hell geworden . » Gerade dies wäre ein Gegengewicht . Doch , ehrlich gestanden , es ist am Ende besser so . Ich wäre vielleicht eifersüchtig geworden . Irgendein Rest von - verzeih ! - barbarischem Lebensdurst zeigt sich zuweilen auch bei ihr . Und jetzt « - er legte die Hand über die Augen , als wolle er einen zu deutlichen Ausdruck seiner Hoffnungen verbergen , » jetzt hört sie mit mir naturwissenschaftliche Vorlesungen . « Konrad war nachdenklich geworden : » Ob nicht Frauen nur aus unterdrücktem Lebensdurst studieren ? « meinte er . Warburg blickte erstaunt . » Muß ich dich an - Else erinnern ? ! « sagte er leise . » Else - « Konrad wandte sich ab , tief erblaßt , und sah lange zum Fenster hinaus auf den wirbelnden Schnee , der sich auf der Straße unten in schwarzen Schmutz wandelte . Eine plötzliche Sehnsucht nach weißem , frostkrachendem Winter überkam ihn . » Ob wir beide uns nicht irgendwo im Gebirge Hirn und Herz durch Gletscherwind kühlen lassen sollten ? « sagte er . Aber der Freund machte eine sehr heftige Abwehrbewegung : » Mitten im Semester ? ! Und ich weiß , Sara liebt das Gebirge nicht . « Ihn aber ließ der Gedanke nicht los . In einem verschneiten Dorfe , einsam , fern aller Welt , träumte er sich mit Renetta . Und ein Erlebnis , das ihn stürmisch erregte , bestärkte ihn in seinem Plan . Sie hatte eigensinnig darauf bestanden , den Besuch Eulenburgs zu einer Stunde anzunehmen , die sonst nur ihm allein gehörte , und hatte ihm für ein Gedicht , das in glühenden Farben ihre Reize pries , ein Lächeln geschenkt aus Dank , Eitelkeit , Verheißung gewoben - » Was hast du mit dem Menschen ? « rief er , als Eulenburg nach einem , wie ihm schien , allzu bedeutungsvollen Handkuß gegangen war . In ihren Augen blitzte es auf ; sie fühlte , wie der Geliebte , ihr Herr bisher , an der Kette der Eifersucht lag wie ein Sklave . Und plötzlich überwältigte sie ein fassungsloses Weinen . Mit einem langen , fremden Blick sah sie ihn an , als er die vermeintlich durch seinen unsinnigen Verdacht Gekränkte mit Anklagen seiner selbst und Bitten um ihre Verzeihung zu beruhigen suchte . Ihre Tränen versiegten . Merkwürdig , wie sie , in einer Empfindung von Schreck und Staunen gemischt , ihr eigenes Ich aus sich selbst heraustreten sah und neugierig betrachtete : Eine Eishand preßte ihr Herz zusammen , bis der letzte Tropfen roten Blutes daraus entwichen war . Mit absichtsvoller Bewußtheit schmeichelte sie seine Erregung hinweg und schien widerspruchslos , ja mit freudigem Nachgeben auf seine Wünsche einzugehen . Versunken in dem Gedanken an die neuen , fremdartigen Reize , die ihrem Liebesleben bevorstanden - er sah sich mit ihr auf gleitenden Hölzern über weite Schneeflächen fliegen , träumte von einsamen Nächten auf verlassenen Hütten - ging er von ihr , heimlich durch Nebenstraßen schleichend , um , noch ganz im Bann ihrer Nähe , kein anderes bekanntes Gesicht sehen zu müssen . Daß ein Neues , Fremdes zwischen ihnen gewesen war , daß in ihre Hingabe etwas wie Empörung sich eingeschlichen , das Weibliche über das Männliche triumphiert hatte , kam ihm nur wie ein dumpfer , vom Morgengrauen ausgelöschter Traum zum Bewußtsein . Auch daß unter ihrem Schmeicheln das einsame Bergdorf zu einem Wintersportplatz geworden war . Und nun saß er im gleichen Coupé mit der ganzen Familie , denn auch das Kind , ein kleiner , dünngliederiger Backfisch mit kühlen , geschlitzten Augen in dem gelben Gesicht , war mitgenommen worden . War ihm schon die Gegenwart des Bankiers eine Qual , so steigerte sie sich durch die Anwesenheit der Tochter zur Unerträglichkeit . Die schöne junge Frau , Gattin dieses Mannes , das war schon eine Karikatur . Aber Renetta , als Mutter dieses Mädchens , bei dessen Anblick seine Phantasie ihm das Bild des unbekannten scheußlichen Vaters heraufbeschwor und die widerlichen Liebesstunden der Eltern , deren Frucht sie war , brachte ihn fast in einen Zustand von Raserei . » Warum diese Begleitung ? « stieß er wild hervor , als der Bankier mit seiner Stieftochter im Speisewagen verschwunden war . » Er sagte , er täte es nicht anders , « antwortete sie gleichgültig , » man müsse die Dehors wahren . « Die Dehors wahren ? ! Das schien ja fast , als wisse er - Sie kamen an Bamberg vorbei . » Ihre Heimat , Baron , « sagte Renetta lächelnd . » Wie schön muß das sein ! « Konrad blickte mit gefurchter Stirne hinaus ; er dachte an den steinernen Reiter im Dom und an seine keusche Ritterlichkeit . An die alte Frau dachte er , droben auf Hochseß , und errötete jäh ; niemals würde er Renetta Veit ihr zuführen können ! Als er sich umwandte , saß sie , weit vorgeneigt , die Arme auf die Knie gestützt , in die Hände mit den glänzenden spitzen Nägeln an den beringten Fingern das Kinn vergraben , und starrte ihn an mit jenem Blick der thronenden Berolina , voll Kälte und Feuer , voll Haß und Leidenschaft . In dem großen Hotel des Wintersportplatzes sammelte sich ein internationales Publikum um den Sport als den Mittelpunkt allen Interesses . Bis über die Teestunde hinaus waren die weiten Schneeflächen draußen belebt von Menschen , für die es kein Alter mehr zu geben schien : der sehnige , graubärtige Alte , der in weitem , kühnem Bogen vom Berg herunterschoß , gab an Kraft und Schönheit dem Jüngling nichts nach , der auf seinen Flügelbrettern aufjubelnd vom Sprunghügel in die Tiefe flog ; und die reife Frau , die auf dem spiegelnden Eise auf blitzendem Stahl kunstvolle Kreise zog , war um nichts weniger schön und reizvoll , als das junge , schmalhüftige Mädchen , das in sausender Fahrt den kleinen Schlitten zu Tale lenkte . Renetta Veit paßte nicht hierher . Ihre Grazie versagte , wenn es galt , sie mit Kraft und Mut zu paaren . Und wenn sie im strahlenden Wintermorgen , der grausam aller künstlichen Schönheitsmittel spottet , hilflos mitten im Schnee auf Skiern stand , das Gesicht unter den Goldhaaren blau gefroren , dann konnte sie sogar häßlich sein . Sie fühlte das bald und gab alle weiteren Versuche , es den anderen gleich zu tun , auf ; es hätte sie ja auch nur eins gereizt : sie zu übertreffen . Konrad fuhr allein , befreit , voll starkem Kraftbewußtsein zu den Höhen empor und wieder hinab in die Tiefen . Renetta sah ihm nach , mit verschleiertem Blick und geneigtem Nacken , wieder ganz das lauernde Tier . Drohte er ihr zu entgleiten ? ! Und sie ballte im Bewußtsein ihrer Kraft die weißen Hände . Es kamen Tage , wo Konrad , heimkehrend , sie nicht wie sonst , seiner wartend , im Hotel fand . Statt ihrer begegnete ihm Nana , die Tochter , in der Halle . » Mama ist mit Mr. Morton « - einem schwerreichen Amerikaner - » fortgefahren , « sagte sie das eine Mal mit spöttisch verzogenem Munde . » Graf Pechlarn « - der Typus eines flotten österreichischen Offiziers - » hat sie im Schlitten abgeholt , « erklärte sie , von grausamer Freude strahlend , das andere Mal und fügte halb frech , halb altklug leise hinzu : » Sie sollten doch wissen , Herr Baron , Mama ist aus Prinzip untreu . « Von wütender Eifersucht gequält , gab er seine einsamen Fahrten auf und wich kaum noch von ihrer Seite . Und mit der Freude eines Vogelstellers , der mit girrendem Pfeifen und Trillern und mit grausamen Leimruten seine Opfer ins Netz lockt , peitschte sie seine Leidenschaft mit heimlichen Händedrücken und gewährenden Blicken und reizte ihn durch raffinierte Koketterie mit anderen Männern . Zähneknirschend und doch von der Angst gefoltert , sie an einen der vielen anderen verlieren zu können , unterwarf er sich täglich mehr ihren Launen . Daß etwas in ihr , das Beste , der Rest unverdorbenen Weibtums , sich danach sehnte , ihrer selbst fast unbewußt , unterworfen zu werden , daß ihre Seele , je mehr sein Widerstand schwand , um so verzweifelter am Totenbett ihrer sterbenden Liebe weinte , das sah er nicht . Um das Wissen von ihren Seelen hatten sie nie Zeit gehabt , sich zu kümmern . Abends , wenn er mit ihr allein zu sein hoffte , hatte sie stets einen Hofstaat um sich , und am Tage mehrten sich die Sportsleute , die Skier und Bobsleigh um ihretwillen vergaßen . Einmal gelang es ihm , sie im Schlitten der Schar ihrer Bewunderer zu entführen . » Ich ertrag ' s nicht länger , « sagte er , ihr Handgelenk umklammernd , wie an jenem ersten Abend , » willst du mich wahnsinnig machen ? « » Warum wahnsinnig ? « entgegnete sie mit einem dankbaren , fast demütigen Aufblick . » Sagte ich es dir nicht gleich : ich liebe die Liebe , « und als er sich mit finsterer Miene von ihr wandte , fügte sie , den Kopf an seine Schulter legend , so daß ihre Haare seine Wangen streichelten , leise und schmachtend hinzu : » Bin ich nicht dein - nur dein ? ! Sind die anderen mir mehr als ein Spielzeug ? « Er erzählte ihr , noch immer voll Mißtrauen , von dem kecken Ausspruch ihrer Tochter . Sie lachte hell auf : » Das Mädchen ersetzt durch Verstand , was ihr an Schönheit abgeht ! Sie bestätigt nur , was ich vorhin sagte : Spielzeug zerbricht man oder wirft ' s weg , wenn es langweilt . « » Und - ich ? ! « frug er bebend , mit seinem brennenden Blick die Rätsel ihres Gesichts durchforschend . » Du ? ! « sagte sie verwundert , den Arm zärtlich um seine Schultern schlingend . » Du bist mein Geliebter . « Und sie zog seinen Kopf heran , um ihn zu küssen . » Was hat Liebe mit Treue zu tun ? « fuhr sie dann fort . » Wer liebt , ist treu - ohne weiteres . Treue aber ohne Liebe ist eine hündische Tugend . « An jenem Tage fuhren sie weit und blieben bis tief in die Nacht in einem kleinen Dorfwirtshaus , dessen lustige Wirtin das » junge Paar « mit freundlich-derben Witzen empfing , und sie in der Gaststube , wo der große , grüne Kachelofen glühte , im Glasschrank neben dem Myrtenkranz gemalte Tassen und bunte Gnadenbilder glänzten und das hochaufgetürmte Bett in getäfelter Nische stand , ihre Mützen und Mäntel ablegen ließ . Als die Kunde von den leutseligen Fremden , die ein Fäßchen Tiroler hatten anstechen lassen , sich im Dorf verbreitete , füllte sich das Wirtshaus mit Burschen und Mädchen ; und sie jodelten und tanzten um die Wette und sangen ihre neckenden Liebeslieder im Weggehen zu den Fenstern der Gaststube hinauf , die noch lange glänzend in die Schneenacht sahen . Von da an wurden die Stunden unvergifteten Glücks immer seltener . Die Leidenschaft , die sie jetzt zueinander riß , hatte etwas von der feindseligen Gewalt des Hasses . Als sie nach Berlin zurückkehrten , fegte der Märzwind durch die Straßen , und an den Büschen im Tiergarten streckten schon vorwitzige Frühlingstriebe ihre grünen Fingerchen aus . Müde und abgespannt , mehr einer Gewohnheit als einem Wunsche folgend , ging Konrad noch am Abend seiner Ankunft in das Stammcafé seines Freundeskreises . Als er eintrat und durch Wolken Zigarettenrauchs die bekannten Gesichter auftauchen sah , erschrak er . War er verwöhnt durch den Anblick luftgebräunter , sonnengeröteter Haut , oder waren es wirklich Gespenster , die ihm aus tiefliegenden übernächtigen Augen entgegensahen ? Leonie war die erste , die ihm sichtlich erstaunt eine blutleere Hand entgegenstreckte . » Endlich ! « sagte sie . » Sind Sie krank gewesen ? « frug er , mit einem Blick auf ihren Teint , der allen Puders zu spotten schien . » Tangokrank , « spottete einer . » Ihr tanzt immer noch ? « staunte Konrad . » Immer ! « antwortete das Mädchen . » Aber bilden Sie sich nur nicht ein , Baron , daß Sie besser aussehen als wir . « Sie zog ihn auf den leeren Stuhl neben sich und fuhr leiser fort : » Warum bleiben Sie nicht bei uns ? Aus den Händen der anständigen Frauen - « sie schnitt dazu eine Straßenjungengrimasse - » kommt ihr alle so käsebleich . « Er machte eine ärgerliche Bewegung . » Na , nicht böse sein ! Ich bin eine ehrliche Haut und sage , wie ich ' s meine : Was nehmt ihr die dumme Liebe so tragisch . « » Dumme Liebe ? ! « wiederholte er belustigt . » Was denn sonst ? « antwortete sie , » eine ganz nette Belustigung , vielleicht sogar eine Notwendigkeit wie Essen und Trinken , aber doch nicht wert , sie wichtig zu nehmen . « Man lachte ringsum . » Was gibt ' s denn Wichtigeres , Fräulein Leonie ? « frug der alte Hofrat , eine neue Zigarette in den Mundwinkel schiebend . Sie sah nachdenklich vor sich hin und meinte dann langsam : » Wenn ihr ' s für euch selbst nicht wißt , die ihr euch über hunderterlei Ismen allabendlich die Köpfe blutig schlagt , schlimm genug für euch ! Soweit mich ' s angeht , weiß ich ' s. Da ist zum Beispiel die Lia - ihr kennt sie ja - sie ist krank , liegt den ganzen Tag zu Bett , während ihre alte Mutter ihre paar Fähnchen zusammenflickt , um sie abends wieder auf neu ausputzen zu können , wenn sie ausgeht . « » Na - und ? « rief der Hofrat ungeduldig , » eine sehr banale Geschichte ! « » Meinen Sie ? ! « sagte Leonie giftig ; » ist ' s vielleicht banal , daß dies fidele Mädel mit den glänzenden Augen und dem leichtfertigen Leben nur eure Dummheit ausnutzt , um in ein paar Jahren - sofern sie ' s aushält bis dahin ! - mit der Mutter irgendwo in ein Häuschen ins Grüne zu ziehen - das ist nämlich für sie das wichtigste - und auf die ganze sogenannte Liebe zu pfeifen ! « Die um den Tisch Sitzenden waren ernst geworden . » Da soll sie sich nur jetzt an ihren Freund , den Eulenburg , halten , « sagte jemand , » paßt auf , der wird noch heuer der tantiemenreichste Dichter ! « » Wird ihr wenig helfen , « lachte Leonie mit einem Seitenblick auf Konrad , » jetzt , wo Frau Renetta Veit wieder hier ist und die Premiere seines Dramas vor der Türe steht . « » Nimm dein Mundwerk in acht , « fuhr sie Konrad an . » Fällt mir nicht ein , « antwortete sie achselzuckend . » Jemand unter euch wird doch wohl noch sagen dürfen , was er denkt . Der Eulenburg ist fällig . « » Leonie ! « Konrad packte sekundenlang ihren Arm . » Au ! « machte sie und fuhr gleichmütig fort : » Als der arme kleine Prinz sich erschossen hatte - gräßlich muß es übrigens gewesen sein , die Nini erzählte mir erst neulich davon , wie das weiße , blutbesudelte Auto mit dem Toten durch die Straßen raste - « Konrad sah fragend auf : » Ein weißes Auto ? ! « » Mit blauseidenen Sitzen - ja ! Aber was hast du denn ? ! « rief das Mädchen , in das blasse Gesicht des Mannes starrend . Er ging hinaus , ohne Antwort . Sie war also damals , als er sie das erstemal sah , von ihrem Geliebten gekommen ! Warum quälte ihn der Gedanke ? » Ich liebe die Liebe - « er wußte es ja längst - von ihr selbst . Von da an mied Konrad die Tafelrunde . Auch zur Erstaufführung von Eulenburgs Werk zu gehen , das besonders in der dem Kommerzienrat Veit nahestehenden Tagespresse schon wochenlang vorher als das kommende » Ereignis « angekündigt und besprochen wurde - man verriet sogar mit geheimnisvoller Miene Toilettendetails der mitwirkenden Künstlerinnen - vermochte er sich nicht zu entschließen . Er erfuhr aus den Zeitungen von dem großen Erfolg und zugleich von » Frau Renetta Veit , die im Kreise der Sterne des geistigen Berlins die Proszeniumsloge inne hatte und deren berückende Schönheit im Glanz unzähliger Brillanten mit dem genialen Werk unseres hoffnungsvollen Dichters wetteifernd um die Aufmerksamkeit des Publikums rang . « Er mied nun auch die Geliebte , sich selbst einredend , der Stolze , Zurückhaltende zu sein , während sein Verlangen nach ihr ihn folterte und er , nur um ihren Duft zu spüren , die violetten , von steilen großen Schriftzügen bedeckten Bogen , mit denen sie ihn früher überschüttet hatte , wenn er einmal nicht zur verabredeten Zeit gekommen war , vor sich ausbreitete . Jetzt - und er war schon eine volle Woche fern geblieben - - hatte sie keine Zeile für ihn ! Er ertrug ' s nicht länger und suchte sie auf . Sie ließ sich wegen einer Migräne verleugnen . Er meinte hinter der Türe die Tochter boshaft kichern zu hören . Müde , empfindungslos ging er wieder . Ein Schimmer von hellem Grün lag wie ein Schleier über der langen Allee , die er durchschritt , und die Luft war erfüllt von jener weichen , warmen Feuchtigkeit der Glashäuser für Tropenpflanzen . Im neuesten Frühlingsputz promenierte die elegante Welt über die Straßen , den Schaustätten müßigen Lebens . Arm in Arm , in kurzen Röcken , kecke Löckchen vor dem Ohr auf den weichen Wangen , kamen die Mädchen vorüber ; ihre Augen , glänzend von bewußtem Begehren , hingen sekundenlang an allem Lockenden : Kleidern , die leise rauschten , Reihern , die wie weisende Fahnen wehten , Männerblicken , die auf der Suche waren . Frauen traten aus den Kaufhäusern und Kaffeehäusern , erregt vom pikanten Klatsch , oder heiß vom galanten Abenteuer der letzten Stunde , und andere , deren erfrorenes Lächeln auf geschminkten Lippen gleiche Erlebnisse wenigstens vortäuschen sollte . Kleine Mädchen mit langen , bloßen Beinen , von Bonnen begleitet - alten , verbitterten und jungen , denen der Lebenshunger aus den Gesichtern sprach - , übten sich schon in der Kunst der Koketterie und fingen bereitwillig die Blicke der Knaben auf . Blasse Gymnasiasten mit blauen Rändern unter den Augen stolzierten hinter hochbusigen Spreewälderinnen , die langsam die weißen Kinderwagen vor sich herschoben , während ihre weiten Röcke um die runden Beine schwenkten . Konrad fühlte einen schweren Druck auf dem Kopf und strebte rascher vorwärts . » Baron Hochseß ! « Eine bekannte Stimme hielt ihn auf , er sah in Frau Rubners erstaunt auf ihn gerichtete Augen . Sie verrieten , wie viel sie in seinen Zügen entdeckten , aber ihr Mund schwieg davon . » Kommen Sie mit , « sagte sie heiter , » ich gehe zum Bostonklub . Auch Warburg wird dort sein . « Warburg ? Bostonklub ? Er verstand nicht . Sie lachte hell auf über die Verblüffung , die aus seinen Mienen sprach . » Ja - auch mich hat ' s gepackt . Ich tanze , « erklärte sie . » Gerade wir Gehirnmenschen sollten uns immer wieder unseres Körpers erinnern . Sonst vergessen wir , daß wir jung sind . « Und mit elastischem Schritt eilte sie vorwärts . Es war ein privater Zirkel , an dem sie teilnahm . Man übte unter Leitung einer ehemals berühmten Tänzerin die neusten choreographischen Schlager . Die Schüler waren meist ältere Leute , viele üppige Damen darunter , die für Körper und Herz offenbar eine zweite Jugend suchten . Zu seinem Erstaunen traf Konrad den Hofrat unter den Zuschauern . » Für das Studium modernen Lebens « , sagte ihm dieser nach einem freundschaftlichen Händedruck , » ist die Kenntnis dieses Klubs unentbehrlich . Sehen Sie nur die Frauen an : Frau Rubner zum Beispiel , von der ich heute eine glänzende russische Übersetzung der Simmelschen Philosophie des Geldes bekommen habe , und Hedwig Mendel , die eben ihren Doktor gemacht hat und auf allen Frauenkongressen das große Wort führt , sie tanzen mit größerer Hingebung als unsere Mädels . « » Warum sollten sie nicht ? ! « meinte Konrad , » eine gesunde Reaktionserscheinung . « » Sicherlich , « nickte der andere , » nur vergessen Sie , mit wem sie tanzen , wem sie sich so hingebungsvoll in die Arme schmiegen . Der da , Frau Rubners Partner , ist Gerhard Fink , - der reine Apoll , nicht wahr ? hat aber nicht mal das Einjährige machen können - jetzt , wie Sie wissen werden , unser preisgekrönter Flieger . Jener dort , mit dem das Fräulein Doktor walzt , war bis vor einem Jahr Chauffeur bei den Mercedeswerken ; irgendeine Prinzessin hat ihn mit ihrem Auto gekauft und auf einigen Auslandsreisen so gut erzogen , daß er jetzt in allen internationalen Rennen seinen eigenen Wagen lenkt . Und drüben der mit dem Zigeunergesicht ist im Tattersall erster Stallmeister . Ja , ja - « und er lachte verächtlich - » die intellektuellen Weiber , denen die geistigen Männer nicht mehr imponieren , suchen sich solche , die ihnen durch ihre Körperlichkeit überlegen sind ! Sie glauben nicht , mit welch einem Gefühl der Erleichterung ich von hier zu unsern Mädels zurückkehre ! « Konrad wollte heftig erwidern - mochte sein Nachbar auch vielfach recht haben , Frau Rubner , das wußte er , was über solchen Verdacht erhaben - , als Warburg eintrat . Frau Sara ließ ihren Tänzer ohne weiteres stehen , um den Freund mit besonderer Herzlichkeit zu begrüßen . Er strahlte noch vor Freude darüber , als er Konrad entgegentrat . » Ist sie nicht wundervoll ? « flüsterte er ihm zu ; es war das erstemal , daß er sein Entzücken in dieser Weise aussprach . Konrad überlegte noch , ob er Hedwig Mendel , um ihr einen peinlichen Augenblick zu ersparen , nicht besser ignorieren solle , als sie ihm im Vorübertanzen unbefangen zunickte . » Auch Sie wundern sich ? ! « frug sie dann lächelnd . » Ich dachte , Sie würden begreifen , daß wir studierten Frauen nicht bloß auf dem Katheder stehen und am Schreibtisch sitzen wollen . « » Ich wundere mich ja auch nicht , daß Sie tanzen , sondern mit - wem Sie es tun , Fräulein Doktor , « antwortete Konrad mit bewußter Schärfe . Des Mädchens Augen in dem schmal und spitz gewordenen Gesicht verdunkelten sich . » Meinen Sie , ich sollte dem nachlaufen , der vor einer Renetta Veit seine Kunst prostituiert ? ! « flüsterte sie . Und laut sagte sie , zu ihrem bescheiden abseits stehenden Tänzer gewendet : » Nicht wahr , Wendrutzki , jeder sucht das Leben nach seiner Neigung . Wir tanzen - « Und mit einer fast ekstatischen Leidenschaft , die den ganzen übermäßig schlanken Körper in Schwingung versetzte , wirbelte sie davon . Frau Sara Rubner ging mit den Freunden nach Hause , nachdem sie Gerhard Fink flüchtig vorgestellt hatte . » Mögen Sie ihn ? « frug Konrad , um ein Gespräch anzuknüpfen ; die Worte Hedwigs klangen noch schmerzhaft in ihm nach . » Er ist der beste Tänzer Berlins , « antwortete Warburg statt ihrer , » also für Frau Saras neuste Leidenschaft gerade gut genug . Sie konsumiert Menschen , wie Sie wissen : je einen für jede Neigung . « » Ich glaube , Sie unterschätzen meinen Tänzer , « fiel sie ruhig lächelnd ein , » freilich , er hat nicht viel gelernt , versteht auch keine geistreiche Konversation zu machen , dafür ist er eine so beruhigend unkomplizierte Natur und ersetzt durch Innerlichkeit , was ihm an Wissen abgeht . « Dann brach sie das Gespräch ab . Konrad erfuhr nur noch , daß sie sich als Autofahrerin ausbilden wollte und den Besuch der Universität daher zunächst aufgeben würde . Zwischen den drei Wandernden trat eine beklemmende Pause ein wie immer , wenn jeder eigenen , ihn weit von den anderen entfernenden Gedanken nachhängt . Warum ging er hier , grübelte Konrad , zwecklos und unfroh ? Während Renetta vielleicht - . Eine wütende Sehnsucht , durch quälende Zweifel nur gesteigert , packte ihn . Er verabschiedete sich rasch und unvermittelt ; nur die Blässe seines Freundes fiel ihm auf , oder war es der Widerschein des gelben Gaslichts gewesen ? Mit immer schnellerem Schritt stürmte er durch die Straßen . Sehen - nur sehen muß ich sie ! dieser eine Gedanke bohrte sich in sein Hirn und hetzte seinen Herzschlag . Er stand vor ihrem Hause . Wie ? ! Alle Fenster erleuchtet ? ! Gesellschaft ? ! Und er wußte von nichts ? ! Und heute nachmittag hatte sie ihn abgewiesen ? ! Lachende und lärmende Gäste kamen die Treppe hinab ; das Mädchen schloß auf ; er drückte sich in den Schatten des Torwegs . » Ein göttliches Weib ! « hörte er sagen . Das war Eulenburg . Sein Blut siedete . Mit einem Sprung stand er an der Türe . » Die Herrschaften erwarten mich noch , « schrie er das verdutzte Mädchen an , das eben absperren wollte , und jagte die Treppe empor . Die Flurtüre stand offen . Er hörte die Stimme des Hausherrn - kühl , geschäftsmäßig : » Ich bin zufrieden mit dir , mein Kind . Du lernst es allmählich , mein Haus auf das Niveau zu heben , das der Position , die ich mir eroberte , entspricht . « Die beiden traten in das Licht der Lampe . Sie blieben stehen . Des kleinen Mannes Augen hafteten an dem halbentblößten Busen der junonischen Frau neben ihm , ein gieriges Feuer entzündete sich in ihnen , weitete sie . » Du hättest nicht nötig gehabt , Eulenburgs Rosen mit so beziehungsvoller Geste in den Ausschnitt zu stecken , « sagte er , und seine breite weiße Hand legte sich auf ihre Schulter , glitt bebend über ihren Hals . Sie regte sich nicht . Ihr Blick nur musterte höhnisch den vor ihr Stehenden , den die Anstrengungen des Abends besonders greisenhaft erscheinen ließen , während ein hartes , spöttisches Lachen in dem engen Raume widerklang . Der Glanz in seinen Augen erlosch , seine Lider senkten sich , er trat einen Schritt zurück , küßte ihr mit der Höflichkeit des Weltmanns die Fingerspitzen und ging . Konrad stand vor ihr keuchenden Atems . Sie schrie auf , um ihn im nächsten Augenblick , die Schritte des Mädchens auf der Treppe hörend , mit sich in den dunklen Salon zu ziehen . Nur die Glühlampen von der Straße warfen breite Lichtbündel durch die Fenster . » Was willst du ? « zischte sie . » Du läßt dir von dem Eulenburg hofieren , « stieß er hervor , sie mit der Linken an sich reißend , so daß sie wie in einem Schraubstock in seinem Arm lag , » und trägst seine Rosen « - er riß den Strauß duftender Blumen vom Ausschnitt ihres Kleides , so daß die Dornen rote Striemen auf ihrem weißen Halse zogen . » Umbringen werd ' ich dich , umbringen - « Mit ängstlich flackernden Augen , während ihre Rechte heimlich nach seinen Taschen griff - er sah entsetzlich aus und hatte doch vielleicht eine Waffe , sie aber fürchtete sich gräßlich vorm Sterben , so sehr wie vor der Armut ! - sprach sie , die Worte überstürzend , auf ihn ein . Er hörte nicht hin . Er sah nur den schimmernden Nacken , den Rücken mit dem weichen Einschnitt zwischen den Schulterblättern , die weißen Arme , die , vom Licht getroffen , glänzten , als wären sie Strahlen von ihm . » Sei still - still , « stöhnte er , » rede nicht ! Ich weiß , daß du lügst ! Wenn diese Hände gemordet hätten , ich früge nicht danach ! Nur lieben sollst du mich - mich allein ! « Und während er neben ihr zusammensank , den Kopf an ihre Knie gedrückt , reckte sie sich empor . Alle Angst war aus ihrem Antlitz verschwunden ; zu einem verächtlichen Lächeln öffnete sich der große , blutigrote Mund . Über Nacht war es Frühling geworden . Aber Konrad scheute die hellen Tage draußen wie einer , der keine reinen Kleider anzuziehen hat . Wie gut es war , daß niemand sich um ihn kümmerte , niemand , auch Warburg nicht . Eines Abends trat er doch überraschend in sein Hotelzimmer . Konrad setzte sich ihm gegenüber , so daß sein Gesicht beschattet blieb , denn er schämte sich seiner übernächtigen Züge . Warburg indessen achtete seiner nicht . Er sah selbst gealtert und müde aus . » Ich wollte dir nur sagen , damit du es von anderen nicht zuerst erfährst , « begann er stockend , » daß Sara Rubner sich - verlobt hat , - verlobt : mit Gerhard Fink - « Seltsam , dachte Konrad , wie stumpf ich bin , wie des Freundes Unglück mich kalt läßt ! Und laut sagte er : » Und du hast sie ihm so ohne weiteres , so kampflos überlassen ? « Warburg sah auf ; seine Augen erzählten von der Tiefe seiner Qual , aber seine Stimme war ganz ruhig , und sein Mund lächelte sogar , als er antwortete : » Sie gehörte mir nie , - wie hätte ich