fragte ich , die ordentlich aufgeregte Liesel unterbrechend , » kann ich dich wohl allein lassen einen ganzen Abend ? « » Aber , Kind , nun freilich ; geh nur , geh nur . Kommt noch Besuch , Liesel ? « » Nein , Kathrin , wer soll denn kommen ? Etwa der Leutnant v. Eberhardt ? Na , sicher nicht ; dann hätte die Frau Gräfin keine Kopfschmerzen . « Ich biß mir die Lippen wund und stand auf . Kathrin sagte mit lebhaftem Interesse : » Sie mag ihn wohl leiden , den Herrn Leutnant ? « » Na , das versteht sich ! « nickte Liesel . » Das kann ja ein Blinder mit dem Stock fühlen – ich hab ' s gleich gesagt . Neulich war sie wieder in die Stadt gefahren – das erzählte Mertens , unser Kutscher , abends in der Gesindestube – und hat den Fränzel in der halben Stadt herumgehetzt nach dem Herrn Leutnant . Er hat ihn aber nicht finden können , da ist sie denn sehr böse gewesen . Und wie sie aus einem Laden trat , der Fränzel hinter ihr , da hat sie den Herrn Leutnant auf der Straße getroffen und ist an seinem Arm weitergegangen . Es hat ausgesehen wie ein Brautpaar . Das muß so wienerische Mode sein , hier paßt sich das nicht – die Leute haben ihnen auch nicht schlecht nachgeschaut . « Das Plappermaul konnte ich nicht stopfen und mußte geduldig mit anhören , wie nun Kathrin sagte : » So , so ! Na , der Mann ist ja kaum unter der Erde , das hat wohl nichts zu sagen ! « Na , aber ! Doch ich will nichts verraten ! « rief Liesel und klopfte sich auf den Mund , als wollte sie ihn für seine Schwatzhaftigkeit bestrafen . Ich kleidete mich langsam an und tröstete mich damit , daß Ruth Kopfweh hatte , und Eberhardt nicht da war . Ich hätte ja nicht gewußt , wie ich es ertragen sollte , die beiden zusammen zu sehen . Zögernd trat ich abends in die alte Halle , da tönten leise Schritte auf der Treppe ; eine zierliche Gestalt in grauem Kleide flog mir entgegen , und mit dem hellen Jubelruf : » Gretchen ! « lagen wir uns in den Armen . Ich blickte wieder in das liebliche Gesichtchen , die klaren Augen schauten mich so treu , so wie immer an , und da löste sich der starre Schmerz in meiner Brust , ich legte den Kopf auf ihre Schulter und weinte so recht aus Herzensgrunde . » Armes Gretel , ja , du hast schwere Zeiten durchgemacht , während ich in lauter Glück schwamm . Komm , weine nicht , wir wollen wieder ein Stündchen wie früher verplaudern . Komm , ich war schon oben in unserem Mädchenstübchen , es ist noch alles so wie früher . Da wollen wir uns auf die alten Plätze setzen , und da sollst du dich aussprechen ! « Ich folgte ihr mechanisch und leise weinend . Als ich aber wieder in das alte , liebe Gemach trat , wo ich meine glücklichste , seligste Zeit verlebt hatte , da brach der Sturm in meiner Seele um so heftiger los , und beinahe schreiend warf ich mich in das Sofa und verbarg den Kopf in den Kissen . » Gretel « , hörte ich Hannas Stimme , » das ist mehr Kummer , als ich vermutete . Die Sorge um die alte Kathrin ist das nicht allein , du hast anderes . Tieferes zu leiden . Kann ich dir nicht helfen , mein süßes , gutes Gretchen ? Sag ' s mir , vertraue mir . « Ich schüttelte den Kopf . » Ach , wenn ich könnte , aber ich darf ' s ja nicht « , schluchzte ich außer mir . » Oh , war ' ich doch tot , tot und begraben , das ist besser , als so zu leben , ich kann ' s ja nicht mehr ertragen ! « Ratlos stand Hanna neben mir , ihre kleinen Hände streiften meine heißen Wangen , die frischen Lippen berührten meine brennenden Augen . » Armes Gretel , du darfst es nicht verraten , was dich so erschüttert ? Weine dich aus , es wird besser danach , man fühlt sich wieder leichter nach solchem Tränenstrom . « Sie schlang den Arm um mich und legte meinen Kopf an ihre Schulter , meine Tränen flossen immer noch , aber ruhiger . Sie hatte recht , man wird freier und leichter . » Törichtes Mädel « , schalt ich mich selbst , » als ob schon alles verloren wär ! Was hast du für Ursache , zu weinen ? Er kann keine Zeit gehabt haben zum Schreiben , oder irgendwelche anderen Gründe – vielleicht ist er doppelt vorsichtig , seit die Gräfin im Schlosse ist , damit kein Brief verlorengeht . Wenn du ihm erst wieder in die Augen gesehen hast , wirst du auch anders denken . Die lange , trübe Zeit da unten hat dich angegriffen – verzweifle nicht ohne Ursache , das Leben ist doch so schön ! « » Ein netter Empfang , meine liebe Hanna , den dir deine Gretel da bereitet « , sagte ich . » Verzeih , es ist schon alles vorüber , und ich lache jetzt über meine Angst und Sorge . Es ist die trübe Zeit da unten in der Krankenstube und die Sehnsucht nach dir , die mich so traurig machte . Du bist glücklich , nicht wahr ? « Ein heißer Freudenstrahl brach aus den klaren Augen : » Ach , Gretchen , die Worte fehlen mir , zu sagen , wie sehr ich es bin ! « Ich ließ mir von ihr vorplaudern , wie sie ihr Leben eingerichtet , wie leicht sie sich in die ganz veränderten Verhältnisse gefunden habe , wieviel Vergnügen es ihr mache , die Hausfrau zu spielen , und wie einzig lieb ihr Mann gegen sie sei . » Komm bald zu mir , Gretel , du mußt alles selbst sehen , das Erzählen ist ja gar nichts gegen die Wirklichkeit . « Lange plauderten wir so , während die Dämmerung das kleine Gemach immer mehr erfüllte . Da tönte die Stimme Bergens vor der Tür : » Hanna ! Frau ! Ungetreues Weib ! Wo steckst du denn so lange ? Wir warten und warten , und da sagt Mama , du würdest wohl mit Fräulein Gretel hier oben im alten Quartier sitzen . Kommt heraus , wir wollen auch etwas von euren weisen Gesprächen profitieren . « Lachend öffnete Hanna und fiel ihm um den Hals . » Du Tyrann , du abscheulicher Mann , wir kommen ja schon . « » Es ist auch die höchste Zeit « , fuhr er ernsthaft fort , nachdem er mich herzlich begrüßt und den Arm seiner Frau genommen hatte . » Papa ist schon sehr ungeduldig , daß seine jüngste Frau Tochter so lange bleibt , und Mama scheint Kopfschmerzen zu haben und spricht sehr wenig , und Eberhardt gibt ihr das beste Beispiel : denn bis jetzt hat er den Mund noch nicht aufgetan . « Eberhardt hier ! Eine Todesangst überfiel mich , was sollte ich beginnen ? Umkehren ? Nach Hause gehen ? Das ging nicht mehr , schon standen wir vor der Tür . Nur vorwärts ! flüsterte ich mir zu , während mein Herz wie wahnsinnig gegen die Brust schlug : es hilft nichts mehr , Gott weiß allein , wie es kommen soll ! Wir traten ein , mein Auge überflog das Zimmer ; da saß Frau v. Bendeleben im Sessel am Kamin , der Baron am Tische und trommelte mit den Fingern auf der Platte , Eberhardt war nicht da . Ich wurde herzlich begrüßt , besonders vom Baron : » Du siehst ja ganz blaß aus , meine Kleine , die Krankenluft da unten tut dir nicht gut . Mußt wieder öfter einen tüchtigen Spazierritt machen , verlernst ja auch sonst das Reiten . Suleika hat dich schmerzlich vermißt , besuche sie nur einmal « , sagte er freundlich und schaute mich besorgt an . » Wo ist denn Eberhardt ? « fragte Hanna , die sich ihrer Mutter gegenüber niedergelassen hatte und eifrig an einem Strumpfe strickte . » Er hat sich bei Ruch anmelden lassen , um sie zu bitten , mit uns zu Abend zu essen « , sagte Frau v. Bendeleben mit einem Seufzer . » Wie geht es Kathrin ? « wandte sie sich dann an mich . » Ist es wahr , daß sie gelähmt bleiben wird ? « Eben wollte ich antworten , da trat Pastor Renner ein . Er erblaßte etwas , als er mich sah , und sagte mir sehr kühl » Guten Abend « . Frau v. Bendeleben wurde etwas gesprächiger . Renner erzählte von seinen Erfolgen in der neuerrichteten Schule , das interessierte sie , und so verfloß beinahe eine Stunde , für mich unsäglich langweilig , da meine Gedanken bei Eberhardt und Ruth weilten . Johann meldete , daß serviert sei , und man erhob sich . » Ja , wollen wir denn ohne Eberhardt und Ruth essen ? « fragte Hanna . » O nein « , sagte Frau v. Bendeleben , » bitte , geht und ruft sie ! « » Komm mit , Grete « , bat Hanna . » Wir wollen die vergessene Gesellschaft bald auf die Beine bringen « – damit zog sie mich hinaus . » Geh allein , Hanna ! « » O nein , ich fürchte mich in dem langen Korridor . « » Schick Johann « , bat ich . » Nein , komm nur , wir wollen sie erschrecken . « Ich zitterte vor Aufregung , aber sie zog mich mit . » Horch , sie sprechen « , sagte sie leise , als wir in dem nur matterleuchteten Salon der Gräfin standen . Durch die schweren , dunkelroten Vorhänge drang Lichtschimmer aus dem kleinen Boudoir , und da tönte auch Ruths silberhelles Lachen . Ich hörte , wie sie sagte : » Was du für ein wunderbares Gesicht machst , Vetter . Ich finde dieses Arrangement sehr passend . Nur wollt ' ich , daß der feierliche Schritt erst in aller Form geschehen wäre , aber Gott weiß , wie lange es noch dauert ! Diese dörfliche Schönheit glaubt wahrscheinlich , es gehöre zum guten Ton , die öffentliche Verlobung mit ihrem salbungsvollen Anbeter zu verzögern , obwohl sie ja heimlich , wie mir Liesel sagte , vollständig einig sind . Na , sie war von jeher etwas obenhinaus und kopiert möglichst die Manieren der beau monde , soweit sie sie kennenlernte . Übrigens , es wird Zeit , daß ich dich beurlaube , Wilhelm , denn man rüstet sich zur Tafel . Ich wünsche bon appetit und viel Vergnügen ; Bergen wird für lehrreiche Konversation Sorge tragen . « » Du mußt mit , Ruth ! « sagte Eberhardt . » Nimmermehr ! « rief sie . » Ich kann dies spießbürgerliche Wesen nicht ertragen . Das Fräulein Gretel wird wohl da sein mit ihrem ewigen Madonnengesicht . Der junge Pastor wird natürlich sie und sie ihn anhimmeln . Hanna wird gleich nach Tisch einen ellenlangen Strumpf aus der Tasche ziehen und sich mit der Miene einer erfahrenen Hausfrau ins Sofa setzen – nein , um alles in der Welt , ich bekomme Krämpfe , wenn ich daran denke . « » Und so grausam willst du sein und mich dort unten vor Sehnsucht verschmachten lassen ? « » Oui , mon cher , allez seul . « » Aber was soll ich allein dort ? Onkel und Tante , Bergen und Hanna , der Pastor und – und « , seine Stimme klang auf einmal dumpf und gepreßt . » Ich bitte dich « , sagte er dann beinahe heftig , » komm mit hinüber , oder ich bleibe hier – soll ich dort etwas mit ansehen , was ich nicht teilen kann ? Komm mit ! « lachte er , » dann sind wir gerade drei Paare und könnten einen kleinen mittelalterlichen cour d ' amour errichten , und du , als Sachverständigste , kannst entscheiden , welcher Ritter seine Dame am zärtlichsten verehrt . « Hanna preßte meine Hand , ihr Gesicht war dunkelrot geworden , und mir wankten die Knie , ich konnte mich kaum aufrechthalten . Aber alle meine Sinne waren gespannt auf die Vorgänge hinter den purpurroten Vorhängen gerichtet . » Eh bien ! « sagte Ruch . » Ich will es tun und hinüber kommen , aber eine Bedingung : du wirst dich bemühen , diese kleine schwarze Krepphaube nicht zu übersehen , mein teurer – Vetter ! « Sie sprach das letzte Wort mit eigentümlicher Betonung . Ein unheimliches , beinahe krampfhaftes Lachen Wilhelms erfolgte . » Mon dieu , was doch die Weiber für ihren guten Ruf besorgt sind ! Ich bin fest überzeugt , dieses sanfte , unschuldige Kind aus dem Pfarrhaus « hat ihrem zärtlichen geistlichen Liebhaber etwas Ähnliches zur Pflicht gemacht , damit sie nicht kompromittiert wird . Sie ist spaßig , diese Komödie , die eine ist noch Witwe , die andere ist – alle Achtung vor diesen Weiberwitzen ! « Sein Gelächter tönte mir noch in den Ohren , als ich wie gejagt davonlief . Fast bewußtlos sank ich in dem kleinen Salon in den Sessel . Glücklicherweise war niemand mehr hier , sie mochten schon im Speisesaal sein . Wie gebrochen lag ich da , ein Chaos von Gedanken wirbelte in meinem Kopfe . Ich strich mit der Hand über die Stirn : » Was soll ich tun ? Was soll ich beginnen ? Lieber Gott , hilf mir , hilf mir ! « » Fräulein Gretchen , Fräulein Gretchen , wo stecken Sie denn ? « rief Bergen . » Ich möchte um den Vorzug bitten , Sie als Tischnachbarin zu haben . Sind Sie krank ? « » O bewahre ! « rief ich und nahm , aufspringend , seinen Arm . » Sehen Sie mich nur nicht so verwundert an , ich bin wirklich ganz gesund , vollständig – « Man saß schon um den ovalen Tisch , Ruth neben ihrem Vetter und Bergen gegenüber , Hanna leichenblaß an der Seite des jungen Pfarrers . Wankend schritt ich zu meinem Platz . Eberhardts Blicke waren groß auf mich gerichtet , als er aufstand und mir eine tiefe Verbeugung machte . Mit etwas spöttischer Miene sah er , daß ich auf der anderen Seite des Pastors Platz nehmen mußte . Mir schnitt es gleich Messern ins Herz , als ich bemerkte , wie er mit Ruth einen Blick wechselte . Wie eigentlich diese Zeit bei Tische hingegangen ist , weiß ich nicht mehr . Es war mitunter ein lebhaftes Gespräch im Gange , aber es schien mir , als ob alles untereinander gereizt und böse sei . Eberhardt sprach beinahe am meisten , und zwar widersprach das , was er sagte , gewöhnlich den Ansichten , die Bergen eben geäußert hatte . Auf häßliche , satirische Weise suchte er ihn lächerlich zu machen , aber Bergen blieb sehr ruhig , und Hanna warf ihm bittende Blicke zu , die er freundlich erwiderte . Pastor Renner blieb beinahe stumm , ich gänzlich . Endlich erhob sich Frau v. Bendeleben und gab das Zeichen zum Aufheben der Tafel . Hanna trat zu mir und flüsterte : » Gretchen , ich bitte dich , schweig gegen jedermann über das , was wir gehört ! – Was hat nur Eberhardt ? « fragte sie ihren Mann , der eben zu uns kam . » Kind , so zerfahren und gereizt ist er schon seit längerer Zeit – ich dächte , das mußt du auch schon gemerkt haben . Es ist gar nicht mehr mit ihm umzugehen jetzt . Gott mag wissen , was ihn drückt – er tut mir leid . « » Ja , mir auch « , sagte Hanna mit einem Seufzer und legte ihr großes wollenes Strickzeug vor sich auf den Sofatisch in dem kleinen Salon . » Komm , Grete , du sollst Tröster für alle sein , du singst heut ein bissel . Ich hab ' mich so lange nach deiner schönen Stimme gesehnt . « » Aber die Gräfin Satewski , sie kann es nicht hören ! « sagte ich ängstlich . » Aber ich kann ' s hören ! « sagte hier sehr bestimmt der Baron . » Wer es nicht vertragen kann , mag das Zimmer verlassen und sich außer Hörweite begeben . « Er hatte laut gesprochen , aber die schöne Gräfin nahm nicht die mindeste Notiz davon . Sie hatte den feinen Kopf nach Eberhardt zurückgewandt , der hinter ihrem Sessel stand und zu ihr sprach . Er drehte das Ende seines schwarzen Bärtchens zwischen den Fingern und seine funkelnden Augen ruhten feurig auf dem schönen Gesicht . Ich mußte an ihm vorüber , wenn ich in das Nebenzimmer gehen wollte , wo der Flügel stand . Mein Kleid streifte ihn , er merkte es nicht . Zum Singen war mir nicht zumute , fast mechanisch quollen mir die Töne aus der Brust . Ich merkte kaum , daß ich das alte Lied sang , das mir schon den ganzen Tag in den Ohren geklungen hatte . Da , beim zweiten Vers , kam mir wie ein Blitz die Erinnerung jenes Abends , an dem ich es zuerst gesungen . Ich sah ihn wieder , wie er drüben stand und mich anschaute : So selig , so wonnig . So wunderbar lieb , O ihr Sterne am Himmel . Wenn ' s immer so blieb ! Mond ist gegangen . Erloschen die Stern ' , So blaß meine Wangen . Und er , – ach so fern ! und der letzte Vers – jetzt paßte er ! Ich glaube , ich habe ihn nie mit tieferer Empfindung gesungen . Hanna nahm die Hände von den Tasten und blickte mich an : » Gretchen , das ging ja durch Mark und Bein , was ist dir nur , liebes Herz ? « Im Nebenzimmer faß Gräfin Satewski und lächelte wie vorher , aber der Platz hinter ihrem Stuhle war leer , Eberhardt war verschwunden . Er kam auch nicht wieder , obgleich die schöne Frau Johann durchs ganze Schloß jagte , um ihn zu suchen ; – er blieb verschwunden . Hanna nahm unbekümmert ihren Strickstrumpf und bald klapperten die Nadeln flink gegeneinander . » Unbegreiflich ! « fing Ruth an . » Haben dich die Eltern so schlecht mit Nadelgeld versehen , daß du derartige Arbeiten selbst verrichten mußt ? « » O nein ; aber du glaubst gar nicht , wie seine Wäsche aussieht . Solch ein unverheirateter Leutnant – du kannst es dir gar nicht vorstellen . Ich habe alle Hände voll zu tun , um alles , wieder in die Reihe zu bringen . « » Na , dann strick doch in deiner Häuslichkeit soviel du willst , aber nicht in Gesellschaft . « » Ich glaube hier zu Hause zu sein und nicht in Gesellschaft . Ich habe mich überdies daran gewöhnt , mich mit etwas zu beschäftigen . Aber wenn es dich unangenehm berührt , lege ich das Strickzeug gern weg . « » Nein , bitte , bitte ! « sagte Ruth . » Ich fühle mich angegriffen und ziehe mich zurück . « Sie stand auf . » Bon soir . Hoffentlich ist mir morgen wieder besser . « Auch ich erhob mich und sagte » Gute Nacht « . Ich mußte allein sein mit meinem schweren Herzen . » Ah , da winkt ja dem Herrn Pastor eine Ritterpflicht « , lachte Ruth , sich noch auf der Schwelle umwendend . » Man kann doch den finstern , einsamen Weg nicht allein machen ? « » Ich bedaure sehr , dem Fräulein meine Begleitung nicht anbieten zu können . Ich habe nachher noch einen Gang in das entgegengesetzte Ende des Dorfes zu tun « , bemerkte der junge Geistliche kühl . » Ich gehe allein und fürchte mich gar nicht « , erwiderte ich und schritt an Ruth vorbei , die lächelnd folgte . Auf dem Korridor standen wir uns gegenüber , das Lächeln verschwand von dem reizenden Gesicht . » Vielleicht wäre eine andere Begleitung angenehmer « , flüsterte sie dicht an meinem Ohr . » Mamsell würde ihren Arm vielleicht lieber in den des hübschen Leutnants legen ? – Noch ganz die Prinzeß von früher , die sich einbildete , mit uns rivalisieren zu können . Damals waren es – « » Bunte Bänder , Gräfin Satewski , und jetzt ist es eines Menschen Lebensglück . Aber beruhigen Sie sich , noch habe ich Mittel und Wege , mein Eigentum zu verteidigen – ohne die Waffen der Koketterie und der Lüge ergreifen zu müssen . « Ihre Augen blitzten , sie faßte mich am Handgelenk . – » Wovon sprichst du denn eigentlich , mein Kind ? Ich habe kein tendre für den Herrn Pastor . Ich meinte nur , man soll sich genügen lassen und nicht heimlich Liebesbriefe durch Anne Marie an einen anderen besorgen . Erschrecken Sie nur nicht ! Ich weiß ja nicht , wer dieser Glückliche ist – aber was würde meine Mutter , was Hanna und der tugendhafte Ehren-Bergen sagen , wenn sie das wüßten ? « » Dieser andere , Gräfin « , sagte ich ruhig und laut , indem ich mich hoch aufrichtete und ihr fest in die Augen sah , » dieser andere ist mein Bräutigam schon seit beinahe einem halben Jahre . Schlimm genug für mich , daß die Verhältnisse mich dazu zwingen , ihm heimlich zu schreiben , indessen kann ich ' s nicht ändern . Daß aber andere , unberufene Personen , für welche die Sache ohne alles Interesse ist , meine Schritte beobachten und sich in meine Angelegenheit mischen , daß Anne Marie keine treue Hüterin meines Geheimnisses ist , das ist hart für mich , die ich schutzlos dastehe . Aber auch das werde ich überwinden . Sollte man aber so boshaft , so frivol , so leichtfertig sein , mich bei meinem Verlobten zu verdächtigen , ihm Andeutungen zu machen , als ob ich nicht treu sei , so werde ich jede Schranke niederreißen , Gräfin Satewski , werde die Wahrheit sagen und – « » Nun , und ? « fragte sie und lächelte . » Ich werde es Hanna erzählen und Bergen und Ihren Eltern . Alle Welt soll es wissen , was für eine Fülle von Frivolität sich hinter dieser weißen Stirn verbirgt ! « Sie lachte . » Närrchen ! Was fabeln Sie da eigentlich ? Nun wohl , wir wollen sehen . Glück auf ! Vergessen Sie nur nicht , daß Sie Grete Siegismund heißen und dort unten im Dorfe Ihrer Ahnen Haus stehen haben . « Sie wandte sich um . Ich ging allein aus der Halle . Ein feiner Regen sprühte mir ins Gesicht , und der Weg war aufgeweicht . Ich zog mein Tuch fester um mich – mich fror , obgleich mein Kopf glühte . Aus der Gärtnerwohnung schimmerte noch Licht . Ich trat ans Fenster und sah hinein : Anne Marie saß an dem Bettchen ihres Kindes . Als ich klopfte , erhob sie sich und öffnete das Fenster . » Anne Marie « , sagte ich bebend , » was hast du getan mit meinem Briefe ? Du hast mein Vertrauen schlecht belohnt ! « » Ich ? Jesses , Fräulein Gretchen , wie können Sie mir das sagen ? « » Man weiß darum ! Deshalb hast du dich auch vor mir gefürchtet und bist nicht einmal ins Dorf gekommen . « » Ach ; aber wie können Sie so etwas denken ? Der Karle war gerade so krank , da hab ' ich den Maxel geschickt mit dem Brief . Er hätte ihn richtig abgeliefert , sagte er . « » Wann , Anne Marie ? « » Am vorigen Montag , Fräulein . « » Ich hab ' keinen bekommen , wahrhaftig nicht ! « » O Jesses ! Was sind das für Geschichten ! Er hat gesagt , das Fräulein habe ihn selbst abgenommen an der Brücke im Park . Sie habe ihm den Kopf dafür gestreichelt , und er sei darum so rasch wiedergekommen . « » Das bin ich nicht gewesen , Anne Marie , der Brief ist in falsche Hände gekommen ! « » OH , mein Gott ! Ich bin unschuldig , ich kann nichts dafür , Fräulein Gretchen – « » Bitte , Anne Marie , komm morgen mit Maxel zu mir . Ich muß alles genau wissen , ich bitte dich darum . « » Gewiß ! Ja , gleich morgen früh , seien Sie mir nur nicht böse . « Fieberhaft rasch schritt ich weiter . Nun wußte ich ja , woher die schöne Witwe mein Geheimnis kannte . Den Brief hatte ihr jedenfalls ein tückischer Zufall in die Hände gespielt . Er hatte vielleicht sehnsüchtig auf eine Antwort gewartet , während ich in Angst und Leid um sein Stillschweigen beinahe verging . Wer weiß , was dieses ränkesüchtige Weib ihm alles erzählte , um mich zu verdächtigen ? Sie brauchte ein Spielzeug , um sich für die an Abwechslungen arme Witwenzeit zu entschädigen , da war der schöne Vetter willkommen – wie fatal , daß sie da entdecken mußte , er habe eine ernsthafte Neigung gefaßt für dieses verhaßte Mädchen aus dem Pfarrhaus « . Die mußte beseitigt werden ! Gott weiß , zu welch teuflischen Mitteln sie gegriffen hatte . » Mein Gott « , flüsterte ich , während mir diese Gedanken durch meinen schmerzenden Kopf wirbelten , » gib mir Gelegenheit , ihn zu sehen , zu sprechen , er muß sich ja überzeugen , daß alles nur Lüge ist , er muß das Spiel durchschauen . « Da trat mir an der kleinen Brücke , die ich eben überschreiten wollte , eine hohe , dunkle Gestalt entgegen – wie hingezaubert stand er vor mir . » Eberhardt ! Wilhelm ! « schrie ich auf in der Angst meines gepeinigten Herzens und wollte meinen Arm um seinen Hals schlingen . » Wilhelm , ich kann ' s nicht mehr ertragen , ich sterbe , wenn du noch länger so grausam gegen mich bist ! « Ei trat rasch zur Seite , meine Arme sanken herab . Er legte die Hand an seine Mütze , verbeugte sich tief und gab mir den Weg frei . Es lag ein solcher Hohn in dieser Stellung , daß ich außer mir und mit gefalteten Händen vor ihn hintrat und bat : » Eberhardt , um Jesu willen , sei nicht so fürchterlich , sei barmherzig , ich kann ' s nicht mehr tragen , höre mich an ! « Eine nochmalige tiefe Verbeugung erfolgte , dann schlug er seinen Mantel zusammen , schritt an mir vorüber und verschwand in der Dunkelheit meinen Blicken . Ich starrte in die Richtung , die er eingeschlagen hatte , als müßte ich die Finsternis mit meinen Augen durchdringen . » Wilhelm ! « wollte ich rufen , aber das Wort kam nicht über meine Lippen . Meine Knie brachen zusammen , ich sank auf die nasse Erde und schlug mit der Stirn gegen das Brückengeländer . Der heftige Schmerz verhinderte eine Ohnmacht . Ich richtete mich mit Anstrengung wieder auf und preßte die Hand gegen meine blutende Stirn . Unaufhörlich rieselte der feine Regen hernieder , die Wellen des kleinen Flusses murmelten und glucksten unter der Brücke , finster und unheimlich war die Natur , aber unheimlicher und finsterer war es in meiner Seele . » Spring hinunter , dann ist alles aus ! « flüsterte es in mir – » ein kleiner Sprung ! Es hat ja schon mancher so Ruhe gefunden . « – Ich lehnte mich weit über das niedrige Geländer und streckte die Hände nach dem Wasser aus . – Da stand er plötzlich noch einmal vor mir . » Wilhelm ! « rief ich und bemühte mich vergeblich , meine Hände freizumachen , die er ergriffen hatte und wie mit Eisen umspannt hielt . » Wilhelm , ich bin unschuldig . So wahr ein Gott lebt , man hat mich verleumdet ! « » Natürlich , vollkommen ! Ich bin ja davon überzeugt ! « höhnte er . » Aber warum sollte man nicht aus Langerweile und in Ermanglung von etwas Besserem einen kleinen Roman einfädeln ? Jammerschade , daß dieser geistliche Herr so wenig Routine hat in solchen Sachen . « » Es gibt Leute , die lügen ! « rief ich empört und riß mit einem heftigen Ruck meine schmerzenden Hände los . » Und ich bedaure dich von ganzem Herzen , daß du dich auf so jammervolle Weise hinter das Licht führen läßt . Ich weiß , wem ich es zu danken habe , daß dein Herz sich von mir abwendet . Diese Gräfin Satewski , die meine Kinderzeit vergiftete , sie nimmt mir jetzt das Glück meiner Jugend und meinen guten Ruf ! « Er wollte mich umfassen und küssen . » Wenn du mich nicht mehr liebst , so beleidige mich wenigstens nicht ! « schrie ich in hellem Jammer auf und stieß ihn zurück . » Ich habe nichts getan , was dir ein Recht gibt zu diesem Benehmen , das eines Mannes unwürdig ist ! « Er ließ mich frei , und ich sank auf dem feuchten Wege in die Knie . Wie ich nur nach Hause gekommen bin an diesem Abend !