Herr hat einen Unfall gehabt , ist mit dem Pferde gestürzt und hat sich den Fuß verrenkt . " " Stürzte das Pferd auf dem Wege nach Hay ? " " Ja , als es den Hügel herunterkam , glitt es auf dem Eise aus . " " Ah ! bringe ein Acht , Lea , willst Du ? " Lea brachte es . Mistreß Fairfax folgte ihr , welche die Nachricht wiederholte und hinzufügte , der Wundarzt Carter sei da und befinde sich jetzt bei Herrn Rochester . Dann eilte sie hinaus , um Befehle zur Bereitung des Thees zu geben , und ich ging die Treppe hinauf , um Mantel und Hut abzulegen . Dreizehntes Kapitel Auf Anordnung des Arztes ging Herr Rochester an jenem Abend früh zu Bette und stand am folgenden Morgen erst spät auf . Als er herunterkam , geschah es , um einige Geschäfte zu besorgen , denn sein Verwalter und einige von seinen Pächtern waren gekommen und warteten , um mit ihm zu reden . Adele und ich mußten jetzt das Bibliothekzimmer räumen , denn es wurde täglich zum Empfange von Leuten gebraucht , die in Geschäften mit ihm zu reden hatten . In einem Zimmer im ersten Stock wurde Feuer angebrannt , und dorthin trug ich unsere Bücher und richtete es zu unserm künftigen Schulzimmer ein . Im Laufe des Morgens bemerkte ich , daß Thornfield Hall ein ganz veränderter Ort geworden : nicht mehr still wie eine Kirche , wurde fast stündlich an die Thür geklopft oder die Glocke angezogen ; oft ertönten Fußtritte in der Vorhalle , und neue Stimmen sprachen unten in verschiedenen Tönen : die äußere Welt drang herein ; es hatte einen Herrn , und mir wenigstens gefiel es so besser . Adele war an dem Tage nicht zum Lernen geneigt : sie lief beständig zur Thür hinaus und blickte über das Treppengeländer , um zu sehen , ob sie Herrn Rochester nicht erblicken könne ; dann erfand sie einen Vorwand , die Treppe hinunterzugehen , um , wie ich vermuthete , die Bibliothek zu besuchen , wo man , wie sie wußte , ihrer nicht bedurfte . Als ich dann ein wenig ärgerlich wurde und sie zum Sitzen brachte , sprach sie beständig von ihrem Freunde Monsieur Edouard Fairfax de Rochester , wie sie ihn nannte , und erschöpfte sich in Muthmaßungen , welche Geschenke er ihr wohl mitgebracht haben möge ; denn er hatte am Abend vorher gesagt , wenn sein Gepäck von Millcote ankomme , werde sich eine kleine Schachtel darunter finden , deren Inhalt ihr interessant sein dürfte . " Das soll so viel heißen , " sagte sie , " daß ein Geschenk für mich darin ist , und vielleicht auch für Sie , Mademoiselle . Monsieur hat von Ihnen gesprochen , mich nach dem Namen meiner Gouvernante gefragt , und ob sie nicht eine kleine , zierliche und etwas blasse Person sei . Ich habe " Ja " gesagt , denn es ist so , nicht wahr , Mademoiselle ? " Ich und meine Schülerin speisten , wie gewöhnlich , in dem Zimmer der Mistreß Fairfax zu Mittag ; am Nachmittag herrschte ein Schneegestöber , und wir brachten ihn im Schulzimmer zu . Als es dunkel wurde , erlaubte ich Adelen , ihre Bücher und ihre Arbeit wegzulegen und die Treppe hinunterzulaufen ; denn da es jetzt unten verhältnismäßig still war , und nicht mehr an der Thür geklingelt wurde , so schloß ich daraus , daß Herr Rochester jetzt frei sei . Als ich allein war , ging ich zum Fenster , doch von dort war Nichts zu sehen : die Dämmerung und die Schneeflocken machten die Luft so dicht , daß ich nicht einmal die Gesträuche und den Rasenplatz erkennen konnte . Ich ließ den Vorhang nieder und kehrte zu den Kamin zurück . Aus den hellen Kohlen bildete sich mir eine Ansicht , nicht ungleich einem Gemälde , welches ich einst von dem Schlosse zu Heidelberg gesehen , als Mistreß Fairfax hereinkam , und durch ihren Eintritt die feurige Mosaikarbeit unterbrach , die ich zusammengestellt hatte , und dadurch einige schwere und unwillkommene Gedanken verbannte , die sich mir in meiner Einsamkeit aufdrängten . " Es würde Herrn Rochester lieb sein , wenn Sie und Ihre Schülerin diesen Abend mit ihm im Gesellschaftszimmer Thee trinken wollten , " sagte sie . " Er ist den ganzen Tag über so sehr beschäftigt gewesen , daß er Sie noch nicht früher hat zu sich rufen können . " " Wann ist seine Theezeit ? " fragte ich . " O ! um sechs Uhr : auf dem Lande ist Alles früh . Kleiden Sie sich lieber jetzt um ; ich will Ihnen helfen . Hier ist ein Licht . " " Ist es nöthig , meine Kleidung zu verändern ? " " Ja , es ist besser . Ziehen Sie sich immer zum Abend wenn Herr Rochester hier ist . " Diese Ceremonie schien mir etwas steif ; indessen begab ich mich in mein Zimmer und vertauschte mein schwarzes wollenes Kleid mit einem von schwarzer Seide ; dies war mein bestes Kleid mit Ausnahme eines hellgrauen , welches ich nach meinen von Lowood mitgebrachten Toilettenansichten für zu schön hielt , um es anders , als bei besonders feierlichen Gelegenheiten zu tragen . " Es fehlt noch eine Tuchnadel , " sagte Mistreß Fairfax . Ich hatte eine solche , die mit einer einzigen kleinen Perle verziert war , und die Miß Temple mir beim Abschiede zum Andenken gegeben . Ich steckte sie an , und dann gingen wie die Treppe hinunter . Da ich nicht an Fremde gewöhnt war , so war es eine schwere Aufgabe für mich , so förmlich aufgefordert , in Herrn Rochesters Gegenwart zu erscheinen . Ich ließ Mistreß Fairfax in das Speisezimmer vorangehen und hielt mich in ihrem Schatten , als wir die Schwelle überschritten , durch den Bogen gingen , dessen Vorhang jetzt niedergelassen war , und in das elegante Gemach traten . Zwei Wachslichte standen angezündet auf den Tischen und zwei auf dem Kamingesims . Pilot lag im Licht und in der Wärme eines prächtigen Feuers -- Adele kniete neben ihm . Herr Rochester befand sich in halb liegender Stellung auf einem Sopha , und sein Fuß ruhte auf einem Kissen . Er sah Adele und den Hund an , und das Feuer schien ihm voll ins Gesicht . Ich erkannte meinen Reisenden mit seinen breiten und schwarzen Augenbrauen und seiner eckigen Stirn , die durch die horizontale Richtung seines schwarzen Haares noch eckiger wurde . Ich erkannte seine entschiedene Nase , die sich mehr durch Charakter , als durch Schönheit auszeichnete ; seine weiten Nasenlöcher , die Zorn andeuteten , wie ich meinte ; seinen grimmigen Mund , Kinn und Unterkiefer -- ja , alle drei waren sehr grimmig , das konnte man nicht verkennen . Da er jetzt ohne Mantel war , so bemerkte ich , daß seine übrige Gestalt eben so eckig war , wie sein Gesicht . Ich vermuthe , es war eine gute athletische Gestalt mit breiter Brust und schmaler Taille , obgleich weder groß noch graziös . Herr Rochester mußte unsern Eintritt bemerkt haben ; doch schien er nicht in der Stimmung zu sein , uns zu beachten , denn er erhob seinen Kopf nicht , als wir uns näherten . " Hier ist Miß Eyre , Herr , " sagte Mistreß Fairfax auf ihre ruhige Welse . Er nickte , ohne jedoch seine Augen von der Gruppe des Hundes und Kindes abzuwenden . " Lassen Sie Miß Eyre niedersitzen , " sagte er , und es lag etwas in der erzwungenen und steifen Verbeugung , in dem ungeduldigen , und doch förmlichen Tone , was noch weiter zu sagen schien : " Was zum Henker liegt mir daran , ob Miß Eyre da ist oder nicht ? In diesem Augenblick bin ich nicht gestimmt , sie anzureden . " Ich setzte mich ganz ohne Verlegenheit nieder . Ein besonders höflicher Empfang würde mich wahrscheinlich verwirrt gemacht haben : ich hätte ihn nicht mit Anmuth und Eleganz erwidern können , aber die rauhe Laune legte mir keine Verpflichtung auf ; im Gegentheil gab mir bei dieser Grille ein anständiges Schweigen den Vortheil . Ueberdies war die Seltsamkeit des Benehmens interessant , und ich war begierig , zu sehen , welchen weiteren Verlauf die Sache nehmen werde . Er benahm sich wie eine Statue : das heißt , er sprach und regte sich nicht . Mistreß Fairfax schien es für nöthig zu halten , daß sich Jemand freundlich zeige , und begann zu reden . Freundlich , wie gewöhnlich -- und auch trivial , wie gewöhnlich - sprach sie ihr Bedauern über den Drang der Geschäfte an jenem Tage aus -- über die Last , die ihm derselbe in seiner gegenwärtigen Lage müsse verursacht haben , und rühmte dann seine Geduld und Beharrlichkeit , womit er diese Beschwerde ertragen . " Madame , ich möchte etwas Thee , " war die einzige Antwort , die sie erhielt . Sie eilte zu klingeln , und als das Geschirr hereinkam , ordnete sie die Tassen , Löffel u. s. w. mit geschäftiger Schnelligkeit . Ich und Adele gingen zu dem Tische hin , aber der Herr verließ sein Sopha nicht . " Wollen Sie Herrn Rochester die Tasse bringen ? " sagte Mistreß Fairfax zu mir ; " Adele möchte sie verschütten . " Ich that , wozu ich aufgefordert wurde . Als er mir die Tasse abnahm , hielt Adele den Augenblick für günstig , für mich eine Bitte zu wagen , und rief : " Nicht wahr , mein Freund , es ist auch ein Geschenk für Mademoiselle Eyre in Ihrem kleinen Koffer ? " " Wer spricht von Geschenken ? sagte er mürrisch . " Erwarteten Sie ein Geschenk , Miß Eyre ? Lieben Sie Geschenke ? " Und er prüfte mein Gesicht mit Augen , die dunkel , zornig und durchdringend waren . " Ich weis es kaum , mein Herr ; ich habe wenig Erfahrung darin ; aber gewöhnlich hält man sie für angenehm . " " Gewöhnlich ! aber wofür halten Sie sie ? " " Es würde mir lieb sein , mein Herr , wenn ich Zeit hätte , um Ihnen eine genügende Antwort zu geben . Ein , Geschenk läßt sich aus sehr vielen Gesichtspunkten ansehen , nicht wahr ? Und man sollte vorher Alles bedenken , ehe man eine Ansicht darüber ausspräche . " " Miß Eyre , Sie sind nicht so unbefangen , wie Adele : in dem Augenblick , wo sie mich sieht , verlangt sie laut ein Geschenk ; aber Sie schlagen auf den Busch . " Weil ich weniger Vertrauen zu meinen Verdiensten hege , als Adele : sie kann den Anspruch auf alte Bekanntschaft und das Recht der Gewohnheit geltend machen ; denn sie sagt , Sie haben ihr stets Spielsachen gebracht ; aber wenn ich einen Grund ausfindig machen sollte , so würde ich in Verlegenheit kommen , denn ich bin eine Fremde und habe Nichts gethan , was mich zu der Erwartung eines Geschenkes berechtigen könnte . " " O ! fallen Sie nicht zur übergroßen Bescheidenheit zurück ! Ich habe Adele examinirt und finde , das Sie sich viele Mühe mir ihr gegeben haben : sie hat keine glänzenden Fähigkeiten , keine Talente , und doch hat sie in kurzer Zeit viel gelernt . " " Mein Herr , Sie haben mir jetzt mein Geschenk gegeben , und ich bin Ihnen verbunden : das Lob der Fortschritte ihrer Zöglinge ist das , wonach die Lehrer am meisten streben . " " Hm ! " sagte Herr Rochester und trank schweigend seinen Thee . " Kommen Sie zum Feuer , " sagte der Herr , als das Theegeschirr weggenommen war und Mistreß Fairfax sich in eine Ecke gesetzt hatte , um zu stricken , während Adele mich bei der Hand im Zimmer herumführte , um mir die schönen Bücher und Zierrathen zu zeigen , die auf den Möbeln und Gesimsen lagen und standen . Wir gehorchten pflichtmäßig : Adele wollte sich auf meinen Schooß setzen , doch erhielt sie Befehl , sich mit Pilot zu unterhalten . " Sie sind erst drei Monate in meinem Hause ? " " Ja , mein Herr . " " Und kommen von ? " " Aus der Schule zu Lowood in der Grafschaft N. " " Ah ! eine milde Stiftung . -- Wie lange waren Sie dort ? ! " Acht Jahre . " " Acht Jahre ! Da müssen Sie ein zähes Leben haben . Ich hätte gedacht , die Hälfte der Zeit müßte auch die beste Constitution zu Grunde richten ! Kein Wunder auch , daß Sie aussehen , als kämen Sie aus der andern Welt . Es wunderte mich schon , wo Sie diese Art von Gesicht her hätten . Als Sie gestern Abend auf dem Heckenwege zu mir kamen , dachte ich unwillkürlich an Feenmährchen und war halb Willens zu fragen , ob Sie mein Pferd behext hätten : auch ist mir die Sache jetzt noch nicht klar . Wer find Ihre Eltern ? " " Ich habe keine . " " Auch nie welche gehabt , vermuthlich . Erinnern Sie sich ihrer ? " " Nein . " " Ich dachte es mir . Und Sie warteten auf Ihre Leute , als Sie auf dem Stege saßen ? " " Auf wen , mein Herr ? " Auf die grünen Männer . Es war ein passender Mondscheinabend für sie . Durchbrach ich einen Ihrer Kreise , daß Sie jenes verdammte Eis über den Weg ausbreiteten ? " Ich schüttelte den Kopf . " Die grünen Männer verließen England schon vor hundert Jahren , " sagte ich eben so ernst wie er , " und weder in Hay Lane noch auf den Feldern umher dürfte sich eine Spur von ihnen finden . Ich denke , weder im Sommer noch im Herbst und Winter wird der Mond je mehr zu ihren Lustbarkeiten scheinen . " Mistreß Fairfax hatte ihr Strickzeug sinken lassen , erhob ihre Augenbrauen , und schien sich über unser Gespräch zu wundern . " Nun , " fuhr Herr Rochester fort , " wenn Sie auch keine Eltern haben , so werden Sie doch irgend eine Art von Verwandten , Oheime oder Tanten haben ? " " Nein , keine , die ich je gesehen . " " Und ihre Heimath ? " " Ich habe keine . " " Wo wohnen Ihre Brüder und Schwestern ? " " Ich habe keine Brüder oder Schwestern . " " Wer empfahl Sie hierher ? " " Ich machte eine Anzeige in der Zeitung , und Mistreß Fairfax antwortete auf meine Anzeige . " " Ja , " sagte die gute Dame , die jetzt wußte , um was es sich handelte , " und ich bin täglich dankbar für die Wahl , zu der die Vorsehung mich führte . Miß Eyre ist eine unschätzbare Gesellschafterin für mich , und eine freundliche und sorgsame Lehrerin für Adele gewesen . " " Bemühen Sie sich nicht , Ihr Urtheil über sie auszusprechen : Lobsprüche werden mich nicht zu einer Ansicht bestimmen , ich werde selber urtheilen . Sie begann damit , zu machen , daß mein Pferd stürzte . " Mein Herr ! " sagte Mistreß Fairfax . " Ich habe ihr diese Verrenkung zu danken . " Die Wittwe sah ganz verwirrt aus . " Miß Eyre , haben Sie je in einer Stadt gelebt ? " " Nein , Herr . " " Haben Sie viel Gesellschaft um sich gesehen ? " " Keine , als die Zöglinge und Lehrerinnen zu Lowood , und jetzt die Hausgenossen in Thornfield . " " Haben Sie viel gelesen ? " " Nur solche Bücher , die mir in die Hand kamen , und sie waren weder zahlreich noch sehr gelehrt . " " Sie haben das Leben einer Nonne geführt . Ohne Zweifel sind Sie in allen religiösen Formen bewandert -- Brocklehurst , der , wie ich höre , die Schule zu Lowood dirigirt , ist ein Geistlicher , nicht wahr ? " " Ja , Herr . " " Und Ihr Mädchen verehrtet ihn , wie ein Kloster voll Nonnen ihren Beichtvater verehrt ? " " O nein . " " Sie sind sehr kalt ! Nein ! Wie ? eine Novize verehrt ihren Priester nicht ? Das klingt gotteslästerlich . " " Mir mißfiel Herr Brocklehurst , und ich hegte dieses Gefühl nicht allein . Er ist ein rauher Mann ; obgleich pomphaft , mischt er sich doch in alle Kleinigkeiten . Er ließ uns das Haar abschneiden , und kaufte uns aus Sparsamkeit schlechte Nadeln und Zwirn , womit wir kaum nähen konnten . " " Das war eine sehr falsche Sparsamkeit , " bemerkte Mistreß Fairfax , die sich jetzt wieder in das Gespräch mischte . " Und war das die ganze Summe seiner Vergehungen ? " fragte Herr Rochester . " Er ließ uns hungern , als er noch die alleinige Oberaufsicht über die Beköstigung hatte , ehe das Comité eingesetzt wurde , und langweilte uns einmal in der Woche mit stundenlangen Strafpredigten und Abendvorlesungen aus Büchern , die er selbst herausgegeben , von plötzlichen Todesfällen und Gerichten des Himmels , so daß wir uns fürchteten , zu Bette zu gehen . " " In welchem Alter waren Sie , als Sie nach Lowood kamen ? ' " Im zehnten Jahre . " " Und Sie blieben acht Jahre dort ; so sind Sie also jetzt achtzehn ? " Ich bejahte es . " Die Rechenkunst ist nützlich , wie Sie sehen , ohne ihre Hülfe wäre ich kaum im Stande gewesen , Ihr Alter zu errathen . Es ist schwer zu bestimmen , wo das Gesicht und der Ausdruck so abweichend erscheinen , wie bei Ihnen . Und nun , was lernten Sie in Lowood ? Spielen Sie Klavier ? " " Ein wenig . " " Natürlich , das ist die hergebrachte Antwort . Gehen Sie in das Bibliothekzimmer -- ich meine , wenn es Ihnen gefällig ist . -- Entschuldigen Sie meinen befehlenden Ton ; ich bin gewohnt zu sagen : Thue dies , und es wird gethan . Ich kann wegen einer neuen Hausgenossin meine Gewohnheiten nicht ändern . -- Gehen Sie also in das Bibliothekzimmer ; nehmen Sie ein Licht mit , lassen Sie die Thur offen , setzen Sie sich an das Clavier und spielen ein Stück . Ich ging und gehorchte seiner Anweisung . " Genug ! " rief er nach wenigen Minuten . " Ich höre , Sie spielen ein wenig , gleich jedem andern englischen Schulmädchen : vielleicht besser , als Manche , aber nicht gut . " Ich machte das Clavier zu und kehrte zurück . Herr Rochester fuhr fort : " Adele zeigte mir diesen Morgen einige Zeichnungen , die , wie sie sagte , Ihnen gehören . Ich weiß nicht , ob sie ganz von Ihnen sind , oder ob ein Lehrer Ihnen dabei geholfen . " O nein ! " fiel ich ein . " Ah ! das verwundet den Stolz . Nun , so holen Sie mir Ihre Zeichenmappe , wenn Sie dafür einstehen können , daß sie nur Originale enthält ; aber geben Sie Ihr Wort nicht , wenn Sie dessen nicht gewiß sind : ich verstehe Flickwerk zu unterscheiden . " " Da will ich Nichts sagen , und Sie sollen selber urtheilen , mein Herr . " Ich holte die Mappe aus der Bibliothek . " Ziehen Sie den Tisch heran , " sagte er , und ich rollte ihn vor sein Sopha . Adele und Mistreß Fairfax kamen auch heran , um die Bilder zu sehen . " Kein Gedränge , " sagte Herr Rochester ; " Sie können die Zeichnungen aus meiner Hand erhalten , wenn ich sie angesehen habe , sie aber nicht zugleich mit mir betrachten . " Er betrachtete jede Zeichnung und Malerei bedächtig . Drei hatte er auf die Seite gelegt , und als er die andern ebenfalls angesehen , warf er sie von sich . " Nehmen Sie sie zu dem andern Tische hin , Mistreß Fairfax , sagte er , " und betrachten Sie sie mit Adele . -- " Sie , " fuhr er mich anblickend fort , " nehmen Ihren Sitz wieder ein und beantworten meine Fragen . Ich bemerke , daß diese Bilder von einer einzigen Hand herrühren : war es Ihre Hand ? " " Ja . " " Und wann fanden Sie Zeit dazu ? Sie müssen Ihnen viel Zeit und einiges Nachdenken gekostet haben . " " Ich zeichnete und malte sie während der beiden letzten Ferien , die ich in Lowood zubrachte , als ich keine andere Beschäftigung hatte . " " Wornach zeichneten Sie Ihre Copieen ? " " Aus dem Kopfe . " " Aus diesem Kopfe , den ich jetzt auf Ihren Schultern sehe ? " " Ja , Herr . " " Enthält er noch andern Stoff von derselben Art ? " " Ich sollte es denken , und hoffe , noch bessern . " Er breitete die Bilder vor sich aus und betrachtete sie abwechselnd noch einmal . Während er so beschäftigt ist , lieber Leser , will ich Dir sagen , worin sie bestehen , und zuerst muß ich vorausschicken , daß sie nichts Wunderbares enthalten . Die Gegenstände hatten sich freilich lebhaft vor meinem Geiste erhoben . Als ich sie mit meinem geistigen Auge sah , ehe ich sie zu verkörpern wagte , waren sie imposant ; aber meine Hand vermochte nicht , meiner Phantasie zu folgen , und jedesmal brachte sie nur ein bleiches Portrait von dem hervor , was ich mir vorgestellt hatte . Diese Bilder waren in Wasserfarben gemalt . Das erste stellte niedrige und bleifarbige Wolken dar , die über eine hochwogende See hinrollten : die ganze Ferne war verdunkelt ; so auch der Vordergrund oder vielmehr die nächsten Wogen , denn es war kein Land zu sehen . Ein Lichtschimmer zeigte einen halb untergetauchten Mastbaum , auf dem ein großer schwarzer Seerabe fass , dessen Flügel mit Schaum bespritzt waren ; in seinem Schnabel hielt er ein goldenes , mit Edelsteinen besetztes Armband , welches ich mit so glänzenden Farben gemalt , als meine Palette sie gewährte , und welches ich in so schimmernder Deutlichkeit hingestellt hatte , als mein Pinsel es vermochte . Unter dem Vogel und dem Mast schimmerte durch das grüne Wasser eine ertrunkene Leiche ; ein weißer Arm war das einzige deutlich sichtbare Glied , von welchem das Armband abgespült oder abgerissen worden . Das zweite Bild enthielt als Vordergrund nur die düstere Spitze eines Hügels mit Gras und einigen Blättern , die wie vom Winde gebogen wurden . Jenseits und oben breitete sich die Wölbung des Himmels aus , dunkelblau wie beim Zwielicht : am Himmel erhob sich die Büste einer weiblichen Gestalt , die ich mit so matten und luftigen Farben gemalt hatte , als ich zu mischen vermochte . Die nebelartige Stirn krönte ein Stern ; die Züge des Gesichtes zeigten sich nur durch einen Nebel ; die Augen erschienen dunkel und wild ; das Haar floß schattenartig dahin , gleich einer unbestrahlten Wolke , vom Sturm oder von electrischer Kraft zerrissen . Auf dem Halse ruhte ein blasser Widerschein , wie vom Mond licht ; derselbe matte Schimmer berührte die dünnen Wolkenstreifen , aus welcher sich diese Erscheinung des Abendsternes erhob . Das dritte Bild zeigte die Kuppe eines Eisberges , der den winterlichen Himmel am Nordpol durchbrach : eine Reihe von Nordlichtern streckte ihre undeutlichen , aber dicht gedrängten Lanzen am Horizont empor . Dieses Alles in die Ferne zurückdrängend , erhob sich im Vordergrunde ein Haupt -- ein kolossales Haupt , welches sich zu dem Eisberge neigte und an demselben ruhte . Zwei dünne Hände , unter der Stirn gefaltet und sie stützend , zogen einen schwarzen Schleier vor die unteren Züge des Gesichts ; eine völlig blutloß Stirn , so weiß wie Elfenbein , und ein hohles und starres Auge , in dessen gläsernem Ausdruck sich nur Verzweiflung zu erkennen gab , waren allein sichtbar . Ueber den Schläfen unter schwarzen Turbanfalten , so unbestimmt und undeutlich in ihrem Charakter , wie eine Wolke , schimmerte ein Ring von weisen Flammen mit Funken wie mit Edelsteinen besetzt , die eine dunklere Färbung hatten . Dieser blasse Halbmond war das Abbild einer Königskrone . " Waren Sie glücklich , als Sie diese Bilder malten ? " fragte Herr Rochester sogleich . " Ich war in Gedanken versenkt , mein Herr ; ja , und ich war auch glücklich . Kurz , bei dem Malen derselben empfand ich ein so lebhaftes Vergnügen , wie nur je in meinem Leben . " " Das ist nicht viel gesagt . Ihrer Freuden waren nach Ihrem eigenen Berichte sehr wenige ; doch ich möchte behaupten , Sie waren in dem Lande künstlerischer Träume , während Sie diese seltsamen Farben mischten und ordneten . Saßen Sie jeden Tag lange dabei ? " " Ich hatte sonst Nichts zu thun , weil wir Ferien hatten , und ich saß vom Morgen bis Mittag und vom Mittag bis Abend dabei , und die langen Sommertage begünstigten meine Neigung . " " Und Sie waren zufrieden mit dem Erfolge Ihrer anstrengenden Arbeiten ? " " Weit entfernt . Der Contrast zwischen meiner Idee und dem Werke meiner Hände quälte mich : in jedem dieser Fälle hatte ich mir etwas vorgesetzt , was ich zu verwirklichen nicht im Stande war . " " Es ist Ihnen doch nicht ganz mißlungen -- Sie haben den Schatten Ihres Gedankens gesichert ; aber wahrscheinlich weiter Nichts . Sie besaßen nicht genug von der Geschicklichkeit und Wissenschaft des Künstlers , um ihm vollständiges Dasein zu geben ; doch die Zeichnungen sind für ein Schulmädchen eigenthümlich . Die Gedanken sind feenhaft . Diese Augen in dem Abendstern müssen Sie in einem Traum gesehen haben . Wie konnten Sie machen , daß sie klar und doch durchaus nicht glänzend aussahen ? Denn der Planet drohen dämpft ihre Strahlen . Und welche Bedeutung liegt in ihrer feierlichen Tiefe ! Und wer lehrte Sie , den Wind zu malen ? Da weht ein heftiger Sturm unter diesem Himmel und über jene Hügel dahin . Wo sahen Sie Latmos ? Denn das ist Latmos . Da -- legen Sie die Zeichnungen weg ! " Kaum hatte ich die Mappe zugebunden , als er nach der Uhr sah und plötzlich sagte : " Es ist neun Uhr : was denken Sie , Miß Eyre , daß Sie Adele so lange aufbleiben lassen ? Bringen Sie sie zu Bette . " Adele kam , ihn zu küssen , ehe sie das Zimmer verlies . Er duldete ihre Lieblosung , doch schien er sich kaum mehr daran zu erfreuen , als Pilot würde gethan haben , oder noch nicht einmal so sehr . " Ich wünsche Ihnen Allen jetzt eine gute Nacht , " sagte er , eine Bewegung mit der Hand nach der Thür machend , zum Zeichen , daß er unserer Gesellschaft müde sei und uns zu entlassen wünsche . Mistreß Fairfax legte ihr Strickzeug zusammen , ich nahm meine Mappe , wir verneigten uns gegen ihn , wogegen wir eine kalte Verbeugung von ihm erhielten , und so entfernten wir uns . " Sie sagten , Herr Rochester hätte nichts besonders Eigenthümliches an sich , Mistreß Fairfax , " sagte ich , nachdem ich Adele zu Bette gebracht hatte , und wieder in ihr Zimmer zurückgekehrt war . " Nun , ist es denn der Fall ? " " Ich denke es : er ist sehr veränderlich und spricht so abgebrochen . " " Es ist wahr ; ohne Zweifel muß er einer Fremden so erscheinen ; doch ich habe mich so an sein Wesen gewöhnt , daß ich nie daran denke ; und dann , wenn er ein eigenthümliches Temperament hat , so muß man ihm etwas zu Gute halten . " " Warum ? " " Weil es in seiner Natur liegt , und Niemand seine Natur ändern kann ; und zum Theil , weil er ohne Zweifel von schmerzlichen Gedanken gequält wird , die seine Stimmung ungleich machen . " " Weshalb denn ? " " Eines Theils Familiensorgen . " " Aber er hat ja keine Familie . " " Nicht jetzt ; aber er hatte sie doch -- oder wenigstens Verwandte . Er verlor erst vor wenigen Jahren seinen älteren Bruder . " " Seinen älteren Bruder ? " " Ja . Der gegenwärtige Herr Rochester ist noch nicht lange im Besitz des Vermögens : erst etwa seit neun Jahren . " " Neun Jahre ist schon eine ziemliche Zeit . Liebte er denn seinen Bruder so sehr , daß er wegen seines Verlustes noch immer untröstlich ist ? " " Nun -- vielleicht nicht . Ich glaube , es waren einige Mißverständnisse zwischen ihnen . Herr Rowland Rochester war nicht Herr Eduard , und vielleicht wußte er seinen Vater gegen ihn einzunehmen . Der alte Herr liebte das Geld und war sehr geneigt , die Familienbesitzung zusammen zu behalten . Er wollte sein Vermögen nicht durch Theilung verringern , und wollte doch , daß Herr Eduard auch Reichthum haben sollte , um den Ruhm des Namens aufrecht zu erhalten ; und bald nachdem er volljährig geworden , that man einige Schritte , die nicht ganz recht waren und großes Unheil anrichteten . Der alte Herr Rochester und Herr Rowland vereinten sich , um Herrn Eduard in eine schmerzliche Lage zu bringen , um sein Glück zu machen : worin diese Lage eigentlich bestanden , habe ich