jubelte Lieschen der Muhme zu , als sie am Morgen die leuchtende Schneedecke ausgebreitet sah – so herzensfreudig klang es , daß die alte Frau beinahe betroffen in ihr Gesicht schaute . War das Mädchen denn nicht vollständig verwandelt seit den letzten Wochen ? Der alte neckische Uebermuth , der ihr , so reizend stand , leuchtete wieder so herzgewinnend aus den großen blauen Augen ; ihre Wangen blühten genau so rosig , wie früher , und dieses Wunder war offenbar geworden , als sie – ja , als sie aus dem Schlosse heimgekehrt war . Wie früher scherzte sie mit dem Vater und verübte allerlei kleine Schelmenstreiche , die selbst die Mutter herzlich lachen machten . Und nun sollte es Weihnacht werden . Als die Alte sie anschaute , da flüsterte ihr schon der kleine Mund dicht am Ohre , und sie verstand etwas vom Christkindchen , von Weihnachtsbäumen , Weihnachtsarbeiten und für die Muhme so etwas Wundervolles , Schönes , wie sie es sich gar nicht denken könne . Und all diesen Jubel , diese Freude hatte ein einziger Moment hervorgezaubert , das einzige Wort „ Lieschen ! “ in weichem , dankbarem Tone gesprochen , ein einziger flüchtiger Händedruck ! – – Und endlich senkte sich der heilige Abend über die weite Welt ; er trug in jedes Haus einen Schein hellen Himmelslichts ; er zündete die Kerzen an auf den grünen Bäumen in Palästen und Hütten , und sie warfen ihren Schein aus frohe Gesichter , auf kostbare und bescheidene Spenden ; die Glocken der Kirchen klangen in die stille , kalte Winterluft hinaus und luden die Menschen ein zur Dankesfeier , und hoch über die frohe Welt spannte der Himmel seinen dunklen blauen Mantel ; in schimmernder , funkelnder Pracht leuchteten die Sterne hinunter , und „ Ehre sei Gott in der Höhe , “ scholl es zu ihnen hinaus , „ und den Menschen ein Wohlgefallen und Friede auf Erden ! “ Friede auf Erden ! Es gab auch Wohnungen der Menschen , in die der milde Gast keinen Eingang fand , Herzen , in denen keine Festfreude aufkommen konnte vor Kummer und schwerem Leid , ach , gar viele ! Und an keinem einzigen Tage fühlt so ein armes Menschenkind die Sorge tiefer , den Kummer mehr und heißer , als an jenem , wo sich Alle freuen , wo sich der Friede herniedersenken soll in alle Herzen , nur in seines nicht ; wo sich die bange Frage regt : warum bin ich – warum nur sind wir ausgeschlossen von der Freude ? Dieselbe stumme Frage schien aus den Augen des jungen Mädchens zu sprechen , das da am Fenster stand und in die funkelnde Nacht hinausblickte . „ Dort unten in der Mühle flammen die Fenster in hellem Lichte auf ; da brennt der Weihnachtsbaum ! , “ flüsterte sie und preßte in kindlich heißem Schmerz die Hände gegen die Brust – welch ein Verlangen überkam sie nach seinen glänzenden , lichtergeschmückten Zweigen ! Lieschen hatte gebeten , sie müsse kommen ; sie sollte doch wenigstens die Lichter auf dem Baume brennen sehen , aber nein , wozu das ? Was ging sie Müllers Weihnachtsmann an ? Es war ja doch nicht der ihre , und wozu sollte sie in Lieschens glückliches Gesicht blicken ? Ihre finstere stille Heimath , sie wäre ja noch trauriger erschienen nach solchem Anblick . Sie wendete sich und schritt zu dem Sessel der Mutter , um ihre Wange an das liebe Gesicht zu schmiegen ; sie tastete mit der Hand und fand nur das leere Polster . „ Mama ! “ rief sie leise – es blieb still . „ Nun ist auch sie noch hinaufgegangen zur Großmama , “ flüsterte sie und sank in den weichen Stuhl . „ Alle lassen sie mich allein , wenn sie doch erst wiederkämen ! Die Mama und der Army , ach ja , Army ist da “ – das war doch gewiß ein süßer Trost . Morgen würde er gewiß nicht mehr mit Großmama so viel zu sprechen haben über Geschäftliches ; was es nur Wichtiges sein konnte , das sie nun schon seit seiner Ankunft verhandelten ? Immer noch Blanka ? – – Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Lumpenmüllers Lieschen aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 49 , S. 801 – 807 Fortsetzungsroman – Teil 10 [ 801 ] Nelly irrte sich : ihre Mutter war nicht droben , wo die alte Baronin mit dem jungen Officier verhandelte – häßliche , unerquickliche Dinge , die so unweihnachtlich waren „ Zu Neujahr – noch kaum acht Tage ! “ sagte die alte Dame tonlos und sah finster vor sich hin . „ Zu Neujahr , “ bestätigte Army , der vor ihr stand . „ Und Du sagst , Hellwig weiß keinen Rath ? “ „ So theilte er mir mit – “ „ Aber dio mio ! Sonst wird es doch einem Officier nicht so schwer gemacht , Geld zu erhalten ? “ „ Sonst ? Du vergißt , Großmama , daß unsere Verhältnisse hinreichend bekannt sind . Kein Banquier leiht mir Geld auf die sichere Aussicht hin , es zu verlieren , und noch dazu solche Summen . Das Einzige , was ich erlangen konnte , war – Aufschub bis Neujahr . “ „ Und hast Du Dich nicht einmal bemüht , den Weg einzuschlagen , den ich Dir als die einzige Rettung empfahl ? “ Er sah trotzig zu ihr hinüber . „ Nein , meine Gläubiger riethen mir freilich dasselbe und wollten mir sogar behülflich sein ; aber tausendmal lieber nach Amerika und arbeiten wie ein Knecht , als ein solches Joch ! “ „ Wie Du willst ! “ sagte die alte Dame trocken , „ es ist Deine Sache , nicht die meine . “ „ Ganz recht ! “ lachte er auf . „ Aber zum Teufel mit der ganzen Geschichte ! Ich bin nicht hergekommen , um Euch etwas vorzuklagen ; ich will ja Weihnacht mit Euch feiern – Weihnacht ! “ wiederholte er spöttisch . „ Gut denn ! “ tönte die Stimme der Großmutter , „ so werde ich versuchen , ob ich Rath schaffen kann ; noch giebt es wohl Leute in der Welt , die den Namen Derenberg nicht vergessen haben . Morgen – nein , heute noch schreibe ich an den Herzog von R. “ Um Army ’ s Lippen zuckte es bitter auf . Er dachte an das Bild da droben im Ahnensaal , das seine Großmutter als junge schöne Herrin vorstellte , dem Herzoge den Willkommen in ihrem gastfreien Hause bietend . „ Bettelei “ tönte es verächtlich in seinem Innern ; er fuhr mit der Hand über das Gesicht und sah zu der hohen schwarzen Gestalt hinüber , die so unbeweglich und mit der Miene äußerster Entschlossenheit vor dem Tische stand . Sie that ihm leid , die stolze Frau ; er wußte , es wurde namenlos schwer , einen solchen Brief zu schreiben . „ Laß das , Großmama ! “ bat er leise . „ Du sollst Dich nicht so demüthigen – “ „ Nein , ich lasse es nicht , “ klang es zurück , „ denn ich sehe , ich bin die Einzige , die möglicher Weise noch Rettung finden kann , obgleich ich nur eine alte Frau bin . “ „ Aber , Großmama , wird sich der alte Herr Deiner noch erinnnern ? “ Sie lachte . „ Wirst Du je das Bild Deiner Braut vergessen ? “ fragte sie , und die schwarzen Augen strahlten förmlich in lodender Gluth . „ Sicher nicht ! Nun sieh ’ , ebenso wenig der Herzog von R. Leonore von Derenberg , denn er hat mich lieb gehabt , Army , seit dem Augenblick , wo ich ihm zum ersten Male gegenüber stand . Damals war er noch Erbprinz ; mein Mann präsentirte mich bei Hofe ; es wurde grade ein Fest dort gefeiert – ich weiß nicht mehr , wem es galt , da , als ich unter der bunten Menge , welche die tageshell erleuchteten Säle füllte , am Arm Deines Großvaters einherschritt , weil das herzogliche Paar mich zu sehen wünschte , und rechts und links die Menschen auseinander wichen und die Fremde , die Italienerin , anschauten , als ich mich verbeugte vor dem hohen Paar – da traf mein Ohr ein schwacher Laut der Ueberraschung , und als ich dann meine Augen hob , begegneten sie denen eines jungen schönen Mannes , die mit bewundernder Gluth an mir hingen . Ich war siebenzehnn Jahre alt , Army , und was giebt es Berauschenderes für ein Weib , als bewundert zu werden und – vorbei , vorbei ! “ flüsterte sie , „ wozu Vergangenes heraufbeschwören ! “ „ Und “ – wiederholte sie träumerisch , ohne in sein geröthetes Gesicht zu blicken , „ er kam oft nach Derenberg ; er war mein Cavalier bei jeder Gelegenheit , bis er eine weite Reise antrat – die guten Eltern , sie waren besorgt um ihn , und mein Gatte , der spielte denn lächerlichsten Othello , den je die Welt gesehen ; er haßte den lebenslustigen Prinzen , weil meine Lippen lachten , wenn er sprach , und meine Augen glänzten , wenn ich ihn sah , und das hatten sie sonst beinahe verlernt ; es trug ja Alles ein so bodenlos langweiliges Gepräge , was mich umgab , der Himmel , die Erde , die Menschen , selbst die Feste , die mein Gatte arrangirte . Er , im Verein mit den fürstlichen Eltern , entfernte den Schmetterling , der so ungestüm die leuchtende Kerze umkreiste – spießbürgerlich , wie Alles hier zu Lande ! Ich wußte es , daß mein Gatte aufmerksam gemacht worden , wußte , wer ihn in dem vollständig harmlosen Verkehr das Schlimmste sehen ließ . O , ich habe ihn gehaßt , meinen Schwager , diesen – “ „ Großmutter ! Und an den Mann wolltest Du schreiben ? Ihn anbetteln , weil er Dich einst bewundert ? Ihn , den mein Großvater gehaßt hat ? “ „ Ich bin jetzt eine alte Frau geworden , mein Kind , “ entgegnete [ 802 ] sie stolz , und warf den noch immer schönen Kopf zurück , „ und meine Handlungsweise verantworte ich allein . Als vor zwanzig Jahren die gänzliche Verarmung über uns hereinbrach , da schrieb er an mich ; er hatte die Frau nicht vergessen , die einst sein junges Herz entzückt ; ich hätte uns mit einem Schritt aus den drückenden Verhälnissen retten können – aber ich wußte , was ich dem Namen Derenberg , was ich mir selbst schuldig war . “ Sie stand mit erhobener Hand vor ihrem Enkelsohn und die großen Augen blitzten in edlem Stolze auf . „ Denkst Du , mir wird es leicht , an ihn zu schreiben ? “ fuhr sie fort , „ ich thue es Deinetwegen , Army , denn Dir ist die Hand gelähmt , von dem bischen Unglück , das Deine Stirn gestreift ; es hat Dich zum weichlichen Träumer gemacht statt zum willensstarken Mann ; so laß mich statt Deiner handeln ! “ Sie schritt an ihm vorüber und verschwand im Nebenzimmer ; die Thür flog so laut und heftig hinter ihr ins Schloß , daß die dunkelrothen Vorhänge ungestüm in das Zimmer wehten . Army stand fast regungslos am Kamin ; mitunter bewegte er leise schüttelnd den Kopf , und ein bittres Lächeln irrte um seinen Mund . Plötzlich war es , als wüchse seine bisher in sich zusammengekauerte Gestalt hoch auf , als durchzucke ihn eine Idee , ein Entschluß , der ihn – „ Army ! “ rief da eine leise Stimmen und durch die Falten der rothen Portiere lugte der blonde Kopf seiner Schwester ; „ Army , komm doch hinunter ! Rasch ! Mama schickt mich . “ Sie war in ’ s Zimmer gehuscht ; sie schmiegte sich fest an ihn . „ Weißt Du , was ich glaube ? “ flüsterte sie . „ Mama hat einen Tannenbaum angezündet ; es glänzt so ein heller Lichtschein durch die Thürspalte . “ Er sah ihr in die dunklen Augen , die jetzt so kindlich froh zu ihm aufblickten . „ Schnell ! “ bat sie , „ Großmama kommt doch nicht mit ; sie mag ja keinen deutschen Tannenbaum sehen . “ „ Ja , komm ’ Nelly ! “ sagte er , und seinen Arm um die kleine Schwester schlingend , zog er sie eilig aus dem Zimmer . 13. Es dämmert bereits , als Lieschen oben in ihrer kleinen Stube ein zierliches Körbchen voll Naschereien packte ; immer wieder wurde noch etwas besonders Schönes darauf gelegt , und endlich schloß sie den durchbrochenen Deckel und ein halblautes : „ So , nun ist fast nur Marcipan und Chocolade darin – das ißt sie am liebsten , “ kam von den rothen Lippen . Dann fing sie an zu singen , während sie ein pelzgefüttertes Jäckchen anzog , das gestern Abend unter dem Weihnachtsbaume gelegen , und das dazu passende Mützchen aus schwarzem Sammet , mit Marder umrandet , keck auf die braunen Flechten drückte ; sie sah prüfend in den Spiegel und fing plötzlich an zu lachen . „ Gerade wie ein Junge ! Die Muhme hat Recht , “ sagte sie und schob die zierliche Kopfbedeckung etwas solider in die Mitte der Stirn . „ Nun noch den Muff , und dann heißt es eilen , damit ich pünktlich wieder zu Hause bin . “ Sie ergriff Muff und Körbchen und sprang die Treppe hinunter . „ Ich gehe zu Nelly , “ rief sie in ’ s Wohnzimmer , die Thür ein wenig öffnend . „ Komme nur zur rechten Zeit wieder , Liesel , “ ermahnte die Mutter , „ sonst wird Onkel Pastor böse und die Kinder werden ungeduldig . Du weißt , um sieben Uhr wird der Christbaum für sie angezündet – “ „ Ja , ja , ganz gewiß , “ rief Lieschen , und fort war sie . Die Muhme schaute ihr nach , als sie über den Mühlensteg schritt . „ Du lieber Gott , “ meinte sie dann , „ wie wird ’ s auf dem Schlosse ausschauen ? Da wird der Weihnachtsmann auch gerade nicht aus Reichenbach gekommen sein . “ – – Lieschen saß schon ein Viertelstündchen plaudernd neben Nelly am Kamin ; ihr gegenüber lehnte Army im Sessel ; er war mit seinen Gedanken beschäftigt , und nur dann und wann lauschte er , wenn eines der Mädchen mit heiterem Auflachen ihn aus seinem Brüten weckte . „ .... Und Mutter , die bekam vom Vater eine Pillenschachtel , “ berichtete jetzt Lieschen ; „ oben darauf stand geschrieben : ‚ Die beste Medicin ‘ , und darin lag Reisegeld nach Italien – Du weißt doch , Nelly , der Doctor hat Mama schon immer gesagt , sie sollte den Winter nicht hier verbringen , aber sie sträubt sich mit aller Gewalt dagegen , jetzt nun hat sie halb und halb nachgegeben – “ „ Sie geht doch wohl nicht allein ? “ fragte Nelly . „ Nein , jedenfalls geht Papa mit , und – “ „ Nun , und ? “ „ Und ich , “ setzte Lieschen zögernd hinzu . „ Und freust Du Dich denn nicht ? “ rief Nelly erregt . „ O , nach Italien , wie schön muß es da sein ! “ „ Nein , ich bliebe lieber hier bei der Muhmen ; ich bin ja ganz gesund , und schöner wie bei uns kann es dort wohl auch nicht sein . “ „ O Lieschen , Du kleiner Unverstand ! “ tadelte Nelly . „ Nein , weißt Du , Nelly , Du sollst mich nicht für unverständig halten , aber sieh , ich habe noch einen anderen Grund , Du darfst mich aber nicht verrathen , denn noch habe ich Vater nichts davon gesagt . Sieh , da ist die Bertha von unserem Oberinspector in der Mühle drüben , die ist brustleidend ; der Doctor sagt , es kann nur ein Aufenthalt in Vevey oder Montreux sie retten ; sie ist viel kränker als die Mutter , und nun möchte ich gern , daß die Bertha an meiner Statt mit ginge ; ich bin noch jung , ich komme schon noch einmal hin nach der ‚ bella Italia ‘ , um mit Deiner Großmama zu reden . “ Army stand plötzlich auf und trat an ’ s Fenster . Das junge Mädchen hatte leise gesprochen , aber es war trotzdem jede Silbe deutlich in sein Ohr gedrungen . Da war sie immer noch , die alte gutherzige Liesel , die ihr Butterbrod den armen Kindern und ihre blanken Kupferdreier , welche die Muhme so sorgfältig sammelte , dem ersten besten Handwerksburschen schenkte ; sie schüttelte noch genau so halb trotzig , halb verschämt den Kopf wie damals , wenn sie gescholten wurde . Und dann tauchte ein anderes Bild vor ihm auf , eine kleine feine Gestalt von rothschimmerndem Haar umflossen – die schauderte zurück vor Bettlern , und das „ Gesindel “ wurde auf einen Wink ihrer kleinen Hand unbarmherzig von der Schwelle gewiesen ; die zog mit dem Ausdrucke des Ekels ihre Robe an sich , wenn auf der Promenade ein Krüppel seine Hand ihr flehend entgegenstreckte . „ Gieb ihm nichts , Army ! “ hatte sie geboten , „ mir ist ganz übel ; komm , komm – Tante zahlt ja überschwenglich an die Armencasse . “ Und so war sie vorüber geeilt an fremdem Elend und hatte sich das parfümirte Spitzentuch vor das Gesicht gehalten . Draußen lag der Park schneehell und ruhig ; jeder Baum hob sich deutlich ab von dem klaren Hintergrunde , und dort unten blitzte Licht aus den Fenstern der Mühle . Das alte trauliche Haus , wie gemüthlich trat es vor seine Erinnerung ! Wie geborgen mochte es sich dort wohnen in behaglicher , sorgenloser Existenz , ohne Angst vor der Zukunft , vor kommender drückender Noth ! „ Aus der Jugendzeit , aus der Jugendzeit Klingt ein Lied mir immerdar ; O wie liegt so weit , o wie liegt so weit , Was mein einst war – “ klang es innig und weich zu ihm herüber ; er wandte sich – da stand sie an dem alten Pianino , die schlanke und doch so leicht aufgebaute Mädchengestalt ; der kleine Kopf war etwas vorgeneigt , und Army meinte bei dem schwachen Lichte , das die Lampe bis in diesen Winkel warf , eine zarte Röthe in Lieschen ’ s Gesicht aufsteigen zu sehen . „ Als ich Abschied nahm , als ich Abschied nahm , War die Welt mir voll so sehr ; als ich wieder kam , als ich wieder kam , War Alles leer – “ Es klang tiefe Bewegung aus Lieschen ’ s Stimme . „ Noch den letzten Vers ! “ bat Nelly , „ Mama hört es so gern . “ „ Ich kann nicht mehr , “ entgegnete sie leise und wandte sich in ’ s Zimmer zurück . „ O , wie schade , Lieschen , “ sagte Nelly ’ s Mutter jetzt , „ auch nicht ein Weihnachtslied ? “ Sofort trat sie wieder zum Clavier : „ Am Himmel funkelt hehr ein Stern , Der still zur Erde sieht , Und heil ’ ge Engel singen fern Ein jubelnd Weihnachtslied . Und um das arme Kripplein strahlt Ein wunderglänzend Licht ; Ein Kindlein liegt auf harter Streu Mit göttlichem Gesicht . [ 803 ] O , freut Euch doch zu dieser Stund ’ , Wo Fried ’ die Welt umschließt ! So lächelt hold des Kindes Mund . – Gelobt sei Jesus Chist ! Ihr Menschen alle , groß und klein , Kniet nieder fern und nah Und dankt dem Herrn auf seinem Thron : Das Licht der Welt ist da “ Leise verhallten die letzten Töne des alten Weihnachtsliedes in dem hohen Gemache ; es blieb still drinnen ; für einen Jeden hatte es andere Erinnerungen geweckt , und doch wurzelten sie alle in demselben Boden . Die kränkelnde Frau dort im Sessel , sie gedachte der Zeiten , wo sie als junge Mutter ihrem Knaben diese Worte eingeprägt , damit er sie dem Vater unter dem prächtigen Weihnachtsbaume wiederholen sollte ; sie sah wieder den reizenden Jungen , von ihrem Arme umfaßt , vor dem schönen Manne stehen ; sie war neben dem Kinde hingeknieet und legte ihm die kleinen Hände betend in einander , von den Zweigen des Baumes glänzte Licht um Licht und strahlte zurück aus den treuen glänzenden Kinderaugen , er mußte ja auch stolz sein aus seinen Sohn . „ Nun bete , mein Junge ! “ und die klare Kinderstimme hatte so rührend ernsthaft gesprochen : „ O , freut Euch doch zu dieser Stund ’ , Wo Fried ’ die Welt umschließt ! “ Dem jungen Manne stand nicht dieser Abend vor Augen ; er war aus seiner Erinnerung geschwunden , aber er sah sich neben zwei kleinen Mädchen dort unten in der Stube der Muhme . Beide saßen auf dem Bänkchen zu den Füßen der alten Frau , die rosigen Mündchen weit geöffnet , die Augen ernsthaft in die Ferne gerichtet ; sie sangen , zwar nicht kunstgerecht , aber doch so tapfer und vor Weihnachtsfreude glühend : „ Und um das arme Kripplein strahlt Ein wunderglänzend Licht , Ein Kindlein liegt auf harter Streu – “ „ Army singt nicht mit , Muhme , “ hatte die Größere den Gesang unterbrochen und fragend zu ihr aufgeschaut . „ Dann giebt ’ s nachher auch keine Pfefferkuchen , wenn der Knecht Ruprecht kommt , “ war die Antwort gewesen . Da war die Kleine zu ihm getrippelt , „ Army , mitsingen ! “ hatte sie mit Thränen in den blauen Augen gebeten und als er trotzig den dunklen Lockenkopf geschüttelt , da hatte sie ganz trostlos die Händchen vor das Gesicht geschlagen . Und dann war Knecht Ruprecht gekommen in einem großen rauhen Pelz und hatte mit den Nüssen im Sacke gerasselt und drohend eine Ruthe unter dem Arme hervorgezogen . „ Sind die Kinder artig , Muhme ? Können sie auch beten ? “ hatte er mit hohler Stimme gefragt . „ Ja , die Mädchen wohl , aber der da , der Junge , der ist ein kleiner Trotzkopf , der nicht sein Weihnachtslied singen will ; den nimm nur getrost in Deine Schneehöhle mit , Herr Ruprecht ! “ Und da war das kleine Mädchen laut weinend und ihre Angst vergessend zu dem gefürchteten Manne hinübergelaufen . „ Nein , nein , lieber Onkel Ruprecht , nimm den Army nicht mit ! er ist nicht unartig ; ich will auch keinen einzigen Pfefferkuchen haben . “ Und Nelly hatte mit eingestimmt in das trostlose Weinen , und schließlich mußte Knecht Ruprecht abziehen , ohne ein Gebet gehört zu haben , und das Trösten der Muhme und das Weinen der Kleinen scholl hinter ihm drein . Nur er , der Böse , weinte nicht ; er lachte , als der letzte Zipfel des Pelzmantels verschwunden war , und behauptete kecklich , es sei gar nicht Knecht Ruprecht gewesen , sondern der Peter , der Kutscher , in Onkel Müllers umgekehrtem Pelze . An all diese trauten Erlebnisse des Kinderherzens dachte Army zurück , und unwillkürlich drängte sich ihm die Frage auf die Lippen : „ Wißt Ihr noch ? “ Dann schwieg er , wie erschreckt über seine Worte , die so unheimlich laut durch das stille Zimmer tönten ; sie waren ja alle längst vergangen , diese Kinderträume – er war ein Mann geworden . Ein Mann ? Nein , ein weichlicher Träumer , dem das bischen Unglück die Hand gelähmt ! Dort oben saß sie jetzt , die alte Frau , und schrieb , um ihn zu retten , einen Brief , der ihr vielleicht der schwerste war im ganzen Leben , und sie that es , weil er kein Mann war . „ Ich muß nach Hause . “ Lieschen nahm ihr Pelzjäckchen vom Stuhl . „ O , bleibst Du nicht heute Abend ? “ fragte Nelly . „ Ich danke , ich kann leider nicht . “ erwiderte sie zögernd , „ Pastors bekommen heute bei uns bescheert , weißt Du Nelly , und da darf ich doch nicht fehlen . “ „ Ah , richtig , aber komm bald wieder ! “ „ Gewiß ! “ „ Darf ich Sie geleiten ? “ tönte da auf einmal Army ’ s Stimme in ihr Ohr . „ O nein , ich danke , “ stammelte sie verwirrt , „ ich – “ „ Es ist heute Feiertag – Sie könnten Betrunkenen begegnen . “ schnitt er ihr die Antwort ab und nahm Mütze und Degen . Es war ein wundervoller Winterabend , der sich draußen über weihnachtliche Erde gesenkt ; kein Lüftchen bewegte sich ; in lautloser Stille lag die Welt da in eine leuchtend weiße , steckenlose Schneedecke gehüllt , überwölbt von einem Himmel , von dem Millionen Sterne durch die klare kalte Lüft herabfunkelten . Dort unten im Dörfchen blickten die erleuchteten Fenster unter den schneebedeckten Dächern hervor , und hier oben am Scheidewege , an der verschneiten Sandsteinbank , da steht ein schlankes Paar ; wie verwundert streckt die alte Linde ihre kahlen Aeste über die jungen Häupter hinaus , als müsse sie die Beiden verstecken , daß kein Auge sie erschaut . Ist es denn jetzt Zeit zum Lieben ? scheint jedes kahle Zweiglein zu fragen , jetzt wo keine Nachtigall singt , kein grünes Land einen Liebesgruß flüstern kann ? Und doch – des Mädchens Kopf liegt so still an seiner Brust , und in den blauen Augen , da glänzt ein unermeßlicher Himmel von Liebe und Glück . „ Ich soll Dir helfen , daß das Leben Dir nicht mehr so finster ist , Army ? Wirklich ? “ „ Wenn Du wolltest , Lieschen ! “ erwiderte er leise und küßte sie auf die Stirn . „ Ob ich will ? “ fragte sie erglühend , und schmiegte sich fester an ihn , „ ob ich glücklich sein will ? “ – – Wie war es nur gekommen ? Wie war ihr nur zu Muthe , als sie jetzt allein über den Mühlensteg schritt ? Wie im Traum klangen ihr seine ernsten Worte nach , fühlte sie den Kuß auf ihrer Stirn wie Feuer brennen – und doch war es Wirklichkeit , erlebte Wirklichkeit , was ihr Herz so hoch aopfen machte ? Und morgen – ihr klopfendes Herz stockte jäh , als sie die erleuchteten Fenster des Hauses sah – dann wird er zu ihrem Vater kommen . Sie war Braut , eine glückliche Braut , seine Braut ! Sie blieb stehen und schaute zurück : dort drüben mußte er jetzt gehen , vorüber an der einsamen alten Linde , die trotz Schnee und Eis das süßeste Glück erblühen sah heute Abend . Er hatte sie lieb , wirklich lieb ? Sie schüttelte den Kopf über das Wunder , das nie gehoffte Wunder , und die Eltern und die Muhme mußten sie ihr nicht ansehen , daß sie – ? Nein , nein , jetzt noch nicht , erst wenn Pastors fort sind , dann wollte sie es dem Vater sagen , daß morgen Einer kommen wird , der – Und nun trat sie in die Hausthür ; die alte Schelle klapperte heute so abscheulich laut , und sie wollte doch erst unbemerkt in ihr Stübchen hinauf . Nein , das ging nicht , denn eben hob die Muhme den Vorhang vom Fenster der Stubenthür , und gleich darauf wurde diese geöffnet . „ Ei , Du Ausbleiberin ! “ tönte freundlich die alte Stimme , „ just wollte ich die Dörte schicken , glaubte schon , es hätte Dich Einer mitgenommen unterwegs . “ „ Guten Abend ! “ erwiderte sie , aber die Stimme versagte ihr beinah vor stürmischem Herzklopfen , „ ist ’ s wirklich schon so spät ? “ „ Nun , ich meine , “ sagte die alte Frau und schloß die Thür hinter ihr . Da saß der Vater an dem runden Tische , und die Mutter mit dem Onkel Pastor auf dem Sopha . „ Da bist Du ja ! “ begrüßte der Vater sie freundlich und zog die schlanke Gestalt an sich , „ was sagst Du nun , Liesel ? Denke doch , die Kinder in der Pfarre haben ’ s Scharlach und können nicht zur Bescheerung kommen . Gelt , das ist traurig ? “ „ Sehr traurig ! “ wiederholte sie , aber ihre Augen leuchteten so wunderbar , und um ihren Mund spielte ein so glückliches Lächeln ; das stand gar nicht im Einklang mit ihren Worten . Zu jeder anderen Zeit würde sie in lautes Bedauern ausgebrochen sein , aber heute – sie hatte kaum ein Verständniß für das , was ihr da eben mitgetheilt worden . [ 804 ] „ Einen Augenblick nur – ich lege oben in meiner Stube ab ; ich bin gleich wieder da , “ und fort war sie . „ Was hat nur das Kind ? “ fragte Frau Erving ängstlich . Das Kind aber , das stand hochaufathmend in seinem kleinen Stübchen . Die Pelzjacke und Mütze flogen auf den nächsten Stuhl , und dann sank sie auf die Kniee vor ihrem Bette , wie sie jeden Abend ihr Gebet sprach , sie drückte den glühenden Kopf in die Kissen