gelingt , Ihnen die trüben Gedanken zu verscheuchen . Sagen Sie , was Sie wollen : Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer , sondern vorläufig nur ein junges Mädchen , dem der Tauwind noch manchen bösen Streich spielen kann . « Sie wurde plötzlich ganz lustig : » Ja , was ist denn das heute mit Ihnen , Herr Pernath ? So hab ' ich Sie noch nie gesehen ! - Übrigens Tauwind : bei uns Judenmädchen lenken bekanntlich die Eltern den Tauwind , und wir haben nur zu gehorchen . Tuen es natürlich auch . Es steckt uns schon so im Blut . - Mir ja nicht « , setzte sie ernsthafter hinzu , » meine Mutter hat bös gestreikt , als sie den gräßlichen Aaron Wassertrum heiraten sollte . « » Was ? Ihre Mutter ? Den Trödler da unten ? « Mirjam nickte . » Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen . - Für den armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag . « » Armer Mensch , sagen Sie ? « fuhr ich auf . » Der Kerl ist ein Verbrecher . « Sie wiegte nachdenklich den Kopf : » Gewiß , er ist ein Verbrecher . Aber wer in einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird , muß ein Prophet sein . « Ich rückte neugierig näher : » Wissen Sie Genaueres über ihn ? Mich interessiert das . Aus ganz besonderen - - « » Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen hätten , Herr Pernath , wüßten Sie sofort , wie es in seiner Seele ausschaut . Ich sage das , weil ich als Kind sehr oft drin war . - Warum sehen Sie mich so erstaunt an ? Ist denn das so merkwürdig ? - Gegen mich war er immer freundlich und gütig . Einmal sogar , erinnere ich mich , schenkte er mir einen großen blitzenden Stein , der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte . Meine Mutter sagte , es sei ein Brillant , und ich mußte ihn natürlich sofort zurücktragen . Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen , aber dann riß er ihn mir aus der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich . Ich habe aber dennoch gesehen , wie ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten ; ich konnte auch damals schon genug Hebräisch , um zu verstehen , was er murmelte : Alles ist verflucht , was meine Hand berührt . - - Es war das letzte Mal , daß ich ihn besuchen durfte . Nie wieder hat er mich seitdem aufgefordert , zu ihm zu kommen . Ich weiß auch warum : Hätte ich ihn nicht zu trösten versucht , wäre alles beim alten geblieben , so aber , weil er mir unendlich leid tat und ich es ihm sagte , wollte er mich nicht mehr sehen . - - - Sie verstehen das nicht , Herr Pernath ? Es ist doch so einfach : er ist ein Besessener , - ein Mensch , der sofort mißtrauisch , unheilbar mißtrauisch wird , wenn jemand an sein Herz rührt . Er hält sich für noch viel häßlicher , als er in Wirklichkeit ist , - wenn das überhaupt möglich sein kann , und darin wurzelt sein ganzes Denken und Handeln . Man sagt , seine Frau hätte ihn gern gehabt , vielleicht war es mehr Mitleid als Liebe , aber immerhin glaubten es sehr viele Leute . Der einzige , der vom Gegenteil tief durchdrungen war , war er . Überall wittert er Verrat und Haß . Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme . Ob es daher kam , daß er ihn vom Säuglingsalter an hatte heranwachsen sehen , also das Keimen jeder Eigenschaft von Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie zu einem Punkte gelangte , wo sein Mißtrauen hätte einsetzen können , oder ob es im jüdischen Blute lag : alles , was an Liebesfähigkeit in ihm lebte , auf seinen Nachkommen auszugießen - in jener instinktiven Furcht unserer Rasse : wir könnten aussterben und eine Mission nicht erfüllen , die wir vergessen haben , die aber dunkel in uns fortlebt , - wer kann das wissen ! Mit einer Umsicht , die beinahe an Weisheit grenzte , und bei einem unbelesenen Menschen , wie er , wunderbar ist , leitete er die Erziehung seines Sohnes . Mit dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde jedes Erlebnis aus dem Wege , das zur Entwicklung der Gewissenstätigkeit hätte beitragen können , um ihm künftige seelische Leiden zu ersparen . Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten , der die Ansicht verfocht , die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzäußerung ein mechanischer Reflex . Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für sich selbst herauspressen wie nur irgend möglich , und dann die Schale sofort als nutzlos wegzuwerfen : das war ungefähr das Abc seines weitblickenden Erziehungssystems . Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur Macht dabei eine erste Rolle spielte , können Sie sich denken , Herr Pernath . Und so wie er selbst den eigenen Reichtum sorgsam geheim hält , um die Grenzen seines Einflusses in Dunkel zu hüllen , so ersann er sich ein Mittel , seinem Sohn Ähnliches zu ermöglichen , ihm aber gleichzeitig die Qual eines scheinbar ärmlichen Lebens zu ersparen : er durchtränkte ihn mit der infernalischen Lüge von der Schönheit , brachte ihm die äußere und innere Gebärde der Ästhetik bei , lehrte ihn äußerlich : die Lilie auf dem Felde heucheln und innerlich ein Aasgeier sein . Natürlich war das mit der Schönheit wohl kaum eigene Erfindung von ihm - vermutlich die Verbesserung eines Ratschlags , den ihm ein Gebildeter gegeben hatte . Daß ihn sein Sohn später verleugnete , wo und wann er nur konnte , nahm er niemals übel . Im Gegenteil , er machte es ihm zur Pflicht : denn seine Liebe war selbstlos , und wie ich es schon einmal von meinem Vater sagte : - von der Art , die übers Grab hinausgeht . « Mirjam schwieg einen Augenblick und ich sah ihr an , wie sie ihre Gedanken stumm weiterspann , hörte es an dem veränderten Klang ihrer Stimme , als sie sagte : » Seltsame Früchte wachsen auf dem Baume des Judentums . « » Sagen Sie , Mirjam , « fragte ich , » haben Sie nie davon gehört , daß Wassertrum eine Wachsfigur in seinem Laden stehen hat ? Ich weiß nicht mehr , wer es mir erzählt hat , - es war vielleicht nur ein Traum - - « » Nein , nein , es ist schon richtig , Herr Pernath : eine lebensgroße Wachsfigur steht in der Ecke , in der er , mitten unter dem tollsten Gerümpel , auf seinem Strohsack schläft . Er hat sie vor Jahren einem Schaubudenbesitzer abgewuchert , heißt es , bloß weil sie einem Mädchen - einer Christin - ähnlich sah , die angeblich einmal seine Geliebte gewesen sein soll . « » Charouseks Mutter ! « drängte es sich mir auf . » Ihren Namen wissen Sie nicht , Mirjam ? « Mirjam schüttelte den Kopf . » Wenn Ihnen daran liegt , - soll ich mich erkundigen ? « » Ach Gott , nein , Mirjam ; es ist mir vollkommen gleichgültig « , ( ich sah an ihren blitzenden Augen , daß sie sich in Eifer geredet hatte . Sie durfte nicht wieder zu sich kommen , nahm ich mir vor ) » aber was mich viel mehr interessiert , ist das Gebiet , von dem Sie vorhin flüchtig sprachen . Ich meine das vom Tauwind . - Ihr Vater würde Ihnen doch gewiß nicht vorschreiben , wen Sie heiraten sollen ? « Sie lachte lustig auf : » Mein Vater ? Wo denken Sie hin ! « » Nun , das ist ein großes Glück für mich . « » Wieso ? « fragte sie arglos . » Weil ich dann noch Chancen habe . « Es war nur ein Scherz , und sie nahm es auch nicht anders hin , aber doch sprang sie rasch auf und ging ans Fenster , um mich nicht sehen zu lassen , daß sie rot wurde . Ich lenkte ein , um ihr aus der Verlegenheit zu helfen : » Das eine bitte ich mir aus als alter Freund : Mich müssen Sie einweihen , wenn ' s einmal so weit ist . - Oder gedenken Sie überhaupt ledig zu bleiben ? « » Nein ! nein ! nein ! « - sie wehrte so entschlossen ab , daß ich unwillkürlich lächelte - » einmal muß ich ja doch heiraten . « » Natürlich ! Selbstverständlich ! « Sie wurde nervös wie ein Backfisch . » Können Sie denn nicht eine Minute ernsthaft bleiben , Herr Pernath ? « - Ich machte gehorsam ein Lehrergesicht , und sie setzte sich wieder . - » Also : wenn ich sage , ich muß doch einmal heiraten , so meine ich damit , daß ich mir zwar bis jetzt den Kopfüber die näheren Umstände nicht zerbrochen habe , den Sinn des Lebens aber gewiß nicht verstünde , wenn ich annehmen würde , ich sei als Weib auf die Welt gekommen , um kinderlos zu bleiben . « Das erste Mal , seit ich sie kannte , sah ich das Frauenhafte in ihren Zügen . » Es gehört mit zu meinen Träumen « , fuhr sie leise fort , » mir vorzustellen , daß es ein Endziel sei , wenn zwei Wesen zu einem verschmelzen , - zu dem , was - - haben Sie nie von dem ägyptischen Osiriskult gehört ? - zu dem verschmelzen , was der Hermaphrodit als Symbol bedeuten mag . « Ich horchte gespannt auf : » Der Hermaphrodit - ? « » Ich meine : Die magische Vereinigung von männlich und weiblich im Menschengeschlecht zu einem Halbgott . Als Endziel ! - Nein , nicht als Endziel , als Beginn eines neuen Weges , der ewig ist - kein Ende hat . « » Und hoffen Sie , dereinst denjenigen zu finden , « fragte ich erschüttert , » den Sie suchen ? - Kann es nicht sein , daß er in einem fernen Land lebt , vielleicht gar nicht auf Erden ist ? « » Davon weiß ich nichts « ; sagte sie einfach , » ich kann nur warten . Wenn er durch Zeit und Raum von mir getrennt ist , - was ich nicht glaube , weshalb wäre ich dann hier im Ghetto angebunden ? - oder durch die Klüfte gegenseitigen Nichterkennens - und ich finde ihn nicht , dann hat mein Leben keinen Zweck gehabt und war das gedankenlose Spiel eines idiotischen Dämons . - Aber , bitte , bitte , reden wir nicht mehr davon , « flehte sie , » wenn man den Gedanken nur ausspricht , bekommt er schon einen häßlichen , irdischen Beigeschmack , und ich möchte nicht - « Sie brach plötzlich ab . » Was möchten Sie nicht , Mirjam ? « Sie hob die Hand . Stand rasch auf und sagte : » Sie bekommen Besuch , Herr Pernath ! « Seidenkleider raschelten auf dem Gang . Ungestümes Klopfen . Dann : Angelina ! Mirjam wollte gehen ; ich hielt sie zurück : » Darf ich vorstellen : die Tochter eines lieben Freundes - Frau Gräfin - « » Nicht einmal vorfahren kann man mehr . Überall das Pflaster aufgerissen . Wann werden Sie einmal in eine menschenwürdige Gegend siedeln , Meister Pernath ? Draußen schmilzt der Schnee und der Himmel jubelt , daß es einem die Brust zersprengt , und Sie hocken hier in Ihrer Tropfsteingrotte wie ein alter Frosch , - - übrigens wissen Sie , daß ich gestern bei meinem Juwelier war und er gesagt hat : Sie seien der größte Künstler , der feinste Gemmenschneider , den es heute gibt , wenn nicht einer der größten , die je gelebt haben ? ! « - Angelina plauderte wie ein Wasserfall , und ich war verzaubert . Sah nur mehr ihre strahlenden , blauen Augen , die kleinen Füße in den winzigen Lackstiefeln , sah das kapriziöse Gesicht aus dem Wust von Pelzwerk leuchten und die rosigen Ohrläppchen . Sie ließ sich kaum Zeit auszuatmen . » An der Ecke steht mein Wagen . Ich hatte schon Angst , Sie nicht zu Hause zu treffen . Sie haben doch hoffentlich noch nicht zu Mittag gegessen ? Wir fahren zuerst - ja , wohin fahren wir zuerst ? Wir fahren zuerst einmal - warten Sie - - ja : vielleicht in den Baumgarten , oder kurz : irgendwohin ins Freie , wo man so recht das Keimen und heimliche Sprossen in der Luft ahnt . Kommen Sie , kommen Sie , nehmen Sie Ihren Hut ; und dann essen Sie bei mir , - und dann schwätzen wir bis abends . Nehmen Sie doch Ihren Hut ! Worauf warten Sie denn ? - Eine warme , ganz weiche Decke ist unten : da wickeln wir uns ein bis an die Ohren und kuscheln uns zusammen , bis uns siedheiß wird . « Was sollte ich nur sagen ? ! » Soeben habe ich mit der Tochter meines Freundes eine Spazierfahrt verabredet - - « Mirjam hatte sich bereits hastig von Angelina verabschiedet , noch ehe ich aussprechen konnte . Ich begleitete sie bis vor die Tür , obschon sie mich freundlich abwehren wollte . » Hören Sie mich an , Mirjam , ich kann es Ihnen hier auf der Treppe nicht so sagen , wie ich an Ihnen hänge - - und daß ich tausendmal lieber mit Ihnen - - « » Sie dürfen die Dame nicht warten lassen , Herr Pernath , « drängte sie , » adieu und viel Vergnügen ! « Sie sagte es voll Herzlichkeit und unverstellt und echt , aber ich sah , daß der Glanz in ihren Augen erloschen war . Sie eilte die Treppe hinunter , und das Leid schnürte mir die Kehle zusammen . Mir war , als hätte ich eine Welt verloren . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wie im Rausch saß ich an Angelinas Seite . Wir fuhren in rasendem Trab durch die menschenüberfüllten Straßen . Eine Brandung des Lebens rings um mich , daß ich , halb betäubt , nur noch die kleinen Lichtflecke in dem Bilde , das an mir vorüberhuschte , unterscheiden konnte : blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten , blanke Zylinderhüte , weiße Damenhandschuhe , einen Pudel mit rosa Halsschleife , der kläffend in die Räder beißen wollte , schäumende Rappen , die uns entgegensausten in silbernen Geschirren , ein Ladenfenster , drin schimmernde Schalen voll Perlschnüren und funkelnden Geschmeiden , - Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften . Der scharfe Wind , der uns ins Gesicht schnitt , ließ mich die Wärme von Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend empfinden . Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite , wenn wir an ihnen vorüberjagten . Dann ging ' s im Schritt über das Quai , das eine einzige Wagenreihe war , an der eingestürzten steinernen Brücke vorbei , umstaut vom Gewühl gaffender Gesichter . Ich blickte kaum hin : - das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas , ihre Wimpern , das eilige Spiel ihrer Lippen , - alles , alles war mir unendlich viel wichtiger , als zuzusehen , wie die Felstrümmer dort unten den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten . - Parkwege . Dann - gestampfte , elastische Erde . Dann Laubrascheln unter den Hufen der Pferde , nasse Luft , blätterlose Baumriesen voll von Krähennestern , totes Wiesengrün mit weißlichen Inseln schwindenden Schnees , alles zog an mir vorbei wie geträumt . Nur mit ein paar kurzen Worten , fast gleichgültig , kam Angelina auf Dr. Savioli zu sprechen . » Jetzt , wo die Gefahr vorüber ist « , sagte sie mit entzückender , kindlicher Unbefangenheit , » und ich weiß , daß es ihm auch wieder besser geht , kommt mir alles das , was ich mitgemacht habe , so gräßlich langweilig vor . - Ich will mich endlich einmal wieder freuen , die Augen zumachen und untertauchen in dem glitzernden Schaum des Lebens . Ich glaube , alle Frauen sind so . Sie gestehen es bloß nicht ein . Oder sind sie so dumm , daß sie es selbst nicht wissen . Meinen Sie nicht auch ? « Sie hörte gar nicht hin , was ich darauf antwortete . » Übrigens sind mir die Frauen vollständig uninteressant . Sie dürfen es natürlich nicht als Schmeichelei auffassen : aber - wahrhaftig , die bloße Nähe eines sympathischen Mannes ist mir im kleinen Finger lieber als das anregendste Gespräch mit einer noch so gescheiten Frau . Es ist ja schließlich doch alles dummes Zeug , was man da zusammenschwätzt . - Höchstens : das bißchen Putz - na und ! Die Moden wechseln ja nicht gar so häufig . - - Nicht wahr , ich bin leichtsinnig ? « , fragte sie plötzlich kokett , daß ich mich , bestrickt von ihrem Reiz , zusammennehmen mußte , nicht ihr Köpfchen zwischen meine Hände zu nehmen und sie in den Nacken zu küssen , - » sagen Sie , daß ich leichtsinnig bin ! « Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in mich ein . Wir fuhren aus der Allee heraus an Bosketts entlang mit strohumwickelten Zierstauden , die aussahen in ihren Hüllen wie Rümpfe von Ungeheuern mit abgehauenen Gliedern und Häuptern . Leute saßen auf Bänken in der Sonne und blickten hinter uns drein und steckten die Köpfe zusammen . Wir schwiegen eine Weile und hingen unseren Gedanken nach . Wie war Angelina doch so vollständig anders , als sie bisher in meiner Einbildung gelebt hatte ! - Als sei sie erst heute für mich in die Gegenwart gerückt ! War das wirklich dieselbe Frau , die ich damals in der Domkirche getröstet hatte ? Ich konnte den Blick nicht wenden von ihrem halboffenen Mund . Sie sprach noch immer kein Wort . Schien im Geiste ein Bild zu sehen . Der Wagen bog über eine feuchte Wiese . Es roch nach erwachender Erde . » Wissen Sie , - - Frau - - ? « » Nennen Sie mich doch Angelina « , unterbrach sie mich leise . » Wissen Sie , Angelina , daß - daß ich heute die ganze Nacht von Ihnen geträumt habe ? « , stieß ich gepreßt hervor . Sie machte eine kleine rasche Bewegung , als wolle sie ihren Arm aus meinem ziehen , und sah mich groß an . » Merkwürdig ! Und ich von Ihnen ! - Und in diesem Moment habe ich dasselbe gedacht . « Wieder stockte das Gespräch , und beide errieten wir , daß wir auch dasselbe geträumt hatten . Ich fühlte es an dem Beben ihres Blutes . Ihr Arm zitterte kaum merklich an meiner Brust . Sie blickte krampfhaft von mir weg aus dem Wagen hinaus . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Langsam zog ich ihre Hand an meine Lippen , streifte den weißen , duftenden Handschuh zurück , hörte , wie ihr Atem heftig wurde , und preßte toll vor Liebe meine Zähne in ihren Handballen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Stunden später ging ich wie ein Trunkener durch den Abendnebel hinab der Stadt zu . Planlos wählte ich die Straßen und ging lange , ohne es zu wissen , im Kreise herum . Dann stand ich am Fluß über eisernes Geländer gebeugt und starrte hinab in die tosenden Wellen . Noch immer fühlte ich Angelinas Arme um meinen Nacken , sah das steinerne Becken des Springbrunnens , an dem wir schon einmal Abschied voneinander genommen vor vielen Jahren , vor mir , mit den faulenden Ulmenblättern darin , und sie wanderte wieder mit mir , wie soeben erst vor kurzem , den Kopf an meine Schulter gelehnt , stumm durch den frösteldnen , dämmrigen Park ihres Schlosses . Ich setzte mich auf eine Bank und zog den Hut tief ins Gesicht , um zu träumen . Die Wasser brausten über das Wehr und ihr Rauschen verschlang die letzten , aufmurrenden Geräusche der schlafengehenden Stadt . Wenn ich von Zeit zu Zeit meinen Mantel fester um mich zog und aufblickte , lag der Fluß in immer tieferen Schatten , bis er endlich , von der schweren Nacht erdrückt , schwarzgrau dahinströmte und der Gischt des Staudamms als weißer , blendender Streifen schräg hinüber zum andern Ufer lief . Mich schauderte bei dem Gedanken , wieder zurück zu müssen in mein trauriges Haus . Der Glanz eines kurzen Nachmittags hatte mich für immer zum Fremdling in meiner Wohnstätte gemacht . Eine Spanne von wenigen Wochen , vielleicht nur von Tagen , dann mußte das Glück vorüber sein - und nichts blieb davon als eine wehe , schöne Erinnerung . Und dann ? Dann war ich heimatlos hier und drüben , diesseits und jenseits des Flusses . Ich stand auf ! Wollte noch durch das Parkgitter einen Blick auf das Schloß werfen , hinter dessen Fenstern sie schlief , ehe ich in das finstere Ghetto ging . - - - Ich schlug die Richtung ein , aus der ich gekommen war , tappte mich durch den dichten Nebel an Häuserreihen entlang und über schlummernde Plätze , sah schwarze Monumente drohend auftauchen und einsame Schilderhäuser und die Schnörkel von Barockfassaden . Der matte Schimmer einer Laterne wuchs zu riesigen , phantastischen Ringen in verblichenen Regenbogenfarben aus dem Dunst heraus , wurde zum fahlgelben , stechenden Auge und zerging hinter mir in der Luft . Mein Fuß tastete breite , steinerne Stufenflächen , mit Kies bestreut . Wo war ich ? Ein Hohlweg , der steil aufwärts führt ? Glatte Gartenmauern links und rechts ? Die kahlen Äste eines Baumes hängen herüber . Sie kommen vom Himmel herunter : der Stamm verbirgt sich hinter der Nebelwand . - Ein paar morsche , dünne Zweige brechen krachend ab , wie mein Hut sie streift , und fallen an meinem Mantel hinab in den nebligen grauen Abgrund , der mir meine Füße verbirgt . Dann ein strahlender Punkt : ein einsames Licht in der Ferne - irgendwo - rätselhaft - zwischen Himmel und Erde . - - - Ich mußte fehlgegangen sein . Es konnte nur die » alte Schloßstiege « sein neben den Hängen der Fürstenbergschen Gärten - - - Dann lange Strecken lehmiger Erde . - Ein gepflasterter Weg . Ein massiger Schatten ragt hoch auf , den Kopf in einer schwarzen , steifen Zipfelmütze : » die Daliborka « = der Hungerturm , in dem Menschen einst verschmachteten , derweilen Könige unten im » Hirschgraben « das Wild hetzten . Ein schmales , gewundenes Gäßchen mit Schießscharten , ein Schneckengang , kaum breit genug , die Schultern durchzulassen - und ich stand vor einer Reihe von Häuschen , keines höher als ich . Wenn ich den Arm ausstreckte , konnte ich auf die Dächer greifen . Ich war in die » Goldmachergasse « geraten , wo im Mittelalter die alchimistischen Adepten den Stein der Weisen geglüht und die Mondstrahlen vergiftet haben . Es führte kein anderer Weg hinaus als der , den ich gekommen war . Aber ich fand die Mauerlücke nicht mehr , die mich eingelassen , - stieß an ein Holzgatter . Es nützt nichts , ich muß jemand wecken , damit man mir den Weg zeigt , sagte ich mir . Sonderbar , daß hier ein Haus die Gasse abschließt - größer als die andern und anscheinend wohnlich ? Ich kann mich nicht entsinnen , es je bemerkt zu haben . Es muß wohl weiß getüncht sein , daß es so hell aus dem Nebel leuchtet ? Ich gehe durch das Gatter über den schmalen Gartenstreif , drücke das Gesicht an die Scheiben : - alles finster . Ich klopfe ans Fenster . - Da geht drinnen ein steinalter Mann , eine brennende Kerze in der Hand , durch eine Tür mit greisenhaft wankenden Schritten bis mitten in die Stube , bleibt stehen , dreht langsam den Kopf nach den verstaubten alchimistischen Retorten und Kolben an der Wand , starrt nachdenklich auf die riesigen Spinnweben in den Ecken und richtet dann seinen Blick unverwandt auf mich . Der Schatten seiner Backenknochen fällt ihm auf die Augenhöhlen , daß es aussieht , als seien sie leer wie die einer Mumie . Er sieht mich offenbar nicht . Ich klopfe ans Glas . Er hört mich nicht . Geht lautlos wie ein Schlafwandler wieder aus dem Zimmer . Ich warte vergebens . Klopfe ans Haustor : niemand öffnet . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Es blieb mir nichts übrig , als so lange zu suchen , bis ich den Ausgang aus der Gasse endlich fand . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ob es nicht am besten wäre , ich ginge noch unter Menschen , überlegte ich . - Zu meinen Freunden : Zwakh , Prokop und Vrieslander ins » alte Ungelt « , wo sie bestimmt sein würden - , um meine verzehrende Sehnsucht nach Angelinas Küssen wenigstens für ein paar Stunden zu übertäuben ? Rasch mache ich mich auf den Weg . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wie ein Trifolium von Toten hockten sie um den wurmstichigen , alten Tisch herum , - alle drei : weiße dünnstielige Tonpfeifen zwischen den Zähnen , und das Zimmer voll Rauch . Man konnte kaum ihre Gesichtszüge unterscheiden , so schluckten die dunkelbraunen Wände das spärliche Licht der altmodischen Hängelampe ein . In der Ecke die spindeldürre , wortkarge , verwitterte Kellnerin mit ihrem ewigen Strickstrumpf , dem farblosen Blick und der gelben Entenschnabelnase ! Mattrote Decken hingen vor den geschlossenen Türen , so daß die Stimmen der Gäste im Nebenzimmer nur wie das leise Summen eines Bienenschwarms herüberdrangen . Vrieslander , seinen kegelförmigen Hut mit der geraden Krempe auf dem Kopf , mit seinem Knebelbart , der bleigrauen Gesichtsfarbe und der Narbe unter dem Auge , sah aus wie ein ertrunkener Holländer aus einem vergessenen Jahrhundert . Josua Prokop hatte sich eine Gabel quer durch die Musikerlocken gesteckt , klapperte unaufhörlich mit seinen gespenstisch langen Knochenfingern und sah bewundernd zu , wie sich Zwakh abmühte , der bauchigen Arakflasche das Purpurmäntelchen einer Marionette umzuhängen . » Das wird Babinski « , erklärte mir Vrieslander mit tiefem Ernst . » Sie wissen nicht , wer Babinski war ? Zwakh , erzählen Sie Pernath rasch , wer Babinski war ! « » Babinski war « , begann Zwakh sofort , ohne auch nur eine Sekunde von seiner Arbeit aufzusehen , » einst ein berühmter Raubmörder in Prag . - Viele Jahre betrieb er sein schändliches Handwerk , ohne daß es jemand bemerkt hätte . Nach und nach jedoch fiel es in den besseren Familien auf , daß bald dieses , bald jenes Mitglied der Sippe beim Essen fehlte und sich nie wieder blicken ließ . Wenn man auch anfangs nichts sagte , da die Sache gewissermaßen ihre guten Seiten hatte , indem man weniger zu kochen brauchte , so durfte wiederum nicht außer acht gelassen werden , daß das Ansehen in der Gesellschaft leicht darunter leiden und man ins Gerede kommen konnte . Besonders , wenn es sich um das spurlose Verschwinden mannbarer Töchter handelte . Überdies verlangte die Hochachtung vor sich selbst , daß man auf ein bürgerliches Zusammenleben in der Familie nach außen hin das nötige Gewicht legte . Die Zeitungsrubriken : » Kehre zurück , alles ist verziehen « wuchsen immer mehr und mehr , - ein Umstand , den Babinski , leichtsinnig wie die meisten Berufsmörder , in seine Berechnungen nicht einbezogen hatte , - und erregten schließlich die allgemeine Aufmerksamkeit . In dem lieblichen Dörfchen Krtsch bei Prag hatte sich Babinski , der innerlich ein ausgesprochen idyllischer Charakter war , mit der Zeit durch seine unverdrossene Tätigkeit ein kleines , aber trautes Heim geschaffen . Ein Häuschen , blitzend vor Sauberkeit , und ein Gärtchen davor mit blühenden Geranien . Da es ihm seine Einkünfte nicht gestatteten , sich zu vergrößern , sah er sich genötigt , um die Leichen seiner Opfer unauffällig bestatten zu können , statt eines Blumenbeetes - wie er es gern gesehen hätte - einen grasbewachsenen und schlichten , aber , den Umständen angemessen : zweckmäßigen Grabhügel anzulegen , der sich mühelos verlängern ließ , wenn es der Betrieb oder die Saison erforderte . Auf