicht fühlt , noch lebt . “ „ O Ernestine , sag ’ das nicht . Sie ist nicht lebendig , aber sie könnte es doch werden . Mama er ­ zählte mir einmal von einem Manne in Griechenland Namens Pygmalion , der habe sich eine steinerne Puppe gemacht und sie so liebgewonnen , daß sie erwärmte und lebendig wurde . Siehst Du , da meine ich nun , wenn ich meine Puppe recht lieb hätte , dann würde sie am Ende auch lebendig und ich fühle , daß ich sie sehr , sehr lieben werde ! Papa und Mama kann sie ohnehin schon sagen , — das konnte ja dem Herrn Pygmalion seine nicht einmal , und so denke ich , es vielleicht doch noch so weit mit ihr zu bringen , wie er ! “ — Und sie drückte den „ ledernen Balg “ an ihr klei ­ nes Herz , schaute ihm zärtlich und hoffnungsvoll in die blauen Glasaugen und war unendlich zufrieden . Ernestine sah ihr mit wehmütiger Verwunderung , zu , jetzt erst ward ihr das schöne Wort verständlich : „ Der Glaube macht selig ! “ und sie beneidete das Kind um seine Seligkeit . „ Würdest Du nicht lieber ein Hündchen oder Kätzchen haben ? “ fragte sie milde , „ das lebt , ißt und trinkt doch und man kann es füttern , es versteht , was man mit ihm spricht , läuft einem nach und ist anhänglich — wäre das nicht hübscher ? “ Über Angelikas rosiges Gesichtchen zog , wie ein Sonnenwölkchen , ein kleiner , ganz kleiner Kummer . „ Ach ! “ seufzte sie , „ ein Hündchen haben wir , aber ich kann es nicht füttern — es ißt und trinkt nicht ! “ „ Warum nicht , ist es krank ? “ „ Nein , es ist ausgestopft ! “ Ernestine konnte sich eines Lächelns nicht er ­ wehren , „ dann habt Ihr ja doch keinen Hund . “ „ Freilich , es ist ja unser Assor ! Er ist nur ge ­ storben und Mama ließ ihn ausstopfen . Nun liegt er immer still am Ofen und rührt sich nicht , und Mama sagt , er würde nicht wieder lebendig . Ach , Ernestine , es ist so traurig , — wenn ich ihn streichle , leckt er mich nicht mehr ! Ich rufe ihn wohl hundert ­ mal bei Namen und meine , er müsse den guten schwarzen Kopf nach mir umdrehen , aber er tut es nicht , er sieht und hört mich nicht mehr — und er hat mich doch so lieb gehabt . “ Die Kleine zog ihr Tuch aus dem Täschchen und fing an zu weinen . Ernestine suchte sie zu beruhigen . „ Deine Mut ­ ter hätte den Hund begraben lassen sollen , — Du hättest ihn dann vergessen und müßtest Dich nicht um ihn grämen . “ „ Nein , o nein , das hätte ich durchaus nicht ge ­ mocht . In die kalte Erde stecken , das treue alte Tier ? ! Das verdiente er nicht — er war so brav , er ging uns nie von der Seite und als er schon fast nicht mehr laufen konnte , kroch er aus seinem Körbchen , um uns zu begrüßen , wenn wir in die Stube kamen . Und als er auf meinem Schoße starb , da schaute er mich so traurig an , als wollte er sagen : nun muß ich fort von Euch , — und ich sollte ihn verscharren und vergessen wollen ? Das wäre ja abscheulich ! Nein , nein bei uns am Ofen soll er liegen , da hat er es doch besser als unter dem Boden und ich will immer daran denken , wie gut er war . — Und weißt Du , wenn Mama einmal stirbt , darf sie auch nicht begra ­ ben werden , — dann ziehe ich ihr ein Nachtjäckchen an und lege sie in ihr weiches Bett , darin mag sie bleiben . Dann denke ich mir , sie sei krank , setze mich alle Tage zu ihr , erzähle ihr was , und wenn sie mir auch nicht antwortet , ich weiß doch , was sie mir sagen würde , wenn sie sprechen könnte . Und wenn sie mich auch nicht mehr küssen kann , so will ich sie desto zärtlicher küssen . Nicht wahr , das ist doch besser , als wenn mir gar nichts mehr von ihr übrig bliebe ? “ Ernestine schüttelte den Kopf . „ Das geht nicht , Angelika , Leichen kann man nicht aufbewahren , sie verwesen ja ! Was denkst Du nur ? “ „ Ach ! Du sagst bei Allem , das geht nicht , das ist nichts — und verdirbst Einem die Freude . Weißt Du , daß das gar nicht hübsch von Dir ist ? “ Ernestine fühlte sich beschämt . Sie hatte fast an Angelika gehandelt , wie Leuthold an ihr . Das Kind empfand es schon schmerzlich , daß sie seine Puppen herabsetzte und seine kindischen Hoffnungen nicht teilte — und sie sollte nicht zucken , als ihr der Oheim die Hoffnungen des ganzen Daseins aus dem Herzen riß und ihr das Höchste , das Heiligste in den Staub zog ? Sie lehnte die gedankenschwere Stirn an die Scheiben und schaute den grauen jagenden Wolken nach , durch die kein Stern , kein Mondesschimmer drang . Es war dunkel im Zimmer geworden , ohne daß es die Kinder bemerkt hatten und Rieke erschrecke sie fast , als sie plötzlich eintrat und Licht brachte . „ Kommt denn die Mama noch nicht bald ? “ fragte Angelika mit einem tiefen Seufzer , „ sagen Sie ihr doch , ich möchte nach Hause . “ „ Ich werd ’ s bestellen ! “ erwiderte Rieke und ging hinaus . „ Du hast es satt bei mir ? “ flüsterte Ernestine schmerzlich vor sich hin : „ nicht wahr , Du kannst mich auch nicht leiden ? “ Angelika schwieg verlegen . Über Ernestinens Gesicht flog ein Zug tiefster Bitterkeit . „ Nun , ’ s ist echt — dann brauche ich Dich auch nicht gern zu haben . Der Oheim würde doch nur schelten , wenn ich ’ s täte ! “ „ Was ,