solche Charaktere sind zuverlässig . « Welche Mutter wäre nicht beseligt von solchem Lobe . » Ja , « murmelte sie , » ich darf es auch sagen , so ist er . « » Es kommt mir vor , « sprach Frau Senator , » als ob Marieluis und Ihr Sohn in eine bestimmte Atmosphäre von Beunruhigung geraten sind . Zwar - Marieluis ist nicht das Mädchen , etwas über ihr Innenleben zu verraten - auch mir nicht . Das acht ' ich , das lieb ' ich an ihr - das hab ' ich ihr ja anerzogen , sich stolz zu beschweigen . Aber ich sah sie zweimal erröten ! Natürlich ahnt sie nicht und soll es nicht ahnen , daß ich es sah . Und dann sonst noch Zeichen - Sie haben es kaum bemerkt : Am Tage nach dem Brande - Marieluis fiel mir in die Rede - das konnte nur die starke Begierde sein , Ihren Sohn weitererzählen zu hören . Und so allerlei . Und er ! Ja , ich finde , sein Humor wird wohl gelegentlich forciert , von versteckter Gereiztheit , wenn Marieluis lange schweigend dasitzt . Und so allerlei ... « » Sie meinen ... ? « stammelte Sophie . » Ich meine : es paßte ! Die beiden zusammen . Uns . Ihnen . Ich hoffe doch , auch Ihnen . « Sophie wurde dunkelrot . » Ich würde glückselig sein , « sagte sie , und Tränen traten in ihre Augen . Sie hatte das dringliche Bedürfnis , der andern Mutter um den Hals zu fallen . Aber die saß sachlich und voll äußerlicher Ruhe da und lud nicht zu solcher Rührung ein . Aber nun wußte Sophie es ja doch : unter all dieser verständigen Beherrschtheit verbarg sich ein warmes Herz . Und hinter all dieser sozialen Tätigkeit , die vor dem Kampf um sittliche Hebung auf den dunkelsten Gebieten nicht zurückschreckte , hinter dieser sehr modernen , moralischen Kühnheit lebte der ganz frauliche , uralte , rührende Mutterwunsch , das Kind glücklich zu verheiraten . - Die beiden Frauen waren sich dann klar : dies Gespräch mußte ihr Geheimnis bleiben , und man konnte nicht zart und nicht unbefangen genug sein . Aber immerhin wußte man nun beiderseits : solch Bündnis würde hüben und drüben Freude bedeuten . Auch konnten sie als kluge und taktvolle Frauen viel fördern , ohne daß es spürbar ward . Sophie merkte aus kleinen unwillkürlichen Wendungen schließlich auch ein wenig das Hochgefühl der Hamburger Patrizierin heraus , die sich bewußt war , vorurteilslos zu sein , indem sie sich bereit erklärte , die Tochter einem Anfänger ohne Vermögen zu geben . Aber es beleidigte nicht - gar nicht . Sophie war solche weiche Natur . Eine von denen , die das Bedürfnis haben , alle Schwächen bei andern zu entschuldigen ; denen ein Ohr gegeben ist , das Liebevolle doch am stärksten zu hören . Sie empfand vor allem dann das grenzenlose Vertrauen , das ihrem Sohn geschenkt ward . Und das erfüllte sie mit begeisterter Dankbarkeit . Von dieser Unterredung an lebte sie in Stimmungen - himmelhochjauchzend , zum Tode betrübt - als hänge ihr eigenes Herz an den spinnwebenen Fäden solcher Hoffnungen , die ein Windhauch zerreißen kann . An Vergangenes und Begrabenes ward Sophie in schmerzlichster Weise gemahnt . Zu ihrer grenzenlosen Ueberraschung erhielt sie einen Brief von Frau Geheimrat Lyda Rositz , geborenen Freiin von Buschke . Der Brief war verbindlich und schien sogar warm . Und dennoch verspürte Sophie , auf Grund ihrer genauen Kenntnis dieser Frau , daß die naivste Unverschämtheit ihn eingegeben hatte . » Hochverehrte , liebe , gnädige Frau ! Gleich nach dem Tode meines teuren Gatten haben Sie uns einen großen Dienst geleistet . Ihm selbst auch , indem Sie die Papiere für ihn verwahrten , die sonst verloren oder gestohlen worden wären . Ich war damals zu zerbrochen , um Ihnen gleich persönlich zu danken . Dann erfuhr ich , daß Sie abgereist seien , und bald ging ich ja auch hierher . In St. Moritz kommt man zu nichts . Deshalb hoffe ich auf Ihre Nachsicht . Nun wollen wir nach Nizza , und Tulla liegt mir in den Ohren , daß sie nicht mit will , und hat die fixe Idee , daß der Wunsch des Vaters erfüllt werden müsse , und beichtete mir , daß sie sich gewissermaßen schon mit Ihnen verständigt hat , und daß Sie so gern mein Töchterlein zu Ihrem Vergnügen malen möchten . Was soll ich dagegen einzuwenden haben ! Tulla darf gern nach Hamburg reisen , meine Jungfer könnte sie hinbringen . Wenn Sie in der Pension Tulla unter Ihre Fittiche nehmen wollten , fände ich es entzückend . Schreiben Sie mir nur , wieviel Geld Tulla da wohl wöchentlich braucht . Sie kann bis über Ostern bleiben . Ich wußte früher gar nicht , daß Sie eine so genaue Freundin meines Mannes waren . Wie finde ich es nett , daß er manchmal zu Ihnen kommen und mit Ihnen plaudern durfte . Unwillkürlich schreib ' ich Ihnen wie einer alten Bekannten . Aber wenn man auf so ungewöhnliche Weise durch so ernste und wichtige Dinge in Beziehung trat , macht sich das wie von selbst . Bitte , meine gnädige Frau , schreiben Sie mir gleich wieder , weil ich gern meine Abreise nach Nizza bestimmen möchte . Ihre dankbar ergebene Lyda Rositz , geb . Freiin Buschke . P.S. Tulla küßt Ihnen respektvoll die Hand . P.S. Wahrscheinlich bitte ich Sie später , auch mich zu malen . « Für Sophie stand zwischen den Zeilen : ich will Tulla gern für ein paar Wochen los sein , sonst wäre es mir nie eingefallen , dir zu schreiben ! Und dann diese glatte Unverfrorenheit , mit der die reiche Frau ihr zuschob , Tulla umsonst zu malen . Wie Allert es vorausgesagt hatte ! Und am ärgsten war der plumpe Hinweis auf den späteren , möglichen Auftrag . - Also sie braucht mich ! dachte Sophie . Ihre Antwort war knapp und steif . » Hochverehrte Frau Geheimrat ! Sehr gern werde ich Ihre Tochter für einige Wochen betreuen . Doch bin ich im Begriff , hier eine eigene Wohnung zu nehmen . Viele Aufträge halten mich hier für ein , zwei Jahre noch fest . Fräulein Mathilde müßte also in der Pension Hammonia , gleich einigen jungen Ausländerinnen , unter dem Schutz der Inhaberin leben . Sie kann aber auch , als mein Gast , bei mir wohnen . Ich habe allerlei Pflichten in der hiesigen Gesellschaft , ich habe auch einen Sohn hier , und mein auswärtiger Sohn kommt wohl einmal auf Urlaub . Jeder Vormittag ist der Arbeit gewidmet . Ich könnte Fräulein Mathilde demnach nicht so viel Zeit widmen , als es in ihrem Interesse und meinen Wünschen läge . Wollen Sie hiernach entscheiden . « Anstatt eines Briefes kam einfach ein längeres Telegramm . » Nun , « sagte Allert , » das nenn ' ich Mutterpflichten per Draht erfüllen . Glatt alles angenommen ! Und Du hast unversehens eine Pflegetochter für ein paar Wochen . Das kann schwierig werden . « » Es kann sehr hübsch werden , « meinte Sophie begütigend , » ich will versuchen , dem Mädchen etwas Lebensinhalt zu geben - sie Pflichten lehren ... « » Die einen haben zu wenig , die andern zu viel ! « bemerkte er mokant . Sophie aber war voll geheimer Glückseligkeit . Ihre leidenschaftlichen Wünsche schienen sich der Erfüllung zuzuneigen - noch schwankte ja alles , war wie ferne Möglichkeiten . Aber ihre Phantasie eilte gern voraus und sah schöne Bilder . Wenn sie auch vernünftig versuchte , sich zu zügeln - Mütter können nur leben , wenn sie hoffen - als Weib kann man resignieren und tapfer bleiben - eine Mutter , die für ihre Kinder nichts mehr hoffte - die zerbräche - fühlte sie . Dann kam eine Zeit böser Unbehaglichkeit . Die treue Therese , die von sich behauptete : » Beinahe Moos hab ' ich angesetzt « , wurde von ihrem Hüteramt befreit und mit den Möbeln nach Hamburg übergeführt , die angenehme Wohnung , drei Treppen hoch » An der Alster « , rasch eingerichtet . Von nun an war das Atelier im Amsterschen Hause , sehr zum Bedauern der Senatorin , überflüssig . An das neue Heim stieß ein Flügel , wo ein Photograph seine Werkstätte gehabt hatte ; dort konnte nun Sophie ihre Staffelei aufstellen . Weit über die Alster blickte man von den Vorderfenstern der Wohnung hinaus . Gerade gegenüber war das » Alsterufer « , wo die reizende Frau Julia wohnte . Am Tage konnte man , jetzt im Winter zumal , von Fernduft überhauchte Häuserreihen nur blaß erkennen . Die breite Wasserflut wogte zwischen hüben und drüben . Aber am Abend leuchteten deutlich all die Fenster . Das sah , im Verein mit den Lichtern der Uferstraßen , wunderhübsch und gesellig aus . Selbst Therese meinte , » so janz übel wär ' s nich « . Nach wenig Tagen schon konnte Sophie ihrem Sohn telefonieren : komm und iß zum erstenmal wieder an meinem eigenen Tisch bei mir . Froh sagte er zu . Aber es war ihm nicht beschieden , seine gute Laune ungetrübt zur Mutter zu tragen - einen leisen Riß bekam diese gute Laune und verlor dabei ihren klaren Klang . Er kam aus der Dresdner Bank . Unter dem Portal des prachtvoll-wuchtigen Hauses stehend , sah er nach der Uhr und dachte , ob er sich auch lieber ein Auto nehmen müsse oder den Dampfer benutzen könne , der drüben vom Jungfernstieg nach der in der Nähe der mütterlichen Wohnung befindlichen Anlegebrücke fuhr . In diesem Augenblick kam ein Offizier vorüber - ein ziemlich großer Mann , blond und stattlich , von einer deutlichen Aehnlichkeit mit Allert . Es war ein Infanterist , im grauen Mantel mit Biberkragen und im Helm , wie jemand , der Besuche zu machen hat . Der Zufall oder dies rasche , blitzartige , unwillkürliche Sehen bewirkte , daß der Offizier und Allert sich ins Auge faßten und stutzten . Zugleich blieb der eine auch schon stehen , während der andere die Stufen aus dem Portal hinab und auf den Bürgersteig trat . » Nein - so was ! Mensch ! Fritz ! Bist Du ins Sechsundsiebenzigste versetzt ? « Der Baron von Patow war zögernd , zurückhaltend . Er wußte nicht genau : was stellt denn dieser Vetter hier vor ? In der weiteren Familie hatte man nur höchst unklare Vorstellungen - man war leise von Sophie abgerückt , als es hieß , sie könne das Gut nicht halten . Und es war ja auch Hellbingsdorfsche Sache , den Familienzweig zu stützen , falls er dessen bedurfte . Allert war » Kofmich « geworden . Na ja , warum nich . Fing ja fast an Mode zu werden . Sein früherer Regimentskamerad , Prinz Hartenburg , arbeitete jetzt als Volontär in ' ner Bank - wenn man fix Geld machen konnte ! Aber das wußte kein Mensch , ob Allert das wohl tat . Saß er im Fett ? Schrapte er sich kümmerlich durch ? War er Umgang für ' n Offizier ? Eklig , so ' ne Unsicherheit . Unnützerweise verletzen will man nich . Voreilig familiär sein erst recht nich . - Hm - gentil aussehen tat er ja , der Allert Hellbingsdorf . Man mußte mal auf ' n Busch kloppen . Ein ganz klein wenig von oben herunter antwortete Patow nach diesen rasch durch seinen Kopf huschenden Erwägungen : » Sechsundsiebenziger ? Nee . Zum Stab in Altona kommandiert . Brigadeadjutant . Dja - man macht so sachteken seinen Weg oberhalb der Ochsentour . Na und Du ? Und wie geht es Deiner Mutter ? Gott - wie man doch so auseinander läuft - wenn ich denk ' , wie früher so die ganze Sippe in den Ferien um Großtante Malwinens Fleischtöpfe auf Welsin hockte . - Was sagst Du , Deine Mutter wohnt hier ? Aber nee - also meine schönsten Empfehlungen , und wenn ich mal Zeit hab ' - na , und Du ? Hast ' ne auskömmliche Stellung ? « Allert hatte die Ohren seiner Mutter und konnte großmütig und durchaus überlegen weghören , vorbei an den Menschlichkeiten des lieben Nächsten . » Fabrikbesitzer ! « sagte er wohlgelaunt . » Großindustrieller - wenn Du willst . Firma : Farbwerke A. von Hellbingsdorf u. Kompagnie . Kompagnon ein wohlhabender Chemiker . Mein Umgang also nicht genierlich . Kreditfähiger , junger Mann . Erste Referenzen . In die angesehensten Familien eingeführt . Verleugnung verwandtschaftlichen Zusammenhangs nicht vonnöten . « » Red ' keine Makulatur - na , darin warst Du ja schon als Junge groß . - Und Deine Mutter ? Was macht sie ? « » Dasselbe wie in Berlin . Da malte sie einen ganzen Teil der Hofgesellschaft - hier ist es im Handumdrehen in den ersten Kreisen Mode geworden , sich bei Frau von Hellbingsdorf malen zu lassen . « Sie waren über den Fahrdamm gegangen und schritten jetzt auf den Quadern dahin , die die Kaistraße oberhalb der Binnenalster breit pflasterten . Die Möwen flatterten , die Sonne schien , die großartigen Häusermassen standen , von durchglänztem Duft milde überhaucht , um das fröhlich wogende Wasser . Es war schon Vorahnung des Frühlings . » Sag mal , im Ernst : Ihr seid hier schon gut bekannt ? « » Meine Mutter fabelhaft . Ich erst wenig . Hab ' rasend zu tun . Jetzt noch mehr als in den ersten drei Anfängerjahren . Vor ein paar Wochen abgebrannt ! Na ja - man war versichert ! Aber wie viel Schaden , Aufenthalt , Rückschlag - es heißt schuften . Vorwärts will ich , soll ich , muß ich - wegen Mutter - wegen Onkel Just , von dem ich hunderttausend Mark habe - wegen meiner eigenen , mir höchst werten Person . « » Mensch , warum heiratest Du denn nicht reich ? Hier ist doch Gelegenheit in Hülle und Fülle . « » So ? « fragte Allert naiv . » Ich hab ' noch keine Zeit gehabt , mich danach umzutun . « » Sage mal : ich hab ' da so ' ne kleine Liste - von ' nem Kameraden entworfen , der hier sein Glück machte - ist zur Diplomatie übergegangen ... « Aha ! dachte Allert . Sein Vetter holte aus dem breiten Aermelaufschlag unter seinem Mantel einen Zettel hervor . Er warf einen Blick hinein und begann sein Verhör . » Kennst Du Vierbrincks ? « » Davon gibt ' s viele . « » Ja . Aber nur zwei sind so gestellt , daß se sich ' n Schwiegersohn meiner Art leisten könnten . Vierbrinck Sohn u. Kompagnie - Seniorchef Meno F. Vierbrinck mit Tochter Dory . Und Konsul F. M. Vierbrinck mit Töchtern Fanny und Mimi . « » Alle drei entzückend ! « sagte Allert , und sein Vetter wußte wieder nicht , ob es ernst oder mokant gemeint sei . » Kennst Du Ruhlos ? Tochter soll ' ne schneidige Sportsdame sein . Das paßte ja . « » Stimmt . « » Und Amsters ? « » Die Tochter ist doch schon verheiratet , an Herrn von Daister . « » Weiß - weiß - Daister von der Kriegsschule her alter Kamerad , ja , Freund von mir - hat mir extra gesagt : Onkel seiner Frau , Senator , habe schöne Tochter - soll ' ne grandiose Erscheinung sein . Aber hier hör ' ich nu ... « » Was hörst Du ? « fragte Allert hart dazwischen . » Das soll so ' ne Art Hallelujahmächen sein , bekämpft Prostitution , Mädchenhandel , Unsittlichkeit , schimpft auf den Mann als den Schuldigen , wenn wo Kinder kommen , mit denen es standesamtlich nicht propper ist - na , ganz kolossal modern . Das paßte ja nu nich . Mit Weibern , die mit allem Bescheid wissen , hat man ja genug zu tun gehabt . Wenn man heirat ' t , will man ' ne holde Unschuld - vom Lande braucht se nich grade zu sein , und ' ne runde Mitgift nimmt auch der holden Unschuld keinen Zauber . - Sage mal , kennst Du die Leute ? Bei diesen Hanseaten ist das so komisch . Bei uns sagt der Name alles . Hier kennt man die Namen ja nich . Und in ' n Kaffeeladen möcht ' ich och nich grade ' reinschliddern - das nimmst Du woll nich übel - Du hast ja keinen « - » Frage einen Heiratsvermittler , « sagte Allert schneidend . » Und hier steig ich ein . Du kostest mich ein Auto . Sonst hätt ' ich den Dampfer genommen - soll bei Mutter essen - wir haben uns gegenseitig an Pünktlichkeit gewöhnt . « » Du - halt - wo wohnt Deine Mutter ? « rief Patow . Aber Allert schlug schon die Tür zu . Wie beleidigt es , wenn andere uns die Karikatur unserer Empfindung zeigen , dachte er böse . Das macht sie uns nicht unsicher . Aber es dämmert einem so auf , wie schwer man die eigene Empfindung verteidigen , beweisen , klarmachen kann - - - Er gab sich alle Mühe , bei seiner Mutter die gewohnte frohe Zuversicht zu zeigen . An der Tür bekam Therese ihr Scherzwort , das sie strahlend machte . In den Zimmern fand er alles wunderhübsch - aber , was ließe sich einer Mutter verbergen . Er erzählte von Fritz Patow , wie der offenbar mit dem festen Vorsatz umhergehe , hier eine reiche Partie zu machen . » Ich habe noch keinen Offizier gesehen , der davon nicht als von einem feststehenden Programm gesprochen hätte . Aber ich habe sehr wenige gesehen , die sich wirklich verkauften . Herz und Ehre triumphieren über alle solche Programme . So wird es auch mit Fritz gehen . « Allert hörte zerstreut zu . Endlich fragte die Mutter dann : » Hast Du es schwer im Geschäft ? « » Nun ja . Aber das war zu erwarten - Und dann - Wie mich die Frau da drüben aufhält - « Er trat ans Fenster , um sich nochmals zu vergewissern , daß man die Hausfront in der Häuserreihe jenseits des Wassers erkennen konnte . » Alle paar Tage kommt sie hinausgefahren und sieht nach , wie der Neubau vorschreitet . Und dann läßt sie mich holen , und ich muß erklären . Aber heut ' hab ' ich mal grob sagen lassen , ich sei verhindert . Es ist gerade , als sei ihr der Brand apropos gekommen ... « Heute morgen und an allen Tagen sonst war es ihm nebensächlich oder ein bißchen zum Bespotten gewesen . Nun wurde es ihm der Haken , daran er vor den Augen der Mutter seine Verstimmung hängen konnte , damit sie nur glaube : aha , deshalb ... Seiner Mutter wurde immer leicht ums Herz , wenn er sich kritisch über Frau Julia äußerte . Dann dachte sie : nein , sie ist ihm keine Gefahr . Nun erzählte sie , daß Frau Dorne für Sonntagnachmittag zum Tee geladen habe , sie sähe dann auch zum erstenmal die Familie Amster bei sich . Sie habe es so klug verstanden , sich mehr und mehr anzufreunden , und man dürfe sich überzeugt halten , daß die schöne Frau nach einigen Monaten bereits so weit sein werde , eine Rolle zu spielen . » Meinetwegen ! « sagte Allert . Aber es war ihm doch aus unbestimmbaren Gründen nicht angenehm . Er mochte sich Marieluis nicht in nahem Verkehr mit Frau Julia vorstellen . Als Allert am Abend gerade dieses Tages in seine so schmucklose Junggesellenstube trat , da draußen in den häßlichen Fabrikstraßen , wo alles grau , herbe , unfroh aussah , selbst die Wohnungen in den angeschmutzten Häusern , da stand er wie versteinert . Seine Wirtin , eine brave Zollbeamtengattin , hatte ihm schon an der Tür gesagt : » Es ist etwas für Sie abgegeben . « Und dies » Etwas « war ein wundervoller Korb voll Maiblumen . Sie dufteten durch das Zimmer und machten seine Nüchternheit ganz kraß . Auf derlei Dinge war er freilich nicht gefaßt . Er nahm das Briefchen , das im Korbgriff hing . Die feinen , lila Buchstaben in ihrer anmutigen Regelmäßigkeit kannte er . » Von einer , die zeigen möchte , daß sie viel zu einsichtig ist , die heute morgen erfahrene Abweisung übelzunehmen . « Und wenn sie es übelgenommen hätte ! dachte er geärgert . Er setzte sich , noch mit dem Hut auf dem Kopfe , hin und schrieb : » Wollen Sie , hochverehrte , gnädige Frau , doch Ihre Güte , für die ich dankbar bin , nicht an mich und mein häßliches Zimmer verschwenden . Mann und Raum sind zu hilflos prosaisch , als daß man solche poetischen Sendungen an sie richten dürfte . Ich küsse Ihnen gehorsamst die Hand und bin Ihr verehrungsvoller A. v. Hellbingsdorf . « Es war ein wenig stark , einer schönen Frau so zu schreiben . Aber er sah im Geiste merkwürdig deutlich den Mann vor sich und den glimmenden , weißen Funken in den hellen Augen . Dieser Mann war sein Mitarbeiter . Dieser Mann litt an verborgenen Eifersuchtsqualen und Unruhen . Das mußte das Entscheidende sein . Der abenteuerlüsternen Frau konnte eine schroffe Zurückweisung nicht schaden - selbst für den Fall , daß sie gar nicht ernsthaft abenteuerlüstern war , sondern nur dies kecke Spiel mit Männern liebte , um ihre Eitelkeit zu sättigen , um sich kleine Sensationen zu machen . An den Sonntag dachte er aber doch mit Unbehagen . Er kam sich so plump vor . Er fürchtete auch , sie würde ihm die Zurückweisung nachtragen , sich dafür rächen , indem sie ihren Mann gegen ihn einzunehmen verstehe . Ja , weiß Gott , diese Teilhaberschaft hatte auch ihre Stacheln . - - Am Sonntag vormittag kam dann endlich Mathilde Rositz an . Die Nachtfahrt hatte sie nicht ermüdet . Glücklich hing sie an Sophiens Hals und dankte immer wieder , daß sie habe kommen dürfen . Sie brachte auch viele Grüße von Mama mit . Aber in einem merkwürdigen , stillschweigenden Verstehen gingen Sophie und das junge Mädchen jedem näheren Gespräch über diese Mama zunächst aus dem Wege . Der Vormittag verlief recht ungemütlich . Erstaunlich viel Gepäck sollte untergebracht werden , und dann war da diese allzu gewandte Jungfer , durch deren Person sich Therese auf irgendeine unerklärliche Art schwer beleidigt fühlte . Daß die Jungfer schon am Abend die Rückreise zu ihrer Dame antreten mußte , machte Therese ja aufatmen , reizte sie aber auch wieder . Ja , daß dieses flinke , glatte , sichere Wesen von ihrer » Dame « sprach , während sie selbst immer » meine jnä ' Frau « sagte , erschien Theresen » affig « . Am meisten reizte sie es aber , daß die Jungfer , ohne Worte zwar , aber mit Deutlichkeit zu zeigen verstand , wie klein sie die Wohnung und besonders das Zimmer für ihr gnädiges Fräulein fände . Therese nahm sich vor , hiervon nichts zu sagen . Sie hatte ein angeborenes Zartgefühl . Aber sie zog Schlüsse und Vorurteile daraus - nahm von vornherein an , daß die junge Herrin nicht minder anspruchsvoll sein würde . Bei Tisch konnte Allert den Gast seiner Mutter dann kennen lernen . Tulla interessierte ihn nicht wenig . Er hatte ja aus den Erzählungen seiner Mutter , trotzdem sie von delikater Vorsicht waren , genug erraten , und auch ohne die kräftigen Bemerkungen der Frau v. Daister wußte er , daß Tulla seinen Bruder liebe . Daß Raspe sehr hingenommen gewesen war und sich immer noch mit ihr beschäftige , wußte er auch . Und nun dachte er : Das verstehe ich doch nicht ! Ganz wie alle Männer , die jede Art von Frauenschönheit , die nicht in den Rahmen des eigenen Ideals paßt , mit ein paar kritischen Worten abzutun pflegen . Dies überschlanke , dunkelhaarige , braunäugige Mädchen erschien ihm so unreif , so herbe . Er fand das schwarze Kleid sehr ungünstig . Zu dieser Erscheinung hätte ein schüchternes , verschlossenes Wesen gepaßt - dachte er - so ein wenig : verstoßene Tochter , darbendes Gemüt . Vielleicht hatten auch die gelegentlichen Bemerkungen der Mutter ihn dazu gebracht , etwas Aschenbrödeltum und ein aus Mangel an Liebe verbittertes Wesen zu erwarten . Tulla aber war lebhaft , etwas aufgeregt lebhaft sogar . Das mochte an der neuen Situation liegen . Und von St. Moritz und dem dortigen Leben erzählte sie recht vergnügt . Allert hörte unbefangen zu und hörte wohl heraus , daß von der großen Winternatur und den erhabenen Eindrücken am wenigsten die Rede war . Sehr viel hingegen von den Toiletten der Frau von Samelsohn und anderer Damen , die auch seiner Mutter von Berlin her bekannt schienen . Von den Sportsiegen , Bällen , denen man nur von der Galerie aus hatte zusehen können wegen der Trauer . Wie seine Mutter auf alles einging ! Das rührte Allert geradezu . Er verstand wohl : um des teuren Verstorbenen willen wünschte seine Mutter , daß dieses Mädchen ihre Tochter werde . Da kam zu Raspes Neigung , zum allgemeinen Wunsch der Mutter , die Söhne sich verheiraten zu sehen , noch ein tiefes Gefühl . Die Söhne wußten es ziemlich deutlich , wie die zärtliche Freundschaft zu dem bedeutenden , gütigen Mann ihrer Mutter das Leben geadelt und reich gemacht hatte . Welch herrliches Erbe konnte diese Tulla da antreten . Ob sie dessen würdig war ? Ob die Bemühungen seiner Mutter , den Gedanken des verwöhnten Weltkindes wichtigeren Inhalt zu geben . Erfolg haben würden ? Allert bezweifelte es einstweilen durchaus . Umwelt kann sogar auf Reife und Gefestete noch abfärben . Einem Kind , einem jungen Geschöpf bestimmt sie , vielleicht für immer , die Richtung ! Wenn sein Bruder Raspe das bedachte , war der Konflikt nicht klein für ihn . Und er unterdrückte einen Seufzer mit vielen Nebengedanken . - - Am Nachmittag ging man zu Fuß zu den Dornes . Die Tage waren schon viel länger , und der Weg an der Alster , über die große Lombardsbrücke , zum jenseitigen Wohnquartier , gab Gelegenheit , Tulla das große Stadt- und Wasserbild in schönster Beleuchtung zu zeigen . Sie bewunderte alles , aber es schien fast , als ob sie nur aus Gefälligkeit bewundere . Unterdes erwartete Frau Julia ihre Gäste . Die Nerven waren ihr von einer ärgerlichen Spannung erregt . Dieses Briefchen von Allert hatte sie enttäuscht . Seit jener Autofahrt durch die Nacht glaubte sie ihn zu haben . Daß ein Mann , dem sie entgegenkam , sich ihr entzog , das hatte sie nur erlebt , wenn solch ein Mann von einer Liebe beherrscht war . So stand es für sie fest , daß Allerts Herz beschäftigt war . Womit ? Dem forsche mal einer nach . Ein Männerleben ist , wenn der Mann es so will , für ein neugieriges Frauenauge undurchdringlich . Als dann Frau von Hellbingsdorf am Telefon die Erlaubnis erbat , Fräulein Mathilde Rositz mitbringen zu dürfen , und dabei erklärte , daß die junge Dame , die Tochter eines verstorbenen teuren Freundes , einige Wochen hier leben werde , da war für Julias Phantasie alles klar . Dies junge Mädchen war ihr die Ursache von Allerts spröder Haltung - vielleicht war das gar eine heimliche Braut - - Nun sah sie ein Wesen vor sich , aus dem sie nicht recht etwas zu machen verstand . Sie bemerkte wohl , wie zärtlich und töchterlich dieses Fräulein in Trauer sich an Frau von Hellbingsdorf mit Blick und Wort wandte . Aber ihr fraulicher Instinkt sagte ihr sofort , daß das schlanke , dunkle Kind , so weltgewandt es auftrat , so herzlich frei es Allert ansah , ganz unmöglich eine Rolle in seinem Empfindungsleben spiele oder spielen werde . Und nun begriff sie vollends nicht ... Sie war in einer merkwürdig gereizten , unruhigen Stimmung . Und ihr Mann , obschon er sich sehr vertieft und respektvoll mit Sophie unterhielt , ließ manchmal einen raschen , prüfenden Blick über sie gleiten . - Sie ahnte ja selbst nicht , wie genau er jeden veränderten Klang ihrer Stimme hörte - wie er jede Geste kannte - das Flackern ihrer Augen - wie von Glas sie für ihn war - und daß er nur nicht sehen wollte . Dann kamen Amsters . Es gab ein , zwei Minuten das allgemeine Durcheinander von Begrüßungen und Vorstellungen . Die Herren hatten sich bei Besuchen verfehlt ; Tulla Rositz war der Familie völlig unbekannt . Mit ihrer lächelnden Anmut vermittelte Julia alles . In jeder Situation war ihr erstes und hauptsächlichstes Bedürfnis , bewundert zu werden . Sie betrug sich auf das reizendste , schien völlig unbefangen und nur die glückliche Hausfrau , die freudig die Ankunft sehr lieber Gäste würdigt . Und dennoch hatte sie genau gesehen : im Augenblick , wo Marieluis eintrat , stieg ein rasches Rot in Allerts Gesicht ... Und - ja - auch Marieluis errötete . Man saß in einem zwanglosen Kreise , von schön verhülltem Licht sanft überhellt . Das Gespräch floß ruhevoll , aber ohne Mühseligkeit , wie zwischen höflichen Menschen , die miteinander doch vielerlei Interessen haben . Frau Julia in ihren purpurseidenen Schuhen und blaßlila , leisen Stoffalten bewegte sich voll Grazie umher und bot selbst den Tee an . Die Männer und Frau Amster sprachen über die Politik draußen und drinnen , über