' wohl , lieb ' s Annerl , ham S ' Dank für jede Freundlichkeit , die S ' mir erwies ' n hab ' n. Sie zog das Mädchen an sich uud küßte es herzlich . , ,Viel Glück - uud wenn S ' amal Zeit ham , schreiben Se an mi von Dresden aus . B ' hüt ' Ihwn Gott ! Aenne staud plötzlich am Ausgauge des Schloßgarteus allein in der Duukelheit . Die Thränen rauueu ihr über das Gesicht , sie sühlte sich zum Sterben unglücklich . Sie hatte nicht die Spur vou Mut in diesem Augeublick , und wenn jetzt die Mutter ihr an der Schwelle des Hauses eutgegeutreteu würde und sagten , , Bleib ' doch bei mir , Kiud , was willst du deuu draußen ? Die Welt ist öde und weit , uud wir habeu dich lieb , sie würde mit eiuem Aus . schrei der Erlösung an ihre Brust sinken uud rufen , ,Ia ! ja ! ich bleibe , ich habe Augst vor dem uubekauuten Leben ! Laugsam ging sie aus dem Wege hiu , dann beschleuuigte sie plötzlich ihre Schrate - hinter ihr erklang Gelächter , Säbel . klirren , Sprechen , es schieu ein ganzer Trupp Ossiziere zu sein , die von dem Hochzeitsdiuer kameu . Sie schritt rascher vorwärts , . kouute es aber nicht verhiuderu , daß ein Teil des Gespräches in ihre Ohren drang . , ,Was soll man nuu um Gotteswilleu ausaugen den langen Abend in diesem Wurstueste ? fragte einer . , ,Wenu wenigftens Theater wäre , meinte ein auderer . , ,Ia , Donnerwetter , uäfelte eine hohe Stimme , , , ladeu wir doch die Dameu ein , die Hochleitner und die kleine Friedrich . , ,Dauu schlage ich vor , Selden , daß du dem Fräulein Hoch . leitner die Einladung überbringst . , ,Warnm denn ? , ,Weil du trotz deiner engen Lackstiefel die Treppe verdammt geschwind wieder herunterkommen würdeft - die verfteht keinen Spaß ! , ,Na , denn uicht , dauu einen Skat - , ,Uud ein Glas Puusch - , ,Trinken wir auf das Wohl der schönen jungen Frau ! , , Boshafter Meusch ! , ,Nee , dieser Kerkow ! begauu ein auderer , , , ' s ist reiu un . begreiflich - der Kerl muß vor lauter Laugerweile auf diefe Kateridee gekommen sein . Uebrigeus , wer war das hübsche Mäd . chen ^ te chu tn ^ Elend hineingefungen hat ? , ,Das ist die Tochter vom Leibarzt . Hübsch , was ? , ,Aber keiueu Dreier , kam es gelaffeu von den Lippen eiues auderu , , , fouft hätte der Kerkow heute nicht die Geschmacklose . keit verbrocheu ! Ich weiß ja uicht , ob ' s wahr ist , man sagt aber - - Das audere verhallte uudeutlich , deuu Aeuue eilte , vom Weg abbiegeud , wie gejagt durch den aefeu Schuee des Platzes zu ihrer väterlicheu Wohuung hiuüber . Au der Treppe , die zur ^ Hausthür emporführte , blieb sie aef atmeud ftehen , den Kopf ftolz in den Nacken gebogeu , uud in den Augen fuukelteu zornig ein paar Thränen . Es war die höchfte Zeit , daß ske hinaasging aas Breitenfels , am .fich felbft wiederzafinden in heißer , treaer . Arbeit , in begeiftertem Streben Sie wollte beweisen daß eiu Mädcheu , auch ohne einen Dreier zu besitzen noch etwas gelteu kann in der Welt . - In diesem Augeublick wollte sie eiue Patti werdeu ! Sie trat in den Hausflur ^ Taute Emilie schieu gewartet zu habeu , sie machte ein Zeichen , daß Aeuue keife reden folle , und flüfterte ihr zu , , Sprich nicht mehr heute abeud mit der Mutter , fie hat sich zu Bette gelegt uud triukt Baldriauthee , uud Vater ift ebeu zur Herzogiu gerufen , es soll ihr nicht gut geheu . , ,Uud die Brüder ? , ,Siud noch nicht daheim , Kind , wollt ' auch , sie kämen noch nicht , denn , fiehft dn , da hat ' s auch gestern was gegeben . Sie waren flüfternd in die Eßftube getreten , wo der Tisch [ 155 ] gedeckt stand mit ein paar einfachen kalten Schüsseln . Tante Emilie kam dem Mädchen ganz nahe . „ Der Große “ – das war der Lieutenant – „ hat Schulden ! “ wisperte sie . Aenne erschrak : und sie war auch noch gekommen mit ihren Forderungen ! „ Ich habe sonst immer ausgeholfen , “ flüsterte die alte , treue Seele weiter , „ aber diesmal ging ’ s doch nicht ; ich wußte ja bestimmt , daß du von hier fort wolltest , und hatte mir gleich vorgenommen - da gehst du mit , da hilfst du ihr , wenn sie dich auch gar nicht mehr lieb hat und gar nichts mehr von dir wissen wollte in der letzten Zeit ! “ Sie konnte nicht weiter sprechen , denn des Mädchens Mund preßte sich feft auf ihre Lippen - eine wortlose Bitte um Verzeihung . [ 166 ] In dem Salon der Frau von Gruber gab es nach Beendigung der Hochzeitsfeier eine Scene . Die alte Dame war von Hedwigs Eröffnung , bei dem Oberförster da drunten , unter ihren , der Frau von Gruber , Augen und in allernächster Nähe des Bruders , als Hausfräulein einzutreten , aufs höchste erbittert . „ Auf keinen Fall gebe ich das zu , “ sagte sie , nachdem sie einige sanfte , ihrer Würde entsprechende Vorstellungen gemacht hatte , und trat mit dem Fuße auf , da sie wohl einsah , daß sie mit Güte nicht durchdrang . „ Aber , Tante , ich bin doch mein eigner Herr , “ antwortete Hedwig von Kerkow , nunmehr auch erbittert . „ Spiele du diesen eignen Herrn , wo du willst , hier aber nicht , ich verbitte es mir ! “ rief die alte Dame , von ihrem Sessel aufspringend und mit ihrer moiré-antique-Schleppe durch das Zimmer rauschend – sie war noch in festlicher Toilette . „ Hörst du , ich verbiete es dir ! “ „ Tante , “ war die bestimmte Antwort , „ wenn Heinz damit einverstanden ist , so kannst du doch wahrhaftig – – “ „ Heinz kann nicht Ja dazu gesagt haben , das glaube ich dir nicht ! “ „ Liebe Tante , dazu kann ich dich nicht zwingen – jedenfalls ist es so , ich lüge nie . “ „ Was soll Ihre Durchlaucht denken , wenn sie erfährt , daß die Schwester höchst ihres Hofmarschalls – Wirtschafterin bei dem Oberförster Günther geworden ist ? “ „ Ich halte Durchlaucht für eine sehr vorurteilsfreie Dame . “ „ Für eine Frau mit enormem Feingefühl , wäre richtiger . “ „ Aber , was geht sie denn meine Existenz an ? Barmherzigkeit ! “ rief das Mädchen verzweifelt . „ Du hättest bleiben sollen , wo du warst , bei deiner Porzellanmalerei . „ Aber ich fühle , daß das unmöglich ist – sie hätte mich tot gemacht , diese liebeleere , trostlose Einsamkeit und ich weiß , für Heinz ist es eine große Beruhigung , mich in der Nähe zu wissen . “ „ Heinz ist ein – – – “ Frau von Gruber verschluckte das Wort – „ wenn er so naiv ist , das in Ordnung zu finden ! Und was wird Toni dazu sagen ? “ „ Was geht mich Toni an ? “ rief Hedwig . „ Ich will nichts von ihr und sie nichts von mir ! Ich werde weder dir noch ihr jemals mit meiner Gegenwart lästig fallen , und wenn ich Heinz einmal sehen will , so hat er ja sein eignes Zimmer . Und wenn ich ihn auch wochenlang nicht sehen kann , ich habe doch wenigstens das Bewußtsein : einer , der dir nahe steht , weilt in deiner Nähe , und wenn du ’ mal ganz verzweifelt bist , dann hat er doch vielleicht ein paar freundliche Worte für dich übrig – ich meine , das kann mir doch wahrhaftig nicht verargt werden ! “ „ Von Stolz und Standesbewußtsein besitzest du keine Spur ! “ rief Frau von Gruber , sie unterbrechend . „ Ach Gott , in meiner Lage – das verlernt man , kam es leise von Hedwigs Lippen , und sie lachte kurz auf , während sich ihre Augen mit Thränen füllten . „ Das ist sehr schlimm ! In allen Lagen soll man sich seiner Abkunft bewußt bleiben . “ „ Das gedenke ich zu thun , Tante . Uebrigens , Ottilie war ja auch in einer Stellung wie die , die ich bei Günther inne haben werde . “ „ Da war eine Frau im Hause ! “ „ Ach so ! “ Hedwig lächelte wieder , es war ein trübes Lächeln , und sie warf einen Blick zu dem Spiegel hinüber auf ihr bleiches , verweintes Gesicht , ihre überschlanke Gestalt . „ Darf ich morgen früh dir noch Adieu sagen , Tante ? “ fragte sie dann , als ob es nicht der Mühe wert sei , auf den Einwurf zu antworten : „ Wenn du darauf bestehst , diesen Plan auszuführen – lieber nicht , “ lautete die kurze Erwiderung . Hede Kerkow war noch in dem einfachen weißen Kaschmirkleide , das sie zu der Festlichkeit getragen , die ihr zur Pein geworden war durch ihre Länge und die höfische Etikette . Sie kannte niemand und niemand hatte von ihr Notiz genommen außer den zwei Tischherren , dem Superintendenten und einem alten Onkel Ribbeneck . Letzterer war völlig taub , und der Superintendent unterhielt sich fast nur mit der Dame zu seiner Rechten . Als Heinz sich mit seiner jungen Frau zurückgezogen hatte , war es ihr gewesen , als sei die Sonne untergegangen . Dann hatte sie gehofft , noch ein trauliches Plauderstündchen bei Tante Gruber zu verleben , mit der sie über ihre Zukunft ausführlich sprechen wollte – da kam der Sturm , die völlige Ungnade . „ Wenn du so heulst , Tante , dann kann ich ja heute abend noch- “ – fügte sie hinzu . „ Genier ’ dich nicht ! “ klang es aus der Kaminecke , hart , verletzend . Hede Kerkow drehte sich auf den Hacken um . „ Adieu , Tante ! “ Sie erhielt keine Antwort . In ihrem Zimmer warf sie voller Hast eine Menge Sachen durcheinander in den Reisekorb und verschloß ihn , dann lief sie durch den Schnee nach der Oberförsterei . Günther war nicht daheim , er ahnte nichts von dem Ereignis , das sich während seiner Abwesenheit in seinem Hause vollzog . Er war in der Dämmerung mit Sr. Hoheit nach Harterode hinaufgefahren . Der Herzog wollte die schneehelle Mondnacht auf dem Anstand verbringen , um einen Fuchs zu schießen , ein Vergnügen , das er sich jedes Jahr einmal zu leisten pflegte , aber bevor noch der Mond kam , waren wieder dichte Schneewolken emporgezogen und hatten , dem Barometer zum Trotz , unseres Herrgotts Nachtlampe umschleiert . So hatte er den Plan aufgeben müssen und sehr schlecht gelaunt die Rückfahrt befohlen Im Schlosse angelangt , trat der Adjutant seinem Herrn mit einer leise gesprochenen Meldung entgegen . Günther stand , seiner Entlassung gewärtig , etwas zur Seite , der Herzog verabschiedete ihn kurz und begab sich eilig , begleitet von dem Adjutanten , quer über den Schloßhof nach dem von der alten Herzogin bewohnten Flügel . Günther hörte noch , wie er fragte . „ Ist May bei ihr ? Am Ausgange des Schlosses begegnete er dem Rentmeister , der aus seiner Dienstwohnung neben der Oberförsterei herausgehastet war . „ Wissen Sie , wie es steht , Herr Oberförster ? “ fragte der Mann ängstlich . „ Ich komme eben von Harterode zurück , weiß gar nichts – ist etwas passiert ? “ „ Die Herzogin soll der Schlag gerührt haben . “ „ Ich weiß , wie gesagt , nichts – hoffentlich bewahrheitet sich die traurige Kunde nicht , “ sagte Günther und dann trennten sie sich mit einem Gruß . „ Lieber Gott “ sprach er vor sich hin , „ bei ihrem Alter – wär ’ s ein Wunder ? “ Und er stieg langsam hinab zu seinem Heim . Auf dem Schloßplatz lag frischer köstlicher Schnee wie eine eben erst gebreitete Decke , nur eine einzige Spur lief quer darüber , die Füße hatten den Pfad verschmäht , der an den Seiten mit Hilfe des Schneepflugs hergerichtet war – mitten durch den tiefen Schnee war man gelaufen , direkt zur Oberförsterei . Fast gedankenlos blieb er stehen vor der Treppe , die zu seiner Hausthür emporführte , und starrte die schmalen , zierlichen Stapfen eines Frauenfußes an , als betrachtete er droben im Walde die Spuren des Wildes in einer Neue . Sehr klein mußten sie sein , diese Füßchen zierlich gestellt , kaum aufgesetzt , so flüchtig und leicht- und diese Spuren führten in sein Haus ? Allein – was ging ihn das an ? Wer da gegangen , ihm hatte der Besuch gewiß nicht gegolten ! Er fühlte sich müde und einsam , er fror am Herzen und er fürchtete sich vor dem öden Heim , vor dem Lärm der tobenden , schlecht beaufsichtigten Kinder , die , seit Fräulein Stübken sein Haus verlassen hatte , wie die wilde Jagd dort hausten . Das alte , sonst so brave Mädchen verstand nicht , mit ihnen fertig zu werden , und er sollte strafen , beschwichtigen ! Und der Tisch war so liederlich hergerichtet , die Speisen schlecht bereitet – er konnte so nicht essen , er flüchtete sich verzweifelnd in sein Zimmer und nahm die Arbeit vor , seine Berichte und Rechnungen – um zu vergessen ! Aber das Kältegefühl und die Einsamkeit waren meist stärker als die Lust zur Arbeit . Er stand während dieser trüben Gedanken noch immer da , [ 167 ] auf die Fußspuren starrend , endlich schritt er die Stufen hinan , dabei unwillkürlich die kleinen Stapfen schonend . Wie immer ging er , nachdem er Büchse und Jagdtasche abgelegt , nach der Kinderstube . Unwillkürlich sah er , bevor er öffnete , nach der Uhr – es war Neun vorüber . Sollten die Kinder schon schlafen ? Es war so merkwürdig still dort innen . Er öffnete und trat ein . – Auf dem Tische unter der alten Hängelampe mit der zersprungenen Glocke die geleerten Suppenteller der Kleinen , ein großes Brot , ein Restchen Butter . Alles still ! Er wollte sich zurückziehen , da scholl ein Kinderlachen aus der halbgeöffneten Schlafstube , so ein recht jauchzendes , übermütiges Kichern , wie Finkenschlag im Frühlingswalde . Und gleich darauf vernahm er eine unendlich milde Frauenstimme . „ Bösewicht du , wirst du wohl still sein ? Ich gehe gleich wieder fort , wenn du nicht artig bist ! “ „ Nein ! Nein ! Nein ! “ riefen drei kleine Stimmen im Chor . „ Sei still , Mariechen , sonst verhau ’ ich dich ! “ fügte die Aelteste hinzu . „ Nun faltet die Hände und betet , “ ermahnte die Frauenstimme , und sie sprach das alte Kinderverschen . „ Müde bin ich , geh ’ zur Ruh ’ – . “ Er war leise eingetreten , wie gewaltsam hingezogen . Da , im schwachen Schein des Nachtlichtes , kniete am Gitterbette der Jüngsten eine weiße Gestalt , sie sah nicht den Späher , sie hatte die Hände über dem Bettchen verschlungen und den dunklen Kopf zu dem Kinde gesenkt . Dem Manne an der Thür ward wunderlich zu Mute , er begriff noch nicht recht – die kleinen Fußstapfen draußen , das Mädchen im weißen Gewand , als ob der Weihnachtsengel eingetreten sei ? Nur die Flügel fehlten , und die grobe blaue Schürze über dem lichte Kleid zeigte , daß sie nicht aus den engelhaften Sphäre stammte . „ Amen ! “ sagte sie jetzt laut , „ nun schlaft brav , morgen lernen und spielen wir miteinander , gelt , das wird schön ? “ Er trat jetzt mit ein paar Schritten näher , sie wandte sich und sah ihn an . „ Fräulein von Kerkow ? “ fragte er lächelnd . „ Verzeihen Sie , Herr Oberförster , daß ich schon heute gekommen bin , es – es ging nicht anders . “ Sie wurde erst jetzt verlegen unter den fragenden Blicken . „ Ich bin so fortgeeilt , wie ich stand und ging , “ stotterte sie , an ihrem Kleide niederblickend . „ Seien Sie herzlich willkommen Fräulein von Kerkow , ich fürchte nur , Ihr Zimmer wird noch nicht ganz in Ordnung sein . “ „ Sorgen Sie darum nicht , ich sprach schon mit dem Mädchen . “ Er trat jetzt an die Bettchen der Kinder . „ Gute Nacht “ , sagte er und gab dem Bube einen Kuß , „ ich hoffe , ihr seid immer brav und folgsam bei der neuen Tante . “ Ein einstimmiges „ Ja , Papa ! “ scholl ihm entgegen , und die Aelteste sagte altklug . „ Fräulein , nun mußt du mit Papa essen gehen , er ist immer sehr hungrig , wenn er von der Jagd kommt – gelt , Papa ? “ Er nickte lächelnd . „ Das wollen wir der Tante heute noch nicht zumuten – Sie werden abgespannt sein von dem Festtrubel und dem Schrecken zuletzt ? “ Hedwig Kerkow sah ihn erstaunt an , sie standen jetzt draußen in der Wohnstube . „ Wann geschah denn das Unglück ? “ fragte er . „ War denn Ihre Durchlaucht noch bei der Tafel zugegen ? “ „ Ich weiß nicht , was Sie meinen , Herr Oberförster , “ antwortete sie gepreßt . „ Ach , und ich glaubte – aber das konnte ja auch gar nicht mit Ihrem Früherkommen zusammenhängen – ja wissen Sie denn nicht , daß die Frau Herzogin einen Schlaganfall hatte ? “ „ Nein ! “ sagte sie erschreckt . „ Wann ? Ich bin seit einer Stunde vielleicht hier – “ „ Vor kurzem wohl – das Nähere weiß ich nicht . Es wurde Seiner Hoheit gemeldet , als wir vom Anstand zurückkamen . “ Das Dienstmädchen erschien jetzt mit einer Schüssel kalten Fleisches und Bratkartoffeln Es zog ein verächtliches Gesicht , als sie die Dame im Gesellschaftskleid dastehen sah , mit der blaue Schürze darüber , die von ihr ausgeborgt war . Man mußte sie dort droben wohl Knall und Fall an die Luft gesetzt habe , anders die Sache sich zu erklären war Karoline nicht im stande . Dem Herrn schien die Geschichte auch nicht geheuer , das sah man ja an seinem Gesicht ; sie hatte wahrscheinlich ein paar Redensarten zu hören bekommen , denn sie sah mit gar so verängstigten Augen zu ihr herüber . „ Wollen Sie mir Gesellschaft leisten , Fräulein von Kerkow ? “ fragte er und wies auf den Stuhl neben sich . „ Karoline , eine frische Serviette ! “ Hedwig Kerkow setzte sich . „ Hier ist das Brotmesser , “ sagte Karoline , „ das vorige Fräulein hat immer das Brot geschnitten . “ Das Fräulein griff mit zitternder Hand nach dem Brote , sie wußte kaum , was sie that . Die Herzogin einen Schlaganfall ! Weiter konnte sie nicht denken . „ Wenn man das hohe Alter erwägt , “ sprach der Oberförster , nachdem er ihr angeboten , und begann zu essen mit einer Gründlichkeit und Behaglichkeit wie seit langer Zeit nicht , „ dann ist ’ s ja leider nichts Unerwartetes – “ Das Mädchen hatte das Zimmer verlassen , Hede Kerkow saß und starrte auf ihren leeren Teller , es war ihr unmöglich , etwas zu genießen . Ja , was sollte dann werden , wenn die Herzogin starb ? Die Existenz ihres Bruders , ihrer Schwägerin , Tante , alles stand auf diesen zwei alten Augen . Draußen tönte die Schelle , hastige Männertritte kamen über den Flur , ein lautes Pochen und der Rentmeister trat ein . „ Steht schlecht droben , Günther , “ sagte er , nach einer ungeschickten Verbeugung , „ May giebt keine Hoffnung , der Anfall hat sich wiederholt . Der Herzog telegraphiert eben nach Nizza an seine Gemahlin und den Erbprinzen , die Herrschaften sollen sofort abreisen . Den Hofmarschall haben sie auch schon wieder am Schlafittchen , “ fuhr er lächelnd fort . „ Wenn er in Berlin eintrifft , liegt die Depesche schon im Hotel . ’ Sofort zurück ! ’ lautet sie . “ „ Es würde für den schlimmsten Fall seine Anwesenheit sehr nötig sein , “ meinte der Oberförster . „ Ihre Durchlaucht ist heute mittag noch ganz wohl gewesen , “ fuhr der Rentmeister fort . „ Als das Brautpaar aus der Kirche kam , ist es in dem Roten Zimmer von Ihrer Durchlaucht empfangen worden , sie hat gesagt , es thue ihr leid , daß sie bei der Trauung nicht habe zugegen sein können , fühle sich jedoch nicht ganz frisch . Um sechs Uhr hat sie von ihrer Kammerfrau Thee verlangt , gegen ihre Gewohnheit , hat über Frost geklagt , um Sieben hat sie nach dem Herzog gefragt , auch gegen ihre Gewohnheit , und um halb acht Uhr ist sie bewußtlos zusammengebrochen . Sie ist rechtsseitig getroffen , hat die Sprache verloren – ja , ja , Günther , da können wir wohl bestimmt für schwarzen Flor sorgen – “ Hedwig stand auf . „ Herr Oberförster , ich – ich möchte wohl – nein , “ unterbrach sie sich , „ es wäre unnütz . “ „ Wenn Sie glauben Ihrer Frau Tante nützen zu können , ist es doch selbstverständlich , daß Sie hinaufgehen ins Schloß . “ Sie schüttelte den Kopf , gewaltsam zwang sie ihre Erregung nieder . „ Ich danke , Herr Oberförster ! “ „ Fräulein ! “ rief Karoline herein . „ Ihr Reisekorb ist da ! “ „ Bitte , Fräulein von Kerkow , gehen Sie ruhig in Ihr Zimmer , Sie werden Ihre Sachen zu ordnen haben – auf morgen früh denn , “ redete der Oberförster ihr zu , der ihr verstörtes Wesen wohl bemerkte . Sie grüßte stumm und verschwand . Der Rentmeister sah der Hinausschreitenden nach . „ Das ist ja wohl dem Kerkow seine Schwester ? “ fragte er , ein spöttisches Zucken um die Mundwinkel . „ Die Herrlichkeit hätte denn auch bald ein Ende gehabt , ein Hofmarschall ist nächstens überflüssig hier , wenn er die Beisetzung angeordnet hat , kann er gehen . “ „ Es ist hart für ihn ; pensionsberechtigt wird er nicht sein ? “ „ Gott bewahre ! Hat ja kaum die Nase hineingesteckt . “ „ Aber er hat seine Carriere drangegeben , “ bemerkte der Oberförster . „ Weshalb hat er das gethan ! Das Risiko mußte er auf sich nehmen . – Da wird ’ s hier übriges recht ruhig werden in Breitenfels , “ fuhr er fort , ein Glas Bier leerend , das ihm der Oberförster eingegossen hatte . „ Das Nest wird einschlafen und wir mit ! Ja , ja , einmal kommt das Ende ! “ Mit diesem Gemeinplatz erhob er sich , schüttelte dem Oberförster die Hand und ging , um droben nachzuschauen . Olbers , der Kammerlakai , würde genau wissen , wie es stand . [ 170 ] Hedwig saß in ihrer ungeheizten Stube , die neben dem Schlafzimmer der Kinder lag , sie war nicht viel besser als ein Dienerzimmer , mit den schadhaften , billigen Tapeten , in Blau und Grau gemustert , dem winzigen Kleiderschrank , der wurmstichigen Kommode und der eisernen Bettstelle , in der rot und weiß bezogene Kissen sich breiteten . Sie sah das alles nicht , sie dachte nur daran , daß der Mensch , den sie allein liebte auf der Welt , ihr Bruder , aus sicherem Hafen wieder hinaustreiben sollte auf das Meer des Lebens , exjstenzlos und unfrei . Ja , wenn er als ungebundener junger Mann wieder hinaustriebe , dann wäre ihr nicht bange , aber der Ballast der mittellosen , verwöhnten Frau , mußte der die Fahrt nicht hemmen ? Sie begann ganz mechanisch ihre Sachen auszupacken , dann zögerte sie – wenn nun Heinz nicht hier bleibt in Breitenfels ? Doch gleich darauf hob sie mit einer entschiedenen Bewegung den Kopf in den Nacken und errötete , sie dachte an die mutterlosen Kinder daneben , an den Mann mit den müden , bekümmerten Augen , dem sie sich freiwillig als Stütze angeboten , und hastig hing sie die Kleider in den Schrank , legte die Wäsche in die Kommode , stellte die Photographien der Mutter und Schwester darauf und kleidete sich um . Eben war sie im Begriff , das Fenster zu öffnen , damit die reine herbe Luft in den dunstigen Raum dringe , da klang ihr aus dem kalten Hauch , der hereinwehte , ein tiefer , feierlicher Ton entgegen , dem ein zweiter , noch tieferer folgte – die Glocke der Schloßkirche begann zu läuten und verkündete der Stadt und dem Lande , daß die alte Herzogin eingeschlafen sei , um nie wieder zu erwachen . Das blasse Mädchen lehnte den Kopf an das Fensterkreuz und faltete die Hände , und unter den tiefen feierlichen Klängen ward es still in ihrem Herzen , als seien diese Töne ein Wiegenlied . So müde und abgehetzt vom Leben war sie , daß ihr dies Totengeläute zum Trost wurde.- „ Einmal kommt Ruhe , einmal schläft man ! “ sagte sie halblaut . Schlafen dünkte sie das Wünschenswerteste nach dem grauen sonnenlosen Tag , der das Leben für sie gewesen . An ein Weiterleben mochte sie nicht mehr glauben sie , die doch sonst so religiös war , so innig beten konnte , hatte jetzt doch nur den einen Wunsch : lasse mich einschlafen , um nie wieder zu erwachen , auch droben nicht ! Meine Seele kann sich doch nicht freuen sie hat ’ s nie gelernt hier unten . „ Schlafen ! “ sagte sie noch einmal . Eine ganze Stunde lang läuteten die Glocken , und unter ihren Klängen suchte sie ihr Lager auf und schlief ein . Sechs Tage später saß Hedwig Kerkow in der Wohnstube der Oberförsterei , das kleinste Mädchen neben sich auf der Fensterbank , wo es mit seinem Püppchen beschäftigt war , dem es ein schwarzes Läppchen umwickelte , denn es sollte nachher Begräbnis gespielt werden . Hedwig war nicht viel zur Ruhe gekommen , sie hatte sich mit aller Kraft an die übernommene Aufgabe gemacht , und da gab es viel zu schaffen . An Karoline vollzog sie ihre erste Wunderkur . Aus dem Mädchen , das unter Fräulein Stübkens Leitung respektlos und eingebildet geworden , entwickelte sich im Handumdrehen eine bescheidene , folgsame Person . Das ganze Haus war einer gründlichen Reinigung unterworfen worden , vor allen Fenstern hingen neue Gardinen , die der Oberförster gern bewilligt hatte , als Hedwig ihn aufmerksam auf die nicht mehr zu verbergenden Schäden der alten machte . Hedwig hatte selbst die Auswahl treffen dürfen , und anstatt der bläulich-weißen , steifgestärkten Dinger hingen jetzt zwar billige , aber doch neue , gelblich getönte Spitzenvorhänge an den Fenstern und gaben den Zimmern ein bedeutend besseres Aussehen . Der Tisch war mittags gefällig gedeckt , sämtliches angebrochenes Service hatte Hedwig erbarmungslos kassiert , Servietten waren vollzählig vorhanden – Fräulein Stübken hatte es damit nicht so genau genommen – und Karoline trug mit weißer sauberer Schürze und gesittetem Benehmen die Suppe auf . Die Kinder prangten in hellen Schürzen , keine Thür wurde mehr knallend zugeworfen , selbst die Herren Hunde betrugen sich besser und nahmen ihr Fressen in einem Winkel des Flurs mit demselben Appetit ein wie früher in der Wohnstube , wo es nach ihrem Diner keineswegs sehr anmutig zu riechen pflegte . Das feine Wesen der neuen Hausdame schuf wie von selbst eine Atmosphäre von Traulichkeit . Nur des Oberförsters Zimmer blieb unberührt . Der eimsame Mann saß da drüben nach wie vor mit seinem gekränkten Herzen , seiner Bitterkeit , in blaue Tabakswolken gehüllt und kam , wie er gesagt hatte , nur zu den Mahlzeiten herüber , und auch das bis jetzt selten genug , denn mehreremal hatte er in irgend einem Försterhause auf seinen Berufswegen gespeist und kehrte erst heim , wenn der Abend graute . Hedwig bekümmerte sich darum nicht , bemerkte es nicht einmal . Die wenige Zeit , die ihr blieb , sich mit ihren eigenen Angelegenheiten zu beschäftigen , gehörte dem Bruder . Gesehen hatte sie ihn noch nicht , sie wußte nur aus ein paar flüchtigen Zeilen , die er ihr sandte , daß er mit seiner Frau sofort zurückgekehrt sei und jetzt überviel zu thun habe , um die Beisetzungsfeierlichkeiten zu ordnen . Eine Unmasse fremder Gäste werde erwartet , die halbe Residenz nehme teil . Heute nun , um zwei Uhr , sollte die Ueberführung der Leiche in die Gruft zu Holmsrode , einer alten Breitenfels ’ schen Besitzung , stattfinden . – Der Gemahl der verstorbenen Herzogin ruhte dort , es war der Lieblingsplatz desselben im Leben gewesen , und die Gattin sollte seiner Bestimmung gemäß neben ihm schlafen dereinst . Der Weg nach Holmsrode war mit ein paar raschen Pferden in einer Stunde zu machen ; im Schritt mit dem Leichenkondukt aber brauchte man drei Stunden , und dazu ein Januartag im funkelnden Schneegewand bei zwölf Grad Kälte ! Der ganze Platz stand voller Menschen , der Weg vom Schloß herab über denselben hinweg , der Totenweg ,