» die weiße Dame « in Lodenkitteln , verschossenen Sammetröcken , schmierigen Kattunblusen und Pariser Pölsterchen gespielt werden . Ein anderes Mal bestand in der Oper » Martha oder der Markt zu Richmond « die Volksmenge aus einer übelgelaunten jungen Dame , einem Kellner , den man aus einer Heringsbraterei geholt hatte und dem Pförtner eines Waisenhauses , da das Chorpersonal wegen versäumter Lohnauszahlung den Dienst verweigerte . In Karlstadt mußte der letzte Akt der » lustigen Weiber von Windsor « unaufgeführt bleiben , weil in der Pause zwischen Frau Flut und Falstaff eine Prügelei entstanden war und jene Dame dem unglücklichen Sänger einen Hautlappen aus der Nase gekratzt hatte . Wenn die musikalische Wanderschmiere , wie der stellvertretende Direktor Wurzelmann seine Truppe nannte , desungeachtet leidliche Einnahmen erzielte , war es den übermenschlichen Anstrengungen Daniels zu danken . Wurzelmann war beständig in Liebeleien verstrickt , führte eine verderbte Günstlingswirtschaft ein und ergab sich immer mehr der Trägheit . Daniel mußte die Musiker zu den Proben aus ihren Betten ziehen ; Daniel mußte korrepetieren ; Daniel mußte am Dirigentenpult mitsingen , wenn der Chor zu dünn klang ; Daniel mußte Rollen verteilen , widersetzliche Frauenzimmer bändigen , hirnlos brüllende Dilettanten dem Gefüge eines Werkes unterordnen , das er selbst meist verabscheute ; mußte Anfänger drillen , Partituren kürzen , Stimmen transponieren , mit kläglich unzureichenden Kräften Wirkungen hervorzaubern und von morgens früh bis abends spät gegen Schmähsucht , Fahrlässigkeit und Unfähigkeit im Kampfe liegen . Es liebte ihn keiner dafür . Sie fürchteten ihn bloß . Sie schworen ihm Rache , aber sie duckten sich . Er hatte eine Art , sie kalt zu behandeln , daß sie sich wie Verbrecher erschienen . Er hatte einen Blick eisiger Geringschätzung , unter dem sich die Faust des Getroffenen ballte . Aber sie ordneten sich knirschend einer Macht unter , die ihnen unheimlich dünkte , die jedoch in nichts anderm bestand , als daß er seine Pflicht erfüllte und sie die ihre nicht . Am Ende jedes Vierteljahres trat der Impresario Dörmaul auf den Plan , um den Rechnungsabschluß persönlich vorzunehmen . Seine Anwesenheit wurde durch eine Musteraufführung von » Fra Diavola « oder der » Regimentstochter , « oder von » Froufrou « gefeiert . Der Buffo betrank sich nicht , der Bariton ruhte von den Strapazen seines Prozesses , die Altistin hatte ein holdes Lächeln für das beifallslustige Haus , die Sopranistin war friedfertig wie eine Mine nach der Explosion , von den Choristen war keiner im Wirtshaus geblieben , und da Wurzelmann dirigierte , und das Orchester nicht den Basiliskenblick des Kapellmeisters Nothafft auf sich brennen fühlte , bewegte es sich freier im Takt und brachte einen weit gefälligeren Ohrenschmaus hervor als sonst . Der Impresario Dörmaul kargte nicht mit seiner Anerkennung . » Bravo Wurzelmann ! « rief er , » noch ein Jährlein geschuftet , und ich bringe Sie ans Königliche Opernhaus . « » Auch der Nothafft soll zu Amt und Würden kommen , « sagte er , » obwohl ich die Dummheit begangen habe , seine Kompositionen zu drucken und die ganze Makulatur in meinen Magazinen liegt wie ein Pfund Backsteinkäse in einem kranken Magen . « Der Impresario Dörmaul trug schwarz und weiß karierte Hosen von überseeischem Schnitt , eine Weste , die wie eine Tapete aus gepreßtem Leder aussah und über der eine schwere goldene Kette mit zahllosen Anhängseln baumelte , einen Gehrock , der bis zu den Waden reichte , eine ziegelrote Krawatte mit einem Diamanten , so groß wie der Kohinor und so falsch wie Aprilsonne , und einen grauseidenen Zylinder , den er nur vor Geheimräten , Generälen und Polizeipräsidenten lüpfte . Einem so beschaffenen Mann wagte Daniel zu erwidern : » Hätten Sie Käse gegessen , so hätten Sie ihn wenigstens verdaut . Ihre vollen Magazine sind mir noch lieber als mancher Kopf , der leer bleiben würde , auch wenn man die Matthäuspassion hineinstopfen würde . « Der Impresario Dörmaul entschloß sich , zu lachen . » Oho , mein Bester , « sagte er und schob den Zylinder weit zurück , » Sie blähen sich . Nehmen Sie sich in acht , daß Sie nicht platzen . Als Hänschen hinterm Ofen saß , da war er stolz vor Grütze , doch wie er auf die Straße ging , da fiel er in die Pfütze . « Das Knechtlein kicherte . Daniel wußte längst , daß das Knechtlein gegen ihn wühlte . In aller Unschuld , denn Halbseelen können bewundern und verraten zugleich . » Der Neid ist meine einzige Tugend , « sagte Wurzelmann ganz offen , » ich bin ein Genie des Neides . « Daniel war solchem Zynismus nicht gewachsen ; Wurzelmann machte ihn dumm . Aber er brauchte ihn ; er hatte keinen anderen Menschen , mit dem er von sich und seiner Arbeit sprechen konnte . Denn trotz der Überbürdung , die sein Amt mit sich brachte , gelang es ihm , täglich einige Stunden für sich zu erobern , und gerade der Druck von allen Seiten trieb die Flamme hoch hinan . In jenen Jahren zog er die Grenzen , um Herr in seinem Bezirk zu werden . Er wandte sich zum Lied ; er wählte die gebändigten und klaren Formen der Kammermusik ; er studierte mit unablässigem Bemühen die alten Meister und entnahm ihren Schöpfungen die Regel , die gegen Willkür und Verwilderung als ein Damm zu errichten war . Er verhehlte es sich keineswegs , daß er dadurch den Menschen den Weg zu sich erschwerte und vielleicht für immer Verzicht leistete auf Lohn und Erfolg und auf die Erleichterungen des Daseins , die den Gefühlsschwelgern sicher sind . Wenn er nun mit Wurzelmann spät nachts in einem Wirtshauszimmer saß und ihm Notenblatt um Notenblatt reichte , auch wohl zur Verdeutlichung eine Stimme sang , eine Begleitung lebhaft ausmalte , die Führung einer Melodie rühmte , die Besonderheit eines Rhythmus erklärte , dann staunte das Knechtlein und wehrte sich . Es war ihm alles das gar zu gründlich neu . Bewies Daniel , daß das Neue nicht neu , daß bloß die zerrütteten Seelen des Jahrhunderts die Kraft verloren hatten , ungebrochene Linien in ihrer Reinheit aufzunehmen , so machte sich Wurzelmann zum Befürworter moderner Freiheit und sagte , es müsse dem einzelnen alles verstattet sein , was er durch sein Können zu rechtfertigen vermöge . Am Widerpart war Daniel nichts gelegen . Als ob nicht im bewährt schönen Gefäß der reichste Inhalt , des Lebens ganze Fülle zu bieten wäre ! Geize er denn damit ? War Weh und Glück , zum Schaudern nah , durch die Gebundenheit minder vernehmlich ? Welch eine vertrackte Bosheit liegt darin , wie so ein Mensch sich zusperrt , dachte Daniel ; aus Herrschsucht mag er nicht fühlen und aus Witzigkeit nicht denken . Und so zogen sie von Ort zu Ort , Monat um Monat , Jahr um Jahr . Die Wanderoper hatte nun schon ihre festen Überlieferungen , ihre skandalöse Chronik , ihre eingeübten Lockmittel , ihre Stammgäste , ihre bevorzugten und ihre gemiedenen Stätten . Das Lokalblatt brachte einen Begrüßungsartikel ; die jungen Leute standen auf der Straße , um die Damen des Theaters lüstern zu begaffen ; der Major a.D. kaufte einen Sperrsitz für die erste Vorstellung ; der Barbier trug seine Dienste an ; das Professorenkollegium der Lateinschule hielt Versammlungen ab , in denen beraten wurde , ob den Schülern der Besuch der Oper erlaubt werden konnte ; der christliche Gesellenverein erhob Einspruch gegen die nackten Schultern der Sängerinnen ; die Mitglieder des adligen Kasinos rümpften die Nasen über die Leistungen der Truppe ; die Polizei wollte die Bretterbude oder den Hotelsaal , in welchem gespielt wurde , feuergefährlich finden ; die Frau Bergrätin verliebte sich in den Bariton , und ihr Gatte nahm einige Schurken in Sold , die den gefeierten Künstler von der Galerie herunter auszischten ; die Nörgler forderten mehr Lustigkeit , » Zar und Zimmermann « war ihnen zu langweilig , die » Stumme von Portici « zu abgedroschen ; sie wünschten » Madame Angot « und » Orpheus in der Unterwelt « . Es war immer etwas los . Und es graute Daniel vor diesen Menschen , vor ihren Geschäften , ihren Vergnügungen und den Kadavern ihrer Ideale . Es graute ihm vor ihrem Lachen und vor ihrer Trübseligkeit , vor den Stuben , aus denen sie krochen , vor den Spionen an ihren Fenstern , vor ihren Metzgerläden und Gasthäusern und Zeitungen , vor ihren Sonntagen und ihren Werktagen . Die Welt rückte ihm hart auf den Leib ; er mußte jetzt den Menschen ins Gesicht sehen , und sie zwangen ihn , daß er mit ihnen feilschte , um Geld , um Worte , um Gefühle und um Ideen . Aber auch anderes lernte er sehen ; die Wälder an den Ufern des Mains ; die weithingedehnten Triften der Frankenhöhe ; die schwermütigen Ebenen des mittleren Landes ; das formenreiche Kleingebirge des Jura ; die alten Städte mit ihren Mauern und Domen und finsteren Gassen und verödeten Schlössern . Da war dann beschwichtigende Luft zwischen ihm und den Menschen , da sah er die Alten und die Jungen , die Schönen und die Häßlichen , die Heiteren und die Traurigen , die Armen und die Reichen so fern und still , und sie gaben ihm von ihrem Reichtum und von ihrer Armut , von ihrer Jugend und von ihrem Alter , von ihrer Schönheit und von ihrer Häßlichkeit , von ihrer Freude und von ihrem Schmerz gleicherweise . Und das Land gab ihm die Wälder , die Wiesen , die Bäche und Ströme , die Wolken , die Vögel und alles , was unter der Erde ist . 10 Es war im Winter , da kam die Truppe nach Ansbach und sollte im ehemaligen Theater der Markgrafen spielen . Der » Freischütz « sollte in Szene gehen ; Daniel hatte mit seinen Musikern mehr als sonst geprobt . Aber es wütete ein heftiger Schneesturm an jenem Tage , darum waren kaum zwei Dutzend Personen in die Vorstellung gekommen . Wie in diesem Raum die Geigen anders klangen , wie die Stimmen von selbst Maß und Ruhe gewannen ! Daniel hatte auch sein Orchester derart bezaubert , daß es ihm gehorchte wie ein einziges Instrument . Nach dem letzten Akt trat ein weißhaariger Mann auf ihn zu und drückte ihm glücklich und dankbar lächelnd die Hand . Es war der Kantor Spindler . Daniel begleitete ihn nach Hause , und sie redeten viel von der Vergangenheit und von der Zukunft , von Menschen und von Werken . Sie konnten kein Ende finden , und das Schneegestöber störte sie nicht . Auch an den folgenden Tagen waren sie viel beisammen , aber am Ende der Woche wurde der Kantor krank und mußte sich zu Bett legen . Als Daniel eines Morgens in die Wohnung seines alten Freundes kam , erfuhr er , daß der Kantor in der Nacht plötzlich gestorben sei . Es war ein sanfter Tod gewesen . Am dritten Tage darauf folgte Daniel dem Leichenzug , und als er den Kirchhof verlassen hatte , nur wenige Leute hatten gleich ihm dem Kantor die letzte Ehre erwiesen , ging er bis zum Abend über die verschneiten Felder . In derselben Nacht begann er in seinem ärmlichen Quartier die Komposition von Goethes » Harzreise im Winter « . Es war dies eines der tiefsten und seltsamsten Werke , die je ein Musiker ersonnen hat , aber es mußte das Schicksal der meisten Schöpfungen Daniels teilen , die durch ein tragisches Verhängnis der Nachwelt entzogen worden sind . 11 Im Frühling des Jahres 1886 zog die Truppe nordwärts ins Hessische , dann ins Thüringische , gastierte in einigen Städten des Spessart und der Rhön , und die Einnahmen wurden immer schlechter . Der Impresario Dörmaul hatte sich seit dem Herbst nicht mehr blicken lassen , die Gagen waren im Rückstand und Wurzelmann prophezeite der Wanderoper ein baldiges Ende mit Schrecken . In der Stadt Ochsenfurt war ein längerer Aufenthalt geplant , und die Sänger und Musiker knüpften daran ihre letzten Hoffnungen , obschon man gerade im heißesten Juni war und der muffig düstere Raum , in welchem gespielt werden sollte , auch enthusiastischen Freunden des Theaters die Lust raubte , das Einerlei des landstädtischen Treibens durch einen Kunstgenuß zu unterbrechen . Der Besuch wurde von Tag zu Tag geringer , bald war nicht mehr Geld genug in der Kasse , daß man die Reise fortsetzen konnte , zu allem Übel bekam der Tenor den Typhus , die andern Sänger weigerten sich , aufzutreten , wenn sie nicht bezahlt würden , Daniel schrieb an den Impresario Dörmaul und erhielt keine Antwort , Wurzelmann , statt zu helfen , schürte die leicht aufschäumenden Geister schadenfroh zu Lärm und Feindseligkeit , alle forderten ihr Recht von Daniel , belagerten ihn im Gasthaus , wo er wohnte und brachten es so weit , daß sich die ganze Stadt mit ihren Mißlichkeiten beschäftigte . Da geschah es eines Nachmittags , daß ein stattlicher Herr von fünf- bis sechsundfünfzig Jahren in Daniels Zimmer trat und sich ihm als der Gutsbesitzer Sylvester von Erfft vorstellte . Sein Anliegen war folgendes . Wie alljährlich , befand sich auch heuer der Kanzler des Deutschen Reiches im benachbarten Bade Kissingen zur Kur . Herr von Erfft hatte seine Bekanntschaft gemacht , und der Fürst , ein passionierter Landwirt , hatte den Wunsch geäußert , die Güter des Herrn von Erfft zu besichtigen , da ihm deren Verwaltung als mustergültig gerühmt worden war . Um nun die Anwesenheit des hohen Gastes würdig zu feiern , hatte man beschlossen , allem billigen Illuminations- und Hurrawesen zu entsagen und dafür in einem Rokokopavillon , der zum Erfftschen Schlosse gehörte , die » Hochzeit des Figaro « aufzuführen . » Es ist dies eine Idee meiner Frau , « bemerkte Herr von Erfft . » Einige adlige Herren und Damen unseres Kreises wollen die Partien singen , meine Tochter Silvia , die zwei Jahre in Mailand bei Gallifati gewesen ist , wird die Rolle des Pagen übernehmen , aber was uns noch fehlt , ist ein geschultes Orchester . Deshalb komme ich zu Ihnen , Herr Kapellmeister , und bitte Sie , mit Ihren Musikern bei uns zu spielen . « Daniel , dem das freie und freundliche Wesen des Herrn von Erfft sehr gefiel , konnte keine Zusage geben , da er sich durch die Hilflosigkeit der ihm anvertrauten Theatergesellschaft noch an Ort und Stelle für gebunden erachtete . Herr von Erfft erkundigte sich des näheren nach den Ursachen seines Bedenkens und fragte dann , ob er seine Hilfe annehmen wolle . » Gern , « erwiderte Daniel , » aber es wird nichts nützen ; unser Prinzipal ist ein hartgesottener Sünder . « Herr von Erfft ging mit Daniel zum Bürgermeister , und eine halbe Stunde später war eine amtliche Depesche an den Impresario unterwegs . Sie war kräftig genug gefaßt , um einem Staatsbürger Respekt einzuflößen , wies auf die bedrohlichen Zustände hin , die unter der Truppe eingerissen waren und heischte gebieterisch Abhilfe . Der Impresario Dörmaul bekam Angst , und er sandte telegraphisch die Geldsumme , die erforderlich war . In einem gleichzeitigen Erlaß an Wurzelmann erklärte er die Wanderoper für aufgelöst ; die meisten Verträge waren ohnehin abgelaufen , und diejenigen Mitglieder der Truppe , die noch Ansprüche zu stellen hatten , wurden vertröstet . Daniel war also frei . Wurzelmann sagte zu ihm , als sie sich trennten : » Aus Ihnen wird nie was Rechtes werden , Nothafft . Ich habe mich in Ihnen getäuscht . Sie haben viel zu viel Gewissen . Mit der Moral verfertigt man nicht einmal Kinder , viel weniger Werke . Der Sumpf ist weich , der Gipfel felsig . Begehen Sie eine großartige Schweinerei , damit Zug in die Geschichte kommt . « Daniel legte die Hand auf seine Schulter , sah ihn mit kalten Augen an und sagte : » Judas . « » Schön , meinetwegen Judas , « antwortete Wurzelmann . » Ich bin nicht dafür geboren , ans Kreuz genagelt zu werden . Ich bin mehr für die Feste mit den Pharisäern . « Er hatte beim » Phönix « , einer großen musikalischen Zeitschrift , eine Anstellung als Kritiker gefunden . Daniel fand die Leute vom Orchester für den Ausflug nach Erfft freudig bereit . Sie bekamen dort Unterkunft in einem Wirtshaus , Daniel selbst wohnte im Schloß . Die Proben wurden mit Ernst und Eifer geführt ; obwohl der Name des großen Kanzlers noch von den Wolken der Zeitlichkeit , vom Haß der Gegner , von Kleingeist und Mißverstand umdüstert war , fühlten alle diese jungen Menschen die Gewalt des Unsterblichen und waren von dem Gedanken beglückt , ihm in einer erdichteten Welt und für eine flüchtige Stunde etwas sein und bedeuten zu dürfen . Unermüdlich war Agathe von Erfft , die Gutsherrin , im Herbeischaffen von Kostümen , in der Beseitigung technischer Hindernisse und in der Bewirtung ihrer Gäste . Die vierundzwanzigjährige Silvia hatte weder die Kraft der Mutter , noch die Liebenswürdigkeit des Vaters ererbt ; sie war zart und verschlossen . Desungeachtet vermochte sie in die Rolle des Cherubin viel Anmut und Schelmerei zu legen , was als ein unvermuteter Reichtum ihrer Natur sogar ihre Eltern überraschte . Zudem war ihre Stimme weich und von reiner Bildung , und Daniel , seit Jahren an die mittelmäßigen Leistungen verdorbener Kehlen gewöhnt , nickte zufrieden , wenn sie sang . Die andern Teilnehmer behandelte er durchaus nicht glimpflicher als die Sänger und Sängerinnen von der Wanderoper ; sie mußten seine Grobheit und Bissigkeit mit guter Manier ertragen . Herr von Erfft , der bei allen Proben zugegen war , beobachtete ihn oft mit ruhiger Verwunderung , und wenn ein zu arg Gescholtener bei ihm Klage führte , antwortete er : » Laßt den Mann gewähren , der versteht sein Geschäft ; es gibt nicht viele von der Sorte . « Nur eben Silvia war es , die von ihm geschont wurde . Als Herr von Erfft den Namen zum ersten Male genannt , hatte er aufgehorcht , und als er sie sah , wußte er , daß er sie schon einmal gesehen hatte . Es war damals auf seiner Wanderschaft gewesen , da war er draußen vor dem Parktor gestanden , und man hatte sie gerufen . Dessen zu gedenken war ihm jetzt seltsam . Er war nun bei ihr und ihr doch nicht weniger fremd als damals . Aber was ihn zu dem schönen Mädchen hinzog , hatte nichts mit dieser zufälligen Fügung zu schaffen . Auch hatte sein Gefühl keine sinnliche Gebundenheit . Es war eine traumhafte Sympathie , ähnlich der suchenden Erinnerung an ein vergessenes Glück . Es war eine dunklere und quälendere Empfindung als diejenige , die ihn an Gertrud unverbrüchlich fesselte , mehr Leid als Lust , mehr Unruhe als Bewußtsein . Ganz in der Tiefe schlief es , dies Vergessene ; hinweggespült war es von den Lebenswogen . Und nicht Silvia selber war es , nicht sie selbst . Eine Bewegung der Hand vielleicht ; woher kannte er die Bewegung ? Ein Zurückbiegen des Kopfes , ein stolzer , blauer Blick , woher kannte er es nur ? Vergessen , vergessen .... 12 Während alles im besten Zuge war , während man die Gebäude schmückte und die Zimmer des Herrenhauses instand setzte , traf die Nachricht vom Tod des Königs Ludwig ein . Die Zeitungen waren schwarz gerändert und brachten viele Einzelheiten über das Unglück am Starnbergersee . Wie überall im Land war die Trauer über das furchtbare Schicksal des Monarchen auch in der Familie des Herrn von Erfft aufrichtig und anhaltend . Von einer Theateraufführung konnte natürlich die Rede nicht mehr sein ; der Kanzler hatte seinen Besuch abgesagt , und die jungen Herrschaften , die sich gerade zur Probe versammelt hatten , kehrten still wieder heim . Herr von Erfft händigte Daniel eine beträchtliche Vergütung für die Musiker ein und bat ihn selbst , den er nicht wie einen Handlanger verabschieden wollte , noch ein paar Tage auf dem Gut zu bleiben . Daniel weigerte sich nicht , hatte er doch bis jetzt mit keinem Gedanken überlegt , wohin er seine Schritte lenken sollte . Nachdem er das Geschenk des Herrn von Erfft unter die Musiker verteilt und die Leute entlassen hatte , wanderte er in den Wald . In einem Dorfe verzehrte er ein karges Mittagsmahl und schweifte dann umher , bis es Abend wurde . Als er zurückkehrte , saßen seine Wirte noch um den Tisch . Er versäumte es , sich zu entschuldigen , Frau Agathe lächelte ihrem Gatten belustigt zu und gab Befehl , daß dem Herrn Kapellmeister nachserviert werde ; Silvia hatte ein Buch in der Hand und las . Ziemlich bedrückt nippte Daniel nur von den Speisen , und als die Hausfrau sich erhob und durchs Fenster in den gewitterigen Himmel schaute , ging er ins Nebenzimmer und setzte sich an den Flügel . Er begann zu spielen . Es war Schuberts Lied an Silvia . Als die stürmisch-innige Melodie verhallt war , knüpfte er eine Variation daran , hierauf eine zweite , eine dritte , eine vierte ; schwermütig die eine , jubilierend die andere , sinnend die dritte , schwärmerisch suchend die vierte . Jede war ein Hymnus an das Vergessene . Herr von Erfft und Agathe standen in der offenen Türe , Silvia hatte sich unfern von ihm auf ein Taburett gesetzt und blickte in anmutiger Entrücktheit zu Boden . Er brach jäh ab , als wolle er damit Beifall und Dank verhindern , Sylvester von Erfft nahm ihm gegenüber Platz und fragte freundlich , ob er für die nächste Zeit bestimmte Pläne habe . » Ich gehe nach Nürnberg zurück und werde heiraten , « sagte Daniel . » Ich habe eine Braut . Sie wartet auf mich . Schon lange . « Ob er nicht die frühzeitige Ehefessel fürchte ? erkundigte sich Herr von Erfft , aber Daniel entgegnete kurz , er brauche einen Menschen zwischen sich und der Welt . » So etwas wie einen Puffer , « warf Frau Agathe spöttisch hin . Daniel schaute ihr unwillig ins Gesicht . » Puffer ? nein , oder doch , wenn ein Schutzengel einen vor Püffen bewahrt , « sagte er noch barscher . » Weshalb wollen Sie sich gerade in Nürnberg niederlassen , einer Stadt von so einseitig kommerzieller Richtung ? « fuhr Herr von Erfft mit fast ängstlicher Behutsamkeit zu fragen fort . » Würde Ihr Leben nicht in einer der großen Metropolen der Kunst gesicherter sein ? « » Es geht nicht an , den Vater von seiner Tochter ganz zu trennen , « antwortete Daniel plötzlich mit unerwarteter Offenheit . » Es geht nicht an . Auch kann man den alten Mann nicht mehr aus seiner Umgebung reißen ; dort ist er nun einmal verwachsen . Und ich will nicht länger allein bleiben . Irgendein Herz braucht jeder , und der Bergmann gräbt leichter im Schacht , wenn er weiß , daß droben sein Weib die Suppe kocht . Auf die Suppe bin ich freilich nicht versessen , auf das Seelchen nur , das Seelchen , das einem gehört . « Er drehte sich um und schlug breit einen Moll-Akkord an . » Und wäre auch alles anders , « begann er wieder und zog das Gesicht in bizarre Falten , » mich zög ' s nicht nach Ihren Metropolen . Was wäre dort zu suchen ? Kameraderien ? Hab genug davon erfahren . Am Handwerk lern ich zu Hause . Ich kann die Meister aller Zeiten in meine Stube bitten . Ruhm und Geld finden den Weg zu mir , wenn sie wollen . Die Morgenröte wird nur von den Schläfern übersehen und echte Musik nur von den Tauben überhört . Das übrige steht bei Gott und nicht bei den Menschen . « Zum zweitenmal schlug er den Akkord an , jetzt in Dur . Mit sichtlicher Freude und Teilnahme ruhten die Blicke des Herrn von Erfft und seiner Frau auf ihm . Silvia flüsterte ihrer Mutter etwas zu , diese nickte und sagte zu Daniel : » Eine meiner Schwestern lebt in Nürnberg , die Freifrau Clotilde von Auffenberg . Sie war von Jugend an eine enthusiastische Verehrerin guter Musik , und wenn ich Ihnen einen Empfehlungsbrief an sie mitgebe , würden Sie gewiß mit offenen Armen aufgenommen . Freilich ist sie kränklich , und ein schweres Verhängnis schwebt über ihrem Leben , aber sie hat Herz und ist verläßlich in ihren Neigungen . « Daniel sah vor sich nieder . Er dachte an Gertrud und an die Zukunft mit ihr und murmelte ein paar Worte des Dankes . Frau von Erfft setzte sich gleich an den Schreibtisch und schrieb einen ausführlichen Brief an ihre Schwester . Als sie fertig war , überreichte sie ihn Daniel mit gütigem Lächeln . Am andern Morgen verließ er Schloß Erfft mit dem Bedauern , mit dem man von einem Wohnsitz des Friedens und von edlen Freunden scheidet . 13 In den Straßen Nürnbergs hingen schwarze Fahnen . Es regnete . Daniel bezog ein billiges Zimmer im Bären . Die Dämmerung war eingebrochen , als er sich auf den Weg zu Jordans begab . Im Haustor stieß er mit Benno zusammen . Er erkannte den stutzerhaft gekleideten Menschen nicht und wollte vorübergehen . Aber Benno blieb mit lautem Lachen stehen . » Ei , der Herr Kapellmeister ! « rief er , und das blasse , trotz seiner zwanzig Jahre bereits verlebte Gesicht zeigte einen gewissen Hohn , » nur Vorsicht , mein Lieber , damit die Gertrud nicht in Ohnmacht fällt . « Daniel fragte , ob alle gesund seien . An Gesundheit fehle es nicht , wohl aber an kleiner Münze , versetzte Benno lachend ; mit dem Vater sei nicht mehr viel los , der komme auf keinen grünen Zweig mehr ; na ja , das Alter , die Konkurrenz , die bösen Zeiten . Ob Lenore zu Hause sei , fragte Daniel . Nein , die sei mit der Notarin Rübsam nach Pommersfelden gefahren und wolle ein paar Wochen dort bleiben . » Nun muß ich mich aber sputen , « brach Benno das Gespräch ab , » meine Vereinsbrüder warten auf mich . « » Potzblitz , Vereinsbrüder haben Sie auch ? « » Natürlich , das ist doch die Würze des Daseins . Heute haben wir einen geschäftsfreien Tag ; Königsbegräbnis . Gott befohlen , Herr Kapellmeister . « Daniel läutete oben , und Gertrud öffnete die Türe . Es war dunkel , jeder gewahrte nur die Umrisse des andern . » Du bist ' s , Daniel , « flüsterte sie seligmatt , näherte sich ihm und lehnte das Gesicht an seine Schulter . Daniel wunderte sich , daß seine Pulse so gleichmäßig klopften . Noch gestern hatte ihm der Gedanke an dieses Wiedersehen den Atem benommen . Nun hielt er Gertrud im Arm und wunderte sich über seine Ruhe . In der Stube führte er sie unter die Lampe und schaute mit ernster Aufmerksamkeit lange in ihr Gesicht . Unter seinem sonderbar grausamen Blick erbleichte sie . Dann ergriff er ihre Hand , zog sie auf das Sofa neben sich und entwickelte ihr den Plan , den er gefaßt . Sie hatte keine andern Wünsche als die seinen . Er wollte zwischen heute und vier Wochen heiraten ; gut , sie würden heiraten . Er fand die grenzenlos Ergebene wieder , die er verlassen . Ihr Auge erschütterte ihn , in dem ein schicksalsvoller Gehorsam leuchtete . Sie hatte kein feiges Bedenken . Ihre kühle Hand zuckte nicht in seiner ; mit ihrer Hand lag ihre Seele , ihr ganzes Leben in seiner Hand . Er wollte Zweifel in ihr erwecken und sprach mutlos von seinen Aussichten , auch daß er wenig Hoffnung habe , mit seinen Arbeiten die Anerkennung der Welt zu erringen . » Wozu Anerkennung ? « fragte sie ; » sie können doch nichts von dir wegnehmen , und was sie dir geben , ist Gewinn . « Da schwieg er , und das Gefühl von ihrem Wert schwebte wie ein feuriges Meteor durch den Himmel seines Daseins . Die Eröffnung , daß sie in der Stadt bleiben würden , machte sie glücklich , des Vaters wegen . Sie sagte , am Egydienplatz sei eine kleine Wohnung zu vermieten , drei Zimmer in einem stillen Haus . Sie traten ans Fenster , und Gertrud zeigte ihm das Haus . Es war näher bei der Kirche , an der Biegung des Platzes . Der heimkehrende Inspektor bewillkommnete Daniel mit langem Händeschütteln . Er war grau geworden , ging gebückter denn früher , und sein Anzug wies Spuren der Vernachlässigung auf . Als er erfahren , was Daniel und Gertrud beschlossen hatten , schüttelte er den Kopf . » Kinder , es ist ein Unglücksjahr , « sagte er ; » eilt ' s euch denn gar so , wo ihr doch noch ein blutjunges Volk seid ? « » Wären wir weniger jung , so hätten wir weniger Mut dazu , « antwortete Daniel . Der Inspektor setzte sich und stützte die Stirn auf die Hand . Nach einer Weile sagte er , vor drei Jahren habe er noch bare achttausend Mark auf der Bank liegen gehabt , aber die ungünstigen Umstände hätten ihn dann gezwungen , sich des Kapitals zur Bestreitung des täglichen Unterhalts zu bedienen und jetzt sei kaum ein Drittel mehr davon übrig . Zweitausend Mark sei alles , was er Gertrud als Mitgift geben könne , und damit müßten sich die beiden zurecht finden . » Mehr braucht ' s auch nicht , « erwiderte Daniel , » hab nicht so viel zu erhoffen gewagt . Nun hab ich keine Sorgen mehr