. » Er sitzt da schon seit heute früh , wenigstens haben wir « , sie zeigte auf den Amtsrichter und auf sich , » allein diniert mit Tante , dann sind wir in › Waldruhe ‹ gewesen , aber nicht angenommen worden , und jetzt ist es die pure Verzweiflung , wenn wir eine Bowle machen . Aber bitte , Herr Baumhagen , wollen Sie nicht einmal kosten ? « Die Kleine hatte ein Glas gefüllt und bot es dem alten Herrn mit lachenden Augen . Onkel Heinrich warf einen halb ärgerlichen , halb begehrlichen Blick auf das Kelchglas in der niedlichen Mädchenhand . » Hexe ! « sagte er dann , und stolz wie ein Spanier schritt er aus dem Zimmer . Er war zu ernst gestimmt , um auf das » Gequatsch « einzugehen . Hinter ihm drein aber flog ein glockenhelles Lachen . » So wollt ' ich doch , daß der Amtsrichter den kleinen Satan mit in den Koffer packte und nach Frankfurt expedierte oder meinetwegen dahin , wo der Pfeffer wächst ! « Er schreckte den jungen Hausherrn vom Schreibtisch empor . » Linden « , begann er , ohne sich zu setzen , » unten hält der Wagen , kommen Sie mit zu der kleinen Frau . Bitten Sie um Verzeihung , und alles ist gut . « Franz Linden blickte ihn ruhig an . » Wissen Sie , 218 was ich damit täte ? « fragte er , » ich gestände eine Schuld ein , die ich nie begangen habe . « » Ach was , Quatsch ! Lassen Sie doch das ! Hier kommt ' s darauf an , wollen Sie die Frau wiederhaben oder nicht ? « » Ist das die Bedingung , unter welcher meine Frau wiederkehren will ? « » Na , versteht sich . O la la ! Ich weiß wenigstens genau , daß sie dann kommen würde . « » Ich bedaure , aber das kann ich nicht « , erklärte der junge Mann und wurde um einen Schein blasser . » Ich habe nicht um Verzeihung zu bitten . « » Halsstarriges Volk und kein Ende ! « polterte Onkel Heinrich . » Man freut sich , daß der Halunke tot ist , und nun sind wir auf dem alten Flecke ! « » Daß der Halunke tot ist , das ist für mich ein trauriges Schicksal , Onkel . « » Sie wollen nicht ? « fragte der alte Herr noch einmal . » Um Verzeihung bitten – nein ! « » So leben Sie wohl ! « Und Onkel Heinrich setzte den Hut auf und verließ eilig das Zimmer und das Haus . » Erlauben Sie , daß ich Sie hinunterbegleite « , bat Franz und folgte dem kleinen Herrn , der hastig in den Wagen stieg , als gelte es eine Flucht . Aber ehe die Pferde anzogen , beugte sich über den Schlag noch einmal sein altes , gutes Gesicht , und eine brennende , ehrliche Angst stand darauf zu lesen . 219 » Hören Sie , Franz « , flüsterte er , » ' s ist ein törichter Stolz von Ihnen . Die Weiber besitzen so ihre Marotten . Ich habe zwar nie eine gehabt – drei Kreuze dahinter – aber ich kenne sie doch . Sie haben so einen gewissen Korpsgeist , sie wollen alle aus Liebe auf den Schild gehoben werden , und die Kleine ist darin besonders scharf . Sie hat mit ihrem Vater , meinem guten seligen Leberecht , ein bißchen viel in Idealen gemacht . Ich sagte es immer , die Krabbe hat zu viel gelesen . Nun seien Sie der Klügere , der nachgibt ! Herr Gott , Sie sind wahrhaftig nicht auf den Mund geschlagen und – sie ist doch eine reizende kleine Frau . « » Sobald Gertrud wiederkehrt , ist alles vergessen « , erwiderte Linden und schloß die Wagentür . » Sie kommt aber so nicht , Junge . Kennen Sie den Baumhagenschen Trotzkopf noch nicht ? « klang es in höchster Verzweiflung . Er zuckte mit den Schultern und trat zurück . » Nach Waldruhe ! « schrie im heftigen Zorn der alte Herr dem Kutscher zu , und ohne Gruß fuhr er ab . » Der Monsieur spielt sich gefährlich auf als beleidigte Unschuld « , brummte er und stieß in kurzen Zwischenräumen den Stock auf den Boden des Wagens . Und je näher er der Villa kam , desto röter färbte sich sein verärgertes rundes Gesicht . Er brauchte , in » Waldruhe « angelangt , die Treppe nicht zu ersteigen ; Trudchen war im Park . Am Ende eines dunkelschattigen Weges stand sie , und als sie 220 den Onkel sah , kam sie ihm entgegengeschritten in ihrem einfachen , weißen Sommerkleide . » Onkel ! « stieß sie atemlos hervor , und zwei angstvolle Augen suchten in den seinen zu lesen . » Na , komm ! « Der alte Herr faßte sie an der Hand , » gehen wir den Weg vollends hinauf . Es tut mir wohl , der Schlag könnte mich sonst beim Stillstehen treffen . Kurz und gut , Kind , er will nicht . « » Onkel , was hast du getan ? « rief Trudchen , und die Röte der Scham stieg ihr ins Gesicht . » Du bist bei ihm gewesen ? « » Ja , ich habe gesagt : › Geh und bitte ihr ab , dann ist alles gut – die Weiber sind mal so . ‹ Und er – « Sie faßte mit der Hand nach dem Herzen . » Onkel ! « stammelte sie . » Und er sagte : › Nein ! Es hieße eine Schuld bekennen , die er nicht begangen habe . ‹ So , mein Kind . Ich habe mich da mal wieder als Friedensengel aufspielen wollen , aber – bis hierher und nicht weiter . Jetzt helft euch allein . Der Ärger schadet mir allemal , du weißt ' s. Ich habe nun wieder genug auf vier Wochen . Adieu , Trudchen . « » Adieu , Onkel , ich danke dir . « Er war schon ein paar Schritte gegangen , da sah der alte Egoist sich noch einmal um . Sie lehnte an dem Stamm einer Buche , wie gebrochen , die Blicke zur Erde gesenkt , ein unheimliches Lächeln um den Mund . » Ei du Grundgütiger ! « stammelte er , nahm den 221 Hut von der heißen Stirn und ging mit schwerem Herzen noch einmal zu ihr . » Na , nun den Kopf hoch « , sprach er freundlicher . » Da drüben in Niendorf macht der kleine , schwarze Satan eine Erdbeerbowle , der Amtsrichter will abreisen . Wie wär ' s , Trudchen , wollen wir mittrinken ? Komm , komm , ich bringe dich hinüber ! Siehst du , wir treten hinein in den Saal , ganz leise – ich will nicht der Egoist sein , der ich bin , wenn ihr euch nicht eins – zwei – drei in den Armen habt , du rufst : › Franz ! ‹ er : › Trudchen ! ‹ und alles ist vergessen . – Trudchen , alte kleine Trude , sei vernünftig ! Ist das Leben denn gar so herrlich , daß man sich die paar goldenen Tage der Jugend und der Freude noch mutwillig verkümmern muß ? Komm , komm , folge mir dies eine einzige Mal ! « Er hatte sie an das feine Handgelenk gefaßt ; aber hastig wand sie sich los , eine förmliche Erstarrung lag über ihrem Antlitz . » Nein , nein , das ist vorbei « , sagte sie laut und hart . Mit leisen Schritten wandelte der Sommer über das Land . Gelb bogen sich die Ährenfelder unter dem warmen Winde , und leergepflückt standen die Kirschbäume auf dem Anger und längs der Chausseen . Wolkenlos blaute der Himmel , und in Niendorf wurde das erste Korn eingefahren . Aus der Stadt war man in die Bäder geflüchtet 222 oder in die kühlen Bergtäler . Das Erkerhaus am Markte zeigte von oben bis unten verhangene Fenster . Frau Baumhagen weilte in der Schweiz , Herr und Frau Fredrich in Baden-Baden , Onkel Heinrich war nach Helgoland ausgewandert , weil doch nirgends das Frühstück so gut schmeckt , wie auf der Badedüne der Felseninsel . Nur jene beiden saßen still in ihren Nestern . Ein kleines Stückchen Wald und Feld trennte sie , aber sie konnten sich nicht ferner sein , hätte zwischen ihnen der Ozean gewogt . Es gab kein Hinüber ! In Niendorf ging es laut her , ungeordnet und unregelmäßig . Woher auch sollte Fräulein Adelheid das Getriebe einer Landwirtschaft verstehen ? Sie war den ganzen Tag auf den Füßen , sie machte hundert unnütze Wege und abends klagte sie , daß die zwei zierlichen Dingerchen in den spitzen Hackenschuhen ihr so weh täten , und daß die Mädchen keinen Respekt vor ihr hätten . – Tante Rosa war schlechter Laune , sie sah sich auf ihre alten Tage dazu verurteilt , das Amt einer Ehrendame zu üben . Fräulein Adelheid konnte doch unmöglich mit Linden allein zu Mittag und zu Abend speisen , und sie durfte auch nicht fehlen bei Tische . Also stülpte sich die alte Dame jeden Tag um die zwölfte Stunde ihre Sonntagshaube auf und saß , wie ein Häufchen Unglück , neben Linden auf Trudchens leerem Platz . Es waren verzweifelt traurige Mahlzeiten . Nach und nach verstummte auch Heidchen , eine Antwort 223 bekam sie ja nur in den seltensten Fällen auf ihr Geplauder . So aß man schweigend und trennte sich so rasch wie möglich , nachdem » Gesegnete Mahlzeit ! « gesprochen war . Aber Franz hatte doch wenigstens noch Arbeit , er konnte nicht immer denken und grübeln , das kam abends erst im stillen Zimmer , wenn er auf die festgeschlossene Tür blickte , die in Trudchens Stübchen führte , das kam , wenn unten die Stimme der kleinen , schwarzen Adelheid allerlei schwermütige Lieder sang , von Liebe und Sehnsucht . Und wenn es um Mitternacht ganz still wurde , wenn alles schlief in Haus und Hof und nur noch ein verlorener Hundeblaff vom Dorf herüberschallte , da wanderte er im Zimmer auf und ab , bis die Lampe trübe wurde und erlosch , und selbst dann noch . Er wartete nicht mehr auf ihr Kommen . Tage- , wochenlang hatte er es getan . Anfangs war er in verzehrender Sehnsucht bis an die Mauern ihres Gartens geschritten . Er wollte da sein , wenn sie hinaustrat aus der Pforte , beim ersten Schritt schon wollte er ihr entgegentreten . Es war umsonst , sie kam nicht . Einmal hatte ihn das Gesinde mit seltsam geröteten Augen gesehen . » Der Herr weint nach der Frau « , war scheu die Rede gegangen in der Küche . » Warum holt er sie sich nicht ? « meinte der Kutscher , » ich würde keine Träne vergießen , wüßte schon , wie ich solch hübschen Trotzkopf kriegen tät ! « und er 224 machte eine nicht mißzuverstehende Gebärde . » Grobian ! « erklärte das Hausmädchen wegwerfend , und das ganze weibliche Personal wandte ihm den Rücken . Ach , und es war ein Erntejahr , wie seit langer Zeit nicht , die Scheuern faßten kaum den Gottessegen . Von den Wiesen kam der Duft des Heues herüber und vermischte sich mit den tausend Zentifolien im Garten . Auf dem Hofe blühte die große Linde , und eine Legion kleiner , goldgelber Kücken ließ sich von der Frau Mutter spazierenführen . Droben im Storchnest auf der Scheune wuchsen die Jungen heran . Wie eingesponnen lag das alte , traute Haus im üppigen Grün . Die Waldreben krochen hinauf zu den Fenstern und sahen ins leere Zimmer , und die Schwalben , die unter dem Dache bauten , erzählten in Stadt und Land umher : » Sie ist fort von ihm ! Sie ist fort von ihm ! « Ja , man wußte sie überall , die traurige Mär : Trudchen Baumhagen hat sich von ihrem Mann getrennt . In den Kaffeegesellschaften erzählte es flüsternd eine der andern , auf der Kegelbahn und am Stammtisch sprach man davon , und an der Table d ' hote im » Deutschen Hause « war es die stehende Unterhaltung . Genau wußte man ja nicht , weshalb ? Tausend Vermutungen der wunderbarsten Art wurden laut : » Er habe etwas gar zu willkürlich über die Mitgift der Frau verfügt . « 225 » Sie sei davongegangen , weil er in bodenloser Heftigkeit die Hand gegen sie erhoben habe . « » Die Schwiegermutter habe etwas dazwischen gebracht . « » Gott behüte ! Sie ist eifersüchtig – da soll eine kleine , schwarze Cousine im Hause sein . « » Nicht doch ! Die junge Frau ist dahinter gekommen , daß er beim Freien um sie eine › Vermittlung ‹ zu Hilfe nahm ; auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege . « » Ah bah ! Darum läuft ein Weib nicht davon ! « » Alle Wetter , da kennen Sie Trudchen Baumhagen schlecht . Tatsache ist ' s , sie ist fort von ihm . « Ja , Tatsache war es ! Und Trudchen saß in ihrem einsamen Hause , in ihrem wunderlich stillen düsteren Zimmer wie eine Lebendigbegrabene . Sie las auch nicht mehr . Es war , als ob sie mit wachendem Auge schliefe . Zuweilen brachte Johanne ihr Kind , und die Augen der jungen Frau folgten mechanisch dem kleinen Würmchen , wenn es ungeschickt durch die Stube rutschte oder sich am Stuhlbein aufzurichten versuchte . Aber anrühren tat sie es nicht , selbst wenn es hinfiel und schrie . – Gegen Abend aber kam immer dieselbe unerklärliche Unruhe über sie . Dann ging sie im Garten umher in stürmischem Schritt , lange Zeit , bis sie endlich auf dem Luginsland ankam . Und dort blieb sie stundenlang und sah den Turmberg an , bis der Tau ihr Haar und Gewand feuchtete . 226 » Paß auf , ich werde krank « , sagte sie zu Johanne , » hier oben . « Und sie wies nach dem Kopfe . » Ich glaub ' s « , nickte diese ; » man kann sich wissentlich so weit bringen . « Es war ein Tag zu Ende Juli , furchtbare Schwüle brütete über der Welt , und die junge Frau litt entsetzlich darunter , selbst in ihrem kühlen Zimmer . Regungslos lag sie nach Tische im Sessel am Fenster . Ein heftiger einseitiger Kopfschmerz quälte sie , wie so oft jetzt . Johanne setzte ihr die Tasse mit starkem schwarzen Kaffee auf das Tischchen und legte das Buch hin , in dem schon seit drei Tagen die nämliche Seite aufgeschlagen war . » Hier ist auch ein Brief « , fügte sie hinzu . Trudchen hatte förmlich Scheu bekommen vor Briefen . Sie überwand sich aber doch , es waren Jennys kritzlige Schriftzüge , und Jenny schrieb nur leichtes , oberflächliches Zeug . Ein Blick in den Brief genügte da schon . Zwei Blätter fielen ihr entgegen . » Wir haben schon lange nichts von Dir gehört « , las sie , » daß es uns angst ist um Dich . Bist Du noch immer in › Waldruhe ‹ ? Gestern lernte ich den Rechtsanwalt K. auf der Reunion kennen , denselben , der in dem bekannten Ehescheidungsprozeß des Herzogs von P. mit der Gräfin V. Vertreter der letzteren war . Ich redete ihn scherzhaft darauf an , ob man sich von seinem Gebieter trennen könne , wenn man erführe , daß dieser bei der Werbung 227 mehr unser irdisches Gut als unsere Person im Auge hatte . Ich deutete ziemlich genau die Situation an und sprach von einer Freundin , die in dieser Lage sei . Er erwiderte : › Sagen Sie Ihrer Freundin , sie solle ganz still wieder zu ihrem Gatten schleichen , denn sie ziehe jedenfalls den kürzeren ! ‹ Er drückte sich noch unartiger aus , er ist ja bekannt als Grobian ! Na , da hast Du das Urteil einer Autorität . Mache der Sache ein Ende , denn längeres Zögern könnte Dich so bitter gereuen , wie Du es in Deinem gegenwärtigen hoheitsvollen Zorn Dir gar nicht auszumalen vermagst . Wenn mich nicht alles täuscht , liebtest Du ihn ja wirklich ? Nun , es gibt Dinge – aber es ist schwer darüber zu schreiben . Lies den beigefügten Brief , den Mama mir vor ein paar Tagen sandte . Vielleicht ahnst Du , was ich sagen will . Ich wünschte , Du wärest mit in Paris gewesen oder jetzt hier in Baden-Baden , Du würdest einsehen , daß wir deutschen Frauen mit unserer dickfelligen Tugendhaftigkeit , unserem spinnewebzarten , himmelblauen Idealismus uns das Leben recht unnütz schwer machen . Ich bin überzeugt , eine Französin hielte sich die Seiten vor Lachen , erführe sie die Ursache Deines ehelichen Konfliktes . Artur ist sehr liebenswürdig und pariert aufs Wort . Zur gestrigen Reunion erfreute er mich mit einer Pariser Toilette . Sobald er herauskommt aus 228 unserem Nest , ist er wie verwandelt . Adieu , nimm die Sache nicht so tragisch . Deine Schwester . « Langsam nahm die junge Frau den zweiten Brief . Es waren die spitzigen Schriftzüge der Tante Stadträtin an Frau Baumhagen gerichtet . » Liebste Ottilie ! Hier ist alles beim alten . Ich war gestern in Deinem Hause ; Sophie ist auf dem Platze , hat erst wieder große Mottenjagd gehalten . Dein Papagei hatte ein schlimmes Auge , es geht aber wieder ganz gut . Von Trudchen hörte ich nichts , man wird ja nicht vorgelassen bei ihr ; Du wirst wohl Nachricht haben . Über Niendorf schwirren allerlei Gerüchte in der Luft . Gestern abend kam mein Alter aus dem Kegelklub – es soll ja eine Cousine da draußen sein , die die Wirtschaft führt . Stadtrat Hanke will sie gesehen haben in der Lindenschen Equipage – sehr brünett , sehr apart und unendlich aufgeputzt . Na , Du weißt , die Leute sagen immer gleich viel , aber ich will damit nicht Öl ins Feuer gießen . Einmal sah ich auch Linden , ich erkannte ihn erst , nachdem er beinahe vorüber war . Er kam von der Bank . Der Mann hat ja schon graues Haar an den Schläfen . Er erschien mir überhaupt als ein ganz anderer , so – wie soll ich sagen – vergrämt . « Trudchen ließ den Brief sinken , dann sprang sie empor . Es rückte und schüttelte sie in allen Gliedern . 229 Mit furchtbarer Gewalt zwang sie sich , ruhig zu sein und vernünftig zu denken . Was wollte sie denn auch ? Sie hatte sich getrennt von ihm in alle Ewigkeit . Aber das Herz ! Das Herz krampfte sich zusammen , es tat so weh auf einmal , und es klopfte so laut in der totenhaften Stille , die sie umgab , daß sie glaubte , es zu hören . » Johanne ! « schrie sie auf , aber niemand antwortete . Sie war wohl im Garten draußen oder bei einer häuslichen Arbeit in der Küche . Was konnte die auch helfen ? » Nein , das nicht – nur das nicht ! « Sie saß wieder im Stuhl am Fenster und schaute in das Düster der Bäume . Was gäbe sie darum , wenn der Wald , die Berge verschwänden , wenn sie dort hinüberblicken könnte in das Haus – in die Zimmer . » Ein munteres Ding , das schwarze , kleine Fräulein « , hatte Johanne neulich gesagt . Und Trudchen sah sie vor ihrem geistigen Auge , wie sie im Hause umhertrippelte , jetzt im Saal , nun die Treppe hinauf , die lieben , alten ausgetretenen Stufen . Tapp ! tapp ! Nun auf dem Korridor ; da schlagen die Hackenschuhchen so zierlich und fest auf den Gips ; und nun an einer braunen Tür – seiner Tür . Sie darf eintreten ? Ach , sein Zimmer , das traute alte Zimmer ! Und Trudchen ringt die Hände ineinander wie in bitterem Neid . » Fort ! « sagte sie halblaut , » fort ! Die Schwelle ist geweiht – ich 230 – ich bin darüber geschritten am seligsten Tage meines Lebens – an seiner Hand ! « Und sie sah ihn sitzen am Schreibtisch , in der grauen Joppe und den hohen Stiefeln , wie er vom Hofe hereingekommen war . Seine weiße Stirn hob sich scharf ab gegen das gebräunte Antlitz . Das hatte sie immer so gern gesehen . Und graues Haar an seinen Schläfen ? Ach , er hatte es noch nicht vor ein paar Wochen ! Und wieder gaukelt eine kleine , zierliche Gestalt vor ihren Augen , hin zu ihm . Ach , nur das eine möchte sie wissen , ob er sie je vergessen kann über einer andern – über dieser vielleicht ? Aber wozu das alles ! Sie erhob sich und ging aus der Stube über den Korridor in ihres Vaters Zimmer . Was Papa getan hatte , das hatten schon Tausende vor ihm getan , und Tausende werden es noch tun – man muß ja nicht leben ! Auf dem Nachttischchen am Bette stand noch das Glas mit dem geschliffenen Namenszug , daraus hatte er das Schreckliche getrunken . Man hatte das Gefäß gereinigt und wieder dorthin gestellt . – Sie tat ein paar Schritte nach dem Fenster und zuckte zusammen , ach so – ihr Spiegelbild . Sie trat rasch vor das blinkende Glas und sah hinein , es war ein wunderlicher , bläulicher Schimmer darinnen , und totenblaß schaute ihr schmales Antlitz sie an . Die tiefen Schatten unter den Augen zogen sich bis 231 auf die Wangen herab . Schaudernd wandte sie sich , es leuchtete ihr etwas Unheimliches aus den eigenen Zügen entgegen . Und wieder stand sie und grübelte . Was bot ihr das Leben noch ? Mit ihm war alles hin , alles ! » Frau Linden « , schallte es hinter ihr , » der Herr Rechtsanwalt ! « Sie nickte : » Nach meinem Zimmer ! « Ach ja , sie hatte vergessen , daß sie ihn um seinen Besuch gebeten hatte . Heute schon kam er . Erst gestern hatte sie an ihn geschrieben . Aber es war gut so , es mußte ein Anfang gemacht werden . Sie wendete sich wieder um . Mochte er warten , sie konnte nicht hinübergehen jetzt . Sie trat ans Fenster und sah , wie bleifarbig schweres Gewölk am Himmel aufstieg ; es braute sich ein Wetter zusammen im Westen . Mut , nur Mut ! Wenn es vorüber ist , lächelt die Sonne wieder . Zuweilen richtet sich ein gebrochener Stamm auch nicht wieder auf – desto besser ! Nur nicht mehr diese Stille , diese Schwüle . Handeln , handeln – sollte auch – » Gnädige Frau ! « rief es noch einmal mahnend . Da faßte sie sich und ging . Sie kannte ihn gut , den alten Herrn , der ihr freundlich ernst entgegenschritt ; aber sie konnte kein Wort zu ihm sprechen ; nur eine stumme Handbewegung nach dem nächsten Sessel . Er wußte ja , worum es sich handelte ; mochte er das schreckliche Gespräch eröffnen . 232 » Sie wünschen meinen Beistand , gnädige Frau , in dieser recht schweren Angelegenheit ? « » Ja , ich wünsche , daß Sie mich vertreten « , sagte sie und schaute an ihm vorüber in die Zimmerecke , » und ich möchte vor allen Dingen , daß – Herr Linden die Bestimmung erfährt , die ich für diesen Fall getroffen habe . Ich lasse ihn im Besitz meines ganzen Vermögens bis auf dieses Haus und das Kapital , welches in meines Schwagers Fabrik eingetragen ist . « Sie sprach das so hastig , als hätte sie es auswendig gelernt . » Ist es Ihnen denn gar so ernst darum ? « fragte der alte Mann . In ihren Augen blitzte es auf . » Denken Sie , ich treibe Scherz mit so traurigen Dingen ? « » Und glauben Sie , daß Ihr Herr Gemahl einverstanden sein wird ? « » Es ist Ihre Sache , Herr Rechtsanwalt , dies zu vermitteln . « Er verbeugte sich stumm . Auch sie schwieg . Eine unheimliche Stille herrschte im Zimmer , im ganzen Hause , Trudchen war es , als sei eben ein Todesurteil unterzeichnet worden . » Es gibt böses Wetter heute « , sagte der Rechtsanwalt nach einer Weile ; » ich werde mich bald beurlauben müssen , gnädige Frau . Und da ich auf halbem Wege bin , werde ich nach Niendorf fahren , um persönlich mit Ihrem Herrn Gemahl zu verhandeln . « 233 » Heute schon ? « Sie hatte es erschreckt ausgerufen . Er zögerte und sah sie an . » Sie haben recht , es paßt mir auch morgen besser , sagen wir übermorgen . « » Nein ! « widerrief sie hastig , » sprechen Sie heute noch , gleich , darüber – es ist ja besser , viel besser ! « Sie erhob sich verwirrt . Ihr Kopfschmerz , das Bewußtsein , nun komme der Stein ins Rollen , stürmten auf sie ein . Mechanisch begleitete sie den Herrn bis an die Treppe . Dann stand sie auf dem Korridor , die Hand an die schmerzende Schläfe gelegt , schier betäubt . In der Küche hörte sie Johanne , und als ertrüge sie die Einsamkeit nicht mehr , trat sie hinein und setzte sich auf den sauberen Bretterstuhl neben dem weißgescheuerten Tisch . Johanne stand davor und wühlte zwischen Efeublättern und Zypressenzweigen . Sie hatte rotgeweinte Augen , und es fielen noch immer ein paar Tropfen auf ihre Hände , die einen Kranz banden . Die ganze Küche roch wie Tod und Begräbnis . » Was machst du da ? « fragte Trudchen . Johanne sah zur Seite und unterdrückte ein Aufschluchzen . » Morgen wird ' s ein Jahr « , sagte sie halberstickt , » da brachten sie ihn mir tot ins Haus . « » Ja richtig ! « Die beiden Frauen sahen sich tief in die traurigen Augen , jede mit dem Gedanken , sie wäre die Unglücklichste . Ach , aber da stand der Wagen mit dem schlafenden Kinde , und das gehörte 234 Johanne . Und Johanne konnte an ihn denken ohne anderes Weh und Herzeleid , als die Trauer um seinen Verlust . Durch den Tod verloren – es ist nicht halb so schwer , als durch das Leben . Trudchen fand kein Wort der Teilnahme . » Wie man ' s nur überleben kann « , schluchzte die junge Witwe . » So frisch und gesund ging er über die Schwelle , ich meine immer noch , ich sehe ihn die Gasse hinaufschreiten . Und gerade am Abend vorher hatten wir uns zum ersten Male ein wenig ernsthaft gezankt , und ich hatte gedacht : › Wart , du sollst schon betteln um ein freundlich Wörtchen . ‹ Und da hab ' ich mich ohne › Gute Nacht ! ‹ zu Bette gelegt und hab ' ihm am andern Tage früh keinen Kaffee gekocht . Ich hörte ihn so herumhantieren in der Stube und freute mich in mich hinein , daß er so nüchtern fort mußte . Er kam nochmal an mein Bett und sah mir ins Gesicht , und ich tat , als ob ich schliefe . Wie er aber kaum die Haustür zu hat , bin ich schon auf den Füßen und sehe ihm nach . Er war ja mein ganzer Stolz . Das letztemal ist ' s gewesen , keine zwei Stunden später haben sie ihn mir gebracht . Und Tag und Nacht habe ich geschrien auf den Knien vor ihm und gefragt , ob er noch böse ist . Und habe Gott gebeten , daß er ihn nur noch einmal die Augen auftun läßt , daß ich sagen könnte : › Adieu , Fritze , komm gesund heim , Fritze ! ‹ Aber alles umsonst , er hat nichts mehr gehört . « 235 Trudchen sprang plötzlich empor und verließ die Küche . Herr Gott im Himmel ! Sie fühlte sich zum Sterben elend . In tollem Wirbel drehte es sich hinter ihrer Stirn , nicht anders , als ob Verstand und klares Denken in wilder regelloser Flucht begriffen seien . Sie wollte hier das fortsausende Ende eines Gedankens festhalten und konnte ihn nicht mehr haschen , und dort eine Vorstellung , die noch vor fünf Minuten in schreckensvoller Deutlichkeit sie gepackt hatte , und der sie sich nun nicht mehr zu erinnern wußte , trotz allem Sinnen . Nur die dumpfe Angst vor etwas Entsetzlichem blieb . Es war wohl die schwüle Gewitterluft , die beängstigende Stille der Natur vor dem Unwetter , das ihr die Nerven empörte . Sie klingelte und ließ Eiswasser bringen . Als Johanne das tauig beschlagene Glas vor ihr niedersetzte , wandte sie den Kopf zur Seite . » Johanne , weißt du zufällig , wie lange die – junge Dame noch auf Niendorf bleibt ? « » Ich glaube den Sommer über , Frau Linden « , war die Antwort . » Es ist ja auch gut , was sollte werden da drüben ? « Trudchen biß sich auf die Lippen . Sie schämte sich . Was hatte sie danach zu fragen ? » Wünschen Sie noch etwas , gnädige Frau ? « » Ich danke ! « Und sie blieb einsam in ihrem Zimmer , wie alle Tage bisher . Sie