. Für eine Seebadekur scheint sich mir Düsternbrook nicht zu eignen , keine Dünenbildung und das Wasser oft unrein , zumal wenn der Wind das Schmutzwasser vom Hafen hertreibt . Ich selbst traf das Wasser zwar gut und klar , die Buchenwaldung auf der Promenade nach dem Bade prachtvoll , aber auf die Umgebung einer viel größeren Stadt wie Kiel deutend . Das üppige Grün fiel mir auf , das Land war nicht so regenarm gewesen . Land Holstein ist von einer Üppigkeit , die bei uns nicht existiert . Um vier Uhr fuhr ich nach Noer , welches dicht am Eckernförder Busen liegt ; man sieht in weiter Ferne Eckernförde liegen , sieht aber auch in weiter Ferne den weiten offenen Horizont des Meeres , was bei Kiel nicht stattfindet . Der Weg nach Noer führt durch die üppigsten Felder und Auen , eingefaßt durch buschige Hecken von Haselnüssen und Brombeeren ; überall ragen aus blühenden Gärten die hohen Dächer hervor , auf den Straßen im fetten Erdreich , weht kein Staub . Noer ist kein Dorf , nur eine Herrschaft von etwa zwölftausend Morgen . Das Schloß , 1722 erbaut , ohne architektonischen Schmuck , steht in einem weiten Park . Ich bewohne ein großes Zimmer im ersten Stock , den Meerbusen hinter dichten Baumgruppen überblickend . Des Abends springen Rehe über die Rasenflächen ; vor der Veranda , auf welcher der Tee genommen wird , stolzieren ein paar Pfauen , weiße Tauben umschwirren , zur Freude der Kinder , den einfach idyllischen Ort . Die Gräfin ist große Tierliebhaberin , hat zahme Rehe im Hühnerhof und anderes Getier . Auf Menschenumgang muß aber hier verzichtet werden . ( Moltke , der augenblicklich in Lübeck , wird in nächster Zeit zum Besuch erwartet . ) Der Umgang des Grafen sind seine Bücher , seine Bibliothek , in der er den größten Teil des Tages zubringt ; er fühlte sich gestern , da er meinetwegen viel im Freien zugebracht , sehr erquickt ; so lange dauernde Luftbäder hatte er lange nicht genommen , wie er mir sagte . In seinem Rock sind offene Hintertaschen für Bücher eingerichtet , die man immer aus denselben herausgucken sieht . Die Gräfin sehnt sich mehr nach Umgang , kultiviert , in Ermangelung desselben , außer der Tierwelt , auch die Blumen . Die älteste Tochter , jetzt drei Jahr , ist sehr schwächlich ; sie heißt nach der Mutter Carmelita . Die neunmonatliche Tochter Luise , nach der verstorbenen Schwester des Grafen genannt , ist ein pausbackiges , frisches Kind . Die Einrichtung im Schloß ist einfach , die Möbel teils modern , teils aus dem Anfang des Jahrhunderts stammend . Die Stuckplafonds gehören der Jetztzeit an . An Bildern sind nur Familienporträts da , zwei von Rahl gemalt , den alten Prinzen von Noer , den Vater , darstellend ; dann seine Großeltern , der Herzog von Augustenburg , der Anfang des Jahrhunderts Kultusminister war , und die verwitwete Königin von Dänemark , Tante des Grafen . Der Billardsaal grenzt an mein Zimmer ; auf dem Billard wird übrigens nicht gespielt , es liegt voller illustrierter großer Werke , meistens Indien betreffend . Das Studium des Grafen bezieht sich , wie Du weißt , hauptsächlich auf Indien und die Sanskritliteratur . Frau Feuerbach , Mutter von Anselm Feuerbach , war eingeladen , hierher zu kommen , konnte aber , wegen Besuch ihres Sohnes aus Wien , diese Einladung nicht annehmen , Lothar Bucher war ' mal hier . Sonst besteht der Hauptumgang des Grafen aus Engländern , von denen von Zeit zu Zeit jemand herkommt . Der englische Maler Philipp hat ihn auch gemalt . Der Graf war in Karlsbad im Frühjahr ; er leidet an Gallensteinen und ist , seit ich ihn zuletzt sah , sehr grau geworden . Auf einer Spazierfahrt durch die zur Herrschaft gehörigen Ortschaften , Wiesen und Wälder sahen wir viel Wild ; es ist ein Paradies für Jäger . Das Baden im Meer ist sehr bequem ; ein Badekarren steht zu meiner Verfügung ; übrigens hat die Sturmflut auch hier große Verwüstungen angerichtet . Gestern hat das Wetter sich aufgeklärt ; am Nachmittag fuhren wir pirschen . Heute abend wird mich der Graf nach Kiel zurückfahren lassen , von wo ich um Mitternacht über Korsoer nach Kopenhagen gehe . Du sollst , so läßt Dir der Graf sagen , vor allem frisches Brot und ungekochte Milch vermeiden . Was machen die Kinder ? Zeichnet Ismael ? Hier ist paradiesische Ruhe , die Dir wohl mehr zusagen würde wie mir . Ich will nun mein viertes Bad nehmen ; das nächste hoffentlich in Klampenborg . Wie immer Dein W. G. Nun folgen die von Stockholm datierten Briefe in rascher Reihenfolge , meist von Tag zu Tag . Stockholm , 5. August 1874 In Schweden ! Und es sieht just so aus wie bei uns . Die Reise gemacht zu haben , ist vor allem interessant darin , zu beobachten , wie wenig Unterschied zwischen hier und bei uns besteht . Als ich mein Zimmer im vierten Stock nach dem Hof , Hotel Rydberg ( das erste Hotel hier ) bezog , kam eine Krähe ans offene Fenster geflogen , und obgleich ich ihr nichts zu geben hatte , blieb sie sitzen und schalt gewaltig ; sie ließ sich fast anfassen . Als ich das Zimmer verließ , packte ich alles vom Tisch , damit nicht im » Spuklande « ( Dr. Arnsteins Ausdruck ) etwas spukhafterweise verschwinden könne . Schwärme von Raben waren die einzigen Vögel , die ich von Malmö bis Stockholm sah . Als ich hier angekommen den Omnibus zum Hotel bestieg , sah ich den Baron Wahlberg , den ich zuletzt in Damaskus getroffen hatte ; er erzählte mir in der Eile , daß er , wenn er zwanzigtausend Taler gehabt hätte , den Preußen in Sidon einen schlechten Streich gespielt haben würde , Preußen hat nämlich für diesen Preis die zerstörte Kathedrale in Sidon gekauft , die er hätte kaufen können , d.h. wenn er gewußt , daß man Friedrich Barbarossa wirklich dort hätte finden können . Nach seiner Behauptung nun wäre er gefunden ; und so kann denn Bismarck sein Barbarossadrama noch prächtiger und unter direkter Anlehnung in Szene setzen . Meinen Freund Bocklund habe ich in der Akademie getroffen ; er ist Direktor derselben geworden , ebenso Direktor des Museums , das übrigens genug des Interessanten bietet . – Es ist schauderhaftes Regenwetter . Da erscheint Stockholm nicht wie Neapel ; Du weißt , man nennt es das Neapel , wie Kopenhagen das Venedig des Nordens . Der Graf Noer ließ mich Sonntagabend sehr schnell und bequem an den Kieler Landungsplatz fahren , läßt Dich grüßen und Dich einladen , dort zu baden . Es würde Dir zwar sehr gut , der Stille wegen , gefallen , ich habe ihm aber doch geantwortet , er solle erst uns mit seiner Frau einmal besuchen . In seiner Bibliothek steckt ein kleines Vermögen ; er möchte gern , daß ich auf der Rückreise wieder mit herankäme und Virchow mitbrächte . Ich glaube nicht , daß dieser sich dazu bewegen lassen wird , obgleich Virchows Busenfreund , Professor Goldstücker , Sanskritist in London , dort war . Die Seereise habe ich vollständig verschlafen ; ich kam um zehn Uhr an Bord , Ankunft in Malmö morgens zehneinhalb Uhr . In Kiel sah ich beim Soupieren Frau von Saldern mit ihren Kindern und einem fremden Herrn . Die Fahrt von Malmö bis Stockholm dauerte achtzehn Stunden . Gute Gesellschaft im Coupé . Ein belgischer Gesandter , ein Däne , dann Capellini , der Präsident des Kongresses in Bologna vor zwei Jahren , und noch ein anderer Italiener , – alles Kongressisten . Der Name Virchow wirkt hier wie ein Zaubername , selbst bei den Franzosen , die zwar – nachdem sie mich an der Sprache nicht als einen verhaßten Preußen erkannt hatten – in Schreck gerieten , als ich mich als einen solchen deklarierte , nach ihrem Schrecken jedoch mich gleich nach Virchow fragten . Die Hotels hier und in Kopenhagen sind überfüllt , auch alle Kommissionäre in Anspruch genommen , so daß ich wenig während meines bisherigen kurzen Aufenthaltes im Norden sehen konnte . Wie schön kam mir Kopenhagen vor so und so viel Jahren vor ; der Mensch aber ändert sich mit den Zeiten . In der Nähe von Malmö sieht es aus wie bei Lichterfelde , denn viele Wiesen , Massen von Kühen und Pferden weiden auf ihnen ; grau bleibt die Landschaft immer . Das ganze Land ist wie besäet mit erratischen Granitblöcken , je größer , je mehr man sich der Hauptstadt nähert . Die vielen Seen erscheinen blauer wie bei uns , Birken fast die durchgängige Vegetation , lila die Farbe der Wiesenblumen . Die Holzhäuser sind ganz rot angestrichen , die Leute sehr artig und honett , die Verpflegung auf den Eisenbahnhöfen idealisch . Man bezahlt eine verhältnismäßig geringe Summe und ißt und trinkt dann kalt oder warm , soviel man will und kann . Das Büfett ist so variiert wie in den feinsten Gesellschaften ... Sollte das Wetter hier immer so schlecht bleiben , würde ich nicht bis Schluß des Kongresses aushalten , sondern spätestens am 14. abreisen . Geht die Kur gut von statten ? Wie geht es den Kindern ? Wie immer Dein W. G. Stockholm , 6. August 1874 In Schweden blühen die Linden spät und spärlich . Ich schicke Dir ein Specimen , wie es eben hier vorkommt , im Stockholmer Tiergarten gepflückt , von wo ich soeben zurückkomme . Man fährt hier viel auf Dampfschiffen , die , omnibusartig , fortwährend herüber und hinüber fahren , und zwar für einen sehr geringen Preis . Das Wetter ist heute weniger schlecht , obgleich ich den ganzen Spaziergang mit aufgespanntem Regenschirm gemacht habe . Da ich mit Hilfe eines von mir aufgetriebenen Kommissionärs mehr habe sehen können , bin ich heute auch zufriedener gewesen als gestern . Ich war im Schloß , wo sich vorzügliche Gobelins befinden ; eine bessere Dekoration als selbst Bilder , wenn sie von solcher Schönheit sind wie hier . Natürlich alle französisch . Danach die Synagoge gesehen ; maurisch , sehr originell . Alle hier befindliche Statuen , die Gustav Wasas , Gustav Adolfs , Karls XII. usw. ( einige davon von Molin und Byström ) sind gut . Das skandinavische Museum genau betrachtet . Ein Konservator führte verschiedene Kongreßmitglieder , denen ich mich anschloß ; das Waffenmuseum , die Kostüme der schwedischen Könige und Königinnen , das Antikenkabinett , – in allen sehr interessante Sachen . Im » Tiergarten « das Schloß Rosendal gesehen . Sehr alt ist hier nichts , jedoch finden sich immer Einzelheiten , an denen man lernen kann . Die Vergnügungslokale sind teilweise im Alhambrastil ; dasselbe gilt vom Tivoli in Kopenhagen , in dem sich sogar ein sehr schönes chinesisches Theater befindet . Den Vorhang desselben bildet ein chinesischer Pfau , mit ausgebreitetem Schweif . Das Thorwaldsen-Museum , außen bemalt , hat Anklänge ans Altägyptische ; der gemalte Fries aber befindet sich unten , parterre , auf schwarzem Grunde . Drinnen auch viel schwarze Farbe . Drei Indianer fuhren auf dem Schiff von Kopenhagen nach Malmö mit uns ; sie wurden viel angestaunt . Virchow und Kuhn getroffen . Virchow hatte für mich ein Zimmer im Kung Karl bestellt , was ich leider nicht wußte . Tut mir jetzt leid , ihn nicht vorher in Berlin aufgesucht zu haben . Zur feierlichen , auf morgen angesetzten Eröffnung des Kongresses weiße Krawatte gekauft , die ich ohnehin nötig hatte , weil uns die Stadt Stockholm morgen abend ein Bankett gibt . Meine Einladung trägt die Nummer achthundertneunundachtzig . Übersicht über Stockholm heute morgen vom höchsten Punkt aus genossen . Zum Seebaden hier keine Gelegenheit . Die Bäder befinden sich im Mälarsee . Ich hoffe , es geht Euch wohl . Wie immer Dein W. G. Stockholm , 11. August 1874 Seit meinem letzten Briefe vieles erlebt , so daß ich nicht zum Schreiben kam , Lehr- und Genußreiches , auch manches Langweilige . Soeben komme ich von Upsala zurück . Eine Meile über Upsala hinaus , auf dem Odinshügel , werde ich wohl den nördlichsten Punkt auf meiner Erdenlaufbahn erreicht haben . Die Partie war wunderbar . Die Regierung stellte dem Kongreß einen großen Extra-Eisenbahnzug zur unentgeltlichen Verfügung ; morgens sieben Uhr ging ' s fort und um neuneinhalb Uhr hatten wir den Odinshügel erreicht , den man für uns hatte aufgraben lassen . Drei fast gleiche Hügel , pyramidenartig , liegen nebeneinander , von denen der größte dazu bestimmt war , durchsucht zu werden . Eine wahre Völkerwanderung zeigte sich ; meilenweit mußten die Leute herbeigekommen sein , um die Fremden zu sehen . Zur Erquickung reichten uns die Studenten , nach altnordischer Sitte , Met in großen Büffelhörnern . In Upsala selbst empfing uns das Musikchor des Militärs auf der einen Seite , auf der anderen Seite die Musikkapelle der sechzehnhundert Studenten umfassenden Studentenschaft ; alles in großer Gala , mit rotseidenen Schärpen , weißen Mützen und vielen Fahnen . Ganz Upsala war in Festkleidern auf den Beinen und bildete eine unabsehbare Chaine . Dazwischen Gesangchöre . Die Fahnen voran , ging ' s , in langem Pilgerzuge , nach der Carolina rediviva , in Zug , an dem Deutsche , Oesterreicher , Ungarn , Belgier , Brasilianer , Dänen , Finnen , Franzosen , Engländer , Italiener , Norweger , Portugiesen , Niederländer , Russen , Schweizer und Nordamerikaner teilnahmen . Im Park des Botanischen Gartens wurde halt gemacht , und uns , unter aufgepflanzten Fahnen , ein prachtvolles Mahl von der Stadt geboten . Die mit den schönsten Speisen reich besetzten Tische standen , in fast unabsehbarer Reihe , mit den seltensten Blumen geziert , die weiten Alleen des Parks hinauf . Doch ehe man sich zur Tafel niedersetzte , trat jeder zu der hier in der Nähe befindlichen Statue Linnés heran , die für heute mit einem grünen Lorbeerkranze geschmückt war ( der Kopf hat einen sehr einnehmenden Ausdruck ) , um den Hut davor abzunehmen . Studenten bedienten die Tafeln . Der hungrigste und durstigste Magen konnte hier seine Rechnung finden . Dann wurden die Sammlungen und dann der Dom usw. besehen . Bei der Abfahrt wieder Gesang und Musik und nicht endenwollende Hurras . Auf der Hinfahrt saß ich mit Virchow , von Quast , Prof. Massenbach usw. zusammen , auf der Rückfahrt mit dem dänischen Kultusminister Worsaae , einem ausgezeichneten Archäologen . Er erzählte mir , daß er dem Kronprinzen im vorigen Jahre die Kopenhagener Sammlungen gezeigt habe . Mit im Coupé befand sich auch Prof. Hartmann mit seiner Braut und deren Mutter . Überhaupt , es waren wohl hundert Damen mit dabei ; im Kongreß selbst sitzen ihrer dreißig , einige sehr gelehrte darunter . Das Fest , das uns die Stadt Stockholm in Hasselboken , einem schönen Ort im Tiergarten , gegeben , war auch sehr brillant und endete mit Feuerwerk und bengalischer Beleuchtung . Dort war ich mit Dr. Mannhardt , der die besten nordischen Mythologien geschrieben hat , außerdem mit dem Grafen Sierakowsky , der eben aus Indien und Tibet kam , und vielen andern zusammen . Dieses Fest in Hasselboken fand nach Schluß der Eröffnungsitzung des Kongresses statt , während welcher Sitzung es stürmte und regnete . Bei Beginn des Festes aber zeigte der Himmel wieder eine heitere Miene . Gestern war eine interessante Kongreßsitzung , der der König beiwohnte . Der König – ein Gelehrter und Dichter ; sein Vorgänger , Karl XV. , war ein ganz tüchtiger Maler – kam gerade zu einer heftigen Diskussion , in die sich Virchow und de Quatrefages , der größte französische Anthropologe , verwickelt hatten , eine Diskussion , aus der Virchow als Sieger hervorging , obgleich der andere ( es darf im Kongresse nur französisch gesprochen werden ) die Sprache für sich hatte . Ich saß übrigens ganz nahe beim König , ein Herr von großer , stattlicher Erscheinung . Auch die Rednertribüne hatte ich ganz in der Nähe , so daß ich alles verstehen konnte . Die Sitzungen finden im alten Rittersaale statt , der mit den Wappen der ganzen schwedischen Aristokratie geschmückt ist . In dem Kunst-Museum hat mich der Direktor Bocklund herumgeführt ; die andern Museen habe ich mir von Fachgelehrten erklären lassen . Für die Kongreßmitglieder sind alle Kustoden angewiesen , die Schränke zu öffnen , zu erklären usw. Geheimrath von Quast war sehr liebenswürdig . Er sagte mir , daß er meine Briefe aus Jerusalem mit großem Interesse gelesen hätte ; sein Sohn ( der spätere Abgeordnete und Landrat des Ruppiner Kreises ) war vorigen Winter mit seiner Frau in Cairo der Kur wegen . Stockholm kenne ich nun schon fast auswendig . Ich habe auch Herrn Hammer , der eine der größten Privatsammlungen in jeglicher Art besitzt , besucht ; er hat mich selbst eine Stunde herumgeführt . Sein Haus hat dem berühmten schwedischen Bildhauer Byström gehört ; es ist sehr originell gebaut ; der Besitzer führte mich in fast alle Winkel . Er scheint der reichste Mann hier zu sein ... Ich würde abreisen , wenn nicht noch diverse Festeinladungen bevorständen . Zum Baden gibt es hier leider keine Gelegenheit . Professor Petermann , früher Konsul in Jerusalem , will auch auf acht Tage nach Swinemünde gehen . Der Strand ist dort jedenfalls sehr gut , besser als ich ihn bis jetzt irgendwo gesehen . Wie immer Dein W. G. Stockholm , 12. August 1874 Da ich kein Papier mehr zum Schreiben habe , so nimm mit der Rückseite dieses Programms fürlieb ... Nachdem wir im Kongreß , durch die Steinzeit hindurch , bei der Bronzezeit angelangt sind , will ich nun auch die Eisenzeit mit durchmachen . Eigentlich wollte ich übermorgen abreisen . Morgen holt der König uns auf vielen kleinen Dampfschiffen ab , um mit uns , erst nach der Insel Björkoe und dann nach Schloß Gripsholm zu fahren . Am Sonnabend , so heißt es , würde er uns nach Schloß Kroningsholm , dem Versailles von Stockholm , zum Abendtisch einladen . Geschieht das , so werde ich erst Sonntagabend abreisen können . Heute morgen waren der König und die Königin wieder in der Sitzung . Virchow führte gerade den Vorsitz und hatte sie zu begrüßen . Ich war wieder ganz vorn placiert . Die Königin hat einen klugen Ausdruck . Heute über Mittag habe ich nochmals die Museen durchlaufen . Zu Abend habe ich von Bocklund , Direktor der Akademie , eine Einladung erhalten . Konzerte hört man hier täglich wenigstens dreimal . Originelles zu kaufen aber gibt es hier nicht , mit Ausnahme norwegischer Schmucksachen , die zu teuer sind . Seine kulinarischen Kenntnisse kann man hier durch allerlei Fischarten , Renntierschinken usw. bereichern . Während der Eisenbahnfahrt setzte sich gestern auf den Waggon , in dem ich saß , eine Krähe , die sich gegen den Stock eines Herrn , der sie necken wollte , wehrte . Alle Fremden , zumal auch Deutsche , sind von Stockholm entzückt ; sie kennen aber meistenteils den Süden nicht . In Florenz oder Rom findet man doch anderes und im ganzen genommen Erbaulicheres und Belehrenderes . Die Menschen scheinen hier freilich sehr brav zu sein ; von Bettelei merkt man nichts . Geh nur immer nach Swinemünde . Der Unterschied von anderen Seebädern scheint mir wirklich gering zu sein . Lebe wohl . W. G. Stockholm , 14. August 1874 Gestern war ein anstrengender Tag . Kaltes Wetter , Regen , abends wieder heiterer Himmel . Um neun Uhr morgens holte der König in vier Dampfschiffen den Kongreß ab ; drei Stunden dauerte die Fahrt auf dem Mälarsee bis nach Björkoe , wo die Ausgrabungen der vor etwa 1000 Jahren verschwundenen Stadt stattfanden . In den Laufgräben , die gezogen waren , um die Ausgrabungsschichten näher betrachten zu können , sammelten die Fachleute unzählige Knochen ; einige waren auch so glücklich , solche zu finden , in die Runen eingraviert waren . Der König amüsierte sich , immer voran in die Gräben zu klettern und den ihm zunächst Stehenden » prähistorische Beefsteaks « , wie er sich ausdrückte , zu reichen . Das Frühstück wurde verabreicht auf dem höchsten Granitplateau , wo ein Kreuz errichtet stand , zum Andenken an den heiligen Ansgar , der in Schweden hier zuerst das Christentum predigte . Unzählige Landleute waren von den anliegenden Inseln herbeigekommen . Von allen Landsitzen , wo wir vorüberfuhren , Kanonenschüsse : abends bei der Rückkehr waren alle Fenster , selbst die kleiner Hütten erleuchtet ; Raketen stiegen in die Luft , manche Schlösser standen in rot und grünem bengalischen Feuer , dazu der weiße Rauch der Kanonenschüsse zwischen dem dunkelgrünen Laub der einsamen Wälder – alles erhöhte die Stimmung der in schwedischem Punsch schwelgenden Gesellschaft . Das Hurrarufen , das Tücherschwenken endete erst bei der Rückkehr abends zehn Uhr in Stockholm . Von Björkoe bis Gripsholm war auch noch eine Tour von anderthalb Stunden . Im Park desselben ward wieder ein großartiges Diner eingenommen , während ein Regenschauer in aller Gemütlichkeit die Tische und Gäste überfiel . Das Schloß ward besehen : große historische Porträtgalerie . Aus der Gesellschaft von Bocklund kam ich erst um 1 Uhr nachts nach Hause . Von sieben Uhr an bis ein Uhr nur gegessen und getrunken in allen möglichen Formen . Bocklunds Frau eine sehr schöne Frau ; die sieben Kinder reizend . Der Junge , in Ismaels Alter , heißt Iwar , das Mirjam entsprechende Mädchen Isarja ; sie ist sehr lebhaft und graziös . Die Kinder wurden alle in einer Reihe aufgestellt und mußten den Gästen ein schwedisches Hurra , schwedisch » rha , rha , rha « , bringen , was sehr reizend war . Isabella , Blenda , Harold usw. heißen die andern . Heute das skandinavische Museum besucht ; das wäre was für die Kinder . In Wachs nachgebildete Lappen auf Renntierschlitten , ausgestopfte Renntiere , die dazu gehörige Eis- und Schneelandschaft an die Wände gemalt ; ganze Stuben mit Menschen und Gerätschaften hierher geschafft . Dalekarlierinnen in Nationaltracht zeigten uns diese Merkwürdigkeiten . Morgen sind wir zum König geladen ; abends sieben Uhr . Heute will ich noch nach Ulriksdal . Leb ' wohl . W. G. Stockholm , 16. August 1874 Mein Koffer ist gepackt ; in einer Stunde werde ich abreisen . Die Coupés werden sehr besetzt sein , doch reisen einige nach andern Richtungen , so Hartmann und Mannhardt nach Norwegen , Virchow nach Finnland . Soeben besah ich noch die Hammersche Sammlung in der Stadt ; sie ist größer als unser Gewerbemuseum . In Ulriksdal waren prachtvoll geschnitzte Möbel und Porzellansachen ( die schönsten , die ich gesehen ) und einige Bilder zu bewundern . Das Fest , das uns gestern abend der König auf Schloß Kroningsholm gab , war außerordentlich schön . Schlimm fing es freilich an : bei strömendem Regen war nur mit größter Mühe eine Droschke bis zum Dampfschiff zu bekommen . Vier Dampfer hatte der König geschickt ; der meinige hieß » Garibaldi « . Mit Regenschirmen gingen wir ins Schloß , am Portal von schmetternder Musik empfangen . Bei prachtvoller Illumination war der Aufgang , die Treppen hinauf , sehr großartig . Durch alle Zimmer des oberen Stockwerks , mit Bildern , Gobelins und andern Kostbarkeiten geschmückt , gings bis in den großen Empfangssaal , wo alle Monarchen Europas abgebildet hingen . Ich gehörte zu den zuerst Angekommenen , so daß ich mich in die Nähe der schönsten schwedischen Damenwelt placieren konnte . Der König ( in Zivil ) hielt dann mit der Königin und der Königin-Witwe seinen Einzug . Letztere war mit Diamanten förmlich überdeckt , eine alte Dame , die sich die größte Mühe gab , ganz besonders liebenswürdig zu erscheinen . Sie kam , da ich so günstig placiert war , gerade auf mich zu und sprach französisch mit mir . Als sie aber erfahren , daß ich aus Berlin sei , sagte sie : » Da können wir ja deutsch sprechen . « Die Königin hatte die schönste Toilette und sah sehr gut aus : gelbe Robe mit blauen Aufschlägen ( die schwedischen Farben ) . Sie trug einen enormen Diamant auf der Brust und Diamantsterne im Haar . Etwa eine Stunde dauerte die Unterhaltung , bei der natürlich die mit Sternen Übersäten am meisten bedacht wurden . Mit Virchow unterhielt sich die Königin besonders lange . Dann wurden wir ins Erdgeschoß geführt , der König mit der Königin-Witwe voran . Da waren alle Zimmer , eine unabsehbare Reihe , mit den schönsten Speisen und Getränken besetzt . Vor allem auch Eis , was not tat . Die höchsten Herrschaften blieben , auch während des Essens , mit ihren Gästen zusammen und die Unterhaltung setzte sich fort . Als wir aufbrachen , hatte sich das Wetter aufgeklärt und es bot sich uns ein zauberhaftes Schauspiel . Die Brücken über den Mälar waren erleuchtet , und die langen Feuerlinien spiegelten sich in dem dunklen Wasser ; der Dampf der Schornsteine unserer Schiffe wurde von den Flammen mit erhellt , schwedische Nationallieder erklangen , und die Böller- und Kanonenschüsse endeten erst in Stockholm , wo wir um Mitternacht ankamen . Raketen , Feuerräder und Leuchtkugeln hatten uns derartig umzischt und umknattert , daß wir mehr als einmal fürchteten , auf unserem Schiffe könne ein Unglück geschehen . Jedenfalls sahen wir , wie Raketen in kleine Boote fielen , so daß die Leute Mühe hatten , ihre Kleider zu löschen . Unter grün- und rot-bengalischem Licht , in dem alle Villen erstrahlten , kehrten wir nach Stockholm zurück . Auf baldiges Wiedersehn . Dein W. G. So W. Gentz ' Stockholmer Briefe , woran ich , ehe ich in einem Schlußkapitel in seiner Biographie fortfahre , die Mitteilung knüpfen möchte , daß sich Briefe verwandter Art in großer Zahl im Gentzschen Hause vorfinden . Der Gang seines Lebens bedingte dies . Alljährlich auf langen Reisen abwesend und immer in herzlichem Verkehr , erst mit dem elterlichen Hause , dann mit der eigenen Familie , mußten sich solche Briefschätze wie von selber zusammenfinden . Über den größeren oder geringeren Wert der einen oder an deren Gruppe habe ich kein Urteil , doch schienen mir diese aus weniger bereisten Gegenden stammenden Nordlandsbriefe vor anderen den Vorzug zu verdienen . V Des deutschen Kronprinzen Einzug in Jerusalem . Hildebrandtstraße 5. W. Gentz als Mensch und Künstler ( Von 1874 bis 1890 ) Sommer 1874 machte W. Gentz , wie wir in unserem vorigen Kapitel unter gleichzeitiger Mitteilung einer ganzen Anzahl an seine Frau gerichteter Briefe mitteilen durften , seine Stockholmer Reise , der ein kurzer Aufenthalt in Heringsdorf folgte . Zu Beginn des Herbstes war er in Berlin zurück und nahm hier die große Arbeit wieder auf , der er schon seit Jahr und Tag in erster Reihe seine Kräfte widmete : » Des deutschen Kronprinzen Einzug in Jerusalem . « Er beendete dies Bild 1876 , in welchem Jahre es auf der Berliner Ausstellung erschien und die große goldene Medaille erhielt . Es ist jetzt eine Zierde der Nationalgalerie , und sowohl um seines Stoffes wie um seiner künstlerischen Vorzüge willen der Aufmerksamkeit jedes Besuchers sicher . Auch ich , wenn ich desselben ansichtig werde , werde von der poetischen Schönheit des zur Darstellung gebrachten Momentes : des Einziehens unter Palmen , jedesmal ergriffen , kann dies Bild aber , so sehr ich es schätze , doch nicht zu W. Gentz ' vorzüglichsten oder vielleicht richtiger nicht zu den mir sympathischen Arbeiten zählen . Mir persönlich ist er als afrikanischer Landschafter am liebsten , und diejenigen seiner Bilder , die sich damit begnügen , in wunderbarem Gegensatze die Sterilität und zugleich die schöpferische Fülle der Tropengegend wiederzugeben , also Wüsten- und Wasserflächen , übervölkert von Flamingos und anderem weißgefiederten Volk , entzücken mich mehr , ja fast möchte ich sagen , heimeln mich mehr an . Seine Knabenwanderungen im Wustrauer Luch und am Molchowsee , die von früh an sein Auge schärften , haben ihn durch sein ganzes Leben hin das am tiefsten und eigenartigsten erfassen lassen , was ihn schon als Kind am tiefsten in seiner Künstlerseele berührte : melancholische Flächen und schwermutsvolle Stille . Herbst 1876 also erschien das Einzugsbild . In der Zeit , die seitdem vergangen ist , schuf er unverändert weiter und kein Jahr verging , ohne daß sein Talent und seine Schaffenslust sich nicht neu betätigt hätten . Aus dieser Fülle , die hinter der Epoche von 1857 bis 1874 nicht zurückbleibt , sei hier nur einiger weniger Bilder erwähnt : Ein Harem auf Reisen , Supraporte für das Pringsheimsche Haus ; eine Koranvorlesung ; ein Sonnenstreifen ( Straße in Algier ) ; Mirjam am Quell als Illustration zu Ebers ' Homo sum ; Marabustorch und Flamingos ; Abend am Nil ; Mameluckengräber bei Kairo ; Koptische Christen in den ersten Jahrhunderten , und eine große Zahl von Porträts , besonders Negerköpfe . Dazu gesellt sich eine lange Reihe von Illustrationen , unter denen die zu Georg Ebers ' großem Werk : » Ägypten in Wort und Bild « in erster Reihe stehen . Es sind ( fünfundvierzig an der Zahl ) fertige Feder- und Tuschzeichnungen , die auf Holz photographiert und dann geschnitten wurden . * Alle diese vorstehend aufgezählten Bilder , entstanden in dem der Künstlerwelt wohlbekannten Hildebrandtstraßen-Hause , das , wie schon hervorgehoben , im Jahre 1869 von W. Gentz erworben und , um sein eigenes Wort noch einmal zu zitieren , » orientalisiert « wurde . Diesem Hause wenden wir uns jetzt zu . Es besteht aus einem Souterrain , einem Erdgeschoß und einem ersten Stock ; im Souterrain befinden sich die Wirtschaftsräume , im ersten Stock die Ateliers von Vater und Sohn , im Erdgeschoß die Familien- und Repräsentationszimmer ,