stets gleich bleibende Frau von ziemlich guter Erziehung und einem Durchschnittsverstande . Meine Schülerin war ein lebhaftes Kind , welches verzogen und verwöhnt und deshalb zuweilen eigensinnig und widerspenstig war ; da sie indessen gänzlich meiner Obhut anvertraut war und keine unberufene und unvernünftige Einmischung von irgend einer Seite jemals meine Pläne und Absichten in Bezug auf ihre Erziehung durchkreuzte , so vergaß sie bald ihre kleinen Launen und wurde gehorsam und lernbegierig . Sie besaß keine hervorragenden Talente , keine scharfen Charakterzüge , keine besondere Gefühls- oder Geschmacksrichtung , welche sie auch nur um einen Zoll über das gewöhnliche Niveau anderer Kinder empor gehoben hätte ; aber ebenso wenig hatte sie irgend ein Laster oder einen Fehler , welcher sie unter dasselbe gestellt hätte . Sie machte ziemlich gute Fortschritte , hegte für mich eine lebhafte , wenn auch nicht sehr tiefgehende Neigung , und flößte mir ihrerseits durch ihre Naivetät , ihr fröhliches Plaudern und ihre Bemühungen , mir zu gefallen , einen Grad von Liebe ein , welcher hinreichte , um uns ein gewisses Behagen an unserer gegenseitigen Gesellschaft finden zu lassen . Leute , welche heiligen Doktrinen über die engelgleiche Natur der Kinder huldigen und verlangen , daß jene , welchen ihre Erziehung anvertraut ist , eine abgöttische Liebe für dieselben hegen sollen , werden – in Parenthese gesagt – meine Worte für kalt und gefühllos halten ; aber ich schreibe nicht , um dem elterlichen Egoismus zu schmeicheln , um Kauderwelsch und Unsinn nachzubeten oder Humbug zu unterstützen , – ich erzähle nur die Wahrheit . Ich hegte eine gewissenhafte Sorgfalt für Adeles Wohlergehen und Fortschritte und ein ruhiges Wohlgefallen an ihrem kleinen Selbst ; gerade so , wie ich für Mrs. Fairfax ' Güte dankbar war und an ihrer Gesellschaft eine Freude empfand , welche sie für die Rücksichten lohnte , die sie für mich hatte , und ihr zeigte , wie sehr ich die weise Mäßigung in ihrem Charakter so wie in ihrem Gemüt zu schätzen wußte . Mag mich tadeln , wer da will , wenn ich noch hinzufüge , daß ich dann und wann , wenn ich einen Spaziergang im Park gemacht hatte oder nach dem Parkthor hinunter gegangen war , um von dort auf die Landstraße zu blicken , oder wenn Adele mit ihrer Wärterin spielte und Mrs. Fairfax in der Vorratskammer Fruchtgelee kochte – daß ich dann die drei Treppen hinauf kletterte , die Fallthür in der Bodenkammer öffnete , an die Galerie des Daches trat und weit über Felder und Hügel bis an die verschwommene Linie des Horizonts hinblicke . Dann wünschte ich mir die Gabe einer Seherin , um über jene Grenzen fortsehen zu können , dorthin , wo die geschäftige Welt und Städte und lebensvolle Regionen waren , von denen ich wohl gehört , die ich aber niemals gesehen hatte . Dann ersehnte ich mir mehr praktische Erfahrung als ich besaß , mehr Verkehr mit meinesgleichen , mehr Kenntnis verschiedener Charaktere , als ich mir hier erringen konnte . Ich wußte das Gute in Mrs. Fairfax und das Gute in Adele zu schätzen , aber ich glaubte , es müsse eine andere , eine lebensvollere Güte geben , und ich wünschte , das was ich glaubte , mit eigenen Augen zu sehen . Wer tadelt mich ? Sehr viele wahrscheinlich , und man wird mich unzufrieden und ungenügsam nennen . Ich konnte nichts dafür ; die Ruhelosigkeit lag in meiner Natur ; oft quälte sie mich aufs äußerste . Dann fand ich die einzige Beruhigung darin , in dem Korridor des dritten Stockwerks hin und her zu gehen , wo ich mich in der Einsamkeit des Ortes wohl und sicher fühlte , um das geistige Auge auf den herrlichen Visionen ruhen zu lassen , die sich vor demselben ausbreiteten – und es waren ihrer viele und prächtige und farbenglühende – und mein Herz schwellen zu lassen von lebensvoller Sehnsucht , die , wenn auch schmerzhaft , doch wenigstens Leben war ; und vor allen Dingen mein inneres Ohr auf eine Geschichte horchen zu lassen , die niemals endigte – eine Geschichte , welche meine Phantasie schuf und fortwährend wiederholte , – eine Geschichte , in welcher all das Leben , das Feuer , die Empfindungen pulsierten , nach denen ich mich sehnte , und die mein wirkliches Dasein mir nicht boten . Es ist umsonst , zu sagen , daß der Mensch zufrieden sein sollte , wenn er Ruhe hat , – er muss auch Thätigkeit haben , und er wird sie sich schaffen , wenn er sie nicht findet . Millionen sind zu einem stilleren Lose verdammt als das meinige , und Millionen empören sich lautlos gegen ihr Los . Niemand weiss , wieviel Empörungen außer politischen Empörungen in den Menschenmassen gähren , welche die Erde bevölkern . Im allgemeinen nimmt man an , daß Frauen sehr ruhig sind , aber Frauen empfinden gerade so wie Männer ; auch sie brauchen ein Feld der Thätigkeit für ihre Fähigkeiten , wie ihre Brüder es thun ; sie leiden unter zu schweren Fesseln , unter vollständiger Stagnation gerade so wie Männer es thun wurden ; und es ist engherzig , wenn ihre begünstigteren Nebenmenschen sagen , daß sie sich darauf beschränken sollten , Puddings zu machen und Strümpfe zu stopfen , Klavier zu spielen und Tabaksbeutel zu sticken . Es ist gedankenlos , sie zu verdammen oder über sie zu lachen , wenn sie versuchen , mehr zu arbeiten und mehr zu lernen , als das , was das alte Herkommen für ihr Geschlecht nötig erachtet . Wenn ich so allein war , hörte ich gar oft Grace Pooles Lachen , dasselbe Lachen , dasselbe leise , langsame ha ! ha ! das mich so seltsam erschüttert hatte , als ich es zuerst vernommen ; ich hörte auch ihr eccentrisches Gemurmel , das noch seltsamer war als ihr Lachen , Es gab Tage , an denen sie sich ganz still verhielt , aber wiederum andere , wo mir die Laute , welche sie von sich gab , ganz unerklärlich schienen . Zuweilen sah ich sie ; dann pflegte sie mit einem Teller oder einer Schüssel oder einer Schale aus ihrem Zimmer zu kommen , in die Küche hinterzugehen und gewöhnlich – o , verzeihe mir , romantische Leserin , wenn ich die Wahrheit sage – mit einem Topf voll Porter zurückzukommen . Ihre Erscheinung dämpfte stets die Neugierde , welche ihre rednerischen und stimmlichen Seltsamkeiten erregt hatten ; sie war ein starkknochiges Weib mit harten Zügen , welches in keiner Weise Interesse zu wecken vermochte . Ich machte einige Versuche , sie in ein Gespräch zu verwickeln , aber sie schien eine wortkarge Person ; eine einsilbige Antwort machte gewöhnlich all meinen Bemühungen dieser Art ein Ende . Die andern Mitglieder des Haushalts , wie John und seine Frau , Leah das Hausmädchen und Sophie , die französische Bonne , waren sehr anständige Leute , aber in keiner Weise erhoben sie sich über das Gewöhnliche . Mit Sophie pflegte ich französisch zu sprechen und zuweilen richtete ich auch Fragen über ihr Vaterland an sie ; sie besaß aber weder die Gabe erzählen noch beschreiben zu können und gab meistens so verwirrte und nichtssagende Antworten , daß sie meine Fragelust eher dämpften als ermutigten . Oktober , November und Dezember gingen hin . Eines Nachmittags im Januar hatte Mrs. Fairfax um einen Ferientag für Adele gebeten , weil diese sich eine heftige Erkältung zugezogen hatte ; und da Adele diese Bitte mit einer Innigkeit und Eindringlichkeit unterstützte , welche mich daran erinnerten , wie kostbar solch ein gelegentlicher Ferialtag mir selbst in meiner Kindheit gewesen , gewährte ich denselben ; es schien mir geraten , in diesem Punkte Nachgiebigkeit zu zeigen . Obgleich sehr kalt , war es ein schöner , windstiller Tag ; den ganzen Morgen hatte ich ruhig sitzend in der Bibliothek zugebracht , jetzt war ich dessen müde ; Mrs. Fairfax hatte gerade einen Brief beendigt , welcher darauf harrte , zur Post getragen zu werden , und so nahm ich Hut und Mantel und erbot mich freiwillig , denselben auf das Postamt nach Hay zu bringen ; die Entfernung , welche ungefähr zwei Meilen betrug , sollte ein angenehmer Nachmittagsspaziergang für mich sein . Nachdem ich Adele gemütlich in ihrem kleinen Lehnstuhl vor Mrs. Fairfax ' Kaminfeuer installiert und ihr die schönste Wachspuppe , welche ich gewöhnlich in Silberpapier gewickelt in einer Schublade verwahrt hielt , zum Spielen gegeben hatte und dazu noch ein Geschichtenbuch der Abwechselung wegen , machte ich mich auf den Weg , nachdem ich Adelens › Revenez bientôt ma bonne amie , ma chère Mademoiselle Jeanette « [ Fußnote ] noch mit einem herzlichen Kuß beantwortet hatte . Der Boden war hart gefroren , die Luft war still , meine Straße einsam ; ich ging sehr schnell bis ich mich erwärmt hatte , dann ging ich langsam , um das Vergnügen , welches Zeit und Umstände für mich in sich bargen , zu genießen und zu analysieren . Es war drei Uhr ; die Kirchenuhr schlug , als ich an dem Glockenturm vorüber ging ; der Reiz der Stunde lag in der herannahenden Dämmerung in der niedersinkenden und mattstrahlenden Sonne . Ich war eine Meile von Thornfield entfernt , in einem engen Heckenwege , welcher im Sommer seiner wilden Rosen , im Herbst seiner Nüsse und Brombeeren wegen bekannt war und sogar jetzt noch einige korallenfarbige Schätze in Gestalt von Hagebutten und Mehlbeeren aufzuweisen hatte ; seine herrlichste Winterfreude lag jedoch in seiner vollständigen Vereinsamung und laublosen , starren Ruhe . Selbst wenn ein Lüftchen wehte , weckte es hier keinen Laut , denn hier war kein Stechpalmengesträuch , kein Immergrün , welches hätte rauschen können , und die entblätterten Weißdorn- und Haselnußbüsche lagen ebenso still da , wie die weißen , ausgetretenen Steine , mit welchen der Fußpfad in der Mitte gepflastert war . Weit und breit lagen zu jeder Seite nur Felder , auf denen jetzt kein Vieh mehr weidete ; und die kleinen , braunen Vögel , welche sich dann und wann in der Hecke rührten , sahen aus wie einzelne welke Blätter , die vergessen hatten abzufallen . Dieser Weg zog sich hügelaufwärts nach Hay ; als ich die Mitte erreicht hatte , setzte ich mich an einem Zaun nieder , welcher sich von dort quer über ein Feld zog . Ich hüllte mich dicht in meinen Mantel , verbarg die Hände in meinem Muff und fühlte auf diese Weise die Kälte nicht , obgleich es scharf fror ; dies bewies eine dünne Eisschicht , welche den Fußpfad , wo ein kleines jetzt gefrorenes Bächlein noch vor wenigen Tagen nach starkem Thauwetter dahin gerieselt war , bedeckte . Von meinem Platze aus konnte ich auf Thornfield hinunterblicken ; das graue mit Zinnen gekrönte Herrenhaus bildete den hervorragendsten Punkt in dem Thal zu meinen Füßen , die Wälder und das dunkle Krähengeniste erhoben sich gegen Westen . Ich verweilte , bis die Sonne hinter den Bäumen versank und feurig und klar zur Ruhe ging . Dann wandte ich mich ostwärts . Über der Spitze des Hügels oberhalb des Weges stand der aufgehende Mond ; jetzt noch bleich aber mit jedem Augenblick strahlender werdend . Er blickte auf Hay hinab , das halb in Bäumen versteckt , aus seinen wenigen Schornsteinen einen bläulichen Rauch gen Himmel sandte ; es lag noch eine Meile entfernt , aber in der tiefen Stille , welche herrschte , drangen die Töne des schwachen Lebens , welches in dem Orte pulsierte , bis zu mir herauf . Mein Ohr vernahm auch das Rauschen von Strömen ; in welchen Tiefen und Thälern vermochte ich aber nicht zu sagen ; jenseits Hay waren aber viele Hügel , und zweifellos auch viele Bäche , welche von ihren Höhen herabrauschten . In der Ruhe dieses Abends verriet sich sowohl das Nieseln der nächsten Bäche wie das Rauschen der weit entferntesten . Plötzlich unterbrach ein brutales Geräusch dies zarte , ferne und doch so klare Flüstern und Kräuseln und Rieseln , ein polterndes Trampeln , ein metallisches Klirren , welches das sanfte Gemurmel der Wellen unterbrach , gerade so wie auf einem Bilde die solide Masse eines Felsens oder das rauhe Geäst einer großen Eiche , das sich in groben und kühnen Zügen im Vordergrund erhebt , die luftige Ferne blauer Hügel , den sonnigen Horizont , die klaren Wolken , wo alle Farben ineinander verschwimmen , stören . Der Lärm war auf dem Fußpfade , ein Pferd näherte sich , die Windungen des Weges verbargen es noch , aber es kam stetig näher ; ich wollte gerade meinen Platz verlassen , da der Pfad aber schmal war , saß ich still , um es vorüber zu lassen . In jenen Tagen war ich jung , und tausend helle und düstere Fantasien bemächtigten sich meines Gemüts ; die Erinnerung an Kinderstubengeschichten lag dort unter anderm Gerümpel aufgespeichert , und wenn sie wach wurden , verlieh die reifere Jugend ihnen eine Lebhaftigkeit und Stärke , welche die Kindheit ihnen nicht zu geben vermocht hatte . Als dies Pferd näher kam , und ich erwartete , es in der Dämmerung auftauchen zu sehen , fiel mir eine von Bessies Geschichten ein , in welcher ein Geist aus dem Norden Englands , Namens Gytrash figurierte ; dieser suchte in Gestalt eines Pferdes , Maulesels oder großen Hundes einsame Wege heim und überfiel zuweilen nächtliche Wanderer , grade so wie dieses Pferd jetzt auf mich zu kam . Es war schon sehr nahe , aber immer noch nicht sichtbar ; da vernahm ich außer jenem Trapp , Trapp noch ein Rascheln unter der Hecke , und dicht an den braunen Stämmen entlang lief ein großer Hund , dessen schwarz und weiße Farbe ihn weithin kenntlich machte . Dies war nun gerade eine Maske aus Bessies Gytrash , eine löwenähnliche Kreatur mit langer Mähne und großem Kopfe ; sie schlich indessen ruhig an mir vorüber und blickte mit ihren seltsam verständigen Hundeaugen nicht zu mir auf , wie ich halb und halb erwartete . Dann folgte das Pferd – ein starkes Roß , auf seinem Rücken ein Reiter . Der Mann , das menschliche Wesen , brach den Zauber sofort . Den Gytrash konnte niemand reiten , er stürmte stets allein umher , und wenn Kobolde auch in die stummen Leiber der Tiere fahren konnten , so vermochten sie doch so viel ich wußte , nicht die gewöhnliche Menschengestalt anzunehmen . Dies war also kein Gytrash – sondern nur ein Reisender , welcher den kürzesten Weg nach Millcote einschlug . Er ritt vorüber , und ich ging weiter ; nur wenige Schritte , dann wandte ich mich um ; ein Laut , als glitte irgend etwas aus , ein Ausruf : » Was zum Teufel ist jetzt zu machen « ? ein polternder Fall weckten meine Aufmerksamkeit . Roß und Reiter lagen am Boden ; sie waren auf der Eisfläche ausgeglitten , welche den gepflasterten Fußpfad bedeckte . In großen Sprüngen kam der Hund zurück und als er seinen Herrn in Verlegenheit sah und das Pferd stöhnen hörte , begann er zu bellen , bis es von den Hügeln widerhallte . Er beschnüffelte die auf dem Boden liegende Gruppe und dann kam er zu mir gelaufen ; das war alles was er thun konnte – keine andere helfende Hand war zur Stelle . Ich folgte ihm und ging zu dem Reiter hinunter , welcher jetzt begann , sich unter seinem Pferde hervorzuarbeiten . Seine Anstrengungen waren so kräftig , daß ich glaubte , er könne keinen großen Schaden genommen haben ; aber ich fragte dennoch : » Haben Sie sich verletzt , mein Herr ? « Ich glaube beinahe , daß er fluchte , aber ich bin meiner Sache nicht ganz gewiß ; indessen bediente er sich einer Redeform , welche ihn einer direkten Antwort überhob . » Kann ich irgend etwas für Sie thun ? « fragte ich wiederum leise . » Stellen Sie sich auf die Seite , « entgegnete er , indem er sich erhob , erst auf die Kniee , dann auf die Füße . Ich that , wie er mich hieß . Dann begann ein Heben , Stampfen , Schlagen , begleitet von einem Bellen und Springen , welches mich in der That einige Schritte vorwärts trieb ; ich wollte mich jedoch nicht ganz entfernen , bevor ich das Resultat nicht gesehen . Dieses war am Ende ein glückliches ; das Pferd stand wieder auf den Füßen und der Hund wurde mit einem » Couche , Pilot ! « zur Ruhe gebracht . Dann beugte der Reisende sich nieder und betastete seinen Fuß und sein Bein , wie um sich zu vergewissern , ob sie heil geblieben ; augenscheinlich war er von dieser Untersuchung nicht befriedigt , denn er hinkte bis zu dem Platz am Zaun , wo ich bis dahin gesessen und ließ sich nieder . Mich faßte wahrscheinlich die Laune , mich nützlich zu machen oder doch wenigstens mich gefällig zu zeigen , denn ich näherte mich ihm wiederum . » Wenn Sie sich verletzt haben , mein Herr , oder Hilfe brauchen , so kann ich entweder aus Hay oder von Thornfield-Hall Hilfe herbeiholen . « » Ich danke Ihnen . Ich werde allein fertig werden . Ich habe kein Glied gebrochen , sondern nur eine kleine Verrenkung davongetragen , « und wiederum stand er auf und prüfte seinen Fuß ; die Untersuchung preßte ihm aber ein unwillkürliches » Au « aus . Das Tageslicht war noch nicht ganz gewichen und der Mond schien bereits hell : ich konnte ihn deutlich sehen . Die Gestalt war in einen weiten Reitmantel mit Pelzkragen und Stahlschlössern versehen gehüllt ; genau konnte ich die Proportionen nicht unterscheiden , aber ich sah , daß der Mann von mittlerer Größe und sehr breitschulterig sein mußte . Er hatte ein finsteres Gesicht mit ernsten Zügen und hoher Stirn ; die Augen mit den hochgewölbten , zusammengewachsenen Brauen sprühten in diesem Augenblick Wut und Zorn ; er war über die erste Jugend hinfort , das mittlere Lebensalter hatte er aber noch nicht erreicht ; er mochte ungefähr fünfunddreißig Jahre zählen . Ich fürchtete mich nicht vor ihm und hegte auch keine zurückhaltende Scheu . Wäre er ein schöner , heroisch blickender , junger Mann gewesen , so würde ich nicht gewagt haben , so dazustehen und ihm meine Dienste unaufgefordert anzubieten und ihn gegen seinen Willen mit Fragen zu behelligen . Bis jetzt hatte ich kaum jemals einen schönen Jüngling gesehen und noch nie in meinem Leben mit einem solchen gesprochen . Ich hegte eine theoretische Verehrung und Hochachtung für Schönheit , Eleganz , Galanterie , Liebenswürdigkeit ; hätte ich jedoch all diese Eigenschaften in der Gestalt eines Mannes verkörpert gefunden , so würde ich instinktiv gefühlt haben , daß sie niemals Sympathie für irgend etwas in mir hegte noch hegen konnte , und ich würde sie gemieden haben , wie man den Blitz oder das Feuer oder sonst irgend etwas meidet , das wohl glänzend und strahlend , jedoch antipathisch ist . Und wenn dieser Fremde mich angelächelt hätte oder freundlich gewesen wäre , als ich ihn anredete ; wenn er die ihm angebotene Hilfe dankbar und liebenswürdig abgelehnt hätte – so würde ich wahrscheinlich meiner Wege gegangen sein und durchaus keinen Beruf in mir verspürt haben , mein Anerbieten zu erneuern ; aber das Stirnrunzeln , die Rauhheit des Reisenden machten , daß ich ganz harmlos blieb . Als er mir winkte , bei Seite zu gehen , verharrte ich auf meinem Platze und kündigte ihm an : » Ich kann gar nicht daran denken , mein Herr , Sie zu so später Stunde in diesem einsamen Gäßchen allein zu lassen , bevor ich gesehen habe , ob Sie imstande sind , Ihr Pferd wieder zu besteigen . « Als ich dies sagte , blickte er mich an . Bis dahin hatte er die Augen kaum auf mich gerichtet . » Mich dünkt , Sie sollten dafür sorgen , daß Sie selbst nach Hause kämen , « sagte er , » wenn Sie ein Haus in der Nähe haben . Woher kommen Sie denn ? « » Von dort unten ; und ich fürchte mich durchaus gar nicht , spät draußen auf der Landstraße zu sein , wenn der Mond scheint . Wenn Sie es wünschen , werde ich mit Vergnügen für Sie nach Hay hinüber laufen – ich gehe in der That nach dort , um einen Brief auf die Post zu geben . « » Sie wohnen dort unten ? – Sie meinen doch nicht in jenem Hause dort mit den Zinnen ? « mit diesen Worten deutete er auf Thornfield-Hall , auf welches der Mond jetzt seinen bleichen Schein warf ; deutlich und hell hob es sich von den Wäldern ab , welche jetzt im Gegensatz zu dem Westlichen Himmel eine ungeheure , schattige Masse bildeten . » Ja , mein Herr . « » Wem gehört das Haus ? « » Mr. Rochester . « » Kennen Sie Mr. Rochester ? « » Nein , ich habe ihn niemals gesehen . « » Er wohnt also jetzt nicht dort ? « » Nein . « » Können Sie mir denn sagen , wo er sich aufhält ? « » Nein , das kann ich nicht . « » Natürlich sind Sie keine Dienerin im Herrenhause . Sie sind – « er hielt inne und ließ die Augen über meine Kleidung schweifen , welche wie gewöhnlich sehr einfach war : ein schwarzer Merinomantel , ein schwarzer Filzhut ; beides würde nicht im entferntesten elegant genug für eine Kammerjungfer gewesen sein . Es ward ihm schwer zu entscheiden , wer ich eigentlich sein könne . Ich half ihm . » Ich bin die Gouvernante . « » Ah ! ! die Gouvernante ! « wiederholte er . » Der Teufel soll mich holen , die hatte ich ganz vergessen ! Die Gouvernante ! Die Gouvernante ! « und wiederum unterwarf er meine Toilette einer eingehenden Prüfung . Nach zwei Minuten erhob er sich von seinem Platze am Zaun ; sein Gesicht drückte den größten Schmerz aus , als er versuchte eine Bewegung zu machen . » Ich kann Sie nicht beauftragen , Hilfe herbeizuholen , « sagte er ; » aber Sie selbst können mir ein wenig helfen , wenn Sie die Güte haben wollen . « » Ja , mein Herr . « » Haben Sie nicht einen Regenschirm , den ich als Stütze gebrauchen könnte ? « » Nein . « » Versuchen Sie , den Zügel meines Pferdes zu fassen und es mir herzuführen . Sie fürchten sich doch nicht ? « Wäre ich allein gewesen , so würde ich mich gefürchtet haben , ein Pferd zu berühren ; da mir jedoch geheißen wurde , es zu thun , war ich geneigt zu gehorchen . Ich legte meinen Muff am Zaun nieder und näherte mich dem großen Pferde ; ich bemühte mich , den Zügel zu fassen , es war aber ein feuriges Tier und wollte mich seinem Kopfe nicht nahe kommen lassen ; all meine Versuche blieben erfolglos ; inzwischen fürchtete ich mich beinahe zu Tode vor seinen Vorderhufen , mit denen es unaufhörlich ausschlug . Der Fremde wartete und beobachtete einige Zeit ; endlich lachte er laut auf . » Ich sehe schon , « sagte er , » der Berg will sich nicht zu Mahomet bringen lassen , daher können Sie weiter nichts thun als Mahomet helfen , daß er zum Berge gehe ; ich muß Sie bitten , herzukommen . « Ich ging . » Verzeihen Sie mir , « fuhr er fort , » die Notwendigkeit zwingt mich , Sie mir nützlich zu machen . « Er legte eine schwere Hand auf meine Schulter , und sich mit Nachdruck auf mich lehnend , hinkte er bis zu seinem Pferde . Als es ihm dann einmal gelungen war , den Zügel zu fassen , beherrschte er es sofort und schwang sich in den Sattel ; zwar schnitt er die entsetzlichsten Grimassen dabei , denn der verrenkte Knöchel schmerzte heftig . » Jetzt , « sagte er und biß sich in die Unterlippe , so daß das Blut hervorquoll , » geben Sie mir meine Peitsche ; sie liegt dort unter der Hecke . « Ich suchte sie und fand sie . » Ich danke Ihnen ; jetzt eilen Sie mit Ihrem Briefe nach Hay und dann kehren Sie so schnell wie möglich zurück . « Eine Berührung mit dem bespornten Absatz machte , daß sein Pferd sich bäumte und dann davon sprengte ; der Hund folgte wie rasend den Spuren , und alle drei verschwanden Wie Blüten , die auf öder Haid ' Der wilde Sturm davonträgt . Ich nahm meinen Muff wieder auf und ging weiter . Der Vorfall hatte sich ereignet und war jetzt vorüber , es war ein Vorfall ohne Bedeutung , ohne Romantik , ohne Interesse in gewisser Beziehung , und doch kennzeichnete er eine einzige Stunde eines einförmigen Lebens . Meine Hilfe war gebraucht und in Anspruch genommen worden , ich hatte sie geleistet ; es machte mich glücklich , irgend etwas gethan zu haben ; unbedeutend , vorübergehend wie die That gewesen war , hatte sie doch eine Leistung meinerseits verlangt – und ich war dieser passiven Existenz so müde geworden . Auch war das neue Gesicht wie ein neues Bild , welches meiner Galerie der Erinnerungen einverleibt worden , und es war allen anderen , die dort aufgehängt waren , so gänzlich unähnlich : erstens war es ein männliches Gesicht , und zweitens war es düster , strenge und ernst . Ich sah es noch vor mir , als ich nach Hay kam und den Brief in den Schalter des Postbureaus warf ; ich sah es noch vor mir auf dem ganzen Wege nach Hause . Als ich an den Zaun kam , hielt ich eine Minute inne , blickte umher und horchte ; mir war , als müsse ich wiederum Pferdegetrappel auf dem gepflasterten Fußsteige vernehmen , als müsse wiederum ein Reiter im Mantel und ein Gytrashähnlicher Neufundländer erscheinen – aber ich sah nur eine Hecke und eine Pappelweide vor mir , die still und bewegungslos und gerade in das klare Mondeslicht hineinragten ; ich hörte nur den leisen Windhauch , welcher eine Meile weiter hügelabwärts dann und wann durch die Bäume fuhr , welche das Herrenhaus von Thornfield umstanden , und als ich der Richtung , aus welcher das leise Murmeln kam , mit den Augen folgte , sah ich , wie ein Fenster an der Vorderseite des Hauses plötzlich erhellt wurde . Es erinnerte mich daran , daß es bereits spät sei . Ich eilte weiter . Es machte mir keine Freude , Thornfield wieder zu betreten . Seine Schwelle überschreiten , bedeutete zur Stagnation zurückkehren , durch die todesstille Halle gehen , die düstere Treppe hinaufsteigen , mein eigenes einsames , kleines Zimmer aufsuchen und später der ruhigen Mrs. Fairfax begegnen und den langen Winterabend mit ihr und nur mit ihr zubringen . Das hieß vollständig die leise Erregung ersticken , welche mein Spaziergang in mir erweckt hatte – das bedeutete meinen Fähigkeiten abermals die traurig aussichtslosen Fesseln einer einförmigen und tötenden Existenz anzulegen , einer Existenz , deren große Vorteile der Sicherheit , des Geborgenseins und des Wohllebens ich nicht mehr zu schätzen vermochte . Wie nützlich würde es mir zu jener Zeit gewesen sein , in den Stürmen eines unsicheren , gefährdeten , mühsam kämpfenden Lebens hin und her geworfen zu werden und inmitten rauher und bitterer Erfahrung die Sehnsucht nach der Ruhe und dem Frieden zu empfinden , welche mich jetzt fast erdrückten ! Ja , es wäre mir ebenso nützlich gewesen wie ein langer Spaziergang einem Manne , der es müde geworden , immer in einem zu bequemen Lehnstuhl zu sitzen , und ebenso natürlich war der Wunsch nach Bewegung bei mir , wie er es bei ihm gewesen sein würde . An der Parkpforte zögerte ich ; ich zögerte auf dem Wiesenplan ; ich ging auf der Terrasse hin und her ; die Jalousien der Glasthür waren herabgelassen ; ich konnte nicht in das Innere des Zimmers blicken , und sowohl meine Augen wie meine Seele schienen von dem düsteren Hause – von der grauen Felsmasse , in welche dunkle Zellen hineingehauen , – ( so schien es mir wenigstens damals ) – fortgezogen zu werden hinauf nach jenem klaren Himmelsbogen , der sich wie ein blaues , bewegungsloses Meer vor mir ausbreitete ; feierlich und majestätisch stieg der Mond empor und ließ die Spitzen jener Hügel unter sich , hinter denen er hervorgekommen war ; er strebte dem tiefdunklen , unermeßlich fernen Zenith entgegen , und ihm folgten die zitternden Sterne , denen ich mit bebendem Herzen , mit fiebernden Pulsen nachblickte . Gar kleine und geringe Dinge rufen uns auf diese Erde zurück ; in der Halle schlug die Uhr ; das genügte ; ich wandte meine Augen von Mond und Sternen ab , öffnete eine Seitenthür und trat ins Haus . Die Halle war nicht dunkel , aber ebensowenig war sie ganz erhellt durch die Bronzelampe , welche hoch oben an der Decke hing ; eine angenehme Wärme herrschte sowohl hier wie auf dem unteren Teil der alten Eichentreppe . Ein heller Schein drang aus dem großen Speisezimmer , dessen hohe Flügelthüren geöffnet waren und ein lustig flackerndes Feuer im Kamin sehen ließen ; in prächtigem Glanz zeigten sich die dunkelroten Draperien , die polierten Möbel , die Marmorverkleidung des Kamins . Der Schein des Feuers fiel auf eine Gruppe , welche sich vor demselben befand ; kaum war ich derselben ansichtig geworden , kaum hatte ich den Ton fröhlicher Stimmen vernommen , unter denen ich jene Adelens zu unterscheiden glaubte , als die Thür auch schon wieder geschlossen wurde . Ich