zum Christfest : wie hatte sie die Nächte hindurch bei der Arbeit gesessen , um die Brieftasche fertig zu sticken , die sie ihm heimlich , ganz heimlich schenken wollte ! Und nun sollte sie fort , sollte das liebe Fest nicht hier verleben mit Tante Lotte und Fritz ! Sollte da mit ganz gleichgültigen Leuten unter dem Weihnachtsbaum zusammen sein , in der fremden großen Stadt , weit fort von ihrem lieben Wald , der so herrliche Spaziergänge hat , ganz schmale Waldpfade , in denen man nur zu zweien , eng aneinander geschmiegt , wandern kann ! O natürlich ! Mama hat etwas gemerkt , Mama ist es nicht 216 recht , Mama hat – sie stockte in ihrem Selbstgespräch plötzlich und sah mit starren Blicken ins Leere . Vor ihren Augen türmten sich plötzlich ganze Berge von weißer Leinwand , die Mama aus allen Schränken und Truhen hervorgekramt hatte , um diese Pracht nähen und sticken zu lassen ; in der Schrankkammer saß ja seit zwei Wochen schon Fiekchen Blomann und stichelte mit einer Gehilfin auf Tod und Leben : und dem Vollmond gleich stieg plötzlich die Glatze des Herrn Oberamtmann Bartenstein in Röschens verwirrter Phantasie auf , die ganze Situation beleuchtend und klärend . » Herr Gott , der Witwer ! Und Mamas Leidenschaft für Hilgendorf ! Und der Rüffel , weil ich nicht gedankt hatte auf seinen Gruß , und – – nun , da haben wir ' s ja ! « Sie setzte sich , ganz benommen , auf ihr Bettchen und atmete rasch und ängstlich . Nach einer Weile sagte sie halblaut : » Na , ich danke ! « Und nach einem Weilchen wieder kicherte sie , und in ihren braunen Augen saß der alte Schelm . Dafür ist ihr nicht bange , dazu gehören zwei ! Wenn nur – . Und nun wurde es wieder trübe hinter der weißen hübschen Stirn – wenn nur das Weihnachtsfest ihr nicht so abscheulich verdorben werden sollte ! Sie ist doch gräßlich dumm , diese Reise nach Berlin , gräßlich dumm ! » Gräßlich « ist offenbar das Lieblingswort Röschens . Nach einer Viertelstunde angestrengten Nachdenkens ging sie endlich leise die Treppe hinauf zu ihrer Trösterin und Beraterin in allen Lebensfragen , zu Tante Lotte . Frau Oberförster saß am Fenster und stickte an einem Weihnachtsgeschenk für ihren Einzigen , einem Rückenkissen in Kreuzstich ausgeführt , einen Zwölfender darstellend , der seelenvergnügt aus einem Eichenkranz schaut . » Ich werde wohl nicht fertig werden , Röschen , « seufzt die alte Dame . » Ach , Tante , es wird überhaupt ein ganz klötriges Fest werden , « sagte Röschen kleinlaut . » Mama will es in Berlin feiern . « » So ? In Berlin ? « Die hübschen blauen Augen der alten Frau sahen forschend in das tränenumflorte Gesicht der jungen 217 Nichte . » Nun , Kind , das ist ja immerhin noch kein Unglück . « » Ich wäre Weihnacht lieber zu Hause : Onkel Richard kenne ich ja kaum , und die Tante , die kenne ich erst recht nicht , und – du hier so allein ! « » Ich habe ja den Fritz , « lächelte das Hauchebild , und in ihrem guten müden Gesicht zuckte es bitter , als sie den niedergeschlagenen Ausdruck in Röschens Gesicht bemerkte . » Ja , du hast den Fritz ! « nickte Röschen ; dann schwieg sie und dachte : das ist doch kein Trost für mich . Plötzlich fiel ihr Blick auf einen ganzen Stapel feiner Taschentücher , die auf dem Nähtisch der Tante lagen . » Himmel ! hat Mama dich auch mit Weißnähen begnadigt ? « fragte sie . » Ach , ich tue es gern , Kindchen , hab ' so nichts vor . « » Wozu nur auf einmal diese gräßliche Stichelei ? « » Wohl zu deiner Ausstattung . « » Meiner Ausstattung , Tante ? Aber , das hat ja noch gar keine Eile ! « » Nun , du bist doch jetzt in den Jahren , wo man freit ! Wenn der Bräutigam anklopft , ist alles bereit . « » Hat Mama das gesagt ? « » Nein , Kind , ich denke nur so . Zerbrich dir den Kopf nicht darüber , kommt Zeit , kommt Rat ! « » Ich will mich auch nicht ängstigen . Du hast recht , Tante : wenn der Freier erscheint , ist alles fertig . « Und dann setzte sie ganz laut hinzu : » Wie ich dies Hilgendorf nur hasse , Tante Lotte ! « 218 » Herrjemine ! Und hat doch deine Wiege dort gestanden ! « » Aber mein Sarg soll dort nicht stehen , « murmelte das junge Mädchen . » Dein Sarg ? Das klingt ja schauderhaft ! « Röschen schwieg . Vor ihren Augen stand der große Hilgendorfer Saal , und in ihm , am hellen Tage , brennende Kerzen und ernstes Grün , und viele , viele Menschen mit traurigen Gesichtern , genau so wie bei Papas Beerdigung ; in der Mitte des Saales stand ein offener Sarg , in ihm lag die Gestalt einer jungen , bleichen Frau , der man ein Brautkleid angezogen hatte , und die Leute da umher flüsterten sich zu : » Sie starb an gebrochenem Herzen – sie hat den Mann nicht geliebt – er war ja auch so viel älter . « Auch ihre Mutter sah sie , und die war vor Reue rein außer sich , und Fritz stand , bleich wie der Tod , in einer Ecke und blickte auf den Sarg , und sie , Röschen , die da lag , hörte und verstand alles , und sie wußte auch , er würde ihren Tod nicht überleben , der Fritz würde ihr nachsterben , und die unbarmherzige Mutter würde ihn aus Reue an ihrer Seite begraben lassen . Aber dann – was hatten sie davon ? Dann war ja das Leben vorbei , das so schön hätte sein können ! Die Tränen schossen ihr aus den Augen und liefen auf ihren Wangen hinunter , und dann mußte sie sogleich wieder lachen , denn ihr fielen die Strophen einer Schauerballade ein , die Fritz sie einst gelehrt , als sie Kinder waren : » Es waren kaum drei Wochen Verflossen nach dieser Zeit , Da begrub man seine Knochen Bei Rosalindens Leib . « Die Tante sah auch dieses weinende Lachen , und ihre Züge erhellten sich . » Weißt du , was dein lieber Onkel immer sagte , wenn er nicht weiter wußte im Leben , Kind ? › Bange machen gilt nicht ! ‹ sagte er . « » Mir ist auch gar nicht bange , Tante , mir graut nur vor den Kämpfen mit Mama , denn – ach , Tante , du weißt ja doch , Fritz 219 kann dir nichts verschweigen , Herzenstante , er hat dir doch gewiß auch erzählt , daß wir – « » Nichts weiß ich – nichts weiß ich ! « wehrte Tante Lotte ängstlich ab , » ich bitte dich , Kind , werde allein fertig ! Du kennst doch die Ansichten deiner Mama über mich , und du weißt ja auch gar nicht , was alles zwischen uns steht . « Drunten klingelte jetzt die Schelle der Haustür und Röschen huschte hinunter . Irgend ein Besuch würde es ja doch sein , den sie mit empfangen mußte , und Mama würde böse werden , wenn sie erführe , daß das Kind wieder bei der Tante gesteckt hatte . Das war nun eine Prüfung , diese alte rätselhafte Abneigung zwischen Mutter und Tante ! Heimlich schrieb Röschen an Fritz , welch schrecklicher Verdacht ihr in Betreff des Hilgendorfer Witwers aufgestiegen sei , und bat um Verhaltungsmaßregeln : sie teilte ihm auch mit , daß sie gezwungenermaßen Weihnacht nach Berlin reisen müsse mit Mama . » Ach Gott , « schloß der Brief , » am liebsten möchte ich sterben . « Tante Lotte überreichte nach einigen Tagen ihrer traurigen Nichte ein winziges Briefchen , das einem Schreiben von ihrem Fritz an sie beigelegen hatte , aber sie trug dabei ihre strenge Miene und sagte : » Einmal und nicht wieder ; der nächste geht mit wendender Post an Fritz zurück . Als seine Mutter kann ich dir keinen Vorschub leisten bei den eigentümlichen Verhältnissen , in denen deine Mutter und ich zueinander stehen . « Schon wieder diese dunkle Andeutung ! Röschen flüchtete mit dem Brief in ihr Zimmer und las : » Für den Hilgendorfer bist Du doch zu gut , süßer blonder Schatz . Wenn Mama durchaus wieder nach Hilgendorf will , so 220 soll sie den Witwer selber heiraten – das wäre doch eine Idee ! Wetten wir ? – Ich hatte mich sehr gefreut auf Weihnacht , aber wenn Mama es so will , reise Du nur getrost nach Berlin . Für die jetzige Entbehrung werden wir uns später entschädigen , wenn wir in irgend einer einsamen Oberförsterei im tiefsten Walde zusammensitzen und kein Mensch uns stören kann . Ewig Dein Fritz . « Herr Gott , was der Fritz klug ist ! Röschen hätte am liebsten aufgeschrien vor Freude über diesen neuen Gesichtspunkt . Natürlich , das ist das Einfachste – die Mama heiratet den Witwer ! Aber dann wurde sie bleich ; nein , Mama heiratet nicht wieder , erst neulich hatte sie zur Frau Superintendent gesagt : » Ich bin nur einmal glücklich gewesen , und das war in Hilgendorf mit meinem guten Mann . Ich würde mich auch nie zu einer zweiten Ehe entschließen können , Röschens wegen nicht , und überdies – « Ach , überhaupt – die Mama als Frau eines anderen ? Die Mama , die schon hie und da in dem schönen Blondhaar einzelne weiße Fädchen hat ? Nein , das tut sie nicht , das tut sie nicht ! Und wie kann man denn auch noch heiraten mit Sechsunddreißig ! Sie seufzte tief und barg , nach vielen Küssen , den kleinen Brief in einem Kästchen , auf dem groß , in Holzbrand , zu lesen war : » Liebe Erinnerungen . « Und eines Tages fuhren sie denn ab , die beiden Damen , nach Berlin , und das stattliche Haus mit der einsamen alten Frau darin und dem ganzen lieben Neustadt an der Solau versanken am Horizont in Nebel und Schneewolken . Solange noch die Spitze des Katharinenkirchturms zu erkennen war , hatte Röschen hinausgeschaut , bis ihr die Augen wehtaten . Nun sah sie nichts mehr , und seufzend lehnte sie sich zurück . Ganz übel war die Zeit in Berlin ja nicht , wenn nur Mama nicht jeden freien Augenblick dazu benutzt hätte , um in Möbel- und Haushaltungsmagazine zu gehen , sich nach den Preisen zu erkundigen und Kataloge einzuheimsen . Ganz begeistert war sie von einer Dampfkochkesselanlage , die , nach Aussage des Geschäftsinhabers , sich für Volksküchen , Kasernen oder große 221 Güter , auf denen die Arbeiter gespeist wurden , besonders eigneten . » Ungemein rationell , gnädige Frau , ungemein rationell , schmackhaftes Essen , größte Sparsamkeit , « versicherte der Verkäufer , » Tausende von Anerkennungsschreiben – « Röschen ärgerte sich , daß ihre Mama gar nicht aufhören konnte , Fragen über diesen Riesenkochtopf zu stellen , wandte sich ab und liebäugelte mit einer kleinen Musterküche , ganz in Hellblau und Weiß , reizend und wie geschaffen für eine junge Frau , die nur für » ihn « und sich zu kochen hat . » Wenn ich diese Anlage damals in Hilgendorf gehabt hätte ! « seufzte Frau Amtsrat , als sie wieder auf der Straße waren . » Jetzt hat man doch alles viel bequemer ! Ihr Heutigen wißt gar nicht , wie mühselig es eure Eltern hatten . O , welche Lust , zu wirtschaften mit Hilfe der neuen Errungenschaften , der Dampfkocherei , der Maschinen beim Molkereiwesen . Siehst du , was letzteres anlangt , Röschen , das ist geradezu ideal , du hast es doch gelesen in dem Buche , das ich dir zu Weihnacht schenkte ? « Sie gingen bereits wieder im dicksten Gedränge auf dem Bürgersteige , und Röschen sagte , der Wahrheit gemäß , kleinlaut : » Nein , ich habe es nicht gelesen . « » Was ? Du hast so wenig Interesse für die Bücher , die ich dir auswähle , daß du nicht einmal einen Blick in › Die Frau als Landwirtin ‹ getan hast ? « » Sei nicht böse , Mama , ich hatte bis jetzt gar keine Zeit , und die wenigen Minuten , die ich erübrigen konnte , die habe ich benutzt , um an Tante zu schreiben . « » An Tante ? So ? « » Ja , sie dauert mich so , sie ist so schrecklich allein . « » Ihr Sohn ist doch bei ihr ! « » Das wird er wohl , Mama , aber – Fritz ist ein junger Mann und geht doch gewiß oft aus ! « » Na , sonst saß er wie angepflöckt im Hause , « murmelte Frau Amtsrat . Als sie in der Wohnung des Onkels anlangten , war ein Brief da für Fräulein Röschen Wendenburg , die Adresse von 222 der Hand derTante : ein dicker Brief mit einer Zwanzigpfennigmarke . Das junge Mädchen barg ihn , wie einen kostbaren Schatz , sofort in ihrer Tasche . Schrecklich , so irgendwo zum Besuch zu sein , bei einem Onkel zum Beispiel , der seine Nichte gern neckt , einer Tante , die so durchdrungen ist von dem Vorzug , in Berlin zu leben , daß sie jeden Satz anfängt : » Da ihr nun einmal hier seid , so denke ich , heute nachmittag respektive heute abend sehen wir uns dies oder das , oder noch etwas an – « » Ins Königliche Schloß müßt ihr aber jedenfalls , « bemerkte sie heute , als die Damen wieder ein Haushaltungsgeschäft als das Ziel ihres heutigen Ausganges nannten , » das Palais des alten Kaisers habt ihr auch noch nicht gesehen , das Zeughaus , Hohenzollernmuseum ebensowenig , und das Mausoleum . Herr Gott , Kinder , womit vertrödelt ihr nur die Zeit , wenn ihr ausgeht ? Ihr werdet nach Hause kommen und habt von Berlin keine Ahnung ! « Die großstädtische , etwas ältliche Cousine lächelte säuerlich geheimnisvoll : » Ach Mama , laß doch Tante Wendenburg zufrieden , die hat nur Sinn für Küchen und Wäschegeschäfte , – guck ' mal , Mama , wie Röschen rot wird . « » Mich berührt das gar nicht , was Mama vorhat , « erklärte Röse ärgerlich , » ich für meinen Teil ginge lieber in das Kaiserschloß . « Die Frau Amtsrat machte ein pfiffiges , wohlwollendes Gesicht und hütete sich , etwas zuzugestehen : sie wollte den Neid der verblühten Geheimratstochter nicht noch schüren . Armes Ding ! Sie war beinahe so alt wie sie und mußte noch immer die junge Dame spielen ! Erst als Mama nach Tische auf der Chaiselongue im Fremdenzimmer ihren Mittagschlaf hielt und Röschen auf einem Lehnstuhl am Fenster dämmerte , zog sie ihren Brief hervor und öffnete mit Herzklopfen das Schreiben aus der lieben Heimat . Ganz vorsichtig ging sie zu Werke , damit das Papier nicht knistere und die Schlafende wecke . Beinah hätte sie aufgeschrien , als aus dem Bogen , der mit der zierlichen Schrift der Tante 223 bedeckt war , ein zweiter kleinerer , aber sehr eng beschriebener fiel , von » ihm « : » Mein gutes Mutterchen ahnt nicht , daß ich diese Zeilen noch mit einschmuggele . Ich bat sie , ihr Schreiben an Dich lesen zu dürfen , Du süßer blonder Schatz ; wenn ich ihr den Brief wieder gebe , habe ich das Kuvert geschlossen , vulgo › zugeleckt ‹ . Das gute Muttel – ich sehe schon , wie sie mich mißtrauisch anblickt , aber mein dummes Gesicht kann ihr nichts verraten , und die erforderliche zweite Briefmarke werde ich heimlich aufkleben , wenn ich den Brief zur Post bringe . Liebste , wie öde ist ' s ohne Dich hier ! Aus purer Verzweiflung freundete ich mich vor ein paar Tagen mit dem Oberamtmann Bartenstein an , und er lud mich gestern zu einem kleinen Herrenessen nach Hilgendorf . Schatz , es ist ja famos dort ! Daß Deine Mutter Sehnsucht nach diesem Paradiese hat , verdenke ich ihr nicht ; und einen bösen Augenblick lang kam ich mir scheußlich vor , daß ich dich verhindern will , Dein Leben in diesem alten , behaglichen , vornehmen Hause zu verbringen ; aber der Edelmut hielt nicht lange vor . – Ach , Du Schatz , wenn ich mir dächte , Du säßest da neben dem alten Manne als Hausfrau in dem dämmerigen Eßsaal , von dessen hundertjähriger dunkler Wandvertäfelung sich ein gewisser Mondenschein so effektvoll abhebt – gräßlich ! um mit Dir zu reden , eine Geschmacklosigkeit zum Totschreien ! Der Herr Oberamtmann tat zuerst sehr schwermütig , aber nach ein paar Gläsern Rotwein und der Gänseleberpastete wurde er schon lebhafter , und bei dem Rehrücken mit gefüllten Tomaten und vollends beim Champagner war er großartig aufgeräumt und pries überschwenglich das Glück , in die Hilgendorfer Pacht gekommen zu sein . Eine Musterwirtschaft habe er vorgefunden , eine Musterwirtschaft bis ins Kleinste ! Und da setzte ich den Hebel an ; ich sagte , es sei nicht am wenigsten das Verdienst meiner lieben Tante , der Frau Amtsrat Wendenburg ; eine solch tüchtige Frau , die solle man erst noch suchen . Meine Worte fanden übrigens bei den versammelten Herren ein Echo , und ich sorgte , daß das Thema aufs 224 eingehendste variiert wurde . – Meiner lieben Schwiegermutter in spe Loblied erklang in allen Tonarten , süßer denn Harfen und Geigen . Der Herr Oberamtmann wußte nicht , wo er zuerst hinhören sollte , und ich setzte noch den letzten Trumpf darauf : › Und wenn man bedenkt , wie jung die Frau noch war , ‹ sagte ich , › als sie hier wirtschaftete ! Vor elf Jahren starb der Mann , und jetzt ist sie erst sechsunddreißig . ‹ › Sechsunddreißig ? ‹ Der Hausherr wollte es nicht glauben . Ich hob die Finger : › Kann ' s beschwören , Herr Oberamtmann ! ‹ › Dann hat sie wohl als Wickelkind geheiratet ? ‹ meinte er , gutmütig spottend . › Sehr jung ? Ja ! Wickelkind ? Nee ! Aber mit achtzehn Jahren war sie Mama , das Töchterlein wird jetzt auch bald achtzehn . ‹ Der Landrat von Z. , das alte Rauhbein , brummte auf einmal ganz deutlich : › Die Mutter ist mir heute noch lieber als die Tochter , die Kleene hat ' nen Stich ins Wendenburgische , die Nase ganz wie der selige Papa . Aber , Deibel nich noch ' mal , die Mutter , das ist noch heute ein Kapitalweib ! ‹ Eigentlich hätte ich ihn morden können , den alten Kerl , der keine Ahnung hat von dem Reiz Deines süßen kleinen Näschens : aber es paßte so gut in den Handel , so gut , daß ich – denke Dir , welch Scheusal ich bin – ganz laut bemerkte : › Das stimmt ; gar kein Vergleich die beiden , Herr Landrat ! ‹ – Schatz , kannst Du verzeihen ? Ich bin zu jeder Buße bereit . Resultat : der Witwer wurde nachdenklich und trank sehr viel Sekt . Zum Schluß fragte er , wann Ihr wiederkehrtet ? Ich sagte : bald , nur sei vorläufig Tante Wendenburg noch sehr beschäftigt , neue landwirtschaftliche Maschinen und Erfindungen anzusehen , denn , obgleich sie in das Privatleben zurückgetreten sei , habe sie noch immer ein unsagbares Interesse für alle Neuerungen dieser Branche , worauf der Wirt verständnisvoll vor sich hin nickte und wiederum trank . Diese Saat wird wohl aufgehen , denke ich . Lieber Schatz , vergiß mich nicht in dem großen Berlin , denke 225 an künftige Tage und an unser wahrscheinlich recht kleines Haus ; denke an herrliche gemeinsame Spaziergänge zu zweien im einsamen Wald . Wir werden da wandern in lichten Frühlingstagen , wenn durch die jungen Buchenblätter die Sonne scheint , daß sie leuchten wie lauter Smaragde , an Sommervollmondnächten den Wiesenpfad entlang , wenn das Wild heraustritt , um zu äsen , und an Spätherbstabenden , wenn der Wald wie im Märchen leuchtet in Gold und Purpur und weiße Nebel brauen über den Wiesen , auf denen die Herbstzeitlose blüht , und der Hirsch schreit , daß mein Liebchen sich zitternd an mich drängt . O , Du wirst sehen , wie schön das ist . Leb wohl , bleib mir gut ! Dein Fritz . « Röschen verbarg das Briefchen und las nun Tantens Schreiben . Es war nur ganz allgemein gehalten . Berichte über das Wetter , die Mägde , die Wäscheangelegenheiten : und ihr lieber Junge reise nun bald wieder ab , dann sei es ganz still im Hause . Ein recht ungewohntes Weihnachtsfest wäre es gewesen ohne ihr lustiges liebes Röschen . Röschen legte das letztere Schreiben auf den Tisch neben die schlummernde Mutter und betrachtete diese aufmerksam , so recht aus ihrem bösen Gewissen heraus . Sie , Röschen Wendenburg , einzige Tochter der süß schlafenden lieben Frau dort , war sie nicht eine häßliche , grundfalsche Person ? Ihr einziger Trost blieb : Mama kann ja Nein ! sagen , wenn sie den Witwer nicht will , falls dieser nämlich in der Tat um sie anhalten sollte . Ihm wäre dies freilich nicht zu verdenken , solche Frau wie Mama eine ist ! – – Aber Mama würde bestimmt » Nein ! « sagen , sie würde sich nicht wieder verheiraten , hatte sie so oft gesagt ! Röschen blickte plötzlich mit krausgezogener Stirn ins Leere hinaus . Herr Gott , wie war das doch gleich ? Sie hatte vor mehreren Jahren ein sehr lebhaftes Gespräch – um nicht zu sagen Meinungsverschiedenheiten – zwischen Tante und Mama mit angehört , da war von einer Klausel im Testament ihres verstorbenen Vaters die Rede gewesen , betreffend den Fall einer Wiederverheiratung seiner Witwe . » Eine grausame Bestimmung , « hatte Tante Lotte gemeint , für die aber sie doch nicht 226 verantwortlich zu machen sei . Aber die junge Witwe hatte verächtlich gelächelt und gemeint : » Mich ficht sie nicht an , ich heirate ohnehin nicht wieder . « Was mochte das nur sein ? Ob Tante Lotte ihr das nicht sagen würde ? Auf irgend eine Weise mußte sie es erfahren ! Und der Zufall war ihr unerwartet günstig . Am Nachmittag , gleich nach dem Vesperkaffee , die Lampe brannte noch nicht , man wollte Abends ins Opernhaus und wartete auf die Friseuse , da war es , als die Dunkelheit rasch herniedersank und alle Ecken und Winkel füllte ; Tante Geheimrat , die neben Frau Amtsrat im Sofa saß , hub nämlich plötzlich an : » Über eines wundere ich mich doch , Rosa , daß du nicht 227 wieder geheiratet hast ; an Gelegenheit fehlte es dir sicher nicht . Ich weiß doch von meinem Mann – da war ' mal einer , der – der kreuzunglücklich gewesen sein soll , als du › Nein ! ‹ sagtest . – Beichte mir ' mal , Rosa , warum hast du ihn nicht genommen ? « Eine lange Pause entstand . Vor einem Weilchen war die geheimrätliche Tochter hinausgegangen , und Röschen saß am Ofen mäuschenstill in dem tiefen Ledersessel des Hausherrn und hielt den Atem an ; die Mutter mochte wohl glauben , daß sie mit der Tante allein im Zimmer sei . Tief seufzend hob Frau Amtsrat an : » Ach Gott , Liebste , das sind ja überwundene Geschichten und es ist auch gut so ; – damals wurde es mir allerdings ein bißchen schwer , den Rittmeister abzuweisen , aber – – – du weißt ja , mein seliger Mann hat eine so sonderbare Klausel in sein Testament gebracht , warum ? das habe ich nie ergründen können , er wollte wohl seinem Kinde die Mutter ganz und ungeteilt erhalten . – Hat es dein Mann dir denn nie erzählt ? « » Nein , « versicherte die Geheimrätin , » er sagt mir nie etwas , er gleicht einem Buch mit sieben Siegeln . « » Das ist wohl übertriebene Gewissenhaftigkeit von ihm , « entschuldigte Frau Amtsrat , » übrigens , er kennt das Testament ganz genau , das ja durchaus kein Geheimnis ist . Die Klausel lautet dahin , daß ich , sobald ich mich wieder verheiraten sollte , mich des Rechtes über meine Tochter zu begeben und ihre Erziehung in Tante Lottens Hände zu legen habe . « » Aber , so etwas ! « erwiderte die Geheimrätin empört . » Ja , ja , « nickte die schöne Frau , » es war ein harter Schlag für mich . « » Dieser Othello ! Das hat er aus Eifersucht getan ! Nein , so ein raffiniertes Mittel auszudenken ! « zürnte die Schwägerin . » Na , laß nur – er war doch ein guter Mann , eine Seele von einem Menschen und sichtlich von dem Gedanken ausgegangen , daß ich , bei meinen neuen Pflichten , möglicherweise sein über alles geliebtes Kind vernachlässigen könnte , und – kurz und gut , er kannte mich . Das Kind an Tante Lotte abzutreten ? lieber 228 wäre ich gestorben ! – So sprach ich damals denn mit schwerem Herzen das Nein ! und blieb bei Röschen . « » So , so ! Na , da hattest du freilich keine Wahl , « sagte die Geheimrätin . » Sie sind doch alle ein bißchen eigentümlich , die Wendenburgs , dein Mann und meiner , und auch diese Tante Lotte . Sie würde ja das Würmchen ganz gut erzogen haben , aber welche Mutter will denn auf ihr Kind verzichten ? Die Tante Lotte ist so eine Art Heilige in der Familie , mein Mann liegt auch anbetend vor ihr auf den Knien . Es ist ja recht hübsch , wenn einer seine Schwester liebt , aber , weißt du , wenn man immerfort nur hört : › Lotte würde hierin so denken , und Lotte würde das tun , ‹ – zum Verzweifeln ! « » Siehst du ! Siehst du ! « fiel Frau Amtsrat mit bebender Stimme ein , » das ist ' s , was mein Leben vergiftet hat . Du bist weit fort von ihr , aber mich hat der letzte Wille meines Mannes dazu verdammt , immer mit dieser Lotte des Kindes wegen zusammen zu sein . Sie tut einem ja nichts , im Gegenteil , sie ist fürchterlich bescheiden , aber ewig hat man sie vorgehalten bekommen als Muster aller Vorzüglichkeit , des Morgens zum Kaffee und des Abends aufs Butterbrot . Nein , dieser Kultus , er ist zu toll , ich wäre ja lieber gestorben , als daß ich ihr das Kind ausgeantwortet hätte ! Und wenn sie etwa denkt , jetzt auf anderen Wegen zum Ziele zu kommen , so irrt sie sich , da kennt sie mich schlecht ! Aber – ging da nicht jemand ? « unterbrach sie sich erschrocken , denn eben fiel ein Lichtschimmer durch den Spalt der Tür , die nach dem Flur führte . » Wer ist da ? « fragte nun auch die Geheimrätin , aber niemand antwortete . Und im Fremdenstübchen , da saß ein trauriges junges Mädchen und stützte sinnend den Kopf auf die Hand . Also , das war es ! O weh , wie würde das enden ? Nun verstand sie den Haß auf die Tante und Fritz , nun begriff sie , weshalb sie hierher gereist waren . – Der Winter verging , der Sommer zog ins Land . Am Todestage seiner Frau legte der Oberamtmann Bartenstein mit gefaßter Miene einen prächtigen Kranz auf ihr Grab , und am Abend 229 desselben Tages trennte er höchst eigenhändig den Trauerflor von dem Ärmel seines grauen Überziehers . Eine Woche später fuhr er , um Besuche zu machen , in die Stadt , obgleich man sich mitten in der Erntezeit befand . Der letzte Winter war doch zu ungemütlich gewesen in seiner Einsamkeit und Leere ! Zuallererst fuhr sein schmucker Zweispänner bei Wendenburgs vor . Frau Amtsrat wollte eben in einen Kaffee gehen , es war zwischen vier und fünf Uhr . Sie legte aber eilig das Spitzencape wieder ab und empfing den Herrn Nachfolger auf dem Hilgendorfer Thron mit größter Liebenswürdigkeit in ihrem Salon , der ganz erfüllt war von Rosenduft , und in dem eine leichte rosige Dämmerung herrschte , die durch die roten Seidenstores der Fenster fiel . Die hübsche Frau , die ihm so freundlich entgegenkam , hätte man in dem rosa Lichte für achtzehnjährig halten können , wäre ihre Fülle nicht die der reifen Frau gewesen . Jedenfalls starrte der Witwer sie nachdenklich und lange genug an , als er ihr gegenübersaß und einige höfliche Phrasen mit ihr wechselte . Sie fragte unaufhörlich nach Hilgendorf , dem lieben , trauten Nest , so glücklich sei sie dort gewesen . Er konnte nicht umhin , die Frau Amtsrat dringend einzuladen , sich einige neue , wie er glaube , vorteilhafte Veränderungen dort anzuschauen . Sie versprach es eifrig und setzte hinzu , er werde hoffentlich gestatten , daß sie ihr Töchterchen mitbringe , die leider heute nicht daheim sei . » Aber selbstverständlich ! Ich schätze mich glücklich , und falls Ihr Herr Neffe gerade anwesend sein sollte , gnädige Frau , so bitte ich ebenfalls um die